„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns auf der Neusser Straße über den Weg. „Halt mal, Lisa, ich muss dir was erzählen.“
„Keine Zeit, ich muss die Bahn kriegen“, sach ich.
„Dann nimmste eben die nächste oder übernächste“, sagt die Frau Keuner. „Geht auch ganz schnell. Ich hatte dir doch von meiner Tante erzählt, von der, die Lungenkrebs hat. Die war so niedergeschlagen, weil ihre Enkelin sich nicht mehr von ihr in den Arm nehmen lässt. Du weißt doch, die Frieda hat diese abscheulichen Aufdrucke auf den Zigarettenschachteln gesehen und ekelt sich jetzt. Es haben doch vor allem alte Menschen Krebs. Was tut die Werbung den alten Menschen an?“
„Frau Keuner, ich…“
„Jetzt unterbrich mich doch nich immer“, sagt die Frau Keuner. „Wo war ich stehen geblieben? Also, ich hab dann meine Tante am zweiten Weihnachtstag besucht, und da hatte die richtig gute Laune. Hömma, die ist gedrückt worden, und wie.“ Die Frau Keuner lacht, hustet, aber kriegt sich schnell wieder ein. „Die hatte Besuch von einem anderen Enkelkind, dem Cousin von der Frieda. Der Luca, dat ist ne janz fiese Möpp. Der hat so wie die anderen Enkelkinder immer Geld zugesteckt gekriegt, hat sich aber nie dafür bedankt. Wat soll man sich auch für 50 Euro bedanken. So ist der.“ Die Frau Keuner atmet tief und sagt erstmal nichts mehr.
„Und dann?“, hake ich nach. „Meine Bahn ist jetzt eh weg. Wie geht die Geschichte weiter?“
„Also“, redet die Frau Keuner weiter. „Und jetzt kommt der Luca zu meiner Tante nach Hause, denn da ist die zur Zeit, die will nicht mehr ins Krankenhaus zurück, und der Luca bedankt sich und drückt sie, dass es richtig unangenehm ist. Meine Tante hat genau gewusst, was war. ‚Jetzt lass mich mal gefälligst los‘, hat sie gesagt. Der Luca hat auf ahnungslos gemacht, aber meine Tante ist hart geblieben. ‚Hab ich mir schon gedacht, dass du vorbeikommst‘, hat sie gesagt, ‚dein bester Freund hat doch geheiratet. Ihr wart beim Junggesellenabschied im PASCHA NIGHTCLUB, und dann seid ihr raus und weiter in Richtung XTRAFIT, und da seid ihr bestimmt an dem widerlichen Plakat vorbeigekommen: GEHT OMAS DRÜCKEN! – DAK-Gesundheit. Ein Leben lang.'“
„Ist aber gut gemeint“, sage ich. „Klingt nicht schlecht.“
„Ja eben“, sagt die Frau Keuner und grinst: „Ja, die Krankenkassen machen auf menschlich, und dat in einem saloppen Ton. Denen liegen Studien vor, dass Berührungen gut tun. Und deshalb heißt die Werbe-Kampagne auch „Für ein gesundes Miteinander“. Hömma, Lisa, dat is Zärtlichkeit auf Kommando. Und deshalb machen die Kassen jetzt einen auf „Wir haben uns doch alle lieb“. Aber meine Tante hat Probleme damit, den Luca noch lieb zu haben. Die hat sich den so richtig vorgenommen: ‚Und dich piesackt jetzt dein Gewissen“, hat sie gesagt. „Lieber Luca, fürs nächste Weihnachten gibste mir mal deine Kontonummer. Kauf dir meinetwegen ein paar PASCHA-DOLLARS für den PRIVATE DANCE, aber rück mir nie wieder auffe Pelle. Du kannst irgendwelchen Damen anne Brust packen, aber bitte nich mir.'“
Herbst 2019: „Für ein gesundes Miteinander“ – DAK-Werbeplakat an der Inneren Kanalstraße zwischen Hornstraße (PASCHA) und Gleisdreieck (XTRAFIT -Fitnessstudio) In Deutschland gehen jeden Tag etwa eine Million Männer in den Puff. So schön es wäre – wir können die Puffs nicht einfach abschaffen, denn unsere Gesellschaft ist patriarchal degeneriert. Und wohin mit der einen Million? Puffs sind eine Verhöhnung der leiblichen Liebe. Was von der Liebe bleibt, ist kommerziell legitimierte Notdurftverrichtung – im Fall Pascha in Kooperation mit der Stadt Köln. Anfang der 1970er Jahre konnte ein professioneller Betreiber auf städtischem Grund das europaweit erste Puff-Hochhaus bauen, ein sogenanntes „Laufhaus“ mit 126 Zimmern auf elf Etagen. So konnte, wie es heißt, die Kölner Prostitution aus der Innenstadt herausgeholt, gebündelt und besser kontrolliert werden. Die Hornstraße gehört zwar offiziell zum schönen, gutbürgerlichen Stadtteil Neu-Ehrenfeld, liegt aber abseits vom beliebten Wohngebiet im Niemandsland zwischen Liebig- und Innerer Kanalstraße. Immerhin stinkt es hier nicht mehr nach Schlachthof-Abfällen wie noch vor zwanzig Jahren. Die Fleischversorgung Köln, unmittelbarer Pascha-Nachbar, hat mittlerweile den Betrieb eingestellt.
Auf der Panorama-Seite der Süddeutschen Zeitung war am Montag folgende DPA-Mitteilung zu lesen:
Dass Waschbären in die Städte kommen, passiert immer öfter. Kürzlich hat, wie ich hörte, ein Waschbär in aller Seelenruhe die Eichendorffstraße im Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld überquert, und zwar -das mag irritieren- nicht auf dem stadtauswärts gelegenen Teilstück der Straße, sondern diesseits des vielbefahrenen, vierspurigen Ehrenfeldgürtels.
Jenseits des Ehrenfeldgürtels grenzt Neuehrenfeld an den Blücherpark, wo bekanntlich auch Füchse und Marder beheimatet sind. Zwar sind Wohngebiet und Park durch die Autobahn A57 voneinander getrennt, aber durch zwei Fußgängerbrücken miteinander verbunden, über die tagsüber die Menschen spazieren und in der Nacht die Wildtiere.
Torkelnden Waschbären begegnet man eher selten. Mir ist jedoch eine Geschichte bekannt. Zugetragen haben soll sie sich im Oktober in einer Kleinstadt in Niedersachsen:
Einen ganzen Tag lang hatte ein Stadtjäger einen Waschbären verfolgt, der im Stadtpark nach Futter suchte. Als es dämmerte, verpasste ihm der Jäger eine Ladung Schrotkugeln. Er wollte das Tier nicht töten, sondern per Schock zum Tanzen bringen. Ohne auch nur eine schwache Blutspur zu hinterlassen, taumelte der angeschossene Waschbär in Richtung Marktplatz, wo er am Vortag Gemüseabfälle entdeckt hatte.
Heute hatte dort ein Kleintiermarkt stattgefunden. Jetzt waren die Tiere nicht mehr da, sie waren verkauft, verstaut und abtransportiert worden. Auch das kleine Kinderkarussell war schon abgebaut worden. Die Kinder, die die Tiere liebten, waren längst zu Hause. Auf dem Festplatz traf man nur noch ausgelassen feiernde Erwachsene. Die Bierzelte und Wurstbuden würden noch bis in den späten Abend hinein geöffnet sein. Der verletzte Waschbär taumelte weiter in Richtung Marktplatz. Hatte er eine Ahnung davon, was dort passierte?
Kurz vor dem Festplatz hielt der Waschbär an, drehte sich um und bemerkte den Jäger. „Warum jagst du mich?“, fragte er heiser. „EU-Verordnung“, sagte der Jäger. „Ihr Waschbären steht auf der EU-Abschussliste, denn ihr seid eine Zumutung.“ „Warum?“, fragte der Waschbär und stöhnte. „Für wen sind wir denn eine Zumutung?“ „Für uns Menschen“, sagte der Jäger. „Und was muten wir euch zu?“, fragte leise wimmernd der Waschbär. „Na, euch Waschbären“, antwortete der Jäger und grinste. „Ihr übertragt gefährliche Krankheiten, ihr pflanzt euch ungehemmt fort, ihr fresst heimische Tiere wie Singvögel und Schlangen, und ihr verdrängt andere Arten, die lange vor euch da waren.“
„Aber….“ Der Waschbär zögerte kurz und sprach dann weiter: „Tut ihr das nicht auch?“
„Was erzählst du da?!“, schrie der Jäger. „Das ist ja eine Unverschämtheit. Ich übertrage keine gefährlichen Krankheiten, sondern bin rundum geimpft. Ich pflanze mich auch nicht ungehemmt fort, denn ich habe mich sterilisieren lassen. Und ich verdränge keine Arten, denn ich persönlich habe sogar eine Patenschaft für ein artgerecht gehaltenes, höchst schmackhaftes Blondes Mangalitza Wollschwein, das fast ausgestorben wäre. Ich fresse weder Schlangen noch Singvögel. Ich esse nur Tiere, die es gar nicht gäbe, wenn wir Menschen sie nicht züchten würden. Ich liebe Tiere, ihr seid so…. lecker.“ Der Jäger kicherte: „Du vielleicht weniger. Waschbär, komm zu mir, lass dich streicheln, ich bin doch dein Fressfreund.“
Doch der Waschbär lief weg, so gut er nur konnte. Er bewegte sich stöhnend weiter und kam torkelnd auf dem Festplatz an. Er hatte furchtbare Schmerzen und einen entsetzlichen Durst. Der Waschbär, der so hieß, weil er reinlich war und sein Futter wusch, kannte nichts und sich selber nicht mehr. Er kroch über den Boden, schleppte sich von Biertisch zu Biertisch und soff aus den Lachen unter den Tischen Kaffee und Bier.
„Der ist ja besoffen“, freuten sich die Leute und lachten. „Ein Tanz-Waschbär, Ist der süß! Kann man den kaufen?“ „Der hat die Tollwut“, schrien andere, sprangen auf und rissen die Bänke um. „Der steckt uns an. Impfen!“
„Zu spät“, diagnostizierte die anwesende Amtstierärztin. „Das ist die Staupe, deshalb torkelt er. Der Waschbär hat die Orientierung verloren. Zum Glück sind keine Kaninchen mehr hier.“ Sie gab dem Jäger ein Handzeichen. „Ja, wenn das so ist“, sagte der.
Doch der Waschbär war dem Jäger zuvorgekommen. Aus dem Jenseits schaute er dem Treiben kopfschüttelnd zu. Die Kugeln konnten ihm nichts mehr anhaben.
Ich will gerade ein zusammengeknülltes Schreiben in den Papiermüllcontainer vom Mehrfamilienhaus stopfen, klapp den Deckel hoch, da steht mit einem Mal die Frau Keuner neben mir. „Ertappt, wa?“ Die Frau Keuner lacht: „Wat biste hier bei uns, du hast doch deine eigene Tonne, zeig mal.“ Sie nimmt mir das Schreiben aus der Hand und faltet es auseinander: „Ja, ja. Du schmeißt die Vorladung zur Mammografie also auch direkt in die Tonne. Einmal war ich da. Ich sach dir: Nie wieder. Die haben mir meine Brüste so eingequetscht, dass ich weglaufen wollte, aber das ging nicht mehr.“
„Ich war da noch nie“, sage ich, guck nach rechts und nach links, aber da ist zum Glück keiner. Ich rede leise weiter: „Als ich den ersten Brief gekriegt hab, hab ich bei der kassenärztlichen Vereinigung angerufen und abgesagt, ganz höflich, aber die Frau am Telefon hat mich dermaßen zusammengestaucht. Was ich mir einbilden würde, in meinem Alter so ein Angebot auszuschlagen, der Staat würde über 100 Euro für mich ausgeben. Jüngere Frauen würden monatelang warten und müssten die Vorsorge selber bezahlen, ich wäre total undankbar.“
„Und jetzt haste Schiss, dass die Gesundheitspolizei irgendwann auf der Matte steht und dich abholt und in ein mobiles Gerät steckt. Ist alles schon passiert. Hömma, weißte überhaupt, watte da wegschmeißt? Eine Freikarte fürs Mamma-Mobil.“ Die Frau Keuner lacht laut und erzählt was vom neuen Dacia-Papamobil aus Rumänien, in dem Papst Franziskus jetzt über den Petersplatz kutschiert wird. Die Frau Keuner heißt übrigens nicht „Körner“, wie ich immer gedacht hatte, sondern tatsächlich „Keuner“, und sie ist, wie sie sagt, eine Enkelin vom Herrn Keuner. Der Brecht hat den nämlich nicht erfunden. Den Herrn Keuner hat es, wie sie sagt, wirklich gegeben, und der hatte nicht nur einen Verstand, wie Kritiker behaupten, sondern angeblich auch eine tolle Figur. Die Frau Keuner hatte die auch, aber seit sie über sechzig ist, hat sie Probleme mit den Gelenken.
Die Frau Keuner hat furchtbare Erfahrungen mit Krankenhäusern gemacht. Nach einer Hüft-OP vor einem Jahr hatte sie eine heftige Krankenhauskeim-Infektion, und jetzt sind die Schmerzen schlimmer als vorher. Ohne Gehwagen traut sich die Frau Keuner nicht mehr vor die Tür. Seit der OP ist das eine Bein einen Zentimeter kürzer. Das ist aber kein Kunstfehler, sondern ganz normal, das kann jeder im Internet nachlesen, aber deshalb wollte die Krankenkasse ihr die erhöhten Schuhe erst nicht bezahlen. Hätte sie ja wissen müssen, was sie erwartet. Außerdem würde irgendwann die zweite Hüfte dran sein, und da würde es sich schon wieder ausgleichen. Die Frau Keuner hat sich zwar durchgesetzt, aber jetzt hat sie nur noch ein einziges Paar Schuhe. Die sind nicht schön, aber bequem, immerhin. Die zeigt sie mir und kann trotz des Schlamassels immer noch lachen: „In welcher bekloppten Welt leben wir?“
Die Frau Keuner knüllt den Brief wieder zusammen. „Solange du gesund bist, machst du dir Illusionen. Als ich 50 wurde, da dachte ich, jetzt gratuliert mir die Stadt Köln zum Geburtstag. Ich meine, ich hab zig Jahre malocht, Steuern bezahlt, bin immer zur Wahl gegangen, nicht ausgewandert. Ist dat nix? Da kam dann auch ein offizielles Schreiben, aber keine Einladung zum Sektempfang, nichts Erheiterndes, sondern wat Ernüchterndes. Eine Freikarte für eine Veranstaltung, an der ich nicht teilnehmen will.“
Sie stopft den Brief in den Container. „Ich hab jetzt einen Schwerbehindertenausweis. Du kannst noch viel schlimmer dran sein als ich und beide Beine amputiert haben, aber in der KVB musst du trotzdem den Ausweis vorlegen und das Beiblatt mit der entsprechenden Wertmarke, sonst nehmen die dich nicht kostenlos mit, denn auch ohne Beine musst du immer noch 80 Euro im Jahr für die Wertmarke bezahlen. Für die Blinden und die Hilflosen kostet die Wertmarke nichts, aber haben die entsprechenden Merkzeichen, „BL“ für blind und „H“ für hilflos. Die Kontrolleure gucken da ganz genau hin. Einen auf blind oder verwirrt machen ist ja ein alter Schwarzfahrertrick. Haste bestimmt auch gemacht damals.“
„Hab ich nie gemacht“, sage ich.
„Da haste aber wat verpasst“, sagt die Frau Keuner. „Geht heute alles nicht mehr. Du musst dich rundum ausweisen. Der Staat hat eine panische Angst vor Fakes und vor Täuschungsversuchen. Du könntest ja einen Anschlag vorhaben. Deshalb sollste einen Personalausweis bei dir haben, damit du dich für niemand anderen ausgibst, einen Impfpass und am besten auch einen Organspendeausweis. Ich sach dir, dat ist totalitär.“
„Sie sind ja Verschwörungstheoretikerin“, necke ich die Frau Keuner.
„Nenn mich so“, kommt ihre Antwort. Die Frau Keuner grinst: „Hintergedanken aufdecken ist die einzige Möglichkeit, noch die Wahrheit zu sagen.“
Nicht rostfrei und nicht fälschungssicher: Mein „Grauer Lappen“ aus dem Jahr 1983, als die Pass-Fotos schwarz-weiß waren und man noch Zähne zeigen durfte. Ich weiß noch, dass meine Schwester vor dem Foto-Fix stand und mich durch den Vorhang hindurch mit irgendeinem Quatsch zum Lachen gebracht hat. Ich brauche meinen Führerschein kaum, dennoch bin ich froh, einen zu haben. Nach 36 (!) Jahren ist er ziemlich vergammelt, aber immer noch gültig. Leider muss er in ein paar Jahren gegen eine fälschungssichere EU-Fahrerlaubnis umgetauscht werden. Demnächst haben wir alle einen PKW-Führerschein auf Bewährung, denn die Ausweise werden dann nur noch 15 Jahre gültig sein. Ich befürchte, dass sich dann ältere Menschen (also auch ich!) regelmäßig einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen.
Hier mein von Ernst Jandl inspiriertes Elfchen im Zwölften:
Ars wüssten wil nicht….
Dass
man mit
dem Röfferstier ein
Suppengelicht schrecht geröffert kliegt
Vorksvelbrödung
Blei- bzw. Zinngießen gehört für mich zu Silvester. Schon Mitte November konnte man das entsprechende Zubehör kaufen. Doch sind wir schon so blöd? Hier sagt man uns, wo wir den Löffel anfassen sollen, wollen wir uns nicht die Pfoten verbrennen.
Kurtulvelfarr: Was lassen wir uns noch alles aufs Butterbrot schmieren?
Ich hatte in meiner Schulzeit ein halbes Jahr Russisch-Unterricht. Leider konnte ich mir die Vokabeln schlecht merken. In Erinnerung sind mir nur einige Wörter, die eigentlich aus dem Deutschen stammen, z.B. Landschaft = ландшафт – und natürlich Butterbrot = бутерброды (buterbrody). Das russische buterbrody meint aber kein Brot mit Butter, sondern ein belegtes Brot, eine Art Sandwich. Das klassische Butterbrot ist sooo deutsch. Nicht zufällig nennen wir Deutsche unsere (traditionell kkkk-kalte) Abendmahlzeit Abendbrot. Die Kalte Küche kann lecker sein. Zur klassischen Kalten Küche meiner Kindheit gehörten Russisch Ei, Kartoffelsalat und Sülze. Im Thermomix-Zeitalter gibt es statt Kräuterstippe Avokado-Dip. Alle wollen Brei. Der Hype um die vegane Ernährung hat das Butterbrot wieder neu ins Spiel gebracht. Vegane Brot-Aufstriche kommen gut an, und so wird zur Zeit munter ausprobiert, was man den Leuten verkaufen kann. Grundsätzlich kann man (fast) alles aufs Brot schmieren. „Aufstrich“ heißt: Bunte Zutaten (im Alnatura- „Grünkohl-Aufstrich“ sind neben Grünkohl 14 weitere Zutaten, darunter Maisstärke, Knoblauch und Agavendicksaft) werden miteinander vermengt und so fein püriert, dass sie nicht mehr zu identifizieren sind. Ich mag Kohl sehr gerne, denn er ist lecker herzhaft und beißt sich so schön, bis auf den einen… Grünkohl ist ein Gemüse, das ich allenfalls warm und schon gar nicht wurstlos verzehren kann.
„Viel Milch, wenig Kakao“, so wurde noch 1988 für Kinderschokolade geworben: https://www.youtube.com/watch?v=jzi-ek-Cd98 Heutezutage jedoch gilt Kinderschokolade als ungesunder, dick machender Kariesverursacher. Stattdessen, so heißt es, sollen Kinder auf den Obst-und Gemüsegeschmack kommen.
Auf diesem mit knapp 24 Euro völlig überteuerten Advents-Kalender wirbt ein von Turnvater Jahns früher Fitness-Parole „frisch, frei, fröhlich, fromm“ inspirierter Slogan: „Eine frühe Freundschaft mit Obst und Gemüse.“ Allerdings freunden sich die Kinder, die mit dem Kalender beglückt werden, eher mit Verpackungsmüll und Wegwerfspielzeug an als mit Obst und Gemüse. Im Kalender sind neun „Quetschies“: Obst und Gemüse aus der Tube. Natürlich haben (auch ältere) Kinder Spaß, denn per Quetschie müssen sie den Brei nicht einmal mehr löffeln, sondern können ihn sich nuckelnd und saugend direkt hinter die Zähnchen quetschen. Viiiieeel Verpackung, nix dahinter. Mittlerweile regt sich öffentlicher Widerstand: https://www.oekotest.de/kinder-familie/Quetschies-Sechs-Gruende-gegen-Obstbrei-aus-der-Tuete_600861_1.html
Ich habe nie gewusst, warum das Innenministerium seit 2018 auch ein „Heimatministerium“ ist, aber jetzt weiß ich es. Wir Bürgerinnen und Bürger sollen endlich begreifen, was DEUTSCH ist. Das ist wichtig, denn im nächsten Jahr feiert Deutschland nicht nur Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag, sondern auch den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Im Vorfeld der Feierlichkeiten hat daher das BMI, das „Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat“, eine aufwändige Imagekampagne gestartet.
Um uns Bürger daran zu erinnern, dass wir Bürger sind, wird eine rege Bürgerbeteiligung angestrebt: „Bürgerbegegnungen und -dialoge“ sollen durchgeführt, die Ergebnisse „wissenschaftlich aufbereitet und evaluiert“ und an die Bundespolitiker weitergegeben werden, allen voran Heimatminister Horst Seehofer.
Zur Einstimmung der Bürger werden derzeit bundesweit kommunale Werbeflächen mit aussagekräftigen Plakaten bestückt, und zeitgleich kann man sich auf You Tube kleine Videos ansehen. Doch wozu ist die Kampagne da, werden wir Bürgerinnen und Bürger eigentlich noch für voll genommen? Da muss ich leider NEIN sagen. Ziel der Kampagne ist vielmehr, uns Bürgern die Wiedervereinigung so, wie sie vonstatten gegangen ist, im Nachhinein schmackhaft zu machen. Vergessen werden soll, dass vieles, was eine tatsächliche Wiedervereinigung ausgemacht hätte, nicht hat stattfinden dürfen.
Am 3.10.1990 war die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Kritik am Beitritt, der auch als „Überrumpelung“ durch den Westen gesehen werden kann, hat es allerdings von Anfang an gegeben. Matthias Platzeck, Ministerpräsident von Brandenburg von 2002 bis 2013, hat im Jahr 2010 anlässlich der Feiern zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit an die kritische Haltung vieler Menschen in Ostdeutschland erinnert: „Wir wollten keinen Beitritt, wir wollten ein gleichberechtigtes Zusammengehen mit neuer Verfassung und neuer Hymne, wir wollten Symbole für einen echten Neuanfang. Durchgesetzt haben sich andere„. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/feier-zum-20-jahrestag-der-einheit-de-maiziere-raeumt-maengel-im-einigungsvertrag-ein-a-714939.html
Eine neue gemeinsame Hymne hat es ebenso wenig gegeben wie eine neue gemeinsame Verfassung, obwohl das Grundgesetz ja eigentlich ein “Provisorium” war (vgl. Artikel 23 GG, alte Fassung), das im Falle einer Wiedervereinigung durch eine Verfassung hätte ersetzt werden sollen. Diese neue Verfassung war gedacht als das Ergebnis einer freien, demokratischen Entscheidung des deutschen Volkes gemäß Artikel 146 des Grundgesetzes: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ (Artikel 146 GG, alte Fassung, gültig von 1949 bis 1990)
Der Ahoi-Affe heißt die Menschen aus dem deutschen Osten willkommen. Bei der Banane, die ihn über das Elb-Wasser trägt, handelt es sich um ein beliebtes Möbelstück, das auch im Kinderzimmer meiner Töchter nicht fehlen durfte. Kaum hatte mein Ostberliner Bekannter das Begrüßungsgeld von 100 DM in der Tasche, hieß es: Auf zu Ikea!
Ich habe mir im Internet die Bilder zu DAS IST SOOO DEUTSCH angeguckt. Hier werden -wenn auch mit der heutzutage üblichen Ironie- die dümmsten Klischees bedient. Das Deutschland-Bild ist so oberflächlich und abgedroschen wie die verkrampft gesamtdeutschen Begriffe, die zu Deutschland fallen und die so klingen, als wären sie einem Thekengespräch abgelauscht: Dackel, Elbsandstein, FKK, Trabi, Gartenzwerg, Fasching (?) usw. Meine lieben PR-Spezialisten, eure Ideen sind nichtssagend und armselig. Stellt euch vor, die Italiener würden ihr Land beschreiben und ihnen würde nichts anderes einfallen als Pizza, Pasta, Chianti, Dolce Vita, AC Milan, Mafia, Amore, Lago Maggiore...
Nebenbei gesagt: Man kriegt durch die Kampagne so wenig einen Eindruck von Deutschland wie man einen Eindruck von Köln kriegt, wenn man den Köln-Tatort anguckt. Köln, diese bunte Stadt, ein „Biotop für Bekloppte“ (Jürgen Becker), hätte unbedingt einen besseren Tatort verdient! Bitte, liebe Drehbuchschreiber, geht endlich in die Veedel, entdeckt die Vororte, entdeckt Nippes, redet mit den Menschen, lauscht, trinkt Kölsch, traut euch in die Kneipen, die Kioske, die Läden, redet und lasst euch was erzählen…
Zurück zu Horst Seehofers Imagekampagne. Durch dieses Dackel-Plakat an der Neusser Straße wurde ich überhaupt erst auf die Aktion aufmerksam:
Den Dackel als Werbeträger zu nehmen, ist naheliegend. Er ist im 19. Jahrhundert in Deutschland gezüchtet worden. Man hat kurzbeinige Hunde selektiert und bewusst miteinander verpaart. Ziel der Züchtung war ein pfiffiger Jagdhund, der dank der kurzen Beine in unterirdische Tierbauten eindringen konnte, weshalb der Dackel auch „Dachshund“ heißt. Was dem Heimatministerium entgangen sein muss: Der Dackel ist längst ausgewandert, und zwar nach Japan, wo es mit Abstand die meisten Dackel gibt – weltweit. Es heißt, der Dackel passe mit seinen kurzen Beinen gut in eine Kultur, wo die Menschen ihre Mahlzeiten immer noch gerne auf dem Boden hockend einnehmen. SOOO DEUTSCH ist der Dackel jedenfalls schon lange nicht mehr.
Angeblich stammt der BMI-Deutschland-Dackel aus Köln. Für’s Foto-Shooting im öffentlichen Raum dürfte das Heimatministerium allerdings eine Sondererlaubnis beantragt haben, denn das Kölner Ordnungsamt hat unlängst verkündet: „Wir sorgen für Hunde an der Leine. Ohne Ausnahme.“
Ich kaufe gerne bei Netto ein. Es gibt dort eine breite Auswahl an Bio-Artikeln, die sich nicht nur Besserverdienende leisten können, vor allem Obst, Gemüse und Milchprodukte. Die Basilikum-Pflanzen, die man dort günstig bekommt, sind nicht gerade erst eingetopft, sondern haben schon Wurzeln geschlagen.
Als ich letzte Woche Richtung Netto am Nippeser S-Bahnhof ging, lag ein verlockender Duft in der Luft. Schon bevor ich die Unterführung passierte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Und dann sah ich ihn: Einen Hühnerwagen. Anlässlich der Neueröffnung stand er vor dem Geschäft, und alle Kunden kriegten das Sonderangebot per Kassenbon ausgedruckt: Halbe Hähnchen für 1,99€.
Was mein Wissen um den legalen Wahnsinn von Eintagsküken, Hühnerantibiotika und Kükenschreddern nie geschafft hat, das schaffte dieser Hühnerwagen: Mir ist der Appetit vergangen.
Nimm mich…
Weil ich mehr über die Herkunft der Hühner wissen wollte, fütterte ich Google mit den zwei Wörtern „Hertel“ und „Hühner“. Das Ergebnis war erstaunlich. Es gibt zwei erfolgreiche Familienunternehmen mit Namen Hertel, Hertel-West (Hühner) und Hertel-Ost (Volksmusik). Seit der Wende wird munter kooperiert. Was die Gier auf Fleisch und Ruhm betrifft, war Deutschland nie zweigeteilt.
Für meinen Findelbruder Uli (11.8.1944 – 12.4.2019), der nichts so sehr hasste wie Dünkel und Scheinheiligkeit.
Zwischen Anfang der 1970er und Mitte der 1980er Jahre fuhr meine Mutter jedes Jahr für ein paar Tage in die DDR. In Leipzig lebte eine liebe Jugendfreundin, die aus dem Nachbarort Gladbeck stammte, Mia. Zur Zeit der Frühjahrsmesse kam man ohne bürokratischen Aufwand an ein Visum. Meine Mutter wäre nie alleine über die Grenze gefahren. Das Auto war immer voll: Schwestern, Freundinnen, Töchter. Einige Male war auch Uli (s.o.) dabei.
In ihren akkurat sitzenden, jauchefarbigen Uniformen waren die Grenzsoldaten zum Fürchten. Jedes Jahr fing meine Mutter (Jahrgang 1925) kurz vor dem Grenzübergang Bad Hersfeld an, allseits bekannte deutsche Volkslieder zu singen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach…“ Einmal, es mag im Jahr 1979 gewesen sein, stellte sie uns den Grenzern lächelnd vor: „Wir sind eine Gesangsgruppe aus dem Ruhrgebiet, Die Heidelerchen.“ Meine Tanten sangen leise mit, aber von den Grenzern bekam meine Mutter keine Antwort. Ich war 20, schämte mich und hatte nicht begriffen, wie klug meine Mutter war.
Ich war jung und naiv und fand die DDR eher exotisch als bedrohlich. Den Hinweis, dass wir von der Stasi abgehört werden könnten, nahm ich nicht ernst. Wir Jungen hatten vor niemandem Angst, fühlten uns groß und stark, schmuggelten Biermann-Tonkassetten über die Grenze und dachten uns nichts dabei.
Ich genoss Mias Gastfreundschaft. Ich habe selten so lecker gegessen. Einmal gab es mein Leibgericht, Sauerbraten. Gutes Fleisch konnte man nicht einfach kaufen, das musste organisiert werden, und ohne Westgeld war Filet kaum zu haben.
Ich bin ich nie dazu gekommen, einmal einen echten Broiler zu probieren, das berühmte DDR- Grillhähnchen: Fleisch für alle. Für Broiler standen die Menschen Schlange. Es waren besonders kräftige Tiere, fast so dick, wie man sich die Max- und Moritz- Hühner vorstellt. Echte Broiler, so lese ich im Internet, sind mit 1,3 bis 1,8 Kilogramm schwerer als das übliche Grillhähnchen (1,2 Kilo).
Erstaunliches bringt der deutschsprachige Wikipedia – Beitrag zu „Broiler“ zutage: In den 1950er Jahren war es offenbar einer Bremer Firma gelungen, aus mehreren alten deutschen Rassen ein besonders fleischreiches Huhn zu züchten und an eine US-amerikanische Geflügelfirma zu verkaufen. Da der Bremer Hafen während der amerikanischen Besatzung Versorgungshafen war, gab es gute Handelskontakte.
Das dicke deutsche Huhn war für die US-Amerikaner ein gefundenes Fressen. Doch hatte man hier bereits andere Methoden entwickelt, das Huhn besonders fleischreich zu machen: Durch Antibiotika. Im Jahr 1948, so schreibt Kathrin Blawat in der SZ, „erkannte der US-Biologe Thomas Jukes, dass sich mit dem Antibiotikum Chlortetracyclin die Mast der Vögel beschleunigen ließ. Außerdem wurde es möglich, die Sonne durch synthetisch hergestelltes Vitamin D zu ersetzen.“ https://www.sueddeutsche.de/wissen/huehner-menschen-geschichte-1.4531934-2 „Vorbei waren die Zeiten, in denen Hühner unter freiem Himmel scharrten und pickten. Stattdessen zogen sie zu Tausenden zusammengepfercht in Ställe, bekamen Vitamine und Medikamente ins Futter gemischt und legten an Gewicht zu.“ (s.o.)
Zurück nach Europa: Nachdem Versuche der osteuropäischen Länder, ein fleischreiches Brathuhn zu züchten, gescheitert waren, beschloss der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe Ende der 1950er Jahre, die Hühnerrasse von der US-amerikanischen Firma zu importieren. In Amerika hatte man dem Huhn, das allein darin seine Daseinsberechtigung hat, dass man es fressen wird, seinen klangvollen Namen verpasst: „Broiler“ ( engl. von to broil braten, grillen) Via Bulgarien verbreitete sich der Broiler dann im Ostblock.
Als das fleischige Huhn in den 1960er Jahren in der DDR ankam (und wie!), hielten viele „Broiler“ für ein deutsches Wort. „Broiler“ ist ein kräftiger Begriff, er reimt sich unrein auf das deutsche Wort „Keule“. „Keule“ bezeichnet zum einen den saftigen Hühnerschlegel, aber auch die Waffe, die bereits in der Steinzeit aus dem Oberschenkelknochen des mächtigen Auerochsen hergestellt wurde.
Der Broiler-Deal fällt in die Zeit des Kalten Kriegs. Die Welt wurde aufgeteilt in Ost und West. Mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begann ein neuer Krieg, der Kalte Krieg, das atomare Wettrüsten, die wechselseitige Androhung eines Atomkriegs. In Ost und West hatte die Staatsführung aus Brechts Dreigroschenoper gelernt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Nur weil sie endlich genug (und lecker!) zu essen hatten, haben die Menschen den atomaren Wahnsinn ertragen. Füttert sie mit Fleisch, dann halten sie still.
Für mageres, fettarmes Hühnerfleisch waren die Deutschen kurz nach dem 2. Weltkrieg noch nicht zu haben. Anders als die sportiven US-Amerikaner brauchten sie Schweinefleisch, sie wollten Haxenfett schlürfen. Im zerbombten Deutschland mussten nicht nur die Städte und das Schienen- und Straßennetz wiederaufgebaut werden. Um die Menschen mit Fleisch zu versorgen, bemühte man sich um die Wiederauffrischung des Schweinebestands. Kein anderes Nutztier „erholt“ sich so schnell wie das Schwein.
Eine große Wiederaufbauleistung: In Sachsen verdreifacht sich zwischen 1945 und 1949 der Schweinebestand! Quelle: „Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft“
Die Menschen wollten nicht nur satt, sondern endlich wieder umfassend informiert, aber auch unterhalten werden: Erst kommt das Fressen, dann der Fernsehabend. Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik begannen 1952 mit der Ausstrahlung von Fernsehprogrammen. Sehr lesenswert: https://www1.wdr.de/archiv/rundfunkgeschichte/rundfunkgeschichte116.html
Die Nachkriegsjahre waren nicht nur düster. Die Menschen hatten zwar eine Diktatur und einen entsetzlichen Krieg erlebt, waren aber auch befreit worden. Zwar saßen viele Alt-Nazis schon bald wieder in leitenden Positionen, aber die Jungen brannten darauf, ihnen das Wohlleben nicht zu leicht zu machen.
Die Deutschen bekamen die große historische Chance, eine Demokratie zu gestalten, politisch und kulturell. Es gab noch den großen Unterschied zwischen Der Spiegel, gegründet 1947 von Rudolf Augstein, und Bild, herausgegeben seit 1952 von Axel Springer. In der jungen Demokratie waren viele Spiegel-Artikel politisch klug und voller Esprit:
Das Jahr 1964 ist ein besonderes Jahr. Sowohl in der BRD als auch in der DDR werden 1964 die meisten Kinder geboren. Auch die Wirtschaft boomt. Westdeutschland feiert das Wirtschaftswunder – und seinen „Schöpfer“ Ludwig Erhard. Von 1949 bis 1963 war Erhard Bundesminister für Wirtschaft, jetzt ist er Bundeskanzler. Erhard musste dick sein, einem dünnen, von Entbehrung gezeichneten Mann hätte man ein Wirtschaftswunder nicht abgenommen. Der muskulöse arische Idealköper, den die Nationalsozialisten propagiert hatten, war nach den Hungerjahren passé. Man sah Erhard an, dass es ihm schmeckte.
Ludwig Erhards Leibgericht war Pichelsteiner Eintopf – angeblich. Ob er nicht insgeheim doch lieber Delikatessen aß, wissen wir nicht. Offiziell war Erhard kein Gourmet. „Ludwig Erhard verschmähte Hummer und Kaviar, den Lufthansa-Chefstewardeß Christa Kathke anbot. Statt dessen wählte er Heringsfilet „Hausfrauenart“ als Vorspeise zur Brüsseler Poularde.“ Das berichtet der Reporter Ernst Goyke 1964 in einem Spiegel-Artikel.
Ernst Goyke begleitet Ludwig Erhard auf seiner Flugreise in die Vereinigten Staaten. Hier findet die Amerika-Konferenz statt. Nur einen Tag vor dem Abflug, so Goyke, wurde im Bonner Bundestag die deutsche Parole verkündet, die sich rasch verbreitete: „Entspannung durch Wiedervereinigung“. Der Bundeskanzler, Autor des Buches „Wohlstand für alle“, isst das Menu für alle, aber fliegt Erster Klasse. Den Passagieren in der Zweiten Klasse stattet er dennoch gerne einen Besuch ab: „Als des Kanzlers Boeing 707 „Duisburg“ an der Südspitze Grönlands Kurs auf Neufundland nahm, machte Bonns Regierungschef einen Nachtischspaziergang durch den hinteren Teil der Kabine. Dort flog das Fußvolk: Sekretärinnen, Dolmetscher, Reporter und Polizisten.“ https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46173843.html
Dass sich durch Erhards Besuch in den USA die Weltlage nicht entspannte und bis zur Wiedervereinigung noch ein Vierteljahrhundert vergehen sollte, konnte man noch nicht wissen. Eines jedoch scheint gewiss: Auf der Amerika-Konferenz hat man Ludwig Erhard keinen Pichelsteiner Eintopf serviert.
… war „Baum des Jahres 1989“. Wer ihr begegnen will, fahre über die A4 Richtung Aachen. Hier hat man auf Höhe von Kerpen einige Exemplare der Art Quercus robur in den kargen Boden der Rand-Böschung gepflanzt. Die Stieleiche, 1989 erster „Baum des Jahres“ überhaupt, markiert den Anfang einer „Allee Baum des Jahres“. Entlang der Autobahn zeigt sich uns nach jeweils hundert Metern der ausgezeichnete Baum des jeweiligen Folgejahres. Wobei „sich zeigen“ eigentlich zuviel gesagt ist. Wirklich viel Baum sieht man nicht, doch weisen witterungsbeständige, hübsch beschriftete bunte Schilder darauf hin, dass aus der aufgeschütteten Erde mehr als nur Unkraut wächst.
Dass man an eben diesem Autobahnabschnitt die „Allee Baum des Jahres“ errichtet hat, ist kein Zufall. Denn nur wenige Kilometer von hier wurden und werden ganze Wälder, um an die Kohle zu kommen, hemmungslos plattgemacht. Die Auszeichnung „Baum des Jahres“ schützt den Baum nicht. Als putzige Werbe-Idee offenbart das Randstreifen-Projekt einmal mehr die Doppelmoral einer zerstörerischen Energiepolitik: Hier wird der Baum gefällt und dort zur Schau gestellt.
Um vom S-Bahnhof Buir zur Demo am Hambacher Forst zu kommen, mussten wir über die Autobahnbrücke gehen. Dieser sechsspurige Abschnitt der A4 ist noch relativ neu. Auf Druck des RWE musste ein komplettes Autobahn-Teilstück der Braunkohle weichen. Die Verlegung an den Ortsrand von Buir und den Neubau hat das RWE maßgeblich mitfinanziert. Die Kosten für die Werbeaktion „Allee Baum des Jahres“ (250.000€) wurden zwischen Land und RWE aufgeteilt.
Wer die Stieleiche einmal in Ruhe angucken will oder gar umarmen, der muss aus dem Auto aussteigen. Gefährdet ist der Baum nicht, man findet ihn überall. Im Hambacher Forst, so habe ich mir sagen lassen, wachsen vor allem zwei Arten von Bäumen. Auf der Abholz-Liste steht neben der Hainbuche (Baum des Jahres 1996)… na, wer wohl …. meine Freundin, die Stieleiche.
Bei der Anti-TTIP-Demo am 17. September, an der allein in Köln 50.000 Menschen teilnahmen, darunter erfreulicherweise auffallend viele junge, hätte eigentlich der Rat der Stadt Köln komplett mitlaufen müssen, denn Köln ist schon lange Teil der Anti-TTIP-Koalition der deutschen Städte. Hier die offizielle, aber leider kaum bekannte Verlautbarung vom 24.3.2015: https://ratsinformation.stadt-koeln.de/vo0050.asp?__kvonr=50617
TTIP und auch CETA würden die ohnehin schon bedrohte politische Handlungsfreiheit der Kommunen vollends aufs Spiel setzen. Ein Beispiel: Würde der Stadtrat Kölns einen strengeren Grenzwert für die Feinstaubbelastung festlegen als die umliegenden Kommunen, könnte ein Konzern, der mit dem Verkauf von Autos seine Geschäfte macht, die Stadt wegen der dadurch entgangenen Gewinne verklagen. Hier kommen schnell hohe Millionenbeträge an Streitwert zusammen. Das dürfte dazu führen, dass die Städte im vorauseilenden Gehorsam gar keine Entscheidungen mehr in Erwägung ziehen würden, die das Bürgerinteresse über das Kapitalinteresse stellen.
Finale auf dem Klimastraßenfest, v.l.n.r.: Stephan Foelske, Team „Fahrradbeauftragter der Stadt Köln“; Robert Nußholz, Vorsitzender Bürgerverein „Für Nippes“; Lisa Wilczok, Teamkapitänin „Stellwerk60-SattelFest“; Dr. Barbara Möhlendick, Leiterin Koordinationsstelle Klimaschutz; Petra Zimmermann-Buchem, Projektkoordinatorin Stadtradeln Köln
„Goldene Satteltasche“ für Christoph Brozio alias Gino Bartali
Zweiter Sieger: Alf Kroll
„Der Junge wird einmal die Bergetappen des Giro gewinnen“, soll sein Großvater gesagt haben. „Diese Nase, mächtig wie ein Gebirgs-Massiv. Welch eine Herausforderung. Avanti, Gino!“ Und der Junge wurde tatsächlich einer der ganz großen Radrennfahrer: Gino Bartali (1914-2000), zweifacher Gewinner der „Tour de France“ und dreimaliger Gewinner des „Giro d’Italia“. Gut, dass es das „Stadtradeln“ gibt, denn die „Tour de France“ hat längst ihren Charme verloren: Die Fahrer sind gekauft, gedopt, ihre Physiognomien durch den Extremsport ununterscheidbar geworden. Die großen Radrennen sind nichts mehr fürs Auge, aber auch nichts mehr fürs Herz. Gino Bartali lag auf den Bergetappen stets so weit vorne, dass er immer noch Zeit hatte für einen kurzen Flirt mit dem Publikum. Ich freue mich, dass Christoph Brozio, Team „Stellwerk 60 – SattelFest“, das Pseudonym Gino Bartali gewählt hat und an Gino und die großen Zeiten des Radrennsports erinnert. Christoph Brozio hat das Gelbe Trikot zu Anfang des „Stadtradelns“ erkämpft und nicht wieder abgegeben. Er (bzw. sein Fahrrad) ist jetzt Träger der „Goldenen Satteltasche“, 930 km bedeuten den 1. Platz im internen Wettkampf unseres Teams. 930 Kilometer sind zusammen gekommen, weil Christoph Brozio jeden Tag von Nippes nach Pulheim fährt. Weil er dort arbeitet, wäre er auch in Pulheim teilnahmeberechtigt gewesen, aber er hat sich für Köln entschieden. Eine gute Wahl: Unser Team ist mehr Kilometer (20.556) gefahren als ganz Pulheim zusammen (13.900). Christoph, bitte verteidige im nächsten Jahr im Team „SattelFest“ deinen Titel. Ebenso für uns fahren wird -so hoffe ich- im Jahr 2017 mein Stiefsohn Andreas, der seit zwei Jahren in Sydney lebt. Denn das gehört mit zum „Stadtradeln“: „Ausgewanderte“ Kölner können selbst in China oder Südafrika am Kölner Stadtradeln teilnehmen. So lange sie noch Mitglied in einem Kölner Verein sind (oder sobald sie es werden!), sind weltweit alle Kölner teilnahmeberechtigt. Zweiter Sieger im internen Wettbewerb (Preis: DVD des Kinofilms „Sound of Heimat“ von Teammitglied Jan Tengeler) wurde mit 804 Kilometern Alf Kroll, der als Reisender stadtradelnd unterwegs war. Dritter wurde Lars Mutmann (460,6 Kilometer). Außerdem bekommen alle teilnehmenden Familien einen Preis.
Wir danken dem Verein „Für Nippes“ und „Stadtradeln Köln“ für das Mikrofon und die Bühne, so hatten wir auf dem Klimastraßenfest bei unserer teaminternen, vorverlegten Preisverleihung eine wunderbare Kulisse und ein freundliches Publikum!!!