… Die äußerst bedrohliche Weltlage, kopflos agierende Politiker und persönliche Verletzungen haben es 2024 geschafft, mich zu knicken, zu lähmen und zu entmutigen. Aber jetzt ist es an der Zeit, die Opferrolle abzustreifen….
Aktuell haben die Verlage Suhrkamp und Insel auf ihrer Internet-Seite zehn Zitate zusammengestellt, um unter der Überschrift Kafka für alle Lebenslagen für Neuerscheinungen rundum den tschechischen Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) zu werben. https://www.suhrkamp.de/empfehlung/franz-kafka-fuer-alle-lebenslagen-10-zitate-b-4431
Kafka hätte die Sammlung furchtbar gefunden. Wir bekommen den Eindruck, er habe die Sätze als geflügelte Worte kreiert. In unseren Köpfen entsteht das Bild des schmunzelnden Lebensberaters, das Bild eines Mannes mit einer inneren Ruhe, die der schwerkranke Kafka zweieinhalb Jahre vor seinem Tod nicht hatte. Tatsächlich sind die Zitate wahllos aus größeren Textzusammenhängen gerissen. Der Satz Man kann ein Leben nicht so einrichten wie ein Turner den Handstand entstammt einem Tagebucheintrag vom 27.1.1922. Da dieser Eintrag hoffnungsvolle, „heitere“ Sätze enthält, sei er hier zitiert:
„27. (Januar 1922) Spindelmühle. Notwendigkeit der Unabhängigkeit von dem mit Ungeschick gemischtem Unglück des doppelten Schlittens, des zerbrochenen Koffers, des wackelnden Tisches, des schlechten Lichtes, der Unmöglichkeit im Hotel nachmittag Ruhe zu haben udgl. Das ist nicht zu erreichen indem man es vernachlässigt, denn es kann nicht vernachlässigt werden, das ist nur zu erreichen durch Heranführung neuer Kräfte. Hier allerdings gibt es Überraschungen, das muß der trostloseste Mensch zugeben, es kann erfahrungsgemäß aus Nichts etwas kommen, aus dem verfallenen Schweinestall der Kutscher mit den Pferden kriechen… Die abbröckelnden Kräfte während der Schlittenfahrt. Man kann ein Leben nicht so einrichten wie ein Turner den Handstand…“ https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/tagebuch/chap013.html (Fettung von mir)
Wer sich mit Franz Kafka beschäftigt und die Tiefe, Bildkraft und Wahrhaftigkeit seiner Literatur nicht aushält, der gebe „Kafka to go“ in die Suchmaschine ein. Das Ergebnis ist Sommers Weltliteratur to go, „präsentiert von Reclam“, das uns „die Verwandlung“ in 11 Minuten präsentiert. Die handelnden Personen, „verkörpert“ von Playmobilfiguren, sind hübsch, aber alle gleich geformt -ähnlich wie die leckeren Lindt-Weihnachtsmänner, die sich nur durch die Verpackungs-Folie unterscheiden- Wenn junge Leute in der Schule, anstatt das Original zu lesen, direkt den Film sehen, werden sie für immer Kafka mit den Hohl-Figürchen verbinden. Das ist blöde und verblödend, denn die Köpfe der Menschen sind eh schon voller Plastikfiguren, Barbie, Ken… Und jetzt Gregor Samsa, auch das noch!
Der Physiker Albert Einstein (1879-1955) könnte sich nicht einmal im Grab umdrehen, denn sein Leichnam ist eingeäschert worden – bis auf seinen Kopf, den man vor der Einäscherung entfernt hat, was gegen Einsteins Willen geschah. „Nach Einsteins Tod ging ein Pathologe erschreckend skrupellos mit dessen Hirn um – mit dem Ziel, die Basis des überragenden Intellekts zu ergründen. Er scheiterte spektakulär. Noch immer wissen wir kaum etwas über den biologischen Ursprung von Genialität, falls es ihn überhaupt gibt.“ https://w ww.spektrum.de/news/neurowissenschaft-einsteins-gehirn/1374737 In seinem scharfsinnigen und humorvollen Artikel schreibt der hier zitierte US-Mathematiker Brian Burell (Amherst College) weiter: „Am 18. April 1955 starb Albert Einstein an den Folgen eines gerissenen Aneurysmas im Krankenhaus von Princeton. Nur Stunden später entnahm der diensthabende Pathologe Thomas Harvey das Hirn des Genies und konservierte es. Er tat dies, ohne die Erlaubnis der Familie einzuholen, und widersetzte sich Einsteins ausdrücklichem Wunsch, eingeäschert zu werden. Erst im Nachhinein gelang es Harvey, sich von Einsteins Sohn Hans Albert den Segen für seine Aktion geben zu lassen, indem er ihn davon überzeugte, allein zum Wohl der Wissenschaft gehandelt zu haben.“ (s.o.)
Doch Harvey, der das Genie weder ausfindig machen noch verorten konnte, ging noch einen Schritt weiter. Mit Hilfe der Präparatorin Marta Keller, die Zutritt zum Labor der Pathologie an der University of Pan hatte. konnte Harvey seine perversen Zerstückelungsphantasien umsetzen. Keller „führte mit den damals modernsten Methoden und nach Harveys genauen Vorgaben Gewebeschnitte durch – acht Monate lang. Dazu entnahm sie insgesamt 240 Stücke des Gehirns, bettete sie in eine Lösung namens Celloidin, fertigte von jedem Stück Mikroskoppräparate an und färbte die Gewebe. So entstanden zwölf Sets von Objektträgern, die Harvey an seine Kollegen verschickte. Keiner von ihnen fand etwas Ungewöhnliches an den Zellen.“ https://www.spektrum.de/news/neurowissenschaft-einst
Man sollte meinen, dass Einsteins Gehirn in wissenschaftsgerechten Happen heutzutage keine voyeuristischen Blicke mehr anzieht, aber so ist es leider nicht. Zwei dieser Schnitte wurden im Jahr 2018 im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster gezeigt.
Doch was führt dazu, dass manche Menschen ihre genialen Mitmenschen posthum (aus)schlachten?
Große
Geister sind
von kleinen nur
zerkleinert und konserviert zu
ertragen.
