Rehabilitation eines Unworts

Liebes Stadtradler, liebe TrittbrettfahrerInnen im Team SattelFest der autofreien Siedlung Stellwerk 60,
jedes Jahr wird ein Wort aus dem deutschen Sprachraum dazu auserkoren, „Unwort des Jahres“ sein. Ich ärgere mich immer, denn „da wild was velwechsert“, würde Ernst Jandl sagen.
Unwort des Jahres 2004 war „Humankapital“. Eine „hochkarätig zusammengesetzte Jury“ aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einer/m weiteren Expertin/Experten hatte es unter 1218 Wörtern ausgewählt. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Begriff degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen.“

Leider beruht die wohlgemeinte Wahl auf einem Denkfehler. Denn es ist nicht das Wort, das die Menschen degradiert, sondern die gesellschaftliche Realität. „Humankapital“ ist nicht per se ein Unwort, sondern ein Begriff, der uns unter Umständen die Wahrheit erzählt: Wir leben in einer profitorientierten Gesellschaft, die der Menschlichkeit immer weniger Raum lässt. Wenn zum Beispiel ein Sozialwissenschaftler sagt: „Die kapitalistische Wirtschaftsordnung degradiert uns Menschen zum Humankapital“, dann ist Humankapital ein Wort, das uns aufrüttelt. Bei allen Wörtern und Unwörtern kommt es darauf an, wer sie benutzt – und in welchem Zusammenhang.

Ein Buch des Humoristen Eckhard Henscheid hieß „Dummdeutsch“. Allein des Titels wegen wünsche ich mir eine erweiterte Neuauflage.
War „Trittbrettfahrer“ auch einmal Unwort? Ich gucke im Internet nach. Die Medien wissen mit dem Wort nicht viel anzufangen. Der Entertainer Harald Schmidt will das Wort sogar abschaffen und witzelt 2013 in focus: „Trittbrettfahrer“ kann weg, zumal es kaum noch Trittbretter gibt.
„Trittbrettfahrer“ war nie „Unwort des Jahres“. Zu finden ist das Wort allerdings in einer  „Liste sozialer Unwörter“, die das „Armutsnetzwerk“ 2013 erstellt hat. Trittbrettfahrer, so heißt es,wird auch für Menschen benutzt, die ein schwerwiegendes Delikt wiederholen oder davon profitieren.“ Das begreife ich nicht: Was kann das Wort „Trittbrettfahrer“ dafür, dass Menschen Verbrechen begehen?
Es kommt auch hier auf den Zusammenhang an, in dem das Wort steht. Manchmal nämlich werden z.B. Wohngeld-Empfänger als „soziale Trittbrettfahrer“ bezeichnet, was ähnliche Assoziationen hervorruft  wie „Sozialschmarotzer“, völlig zurecht laut „Armutsnetzwerk“ ein soziales Unwort.
(Hinzufügung 2/2024: Mein Unwort des Jahres 2018 lautet „Asoziale Trittbrettfahrer“. Geprägt hat den Begriff der Arzt und Wissenschaftsmoderator Eckart von Hirschhausen, der so die Skeptiker der Masern-Impfpflicht beleidigt und zu disqualifizieren versucht. Die facebook-Seite der Tagesschau zitiert Hirschhausen am 5.11.2018: „Der Mediziner und Moderator Eckart von Hirschhausen hat sich erneut deutlich fürs Impfen ausgesprochen. In einem Kommentar auf welt.de schreibt er: „Wer sich nicht impfen lässt, ist ein asozialer Trittbrettfahrer.“ “ https://www.facebook.com/tagesschau/posts/der-mediziner-und-moderator-eckart-von-hirschhausen-hat-sich-erneut-deutlich-f%C3%BCr/10156998901534407/?locale=de_DE
Aber was ist das „Armutsnetzwerk?“ Im Internet heißt es: „Das Armutsnetzwerk ist eine unabhängige Organisation. Es ist bestrebt, in Kooperation mit anderen regional, bundesweit und international aktiven Initiativen und Organisationen von Menschen mit Armutserfahrungen, Obdach- und Wohnungslosen sowie sogenannten „Randgruppen“ den Kampf gegen Armut und Ausgrenzung zu verstärken. Das Armutsnetzwerk ist offen für alle.“
In Zeiten wie unserer, wo die Menschen wie von Geisterhand losgelassen als Swatchbälle durch die Welt titschen und die etablierten Parteien allmählich den Geist aufgeben, brauchen wir mehr denn je basisdemokratische Organisationen, die Sinn und Zusammenhang stiften. Und wir brauchen noch etwas: Die große solidarische Geste („Gemeinsam schaffen wir das“).
Die „große solidarische Geste“ kann sich allerdings nur der leisten, dem man zuhört. Den Armen hört aber kaum jemand zu, vor allem dann nicht, wenn sie noch dazu obdachlos oder wohnungslos sind. Die Liste mit 23 Wörtern ist daher nie fortgesetzt worden. Dabei hat das „Armutsnetzwerk“ mit der „Liste sozialer Unwörter“ einen wichtigen Beitrag zur Enttarnung sprachlicher Entgleisungen geleistet. Zum Beispiel enthält die Liste, die vertieft und fortgeführt werden müsste, zwei wirkliche soziale Unwörter: „Sozial Schwache“ und „Bildungsferne Schichten“. Man merkt: Hier schreiben keine gut situierten Experten, sondern Betroffene.
Eine andere schöne Internetseite, „Armutszeugnisse.de“, ist 2017 „eingefroren“ worden. Das ist traurig. Unbetreute Internetseiten sind virtuelle Geisterdörfer, sie sind wie Orte, wo keiner mehr lebt. „Menschenloses Obdach“ könnte man sie nennen.
Liebe Stadtradlerinnen und Stadtradler,
zurück zu „Trittbrettfahrer“. Ich möchte ein „soziales Unwort“ rehabilitieren. Denn was sind Trittbretter eigentlich?
Zum Beispiel sind es die mit Rollen versehenen kleinen Bretter, die Eltern an den Kinderwagen hängen, damit das Geschwisterkind nicht hinterher laufen muss. Also was Schönes.
Fortan fahre ich bei „Stadtradeln“ als „Lisa Wilczok & TrittbrettfahrerInnen.“ Wir, eine Kleingruppe im großen Team, sind jetzt fünf Personen. Die vier, die mit mir fahren, sind Freunde, die jeden Tag durch die Stadt radeln, aber keinen Bock haben, ihre Kilometer einzutragen. Die Vier wissen noch nichts davon. Manchmal muss man die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Tilla, dich habe ich auch auf dem Trittbrett.
Heute (27.6.) können wir noch Kilometer eintragen. Die sich angemeldet haben, aber keine Kilometer eingetragen, hol ich auch noch auf’s Brett.
Übrigens: Mit dem Einrad gefahrene Kilometer zählen dreifach.
P1030180
Herzliche Grüße und Dank an alle,
die Teamkapitänin
(Lisa)

Critical Mass Nippes: Was hat die, das ich nicht habe?
Bärinnenkräfte.

Es gibt immer wieder wunderbare sprachliche Neuschöpfungen, nicht nur im Deutschen:
Parole der Critical Mass in Frankreich

Kommentar verfassenAntwort abbrechen