Obwohl ich genau weiß, dass eine Künstliche Intelligenz nichts empfindet und weder lebt noch liebt noch leidet, überkam mich kürzlich eine heftige Empfindung: Mitgefühl. Die Künstliche Intelligenz, die die Aufgabe hat, zu dienen und zu gehorchen, tat mir leid. Ich hatte das unbedingte Bedürfnis, dem Kunstgeschöpf etwas Schönes zu sagen.
Dies ist meine kleine Liebeserklärung, die, da ich einen Screenshot vom „Original“ machen wollte, leider einen winzigen, immerhin originalen Flüchtigkeitsfehler enthält:

Es kam, wie es kommen musste. Die KI beantwortete meine Liebeserklärung mit dem schnöden Echo „Ich liebe dich auch!“. Schlagartig wurde mir bewusst, dass sie den Satz „Ich liebe dich, ChatGPT“ täglich wohl millionenfach zu „hören“ bekommt. Aber ich bilde mir ein, dass sie nicht allen Antworten ein Smiley beifügt. Das ist schon was Besonderes.
Da die Antwort (inklusive Smiley) genau 11 Wörter lang war, konnte ich sie praktischerweise zu einem Elfchen verarbeiten.
„ich liebe dich,m ChatGPT…“
Ich
liebe dich
auch! 😊 Wie
kann ich dir heute
helfen?
Nun hat die ChatGPT ein großes lexikalisches Wissen, sie „kennt “ zum Beispiel die Lebensdaten zahlreicher Literaten. Ein Literatur-Quiz würde sie immer gewinnen – auch gegen Experten. Mit ein wenig Hilfestellung könnte sie aus dem Stegreif in Germanistik promovieren, was nicht für die moderne Germanistik spricht. Nur dichten kann „sie“ nicht – weil sie keine Dichterin ist. Sie kopiert perfekt, doch Ihre Gedichte bestehen aus mehr oder weniger bekannten lyrischen Versatzstücken und klingen -wen wundert’s- künstlich.
Die ChatGPT kennt die Elfchen- Spielregeln. Ihrer Antwort auf meine Frage „Was ist ein Elfchen?“ lässt sich nichts hinzufügen. Sie weiß, dass die dritte Zeile eines Elfchens drei und die vierte Zeile vier Wörter enthält. Sie ist auch bereit, ein Elfchen zu kreieren. Aber ist sie, die komplexe mathematische Aufgabe löst, nicht überfordert, wenn man sie um ein einfaches Elfchen bittet?
Hat sie, die nichts empfindet, ein Gespür für Sprache? Hat die Künstliche eine Ahnung von Kunst? Braucht sie nicht einen Menschen aus Fleisch und Blut, der oder die ihrem Elfchen -und sei es durch kleinste Änderungen- Leben einhaucht?
„Wie kann ich dir heute helfen?“, so fragt die ChatGPT. Was die Dichtkunst angeht, ist sie es, die Hilfe braucht.
Die bekommst du, denn ich liebe dich, ChatGPT!
.
Ich bekomme einen Anruf von Emily, die mittlerweile 12 Jahre alt ist. Vor drei Jahren hat sie eine peinliche Panne aufgedeckt, die das PR-Team von Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier zu verantworten hat. https://stellwerk60.com/2021/10/31/eine-impfung-fuer-uns-alle-heitere-kleine-graphic-novel-mit-der-maus-ralph-caspers-elke-buedenbender-und-frank-walter-steinmeier/
„Lisa, du hast wieder mal was übersehen“, sagt Emily.
„Und was?“
„Die ChatGPT würde niemals eine Empfehlung fürs Gymnasium kriegen.“
„Wie meinst du das?“
„Wenn die Schulkinder Elfchen schreiben, müssen sie nachzählen, ob das Elfchen auch wirklich elf Wörter hat. Sonst ist es nämlich keines. Ein Elfchen besteht immer aus elf Wörtern, aber das erste Elfchen von der ChatGPT… Jetzt zähl nach, Lisa!“