Elfchen im Ersten: Hochkulturfern

Vor ein paar Jahren bin ich einmal mit einer Nachbarin ins Gespräch gekommen. Sie leitete eine kleine Kindertagesstätte und erzählte mir, dass sie fast täglich Anrufe von Eltern bekommt, die einen KiTa-Platz suchen. Wenn sie den Eltern sagt, dass sie den Sinn ihrer pädagogischen Arbeit darin sieht, dass sich das Kind in der Kita wohl fühlt und gerne kommt, sind viele Eltern unzufrieden. Heutzutage wollen die Eltern weniger, dass ihr Kind spielt und Freunde findet, sondern dass es von Beginn an „gefördert“ wird und nach Möglichkeit eine Fremdsprache lernt.

Natürlich -das betonte auch meine Nachbarin- ist es wichtig, dass Kinder Anregungen bekommen, aber bitte ohne Leistungsdruck. Konkurrenzkampf und Mobbing beginnen schon im Kindergarten. Vor allem kleine Mädchen, die manchmal schon erschreckend früh ein Gespür für Psycho-Dramen haben, können richtig fies sein. (Das geht dann so: „Wenn du mit der Leonie spielst, bist du nicht mehr meine beste Freundin“, oder: „Wenn du mich nicht an deinem Eis lecken lässt, finde ich dich doof, und zwar für immer.“)

Meine beiden Töchter waren oft enttäuscht und verletzt. Sie verstanden solche Drohungen nicht und wollten sie auch nicht verstehen. Sie waren (und sind!) nicht gemacht für den Zickenkrieg, der sich im Laufe des Lebens zuspitzt, aber nie mehr so offen ausgetragen wird wie in der KiTa. Aus aufbrausenden Kindergarten-Zicken werden sanft lächelnde Führungskräfte und manchmal auch Politikerinnen, die sich Außenministerin nennen oder Vorsitzende der Europäischen Kommission oder Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag.

Wenn die Kinder ins Vorschul-Alter kommen, brauchen sie irgendwann „richtiges Futter“. Als sie fünf Jahre alt war, äußerte meine jüngere Tochter den Wunsch, zusammen mit einer Freundin nicht immer nur in den Kindergarten, sondern zur „musikalischen Früherziehung“ zu gehen. Der Kurs fand nicht in der Musikschule statt, sondern bei Martina, einer Akkordeonspielerin. Und das war gut so. Zwar wetteiferten die Kinder um Martinas Aufmerksamkeit, aber der Kampf hielt sich in Grenzen, denn Martina kümmerte sich um alle Kinder.

Die Kinder hatten viel Spaß. In der Gruppe lernten sie, dass man nicht nur mit der menschlichen Stimme Töne und Melodien erzeugen kann, sondern mithilfe von Musikinstrumenten. Und sie machten die Erfahrung, dass selbst die robuste Blockflöte empfindlich reagiert, wenn man nicht behutsam in sie hineinbläst, sondern allzu feste pustet. Anders als das seelenlose (wenn auch aufregende!) Carrera-Auto, das sich nicht mehr bewegt, wenn die Batterien leer sind, wird ja die Mundharmonika, wenn das Kind bläst, wieder lebendig.

Dieser Moment ist -und ich möchte einen mittlerweile leider ziemlich abgedroschenen Begriff verwenden- ein magischer Moment. Wenn es lernt, eine erste einfache Tonfolge zu spielen, ist jedes Kind schöpferisch, denn es haucht dem Musikinstrument Leben ein.

Die Blasinstrumente der Jetztzeit sind allesamt Weiterentwicklungen von Flöten wie dieser, der „Flöte vom Hohle Fels.“
Bei Ausgrabungen unter der Leitung des US-Archäologen und Tübinger Professors Nicholas Conard wurde im Jahr 2008 in der Höhle „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb nicht nur eine Flöte gefunden, die aus einem hohlen Gänsegeierknochen geformt ist, sondern man fand auch die Teile einer kleinen, aus Mammutzahn-Elfenbein geformten Frauenfigur mit ausgeprägten geschlechtlichen Merkmalen, der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“. Figurine und Flöte sind beide etwa 40.000 Jahre alt und gelten als die älteste bekannte plastische Menschendarstellung und das älteste je gefundene Musikinstrument.“ https://stellwerk60.com/2020/09/30/elfchen-im-neunten-puff/

Irgendwann hatte Kursleiterin Martina die Idee, mit den Kindern einen Ausflug zur Musikhochschule zu machen. Weil ich neugierig war, erklärte ich mich bereit, die Gruppe zu begleiten. Martina war gut gestimmt, aber sie verriet nicht, was sie vorhatte. In der Musikhochschule bewegte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit. Da sie da dort studiert hatte, war sie sozusagen Insiderin. Wie sich herausstellte, bereiteten sich an diesem Tag Sänger und Instrumentalisten in kleinen schallisolierten Kammern auf eine Aufführung vor. Martinas Idee war so einfach wie genial: Sie klopfte an die Türen, betrat mit den Kindern den jeweiligen Raum und bat jeden einzelnen Künstler (♀+), für die Kinder ein Kinderlied zu spielen bzw. zu singen. Die Musiker waren überrascht und überrumpelt. Es entstand so etwas wie eine andächtige Stille. Die Musiker sammelten sich, und nach einer Weile spielten alle mit.

In einer Sendung des Südwestrundfunks (SWR) vom 6.1.02023 führt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar einen sogenannten (vereinfachten) „Turingtest“ vor: Dreimal hintereinander wird eine kurze Klavier-Melodie eingespielt, und wir sollen raten, ob es sich beim jeweiligen Interpreten um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Wann spielt die Künstliche Intelligenz und wann der Mensch? https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/die-grosse-magie-der-klassischen-musik-ranga-yogeshwar-im-gespraech-100.html. (ca. Minute 32 ff.)

Wir Zuhörer (so das Lern- und Erkenntnisziel des Tests) sollen frappiert sein, denn tatsächlich lassen sich die Vorträge kaum auseinanderhalten. In ihrer Interpretation des Musikstücks sind Mensch und KI nahezu ununterscheidbar.

Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es auch nicht anders erwartet. Der Test wird zwar hübsch präsentiert, ist aber erschreckend schlicht, denn man ahnt von vornherein, was herauskommt: Die KI gewinnt. Ein netter Partygag, mehr nicht. Außerdem -das sollte Ranga Yogeshwar wissen!- sind Turing-Tests, die im Jahr 1950 vom Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurden, mittlerweile veraltet: „ChatGPT und andere moderne KIs, die auf einem Large Language Model (LLM) basieren, bestehen den Turing-Test inzwischen regelmäßig. Er gilt in der Wissenschaft deshalb als überholt.“ https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/technik/neuer-turing-test-soll-intelligenz-von-chatbots-untersuchen-13377685

Und doch habe ich einen Erkenntnisgewinn: Ist nicht, so frage ich mich, etwas faul am öffentlichen oder privaten Musikunterricht, wenn die kostspielige Klavierausbildung von Beginn an auf Perfektion und Optimierung ausgerichtet ist, auf Hochleistung und „Jugend musiziert“ und – nicht anders als im modernen Sportverein- auf die mögliche Profikarriere?

Und wird nicht so geübt, dass das Kind von Beginn an -ohne es zu ahnen- mit der künstlichen Intelligenz konkurriert?

Die Versuche, künstliche (und noch dazu musizierende!) Intelligenz zu erzeugen, sind nicht neu. Als im 18. Jahrhundert die ersten Lehrwerke für den Klavierunterricht herausgegeben wurden, wurde zwar offenbar, dass das Klavierspielen erlernbar ist, doch Menschen, die das Musikinstrument dann tatsächlich „beherrschten“, galten als besonders geistreich.

Da die Automatenmenschen besonders echt wirkten, wenn sie Musik machten, produzierte man künstliche Musikanten. So schreibt die junge Autorin Lisa Dasse: „Die Automaten entwickelten sich im Laufe der Jahre immer weiter. Das Ziel dabei war eine „immer perfektere Nachahmung der Natur.“[14] Jacques de Vaucansons, der von 1709 bis 1782 lebte, stellte 1738 seinen „nahezu lebensgroßen, hölzernen Flötenspieler vor. Er konnte 12 Melodien auf seinem Instrument spielen und erzeugte dabei die Töne nicht mehr einfach durch ein Uhrwerk in seinem Innern, sondern natur- und kunstgerecht durch die entsprechenden Zungen- und Fingerbewegungen.“[15] Dies war somit einer der ersten Automaten, welcher dem Ansporn, etwas sehr Menschenähnliches zu erschaffen, nachkam.“ https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/erforschen/romantik/automaten-romantik/#Beispiele Erhellender und kenntnisreicher geisteswissenschaftlicher Beitrag!

E.T.A. Hoffmann, großer Dichter der Romantik, war von den Möglichkeiten der Technik fasziniert, reagierte aber mit beißendem Spott auf die Auswüchse des Machbarkeitswahns und die Verführbarkeit seiner Zeitgenossen durch KI. In seiner Erzählung „Der Sandmann“ macht er uns mit dem Studenten Nathanael bekannt, der sich in eine künstliche weibliche Intelligenz namens Olimpia verliebt und wahnsinnig wird.

Das Konzert begann. Olimpia spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravourarie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias
Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er, wie von glühenden Ärmen plötzlich erfaßt, sich nicht mehr halten, er mußte vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien: „Olimpia!“
(Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1994, S.41)

Singvögel ahmen nicht nur das Zwitschern anderer Vögel nach, sondern auch Alltagsgeräusche. Aber sie wären niemals so verblendet, synthetische Klänge für wirklich zu halten.

Gern

lausche ich

den unbeugsamen Gesängen

der Rotkehlchen und bleibe

hochkulturfern

„In Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

Es gibt Leute, mit denen man niemals eine Wette abschließen sollte. Zu diesen Leuten gehört meine Nachbarin, die Frau Keuner. Im letzten Jahr haben wir eine Wette abgeschlossen, und zwar ging es da um die Neujahrsglückwünsche der Stadt Köln.

Wir waren uns kurz nach Weihnachten 2022 an der Zonser Straße über den Weg gelaufen. Die Frau Keuner auf dem Rückweg vom NETTO, ich auf dem Weg dahin.

Köln-Nippes, Bushaltestelle Zonser Straße, 10. Januar 2023

„Wat sagst du dazu“, hat die Frau Keuner damals gesagt und auf das Weihnachtsplakat gezeigt, das an der Bushaltestelle hing. „Da hat man einmal im Jahr Augenkontakt mit der Oberbürgermeisterin, wenn auch nur über ein Plakat. Dat letzte Bissken Bürgernähe. Und wat passiert? Die Stadt Köln bildet die Frau Reker nicht mehr ab. Und dat Plakat is so gesichtslos, dat könnte genau so in einer Bank-Filiale hängen. Sind wir Kunden oder wat?“

„Ich versteh das schon“, hab ich gesagt. „Es gab es doch vor zwei Jahren hier in Nippes diesen Anschlag auf das Weihnachts-Plakat, mitten im Lockdown. Damals hat die Frau Reker noch ihr Gesicht gezeigt. Aber irgendwer hat dann ihrem Konterfei eine schäbige Corona-Maske verpasst. Niemand hat sich die Mühe gemacht, die Maske zu entfernen. Überall liefen Personen vom Ordnungsamt rum, die hätten das ja machen können. Aber die waren damit beschäftigt, Atteste zu kontrollieren und Leute ohne Maske zu ertappen. Ich kenn jemanden, der unmaskiert in der U-Bahn war. Da haben die Ordnungskräfte an Heiligabend seinen Hausarzt privat angerufen und gefragt, ob das Masken-Attest auch seine Richtigkeit hat.“

„Und, hatte?“, unterbrach mich die Frau Keuner.

„Hatte.“

„Die Stadt spart“, hat die Frau Keuner gesagt. „Irgendwer muss denen doch die Sanierung der Oper finanzieren. Ein Plakat ohne Reker kann die Stadt Köln im nächsten Jahr wiederverwenden. Und Lisa, ich sach dir, ganau dat wird passieren.“

Weil ich das nicht glauben wollte, bin ich damals richtig heftig geworden: „Die Kölner Kommunalpolitik ist zwar nicht gerade bürgerfreundlich, aber so primitiv doch auch nicht. Unsere OB ist vielleicht ein bisschen leidenschaftslos, aber die Stadt Köln wird doch die alten Glückwünsche nicht noch mal aufwärmen. Frau Keuner, das glauben Sie doch selber nicht! Das wäre so, als würde man Weihnachtskarten vom Vorjahr verschicken. Das fällt doch auf. Frau Keuner, das wäre eine richtig fiese Resteverwertung. So geht man mit uns Menschen nicht um, nicht einmal in Köln! Die Stadt ist doch kein Wirtschaftsunternehmen.“

Die Frau Keuner hat nur gegrinst: „Um was wetten wir?“

Als dann ein Jahr später mein Blick auf die EXPRESS-Schlagzeile „Müssen den Gürtel enger schnallen“ fiel, kam mir die Wette wieder in den Sinn. Ich ahnte, dass die Frau Keuner Recht behalten könnte und dass ich mal wieder viel zu gutgläubig gewesen war. Doch weil ich an Köln hänge, tat es richtig weh, zusehen zu müssen, wie die Stadt zunehmend verrohte. Was war los mit unserer Kommunalpolitik, wenn die OB mit einer bieder-bevormundenden Redewendung lächelnd Sparmaßnahmen ankündigte, während zahlreiche Rentner kaum noch über die Runden kamen, Bürgergeld beantragen mussten und aus ihrem Veedel herausgedrängt wurden?

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Um das Interview mit Frau Reker zu lesen, habe ich mir am 16.12.2023 den EXPRESS gekauft. Henriette Reker (S.20): “Priorisieren heißt für mich, das Geld dort auszugeben, wo es absolut wirksam ist. Zeitenwende heißt für uns alle, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen.“ Ich kenne die spießige Redewendung aus meiner Jugend, als Familienväter das halbe Einkommen versoffen und zuhause gesagt haben: „Wir kommen schon über die Runden, wir müssen nur den Gürtel enger schnallen.“ Die Stadt Köln verhält sich wie der versoffene Familienvater, schlimmer noch: Die Stadt verhält sich wie der versoffene Familienvater, der, um den Suff zu finanzieren, die Sparschweine der Kinder plündert. Denn die, die den Gürtel enger schnallen sollen, das sind nicht die Politiker, sondern wir, diejenigen, die hier Steuern zahlen, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln.

Aber dann kam es nicht nur so, wie es die Frau Keuner vorausgesagt hatte, sondern schlimmer. viel schlimmer.

Das Plakat vom Vorjahr wurde tatsächlich wiederverwendet. Aber nicht nur das: Ausgerechnet in Köln-Nippes, direkt gegenüber vom Golde Kappes, ausgerechnet an einer Stelle, wo am Karnevals-Dienstag der Nippeser Veedels-Zoch entlangläuft, hatte man kurz vor Weihnachten das alte Plakat platziert und noch dazu in einer beweglichen Werbetafel mit Parfüm-Werbung zusammengebracht. War das bewusst geschehen oder nur passiert, weil die Presseabteilung der Stadt Köln den Überblick verloren und die Platzierung der Weihnachts-Botschaft nicht ausreichend kontrolliert hatte?

So oder so war es beschämend. Hatte der ehrgeizige Kölner Pressesprecher Alexander Vogel (FDP) den Fauxpas zu verantworten? Zweimal bereits war der smarte Herr Vogel in den letzten Jahren politisch gescheitert. Im Jahr 2021 hatten die GRÜNEN Vogels Vorhaben, auf Wunsch der Oberbürgermeisterin ihr Büro zu leiten, vereitelt. Und im Juni 2023 hatte der Wuppertaler Stadtrat Herrn Vogel, der sich in Wuppertal als Beigeordneter beworben hatte, bei einer geheimen Abstimmung wider Erwarten abgelehnt. Für die Niederlage mitverantwortlich war vermutlich eine schwere Medienpanne. Radio Wuppertal hatte bereits im Vorfeld Alexander Vogel zum Dezernenten gekürt. Eine Woche vor der Abstimmung lautete dort „vorlaut“ die Schlagzeile: JETZT OFFIZIELL: FDP-VOGEL WIRD DEZERNENT. https://www.radiowuppertal.de/artikel/jetzt-offiziell-fdp-vogel-wird-dezernent-1671356.html

Als sicher gilt, dass Alexander Vogel mit dem Ende der Ära Reker seinen Pressesprecher-Posten verliert. Niederlagen sind nicht gerade motivierend, aber man kann erwarten, dass ein Mann, der den Posten des Pressesprechers einer Millionenstadt innehat, seine Aufgaben mit Sorgfalt zu Ende führt.

War Alexander Vogel (FDP) jetzt alles egal? Mit erfolgsverwöhnten Jung-Politikern war, wenn sie scheiterten, nicht zu spaßen.

„Lecker, wa?“, sagt die Frau Keuner und grinst.

Wir sitzen an einem frühen Januar-Abend im Golde Kappes. Kürzlich hat man den goldenen Kohlkopf, der über dem Eingang hängt, abgenommen, weil er aufpoliert werden muss, aber das Kölsch schmeckt wie immer, vor allem der Frau Keuner. Die ist ausgesprochen gut gelaunt, wo sie doch die Wette gewonnen hat. Angeblich haben wir darum gewettet, dass ich sie ein ganzes Jahr lang mindestens einmal pro Woche auf ein Kölsch einlade, und „ein Kölsch“ ist für die Frau Keuner kein Singular.

Als die Frau Keuner im Dezember das Plakat vom Vorjahr entdeckt hat, hat sie direkt einen Lachanfall gekriegt. Sie hat dann die Beweis-Fotos an mich und ihre Düsseldorfer Bekannten geschickt, die sich natürlich total beömmelt haben. Die Frau Keuner und ihre Bekannten, das war eine Köln-Düsseldorfer Selbsthilfegruppe. Man schickte sich Fotos und lachte gemeinsam über die Missgeschicke der Düsseldorfer und der Kölner Kommunalpolitik. Fast alle Mitglieder der Selbsthilfegruppe waren Rentner, ungeimpfte Querdenker mit Galgenhumor.

„Dat der Kopp von der Frau Reker weiterhin fehlt, is ja schon praktisch“, sagt die Frau Keuner. „Sonst würde er sich mit dem von dem Model inne Wolle kriegen. Aber die Grafik ist ja mal mal wieder total misslungen. Wenn man ein Model zeigt, das feuchte Haare hat, muss man beachten, dass es in Köln viel regnet und eine Feuchtfrisur während einer lang anhaltenden Feuchtwetterphase, wie wir sie hatten, nicht gut ankommt. Und dat kräftige Teil im Bildvordergrund, dat den halben Raum einnimmt, is die fette Pfote ein Unterarm oder wat? Ich glaub ja, dass die Collage bewusst komponiert ist. Schwarzweißchen und Rosenrot, passt doch. Es wird ja gemunkelt, dass der Alexander Vogel ein Faible für Duftwasser hat, aber ich sach dir, Lisa, dass die Frau Reker als OB der Stadt von 4711 und Farina mitten im Weihnachtsgeschäft Werbung für ein Duftwasser von Narciso Rodriguez macht, dat geht nich.“ Während ich noch am ersten Kölsch nippe, setzt der Köbes der Frau Keuner ein drittes Glas vor.

„Ich will nicht wissen, wie die Reker riecht“, sagt die Frau Keuner. „Überhaupt kriegt man die Promis ja selten zu riechen. Aber Im Internet gibt es überall Informationen über die Lieblingsdüfte der Stars. Schauspielerinnen, Sängerinnen, Influenzerinnen. Der Elon Musk hat ja auch sein eigenes Müffel-Parfüm auf den Markt gebracht. Wenn du berühmt bist, kriegst du alles verkloppt. Frag mal die Kate. Die maßgeschneiderten Designer-Klamotten und der Schmuck von Diana sind natürlich unverkäuflich, aber die einfachen Klamotten, die die Kate in der Öffentlichkeit trägt, sind immer direkt ausverkauft. Und ihr Lieblingsparfüm gibt es für 67 Euro bei amazon. Dabei weiß die Kate, dass die Blase platzen und der Geld-Segen verpuffen kann. Hat sie ja gerade mit dem Partyartikel-Unternehmen ihrer Eltern erlebt. So schnell geht dat. Aber ich sach dir, Lisa, ich würde dir raten, doch nicht nach Düsseldorf zu ziehen.“

„Aber das hab ich auch gar nicht vor!“

„Ich hab da was von Unterbilk gehört“, sagt die Frau Keuner. „Aber Düsseldorf toppt Köln, was die Weihnachtsbotschaft und den Oberbürgermeister angeht.“ Und dann kreiert die Frau Keuner noch einen Kalauer, der so schön doof ist, dass sie sich damit als Büttenrednerin im Kölner Karneval bewerben könnte: „In Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister.“

Dr. Stephan Keller, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf. Ich habe das Plakat von einem Beitrag in der NRZ abfotografiert. Dieser bilderreiche Artikel, der zwei Autoren hat (Stephan Wappner und Celina Klauser), zitiert zahlreiche überwiegend kritische Reaktionen von Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürgern sowie aus der Lokalpolitik. Mein Lieblingsdüsseldorfer heißt Christoph S.: „Statt Geld für eine menschenfreundliche Stadt bereitzustellen, wird auf eine immer mehr zum Randphänomen werdende christliche Tradition Bezug genommen. Ästhetisch und politisch ist das Ganze nah an Rotbäckchen und Zwieback!“ (Fettung von mir) https://www.nrz.de/staedte/duesseldorf/duesseldorf-weihnachts-plakat-von-ob-keller-stoesst-auf-kritik-id240840948.html

Und weil der Köbes der Frau Keuner ein fünftes Glas Kölsch hinstellt, ohne dass sie es bestellt hätte -aber so ist das in den kölschen Braustuben eben-, ist die Frau Keuner so lustig und bescheuert drauf, dass sie den Bürgermeister mit dem Küchenmeister zusammenbringt: „In Köln ist Schmalhans Küchenmeister, doch in Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister.“