MEIN ENGEL – Das Wunderkind Wiktoria

An ganz alltäglichen Orten begegne ich in den letzten Jahren Menschen, die real sind („aus Fleisch und Blut“) und die doch aus einer Anderwelt zu stammen scheinen. Einer dieser Menschen, die mich an Märchenfiguren erinnern, ist das Mädchen Wiktoria.

Begegnet bin ich ihr im Frühherbst 2019 im Kölner Handwerkerinnenhaus -am Tag der Offenen Tür. Zur Erinnerung: In den Zeiten vor Corona öffneten an bestimmten Tagen Ateliers und Werkstätten ihre Türen auch für Besucher, die dort normalerweise keinen Zutritt haben. Jeder war willkommen, es gab weder Test- noch Impfausweis- noch irgendwelche Einlasskontrollen. Die offene Tür war ein über die Stadt oder das Land verstreutes kulturelles Ereignis abseits der Groß-Events. Wie großartig, gastfreundlich und großzügig das war, weiß ich erst heute. Denn auch wenn die Veranstaltungen nach wie vor so heißen und der Eintritt nichts kostet: Den „Tag der offenen Tür“ gibt es nicht mehr.

Im Handwerkerinnenhaus hatte man an dem Tag einen kleinen Basar aufgebaut. An einer Handvoll Ständen wurden Töpfer-Arbeiten verkauft und andere schöne, originelle, von Hand gefertigte Dinge, die man „Kunsthandwerk“ nennt.

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Die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kunst sind fließend. Im nordholländischen Dorf Groet vermietet die Familie Bakker ein Ferienhaus. Dieses Haus ist ein inspirierender, eigensinnig ausgestatteter Ort. „Hausherr“ Jaap Bakker gehört zu den bildenden Künstlern, die sich ihre Kinderphantasie bewahrt haben.  Welches Kind träumt nicht davon, einmal einen Schatz zu finden? Doch das ist gar nicht so einfach. So beträgt etwa die Wahrscheinlichkeit, in einer Auster eine Perle zu finden, 1:35.000. https://www.fewo-in-holland.de/blog/austernperle-finden Der Mangel an Perlen in Nordsee-Austern brachte Jaap Bakker auf die tierfreundliche Idee, Austernschalen zu einer Nordseerose zusammenzufügen, sie miteinander zu verleimen und zu guter Letzt drei Perlen in die Mitte der Blüte zu setzen. Da Jaap Bakker die Blume in kleiner Stückzahl gefertigt und für ein paar Euro an seine Feriengäste verkauft hat, bin ich stolze Besitzerin einer echten Groeter Nordseerose.


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„Höhlenkunst“

Am Tag der offenen Tür 2019 präsentierte das Handwerkerinnenhaus auch Arbeiten, die Schülerinnen und Schüler einer Förderschule in Jülich hergestellt hatten. Das hing mit dem Hauptanliegen des Hauses zusammen, der Förderung junger Mädchen. Das Kölner Handwerkerinnenhaus hat eine eigene Werkstatt und „ist ein Lern- und Bildungsort, an dem Mädchen und Frauen neue Fähigkeiten und Stärken an sich entdecken und ihre Berufschancen und -perspektiven erweitern.“ https://www.handwerkerinnenhaus.org/

Im Kunstunterricht hatten die Jülicher Jugendlichen kleine, zerbrechliche Drahtgebilde gebastelt und in Einmachgläser gesteckt. Die Einmachgläser wurden dann bei hoher Temperatur eingeschmolzen und die Drahtgebilde auf diese Weise „eingerahmt“ und „haltbar“ gemacht. Wiktoria, die die Jülicher Schule besucht, war mit ihrer Lehrerin da. Die Lehrerin bemerkte mein Interesse und erzählte mir, wie Wiktoria arbeitet.

Wiktoria nimmt ein Stück Draht in die Hand. Sie hat keinen Plan und überlegt nicht lange, sondern fängt an. Der Draht hat Anfang und Ende. Zwischen ihren Fingern kommt er in Bewegung, entsteht eine Figur. Manchmal ist es eine Tierfigur, aber am liebsten formt Wiktoria Engel, mal heitere, mal nachdenkliche Engel. Das Stück Draht ist nie zu kurz und nie zu lang, es reicht immer genau aus. Wenn der Draht aufgebraucht ist, ist die Figur fertig. Irgendwann fing Wiktoria an, Engel zu formen, sie tut es einfach, denn sie kann nicht anders.

Mich erinnern ihre Engel an die von Paul Klee. Der Maler Paul Klee (1879-1940) hat sein Leben lang Engel gezeichnet, die meisten davon im Jahr 1939. Im Jahr, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, begann Klees letztes Lebensjahr. Indem er die Zwischenwesen zeichnend sichtbar machte, konnte Paul Klee der Hölle für Momente entrinnen. „Seine Engel hat er in der Zwischenwelt ‚geschaut‘, sagt Paul Klee. Für ihn liegt zwischen irdischer Welt und höchsten geistigen Welten eine Zwischenwelt. Und Klee ist überzeugt, da Einblick zu haben.“ https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/morgenandacht/paul-klee-und-seine-engel-10795

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Für acht Euro kaufe ich ein „Mängelexemplar“. Der Aufhänger ist abgerissen, aber MEIN ENGEL ist luftig und heiter. Die Flügel sind ausgebreitet wie Arme: Lass dich umarmen. MEIN ENGEL ist weiblich, ein Mädchen. MEIN ENGEL hält den Kopf gerade, so dass der Heiligenschein nicht herunterfallen kann. MEIN ENGEL streut rostige Brösel. Die sind nicht hübsch, aber auch für was da: Wer genau hinschaut, entdeckt ein flauschiges Küken.

Auch Wiktorias Engel scheinen aus einer Zwischenwelt zu stammen. Die Lehrerin, die sehr aufgeregt ist, zeigt mir einen Ordner mit Fotos der Arbeiten Wiktorias. Ihre Engel sind ausdrucksstark und berührend. Wenn ich sage, dass ich „erschüttert“ war, ist das nicht übertrieben. „Ich wage es kaum zu sagen“, sage ich zur Lehrerin. „Aber es ist so, als hätte Wiktoria eine göttliche Eingebung.“ Die Antwort: Ein Nicken.

In diesen traurigen Zeiten ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen -vor allem Frauen- Schutzengel ins Fenster stellen. Es gibt getöpferte, genähte, gemalte, es gibt geschmackvolle, austauschbare, kitschige, es gibt pausbäckige und magere Engel. Sie alle stehen für die Hoffnung und für die Sehnsucht nach einer friedlichen, besseren Welt.

In ihren Sternstunden vermag die Dichtkunst, Engelsenergien spürbar zu machen. So verleiht der Lyriker Joseph von Eichendorff (1788-1857) im Gedicht „Mondnacht“ seiner Seele (Engels)-Flügel:

„… Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
..“ (Dritte Strophe)

Wiktorias Lehrerin zeigt mir das Foto eines Engels, der den Kopf gesenkt hält. Sie bittet Wiktoria, mir zu erklären, warum der Engel traurig ist. Wiktoria redet leise. „Der Engel klagt Gott an“, sagt sie. „Es ist so viel Unrecht in der Welt. Warum guckt Gott zu, warum lässt er den Krieg geschehen, warum greift Gott nicht ein, wenn Menschen gemobbt werden?“

Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, Gott* greift schon ein, aber anders, als wir denken, selten im „Direktgang“. So stattet Gott Menschen mit der Gabe aus, Menschen den Spiegel vorzuhalten. Menschen mit dieser Begabung werden oft ausgegrenzt. Vermutlich wird auch Wiktoria ausgegrenzt und gemobbt, denn sie hat eine „Lese- und Rechtschreibschwäche“ und geht (oder ging) auf eine Förderschule.

Woran erkennt man einen Engel? Das Merkmal der Engel, das sind die Flügel. Doch wer nur auf die Flügel achtet, wird den Engel übersehen. Meine Begegnung mit Wiktoria hat meinen Glauben an die kosmischen Engelsenergien genährt – und meine Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt.

*Wie schon einmal geschrieben, meine ich mit „Gott“ nicht den monotheistischen Vatergott. Diesen begreife ich zwar nicht als „falsch“ oder erfunden, aber als Einengung und Vereinseitigung eines weitaus umfassenderen Göttlichen.

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