Irgendwann einmal -es war im Herbst 2016, ich hatte gerade meinen Blog eingerichtet- machte mich mein Mann, der die Sonderausgabe einer Philosophie-Zeitschrift gelesen hatte, auf eine Besonderheit in meinem Lebenslauf aufmerksam, die mir selber niemals aufgefallen wäre. „Das darfst du keinem Menschen erzählen“, sagte er. „Sonst hält man dich für verrückt.“ Dann sagte er noch etwas: „Ich wusste ja immer, dass du magische Kräfte hast.“
„Ich habe keine magischen Kräfte“, sagte ich.
„Und wie erklärst du dir dann…?“ Mein Mann zählte ein paar Seltsamkeiten auf, die sich in unserem Umfeld ereignet hatten. Auffällig war, dass ich anwesend sein musste, damit sich die kleinen, oft ganz alltäglichen Verrücktheiten ereignen konnten. War mein Mann alleine oder mit jemand anderem zusammen, hat er nie Vergleichbares erlebt. Er äußerte die Vermutung, dass ich von spirituellen Kraftfeldern umgeben sein könnte. Mein Mann war, wie er zugab, neidisch auf mich, aber ich war ihm auch unheimlich. Ich musste ihn immer wieder beruhigen. Obwohl man mir nachsagt, ich hätte viel Phantasie, war (und bin) ich in allen Geschichten nur Akteurin, aber ich bin nie Urheberin. Auf so verrückte Gedanken käme ich nicht. Ich bin doch nicht bekloppt.
Die Ereignisse häuften sich, nachdem ich im Frühjahr 2015 mein „Nahtoderlebnis“ hatte, von dem ich diesem Blog schon öfter erzählt habe. https://stellwerk60.com/2021/12/24/wir-sagen-euch-an-im-koelner-dom-wird-an-heiligabend-geimpft-wie-mich-eine-persoenliche-gotteserfahrung-nahtod-gegen-die-staatskirche-immunisiert-hat Die real-irrealen Geschehnisse hatten und haben in dem Zusammenhang einen Sinn, denn sie belegen den Wahrheitsgehalt meiner „Gotteserfahrung“, die sich ja nur in meinen Gehirn abgespielt haben könnte und nicht in der wirklichen Welt. Anfangs hatte sogar ich selber leise Zweifel, aber dann mehrten sich in meinem Umfeld erstaunliche und rätselhafte Ereignisse.
Einige der kleinen „Alltagswunder“ habe ich in meinem Blogbeitrag zu „Synchronizität“ bereits beschrieben. https://stellwerk60.com/2022/01/28/der-liebe-gott-am-alten-stellwerk-was-ist-eigentlsich-synchronizitaet/ Was jetzt verrückt klingen mag: Diese Geschichten spinnen sich gerne weiter, initiieren „Fortsetzungsgeschichten“. Zum Beispiel setzte sich die im Blog-Beitrag geschilderte Mutter-Tochter-Brillengeschichte, die in Köln, im Internet, vor allem aber in Durham/UK „spielt“, erst kürzlich fort:
Ich bin jetzt 65 und hadere mit dem Älterwerden, vor allem leide ich darunter, immer schlechter sehen zu können. Aber ich bin nicht bereit, mehr als 3 Euro für eine Lesebrille auszugeben. Eine mir wohlbekannte erwachsene Tochter (42), die ihre Mutter (72) gerne bevormundet, würde jetzt zu ihr sagen: „Weitsichtigkeit lässt sich kompensieren. Aber kauf dir diesmal eine Brille, die nicht gleich kaputt geht, wenn du dich drauf setzt.“ Meine Tochter (25), mit der mich eine alltagspraktische Seelenverwandtschaft verbindet, macht es anders. Allein in den letzten Wochen hat sie auf Spaziergängen am Rhein zwei robuste, gut erhaltene Fertiglesebrillen gefunden, und zwar genau in der Stärke, die ich mittlerweile leider brauche.
Eine andere Geschichte aus dem oben genannten Blog-Beitrag („Sensationsfund“ in der Bücherkiste) hat sich -wie von alleine- ebenfalls weiter erzählt:
Ich nahm mir vor, einen Beitrag über die Eitelkeit zu schreiben. Vermutlich, so überlegte ich, hat Wilhelm Busch („Max und Moritz)“ ein Gedicht zum Thema verfasst. Das hat er, nicht nur das eine, wie ich über eine Aphorismen-Seite im Internet heraus bekam. Das Gedicht, das mir zusagte, beginnt so: „Er stellt sich vor sein Spiegelglas… Und arrangiert noch dies und das…“ Weiterlesen: https://www.aphorismen.de/gedicht/126823
Zwar stehen unter dem Gedicht genaue Angaben über den Autor und zur Quelle des Gedichts, doch stimmen die Angaben? Ich selber besitze nur eine Ausgabe des Klassikers „Max und Moritz“. Wilhelm Busch, Zeichner und Komiker, ist ja vor allem für seine Bildergeschichten bekannt, in denen er kleinbürgerliche, urdeutsche Charaktere porträtiert. Diese wunderbar zeitlosen Bildergeschichten gelten als Vorläufer der modernen Comics.
Seine Gedichte hingegen sind kaum bekannt, eher auszugsweise als „geflügelte Worte“. Dass die berühmten Gedicht-Zeilen „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ von Wilhelm Busch stammen, weiß ich selber erst seit ein paar Tagen – aus dem Internet. Mir fehlte ein Buch mit dem Gedicht zur Eitelkeit, um die Angaben auf „aphorismen.de“ „verifizieren“ zu können. Wie gerne hätte ich dieses Buch!
Noch am selben Tag fand ich das Buch. Es stand zusammen mit drei anderen Büchern auf einem Stromkasten Ecke Thüringer/Gocher Straße: „Zum Mitnehmen“. In „Der fliegende Frosch“, einem Buch, das 2006 in kleiner Auflage veröffentlicht wurde, sind Gedichte aus verschiedenen Einzelveröffentlichungen zusammengestellt. Mir wurde schwarz auf weiß bestätigt, dass Buschs titelloses Gedicht zur Eitelkeit -wie auf „aphorismen.de“ angegeben- wohl tatsächlich aus „Kritik des Herzens“ stammt.
Den Beitrag über die Eitelkeit habe ich dann doch nicht geschrieben. Wilhelm Busch konnte sich über seine eitlen Zeitgenossen noch lustig machen. Heutzutage ist Eitelkeit nicht mehr verpönt – im Gegenteil. Selbst die öffentlich-rechtlichen Medien bieten all den Prominenten, die sich permanent zeigen, spreizen, darstellen und vorführen müssen, eine gigantische Bühne. Dabei verschwimmen die Unterschiede zwischen Information und Unterhaltung und die zwischen Entertainment und Politik. Seine schaurigen Höhepunkt erlebt die eitle Selbstzurschaustellung derzeit im völlig überdrehten, sinn-entleerten und geldaufgepumpten US-amerikanischen Wahlkampf.

Das sind alles kleine Alltagswunder, doch in meinem Umkreis passieren auch „Zeichen und Wunder“, die weit über meinen persönlichen Alltag hinausweisen.
Denn was bedeutet es, wenn an Fronleichnam 2022 bei strahlend blauem Himmel nur wenige Meter weit weg von unserem kleinen Garten eine weiße Taube landet? Diese weiße Taube war die erste weiße, die hier gelandet ist, aber auch die bislang einzige.
Die weiße Taube ist ein elementares Symboltier. „In vorbiblischer Zeit symbolisierte die Taube Frieden durch Fruchtbarkeit. Der weiße Vogel war das Zeichen der Göttin Har, von der das Wort Harmonie stammt. In diesem matriarchalen Kult des alten Orients stand das Tier auch für die weibliche Schöpfungskraft, ehe die patriarchalen Monotheisten es zu einem Friedensbotschafter Gottes umdeuteten: erst mit Olivenzweig im Schnabel als Hoffnungsträger in der Erzählung von Noahs Arche, später dann als Gestalt des Heiligen Geistes im Neuen Testament.“ https://taz.de/!5903034/ (Unbedingt lesenswerter TAZ-Artikel von Jannis Holl, Heiligabend 2022)
Nun handelt es sich bei der christlichen „Wiederauferstehung“ der Weißen Taube weniger um eine Umdeutung als um eine tiefgreifende historische Entmachtung. An die Stelle der naturgegebenen weiblich-göttlichen Schöpfungskraft setzt der patriarchale Mann die göttlich-männliche Schöpfungsmacht.
Doch so leicht lässt sich die Erinnerung nicht auslöschen. Die weiße Taube, die -kurz nach Beginn des Krieges in der Ukraine- ausgerechnet an Fronleichnam 2022 vor meinen Augen auf der Birke landete, führt die Friedensbotschaften der verschiedenen Religionen zusammen und verbindet Frieden mit Fruchtbarkeit.
In den großen christlichen Frühlings-Festen sind christliche und heidnische Elemente miteinander verquickt. Ostern feiern wir ja nicht nur die Wiederauferstehung Christi, sondern damit einhergehend das Wiedererwachen der Natur, die so mannigfaltig ist, dass kein Gott sie an wenigen Tagen hätte erschaffen können. Dass die Taube, deren Ankunft auf Erden wir eigentlich mit Pfingsten verbinden, an Fronleichnam auf der Birke landete, ist kein Zufall. Das Fronleichnams-Fest feiern die Katholiken nicht im geschlossenen Kirchenraum, sondern -im Rahmen der Prozessionen- unter freiem Himmel, dem Lebensraum der Tauben.
Die Taube bewegte sich kaum und blieb über eine Stunde dort sitzen, wo sie gelandet war. Auf der weißrindigen Birke, die als Symbol des Frühlings gilt, des Neubeginns und des Lichts.
Für die Naturwissenschaft ist „Mimese“ „ein biologisches Phänomen, bei dem sich ein Organismus an seine Umgebung anpasst, um sich zu tarnen oder für Räuber unattraktiv zu erscheinen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Mimese Doch eine Naturwissenschaft, deren Blick auf das Fressen und Gefressenwerden gerichtet ist, greift hier zu kurz.
Manchmal wollen sich die Tiere nicht tarnen oder warnen, sondern -im Gegenteil- sich uns zeigen. Sie suchen Orte auf, von denen sie magisch angezogen werden, mit denen sie sich durch Ähnlichkeit verwandt und wo sie sich aufgehoben fühlen. Alles ist mit Allem verbunden… Weiße Federn, weiße Rinde…. Die weiße Taube weist uns auf etwas hin: Die fragile Schönheit der Schöpfung.
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Sommer 2022: „Schöpfungswonne“