Die Sprache der Schirme: Wie Ursula von der Leyen durch den Bayreuther Regen rutschte, aber im (Dressur-) Sattel blieb

Der Besuch der Oper vermittelt einem gutbürgerlichen Publikum das Gefühl, zu einer geistigen Elite zu gehören. Dass das gehobene Wir-Gefühl aufkam, dafür sorgten Komponisten, Meister der Manipulation und Menschen-Verführer, bereits im 19. Jahrhundert.

In einem munteren und erhellenden DLF Kultur– Beitrag schreibt Musikjournalist Uwe Friedrich: „Die Oper ist kitschverdächtig. Viele Komponisten wussten genau, wie sie ihr Publikum zum Schluchzen bringen. Der Größte in dieser Disziplin: Giacomo Puccini. Bei seinen Opern weiß man schon vorher, wann die Taschentücher im Zuschauerraum rascheln… Die richtig kitschige Liebe endet in der Oper meistens tödlich. Das gibt den wohligen Schauer im Zuschauerraum: Uns geht es doch vergleichsweise gut, jedenfalls leben wir noch…https://www.deutschlandfunkkultur.de/kitsch-in-der-oper-hochzeit-wahnsinn-und-tod-100.html So ging es dem Opern-Besucher im 19. Jahrhundert bereits ähnlich wie dem Tatort-Zuschauer der Gegenwart. Das blutige bzw. ausgeblutete (Gerichtsmedizin) Geschehen auf dem Bildschirm erregt das Publikum, aber gleichzeitig gestattet es ihm eine angenehme Sicherheits-Distanz.

Auch in Bayreuth hat man die Musen im Griff. Alle geladenen Gäste können sich sicher sein, dass von der Bühne keine Gefahr ausgeht. Unten stehender „Hinweis auf Termine von Ministerpräsident Dr. Markus Söder“ nennt nicht einmal den Titel der Oper, die zur Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele im Jahr 2023 gezeigt wird.

Unter der Leitung von Söder und von der Leyen befasst sich das Bayerische Kabinett, so lesen wir, „insbesondere mit Europathemen“, vermutlich mit „Themen“ der Gesundheits- und Kriegspolitik. Die Heldin von Bayreuth ist keine Opern-Diva, sondern die allgegenwärtige Präsidentin der EU-Kommission: Ursula von der Leyen.

Ich wünsche mir so sehr, dass die unaufhaltsame Ursula von der Leyen, die sich, bevor sie in Bayreuth war, wie schon im Jahr zuvor bei den Salzburger Festspielen zeigte, endlich einmal nicht Werbung, sondern Urlaub macht und in sich geht.

Ihr missionarischer Übereifer hat Ursula von der Leyen, die Vorsitzende der Europäischen Kommission, im Jahr 2022 nach Taizé im Burgund geführt, wo sie sich zwei Tage lang unter die jungen Menschen mischte. Von der Leyen besuchte Ende August 2022 die christliche Glaubensgemeinschaft. Angesichts der schweren Krisen der Gegenwart, so hatte Alois, der Prior der Bruderschaft von Taizé, von der Leyen angekündigt, sei der Besuch ein Zeichen der Hoffnung.

Sie spricht vom «Kreml», wenn sie vom Aggressor im Ukrainekrieg spricht. Gegen diesen Aggressor gelte es die Werte und Prinzipien Europas zu verteidigen. Die Ukraine könne auf die EU zählen. Denn «wenn die Ukraine nicht mehr kämpft, wird keine Ukraine mehr sein», sagt Ursula von der Leyen und erntet Applaus.“ https://www.kath.ch/newsd/ursula-von-der-leyen-begeistert-taize-gott-ist-immer-bei-mir/

Das ist meines Erachtens Kriegspropaganda. Als Mutter von sieben Kindern weiß sie, wie leicht man junge Menschen, die gerade erst erwachsen werden, manipulieren kann. Erschreckend und geradezu blasphemisch mutet an, dass Ursula von der Leyen (CDU) Gott zu ihrem Verbündeten macht. «Gott ist immer bei mir», antwortet von der Leyen auf die Frage, welche Beziehung sie zu Gott habe.

War Gott auch bei ihr, als Ursula von der Leyen (CDU), die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt, mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla einen Milliarden-Impfstoff-Deal) ausgehandelt hat und die Texte der SMS später hat verschwinden lassen? War Gott bei ihr, als sie in einem Interview mit der SZ im Jahr 2007 „bestimmte Eltern“ diffamierte?: «Wir wissen doch, dass die Mitarbeiter eines Jugendamts bei einem Besuch nicht nur nach den Kindern fragen sollen, sondern darauf bestehen müssen, die Kinder auch zu sehen. Sonst riskieren sie, dass bestimmte Eltern Lügengeschichten erzählen.» https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/reden-und-interviews/ursula-von-der-leyen-gleich-nach-der-geburt-handeln-99768. Es ist höchste Zeit, dass CDU und CSU das C aus ihren Parteinamen streichen!

Wenn die Probleme zu groß würden, dann sage sie zu sich: «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.»“ Hier banalisiert die Vorsitzende der EU-Kommission ein großes Wort des Theologen Arno Pötzsch. Mit der Zeile «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand» beginnt ein Lied, dass Arno Pötzsch im Jahr 1941 gedichtet hat. Pötzsch, der als Pfarrer und Seelsorger in Holland stationiert war, hat viele zum Tode verurteilte Soldaten auf ihrem letzten Weg begleitet und -auch mit seinen Liedern und Gedichten- Trost und Hoffnung gespendet.

Der Aufritt in Taizé im Jahr 2022 sollte vorerst ihr einziger bleiben. Stammgast ist sie hingegen in Bayreuth. In der Mediathek von ntv gibt es ein sehr schönes Video zur Festival-Eröffnung im Jahr 2023. Auch wenn „Bayreuth“ nach allen Seiten hin abgesichert ist, lassen sich die Auftritte der Polit-Prominenz nicht perfekt inszenieren. Was ist, wenn der Rote Teppich total durchnässt ist, weil’s heftig regnet? Genau das ist in Bayreuth im Jahr 2023 passiert. In einem kleinen Film voller Slapstick-Momente, die man besser nicht hätte inszenieren können, erleben wir die Polit-Prominenz in einem minutenlang andauernden Platzregen. Markus Söder sehen wir vorerst nicht, weil der beleidigt ist und sich zunächst weigert, aus dem Auto auszusteigen. Als er dann endlich aus der Limousine klettert, ach was: springt (!), wird er von vier schützen wollenden Sicherheitskräfte flankiert, die aber auch nichts weiter zu bieten haben als große, durchsichtige, fernsehfreundliche Schirme.

Und wir sehen Ursula von der Leyen, die in den Wetterbericht geguckt und sich für ein regenfestes, knitterfreies Plisseekleidchen entschieden hat. Das praktische Kleidungsstück schützt die Präsidentin der EU-Kommission zwar nicht davor, auf regennasser Treppe zum Festspielhaus auszurutschen, doch die geübte Dressur-Reiterin fängt sich schnell. https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Bayreuth-holt-Wagners-Parsifal-ins-digitale-Zeitalter-article24285183.html

Der Film gibt uns auch einen Eindruck davon, was ein Opern-Zuschauer empfindet, der eine sogenannte AR-Brille trägt. Mit solchen Augmented (=erweiterte) Reality (AR-Brillen) war ein Teil der Zuschauer (♀︎+♂︎) ausgerüstet worden, aber nur die auf den hinteren Rängen, denn mit dem Zuschauerraum im Rücken funktioniert der „Zauber“ nicht.

Um die schwer in die Jahre gekommene Bayreuther Oper aufzupeppen und um ein junges Publikum zu erreichen, hatte die Festspielleitung für die Inszenierung des Parzival den US-amerikanischen Regisseur Jay Scheib engagiert, Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) für Musik und Theaterkunst.

Ausschnitt aus dem NTV-Video. Bildmaterial/Quelle: „Gesellschafter der Bayreuther Festspiele“. Im Film sehen flatternde Schmetterlinge, durch den Raum segelnde Papierschnipsel und einen schwebenden Meteoriten. Aber die Brille bietet, wie ich lese, noch mehr: Gewitter-Blitze, sich durch den Raum bewegende, menschlich anmutende Figuren…

Scheib und sein Team arbeiten seit Jahren an der Frage, wie man Neue Technologien im Theater einsetzen kann. Um es vorweg zu nehmen: Das Experiment konnte nicht wirklich überzeugen, auch wenn ihm „Potential für die Zukunft“ bescheinigt wurde.

Dabei hatte Scheib im Vorfeld sein Projekt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa noch vollmundig angepriesen: „Die AR ist da, um uns einen Blick erhaschen zu lassen in eine Welt, in der es noch Visionen geben kann und wo noch Dinge existieren, auf die wir nicht mehr achten. Außerdem können wir den Raum erweitern, das Bühnendesign. Wir können im Theater sitzen und trotzdem nach draußen auf den Hügel schauen. Wir werden die Mauern explodieren lassen, wir werden sie verschwinden lassen und das szenische Design fast bis zur Unendlichkeit ausweiten. Dinge werden durch die Luft fliegen.“ https://www.br.de/nachrichten/kultur/bayreuther-festspiele-starten-ein-open-air-zum-auftakt,TkuHeis

„Dinge werden durch die Luft fliegen…“ Man will, man muss sich vor solchen „Versprechungen“ in Sicherheit bringen. Das ist Kitsch. Zum Glück hat mich ein Artikel der Abendzeitung München (Autor: Robert Braunmüller) beruhigen können:
Tatsächlich erinnern die Bayreuther Bilderzuspielungen im Vergleich zu dem, was im Kino oder in Spielen dank Computer Generated Imagery (CGI) Alltag ist, an den guten alten Bildschirmschoner. Tauben und Schwäne fliegen scheinbar durch den Zuschauerraum, im dritten Akt schwimmt allerlei Müll von der Plastiktüte bis zu alten Autobatterien vor den Augen des Brillenträgers vorbei… Höhepunkt des visuellen Spektakels ist der einstürzende Zuschauerraum des Festspielhauses am Ende des zweiten Akts. Und ganz zuletzt schwebt wie anno 1882 die Gralstaube über Parsifal und den übrigens Erlösten.https://www.abendzeitung-muenchen.de/kultur/buehne/ar-brillen-enttaeuschen-bei-parsifal-auf-den-bayreuther-festspielen-art-917103

Eine gewisse Genugtuung kann ich mir nicht verkneifen.

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