„O(h) mein Papa“

*30.8.1922

Meine Mutter hat immer gerne gesungen. Als der Zweite Weltkrieg begann, war sie 14 Jahre alt. Meine Mutter war zeitlebens ein heiterer Mensch, dabei hatte sie mit 17 ihren einzigen, innig geliebten großen Bruder verloren, einen Theaterschauspieler. Die nächtlichen Bombenangriffe hätte sie wohl kaum ertragen, hätte sie nicht die Möglichkeit gehabt, mutmachende Lieder zu singen.

Die kitschig-schönen deutschen Filme aus den 1950er Jahren, die den Menschen eine heile Welt vorgaukelten, wurden in den 60ern auch im Fernsehen gezeigt. Wir Kinder guckten die Filme gerne mit, aber wir fanden die damals üblichen Gesangseinlagen schrecklich, vor allem dann, wenn unsere Mutter mitsang, und das tat sie eigentlich immer. Ich weiß nicht, ob der Film „Feuerwerk“ aus dem Jahr 1954 überhaupt im Fernsehen lief oder ob wir nur die Schallplatte hatten. Aber das Lied, durch das Lilli Palmer berühmt wurde, ist mir noch heute im Ohr: „O mein Papa“. Weil meine Mutter es nachsang.

Männer lieben den Kampf Mann gegen Mann, aber kein Mann ist dazu geboren, in den Krieg zu ziehen und andere Männer zu töten, schon gar nicht, deren Frauen und Kinder. Soldat sein müssen demütigt und erniedrigt den Mann. Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8./9. Mai 1945 endete (vorläufig) die Wehrpflicht. Was für eine Befreiung! Die deutschen jungen Männer mussten nicht mehr dienen, sie wurden nicht mehr dazu verurteilt, Soldaten zu sein.

Im Jahr 1956 wurde die „allgemeine Wehrpflicht“ dann doch wieder eingeführt. Allerdings nur in der Bundesrepubik. Die „Nationale Volksarmee“ (NVA) der DDR wurde zwar bereits 1956 gegründet, aber erst nach dem Bau der Mauer und der Verhärtung der Fronten gab es in der DDR eine Wehrpficht. Bis 1961 war die NVA -es ist kaum zu glauben- eine Freiwilligenarmee.

Vielleicht hat die Freiheit nie so gut „geschmeckt“ wie nach der der Befreiung vom Nationalsozialismus. „O mein Papa“: Die Männer durften wieder spielen, große Jungs, Künstler, Akrobaten und sogar Clowns sein. Sie konnten den Frauen wieder in die Augen sehen, den Freundinnen, Kusinen, den Tanten, den Schwestern, den Töchtern – und wurden zärtlich besungen.

Dabei war Lilli Palmer keineswegs so naiv, wie es scheint. Im Gegenteil: Nach nur einer Spielzeit am Hessischen Landestheater verlor die 19jährige Jüdin im Jahr 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihre Stelle und emigrierte nach Paris. Dort musste sie, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in diversen Nachtlokalen auftreten – gemeinsam mit ihrer Schwester Irene. Zwei Jahre später spielte sie die weibliche Hauptrolle im englischen Film „Crime Unlimited“. Lilli Palmer wusste, wie gefährdet Männer sind und wie gefährlich sie sein können, aber auch, wie man sie um den Finger wickelt und zähmt. Ihr Überleben hatte sie gewiss auch ihrem schauspielerischen Talent, ihrer Jugend und ihrer betörenden Schönheit zu verdanken.

 

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