In der Grippesaison 2017/18 hat es alleine in Deutschland 25.000 Todesopfer gegeben – und es hat niemanden interessiert

Ein Gastbeitrag von Hans Manfred Schmidt

26. März 2020. Wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns über diese eigentümliche Stimmung der Corona-Depression, die uns alle erfasst hat. Wie seit Tagen ist der Himmel blau, kein Wölkchen ist zu sehen und der Frühling lädt uns zu Spaziergängen ein. Doch niemandem ist danach. Wie eine klebrige Trauer liegt die am Sonntag bundesweit verordnete Kontaktsperre und eine verhuschte Stille über allem.

Spielplätze sind dichtgemacht wie seinerzeit – die Älteren erinnern sich – im April 1986 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl. Eine absurde Spirale der Self-fulfilling-prophecy sperrt uns alle ein. Alle dürfen nur noch einkaufen oder arbeiten gehen. Totale Kontaktsperre. Wenn zwei sich treffen, dürfen sie keinen Dritten in ihre Nähe lassen. Die verantwortlichen Politiker gefallen sich in der Pose, endlich von Staats wegen das Volk an der kurzen Leine zu führen. Es ist erschreckend, wie schnell und bereitwillig plötzlich alle zu Unteroffizieren werden. Endlich können wir auch so etwas wie einen Krieg miterleben. Lange erstrittene demokratische Grundrechte werden kurzerhand außer Kraft gesetzt. Für wie lange – das ist die Frage? Wir alle sind aufgewühlt und hilflos – was sollen wir tun? Ist Panik angebracht?

Schauen wir uns die Zahlen an: Die Ausbreitung des Virus scheint sich hierzulande leicht zu verlangsamen. Insgesamt sind in Deutschland noch immer weniger als 200 Menschen (Stand: 26.3.) an der durch das Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 gestorben. Durchschnittsalter: 82 Jahre. Das alles spricht eher für eine relativ harmlose Spielart des Virus. Alle haben sich an die jährlichen Grippewellen gewöhnt, bei denen wir hierzulande Jahr für Jahr Tausende Influenza-Tote beklagen, ohne dass das jemanden groß aufregt.

Nichts deutet bislang darauf hin, dass die Lage nun gefährlicher ist als in den Jahren zuvor. Und doch hat sich eine gefährliche Eigendynamik der Maßnahmen entwickelt, die nun nicht mehr überdacht wird. Kritiker wie der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg (https://www.wodarg.com/vorträge/ ) werden schnell mundtot gemacht. Besonders die Wissenschaftsjournalisten der mutmaßlich seriösen und öffentlich-rechtlichen Medien betätigen sich übereifrig als regierungsamtliche Faktenchecker: https://www.swr.de/wissen/dr-wodarg-versucht-corona-zu-verharmlosen-100.html

Auch andere Experten kritisieren die staatlichen Maßnahmen als übertrieben und als unüberlegt, wie der Harvard-Statistikprofessor John Ioannidis: „A fiasco in the making?As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable data“. https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/

Die Lage ist also tatsächlich sehr unklar und die Entscheidungen der Politik sind alles andere als evidenzbasiert. Der anerkannte Mikrobiologe und Emeritus der Uni Mainz Sucharit Bhakdi hält eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Maßnahmenkataloge der Politiker deshalb für unausweichlich: https://www.youtube.com/watch?v=ATPOxgutmgI

Tatsächlich reagiert unsere Öffentlichkeit sehr chinesisch. In China selbst entspannt sich die Lage. Die meisten der in China bestätigten 67.800 Erkrankungs-Fälle gab es in Wuhan. Hier wurden die ersten Infektionen registriert, es war die erste Stadt, die abgeriegelt wurde. Die Ausgangssperre im einstigen Corona-Epizentrum Wuhan wird nun Schritt für Schritt gelockert.Was die Zahlen angeht, wäre das alles also überhaupt kein Grund, in Panik zu verfallen; gefährlich scheint die Lage jedoch In Spanien und vor allem weiterhin in Italien zu sein. Warum ist das so? In Italien ist die Zahl der Toten und Infizierten erneut deutlich angestiegen. Innerhalb von 24 Stunden seien 662 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben, teilten die Behörden mit. Die Gesamtzahl sei damit auf 8.165 gestiegen. Zudem sei bei inzwischen 80.539 Menschen das Coronavirus nachgewiesen worden (Zahlen vom 26.3.) Wie ist es zu erklären, dass ein Virus, das überall auf der Welt etwa so gefährlich ist wie die jährlichen Influenza-Viren, in Italien zu so vielen Todesfällen führt?

Es wurden in den letzten Tagen bereits verschiedene Begründungen für die unerklärlich hohe Sterberate genannt: die hohe Luftverschmutzung in der Lombardei, die radikalen Kürzungen im Gesundheitswesen, die ungünstige Altersstruktur der Bevölkerung – aber keiner dieser Aspekte kann die eklatante Sterberate tatsächlich erklären. Nach den Zahlen von vor ein paar Tagen lag in Italien das Durchschnittsalter der an den Folgen einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen bei 79,5 Jahren, teilte das italienische Institut für Gesundheit (ISS) am Mittwoch in Rom mit. 707 der in Italien an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorbenen Menschen waren laut der ISS-Statistik zwischen 70 und 79 Jahre alt, 852 zwischen 80 und 89 Jahre. 198 waren älter als 90. Nur 17 an der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 Verstorbenen seien jünger als 50 gewesen, teilte das ISS mit.

Die Wissenschaftler machten rund ein Dutzend Vorerkrankungen aus, an denen die meisten der gestorbenen Covid-19-Patienten gelitten hatten. Etwa die Hälfte der Patienten hatten laut ISS mindestens drei Vorerkrankungen. Ein Viertel litt an zwei chronischen Krankheiten. Nur bei drei der Verstorbenen war keine Vorerkrankung bekannt. Lauert die tödliche Gefahr in italienischen Krankenhäusern?

Die exorbitant hohen Sterberaten in Italien lassen allerdings darauf schließen, dass der wahre Grund im System selber liegt, nämlich im völlig überlasteten und unterfinanzierten öffentlichen Gesundheitssystem des Landes. Niemand kann heute eine genaue Analyse der Situation vorlegen; im Moment kann man nur spekulieren. Und bei aller Vorsicht liegt eines doch auf der Hand. Die wahrscheinlichste Vermutung ist die, dass es eben die italienischen Krankenhäuser selbst sind, die diese tödliche Wirkung entfalten. Wie das?

In vielen deutschen Krankenhäusern galt man jedenfalls im Jahr 2015 schon als Hochrisikopatient, wenn man kurz zuvor in einem italienischen Krankenhaus behandelt worden war. So wurde man in einigen deutschen Krankenhäusern wie etwa der Uniklinik Kiel vorsorglich als Patient in Quarantäne gesteckt, wenn man irgendwann in den letzten Monaten in einem italienischen Krankenhaus behandelt worden war (s. den Beitrag der NDR-Journalistin Antje Büll: https://www.youtube.com/watch?v=aYG0pI-3Kzg). Denn die italienischen Krankenhäuser sind mit hochresistenten Krankenhauskeimen besiedelt, die  – unter Fachleuten war das längst bekannt – den Aufenthalt in diesen Anstalten seit Jahren zu einer hochgefährlichen Sache machen. Warum ist das so?

Dahinter steht unser weltweit sorgloser und unverantwortlicher Umgang mit Antibiotika in der Tierzucht und in der Humanmedizin. Die WHO und diverse medizinische Experten warnen seit Jahren, aber niemand traut sich an die Lobbygruppen heran. Aufgrund unseres unverantwortlichen Umgangs mit Antibiotika werden Bakterien zunehmend antibiotikaresistent. Fast 700.000 Menschen in Europa infizierten sich im Jahre 2015 mit resistenten Keimen, zwei Drittel davon in Krankenhäusern. Mehr als 33.000 starben an den Folgen einer solchen Infektion. Das zumindest hat ein Team der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC geschätzt. Die Studie ist im Fachblatt Lancet erschienen (Cassini et al., 2018).Die ECDC-Studie kam zu dem folgenden Ergebnis: Die europäischen Staaten sind unterschiedlich stark betroffen. In Italien sah es besonders schlecht aus. Das Recherchenetzwerk CORRECTIV hat zur internationalen Belastung mit Krankenhauskeimen ein umfangreiches und ausgesprochen informatives Dossier zusammengestellt: https://correctiv.org/recherchen/keime/hintergrund/krankenhauskeime/

Ob die überraschend hohe Sterberate der Corona-Infizierten nun ursächlich mit der beschriebenen Verseuchung der italienischen Krankenhäuser mit multiresistenten Keimen tatsächlich zusammenhängt, das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht belegen; aber über einen möglichen Zusammenhang sollte man doch nachdenken.

Zurück am Küchentisch. Wir machen, was alle machen: Wir vergleichen die Zahlen der Infizierten und Toten in den einzelnen Ländern. Live-Ticker liefern Tote im Akkord. Wir finden das Gebaren der Medien furchtbar und zählen selber. Per Laptop, per Smartphone. Plötzlich entdeckt unsere jüngere Tochter eine ganz andere Zahl:  In der Grippesaison 2017/18 hat es alleine in Deutschland 25.000 Todesopfer gegeben. “ „Wie schrecklich“, sagt unsere Tochter und wird richtig böse. „Warum hat sich darüber niemand aufgeregt? Da hätte man doch viel eher die Schulen schließen müssen!“

Ich überlege kurz und antworte dann: „Die Grippe kennt man, sie ist identifizierbar. Corona kennt noch keiner. Was sie nicht kennen, macht den Menschen Angst. In ein paar Monaten werden wir Corona kennengelernt haben und hoffentlich begreifen, dass die Maßnahmen vollkommen überzogen waren.“

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Ein nachträglich (Anfang 2021) hinzugefügtes Foto: Familienurlaub in Domaso am Comer See im August 2017. Von der Ferienwohnung aus gucken wir auf eine verfallene Villa. Für uns Touristen haben solche Orte einen morbiden Charme. Für die Menschen, die dort leben, natürlich nicht. Oberitalien ist von der Klimakatastrophe bereits jetzt schwer getroffen, was vor allem für die alten Menschen entsetzlich ist.                                Am Tag unserer Abreise am 23.8.2017 sollte sich in der  Schweiz nahe der Lombardei ein schwerer Bergsturz ereignen. „Der Bergsturz von Bondo ereignete sich an der Nordflanke des Piz Cengalo (3369 m ü. M.).“ (wikipedia) Die Ursache solcher Bergstürze ist insbesondere der Rückgang des Permafrosts. Auch im übertragenen Sinne bricht bei einem Bergsturz für die dort lebenden Menschen eine Welt zusammen. (Alle Perspektiven, die die Menschen seit ihrer Kindheit in sich tragen, verschieben sich. Orientierungen gehen verloren.)                 Ebenfalls im Sommer 2017 erlebte Oberitalien noch eine andere klimabedingte Katastrophe: „Die Quelle des Flusses Po im norditalienischen Piemont ist infolge der schweren Dürre dieses Sommers ausgetrocknet. Aus der auf 2020 Meter gelegenen Quelle auf der Hochebene Pian del Re zu Füßen des Berges Monviso fließt kein Wasser mehr, berichtete die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Dienstag.“  https://www.tt.com/artikel/13401661/duerrewelle-in-italien-liess-quelle-des-flusses-po-austrocknen                                                                                             Die Menschen erleben den Verlust von Heimat, wie sie sie kannten.  Oberitalien, insbesondere die Lombardei,  „verzeichnet“ innerhalb von Italien die meisten Corona-Toten. Ich vermute, dass die hohe Zahl der Corona-Todesopfer in der Lombardei mit den kollektiven psychischen Leiderfahrungen der Menschen in Oberitalien im Zusammenhang steht. 

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