Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Nicht ohne meine Friteuse

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner…

Wir laufen uns vor der Mobilitätsstation über den Weg. Ich habe gerade den Fahrradanhänger, den ich ausgeliehen hatte, dorthin zurückgebracht. „Lange nicht gesehen“, sagt die Frau Keuner. „Jetzt machst du wieder einen auf autofrei.“ Ich gucke fragend: „Hä?“

Die Keuner grinst: „Ich hab dich vor ein paar Wochen in ein Auto einsteigen sehen. Am Tag vor Silvester, in einen VW-Diesel mit BlueMotion. Wenn ich das schon hör. Blue Motion heißen ja auch die billigen Klamotten von Aldi-Süd, Kordhosen für 9,90€. Made by children, denk ich mal. Die von Blue Motion sind die Jeans mit dem extremen Elasthan-Anteil, da fischt die aus dem Leim gegangene Nippeserin ein Teil aus der Theke, das Teil sieht aus wie ne Kinder-Buxe, doch die Olle passt trotzdem rein. Aber dein BlueMotion ist ein Auto, das angeblich umweltverträglich ist, aber umweltunfreundlich viel Feinstaub ausspuckt.“

„Das ist nicht mein BlueMotion“, sage ich, aber die Keuner ist richtig in Fahrt gekommen: „Da bist du also in ein Auto rein. In der Morgendämmerung, damit dich bloß keiner sieht. Paar Meter von hier, und dann… mit ner Tüte…, mit ner Tüte Haribo-Schaumerdbeeren in der Hand. Haribo! Hömma, Haribo-Zoo gibt’s diese Woche bei Aldi im Eimerchen. Kennst du den Werbespruch für Haribo-Zoo? Jetzt mit noch mehr Vielfalt. Wir haben ein Artensterben, aber Haribo hat jetzt die Gummitierchen-Artenvielfalt. Spottbillig, 700g für 2,99. Löwen, Kängurus und Kamele. Kamele haben sie jetzt bei den Bränden in Australien zu Tausenden erschossen.“ Die Frau Keuner macht eine kurze Pause.

„Wirklich?“ frage ich. „Stimmt das mit den Kamelen?“

„Tu doch nicht so, als wüsstest du das nicht!“, schreit die Frau Keuner und redet dann leise weiter: „Das war so feige, die Kamele wurden von Scharfschützen aus Helikoptern heraus erschossen. Die Kamele sind vor über 100 Jahren aus Indien nach Australien verschleppt worden, für die Bebauung, damit die Kamele die Baumaterialien durch die Hitze schleppen, schwere Steine. Als sie keiner mehr gebraucht hat, hat man die Kamele in die Freiheit entlassen, wie es so schön heißt. In welche Freiheit? Hömma, man hat die Tiere in die Wildnis abgeschoben. Aber jetzt dringen die Kamele in die Ortschaften ein und machen die Klimaanlagen kaputt, um irgendwie an Wasser zu kommen. Und was wird gesagt? Natur schlägt zurück. So ein Schwachsinn. Die Tiere rächen sich nicht an den Menschen, die haben nur Hunger und Durst und haben ihren Lebensraum und ihre Wasserstellen verloren. Sach mal, sollen die Kamele freiwillig verhungern und verdursten? Und du steigst mit Haribo in der Hand in ein Auto ein. Und ich sach dir, du bist zwar vergleichsweise harmlos, denn du würdest niemals ein Kamel erschießen, aber auch du trägst zum Klimawandel bei.“

„Pst“, mache ich und lege die Finger an den Mund, doch die Keuner ist nicht mehr zu bremsen: „Mit deiner ganzen Kleinfamilie, alle in einer Kiste, damit sich der ökologische Abdruck auf möglichst viele Flunken verteilt. Sach mal, ich weiß doch, dass deine Töchter längst nicht mehr hier wohnen und besseres vorhaben als mit euch in den Urlaub zu fahren. Wie hast du die rumgekriegt? Mit Haribo bestimmt nicht. Die essen nix mit Gelatine, die sind Vegetarierinnen, hast du mir selber erzählt. Sach mal, hast du die Schaumerdbeeren etwa ganz alleine gegessen? Und sach mal, stimmt das Gerücht, dass du in Belgien warst?“

„Bitte niemandem sagen“, sage ich. „Nicht das mit dem Auto und bitte nicht das mit Haribo.“ Ich schlucke: „Hab ich ganz alleine gegessen, ja. Ich brauch das Zeug, wenn ich auf der Autobahn bin, ich find Autofahren total stressig. Wir hatten eigentlich vor, mit der Bahn zu fahren. Ich hab doch überall erzählt, dass es in Belgien Zehnerkarten gibt für 85 Euro, da kommt man von hinter Aachen bis nach Ostende für 8,50 Euro pro Person. Aber in Belgien sind wir ausschließlich Bahn gefahren. Mit der Küstentram. Das ist die längste Straßenbahn der Welt, die fährt die ganze Küste entlang. Drei-Tage-Karte für 14,00 Euro. Hunde umsonst. Aber für die Fahrt nach Belgien haben wir uns das Auto besorgt, das viele Gepäck, der Hund…“

Jetzt lacht die Frau Keuner: „Was hat man von einer Küstentram, wenn die Küste komplett zugebaut ist? Du fährst zwar parallel zur Küste, aber zwischen dir und dem Meer sind, wie ich gehört hab, Hochhäuser, und die Tour fühlt sich an wie ne Straßenbahnfahrt durch Leipzig-Connewitz. Aber ich weiß, warum du mit dem Auto gefahren bist. Weil du einen Tisch-Grill transportiert hast. Hab ich genau gesehen. So was nimmt keiner mit, der mit der Bahn fährt. Raclette ist ja dermaßen spießig. Aber sag mal, stimmt es, was ich gehört hab? Wir wissen ja, dass  die Belgier mehrmals pro Woche Pommes essen, aber stimmt es auch, dass die niemals ohne ihre Friteuse verreisen?“

 

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Ich zeige der Frau Keuner ein Foto. Offenbar liegt sie nicht ganz falsch mit dem, was sie vermutet hat… Eigentlich wollten wir aus alter Familien-Tradition über Silvester nach Nordholland, hatten uns aber zu spät um eine Ferienwohnung gekümmert. In den Niederlanden ist über Silvester Hoch-Saison. Dort locken (den schadenfrohen Zuschauer) das traditionelle Neujahrs-Baden der Niederländer in der eiskalten Nordsee sowie frisch gebackene Oliebollen. Doch wir landeten dort, wo wir nie hinwollten: In einer Apartement-Anlage im Belgischen Westende. Schon am Tag nach Neujahr reisten unsere Nachbarn ab, freundliche, humorvolle Belgier, die nicht darüber meckerten, dass unser Hund allmorgendlich ihre Terrasse erkundete und an die Hecke pinkelte. Ein paar Stunden vor Abfahrt stellten die Belgier die Friteuse zum Auslüften auf den Picknicktisch und den Grill darunter. Ich war schwer beeindruckt, als der etwa zehnjährige, kräftige Sohn der Familie auffällig viele Koffer nach draußen brachte und das Auto mit Koffern, Friteuse und Grill bepackte, während seine stolzen Eltern am Picknicktisch saßen, Spaß am Kind hatten und erst einmal in Ruhe eine (oder auch mehr) rauchten. Pommes essen, ein gegrilltes Stück Fleisch vom Grill angeln und Rauchen kann verdammt gute Stimmung machen. Ich freue mich, nicht nur schlesische, sondern auch belgische Vorfahren zu haben.

 

 

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