Elfchen im Zehnten: DEINE APOTHEKE IMPFT

Damit

niemand mit

dir schimpft: DEINE

APOTHEKE IMPFT. Komm nur

herein…

P1080585

Schaukasten vor der alteingesessenen Adler-Apotheke in Köln-Nippes, Oktober 2022.

Um mit den Internet-Apotheken konkurrieren zu können, setzen die Apotheken vor Ort zunehmend auf den direkten, persönlichen Kontakt zu den Menschen. Hierbei bekommen sie Rückendeckung von der Bundesregierung. Bereits im Sommer 2019 wurde das „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ auf den Weg gebracht. In der Pressemitteilung des BMG wird der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zitiert: „Die Apotheke vor Ort ist für viele Menschen ein Stück Heimat – und eine wichtige Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. Darum erhalten Apothekerinnen und Apotheker künftig mehr Geld für neue Dienstleistungen. Wir sorgen für einen fairen Wettbewerb zwischen Vor-Ort-Apotheken und Versandapotheken. Künftig gilt der gleiche Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel bei der Abgabe an gesetzlich Versicherte. So sichern wir die Arzneimittelversorgung in der Stadt und auf dem Land.“ https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2019/3-quartal/staerkung-der-vor-ort-apotheken.html

Um die neuen Privilegien und die guten Beziehungen nicht zu gefährden, haben sich die Apotheken von Beginn an hinter die staatlichen Corona-Maßnahmen gestellt. Im Frühjahr 2020 startete die apothekeneigene Unternehmensgruppe NOVENTI die „Initiative gegen Corona“, die das Ziel verfolgt, „zur Aufklärung der breiten Bevölkerung mit aufmerksamkeitsstarken Motiven beizutragen.“ Plakate wurden entworfen und an alle Apotheken verschickt. Eine erste Plakat-Botschaft von NOVENTI und Medienpartner BILD: „Bring Corona nicht zur Oma“. Diese Aufforderung, die mit „Aufklärung“ allerdings herzlich wenig zu tun hat, richtete sich an Angehörige, die einen großen Bogen um ältere Familienmitglieder machen sollten.

Mit Corona, so schrieb ich vor zwei Jahren an dieser Stelle, hat die die Gesundheitswerbung, was alte Menschen betrifft, eine vermeintliche Kehrtwende gemacht. „Nachdem in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien herausfanden, was der gesunde Menschenverstand ohnehin wusste, dass nämlich Berührungen der Gesundheit zuträglich sind, wurde im Jahr 2019 von der Krankenkasse DAK körperliche Nähe zu alten Menschen propagiert. Im Befehlston hieß es da: „Geht Omas drücken!“ Ab März war (und ist!), gerade was ältere Menschen betrifft, überall Distanz angesagt. Schnoddrig-lässig heißt es unrein gereimt von oben herab: „Bring Corona nicht zur Oma.“… Von älteren oder alten Frauen generell als von „Omas“ zu reden, ist respektlos. Die Anrede „Oma“ diffamiert, wenn es nicht die eigene ist. Wenn wir Skat oder Doppelkopf spielen und so gute Karten bekommen, dass wir gar nicht anders können als zu gewinnen, haben wir ein „Oma-Blatt“ auf der Hand. „Oma“ ist lieb, aber ein bisschen beschränkt, dümmer als „Opa“, falls es den noch gibt.“ https://stellwerk60.com/2020/10/19/elfchen-im-zehnten-was-ist-mit-unserer-gesellschaft-geschehen-wenn/

Im Frühjahr 2020 war noch keine Impfung auf dem Markt, auch nicht für die bedrohte Oma, aber es wurde bereits fieberhaft daran gearbeitet. Auch am guten Verhältnis der Apotheke zu Oma, denn Oma ist Stammkundin, misstraut den neuen Medien und würde ihre Rezepte niemals im Internet einreichen.

Eine ausgesprochen gute Kundin ist Oma schon deshalb, weil sie in der Regel an verschiedenen chronischen Krankheiten bzw. Beschwerden leidet und die entsprechenden ihr verschriebenen, aber auch frei verkäufliche Medikamente einnimmt. „Bei rund 42 % der über 65-jährigen gesetzlich Versicherten liegt nach dem Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) Polypharmazie (fünf oder mehr Wirkstoffe) vor.“ Polypharmazie, d.h. die gleichzeitige und andauernde Einnahme verschiedener Medikamente, verbessert Omas Befinden allerdings nicht unbedingt, im Gegenteil: https://www.aerzteblatt.de/archiv/182151/Polypharmazie-Tendenz-steigend-Folgen-schwer-kalkulierbar

Herbst 2022: Der Schaukasten der Nippeser Adler-Apotheke ist neu bestückt. Die Metallplatte unter dem Kasten ist frisch poliert, das Graffiti entfernt. Man gibt sich seriös, denn „DEINE APOTHEKE IMPFT“. Ein weiteres, transportables Schild im Eingang der Apotheke verrät, dass „wir“ nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen Grippe impfen. Das ist möglich, weil der deutsche Bundestag im Mai 2022 das Pflegebonusgesetz verabschiedet hat. Im Zusammenhang mit dem Gesetz hat man auch den Weg frei gemacht „für die Grippeimpfung in der Apotheke – sie wird nun Teil der Regelversorgung und damit unabhängig von Modellprojekten bundesweit möglich.“ https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/05/19/bundestag-gibt-gruenes-licht-fuer-regelhafte-grippeimpfungen-in-den-apotheken

Oma darf längst wieder auf die Straße gehen, auch in die Apotheke, wo sie ihre Medikamente bekommt. In der Apotheke fragt man Oma nach ihrem Impfstatus. Oma ist es unangenehm, sagen zu müssen, dass sie sich noch nie gegen Grippe hat impfen lassen. Um die Apothekerin für sich einzunehmen, sagt sie: „Bitte nicht schimpfen.“ Doch die freundliche Apothekerin schimpft nicht, sondern lächelt. Aber sie macht Oma darauf aufmerksam, dass die Ständige Impfkommission den über 60jährigen beide Impfungen empfiehlt, die gegen Grippe und die gegen Corona. Selbstverständlich seien beide Impfungen auch in der Apotheke kostenlos. Aber Oma solle sich Zeit lassen, es gäbe ja noch Termine im November und im Dezember. Dann will die Apothekerin noch wissen, ob Oma als gesetzlich versicherte Person über 60 Jahre Post vom Gesundheitsminister erhalten habe. Der Brief von Karl Lauterbach enthalte leider einen Fehler, denn es werde nicht erwähnt, dass man sich auch in der Apotheke impfen lassen könne.

„Der Brief enthält nicht nur Fehler, sondern ist ein Fehler“, sagt Oma und lacht. „Diesen Jammerlappen kann ich leider nicht mehr ernst nehmen. Das Schreiben ist eine als persönlicher Brief getarnte Werbepost. Da sind mir die Wurfsendungen von Kaufland oder REWE lieber, da wird der Preis, den ich zahlen muss, offen genannt.“

„Aber die Impfung ist kostenlos.“

„Ja eben,“ sagt Oma. „Man muss immer skeptisch sein, wenn ein Geschäftsmann einem was schenkt. Vor allem als alter Mensch.“

„Aber unser Bundesgesundheitsminister ist doch kein Geschäftsmann“, sagt die Apothekerin.

„So wenig, wie Sie eine Geschäftsfrau sind“, entgegnet Oma. „Außerdem enthält der Brief Halb-Wahrheiten. Für den neuen BA.5- Impfstoff gibt keine klinischen Studien, seine Wirkung wurde nur in Tierversuchen belegt, und in Europa ist der Impfstoff nur deshalb zugelassen, weil angeblich immer noch ein Notfall vorliegt. Und dabei liegt der Schutz vor einer Ansteckung vermutlich bei nicht einmal zehn Prozent.“

„Ich würde Ihnen die Impfung übrigens dringend empfehlen“, sagt die Apothekerin. „Dringend.“

„Sie wissen doch, wie viele Medikamente ich einnehme“, sagt Oma. „Da muss ich nicht noch geimpft werden. Ich habe gerade noch einen Artikel über Medikamentenmissbrauch bei alten Menschen gelesen.“

„Sie sind aber eine ganz Schlaue“, piepst die Apothekerin. „Und woher meinen Sie die Informationen über die Impfung zu haben?“

„Aus einem Interview mit Alexander Kekulé“, antwortet Oma. „Auf t-online.de. Ein kluger Mann. Da kommt der Lauterbach nicht mit. Der Lauterbach denkt viel zu gradlinig, um unsere aus den Fugen geratene Welt noch zu begreifen. Und er macht ständig doofe Fehler. Der hat tatsächlich vergessen, den Brief persönlich zu unterschreiben. Dadurch wirkt das Schreiben stocksteif, was im Fall von Lauterbach natürlich auch wieder authentisch ist. Ich meine, eine Kopie der Unterschrift hätte ja auch gereicht. Der einzige Farbtupfer ist der schwarz-rot-gelbe Streifen im Briefkopf. Aber was überhaupt nicht geht, ist, dass das Datum fehlt. Wahrscheinlich will Lauterbach den Brief im nächsten Jahr wiederverwenden. Aber ich muss jetzt.“

„Auf Wiedersehen“, sagt die Apothekerin.

„Auf Wiedersehen“, sagt Oma. „Und Frohes Neues Jahr.“ Tänzelnden Schrittes verlässt sie die Apotheke.

„Der Populismus fährt Fahrrad“- Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Freu Keuner.

„Tach auch“, sach ich. Wir sind an der KiTa Lummerland verabredet. Die Frau Keuner hat mich angerufen und darum gebeten, in der Nähe der KiTa ein paar Fotos von ihr zu machen, und mein Fahrrad soll ich mitbringen. Jetzt steht sie da, hält die Griffe des Rollators umklammert und mustert mich grinsend.

„Fotos von mir?“, sagt die Frau Keuner. „Dat dachtest du dir so. Ich seh mit Ende 60 zwar immer noch besser aus als du mit knapp Mitte, aber dat muss ja nich sein.“

„Aber, aber“, stammele ich. „Sie haben mich doch darum gebeten. Das war Ihre Idee. Ich meine, ich sollte Sie doch fotografieren.“

„Du lässt dir aber auch alles erzählen“, sagt die Frau Keuner und lacht breit. „Aber ne wirklich schicke Frisur.“

„Danke“, sage ich. „Aber ich war seit zweieinhalb Jahren nicht mehr beim Frisör.“

„Dat sieht man“, lacht die Frau Keuner. „Deine Haare sehen aus wie n oller Wischmopp. Ich meinte dein Fahrrad. Wenn Männer ihre Fahrzeuge frisieren, dann motzen die die technisch auf. Aber wenn Frauen ihre Fahrräder frisieren, dann schmücken sie die Körbe mit Blömscher. Aus Kunststoff. Hömma Lisa, du hast Kunststoff-Blumen gekauft.“

„Ich, ich… Ich hatte die noch.“

„Ja, ja“, sagt die Frau Keuner. „Und du dachtest wohl, ich würde mich auf dein Fahrrad setzen. Wie soll dat wohl gehen mit meiner kaputten Hüfte? Außerdem hab ich nicht die Top-Figur, die der Joe Biden immer noch hat. Der Joe hat ja im Juni an seinem 45. Hochzeitstag mit der Jill zusammen eine Radtour gemacht, bei sich zu Hause in Delaware. Dabei trug er diese kurze Hose, die er seit 40 Jahren im Schrank hat. Ich sach dir, vielleicht ist der im Kopf nicht mehr klar, wenn er das jemals war. Ich meine, der Mann ist ja schwer traumatisiert. Joe Biden macht eine furchtbare Kriegs- und Coronapolitik, aber körperlich gibt er immer noch eine Top-Figur ab. Sogar in der ollen Buxe.“

Die Frau Keuner holt eine Wasserflasche aus dem Netz. „Ich krieg die Pulle nicht auf. Hast du noch Kraft in der Hand?“

Sie hat einen verdammt wunden Punkt erwischt, aber ich schnapp mir die Flasche. Zum Glück lässt sich der Drehverschluss leicht öffnen. „War halb so schwer“, sage ich.

„War ja eh schon auf“, sagt die Frau Keuner und lacht.

Sie beruhigt sich langsam und nimmt einen Schluck Wasser. „Zurück zu Joe Biden. Wat ja an den Männern definitiv schöner ist als an den Frauen, dat sind die Beine. Keine Cellulitis. Und der Joe Biden, der hat noch richtig schöne Beine. Dat wüsste ich nicht, wenn er auf seiner Radtour nicht mit dem Fahrrad umgekippt wär. Die Bilder gingen ja um die Welt. Ich hab mir dat bei Youtube angeguckt. Also… Die Radfahrergruppe kommt ins Bild, bissken steif dat Ganze, aber egal… Die Gruppe fährt auf eine Weggabelung zu, an der schon die Kameras bereit stehen. Jill und die anderen biegen ab, aber Joe fährt geradeaus weiter, weil am Straßenrand die Presseleute auf ihn warten. Joe trägt zu seiner Sicherheit einen Helm, doch der Sicherheitsmann, der hinter ihm fährt, trägt zu Joe’s Sicherheit keinen, weil so ein Helm beim Personenschutz hinderlich ist. Kannst du mir noch folgen?“ Ich nicke nur.

„Also“, fährt die Frau Keuner fort. „Joe kommt bei den Journalisten an, bremst und setzt den Fuß auf den Boden, den linken Fuß. Joe steht, und jetzt erst kippt er um, denn er kriegt den rechten Fuß nicht aus der Pedal-Schlaufe. Joe verliert das Gleichgewicht. So was passiert, ältere Menschen kippen schnell um, geht mir auch so. Und der Biden muss das Gefühl gehabt haben, dass er bei den Journalisten in Sicherheit ist, dass er sich fallen lassen kann. Doch da hat er sich verschätzt. Denn jetzt kommt der eigentliche Skandal… Niemand fängt Joe auf, die stehen da doof rum. War so nicht geplant. Aber anstatt den Joe festzuhalten, halten die Journalisten ihre Kameras fest, um zu filmen, wie der umkippt, weil niemand ihn festhält. Früher waren die berühmten Leute schlauer, da haben die sich vor den Paparazzi in Sicherheit gebracht und sind nicht noch auf die zu.“

Die Frau Keuner trinkt noch einen Schluck Wasser und packt dann die Flasche weg. „Der Joe ist schneller wieder auf die Beine gekommen, als ich gucken konnte. Und du, Lisa, du bist 16 Jahre jünger als Joe, aber du siehst auf dem Rad lange nicht so gut aus wie der. Du kannst ja nicht einmal mehr einhändig fahren. Ich hab dich letztens beobachtet, wie du mit der linken Hand dat alte Nokia-Teil ans Ohr gehalten hast und fast einen Pfosten touchiert hättest.“

Ich guck die Frau Keuner fragend an. „Wo soll das gewesen sein?“

„Wagenhallenstraße Richtung Wartburgplatz. Das kann teuer werden, auch in der Füßgängerzone. Du kannst so was von froh sein, dass du nicht prominent bist. Wenn man prominent ist, sitzt immer eine von diesen Medien-Petzen im Gebüsch und wartet darauf, dass man einen Fehler macht. Hömma, Lisa, du warst ja nie besonders sportlich, aber dat war dermaßen ungelenk.“ Jetzt lacht sie dreckig.

Ich bin machtlos und in dieser Kleine-Schwester-Schockstarre. Ich kann mich nicht wehren, denn ich bewundere die Frau Keuner, wie ich kleines Mädchen meine große Schwester bewundert habe, so fies die auch manchmal war. Meine große Schwester hat es immer wieder geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Sie konnte schon lesen, als ich noch nicht einmal in der Lage war, die Bilderbücher richtigrum aufzuklappen. Meine große Schwester, das war so eine, die schon bis über tausend zählen konnte, während ich drei Finger abspreizen musste, um zu zeigen, dass ich drei Jahre alt war.

„Hömma, Lisa“, sagt die Frau Keuner, „jetzt stellst du dein Fahrrad an genau die Stelle, die ich dir sach. Wir machen ein paar Fotos, und diese Fotos stellst du als Dia-Show in deinen Blog. Dein letzter Blog-Beitrag über das Zuführungsgleis war ja nicht übel, aber da fehlt was.“

„Wieso?“, frage ich leise. „Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht?“

„Da fehlt der Jochen Ott, unser SPD-Landtagsabgeordneter. Der Ott is ja unser Nachbar, der wohnt zwar nich in der autofreien Siedlung, aber in der daneben, mit Tiefgarage, aber auch direkt anner S-Bahn… Der Ott ist für das Zuführungsgleis, zumindest ist er nicht dagegen. Man kann aber nur für das Gleis sein, wenn man selber lärmgeschützt wohnt, und das tut er, der Ott hat nämlich sein schmuckes Reihenhäusken mitten in der bewohnten Lärmschutztrutzburg.“

„Lärmschutztrutzburg“?

„Jau“, sacht die Frau Keuner, „der bewohnte Lärmschutzriegel geht nämlich noch umme Ecke. Du sitzt doch den ganzen Tach am Rechner. Gib da mal „Am Ausbesserungswerk Köln“ ein. Da guckst du dann von oben drauf, und mit ein bisschen Phantasie erkennst du die Hintergedanken der Bauplaner. Die haben schon vor dem Bau der Siedlungen das Zuführungsgleis eingeplant – und den Lärm, den das macht. Falls das Gleis gebaut wird, bilden die Häuser „Am Ausbesserungswerk“ die bewohnte Mauer einer Lärmschutz-Trutzburg, und die Mieter, die in den Mauern der Trutzburg wohnen, sind menschliche Lärmschutzschilder.“

„Das kann man doch so nicht sagen!“

„Oh doch, die Mieter schützen die Reihenhaus-Besitzer, denn die Menschen, die „Am Ausbesserungswerk“ zur Miete wohnen, kriegen den Lärm ab, aber wohnen Leuten wie dem Ott den Lärm fott. Sozial gerecht ist das nicht. Und wenn dann das Zuführungsgleis gebaut wird, sitzt der Ott im Lärmschatten der bewohnten Mauer in seinem Reihenhausgarten und füttert den Hund. Und wie ich ihn kenne, füttert er seinen Hund aus Kostengründen mit den aufgetauten Resten von Kochen mit Jochen. Da guckst du. Kochen mit Jochen war eine Werbeaktion im Landtags-Wahlkampf 2010. Da hat der Ott noch auf der Schäl Sick kandidiert und mit Kindern und Jugendlichen zusammen gekocht, und zwar in Jugendeinrichtungen. Afrikanisch, italienisch, international, politisch absolut korrekt. Kochen mit Jochen würde in Nippes nicht ankommen. Aber der Mann ist schon lustig. Seinen Wahlkampf-Podcast zum Thema Schule hatte der Ott Ottcast genannt. Is dat nich süß? Da fehlt nur noch der Jottifant.“

„Frau Keuner, ich komm jetzt nicht mehr mit.“

„Is ja nix Neues“, lacht die Frau Keuner. „Du bist eben ein bisschen langsam im Kopp. Aber nochmal zum Ott. Das ist wie beim Olaf Scholz. Nur weil seine Partei die SPD ist, meinen die Leute, er hätte Ähnlichkeit mit Johannes Rau oder Willy Brandt. Mädchen, die hat er nicht. Der Ott war mal Oberstudienrat, und ich sach dir, dat bleibt. Der Ott ist ein Berufspolitiker, der sich einen Top-Job mit Super-Rentenerwartung geangelt hat. Guck dir mal die Internetseite an. Was macht für Jochen Ott Wohnen aus? Dass es „bezahlbar“ ist. Hört sich gut an. Doch abgesehen davon, dass die Nippeser Mieten extrem gestiegen sind: Was hat man von bezahlbarem Wohnraum, wenn im Schrank die Teller wackeln, weil die S-Bahn vorbeifährt? Und zwar jetzt schon. Was hat man von einer Wohnung im beliebten Veedel, wenn jetzt schon ständig die Fenster geputzt werden müssen? Flugrost, Feinstaub, Ruß. Wenn Wahlkampf ist, wird der Ott aktiv, da zeigt er sich, da geht er strahlend über den Nippeser Markt. Und jetzt? Grimmig. Total verschlossen. Wenn kein Wahlkampf is, hört man nix mehr von ihm. Und jetzt stell dein Fahrrad genau da hin, wo der Ott seins für das Wahlplakat platziert hat.“ Die Frau Keuner zeigt mir die Stelle.

„Erinnerst du dich nicht an das Wahlplakat? Davon hast du mir doch das Foto geschickt. Vor der Landtags-Wahl hingen hier doch überall diese Werbeplakate. Nur so kleine für Radfahrer und Fußgänger, aber trotzdem ärgerlich, weil die Sprüche von Wahl zu Wahl dümmer werden. Wat stand unterm Ott? „MOTIVIEREN. MITNEHMEN. EINFACH MACHEN.“ Wat soll dat, wer soll wozu motiviert werden, wohin mitgenommen, und wat soll einfach gemacht werden? Und dann noch dreimal das „M“, das die Kölschen immer an die Spitzen vom Dom erinnert. Mann, Macht, Muskeln… Das darf doch alles nicht wahr sein…“

„Ist Ihnen nicht gut?“ frage ich leise, denn die Frau Keuner ist plötzlich ganz blass geworden.

„Schon gut“, sagt die Frau Keuner, „aber ich kann die politischen Knallköppe manchmal nicht mehr ertragen. Die tun so, als wäre alles wie immer. “ Sie atmet tief, macht eine kleine Trinkpause und redet gottseidank weiter. „Hömma, ich hab mir überlegt, wo in Köln das Foto mit dem Ott aufgenommen ist. Ich dachte, in einer weitläufigen Parklandschaft, vielleicht im Stadtwald. Dann hab ich genauer hingeguckt, und auf einmal kam mir alles bekannt vor. Hömma, dat spielt genau hier, wo wir stehen. Mit Blick auf die große Wiese zwischen den beiden Eisenbahnersiedlungen, zwischen der autofreien Siedlung und der Hohr-Siedlung, auf das grüne Zwischen-Stück, das sie nicht bebaut haben. Im Hintergrund sieht man die Bahntrasse. Der Ott präsentiert uns sein Fahrrad. So macht man sich bei den Leuten in der autofreien Siedlung beliebt. Der Populismus fährt Fahrrad. Aber den Wahlkreis hat dann doch der Arndt Klocke von den GRÜNEN geholt. Der Ott kommt hier im Viertel nicht besonders gut an.“

Jetzt singt die Frau Keuner auch noch. „Ja so blau, blau, blau ist der Jochen Ott, ach wat is der flott, ach wat is der flott… Es gibt da einen alten Trick, der Fotograf hat sich hingekniet und den Ott von unten fotografiert, damit er so richtig groß und mächtig ins Bild kütt. Stattlich ist er ja schon, aber so raumeinnehmend. Ich hab hab ja nichts dagegen, wenn die Männer raumeinnehmend sind, aber nicht so und schon gar nicht im öffentlichen Raum, du verstehst schon. Hömma, jetzt bist du rot geworden, Lisa. Findest du doch auch gut, wenn die Männer…“

„Unsinn!“

„Schon gut“, sagt die Frau Keuner. „Aber jetzt mach schon. Du kniest dich jetzt aber nicht hin, Lisa. Ich trau dir zwar zu, dass du wieder hoch kommst, aber mach die Fotos bitte im Stehen, denn man will ja noch wat vonner Landschaft sehen. Und wat fällt dir an dem Wahlplakat noch auf?“ Ich zucke die Achseln.

„Der Fotograf hat das Ausbesserungswerk abgeschnitten“, sagt die Frau Keuner. „Vielleicht wollte es der Ott so. Deshalb klebst du in deiner Diashow das Stück wieder dran. Mach mit deiner kleinen ollen Kamera einfach einen Schwenk, damit die Südseite vonner Lärmschutztrutzburg draufkommt. Fotografier die Balkone, aber auch die Lüftungsöffnungen vonner Tiefgarage. Mach schon.“

„Gut so“, kommentiert die Frau Keuner die Fotos. „Aber da is noch wat. Auf seiner Internetseite schreibt der Ott, dass er 60-70 Stunden in der Woche arbeitet. Wie konnte es da passieren, dass er vor sieben Jahren einen richtig guten Vorstoß der NRW-Landesregierung verpasst hat?“ Sie macht eine Pause, schließt die Augen und atmet tief durch.

„Jetzt muss ich mich konzentrieren, damit ich das noch zusammenkriege“, sagt die Frau Keuner. „Also… Da haben verschiedene Bundesländer ein Eckpunktepapier zum Thema Bahn-Lärm vereinbart. Und unser damaliger grüner NRW-Umweltminister Johannes Remmel hat die Bundesregierung aufgefordert, die Menschen besser vor Bahnlärm zu schützen und das in der Verkehrslärmschutzverordnung zu verankern. Der Bund hat leider nicht entsprechend reagiert, da is nix verankert, obwohl die Faktenlage eindeutig ist. Bahnlärm ist extrem gesundheitsgefährdend. Ich schick dir den Link. Is ganz einfach zu finden, denn die Pressemitteilung steht immer noch auf der offiziellen NRW-Internetseite.“

https://www.land.nrw/pressemitteilung/minister-remmel-bahnlaerm-macht-die-menschen-krank

„Aber der Ott war doch vor sieben Jahren in der Kommunalpolitik aktiv“, sage ich.

„Nicht nur“, sagt die Frau Keuner. „Der war auch im Landtag. Und die Pressemitteilung der NRW-Landesregierung ist vom 9. Juni 2015. Die kennt der. Nur war da gerade Oberbürgermeister-Wahlkampf. Weißt du noch? Der Ott ist doch gegen die Henriette Reker angetreten. Und ich sach dir, weil nur vier Monate später Wahl war, hatte der Ott keinen Bock, nach Düsseldorf zu fahren. Aber jetzt müsste er endlich aktiv werden. Die Herzen der Nippeser gewinnt man nicht beim „Kochen mit Jochen“, nicht mit Spaghetti Bolognese, sondern indem man sich für das Wohlergehen der Menschen einsetzt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: MDL Jochen Ott (SPD) solidarisiert sich mit den Kölner Bürgerinnen und Bürgern gegen die menschenfeindlichen Pläne der DEUTSCHEN BAHN. Aber jetzt kann ich nicht mehr länger rumstehen.“

Die Frau Keuner macht ein paar Schritte und redet dann weiter. „Mach bitte noch ein letztes Foto, Lisa. Stell dich auf den Weg vor der sonnenbeschienenen Südseite des Ausbesserungswerks und fotografier die Wiese, aber sieh zu, dass du ein paar von den 13 Bäumchen draufkriegst, die die Stadt Köln in diesem Jahr neu gepflanzt hat… Die Menschen, die auf der Südseite der Lärmschutztrutzburg wohnen, haben schöne große Balkone. Da füttern sie die stolzen Halsbandsittiche, die sich in den letzten Jahren prächtig vermehrt haben. Ich freu mich so sehr, dass den Papageienvögeln in den milden Wintern die Krallen nicht mehr abfrieren. Es ist mir ein Trost, wo es schon keinen Schnee mehr gibt… Und weil sich der Bahnlärm noch in Grenzen hält, können die Leute im Sommer auf den Balkonen sitzen und Spaß haben an den Fledermäusen, die genau da nisten, wo das Gleis hinkommen soll. So einen freien Blick hat der Ott nicht. Dat nenne ich soziale Gerechtigkeit. Der Ott hört zwar den Bahnlärm kaum, aber dafür guckt er nicht in die Weite, nur auf Häuser… Wir müssen dafür sorgen, dass das Zuführungsgleis niemals gebaut wird. Schon wegen der Fledermäuse.“

Elfchen im Neunten: Liebe Lärmschutzriegel-Bewohnende

Vor gut 20 Jahren hat man damit begonnen, das innenstadtnahe Gelände der ehemaligen Köln-Nippeser Eisenbahn-Ausbesserungsanlage mit Wohnhäusern zu bebauen, mit Mehrfamilien-, aber auch mit Einfamilienreihenhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten leben hier insgesamt über 5000 Menschen, etwa 1500 davon in der autofreien Siedlung Stellwerk 60.

Die autofreie Siedlung liegt genau in der Mitte des bebauten Areals. Was die Siedlung auszeichnet, ist, dass sie wirklich eine ist. Unser großer gemeinsamer Nenner ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Skepsis gegenüber dem Auto. Dass die nachbarschaftliche Kooperation über den Gartenplausch hinaus gelingt, ist vor allem dem Nachbarschaftsverein Nachbarn 60 zu verdanken, dessen aktive Mitglieder seit mittlerweile 15 Jahren unermüdlich organisieren, koordinieren, anleiern, Ideen entwickeln und überhaupt viel Arbeit in das Projekt stecken. Der Gemeinschaftsgarten muss gepflegt werden, die Kettcars, Tandems, Einräder, Biertische und Transportkarren, die alle Vereinsmitglieder in der Mobilitätsstation („Mobi“) kostenlos ausleihen können, müssen regelmäßig gewartet werden, junge Bäume gegossen, Flohmarkt, Sommerfest und Lebendiger Adventskalender organisiert werden u.u.u….

Das Besondere an Stellwerk 60 ist die Familien- und Kinderfreundlichkeit. Die Kinder stören sich nicht daran, dass die Siedlung dicht bebaut ist. Auch die geringe Breite der Reihenhäuser (oft weniger als fünf Meter), die vielen Erwachsenen die Luft zum Atmen nimmt, vor allem dann, wenn man den Nachbarn nicht riechen kann, ist ganz nach dem Geschmack von Kindern. Wo in der Siedlung sie auch wohnen: Die Kinder gehen raus und treffen Kinder. Ihr Draußen wird nicht durch parkende Autos verstopft. Die asphaltierten „Hauptstraßen“, die nur von Müllabfuhr und Notarztwagen befahren werden dürfen, laden ein zum Rollschuhlaufen, Einradfahren, Skateboarden, der autofreie Raum zum Spielen, Raufen und Austoben. Wo Kinder sind, gibt es kein Abstandhalten.

Manchmal bin ich ziemlich genervt, wenn ich einem großen Kettcar ausweichen muss, auf dem fünf kreischende Kinder sitzen. Aber dann erinnere ich mich an die „Pandemie“ mit ihren volkserzieherischen „Sicherheits“-Maßnahmen, ich erinnere mich daran, wie gespenstisch still es selbst in der autofreien Siedlung war, als die Kinder, denen das Virus nie viel anhaben konnte, zu einer Art soldatischem Gehorsam gezwungen wurden, als sie sich nicht einmal zu Hause mit mehreren Freunden treffen konnten, nicht einmal die Kettcars ausleihen und kaum Spaß haben durften. Und wenn ich mir klarmache, wie autoritär, wie lust- und lebensfeindlich die „Gesundheitsschutz“- Maßnahmen waren (und zum Teil noch sind!), dann bin ich erleichtert, dass die Kinder nicht verstummt sind – und kann ihr Gekreische ertragen. Ach was, ich freue mich daran!

Ein Archivfoto aus dem Jahr 2016:

Besuch des Koreanischen Fernsehens in der autofreien Siedlung Stellwerk 60. Die beiden, die hier -gesittet und ohne zu kreischen- auf dem Kettcar sitzen, sind Filmemacherin Chi-Suk Kim und Siedlungs-„Bürgermeister“ Hans-Georg Kleinmann; Foto: Nachbarn60.  https://stellwerk60.com/2016/07/17/der-film-ist-da-stellwerk-60-im-koreanischen-tv/

Es ist abwechslungsreich und angenehm, in der autofreien Siedlung zu leben – wenn nur die Bahn nicht so nah wäre. Natürlich ist es grundsätzlich vorteilhaft, in der Nähe zweier S-Bahnhöfe zu wohnen. Auch hält sich die Lärmbelastung innerhalb der autofreien Siedlung in Grenzen. Doch was den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur von Stellwerk 60, sondern aller Nippeser Siedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Nippes und Geldernstraße droht, ist nicht mehr angenehm, sondern so alptraumhaft, dass man es kaum glauben kann. Wie viele andere hatte auch ich versucht zu verdrängen, was uns seit Jahren „nur“ droht, jetzt aber real werden könnte: Der Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle in unmittelbarer Siedlungsnähe und -nach Beendigung der Bauarbeiten- ein stetiger nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).

Die Pläne der DB für das Zuführungsgleis sind nicht neu, und die entsprechenden „Planfeststellungsverfahren“ laufen schon seit 2007. Wegen zahlreicher Einwendungen und erheblicher Bedenken, vor allem wegen des zu erwartenden Lärms, musste die Bahn ihre Pläne bereits mehrere Mal aktualisieren. Dass die Deutsche Bahn ihr Vorhaben noch nicht hat durchsetzen können und weiterhin „nachbessern“ muss, ist insbesondere der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) zu verdanken, deren Mitglieder über die Jahre hinweg das Vorhaben nicht verdrängt, sondern sich der Bedrohung gestellt haben. Bei allen „Planfeststellungsverfahren“ erhob die AWG (nicht zu verwechseln mit dem Verein Nachbarn 60) immer wieder Einspruch und holte vor Jahren bereits ein Gutachten ein, das belegt, dass das Zuführungsgleis nicht nötig ist und es eine menschenfreundliche, wenn auch teurere Alternative gibt. Laut Gutachten könnten S-Bahnen auch auf einem anderen Weg in die mittlerweile in Betrieb genommenen Abstellanlage einfahren.

Was genau droht, erzählt plastisch dieser Aushang der AWG, der Ende Juli im Grünstreifen diesseits der S-Bahn aufgehängt wurde und sich vor allem auf das erste Teilstück hinter dem S-Bahnhof Nippes bezieht:

Mich persönlich hatte bereits Anfang des Jahres eine Nacht-und-Nebel-Aktion in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Mensch und Tier überrumpelnden Blitz-Maßnahme wurden im Frühjahr 2022 Tatsachen geschaffen, bereits „Vorbereitungen“ getroffen für die von der Deutschen Bahn geplante Bebauung. Entlang der Bahntrasse wurde gerodet, kleinere Bäume wurden gefällt, Sträucher komplett zurückgeschnitten. Das Gelände wurde -wie es aussieht- für einen Eingriff präpariert, der in keinerlei Hinsicht gebilligt ist. Wer den Kahlschlag in Auftrag gegeben und wer ihn durchgeführt hat, ist nicht bekannt.

Besonders augenfällig ist der Kahlschlag dort, wo er städtischen Grund berührt. Während ein wenige Meter breiter Geländestreifen neben der S-Bahntrasse der Deutschen Bahn gehört, ist ein kleines Wäldchen, das nach dem Willen der DB komplett plattgemacht werden soll, Eigentum der Stadt Köln. Noch scheitert das Bauvorhaben u.a. an diesem kleinen städtischen Wäldchen – und am Widerstand der Stadt Köln, die jedoch im Falle einer Bau-Bewilligung enteignet werden kann.

Ich habe das schwer beschädigte Wäldchen jetzt im September von verschiedenen Seiten fotografiert. Das Wäldchen wurde bei der Aktion unbegehbar gemacht. Abgesägte Äste wurden auf die Wege gekippt und der zentrale Zugang durch einen Baumstamm versperrt.

Fünf sanfte letzte Kurven und ein Hauch von Central Park. „Wo jetzt in dieser Mini-Oase die Blätter rauschen und ein kühles Lüftchen im Sommer angenehm kühlt, sollen S-Bahnen aus ganz NRW nachts zu einem „Parkplatz“ mit 18 Gleisen hin und zurück rollen.“ (AWG)

Da die klugen Köpfe der AWG in ständiger Alarmbereitschaft sind, hatten sie mitbekommen, dass die Deutsche Bahn erneut ein „Planfeststellungsverfahren“ angestrengt hat. Anfang Juli informierte die AWG uns Nippeser Nachbarinnen und Nachbarn sowie den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung und lud zu einer Info-Veranstaltung mit Begehung des betroffenen Gebietes ein. http://www.awg-nippes.de

Vielleicht muss man vor Ort gewesen sein und sich mit den Betroffenen unterhalten haben, um sich das Ausmaß der geplanten Bau-Maßnahme vorstellen zu können. So war bei der gut besuchten Info-Veranstaltung am 6.8.2022 glücklicherweise Journalist Bernd Schöneck vom Kölner Stadtanzeiger anwesend. In seinem „Kommentar zum Gleisvorhaben in Köln-Nippes“ vom 10.8.2022 mit dem Titel „Es bliebe fast nichts, wie es ist“ stellt Schöneck fest, dass das „Vorhaben wie ein Damoklesschwert über der Nippeser Eisenbahnsiedlung“ schwebt. Weiter schreibt Schöneck, dass man sich des Verdachts nicht erwehren könne, „dass das Vorhaben bereits beim Siedlungsbau geplant war – und das wäre ein Skandal. Denn die Bewohner des Veedels wären bezüglich der Nutzung des Areals im Dunkeln gelassen worden. Zugleich zeigt sich leider erneut, dass das Wohl der Anlieger, vorsichtig gesagt, bei der Bahn nicht an allererster Stelle steht.“ https://www.ksta.de/koeln/kommentar-zum-gleisvorhaben-in-koeln-nippes-es-bliebe-fast-nichts–wie-es-ist-39868530 Aufschlussreich auch: https://www.ksta.de/koeln/nippes/umstrittene-bahn-plaene-fuer-koeln-nippes–das-waere-eine-gefahr-fuer-leib-und-leben–39866080 (Beide Artikel konnte ich auch ohne Abo nach Anmeldung kostenlos lesen.)

Ich bin Bernd Schöneck dankbar für seinen engagierten Kommentar und auch dafür, dass endlich jemand den „Skandal“ zur Sprache bringt. Was die autofreie Siedlung betrifft, spricht einiges dafür, dass der Bauträger Kontrola im Bilde gewesen sein dürfte. Als wir im Jahr 2007 unser Reihenhaus kauften, wurden wir während des ausführlichen Verkaufsgesprächs nicht über die Pläne der Bahn informiert. Wachgerüttelt wurden wir erst im Sommer 2008, als die Mitglieder der AWG anlässlich der ersten Offenlegung zum Protest aufriefen.

Hätte der Stellwerk 60– Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Wissen um die Pläne mit offenen Karten gespielt, wäre es schwierig gewesen, die Häuser und Eigentumswohnungen zu verkaufen, zumal -während die Siedlung noch in der Bauphase war- mit der Finanzkrise 2008 der Verkauf ins Stocken geriet. Ohnehin war der Verkauf eine kaufmännische Herausforderung, denn vor 15 Jahren war es keineswegs sicher, ob sich Häuser ohne Stellplatz gut verkaufen lassen.

So aber wurde neben den Häusern in den anderen Bereichen der Eisenbahner-Siedlung ausgerechnet das Vorzeigeobjekt „autofreie Siedlung“ auf ein Verschweigen gebaut. Dabei hatte Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegengenommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“, sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet. 

Leider schützen solche Preise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht und schon gar nicht vor Willkür-Maßnahmen, sondern dienen lediglich den Bauunternehmen zu Werbezwecken. Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Kontrola– Projekt „Stellwerk 60“ und wurde vor wenigen Jahren mit dem Bau einer „Klimaschutzsiedlung“ in Köln-Lind betraut. (Allerdings liegen in Großstädten wie Köln die Flächen, auf denen noch ganze Siedlungen gebaut werden können, oft in heikler Nähe zur Autobahn, so auch hier. Diese Siedlung erfüllt zwar die Vorgaben des Leitfadens „100 Klimaschutzsiedlungen Nordrhein-Westfalens“, entsteht aber wenige Kilometer weit weg vom Flughafen Köln-Bonn in unmittelbarer Nähe des Lärmschutzwalls vor der Autobahn A59. Ich weiß nicht, ob es schon Straßennamen gibt. Mein Vorschlag: Am Linder Lärmschutzwall)

Immerhin ist der Linder Lärmschutzwall unübersehbar, während das Nippeser Zuführungsgleis mitsamt seinen landschaftszerschneidenden Lärmschutzwänden lediglich auf dem Papier existiert. Und das, was droht, ist so unglaublich, dass es die meisten verdrängen. In der autofreien Siedlung wurden in den letzten Jahren bereits einige Häuser von ahnungslosen Besitzern an ahnungslose Käufer überteuert verkauft. Auf diese Weise jedoch wird der Bauträger-Skandal, wird das Verschweigen weiter getragen. Der „Marktwert“ ist reine Fiktion. Die permanente Drohung eines Zuführungsgleises senkt nicht nur den ideellen, sondern den tatsächlichen Wert der Immobilien meines Erachtens erheblich – auch den unseres Hauses.

Nachdem wir uns informiert hatten, bildeten fünf Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 eine Arbeitsgruppe, um – angeregt von der AWG – eine Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Das war nicht einfach, da die Zeit drängte und man den „Abgabetermin“ bei der Bezirksregierung auf den 15.8. gelegt hatte. Viele Nachbarinnen und Nachbarn waren in Urlaub, andere gerade zurück gekommen. Doch da die Sommerferien in diesem Jahr schon am 9.8. endeten, waren die meisten gerade noch rechtzeitig wieder vor Ort. Meistens halte ich mich bei Siedlungsaktivitäten zurück, aber diesmal gab es für mich kein Halten.

Gaby hatte der Arbeitsgruppe die wichtigsten Punkte der Planungsunterlagen vorgestellt, und Beate, die nicht nur ein außergewöhnliches politisches Gespür, sondern die Gabe hat, auch in äußerst angespannten Situationen besonnen zu bleiben, hatte die Einwendung verfasst. Sie opferte mehrere Urlaubs-Tage, um den kaum lesbaren Text durchzuarbeiten, ein Konvolut, das bis zum 15.7. im Internet öffentlich auslag und so umfangreich ist, dass es sich nicht per Mail-Anhang verschicken lässt.

So saßen wir fünf einander abwechselnd in der Mobilitätsstation, wo wir zwischen dem 8.8. und dem 13.8. an fünf Abenden Unterschriften sammelten. Von insgesamt knapp 1000 Unterschriften im gesamten betroffenen Bereich sammelten wir 280 von Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung, was etwa 20% entspricht. Der gemeinsame Tenor: Wir unterstützen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber so bitte nicht!

Interessant war es, auf diese Weise mit den Nachbarn der Nachbarsiedlungen ins Gespräch zu kommen, darunter auch Menschen aus den ganz nahe an die bestehende Bahntrasse herangebauten Mehrfamilienhäusern „Am Ausbesserungswerk“. Ein Bewohner erzählte, dass sich der Estrich in seiner Wohnung durch die permanenten Boden-Erschütterungen so weit gesenkt hat, dass man -sehr zur Freude seiner beiden kleinen Söhne- Matchbox-Autos unter den Zimmertüren hin- und herflitzen lassen kann. Ein anderer erzählte, dass Menschen, die dort eine Wohnung neu beziehen, jetzt schon per Unterschrift zusichern müssen, dass sie, falls das Zuführungsgleis gebaut wird, die Miete nicht mindern.

Und ist das Gleis einmal fertig“, so schreibt Bernd Schöneck, „würden die Züge nur einige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Häuserzeile am Ausbesserungswerk entlang rollen – dem „bewohnten Lärmschutzwall“, wie es recht zynisch hinter vorgehaltener Hand heißt.“ (ksta.de, s.o.) Leider muss ich ergänzen, dass der „bewohnte Lärmschutzwall“ nicht nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wird, sondern bereits als ein solcher konzipiert worden ist. Im Stadtteilführer des „Archiv(s) für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.“ heißt es: „Aufsehen erregte vor allem ein direkt an der Bahnlinie liegender Gebäuderiegel, der als Lärmschutz für die rückwärtigen Gebiete an die Stelle der alten Wagenhalle treten sollte. Befürchtungen wegen Lärmbelastungen und einer geplanten Eisenbahntrasse unmittelbar vor den Häusern wurden mit dem Hinweis verworfen, die Bewohner würden vom Lärm nicht gequält, weil auf der Seite zur Bahntrasse nur Treppenhäuser und Küchen vorgesehen seien.“ („Loss mer jet durch Nippes jon“, 3. Auflage 2010, S.36)

Die AWG hat im Jahr 2017 eine Fotomontage kreiert, die leider schaurig realistisch ist. Ich habe mir erlaubt, sie von dem Flyer, wo sie abgedruckt ist, abzufotografieren. Hier wird simuliert, wie es „Am Ausbesserungswerk“ aussähe, wenn…

Nun will die Deutsche Bahn -im wahrsten Sinne des Wortes- noch eins draufsetzen. An der Stelle, die ich, um den Kontrast zum Flyer zu zeigen, im Jetzt-Zustand fotografiert habe, soll nach den Plänen der Bahn zwecks Wendemöglichkeit das Zuführungsgleis sogar zweigleisig verlaufen. Und genau dort will man direkt vor den zwei Gleisen eine sechs (!) Meter hohe Lärmschutzwand errichten! Doch dieses Lärmabwehr-Ungetüm würde den Menschen im Erdgeschoss die Sicht und das Licht rauben und im vierten Stock nicht einmal den Lärm abhalten.

Mein Elfchen des Monats ist diesmal von der schamlosen FÜR EUCH- Werbekampagne der BILD – Zeitung inspiriert. Im Sommer 2019 startete BILD „… eine neue Werbekampagne, in deren Zentrum die Leser stehen. Die Kampagne „FÜR EUCH. BILD.“ stellt Menschen vor, die jeden Tag für andere im Einsatz sind, die Verantwortung übernehmen und die mehr Wertschätzung verdienen. Statt Situationen mit Schauspielern oder Models nachzustellen, zeigt die Kampagne BILD-Leser wie Krankenschwester Manuela, LKW-Fahrer Reinhold, Polizistin Mehtap oder Oma Lore in ihren Alltagssituationen.“ https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/bild-startet-neue-werbekampagne-fuer-euch-bild

Wie schafft man es, Menschen, die eine knallharte Arbeit leisten, eine Arbeit, für die sich die meisten „zu schade sind“, Menschen, die permanent ihre physische und psychische Gesundheit FÜR UNS aufs Spiel setzen und die viel zu wenig verdienen, bei Laune zu halten? Indem man sie lobt, sich bei ihnen bedankt und sie prominent ins Bild setzt. In der Sprache der BILD nennt man das „Wertschätzung“.

Im darauffolgenden Jahr 2020 passte diese Kampagne wie von Jens Spahn bestellt zur bundesdeutschen Gesundheitspolitik. Jetzt machte die Kampagne nicht nur Werbung für die BILD-Zeitung, sondern für die staatlichen Corona-Maßnahmen – und die Corona-Maßnahmen waren wiederum eine Top-Werbung für die BILD. Während der „Pandemie“ mussten die Plakatmotive nur entsprechend aktualisiert und um zusätzliche Motive ergänzt werden. Wir erlebten eine höchst erstaunliche Kooperation zwischen Boulevard-Zeitung und Bundesregierung.

***

Wie aber hält man Menschen bei Laune, die einen Lärmschutzriegel bewohnen und dafür auch noch (Miete) bezahlen müssen?

Liebe

Lärmschutzriegel-Bewohnende, schenkt

der Deutschen Bahn

ein Lächeln. FÜR EUCH.

BALD.

***

Das gönnerhafte Lob sozial Benachteiligter, die Stärkung der Arbeitsmoral und die Überredung zu eigentlich unzumutbarer Arbeit via Werbung sind nicht neu. Um Arbeitskräfte anzuheuern, wurde schon Mitte des 20. Jahrhunderts eine ausgeklügelte Plakatwerbung eingesetzt, die mit psychologischen Tricks arbeitete. Die Zielsetzung: Den Menschen einen beschämend schlecht bezahlten und dazu noch gesundheitsgefährdenden Job schmackhaft machen.

Dieses Werbe-Plakat aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg richtet sich an junge Schulabsolventen, die nicht das Privileg haben, eine höhere Schule besuchen zu dürfen, sondern -im Gegenteil- schon früh zum Familieneinkommen beitragen müssen. Das Plakat appelliert an das Verantwortungsgefühl und packt die Jungen bei ihrem gerade erwachenden männlichen Stolz. Der Beruf des Bergmanns, so die Botschaft des Plakats, ist nichts für Weichlinge, die nicht zupacken können, sondern „Ein Beruf für ganze Kerle“. (Der Ausdruck „ganzer Kerl“ ist heutzutage kaum noch gebräuchlich. Ein „ganzer Kerl“ sein meint soviel wie „körperlich und mental topfit sowie moralisch integer“.)
Die Abbildung des Plakats habe ich von der Internet-Seite „deisterbergbau.de“ abfotografiert und den „Absender“ mithilfe vom Lesebrille und Lupe hoffentlich korrekt entziffert: „Deutsche Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge der sowjetischen Besatzungszonen in Deutschland- Ausbildung und Umschulung – Berlin“                                                                                                    Schon mein Urgroßvater Leopold, geboren 1861 in Loslau/Oberschlesien, wurde gegen 1890 durch die Werbung der westdeutschen Bergbauunternehmen ins Ruhrgebiet gelockt. Für meinen Urgroßvater, der damals gerade geheiratet hatte, war die Arbeit unter Tage die vielleicht einzige Chance, eine große Familie -seine Frau Carolina sollte 12 Kinder zur Welt bringen- dauerhaft zu ernähren. Vermutlich hat es schon damals Werbeplakate in Form von Aushängen gegeben, auf denen bereits das noch Jahrzehnte später gegebene Versprechen (s.o.) stand: „Arbeit und Brot auf Lebenszeit“.                                                                                                                                                                   Im Nachhinein mutet diese Parole zynisch an,  denn die „Lebenszeit“ der meisten, zu Beginn ihrer Arbeit noch gesunden Bergleute war begrenzt. Dass sie schwere und schwerste Schädigungen der Lunge davontrugen, gepflegt werden mussten und früh starben, dürfte insbesondere den Verantwortlichen in der SBZ längst bewusst gewesen sein. Erstaunlich ist auch, dass man ausgerechnet in der sowjetischen Besatzungszone mit der Plakat-Werbung im großen Maßstab ein zentrales Kommunikations- und Machtmittel des Kapitalismus einsetzte.                                                                          Mein Urgroßvater „erkrankte“ schwer an der Staublunge und starb 1916 im Alter von 55 Jahren als Berginvalide. Sein Sohn Karl, mein Großvater, geboren 1898 in Bottrop, starb am 14.Juni 1946, dem Geburtstag des selbsternannten „Bergarbeiterfreundes“ Donald Trump, im Alter vom 57 Jahren an Lungentuberkulose als Folgeerkrankung der Staublunge. Aber was bedeutet eigentlich „Staublunge“? Aufklärend: https://news.rub.de/wissenschaft/2018-08-28-bergbau-diagnose-staublunge

„Schafe sind so sympathische Tiere“ – Wie man das Vertrauen der Tiere in uns Menschen für Werbezwecke missbraucht

Ploumanach, 26.8.2022: Ich beobachte, wie eine Hornisse eine Wespe „umarmt“. Die Wespe hat unseren Frühstückstisch angesteuert, den Käse ignoriert und sich auf der Leberpastete, die nur ich esse, niedergelassen. Die Wespe ist so sehr in „meine“ Pastete vertieft, dass sie die von hinten sich nähernde Hornisse nicht bemerkt. Die Hornisse packt die Wespe, hält sie umklammert und trägt sie mit sich fort. Was aussieht wie ein romantisches Liebesspiel, ist keines. Hornissen fressen Wespen und zerrupfen sie angeblich sogar in der Luft. Vgl.: https://www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hornissen-sind-die-perfekte-waffe-gegen-wespen—und-viel-harmloser-als-ihr-ruf-8230068.html

Doch die Hornisse stillt nicht nur den eigenen Hunger: „Die Arbeiterinnen erlegen auch oft Insekten, sogar Wespen! Die verarbeiten sie zu Futterbrei, den sie in ihrem Kropf transportieren. Zurück im Nest würgen sie das Futter heraus und füttern damit die Larven und andere Arbeiterinnen.“ https://www.kindernetz.de/wissen/tierlexikon/steckbrief-hornisse-100.html

Das klingt brutal, ist aber für die Hornisse überlebensnotwendig. Anders als die menschliche Aggressivität ist die Angriffslust der Tiere -solange man ihnen ihren Lebensraum lässt- in naturgegebener Balance. Anders als (gestörte) Menschen töten Tiere nie nur um des Tötens willen. Tiere führen keinen Krieg.

Mich erstaunt es immer wieder, wie freundlich sich die Tiere uns Menschen gegenüber verhalten. Sie wissen nichts von Massentierhaltung, Schlachthöfen und Tierversuchen. Es übersteigt ihr Vorstellungsvermögen, dass liebesfähige Lebewesen so kalt und grausam sein können. Tiere greifen uns nur dann an, wenn sie sich bedroht fühlen. Weil sie nicht hinterhältig sind, haben sie uns gegenüber auch keine bösen Hintergedanken.

Tiere sind nicht feige, anders als (gestörte) Menschen, die die Tiere in ihre Macht-Spiele einspannen und sich daran ergötzen, dass die Tiere keine andere Chance haben, als mitzuspielen und nach des Menschen Pfeife zu tanzen, etwa im Flohzirkus. https://stellwerk60.com/2022/03/31/elfchen-im-dritten-olaf-muss-niesen/

Ich finde es unerträglich, wenn Menschen Tiere zu etwas nötigen und dann noch behaupten, die Tiere würden kooperieren. Anfang 2022 setzten Impffreunde aus Niedersachsen eine fragwürdige PR-Idee um. Diese Aktion wurde von den Medien positiv aufgenommen, kritische Stellungnahmen habe ich nicht gefunden. So heißt es z.B. auf aerztezeitung.de: „Noch immer ist etwa jeder fünfte Impfberechtigte in Deutschland noch nicht gegen COVID-19 geimpftHunderte Schafe und Ziegen haben jetzt ein Zeichen gesetzt.

https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Riesige-Spritze-Schafe-und-Ziegen-werben-fuer-Corona-Impfung-425778.html

Nun haben hier nicht Schafe und Ziegen „ein Zeichen gesetzt“, sondern Menschen, die die „sympathischen“ Tiere für ihre (Werbe-) Zwecke benutzt und dabei -wie ich finde- verhöhnt und lächerlich gemacht haben. Die dpa-Nachricht zur PR-Aktion am 3.1.2022 wurde von zahlreichen Medien unkritisch übernommen und nur leicht variiert, etwa auf ndr.de:

Mit rund 700 Schafen und Ziegen haben Schäfer in Schneverdingen im Heidekreis eine rund 100 Meter große Spritze dargestellt, um für Impfungen gegen das Coronavirus zu werben. Das Ganze richte sich an die noch Unentschlossenen, so Organisator Hanspeter Etzold. „Schafe sind so sympathische Tiere, vielleicht können die die Botschaft so besser überbringen“, sagte er. Schäferin Wiebke Schmidt-Kochan hatte die Aktion vorbereitet und mit ihren Tieren mehrere Tage dafür geübt. Der Trick dabei: Sie verteilte vorher Brotstücke in Form der Spritze auf dem Boden. Als die Tiere dann auf die Wiese gelassen wurden, stürzten sie sich auf das Fressen und standen somit perfekt für das Motiv.https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Volle-Ampulle-700-Schafe-posieren-fuer-Corona-Impfung,aktuelllueneburg6684.html

Diese Impf-Euphorie war zu dem Zeitpunkt erstaunlich, denn Anfang 2022 zeichnete sich längst ab, dass die sich rasch ausbreitende Corona-Variante Omikron leichtere Krankheitsverläufe mit sich bringen würde. Dadurch war allerdings -schon Monate vor der entwürdigenden Entscheidung über eine Impfpflicht im Deutschen Bundestag- Nutzen und Sinn der weiteren Corona-Massenimpfung grundsätzlich in Frage gestellt. Nur wollte das keiner wissen, schon gar nicht der unbremsbare Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Karlimpf in allen Gassen, der noch nach Auftreten der Omikron-Variante medienwirksam Schul-Kinder impfte und bereits im Wahlkampf als Impfarzt hatte agieren dürfen. https://stellwerk60.com/2021/09/17/groko-stoppen-teil-2-der-titel-schuetzt-vor-torheit-nicht-impfarzt-prof-auflauerbach/

Wir können dankbar sein, dass sich in Südafrika, einem Land mit relativ geringer Impfquote, Ende 2021 die deutlich harmlosere Variante herausbilden konnte, denn nicht die Massenimpfung, sondern Omikron brachte die Wende.

Offenbar gilt auch für Schafe und Ziegen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Am 3.1.2022 sind 700 ausgehungerte Schafe und Ziegen dem Corona-Impfaktivismus auf den Leim gegangen. Die ohnehin schon karge Winter-Wiese hatte man zuvor so kahl geschoren, dass kein Grashalm mehr die Tiere ablenken konnte.  Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von: https://www.welt.de/vermischtes/article236005760/Corona-Impfungen-700-Schafe-und-Ziegen-werben-als-riesige-Spritze.html
Quelle: dpa/Philipp Schulze

Wie leicht man Tiere in die Falle locken kann, wussten die Vogelfänger: https://www.geo.de/geolino/redewendungen/8566-rtkl-redewendung-auf-den-leim-gehen&nbsp

Der klebrig-fiesen Fliegenkralle ähnelt diese Ziegenfalle.                                                                      Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von welt.de   Quelle: dpa/Philipp Schulze

Geschichte von den sieben jungen Geißlein und der klugen Wölfin – Die Zauberkraft der Ziegenmutterliebe

„Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat…“ (Friedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“)

Erst kürzlich hat sich die Geschichte tatsächlich noch einmal zugetragen. Ganz in unserer Nähe, außerhalb eines alten Dorfes und doch in den Tiefen des Waldes, die es immer noch gibt. Dort lebten in Waldabgeschiedenheit eine Geiß und ihre sieben jungen Geißlein.

Die Geiß hatte ihren Kindern das Märchen einige Male erzählt, doch -so bitter es auch war- konnten die sieben jungen Geißlein nur glauben, was sie selber erlebt hatten. Daher hatten sie, als die Mutter einmal unterwegs war, nichtsahnend den Wolf schon bei seinem allerersten Täuschungsversuch ins Haus gelassen.

Als die Geiß nach Hause kam, wusste sie sofort, was passiert war. Sie geriet nicht in Panik, sondern behielt einen klaren Kopf. Sie spürte, wie ihr Herz schlug, aber sie schrie nicht, sondern rief nacheinander die Namen ihrer sieben Geißlein. Keines gab ihr eine Antwort. Erst als das jüngste an der Reihe war, hörte sie aus dem Uhrkasten ein leises „Mama?“

Obwohl sie die Geschichte kannte, ließ sie ihr Kind erzählen, was genau passiert war. Die Geiß weinte bitterlich, behielt aber einen klaren Kopf. Und weil sie ihr Nähzeug gut pflegte, Schere, Nadel und Faden immer für den Notfall parat lagen, schaffte sie es, ihre Kinder, die heil geblieben waren, zügig aus dem Wanst des schlafenden Wolfes zu befreien. Sie füllte seinen Bauch mit Wackersteinen, die die Kinder eilig gesammelt hatten, und nähte ihn so gut zu, dass die Steine nicht herausfallen konnten. Dann kam alles, wie es kommen musste.

Doch was nun? Wenn der Wolf auch tot war, so waren seine sterblichen Überreste noch immer im Brunnen, wohin sich das durstige Tier mit letzter Kraft geschleppt hatte. Anders als ihre Kinder, die nur kurz nach dem Unglück wieder übermütig gespielt hatten und jetzt eng aneinander gekuschelt tief schliefen, tat die Geißen-Mutter in der Nacht kein Auge zu. Es war entsetzlich, einen toten Wolf im Brunnen zu wissen. Das Dorf war längst an die Kanalisation angeschlossen, aber der letzte öffentliche Brunnen stand unter Denkmalschutz und wurde so gut gepflegt, dass sein Wasser zwar nicht den Menschen, aber den Tieren bekam. Wie sollte sie jemals wieder an das köstliche Wasser kommen? Und was war mit den alten Dorfbewohnern, die sich an sonnigen Tagen beim Brunnen trafen, bevor sie sich unter der Schatten spendenden alten Linde auf die Bank setzten?

An dieser Stelle schwieg das Märchen. Über den Brunnen mit dem toten Wolf darin war nichts weiter zu erfahren. Die Geiß kam ins Grübeln: Sollten ausgerechnet sie und ihre sieben Kinder diejenigen sein, die viele Jahre später das Märchen weiter erlebten und die Geschichte zu Ende erzählten?

Wie dem auch war: Sie musste die Angelegenheit öffentlich machen, es gab keine andere Wahl. Allerdings würde sie auf diese Weise die Menschen auf sich aufmerksam machen, und vielleicht wäre es dann mit der Waldeinsamkeit für immer vorbei. So bat sie am Morgen die Spatzen, in die nächstgrößere Stadt zu den Menschen zu fliegen und es von den Dächern zu pfeifen.

Da ein Notfall vorlag, stand schon nach wenigen Stunden eine Spezialeinheit des Gesundheits- und des Veterinäramts vor der Tür. Die alte Geiß führte die Personen zum Brunnen. Vermummte Hygienekontrolleure machten sich vor Ort ein Bild und informierten die Feuerwehr, die mit schwerem Gerät anrückte und die sterblichen Überreste des Wolfes aus dem Brunnen hob.

Drei Tage später wurde der Kadaver -nachdem man ihn auf Anzeichen von Tollwut untersucht hatte- der Tierverwertung zugeführt. So konnte sich, wie es hieß, das Biest posthum nützlich machen, auch bannte man auf diese Weise jegliche Verseuchungsgefahr. Der Brunnen wurde von Spezialkräften gründlich desinfiziert und wenige Tage später unter Vorbehalt wieder freigegeben.

Da der Wolf tot war, bräuchten die sieben Geißlein, wie der Leiter der Spezialeinheit ihnen mitteilte, keine Angst mehr vor ihm zu haben. Offenbar handelte es sich um einen alten Rüden, der kein Rudel mehr hatte und deshalb böse geworden war. Um die Gefahr weiterer Wölfe ausschließen zu können und die Sicherheit der Geißlein zu gewährleisten, hatte man den Wald Meter um Meter durchforstet. Bei der Aktion hatte man keinen Wolf, aber einige junge Menschen aufgestöbert, die ausgewandert, aber nicht weit gekommen waren.

Der Wald war frei von Wölfen. Die alte Geißlein spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Sie nahm die Kinder mit in den Wald und zeigte ihnen, wie sie Futter finden konnten. Als die sieben Geißlein für sich selber sorgen konnten, ging sie auf eine kleine Reise. Eines Morgens nahm sie letztes Mal das kleinste Zicklein an ihre Zitzen und verabschiedete sich: „Auf Wiedersehen, meine lieben Sieben. Ich gehe zu den Menschen, aber ich bin bald wieder da. Wenn Menschen kommen, lasst sie ruhig ins Haus. Aber nehmt euch in Acht, wenn sie euch zu etwas einladen oder euch etwas schenken wollen. Wir müssen Zeit gewinnen, deshalb sagt:Wir sagen NEIN. Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

„Sind denn die Menschen nicht lieb?“, fragte das jüngste Geißlein.

„Eigentlich schon“, sagte die alte Geiß und seufzte. „Die Menschen werden nicht böse geboren, aber oft machen sie mit der Zeit so schlechte Erfahrungen, dass sie böse werden.“

„Schlechte Erfahrungen mit Wölfen?“, fragte ein Geißlein. Jetzt schüttelte die Geiß den Kopf und lachte.

„Und woher sollen wir wissen, wer böse ist?“, fragte ein anderes.

„Hört auf die Vögel“, sagte die Geiß. „Seid auf der Hut, wenn die Krähe siebenmal krächzt, doch freut euch, wenn die Amsel singt.“

Die Geiß machte sich auf den Weg. Aber sie setzte sich nicht in Bus oder Bahn, sondern begab sich ins Rathaus. Sie trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und bekam als erste Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Präsident war nicht persönlich erschienen, wohl aber die Bürgermeisterin.

Ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde der Inhaber eines Geschäfts für Karnevalsbedarf, der dem Wolf den sogenannten „magischen Strumpf“ geschenkt hatte. Dieser Strumpf stellte inklusive Kunststoff-Klaue den unteren Teil eines Ziegenbeins dar, ließ sich leicht überstreifen und hatte dem Wolf wie angegossen gepasst. Ohne den genialen Geschäftsmann, so betonte die Bürgermeisterin in ihrer Rede, wäre die Geschichte wohl nicht so glimpflich verlaufen. Hätte der Verkäufer nicht dem Wolf geholfen, sich als Geiß zu verkaufen, hätte sich die Bestie über die Menschen hergemacht.

Die großen Märchen erzählen nicht nur die eine, sondern viele Geschichten. Die Illustratorin Tatjana Hauptmann versteht es, mit Liebe zum Detail das scheinbar Nebensächliche in den Vordergrund zu holen. Warum warnen Krämer, Müller und Bäcker die Geißlein nicht, wo sie doch wissen, dass der Wolf was im Schilde führt und Geißlein seine Leibspeise sind? „Ja, so sind die Menschen“, heißt es im Märchen. Eine genauere Antwort gibt diese Illustration. Abfotografiert aus: Christian Streich (Hrsg.): „Das große Märchenbuch. Die schönsten Märchen aus ganz Europa“, mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann. 

Die Verleihung dauerte bis zum Abend. Beim festlichen vegetarischen Dinner wurden mit Rücksicht auf die Geiß keinerlei tierische Produkte gereicht – inklusive der sonst üblichen Käseplatte mit Crottin de Chavignol, einer berühmten französischen Ziegenkäse-Spezialität mit echtem Ziegenaroma. Die Geiß wurde anschließend in ein Wellness-Hotel gebracht, wo man im zweiten Stock ein Zimmer artgerecht für sie hergerichtet, das Bett beiseite geschafft und die Schlafstelle mit Stroh ausgelegt hatte.

Das Zimmer war geräumig, was umso erstaunlicher war, da gemäß den EU-Rechtsvorschriften selbst im ökologischen Landbau eine Stallfläche von nur 1,5 Quadratmetern je Ziege das vorgeschriebene Minimum war. Den Wellness-Bereich durfte die Geiß aus Rücksicht auf andere Gäste nicht betreten, aber sie hatte eine große Badewanne für sich alleine. Sie würde sich ein paar Tage ausspannen. Und sie spürte, dass es sehr erholsam sein würde, einmal nicht für die Kinder sorgen zu müssen.

Bevor sie sich schlafen legte, kontrollierte sie noch kurz Tür und Fenster. Die Zimmertür war von außen verriegelt, aber die beiden großen Fenster ließen sich öffnen. Als sie jung war und noch keine Kinder hatte, hatte die Geiß, wenn Vollmond war, eine unendliche Sehnsucht verspürt. In sternklaren Nächten war sie schlafend durchs Haus gelaufen und hatte die Fenster, die so klein waren, dass kein Geißbock hätte hindurchklettern können, so weit aufgerissen, wie es nur möglich war.

Die alte Geiß spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Anders als der Wolf würden die Menschen ihre Gier zügeln können. Sie zogen die Ziegenmilch dem Ziegenfleisch vor und gehorchten nicht nur der schieren Gier, sondern Verordnungen, Richtlinien und Gesetzen. Die Menschen hatten ihr als erster Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen, also würden sie ihr und den sieben Geißlein gegenüber gewisse Spielregeln einhalten müssen.

Am nächsten Morgen, während sie so tief schlief wie schon lange nicht mehr, war im Waldhaus bereits der Bär los bzw. die Ziege. Die sieben Geißlein hatten sich aus Tisch, Stühlen und Kochtöpfen einen Kletterhügel gebaut. „Kinder!“, schrie jemand vor der Tür, „könnt ihr mal leise sein?“ Die Geißlein erschraken, und es wurde so still, dass sie durch die geöffneten Fenster hindurch eine Krähe krächzen hörten, die über das Haus hinweg flog. Die Ziegenkinder zählten mit: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… Jemand klopfte energisch an die Tür. Als das älteste Geißlein aufmachte, traten zwei Menschen-Frauen ein, die eine dunkelhaarig, die andere blond.

„Ihr seht ja gar nicht böse aus“, sagte das jüngste Geißlein.

„Wir sind ja auch lieb“, sagte die eine der Frauen. „Und wir bieten euch unsere Hilfe an.“

„Wir kommen vom Jugendamt“, sagte die andere. „Ihr habt weder Hausnummer noch Klingel noch Strom noch fließend Wasser noch Telefon. Kopf hoch, das kriegen wir schon hin.“

Die Blonde lächelte: „Die Mama muss sich noch eine Weile ausruhen. Sie war ja völlig überfordert. Aber sagt, wer passt auf euch auf, wenn die Mama nicht da ist, wer sagt euch Bescheid, wenn ihr schlafen gehen sollt?“

„Wir sind doch nicht doof.“

Die Blonde lächelte noch breiter: „Ja, aber bis dahin muss jemand das Sorgerecht übernehmen. Aber sagt, wo ist der Papa?“

„Der baut leider immer wieder Bockmist“, sagte das älteste Geißlein.

„Also hat eure Mutter das alleinige Sorgerecht.“

„Sowas hat die Mama nicht.“

„Das werden die Experten klären“, sagte die Blonde und holte ein Blatt Papier aus der Tasche. „Könnt ihr bitte dieses Formular unterschreiben? Hiermit erklärt ihr, dass ihr Hilfe braucht. Klauenabdruck reicht.“ Durchs Fenster hindurch hörten die sieben Geißlein das siebenmalige Krächzen der Krähe, die über das Haus hinweg flog.

Sechs Geißlein fingen an zu weinen, nur das älteste nicht. „Das unterschreiben wir nicht“, sagte es.

„Ihr braucht aber dringend professionelle Hilfe“, sagten die beiden Frauen.

„Brauchen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „So ein Quatsch.“

Die Geißlein hörten auf zu weinen. „So ein Quatsch“, wiederholte das jüngste und lachte.

„So ein Quatsch“, wiederholten die anderen Geißlein.

Wir sagen NEIN“, sagte das älteste Geißlein. Und alle Geißlein fielen ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die Frauen gegangen waren, waren die Geißlein wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Wenige Tage später hörten die Geißlein, während sie frühstückten und sich dabei mit Brombeeren bewarfen, durch die geöffneten Fenster hindurch wieder die Krähe krächzen, die über das Haus hinweg flog: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…. Das jüngste Geißlein öffnete die Tür, aber da war niemand.

„Wir sollten jetzt lieber aufräumen“, sagte das älteste Geißlein. Und das taten sie auch.

Als die Krähe eine Stunde später noch einmal siebenmal krächzend über das Haus flog, standen zwei Menschen vor der Tür. Die Geißlein ließen die Menschen ins Haus, einen Mann und eine Frau. Die beiden Menschen waren weiß gekleidet, trugen lange Hosen und geknöpfte Jacken: „Guten Tag, liebe Kinder.“

„Guten Tag auch“, sagten die Geißlein, „aber warum habt ihr weiße Klamotten an?“

„Aus Gründen der Hygiene“, war die Antwort. Die Frau rümpfte schnuppernd die Nase.

„Ich weiß, warum ihr weiße Sachen anhabt“, sagte das jüngste Geißlein und lachte. „Damit man fiese Flecken besser sehen kann.“

„Welche fiesen Flecken?“, fragte die Frau. „Was unterstellst du uns da?“

Jetzt lachten alle sieben: „Aber ihr habt da was.“

„Was?!“ schrie der Mann.

„Krähenschiet“, sagte ein Geißlein. „Nehmt das nicht persönlich, ist uns auch schon passiert.“

„Lecker roter Brombeerschiet“, lachte das jüngste Geißlein. „Amsel-Kaka.“

„Iiieh!“, schrie die Frau und suchte sich und den Kollegen nach Flecken ab. „Da ist nichts. Wollt ihr uns an der Nase herumführen?“

Jetzt lachten alle sieben Geißlein und sangen: „Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Amsel-Kaka, Krähenschiet, Vogelschiet, igittigitt, Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Kirschenschiet…“

„Pst“, unterbrach die Frau. „Schafft ihr es, kurz ruhig zu sein? Wir möchten euch etwas mitteilen.“

„Meinetwegen“, sagte das älteste. „Aber mach’s kurz.“

„Liebe Kinder, hört uns zu. Wir brauchen von euch eine Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung. Die Milch eurer großartigen, klugen und couragierten Mutter dürfte eine besondere sein. Wir wollen sie erforschen und entschlüsseln.“

„Mamas Milch gehört mir“, sagte das jüngste Geißlein. „Ihr kriegt keine Verzitzicherung.“

„Verzichtserklärung“, sagte die Frau. „Du weißt ja nicht einmal, wovon du redest, mein Kind. Du denkst nur an dich. Dabei müssen wir doch zusammenhalten.“ Die Frau schob die Unterlippe vor. „In den Laboren ist schon alles vorbereitet, die Forschungsprojekte sind finanziert. Wir haben namhafte Sponsoren gewinnen können. Jetzt fehlt nur noch…“ Sie schaute ihren Kollegen aufmunternd an.

„Die Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung“, ergänzte der Mann. „Seht ihr, was ihr angerichtet habt? Liebe Kinder, wir müssen doch kooperieren. Wir werden jeden Tag bei euch vorbeikommen und eurer Mutter etwas Milch abnehmen. Aber wir fassen eure Mutter nur mit antiseptischen Samthandschuhen an.“ Er zwinkerte mit dem Auge. „Aus Kunststoff natürlich. Mit Hilfe der wunderbaren Milch eurer wunderbaren Mutter werden wir die Formel finden und den Welthunger besiegen können. Wollt ihr das nicht?“

Die Geisslein zuckten zusammen. „Ich will zu meiner Mama“, sagte das jüngste.

Jetzt schrie der Mann: „Ihr wollt wohl nicht teilen. Wollt ihr alles für euch behalten, wollt ihr für den Hunger von Millionen Menschen-Kindern verantwortlich sein?“

„Das wollen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „Aber das sind wir auch nicht. Was Sie sagen, ist leider wissenschaftlich nicht haltbar. Wir sagen NEIN. Wieder fielen alle Geißlein ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die beiden Menschen gegangen waren, waren die Geißlein wieder wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Am Sonntag war die Luft rein. Die Geißlein hatten lange geschlafen, denn am Wochenende würden die Mitarbeiter der Ämter kaum vorbeikommen. Sie sehnten sich nach ihrer Mutter, die so lustig sein konnte, lecker kochte und jetzt schon eine Woche weg war. Jemand klopfte an die Tür, die nur angelehnt war. Die Amsel mit dem goldenen Schnabel sang der Singvögel Hochzeitslied, so schön. Eine dunkle Pfote wurde sichtbar. „Darf ich reinkommen? Mein Name ist Metis. Ich bin eine Wölfin.“

„Kannst reinkommen“, sagte das jüngste Geißlein und schluckte, denn die Wölfin, die sich ins Haus schleppte, war groß, ihr Fell dunkel.

„Ich habe Durst“, sagte die Wölfin mit heiserer Stimme. „Habt ihr Wasser für mich? Alle Bäche sind ausgetrocknet.“

Die Geißlein füllten einen großen Topf mit Brunnenwasser. Die Menschen tranken Leitungswasser und gossen nur noch ihre Pflanzen damit, aber für Ziegen und Wölfe war das Brunnenwasser durchaus bekömmlich. Die Wölfin trank den Topf leer und sagte höflich: „Danke.“

„Warum hast du so große Zähne?“, fragte ein Geißlein.

„Damit ich besser beißen kann. Kein Bange. Ich habe euch zum Fressen gerne, aber ich fresse euch nicht.“ Die Wölfin lächelte und zeigte ihre großen Zähne. „Außerdem bin ich satt. Ich habe vorhin ein verletztes Kaninchen… Tut mir leid.“

„Das muss dir nicht leid tun“, sagte ein Geißlein. „Selbst die Singvögel fressen Tiere. Sie füttern ihre Jungen mit Würmern, weil die Würmer lecker weich sind. Vögel haben leider keine Milch. Außerdem kann ja nicht jedes Tier so vernünftig sein wie wir Ziegen.“

„Der Wolf, der euch verschlungen hat, war kein gewöhnlicher Wolf“, sagte die Wölfin. „So irre ist kein Tier, das man nicht verrückt gemacht hat. Die Menschen müssen ihn zum Selbstmordattentäter abgerichtet haben. Ein gewöhnlicher Wolf würde niemals sieben Geißlein auf einmal verschlingen. Er würde sich… “ Die Wölfin schluckte und sprach leise weiter: „Ein gewöhnlicher Wolf würde sich ein einzelnes Geißlein vornehmen und es zwischen den Zähnen…“

„Bist du wohl ruhig!“, schrieen die Geißlein und hielten sich die Ohren zu.

„Ich wollte euch nicht zu nahe treten“, sagte die Wölfin. „Aber ich glaube, ihr habt einen verdammt guten Schutzengel. Sonst hättet ihr die Gier des Wolfes wohl kaum überlebt.“

„Hä?“ Das jüngste Geißlein lachte: „Bei dir piept’s wohl.“

„Ich weiß, dass euch himmlische Energien geholfen haben“, sagte die Wölfin.

Jetzt kugelten sich die Geißlein vor Lachen, sechs von den sieben rannten aus dem Haus und auf die Wiese. Endlich spielen! Das Wetter war schön und diese Wölfin wirklich ein bisschen bescheuert. Aber so waren die Erwachsenen eben.

„Was ist los mit den Menschen?“, fragte das älteste Geißlein, das bei der Wölfin geblieben war.

„Die Menschen-Männer sind nicht satt zu kriegen“, sagte die Wölfin. „Das macht sie gefährlich. Vor lauter Geld sind sie blind für den Reichtum der Welt, und in ihrer Liebe zur Technik nehmen sie die Schönheit der Natur nicht mehr wahr. Doch weil sie ihre Männer trotz alledem lieben, ziehen die Frauen mit in den Krieg gegen die Menschen und die Tiere. Sie vergessen, dass sie Frauen sind. Dabei verraten sie ein Gefühl, das alle Frauen haben, ob sie Mutter sind oder nicht: Die Mutterliebe.“

„Darüber muss ich noch nachdenken“, sagte das Geißlein.

Die Wölfin zeigte lächelnd die Zähne. „Aber jetzt hol deine Geschwister. Wir wollen doch die Mama aus der Geiselhaft befreien.“

Das älteste Geißlein erschrak. „Die Mama ist doch nicht in Geißenhaft“, sagte es.

„Was glaubst du denn, wo sie ist?“, fragte die Wölfin. Das Geißlein lief schnell nach draußen und holte seine Geschwister. Sehr ernst setzten sich die sieben Geißlein zu Metis in den Kreis, hielten sich an den Klauen und schlossen die Augen…

Wenig später war zu lesen, dass die Geiß, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, aus der Wellness-Oase verschwunden sei, spurlos. Die Verantwortlichen machten sich große Sorgen, denn die Fenster waren weit geöffnet gewesen. Vermutlich war die Geiß aus dem Fenster gefallen, woraufhin ein streunender Aasfresser, vermutlich ein Wolf, ihr Fleisch in sein Versteck geschleift hatte.

Verschwörungstheoretikern fiel auf, dass unter dem Fenster keine Spuren zu finden waren. Sie sprachen von einem fliegenden Teppich, auf dem die Geiß geflohen sein könnte. Viele verrückte Ideen wurden geäußert. Und das fliegende Rettungsboot aus lauter Vögeln, aus Krähen, Amseln und Spatzen, aus Lachmöwen und Halsbandsittichen, das ein alter Mann gesehen haben wollte, gab es nur im Märchen.

Noch etwas war nicht mehr zu finden: Das Waldhaus. Die Navigationssysteme zeigten Standort und Weg an, aber ein Polizeiwagen war im Morast steckengeblieben, was angesichts der anhaltenden Trockenheit erstaunlich war. Ausgeschickte Drohnen verschwanden spurlos.

Man hatte die Geiß und die sieben Geißlein nie wieder gesehen. In der Nähe des Brunnens jedoch entdeckte man immer wieder frische Ziegenhuf-Spuren.

In dem Moment, als Karl Lauterbach bei der Besichtigung eines ukrainischen Krankenhauses mit dem Aufzug steckenblieb, bekam ich Corona

Angefangen hatte es mit extremer Müdigkeit. Ich verschlief einen ganzen Sommer-Sonntag. Zwei Tage lang konnte ich nur wenig essen, und ich verschmähte mein Leibgetränk Rotwein. Am dritten Tag war zwar der Appetit wieder da, aber der Wein aus dem Languedoc schmeckte nicht mehr leicht herb nach meinen Lieblings- Trauben Syrah und Grenache, sondern seltsamerweise nach Merlot, jener Mainstream- Rebsorte, deren klangvoller Name daher rührt, dass die Amsel (franz. merle) eine Vorliebe für die dünnschaligen Weintrauben hat. Was war los, würde der Wein mir niemals mehr munden – oder hatte ich Corona? Als dann ein leichter Schnupfen hinzukam, schöpfte ich Hoffnung auf Omikron und bin ins Testzentrum gegangen.

Vorher hatte ich mich im Internet über die neuen Quarantäne-Bestimmungen kundig gemacht. Die „Geimpften“ und „Geboosterten“ haben keine Vorteile mehr gegenüber uns „Ungeimpften“. Für alle positiv Getesteten endet die Quarantäne ohne verpflichtenden Test „automatisch“ nach zehn Tagen, aber nach fünf Tagen Isolation kann man sich „freitesten“.

Das Gesundheitsamt sieht mittlerweile von Hausbesuchen ab. „Das haben wir früher gemacht“, sagte die junge Frau, die nach einem positivem Schnelltest bei mir einen Abstrich für den PCR-Test nahm. „Aber das war übertrieben. Wir gehen davon aus, dass Sie sich verantwortlich verhalten.“

Dieser Abstrich für den PCR-Test fühlte sich nicht an wie der, den ich vor einem knappen Jahr als „Kontaktperson“ über mich ergehen lassen musste, sondern eher wie der für den „Antigen-Schnelltest.“ Die Frau hielt sich via Teststäbchen nur kurz in meiner Mundhöhle auf, um direkt anschließend ins linke Nasenloch zu wechseln. Es war erträglich, sie bohrte nicht tief. Meine Frage, ob sich die Gebrauchsanleitung für den Abstrich innerhalb des letzten Jahres geändert habe, bejahte die Frau: „Die Abstriche wären so nicht nötig gewesen. Damals waren wir nicht zimperlich, da sind wir ja den Leuten ins Gehirn gegangen.“

Was sie sagte, entsprach dem, was meine jüngere Tochter und ich im letzten Jahr als weder infizierte noch infektiöse „Kontaktpersonen“ während unserer zweiwöchigen (!) Quarantäne erlebt hatten. Am Morgen nach dem Haus(Türschwellen-)besuch des Gesundheitsamts und dem PCR-Test-Abstrich zwischen Tür und Angel war nicht nur das rechte Auge (Abstrich-Seite) meiner Tochter gerötet, sondern sie verspürte tagelang einen stechenden Schmerz im Hals. Dass Abstriche für PCR-Tests richtig brutal sein können, „musste eine meiner Schwippschwägerinnen erfahren. Bei ihr wurde ein Nerv getroffen. Nachdem sie sich vor ein paar Jahren die Nase gebrochen hat, sieht der Innenraum ihrer Nase anders aus als die Norm-Naseninnenräume auf den Abbildungen in den Fachbüchern. Das medizinische Personal müsste für den Fall, dass man solche Eingriffe überhaupt vornimmt, dringend angehalten werden, nach Vor-Verletzungen zu fragen!“ https://stellwerk60.com/2021/08/30/hoemma-lisa-deine-tochter-hat-delta-und-du-laedst-mich-nicht-zur-viren-party-ein-kniesbueggel-eine-begegnung-mit-der-frau-keuner/

Zwei Tage nach meinem Besuch im Testzentrum war der positive Labor-Befund da. Der gelassene Mitarbeiter des Kölner Gesundheitsamts, der mich anrief, bestätigte ebenfalls meine Vermutung, dass es mittlerweile, was den PCR-Test betrifft, neue Vorgaben für eine sanftere Durchführung des Abstrichs gibt. Doch anders als die Frau im Testzentrum wies er alle Verantwortung von sich. Es sagte etwas wie: „Damals war eben alles neu für uns.“ Mit anderen Worten: „Wir mussten noch üben.“

Leider konnte man mir nicht sagen, an welcher Virus-Variante bzw. Untervariante ich „litt“, weil man nur noch Stichproben durchführt. Das ist meines Erachtens fahrlässig, denn der Unterschied zwischen Delta und Omikron ist -so ist es zu lesen, zu hören, und so habe ich es selber erlebt- etwa wie der zwischen Grippe und grippalem Infekt. Ich finde, der Mitarbeiter des Gesundheitsamts hätte mich aufklären und beruhigen müssen: „Wenn sie sich gut auf den Beinen halten können und in der Lage waren, froh und munter mit dem Fahrrad zum Testzentrum zu fahren, ohne vom Rad zu fallen, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Höchstwahrscheinlich ist es die harmlose Omikron-Variante, denn glücklicherweise hat Omikron die Delta-Variante fast vollständig verdrängt.“

Vor einem knappen Jahr noch machte man eine regelrechte Aufspür-Jagd auf die Virus-Variante, die man „Delta“ nannte und die die Ur-Variante „Alpha“ im Sommer 2021 allmählich ablöste. Es hieß, dass man für den Abstrich bis an die hintere Rachenwand und den tiefsten Winkel vordringen müsse, um ein sicheres Test-Ergebnis zu erzielen. Das wäre nicht nötig gewesen, was man schnell hätte herausfinden können, doch im Namen einer vermeintlichen Sicherheit und wissenschaftlichen Genauigkeit agierte man hyperkorrekt.

Die deutsche Gründlichkeit machte nicht einmal vor Kleinkindern halt. Unten stehende Info-Grafik, die demonstriert, wie ein Abstrich für den PCR-Test genommen wird, wurde gleich zweimal -zur Bebilderung zweier verschiedener Artikel- in der „Apotheken-Umschau“ veröffentlicht, im November 2020 und im Juni 2021.

Mithilfe moderner Info-Grafiken werden heutzutage komplexe medizinische Themen bildlich dargestellt, damit sie auch für den Laien verständlich sind, doch viele dieser Bilder sind verstörend und schamverletzend. Sie werfen einen fragwürdigen Blick in Körperinnenräume und manipulieren unsere Wahrnehmung. Hier wird der unangenehme, tief in den Kopf eindringende Abstrich für den PCR-Test banalisiert und der Eingriff zu einer Lappalie heruntergespielt:

Eine grenzüberschreitende Abbildung eines grenzüberschreitenden Eingriffs. Medizinisch legitimiert dringt „der Arzt“ mit dem „Stäbchen“ in ein Kind ein…  So tief, bis es nicht mehr weiter geht: Bis zum Anschlag. Auf der Grafik bleibt „der Arzt“ unsichtbar, was den Vorgang umso unheimlicher macht. Wir sehen Marie (wie ich sie nenne), ein tapferes, gehorsames, allzeit bereites  PCR-Mädel. Marie, die mich an die  beliebte Mädchen-Comic-Figur „Conni“ erinnert („Conni lernt Radfahren“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“…), gibt es nicht wirklich, denn Marie ist am Computer entworfen.  Zunge, Gaumen und Rachen sind farblich abgestimmt auf Maries rosafarbenes Hemdchen und das hellrote Haarband. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, sie schaut fast versonnen. Ihr zartes Köpfchen ist wie gemacht für den Abstrich.                                                         Ich finde diese Grafik entsetzlich. Für kleine Kinder sind Abstriche für den PCR-Test eigentlich unzumutbar, zumal ihnen Corona kaum etwas anhaben kann. Aber auch durch weniger invasive Abstriche, wie sie routine- und regelmäßig an den Schulen durchgeführt wurden, erleiden Kinder seelische Verletzungen, psychische Mikro-Traumata, die Narben hinterlassen.                                         Diese Info-Grafik ist nicht nur widerlich, sondern untergründig pornografisch – unter dem Deckmantel der Medizin. Ich stelle mir gestörte Männer vor, deren sadistisch-perverse, voyeuristische Gelüste hier Nahrung finden und auf einen Klick immer wieder neu angestachelt werden: Aufgespießt. Auch wenn die Grafik zweckdienlich ist,  finde ich, dass sie aus dem Netz genommen werden müsste. Solche Bilder sind gefährlich.

Die kriegerische Corona-Politik der Bundesregierung, die noch in der harmlosen Omikron-Variante den Feind wittert, korrespondiert mit der aggressiven Kriegspolitik. Ich freue mich über alle Menschen, die sich dieser Kriegspolitik entgegenstellen. Es gibt sie noch.

Mit „Frieden und Gerechtigkeit“ ist eine pazifistische Stellungnahme überschrieben, die die Zeitschrift EMMA am 23. Juni dem offenen Brief an Olaf Scholz ergänzend hinzugefügt hat: „Zu einem sofortigen „Verhandlungsfrieden“ statt einem nicht endenden Zermürbungskrieg rät eine Gruppe internationaler katholischer Wissenschaftler, Politiker und Ethiker nach einer zweitägigen Sitzung in Vatikanstadt.“ Der ganze Text: https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz/u/30687128

Die Bundesregierung heizt den Krieg nicht nur mit Waffenlieferungen an. „Die Ukraine braucht humanitäre Hilfe genauso dringend wie unsere militärische Unterstützung“, sagte Karl Lauterbach in einer Pressemitteilung. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundesgesundheitsminister-lauterbach-in-der-ukraine-das-land-braucht-auch-humanitaere-hilfe.html

Aber was meint der Bundesgesundheitsminister mit „humanitäre Hilfe“? Für Lauterbach ist die „humanitäre Hilfe“ insbesondere eine medizinisch-technische. Konkret sieht es so aus, dass in der Ukraine nicht nur deutsche Notfallmediziner zum Einsatz kommen, sondern Container-Werkstätten errichtet werden, wo Prothesen der deutschen Firma Otto Bock hergestellt werden. „Auf Vermittlung des Bundesgesundheitsministeriums bieten sich über die Bundesärztekammer 200 Chirurgen und Notfallmediziner für den Einsatz in der Ukraine an.“ (Pressemitteilung, ebd.)

Das Unternehmen Otto Bock „… wurde am 13. Januar 1919[4] als Orthopädische Industrie GmbH von dem Unternehmer Otto Bock in Berlin gegründet, um die vielen Tausend Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs mit Prothesen und orthopädischen Produkten zu versorgen.[5]https://de.wikipedia.org/wiki/Ottobock Der Krieg in der Ukraine wird der orthopädischen Industrie weiter Aufschwung geben. Wie kann man, ohne den Begriff zu relativieren und zu hinterfragen, bei der Versorgung mit Prothesen von „humanitäre(r) Hilfe“ reden? Mich entsetzt die Vorstellung, dass schon kleine Kinder zu Kriegsinvaliden werden. Warum tut man nicht alles, um den Krieg zu beenden, zu verhindern, dass Kinder beim Spielen auf Minen treten und Gliedmaßen verlieren. Und warum nimmt man in Kauf, dass die Kinder aus Angst vor Minen auf unabsehbare Zeit gar nicht mehr draußen spielen können?

Dabei ist die Beinprothese Karl Lauterbachs persönlicher Alptraum. Ein traumatisches Kindheitserlebnis, das er in seiner Biografie „Bevor es zu spät ist“ beschreibt, hat ihn bewogen, Medizin zu studieren. „Als Lauterbach 13 Jahre alt war, diagnostizierten Ärzte an seinem Knie eine Knochenzyste und warnten, sein Bein müsse eventuell amputiert werden. Zunächst ein großer Schock, doch später stellte sich die Besorgnis als unbegründet heraus. Die Zyste war gutartig.https://www.focus.de/kultur/medien/karl-lauterbach-mit-13-jahren-erhielt-er-eine-krebsdiagnose_id_59138982.html Die völlig unverantwortliche „Diagnose“ der Ärzte und die Androhung der Amputation dürften den jugendlichen Karl Lauterbach schwer traumatisiert haben. Hinzu kam eine schlecht ausgeführte Operation, denn „es habe sich ein Hospitalkeim eingenistet. Wochenlang lag er deswegen mit einer offenen Wunde an der Hüfte in der Klinik.“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237115415/Karl-Lauterbach-wollte-nach-Krebsdiagnose-Arzt-werden.html

Wir haben einen Bundesgesundheitsminister, der in früher Jugend eine persönliche Katastrophe mit rücksichtslos agierenden Ärzten erlebt hat. Mit Lauterbachs traumatischer Erfahrung ist seine autoritäre, permanent grenzüberschreitende Gesundheitspolitik zwar zu erklären, aber nicht zu billigen. Gerade nach einem solchen Erlebnis wäre eine gewisse Zurückhaltung dringend geboten. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich halte den Mann für gefährlich. Lauterbach dürfte dafür gesorgt haben, dass die STIKO am 24.5.2022 eine allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige herausgegeben hat. Wir erinnern uns: Lediglich mit dem Hinweis darauf, dass eine allgemeine Impfempfehlung zu erwarten sei, hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach Ende 2021 gesunde Kinder dieser Altersstufe medienwirksam geimpft, obwohl es zu dem Zeitpunkt (und noch monatelang!) nur eine eingeschränkte Empfehlung gab. Indem er die Kinder eigenhändig geimpft hat, hat es Lauterbach sozusagen persönlich übernommen, (s)eine allgemeine Impfempfehlung auszusprechen. Handelt es sich hier nicht um Amtsmissbrauch? Karl Lauterbachs eigenmächtige Impf- Werbeaktion wurde jedoch kaum kritisiert und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Deutschland viele gesunde Kinder „ohne Indikation“ geimpft wurden.

Für mich kam die allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige (eine einzelne Impfung) am 24.5.2022 völlig überraschend, denn im Frühjahr 2022, als klar geworden war, dass die Omikron-Variante für Kinder noch einmal deutlich harmloser ist als DELTA, hatte die abwartende STIKO klar zurückgerudert. „Angesichts der deutlich milderen Verläufe mit der Omikron-Variante will die Ständige Impfkommission (Stiko) eine neue Empfehlung für Kinder und Jugendliche aussprechen. Dies berichtete zunächst das Nachrichtenmagazin „Focus Online“ mit Verweis auf das Robert-Koch-Institut (RKI).“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237895813/Coronavirus-Stiko-plant-neue-Impf-Empfehlungen-fuer-Kinder-und-Jugendliche.html

Diese „neue Empfehlung“ wäre allerdings keine allgemeine Impfempfehlung gewesen, sondern ihr Gegenteil: „Ob die Stiko die Empfehlungen verändern wird, sei unklar. Nach Informationen von „Focus“ könnte es darauf hinauslaufen, keine „Bedarfsempfehlung“ mehr zu geben. Das würde eine Abkehr von einer allgemeinen Empfehlung hin zu individuellen Faktoren bedeuten.“ (welt.de, s.o.)

Völlig überraschend und in keiner Weise mehr nachvollziehbar hat die STIKO ausgerechnet jetzt, wo die Kinder dank Omikron nur noch äußerst leicht an Corona erkranken, eine absolute Kehrtwende gemacht. Ein Skandal, wie ich finde! Und wenn auch, was Kinder betrifft, laut Studien keine gravierenden Impf-Nebenwirkungen zu erwarten sind, wissen wir doch nach wie vor nichts über eventuelle Langzeitschäden. Was hinter den Kulissen passiert ist, kann man sich ausmalen, wird aber geheimgehalten.

Beim heutigen Blick auf die Aktienkurse fällt mir auf, dass der DAX klar geschrumpft, die Biontech-Aktie aber ebenso deutlich gestiegen ist. Ich frage mich, warum, und lese, dass die US-Regierung im großen Stil weiteren Corona-Impfstoff von „Pfizer“ und „Biontech“ für eine geplante Booster-Kampagne im Herbst bestellt hat. „Konkret gehe es um mindestens 105 Millionen Dosen und ein Vertragsvolumen von über 3,2 Milliarden Dollar (3,1 Mrd Euro), teilten die Unternehmen und die Regierung am Mittwoch mit. Die Lieferungen sollen im Spätsommer beginnen und Impfstoffe sowohl für Erwachsene als auch für Kinder enthalten. Laut Pfizer-Chef Albert Bourla geht es dabei auch um Mittel, die speziell gegen neuartigere Virusvarianten wie Omikron schützen könnten. Der Deal umfasst eine Kaufoption für weitere bis zu 195 Millionen Dosen, wodurch der Gesamtumfang auf 300 Millionen Dosen ansteigen könnte./hbr/DP/stkhttps://www.boerse.de/nachrichten/USA-bestellen-Pfizer-Biontech-Impfstoff-fuer-3-2-Milliarden-Dollar/33920255

Nicht zufällig folgt der Deal auf die neue Empfehlung der US-Gesundheitsbehörde CDC. Die CDC sprach sich am vergangenen Samstag für den Einsatz von Coronavirus-Impfstoffen bei Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren aus. „US-Präsident Joe Biden nannte die Entscheidung einen „riesigen Schritt nach vorn im Kampf unseres Landes gegen das Virus“. Für die Eltern im Land sei dies ein Tag der Erleichterung. (dpa)“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/krankheiten-wegen-corona-impfung-us-politiker-zofft-sich-mit-elmo-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220630-99-856472

Der riesige Schritt „nach vorn im Kampf unseres Landes gegen das Virus“. Was der ebenfalls lebensgeschichtlich schwer traumatisierte US-Präsident Joe Biden von sich gibt, der die US-Amerikaner zur Baby-Impfung aufruft, ist schwülstig und irrational. Welche Kämpfe werden da gefochten, hat Joe Biden immer noch nicht begriffen, dass Omikron kein Feind ist, den man bekämpfen muss? Ist der US-Präsident noch bei Sinnen, weiß er, was er da sagt?

Der Milliarden-Deal zwischen Biontech/Pfizer und US-Regierung ist eine Erneuerung der deutsch-amerikanischen Impf-Freundschaft, was Lauterbach ebenso gefreut haben dürfte wie das „Ja“ der US-Gesundheitsbehörde zur Corona-Baby-Impfung. Leider hat Lauterbach, der ja sonst permanent twittert, die CDC-Entscheidung -soviel ich weiß- nicht öffentlich kommentiert.

Kurz vor Ende seiner Kriegs-Geschäftsreise in die Ukraine jedoch setzte Lauterbach bei der Besichtigung eines Krankenhauses in Lwiw am 10. Juni noch einen bemerkenswerten Tweet ab: „Die Kliniken waren in einem bescheidenen Zustand. Hier stecke ich mit Gesundheitsminister Victor Lyaschko im Aufzug fest, der ruckartig 1 Meter absackte. Rausklettern wollte zunächst niemand…

Ebenfalls im Aufzug steckengebliebener, hochgereckter Lauterbach-Daumen. Das komplette Bild in guter Qualität: https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1535361746294259720

Nun sind die deutschen Kliniken, wie wir wissen, in einem mehr als bescheidenen Zustand. Der schöne Schein medizinischer Hochtechnologie kann den Pflegenotstand schon lange nicht mehr verdecken. Das kalte, profitorientierte deutsche Gesundheitssystem bräuchte dringend humanitäre Hilfe.

Wie dem auch sei: In dem Moment, als Karl Lauterbach bei der Besichtigung eines ukrainischen Krankenhauses mit einem Aufzug stecken blieb, bekam ich Corona.

Elfchen im Sechsten: Frauen foulen fair

Offenbar stellen extrem hohe Berge für viele Männer eine Provokation dar. Der Berg bleibt an seinem Platz, er rückt nicht zur Seite, wenn der Mann kommt. Mit „der Mann“ meine ich Männer wie den Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner, der es zwischen 1970 und 1986 als Erster bis auf die Gipfel aller vierzehn Achttausender geschafft hat, und zwar alle vierzehn Male ohne Flaschensauerstoff.

Während es in den Jahrzehnten danach immer mehr Extrem-Sportler, aber auch Sportlerinnen auf die 8000er drängte, hat sich Messner rechtzeitig abgeseilt und seine Rekordleistung äußerst geschickt vermarktet. Er war nicht nur Trainer bei Manager-Seminaren, sondern hat im Jahr 1992 gemeinsam mit Herbert Henzler, dem früheren Deutschland-Chef der weltweit agierenden Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey, eine Vereinigung für deutsche Spitzenmanager gegründet, den Elite-Club der „Similauner“. Diese „Similauner“ sind „Der letzte Männerbund“, wie im Jahr 2012 der Titel eines Artikels im Manager-Magazin lautete. Mit leisem Spott resümierte Autorin Gisela Maria Freisinger: „Unnötig zu erwähnen, dass in dieser Gipfelwelt Frauen nichts zu suchen haben.“ https://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-849392.html

Doch warum müssen es Männer wie Messner mit den höchsten Bergen aufnehmen, warum müssen sie den Berg noch um die eigene Körperlänge überragen, was ist so faszinierend daran, an diesen unwirtlichen, nicht einladenden Orten einen heroischen Überlebens-Kampf zu inszenieren? Zum Corona-Virus äußerte sich Reinhold Messner bereits im Mai 2020 im ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“

„Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler“, kommentierte ich damals. „Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Dabei sind wir der Natur weder unter- noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr.“ https://stellwerk60.com/2020/05/26/eine-begegnung-mit-der-frau-keuner-die-politik-finanziert-werbepsychologen-um-uns-buerger-bei-laune-zu-halten/

In einer Höhe von 8000 Metern kann -ohne technische Hilfe, jahrelanges Training, allmähliches Annähern- eigentlich kein Mensch überleben. Vermutlich würde kein Mann diese lebensbedrohlichen Touren mit all ihren Torturen auf sich nehmen, wenn die erfolgreiche Besteigung eines 8000 Meter hohen Berges nicht nach wie vor mit Ruhm und Ehre verbunden wäre. Doch was macht Männer süchtig nach Superlativen, was stachelt sie an, warum sind sie getrieben, ist männlicher Größenwahn angeboren?

Eine pfiffige Antwort gibt der Hirnforscher Gerald Hüther in einem unterhaltsamen und vor allem humorvollen Vortrag, den er im Rahmen einer Veranstaltung zum Girls‘ Day in Linz gehalten hat. Aufgezeichnet wurde der Beitrag am 15. März 2016.

Gerald Hüther: Jungen und Mädchen sollen die gleichen Chancen haben – aber sie sind nicht gleich

Ohne es ausdrücklich zu sagen, ist für Gerald Hüther das männliche das schwache, das gefährdete Geschlecht. Belege für seine These findet Hüther in der vorgeburtlichen Entwicklung. Normalerweise, so Hüther, ist jedes Chromosom doppelt vorhanden, um für Notfälle gerüstet zu sein. Anders als die Frauen, die über zwei x-Chromosomen verfügen, haben Männer nur ein einzelnes x-Chromosom – sowie ein y-Chromosom, das aber lediglich die Testosteron-Produktion programmiert. Daher hat das männliche Geschlecht bereits vorgeburtlich eine schwächere Konstitution. Die meisten Fehlgeburten betreffen männliche Föten. Außerdem sind Jungs „antriebsstärker“ (meint Herr Hüther „getriebener?“) als Mädchen. Jungs fühlen sich von Natur aus weniger sicher als Mädchen. Sie suchen Halt und Rückhalt im Raum und versuchen, sich im Außen zu orientieren. Für Mädchen (die sich in sich selber aufgehoben fühlen) ist die Außen-Orientierung weniger entscheidend.

Auch nach der Geburt streben Jungen mehr nach „Macht“, „Stärke“ und „Größe“. Sie interessieren sich für Panzer, Feuerwehrautos oder Bagger und orientieren sich an allem, was Power hat und etwas in Bewegung bringen kann. Jungen suchen nach Halt und Bedeutung innerhalb ihrer Gemeinschaft, in ihrer Peer-Group, ihrer Mannschaft – und später dann in Vereinen, Seilschaften, Männerbünden.

abGESTREIFTE Fußballstutzen…

Als die Mädchen anfingen, den Fußball zu entdecken und Liga-Spiele zu bestreiten, brach für viele Jungs eine Welt zusammen.

Im Jahr 2007 wurde an der Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Neu-Ehrenfeld eine neue Fußballmannschaft gegründet. Meine jüngere Tochter ging damals in die dritte Klasse. Eine Zeitlang war sie das einzige Mädchen in der Mannschaft, die einmal in der Woche in der alten Schul-Sporthalle mit dem knarzenden Holzboden trainierte. Weil die Schule in unserem Häuserblock lag, guckte ich manchmal zu.

Meine Tochter war nicht die Schnellste, konnte aber schon als knapp Achtjährige nicht nur präzise und beherzt schießen, sondern den Gegenspieler sauber vom Ball trennen. Ich erinnere mich, wie sie irgendwann einmal nicht nur auf das Tor der gegnerischen Mannschaft zulief, sondern auf einen hübschen Jungen namens Bünyamin, der eine Klasse unter ihr und in Ballbesitz war. Als sie bei ihm ankam, schrie Bünyamin: „Die foult!“ Ohne dass sie ihn oder den Ball berührte hätte, kippte er um. Meine Tochter schoss das Tor. Dass sie irgendwann einmal Psychologie studieren sollte, war kein Zufall.

Noch heute gucke ich gerne zu, wenn Mädchen oder Frauen Fußball spielen. Gefoult wird nicht, um die Gegnerin zur Strecke, sondern um den Ball in Gewahrsam zu bringen. Dass es dabei manchmal ruppig zugeht, ist unvermeidbar. Fußball ist nunmal ein Ballspiel mit direktem Körperkontakt.

Doch leider ist insbesondere der Profi-Frauenfußball mittlerweile zur Kampfsportart mutiert. Das ist schade, denn eigentlich gilt: Frauen foulen fair.

Fußball

spielende Frauen

foulen unzart aber

fair foulen Fußball spielende

Frauen

*20.6.1999: Juchhu!!!

V err ÄTERINNENTAG – Ein fieses verdecktes Foul in der ASTRA-Plakat-Werbung

Mit Christi Himmelfahrt verbinde ich: Katholischer Feiertag, schulfrei, Erstkommunion 1967, Familienfeste, gutes Wetter. Später dann: Langes Wochenende, Spargel, ausnahmsweise Weißwein, Kulturelle Landpartie im Wendland. Frühling…

Dass der christliche Feiertag zugleich Vatertag ist, habe ich erst realisiert, als ich erwachsen war. Und ich dachte, er wäre erfunden worden, damit sich die Väter gegenüber den Müttern mit ihrem Muttertag nicht benachteiligt fühlen. Dass der Vatertag bereits im späten 19. Jahrhundert eingeführt wurde -und zwar als PR-Event (!)-, weiß ich nur aus dem Internet.

In einem munteren Artikel auf tagesspiegel.de vom 28. Mai 2015 heißt es zur Idee des deutschen Vatertags: „Es ging den Erfindern, wie wir hörten, um die rituelle Einführung der Söhne ins sachgemäße Saufen – das gibt und gab es nur in Deutschland. Und Berlin als Epizentrum dieser Bewegung erklärt sich praktisch von selbst: Die unzähligen Brauer der wachsenden Metropole mussten sich Absatzmärkte schaffen und erfanden dafür offenbar eine Frühform der PR-Kampagne; ähnlich, wie später der Blumenhandel den Valentinstag für seine Zwecke instrumentalisierte.https://www.tagesspiegel.de/berlin/tradition-des-vatertags-als-die-soehne-saufen-lernten/11769828.html

Männerausmärsche an Christi Himmelfahrt gab und gibt es auch unabhängig vom Vatertag. Ich kenne sie aus meiner frühen Kindheit in den 1960er Jahren. Mein Großvater Josef (1883-1968) hat sich jedes Jahr an Christi Himmelfahrt, nachdem er in der Kirche war, mit anderen älteren Herren getroffen, um spazieren zu gehen. Die Herren, darunter einige pensionierte Gymnasial-Lehrer, trugen keine Freizeitkleidung, sondern ihre Sonntagsanzüge. Schließlich war Feiertag. Als Respektspersonen hätten sie niemals in aller Öffentlichkeit Bier aus der Flasche getrunken oder einen Bollerwagen hinter sich her gezogen. Dennoch hat der Alkohol eine Rolle gespielt. Die Herren klapperten die Häuser ihrer Familien ab, wo sie an der Haustür mit „Kurzen“ versorgt wurden. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie sämtliche Pinnchen, die wir haben, auf ein Tablett stellt und mit Korn füllt.

Am deutschen Vatertag hingegen wird vor allem das Nationalgetränk Bier getrunken, so viel, dass die Tage vor dem Vatertag zu den umsatzstärksten im ganzen Jahr zählen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Brauerei ASTRA im Jahr 2019 den Vatertag dafür genutzt hat, auch in Köln-Nippes mithilfe eines einschlägigen Großplakats dem Regionalgetränk Kölsch Konkurrenz zu machen.

Im Mai 2019 bin ich auf meinem Gang zur Sonntags-Bäckerei einige Male auf das Plakat zugelaufen. Es hing rundum Christi Himmelfahrt an der Plakatwand schräg gegenüber vom Hospiz St. Marien am Eckhaus Kempener/Simon-Meister-Straße. Die Fußgängerampel an der Kempener Straße ist so geschaltet, dass man minutenlang warten muss, bis sie auf „grün“ springt. So war ich genötigt, beim Überqueren der Straße sehr lange auf das Plakat zu gucken. Überschrieben war es mit einem kalauernden Slogan: „HODENLOSE FRECHHEIT: ASTRA FEIERT VÄTERINNENTAG!“

Ein Hintern als Eye-Catcher. Das soft-pornografische Plakat wäre jetzt – drei Jahre später- undenkbar, denn die heruntergelassene Hose korrespondiert mit dem berühmten hochgekrempelten Ärmel: Impf mich!

Auf den ersten Blick fand ich das Plakat ganz lustig, denn es erinnerte mich an den „Asi-Tag“ im Rahmen der Abitur-Mottowoche. In der Mottowoche, die an vielen deutschen Schulen stattfindet und in der Regel mit der allerletzten regulären Schulwoche zusammenfällt, verkleiden sich die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten an jedem Tag nach einem anderen Motto, etwa als Vampire oder Greise – oder eben als Asis oder Schlampen. Auch meine beiden Töchter hatten Spaß daran, es vor den Abiturprüfungen noch mal krachen zu lassen.

Vermutlich hatten auch die drei Frauen, die wir auf dem ASTRA-Plakat sehen, beim Posieren Spaß. Sie mimen Schlampen, haben knallrot lackierte Fingernägel und sind überzogen und geschmacklos verkleidet, Farben und Muster beißen sich. Die Szenerie wirkt gestellt, was sie auch soll, denn es ist eh nur ein Spiel. Die Frauen machen das, was am Vatertag sonst nur die Männer machen: Sie lassen die Sau raus.

Das Plakat erzählt eine kleine Geschichte: Die Frauen haben Bierkästen auf einen Bollerwagen gepackt und sind losgezogen. Weit sind sie nicht gekommen. In einer schäbigen Grünanlage haben sie eine olle Picknickdecke ausgebreitet und sich auf den Boden geknallt. Eine total-tätowierte Dünne trägt ein ärmelloses Karo-Top, ein knappes Leoparden-Höschen und eine Gitterstrumpfhose. Sie hat den rechten Arm lässig auf den Rand des Bollerwagens gelegt, während sie mit der linken Hand eine Flasche ASTRA-„Urtyp“ an den gespitzten Mund setzt: Sie tut nur so, als ob sie trinkt, denn es ist eh nur ein Spiel.

Die Dickere neben ihr trägt Brille, Käppi, Ohrringe, einen leuchtend orangenen Blouson, eine Trainingshose und weiße Sport-Schuhe. Es ist ihr wurst, wie sie aussieht, denn es ist eh nur ein Spiel. Man könnte denken, sie hebe mahnend den Zeigefinger, aber sie hebt nicht nur den einen, sondern gleichzeitig den kleinen. Mit Zeigefinger und kleinem Finger formt sie eine sogenannte „Mano cornuta“. „Die corna (ital. ‚Hörner‘) oder mano cornuta (ital. ‚gehörnte Hand‘) ist eine in Italien übliche vulgäre Geste, aber auch ein Handzeichen mit diversen Bedeutungen, beispielsweise in der Metal– und Rock-Szene.https://de.wikipedia.org/wiki/Mano_cornuta

Eine kräftige dritte Frau (oder ist es die ins Bild montierte zweite?) sehen wir nur von hinten. Sie trägt eine vierfarbige wattierte Jacke, die aussehen soll wie frisch aus dem Altkleidersack, eine kurze schwarze Fußballhose und rot-weiße Stutzen. Sie hat die Hose heruntergezogen und streckt uns den kräftigen, nackten Hintern entgegen, ohne Tattoo, „glatt wie ein Kinderpopo“ – außer der zarten Andeutung eines Tanga-Bikinistreifens. Alles soll unecht wirken, denn es ist eh nur ein Spiel.

Anders als Wein löscht Bier den Durst. Biertrinken ist nicht elitär, auch das gefällt mir. Biertrinken gehört zu den billigsten Wegen, besoffen zu werden. Und anders als beim Kauf von Wodka wird man nicht schief angeguckt, wenn man Bierflaschen aufs Kassenband legt. Die ASTRA-Werbeplakate jedoch sind nicht lebensnah, sondern vulgär. Die billige Kopie des Kiezes ist abgeschmackt, auch wenn sie intelligent gemacht ist und ironisch daherkommt. Dass ASTRA Hauptsponsor des Zweitliga-Vereins FC Sankt Pauli ist, hält mich dennoch nicht davon ab, weiterhin mit dem Verein zu sympathisieren.

Mithilfe betont rotziger Werbeplakate („Astra. Was dagegen?“) konnte ASTRA die Biere verteuern und den Umsatz merklich steigern. Dabei bedient man dümmste Klischees und verarscht im wahrsten Sinne des Wortes das Milieu, bei dem man sich anzubiedern versucht.

Zurück nach Köln-Nippes: Das Plakat zum „Väterinnentag“ blieb wochenlang hängen. Ich ärgerte mich über die Stadt Köln, der es offensichtlich vollkommen egal war, dass es schräg gegenüber vom Hospiz hing, und zwar in Blickrichtung. Überhaupt finde ich Plakate an dieser Stelle grundsätzlich unangebracht. Als das 1999 gegründete Hospiz im Jahr 2018 den Neubau an der Simon-Meister-Straße bezog, hätte man meines Erachtens die Hauswand mit dem wilden Wein zuwachsen lassen sollen. Ob es damals schon die Plakatwand gab und den Wein, ist mir nicht bekannt.

Ich fand das Plakat nur noch widerlich, wollte weggucken und guckte doch jedes Mal, wenn ich vorbeikam, hin. Als man das Plakat nach Christi Himmelfahrt noch nicht ausgetauscht hatte, geschah etwas Seltsames. Mein Blick blieb am Wort „Väterinnentag“ hängen. Mit einemmal schob sich das Wort auseinander: Drei Buchstaben setzten sich in den Zwischenraum: ERR. So wurde ein anderes Wort sichtbar, ein Wort hinter dem Wort: VERRÄTERINNENTAG.

Ich befürchte, da hat sich jemand (bzw. ein Team) einen perfiden Spaß erlaubt.

Vor 57 Jahren habe ich nach der sogenannten „Ganzwortmethode“ Lesen gelernt. Wir Kinder entzifferten nicht, sondern prägten uns ganze Wörter ein, die wir dann als Bilder in unseren Köpfen „abspeicherten“. Das Auge spielt bei der Methode eine große Rolle.                                         Seit ich weitsichtig bin, habe ich eine Leseschwäche. Wenn ich beim Einkaufen die Lesebrille nicht dabei habe, muss ich die Zutatenlisten Buchstabe für Buchstabe entziffern, die Haltbarkeitsdaten Zahl für Zahl. Die Bilder werden unscharf, und die Wörter springen nicht mehr direkt ins Auge. Daher gucke ich sehr genau hin. Es klingt paradox, aber die versteckten Buchstaben ERR hätte ich, ohne weitsichtig zu sein, nicht entdeckt. Je unschärfer ich sehe, desto klarer entziffere ich.

Dieses ASTRA-Werbeplakat ist eine Verhöhnung der Frau. Zwischen den Zeilen transportiert es eine schadenfrohe Botschaft: Ihr kopiert die Männer und macht euch lächerlich. Ihr seid verirrt, ihr verratet euer eigenes Geschlecht, aber bemerkt es nicht einmal.

Das englische Verb „to err“ heißt zu deutsch „sich irren“, „fehlgehen“, aber auch „sündigen“. Auf dem Computer-Bildschirm wird die Buchstabenfolge „err“ eingeblendet (manchmal auch das Comic-Wort „ups“), wenn eine Seite nicht (mehr) aufrufbar ist. Das Internet ist wie ein Irrgarten angelegt. Sind wir im Netz „unterwegs“, geraten wir schnell auf den Holzweg. Die virtuellen Irrwege sind unheimlich: Hier geht es nicht mehr weiter, du hast dich vertippt, du hast dich im Internet verirrt, du hast den Pin verlegt, du hast dich im Netz verfangen, du bist verwirrt.

Aber was bedeutet „Väterinnen“? Der Begriff ist seit seit etwa zehn Jahren im Umlauf. Benutzt wird er für und von Menschen, die Kinder gebären, sich aber „als Mann definieren“. Doch nach wie vor können nur Menschen, die biologisch Frauen sind, Kinder zur Welt bringen.

Denn die Natur setzt klare Grenzen. Ein als Mann geborener Mensch, der sich Silikon-Brüste einpflanzen lässt, wird dennoch kein Kind stillen können. Und ein als Frau geborener Mensch, der sich „als Mann definiert“ und juristisch als Mann anerkannt ist, kann kein Kind zeugen. Die Einnahme von männlichen Hormonen lässt Barthaare sprießen, aber keine Hoden wachsen. Gerade angesichts der „Geschlechtsumwandlung“ zeigen sich die grotesken Auswüchse sowohl der plastischen Chirurgie als auch der hormonellen Manipulation.

Bis zu einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 2011 mussten sich Transmänner sterilisieren lassen, um offiziell als männlich anerkannt werden zu können. Heutzutage kann in Deutschland niemand mehr die Transmänner zu einer inhumanen medizinischen Verstümmelung zwingen. Da ist gut so, aber…

Problematisch ist es, wenn ein Transmann die Hormonbehandlung unterbricht und ein Kind zur Welt bringt, sich aber nicht als „Mutter“, sondern als „Vater“ bezeichnet, „Väterin“ wird. In dem Moment, wo „er“ ein Kind austrägt und gebiert, verkörpert „er“ mit Leib und Seele das Geschlecht, von dem er meinte, sich verabschieden zu können. Und gebärend ist „er“, selbst wenn „er“ sich die Brüste hat entfernen lassen, so klar wie nie diejenige, die „er“ nicht sein wollte und will: Eine Frau.

Zu verantworten hat das „Väterinnen“- Plakat die Hamburger Werbeagentur Philipp & Keuntje (PUK). Hier arbeiten kluge, psychologisch geschulte Spezialkräfte. Auf ausgesprochen intelligente Weise verkauft PUK Menschen für blöd. Noch dazu nach den Spielregeln der Doppelmoral: Wie es PUK gefällt, gibt man sich mal sauber, mal vulgär. So setzt ausgerechnet die Agentur, die uns mit ihren ASTRA-Plakaten penetrant auf die Pelle rückt, an anderer Stelle sittenstreng auf Distanz und Hygiene. PUK hat für die Initiative „Deutschland gegen Corona“ Ideen entwickelt und dazu beigetragen, den Menschen die Abstands-Regeln einzubläuen.

Und wie ich soeben realisieren musste, hat die Agentur PUK, zu deren größten Kunden die DAK-Gesundheit gehört, auch das respektlose Plakat „Geht Omas drücken“ aus dem Jahr 2019 zu verantworten. Vgl. https://stellwerk60.com/2020/01/07/geht-omas-drucken/.

Abschließend zitiere ich mich selber: „In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.“ https://stellwerk60.com/2020/05/11/katholisch-oeffentliche-buecherei-on-leine/

Ergänzend möchte ich sagen, dass es neben „Nein“ noch ein anderes neues Schulfach geben müsste: „Mündigkeit“: Woran erkenne ich Propaganda und Manipulation – und wie kann ich mich davor schützen?

Menschen verkümmern immer mehr zu Augentieren. Im Straßenverkehr müssen wir auch als Fußgänger permanent die Augen aufhalten. Daher sind wir für die Plakatwerbung am Straßenrand empfänglich, die mit ausgeklügelten, emotional aufgeladenen Bildern um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Ich bin noch einmal zu der Stelle gegangen, wo vor drei Jahren das ASTRA– Werbeplakat hing. Das männliche Model in knallrot, das auf dem aktuellen Plakat (FLYERALARM) posiert, muss bei den Foto-Aufnahmen genau in die Linse geguckt haben. Das hat den simplen optischen Effekt, dass wir uns, egal wo wir stehen, von ihm angeguckt fühlen. In diesem Fall auch aufgespießt, denn der Mann zeigt mit dem Finger auf uns.

Elfchen im Fünften: Viele viele smarte Panzer

Vor sechs Jahren, am 27. Mai 2016, hat Barack Obama im Rahmen einer Asien-Reise als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima besucht. Knapp 71 Jahre zuvor waren die Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. bzw. 9. August 1945 von jeweils einer US-amerikanischen Atombombe völlig zerstört worden, von jener unheimlichen, Unheil bringenden Bombe, die damals gerade erst entwickelt worden war und die es nie hätte geben dürfen.

Während man der Testbombe, die als erste Atombombe überhaupt wenige Woche zuvor in der Wüste von Nevada gezündet wurde, den lässig-lakonischen Code-Namen Gadget (zu deutsch: fragwürdiges, wenig taugliches Gerät, Dingsbums) gegeben hatte, trugen die beiden mörderischen Bomben, die man über Hiroshima und Nagasaki abwarf, spaßig-höhnische Deck-Namen: Little Boy und Fat Man.

Doch die irrwitzig-verdrucksten „Kosenamen“ waren nicht nur- wovon ich bis vor kurzem ausgegangen war- Tarn-Bezeichnungen für zwei einzelne Bomben, sondern politisch-wissenschaftliches Programm. „Fat Man (englisch für Dicker Mann) war der Deckname des Mark-3-Kernwaffen-Designs, das im Rahmen des Manhattan-Projektes von US-amerikanischen, britischen und kanadischen Wissenschaftlern entwickelt wurde.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Fat_Man

Obwohl seine Amtszeit bereits dem Ende zuging, hat Barack Obama den Besuch in Hiroshima im Frühjahr 2016 nicht zum Anlass genommen, sich im Namen der US-amerikanischen Politik für den Abwurf der Bomben zu entschuldigen. Stattdessen tat Obama lediglich seine Pflicht und legte am Denkmal für die Opfer der Atombombe im Friedenspark von Hiroshima einen Blumenkranz nieder.

Nach seiner Rede umarmte der US-Präsident vor den Augen der Weltöffentlichkeit den damals 79ährigen Mori Shigeaki, einen Überlebenden der Atom-Bombe von Hiroshima. Mori Shigeaki war bewusst ausgewählt worden. Shigeaki, selber Opfer, hat sich jahrzehntelang mit dem Schicksal von US-Militärpiloten beschäftigt, die als Kriegsgefangene beim Abwurf der Bombe auf Hiroshima getötet wurden, und dazu auch ein Buch verfasst. Die Militärpiloten waren im Chugoku-Hauptquartier der Militärpolizei festgehalten worden, das nur 400 m vom Hypozentrum der Explosion entfernt war.

Mori Shigeakis Lebensgeschichte ist wie für Hollywood erfunden und ganz nach dem Geschmack patriotischer US-Amerikaner. Tatsächlich jedoch steht der tragische Tod der wenigen US-amerikanischen Soldaten in keinem Verhältnis zum katastrophalen Ausmaß der atomaren Vernichtung. In Hiroshima und Nagasaki sind auf der Stelle über hunderttausend Menschen getötet worden. Zwar wurden, da sich das Hauptquartier der Zweiten Japanischen Hauptarmee in Hiroshima befand, auch tausende japanische Soldaten getötet, doch in überwiegender Mehrzahl waren die Opfer japanische Zivilisten: Unschuldige Frauen, Männer und Kinder. Dass Obama vor den Augen der Weltöffentlichkeit Herrn Shigeaki versöhnlich lächelnd in den Arm nimmt, empfinde ich als sentimentale, gönnerhaft-arrogante Geste: Hollywood welcomes Hiroshima.

Die Atombomben, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, haben den japanischen Kaiser Hirohito zur Kapitulation gezwungen, was das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete. Der Abwurf der Bomben stiftete aber keinen Frieden, sondern sicherte lediglich einen fragilen Waffenstillstand. Ein Frieden, der sich der Drohung mit der atomaren Vernichtung und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ verdankt, ist keiner.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein neuer, ein kalter Weltkrieg, der bis heute andauert. Atombomben sind entsetzlich und stehen für eine auf die Spitze getriebene männliche Hybris, die seit der hinterhältigen Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki unsere Angst vor dem Weltuntergang schürt und permanent mit ihr spielt. Fat Man und Little Boy waren und sind eine Kriegserklärung an das Leben.

Nach wie vor rechtfertigt die US-amerikanische Politik die Bombenabwürfe. Eine Entschuldigung wäre ein Schuldeingeständnis, das sich nicht nur auf Hiroshima und Nagasaki bezöge, sondern die gesamte Atompolitik der USA in Frage stellen würde. Denn 77 Jahre nach Kriegsende setzt nicht nur Russland, sondern auch die „Siegermacht“ USA weiterhin auf die atomare Drohgebärde. Und obwohl im Jahr 2021 das Atomwaffenverbot der Vereinten Nationen in Kraft trat, haben die NATO-Staaten den Vertrag bislang nicht ratifiziert. https://www.deutschlandfunk.de/atomwaffenverbot-tritt-in-kraft-ungleichgewicht-des-100.html

Vermutlich ist Deutschland im Jahr 1945 deshalb von der US-Atombombe verschont geblieben, weil die deutschen Großstädte ohnehin fast völlig zerbombt waren. In einem Video auf Terra X (ZDF) vom 2.8.2020 heißt es, dass man Hiroshima vor dem 6.8.1945 vermutlich bewusst nicht bombardiert hatte: „Wahrscheinlich wollten die Amerikaner die Wirkung ihrer neuen Waffe an einer intakten Stadt testen“. https://www.youtube.com/watch?v=hlAUaEP9Vgs Der Angriff auf die relativ intakte Stadt Hiroshima, deren Bewohner bis dahin vergleichbar wenig durch den Krieg traumatisiert waren, hatte tatsächlich einen „wissenschaftlichen Mehrwert“, denn er sicherte „Material“ für physikalische, biologische und medizinische Langzeitstudien. Infam!

Kellerfund: Der Papierschnipsel ist ein Überbleibsel aus dem Brettspiel „Risiko“, einem Strategiespiel-Klassiker, erfunden im Jahr 1957. Am Wohnzimmertisch sitzen und Länder erobern („befreien!“) macht (vor allem) Männern Spaß. Frei nach dem Motto: „Am Feierabend dann kann jeder Mann ein kleiner Imperator sein. Jawoll!“

Angesichts der weltweiten Drohung mit atomarer Vernichtung ist der Krieg in der Ukraine ein ungleichzeitiger Krieg. Während im Hintergrund ausgeklügelte, hochmoderne Waffensysteme bereit stehen, die jederzeit zum Einsatz kommen könnten, wird ein konventioneller Bodenkrieg geführt, der, so grausam er ist, seltsam „altmodisch“ anmutet.

Technik fasziniert mich da, wo sie uns den Alltag erleichtert: Spülmaschine, Waschmaschine, Zentralheizung, Computer. Kriegs- und Waffentechnik jedoch lassen mich nicht nur kalt, sondern widern mich an. Doch (erschreckend!) viele Männer kommen beim Reden über Waffen und Kriegstaktiken ins Schwärmen. Und sie nennen die Kriegsfahrzeuge neckisch-liebevoll beim Namen, der im Falle von Panzern oft der eines Tieres ist. https://web.de/magazine/panorama/leopard-wiesel-gepard-bundeswehrfahrzeuge-tieren-benannt-36842570

Angesichts von soviel Männerphantasie kommt mir ein Elfchen in den Sinn:

Dachs

und Wiesel,

Fuchs und Gepard

Viele viele smarte Panzer…

Waffen-Artenvielfalt

Auch der von der Bundeswehr längst ausgemusterte, nicht mehr zeitgemäße, aber immer noch wackere Panzer, der vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) überholt und in einer Stückzahl von 50 an die Ukraine geliefert werden soll, trägt den Namen eines wilden Tieres: Gepard.

Anders als die Benennung der Atombomben ist die Namensgebung in diesem Fall nicht zynisch, sondern infantil. Wenn kleine Jungs ihrem Spiel-Panzer einen Kose-Namen geben, ist das zwar bescheuert, aber immer noch lustig. Doch wenn ein todbringendes Gefährt von erwachsenen Männern anerkennend und zärtlich Gepard genannt wird, ist das nicht mehr lustig.

Wenn die Bundeswehr demnächst modernisiert wird, muss Platz geschaffen werden. Wohin mit dem in die Jahre gekommenen Kriegsfahrzeuge-Bestand? Panzer aus dem Hause Krauss-Maffei Wegmann (KMW) sind auch nach vielen Jahren viel zu schade zum Einstampfen. Ein kurzer Blick ins Internet erzählt mir, dass der Verkauf gebrauchter Panzer aus dem Bestand der Bundeswehr seit Jahrzehnten schon durchaus üblich ist, auch an Länder außerhalb der NATO. Der Name des Top-Verkaufsschlagers ist wieder der eines wilden Tieres: Leopard.

Was ich in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung lese, wusste ich so noch nicht. Deshalb zitiere ich an dieser Stelle Auszüge aus dem erhellenden Text: „Darüber hinaus hat die Bundesregierung gebrauchte Leopard 2 Panzer in zwei Staaten verkauft, die keine NATO-Mitglieder bzw. NATO-Mitgliedern gleichgestellte Staaten sind. Dies ist einerseits Chile, welches zwischen 2007 und 2009 insgesamt 172 dieser Kampfpanzer erhielt (zusammen mit 266 Schützenpanzern Marder, die zwischen 2009 und 2011 geliefert wurden). 95 weitere Leopard 2 Panzer der Bundeswehr wurden 2007 an Singapur verkauft.“ Der ganze Artikel: https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m5/articles/german-tank-exports

Im Internet fand ich eine äußerst fragwürdige, begeisterte Liebeserklärung an den Gepard vom 10.5.2022. Der Einsatz des bewährten Panzers soll nicht nur uns, sondern auch den Menschen in der Ukraine schmackhaft gemacht werden.

Sonntag, 27.3.2022: Nachbarn haben auf der Wiese zwischen Kita Lummerland und Siedlungsladen ein paar Stände aufgebaut. Ein Stand wird von zwei kleinen Jungen „betreut“: Hier kann man für die Menschen in der Ukraine Geld spenden und Blechdosen umwerfen.

Die Kinder halten der Weltpolitik den Spiegel vor: Putin droht mit Atombomben, die Kinder verteilen Filzbälle. Einer der Jungen drückt mir einen Tennisball in die Hand und sagt etwas Kluges: „Der Putin sollte lieber auf Dosen schießen.“

Ich komme mit seinem Vater ins Gespräch. „Putin ist nicht der einzige Aggressor“, sage ich. „Das zu sagen, ist politisch nicht korrekt“, entgegnet der Vater und lacht. Ich spende und werfe. Dann unterhalten wir uns über eines meiner Lieblingsthemen: Zwillinge.

Der Mann erzählt mir, dass er sehr froh war, als sich die ungeborenen Zwillinge als Jungen entpuppten. Und dann sagt er wörtlich: „Söhne bleiben, aber ein Vater verliert seine Töchter, sobald die Haifische kommen.“ Ich finde das erstaunlich ehrlich und frage, wie er es meine. Darauf lacht er und sagt: „Ich war doch selber ein Haifisch.“

Ich frage die Eltern des Jungen, ob ich ein Foto machen darf. „Gerne“, ist die Antwort, „solange es nicht im EXPRESS abgedruckt wird.“ Erst als ich das Bild vergrößere, schaue ich mir das Design von Hose und Jacke des Jungen genauer an: Die abgebildeten sind keine kleinen Fische.

ICH, ICH, ICH: Macht macht müde Männer munter

Die aktuelle Bundes-Politik, die Sicherheit verspricht, stellt ein großes Sicherheitsrisiko dar und gefährdet uns alle. Jetzt, wo endlich die Notbremse gezogen und weltweit abgerüstet werden müsste, wird vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine weiter aufgeheizt. Das Vorhaben, die Bundeswehr mit 100 Milliarden aufzurüsten, kann ich nur wahnwitzig nennen. Angst und Bang wird mir bei der Vorstellung, dass für ganz Deutschland ein „Raketenschutzschild“ nach israelischem Vorbild errichtet werden soll. Als könnten Raketen je schützen! Das Gegenteil ist der Fall. Deutschland würde eine schöne Zielscheibe abgeben.

Auch wirtschaftlich ist das Projekt erschreckend unvernünftig, denn das „Sondervermögen“ ist kein „Vermögen“, sondern wird aus neuen Schulden bestehen. Damit der Bund sich überhaupt weiter verschulden kann, muss das Grundgesetz geändert werden. Schon um der Inflation entgegenzuwirken, dürfte sich der Staat nicht noch weiter verschulden, doch unabhängig von den 100 Milliarden für die Bundeswehr sind weitere horrende Kriegs-Kosten längst eingeplant. https://web.de/magazine/wirtschaft/ukraine-krieg-40-milliarden-zusaetzliche-schulden-geplant-36809360

Dass man uns Bürgerinnen und Bürger längst nicht mehr ernst nimmt, bekommen derzeit auch prominente Künstler und Intellektuelle (darunter Martin Walser, Svenja Flaßpöhler, Harald Welzer, Alexander Kluge und Ranga Yogeshwar) als Erstunterzeichner eines offenen Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz zu spüren. Dieser Brief, den die Redaktion der EMMA initiiert und am Freitag veröffentlicht hat, kritisiert klar und deutlich die Kriegspolitik des Bundestags, der am Donnerstag mit großer Mehrheit die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gebilligt hat. Durch dieses Schreiben wurde vielen Menschen in Deutschland die Tragweite der Bundestags-Entscheidung überhaupt erst bewusst. Auch ich, die ich versucht hatte, den Irrwitz zu verdrängen, wurde noch einmal wachgerüttelt.

Die einzige positive Politiker-Reaktion, die ich auf die Schnelle gefunden habe, ist ein Twitter-Beitrag von Sahra Wagenknecht, die selber schon Tage zuvor (ganz im Sinne der LINKEN-Fraktion) ähnlich argumentiert hatte. Die Pressestimmen sind überwiegend aggressiv, was mich nicht überrascht. Ekelhaft und unter der Gürtellinie ist ein Twitter-Account von ZDF-Entertainer Jan Böhmermannn.

Freitag, 29.4.2022: „Der Offene Brief an Olaf Scholz sendet das beruhigende Signal: wenn Putin Deutschland mit Atomraketen angreift, wird sich der intellektuelle Schaden jedenfalls in Grenzen halten.“

So widerlich diese Zeilen sind – kein Gericht wird sie ihm verbieten. Man kann die zynische Nummer als Satire auslegen. Böhmermann, der vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor hofiert wird, weil seine Auftritte hohe Einschaltquoten garantieren, ist mittlerweile schlau genug, seine Aggressivität so weit zu kontrollieren, dass er keine „Reizbegriffe“ mehr benutzt. Das war einmal anders. Wir erinnern uns an sein widerliches, schamloses Erdogan-Schmähgedicht. https://www.blog-der-republik.de/boehmermanns-zeilen-weder-komisch-noch-aufklaerend-2/

Ich bin dankbar für die großartige Aktion der EMMA und bitte an dieser Stelle meine Leserinnen und Leser, den Brief zu unterschreiben, der am Freitagnachmittag als Petition bei change.org gestartet wurde. Trotz der öffentlichen Anfeindungen geht es mit den Unterschriften (aktuell, 2.5.2022, 9h57: 146.203) zügig voran. https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz 

Köln-Nippes, Neusser Straße, 31.3.2022. Auch wenn Vladimir Putin den brutalen russischen Überfall auf die Ukraine zu verantworten hat, kann er dennoch nichts dafür, dass zehn Bio-Eier bei ALDI nicht mehr 2,99€, sondern 3,29€ kosten (Stand: April 2022) Dass der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der längst sein Scherflein ins Trockene gebracht hat, im Bericht aus Berlin am 10.4.2022 folgende Sätze sagen durfte, finde ich absolut schamlos: „Wir haben wahrscheinlich, zumindest für eine gewisse Zeit, den Höhepunkt unseres Wohlstandes hinter uns.“ https://www.tagesschau.de/inland/merz-bab-inflation-101.html

Doch was beflügelt eigentlich Olaf Scholz, warum ist er Kanzler geworden?

Im Essener Klartext-Verlag veröffentlichte man Ende 2021 -kurz nach der Kanzler-Wahl- eine Scholz-Biografie mit dem Titel „DER WEG ZUR MACHT – Das Porträt“. Autor: Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Im selben Verlag war (vgl. https://stellwerk60.com/2021/06/22/groko-stoppen-teil-1-karo-luschet/ ) im Jahr 2020 schon die Laschet-Biografie „DER MACHTMENSCHLICHE: Armin Laschet. Die Biografie“ erschienen. Autoren: Die Journalisten Moritz Küpper (DEUTSCHLANDFUNK u.a.) und Tobias Blasius, NRW-Landeskorrespondent der FUNKE- Mediengruppe und langjähriger Vorsitzender der Landespressekonferenz Nordrhein-Westfalen.

„Der Weg zur Macht“: Da ist einer Bundeskanzler geworden, weil er Macht haben wollte. Wie undemokratisch und noch dazu primitiv männlich der Titel ist -eine Biografie im Falle einer Kanzlerschaft von Frau Baerbock hätte wohl kaum Der Weg zur Macht geheißen-, scheint im Klartext-Verlag niemandem aufgefallen zu sein. Und warum veröffentlicht man kurz nach der Wahl (pünktlich zum Weihnachts-Geschäft) eine Kanzler-Biografie, obwohl der Mann in seinem Amt als Kanzler Berufsanfänger ist? Und noch etwas scheint niemandem aufgefallen zu sein. Gab es den Titel nicht genau so schon einmal? Warum dachte ich direkt an Hitlers Machtergreifung, als ich ihn hörte? Ich schaue ins Internet und werde schnell fündig.

Das Dokumentarspiel „Der Weg zur Macht“ war im Jahr 2016 Teil einer Dokumentarspiel-Reihe auf dem ARD-Bildungskanal ALPHA. Hier lief es als Wiederholung, denn unter dem selben Titel wurde der Beitrag bereits 2012 auf BR-ALPHA ausgestrahlt. „Der Weg zur Macht“, so lese ich im Begleittext des BR, „rekonstruiert die Zeit in Deutschland von Mai 1929 bis Mai 1932 und damit den beginnenden Aufstieg der NSDAP von einer Klientel- zur Massenpartei.“ An anderer Stelle heißt es: „Den direkten inhaltlichen Anschluss an „Der Weg zur Macht“ bildet der Film „Die Machtergreifung““. https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/ausstrahlung-575336.html Dass die Kanzler-Biografie einen Titel trägt, bei dem jeder auch nur halbwegs Gebildete Hitlers Machtergreifung assoziiert, hätte nicht passieren dürfen!

Mir ist unbegreiflich, warum weder die Verantwortlichen im Klartext-Verlag -der als kritischer Verlag der Gegenöffentlichkeit gegründet wurde, aber mittlerweile zur FUNKE-Mediengruppe gehört- noch Autor Lars Haider noch die engsten Verbündeten des Bundeskanzlers oder Scholz selber den (gelinde gesagt) Fauxpas bemerkt haben. Die Herren dürften doch wohl alle die Internet-Suchmaschinen bedienen können!

Die engsten Verbündeten des Kanzlers sind nach Aussage von Autor Lars Haider Regierungssprecher Steffen Hebestreit und ein Mann namens Wolfgang Schmidt. Haider beschreibt Schmidt in einer vorweihnachtlichen Vorstellung seines Buchs („ein schönes Weihnachtsgeschenk, wie ich finde“, so Haider) auf Abendblatt-TV folgendermaßen: Wolfgang Schmidt sei „… die Mensch gewordene Werbetrommel für Olaf Scholz, ein fröhlicher, rhetorisch hochbegabter Menschenfänger, ein Netzwerker vor dem Herrn…“ https://www.youtube.com/watch?v=ZdhvO93Z44Y

Haider verliert kein Wort darüber, welche Position „Menschenfänger“ Wolfgang Schmidt innehat. Tatsächlich ist Schmidt (SPD) weder Pressesprecher noch Bundestagsabgeordneter, sondern „Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz“. Dass eine dieser besonderen Aufgaben offenbar darin liegt, die Werbetrommel für Scholz zu rühren und Menschen zu fangen, noch dazu als „fröhlicher“ Spaßvogel, ist mehr als bedenklich.

Im Internet finde ich eine Leseprobe der Biografie. Ich erwarte kantige, zitierbare Sprüche, finde aber nicht einmal die. Der markige Titel -so missglückt er auch ist- verpufft. Man bekommt den Eindruck, Olaf Scholz sei nicht Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Die Leseprobe erstickt mein Interesse an einem Buch, das nichts weiter zu sein scheint als eine langweilige, zum Buch aufgeplusterte Werbebroschüre. Wer (wie ich) neugierig auf das Kind Olaf Scholz ist, findet in der Leseprobe lediglich die Information, dass Scholz neben Blockflöte Oboe gelernt hat. Dieser Fähigkeit jedoch misst Biograf Haider große Bedeutung bei: „Das passt an den Beginn eines Kapitels, in dem es um Scholz’ Führungsstil gehen soll. Denn die Oboe gibt, wenn ich meinem Kollegen und allseits geschätzten Konzertkritiker Joachim Mischke glauben darf, dem Orchester das „A“ vor „und damit die Stimmung“… Dass Olaf Scholz gern den Ton angibt, ist keine neue Erkenntnis…“

Andere Politiker exhibitionieren sich wesentlich unterhaltsamer. Ich denke da an Vladimir Putin, der sich auf seinen Abenteuer-Reisen immer gerne in betont männlichen Posen zur Schau stellt. Fotos, die im Jahr 2011 auch in Deutschland veröffentlicht wurden, zeigen ihn mit nacktem Oberkörper und sexy sitzenden Hosen im Military-Look, reitend, angelnd. Am Abend dann sitzt Vladimir warm gekleidet volksnah am Feuer, mit Pferdekopf-Geige in der Hand. Und wir ahnen: Da träumt einer vom großen männlichen Abenteuer, vom Krieg. Wie gefährlich der Mann ist, erleben wir gerade. https://www.welt.de/politik/gallery1104085/Putin-und-die-nackten-Tatsachen.html

Ich muss zugeben, dass ich mir diese Bilder gerne anschaue, so lächerlich sie sind, denn Putin konnte (kann?) sich sehen lassen. Mittlerweile sind die Bilder seltener geworden. Auf Fotos von 2017 wirkt der Vitalitätskult angestrengt. Putin ist deutlich älter geworden. Angeblich lässt er auf seinen Reisen stets von einem Ärzteteam begleiten, was zu wilden Spekulationen über seinen Gesundheitszustand führt. https://www.stern.de/politik/ausland/wladimir-putin–neuer-bericht-schuert-zweifel-an-gesundheit-31755708.html

Einen Arzt als Leibwächter einer anderen Art hatte auch ein anderer mächtiger Mann, der permanent seine Männlichkeit öffentlich zur Schau stellen musste: Der Unternehmer, Milliardär und langjährige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Der damals 74jährige Berlusconi, angeblich ein enger Freund von Vladimir Putin, ließ sich im Jahr 2011 von seinem Leibarzt in aller Öffentlichkeit bescheinigen, dass er nach wie vor sexuell aktiv ist. https://www.welt.de/politik/ausland/article13472600/Berlusconi-kann-sechs-Tage-pro-Woche-Sex-haben.html Vermutlich kam die Meldung im katholischen Italien gut an. Berlusconis Rhythmus -sechs Tage Aktivität und ein Ruhetag- deutet darauf hin, dass der Mann bibelfest ist. Schließlich heißt es schon im BUCH MOSE: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.“

Männer erleben keine Wechseljahre, und das macht sie (unter Umständen) gefährlich. Anders als wir Frauen sind die Männer dazu verdammt, bis an ihr Lebensende fruchtbar zu sein. Männer, die nicht einmal mehr einen Kinderwagen schieben können, sind immer noch in in der Lage, Väter zu werden. Dieses biologische Dilemma verzerrt die männliche Selbstwahrnehmung und fördert den Selbstbetrug. Berlusconi (85), Scholz (63) und Putin (69) sind Männer jenseits der fehlenden Wechseljahre. Markus Söder (55) steckt mitten drin. Er hadert mit dem Älterwerden. Anders kann ich mir seine aktuelle sprachliche Entgleisung gegenüber Altkanzler Schröder nicht erklären. „Schröder sei »ein sturer, alter, skurriler Mann«, dem das eigene Konto wichtiger sei als das Ansehen Deutschlands in der Welt, sagte Söder am Samstag auf einem kleinen CSU-Parteitag in Würzburg.“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-gerhard-schroeder-markus-soeder-nennt-den-altkanzler-einen-sturen-alten-skurrilen-mann-a-85dce408-0e19-4e58-9b56-eef03499b728

Putin hat im Jahr 2011 seine Körper-Posen geschickt verteidigt. „Wladimir Putin steht zu den Fotos, die ihn mit nacktem Oberkörper beim Angeln oder auf einem Pferd zeigen. Die Bilder seien nicht obszön oder politisch unkorrekt, sagte der russische Regierungschef in einem Interview des US-Magazins „Outdoor Life“. „Es gibt auch Bilder von US-Präsident Theodore Roosevelt mit einem eigenhändig getöteten Löwen oder von Barack Obama in Badehose im Golf von Mexiko. Ich sehe darin nichts Anstößiges.“https://www.n-tv.de/panorama/Putin-verteidigt-Fotos-article3362496.html

Niemals würde sich ein deutscher Kanzler oder Präsident in eindeutig männlicher Pose ablichten lassen. In der Prüderle-Republik Deutschland (PRD) gibt man sich gerne bedeckt. Eitelkeit gilt als suspekt. Dabei gehört sie zum politischen Geschäft. Doch wenn sie zu ihrer Eitelkeit stehen, sind deutsche Politiker oft ungelenk in der Selbstdarstellung. Wir erinnern uns an den kindisch-peinlichen Auftritt des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping im Jahr 2001: „Die bunten Bilder gelten als Paradebeispiel für misslungene PR. Eigentlich sollten die Fotos und die Homestory helfen, Scharpings Image aufzupolieren, denn der gebürtige Westerwälder galt als spröde und hölzern. Statt Imagepolitur brach eine Welle der Empörung über Scharping ein... Deutsche Soldaten standen kurz vor einem gefährlichen Balkan-Einsatz in Mazedonien und hatten eine Urlaubssperre verordnet bekommen. Ihr Verteidigungsminister dagegen planschte im Pool.“ https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/2382001-rudolf-scharping-amuesiert-sich-im-swimmingpool-100.html

Das haben die US-amerikanischen Politiker den deutschen voraus: Sie sind gute Selbstdarsteller. Zur medialen Selbst-Performance gehören ein gepflegtes Aussehen ebenso wie Stimmtraining und Schauspielunterricht. Amerikanische Politiker laufen nicht vor den Paparazzi weg, sondern haben den Umgang mit ihnen gelernt. Und sie müssen haben, was Olaf Scholz nicht mehr hat, aber Joe Biden -wenn auch bescheiden- immer noch, wenn auch angeblich mit Nachhilfe: Volle Haare. Denn die suggerieren Vitalität.

Ich persönlich sympathisiere mit Haupthaar-armen Männern (Und wie vital die kahlen Männer sind, wissen die Frauen und Männer der Kahlen.) Aber niemals, wirklich niemals sollte sich ein kahlköpfiger Politiker mit geblähten Nüstern und zusammengepressten Lippen auf einem Goldbarren abbilden lassen, wenn sich die Prägeart „polierte Platte“ nennt. Doch genau das ist Olaf Scholz passiert.

Unten abgebildeten Goldbarren verkauft u.a. das Münzhandelshaus MDM unter https://r.mdm.de/goldbarren-fuer-den-neuen-kanzler-start-in-kanzler-und-praesidenten. Doch Vorsicht: Wer bereit ist, für einen Lacheffekt am Muttertag 49,95 Euro oder auch mehr auf den Tisch zu legen, sei gewarnt und sollte die Maße beachten. Der sogenannte „Barren“ ist ein winziges Plättchen, gerade mal so groß wie ein Fingernagel.

***

Wenn es das nächste Mal passiert, dass meine Schwester 70 wird, bin ich selber dran. Liebe große Schwester, herzliche Glückwünsche zum Geburtstag!