Elfchen im Dritten: Steinmeier, Frank-Spalter

Während der Pandemie zeigte sich, wie verengt und gönnerhaft der Blick von Politik-, Medien- und Wissenschafts-Prominenz auf Kunst und Kultur ist. Angela Merkel hatte bereits im Dezember 2020, als Kinos, Theater und andere Kultureinrichtungen im Zuge des sogenannten „Lockdown Light“ schon seit Wochen geschlossen waren, materielle Hilfe angekündigt und lobhudelnd gesagt: „Uns fehlt, was die Künstler uns dort sonst geben und was nur sie uns geben können.“ https://www.sn.at/kultur/allgemein/angela-merkel-uns-fehlt-was-die-kuenstler-uns-sonst-geben-96650659

Ist denn die Kunst ein Konsumartikel? „Was Frau Merkel sagt bzw. von ihren Textern diktiert bekommt, das klingt, als würde uns der Künstler seine Kunst servieren wie der Sterne-Koch sein Menu. Wir schlagen uns im Nobelschuppen den Bauch voll und lassen uns satt und edelfischzufrieden nach Hause kutschieren.“ https://stellwerk60.com/2021/10/17/all-the-worlds-a-stage-but-we-are-only-impf-potatoes/

Bereits am 1.10.2020 – zwei Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit- hatte man unter dem Motto „Vereint und füreinander da“ neben anderen PR- und systemrelevanten Personen, darunter der Virologe Christian Drosten und die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, den Pianisten Igor Levit geehrt. Der sehr begabte, aber leider auch sehr gefällige Mainstream-Pianist hatte bereits einen Tag, nachdem aufgrund der „Pandemie“ alle öffentlichen Konzerte ausgesetzt worden waren, von seiner Wohnung aus per Twitter ein erstes Hauskonzert gestreamt. Diesem ersten Konzert sollte zwei Monate lang täglich ein weiteres folgen. (Wer sich ein Bild von Igor Levit machen will, der möge Harald Welschers differenzierte und scharfsinnige Stellungnahme zur Ordensverleihung lesen: deutschlandfunkkultur.de/bundesverdienstkreuz-fuer-igor-levit-ein-meister-der-100.html)

Genau ein Jahr später fand am 1.10.2021 unter dem Motto „Kultur ist Lebenselixier für alle“ wieder eine Ordensverleihung statt. Diese Veranstaltung „zum Tag der Deutschen Einheit“ war ausschließlich „Kunstschaffenden“ gewidmet. Im Rahmen der Verleihung sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Diese Ordensveranstaltung soll deshalb auch ein Zeichen sein: Wir dürfen nicht zulassen, dass einzelne Zweige unserer Kultur nach der Corona-Krise verdorren oder absterben.“ https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/10/211001-Ordensverleihung-TdDE.html

Hier tritt der Bundespräsident als Retter und Bewahrer „unserer Kultur“ auf. Eine hübsche staatsmännische Geste, aber hat nicht ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier durch die Ordensverleihung für ein nachhaltiges „Verdorren“ gesorgt und maßgeblich dazu beigetragen, dass ein herausragendes Kunst-Projekt nach 25 Jahren gescheitert ist?

Anfang des Jahres 2024 wurde bekannt, dass Mitgründer Tobias Morgenstern das „Theater am Rand“ in Zollbrücke (Märkisch-Oderland) verlassen hat. Vorausgegangen waren schwere Meinungsverschiedenheiten der beiden Theatergründer, die sich insbesondere an den staatlichen Corona-Maßnahmen entzündet hatten. „Den Gründern sollte im Jahr 2021 das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Kurz davor wurde die Verleihung des Ordens an Morgenstern abgesagt. Eine Sprecherin erklärte dazu, es seien „konkrete Hinweise“ bekannt geworden, dass Morgenstern der Querdenker-Szene angehöre, hieß es damals von einer Sprecherin des Bundespräsidialamts.https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2024/01/tobias-morgenstern-verlaesst-theater-rand-zollbruecke-unterschiede-politik-haltung.html „Konkrete Hinweise“ klingt wie „sachdienstliche Hinweise“, die „jede Polizeidienststelle entgegen nimmt“. In diesem Fall heißt der Polizeioberwachtmeister Frank-Walter Steinmeier.

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (ausschließlich!) an Thomas Rühmann dürfte dann endgültig einen Keil zwischen die beiden Gründer getrieben haben. Frank Walter Steinmeier hat also -man kann es nicht anders sagen- im Jahr 2021 zwei Theatermacher gegeneinander ausgespielt. Dabei klang es wie ein Nach-Wende-Märchen: Im äußersten (aus westlich-bornierter Perspektive „kulturarmen“) Osten der Bundesrepublik Deutschland haben zwei in der DDR geborene Künstler vor 25 Jahren das „Theater am Rand“ gegründet und mit großem Erfolg einen abwechslungsreichen und anspruchsvollen Spielbetrieb aufgebaut.

Dass Thomas Rühmann nicht nur „Rühmann“ heißt, sondern seit 1998 in der Arztserie „In aller Freundschaft“ die Hauptrolle Dr. Roland Heilmann spielt, fand Steinmeier wohl chic. Steinmeier liebt die Darstellung, vor allem dann, wenn er selber der Darsteller ist. Seine Lieblingsrolle: Großer Staatsmann.

Peinlich wird es, wenn sich der Präsident volksnah gibt. In dem Zusammenhang hat sich das PR-Team Steinmeier schon manchen Fauxpas geleistet, z.B.: https://stellwerk60.com/2021/02/02/eine-peinliche-pr-panne-steinmeiers-fuchs-lebt-nicht-erst-neuerdings-in-bellevue-sondern-war-schon-unter-gauck-medien-liebling/

Hingegen ist der Präsident, wenn er vor geladenen Gästen seine Reden hält, in seinem Element. Frank-Walter Steinmeier wird, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, gerne salbungsvoll. In seiner Rede vom 1.10.2021 greift er (bzw. sein Redenschreiber, vermutlich Wolfgang Silbermann, damaliger Leiter der Abteilung Strategische Kommunikation/Rede im Bundespräsidialamt) tief in die Trickkiste der manipulativen Rhetorik.

Zunächst schwört Steinmeier seine Hörerschaft auf ein Gemeinschaftsgefühl ein, um anschließend freudvoll zu spalten: Er treibt einen Keil zwischen die „vielen verschiedenen Bürgerinnen und Bürgern“, von denen die „lebendige Demokratie“ „gemeinsam getragen wird“, und die, die „wie geblendet, ja gefangenwirkenvon einem Kult des Irrationalen.“ In der schaurig überladenden Rede klingt das dann so:

In diesen Tagen erleben wir, wie zerbrechlich der Zusammenhalt in unserem Land ist, wie schnell Risse entstehen, ja: wie dünn der Firnis der Zivilisation tatsächlich ist. Wir erleben, dass eine kleine Minderheit von Menschen, die die Existenz des Virus leugnen oder seine Gefährlichkeit bestreiten, an den Rand der Gesellschaft rückt, sich entfremdet und wie geblendet, ja gefangen wirkt von einem Kult des Irrationalen. Wir erleben, dass sektiererische Gruppen sich radikalisieren und das wichtigste Prinzip unserer Demokratie missachten: Das Prinzip, Konflikte gewaltfrei, in friedlicher, respektvoller Diskussion zu lösen und Entscheidungen mit Mehrheitsbeschluss zu finden.“ https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/10/211001-Ordensverleihung-TdDE.html

Diese Rede ist nicht respektvoll, denn sie klärt nicht auf, sondern reproduziert und zementiert Vorurteile. Andersdenkende jedweder Couleur werden in einen Topf geworfen, Menschen, die das Virus leugnen, werden gleichgesetzt mit denen, die denken, dass das Virus niemals so gefährlich war, wie uns weisgemacht wurde. Zu Letzteren zähle ich mich. Von den Corona-Leugnern, die es ja wirklich gibt und denen ich auch manchmal begegnet bin, distanziere ich mich ausdrücklich. Wir haben versucht, miteinander ins Gespräch zu kommen, aber es war unmöglich.

Eine Frage bleibt: Warum war Frank-Walter Steinmeier, wenn er es für „das wichtigste Prinzip unserer Demokratie“ hält, „Konflikte gewaltfrei, in friedlicher, respektvoller Diskussion zu lösen“, so respektlos, Tobias Morgenstern erst ein- und dann wieder auszuladen?

Immerhin war das Team Steinmeier so schlau, Thomas Rühmann nicht am 1.10.2021 das Verdienstkreuz zu überreichen. Da die Solo-Verleihung während der „Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit“ öffentliche Aufmerksamkeit und gewiss auch Unmut erregt hätte, wurde sie auf später verschoben.

Ich persönlich finde es unverzeihlich, dass Thomas Rühmann nicht dem Beispiel der Künstlerin Hito Steyerl, die ebenfalls am 1.10. geehrt werden sollte, gefolgt ist und den Orden abgelehnt hat. Er hätte ja sagen können, dass er, was Corona betrifft, grundsätzlich anderer Meinung sei als sein Kollege Tobias Morgenstern, dass er aber gemeinsam mit Morgenstern das „Theater am Rand“ aufgebaut habe und sich dementsprechend nicht alleine für eine gemeinsame Lebensleistung ehren lassen wolle.

Ich sitze auf der Bank vor dem Nippeser Alnatura-Supermarkt. In letzter Zeit bin ich schnell erschöpft und muss, wenn ich einkaufen gehe, immer wieder Pausen einlegen. Die menschenfeindliche, höchst riskante und gefährlich unkluge bundesdeutsche Kriegs- und Gesundheitspolitik nagt an meiner Lebensfreude.

Zwei ziemlich alte Frauen setzen sich zu mir und nehmen mich -was mich irritiert- in die Mitte. „Das kommt davon, wenn man sich nicht an den Rand setzt“, sagt die eine und lacht.

„Ich kann auch gehen“, sage ich leise.

Die beiden Frauen rücken noch näher an mich heran. „Sie gehören wohl zu denen, die den Corona-Sicherheitsabstand insgeheim gut fanden“, sagt die eine.

„Ich halte gerne Abstand“, sage ich. „Aber nicht auf Befehl.“

„Weinen Sie?“, fragt die eine.

„Es ist, weil…“, fange ich an. Und dann platzt es aus mir heraus. Ich erzähle ihnen von der Preisverleihung und davon, wie sehr sich Steinmeier darin gefällt, Bundesverdienstkreuze zu verleihen und sich aufzuführen wie eine pädagogisch über-ambitionierte Grundschul-Lehrkraft, die Fleißkärtchen verteilt...

„Da passt das Kraftwort Lehrkraft“, sagt die Frau, die rechts neben mir sitzt. „Aber so neu ist die staatliche Bevormundung ja nicht.“

„Die Lage hat sich zugespitzt“, sage ich. „Während Corona waren wir alle im Umerziehungslager.“

„Aber Mädchen, da sind wir doch immer noch drin“, sagt die Frau, die links neben mir sitzt. „Nur bemerken die Menschen das nicht, denn wir haben alle Freiheiten. Wir können kaufen, was wir wollen, reisen, wohin wir wollen.“

***

Mein Elfchen des Monats ist diesmal der Mini-Dialog dieser beiden ziemlich alten, trotz alledem optimistisch und munter gestimmten Frauen.

„Dieser

Bundespräsident, wie

hieß der noch,

Frank-Walter?“ „Nee, Frank-Spalter doch.“

„Och.“

Angesichts der Tatsache, dass Corona weniger gefährlich war als behauptet, muteten die harten staatlichen Maßnahmen von Beginn an tragikomisch an.
Ein Heidelberger Spielplatz nach Wiedereröffnung unter Auflagen im Mai 2020. Früh übt sich, was ein Spitzel werden wird. Während der „Pandemie“ wurden bereits kleine Kinder, deren Sozialverhalten sich gerade erst entwickelt, gegeneinander ausgespielt. Mich erinnern die staatlichen Maßnahmen an die autoritären Erziehungsmethoden der 1960er Jahre.
Im katholischen Kindergarten wurden wir zum Petzen angehalten. Wenn wir beobachtet hatten, dass ein Kind etwas „Böses“ getan hatte, z.B. ein anderes geschubst, mussten wir auf das „böse“ Kind zeigen und laut singen: „Das wird gemeldet für… den Peter/die Elisabeth.“ Wenn die Erzieherin -durch unseren „Gesang“ angelockt- nicht selber kam, sind wir zu ihr gegangen und haben gepetzt. Wir waren fies, meinten aber, das einzig Richtige zu tun. Schließlich wurden wir für’s Petzen gelobt.
Körperkontakt vermeiden“, „Kein gemeinsames Essen und Trinken“ (Spielplatz, s.o.): Die kalten staatlichen Maßnahmen mit ihren Nähe-Verboten haben, so erzählte mir eine Grundschullehrerin, dazu geführt, dass viele Kinder nicht mehr mit anderen Kindern teilen können, sondern sich zunehmend berechnend verhalten.

Elfchen im Zweiten: Fott domet!

Die Stadt Köln hat seit Frühjahr 2022 ein neues Logo. Angeblich hatten Meinungsumfragen und eine professionelle Markenanalyse ergeben, dass das bisherige Erkennungszeichen „nicht mehr zeitgemäß“ sei.

Seltsam: Abgesehen davon, dass „Meinungsumfragen“ eine einseitige Angelegenheit sind, dass sie die Menschen manipulieren, ihnen eine Meinung in den Mund legen und tatsächliche Auseinandersetzungen und Diskussionen im Keim ersticken, hat niemand, mit dem ich geredet habe, etwas von „Meinungsumfragen“ und einer „professionellen Markenanalyse“ mitbekommen.

Das Ziel laut Stadtverwaltung: „eine proaktive, über alle Kanäle hinweg wiedererkennbare und zeitgemäße Außenkommunikation“. Also gab es eine Ausschreibung, auf die sich laut Stadt Köln mehrere Agenturen beworben haben. Als Siegerin ging die Agentur „Boros“ hervor, die ein neues Corporate Design entwickelte, darunter auch das neue Stadtlogo. Es soll „zukünftig als Signet einer modernen Metropole klar, prägnant, wiedererkennbar und crossmedial einsetzbar sein“, heißt es in der Pressemitteilung.https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/koelner-stadtlogo-wird-zum-streitfall–der-dom-ist-weg-31742656.html

Mit dem neuen Logo sind wir Bürgerinnen und Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt und überrumpelt worden. Die Pressemitteilung des Amts, die herauskam, als da neue Logo längst abgesegnet war (Montag, 28. März 2022, 14:44 Uhr), ist unterschrieben von Pressesprecher Alexander Vogel (FDP). https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/24468/index.html

Links das alte, rechts das neue Stadtlogo. Eine öffentliche Diskussion, die endlich einmal Stadtverwaltung und Bürgerschaft miteinander ins Gespräch hätte bringen können, hat es ebenso wenig gegeben wie die Erstellung eines differenzierten Stimmungsbilds. Ich bin mir sicher, dass die meisten Kölner Bürgerinnen und Bürger, hätten sie mitbestimmen können, zwar für eine Verschlankung des Logos (z.B. Wegfall des roten Strichs am linken Bild-Rand), aber unbedingt für eine Beibehaltung der Domspitzen gestimmt hätten.

Angenommen, ich hätte einen kurzen Disput mit einem Mitarbeiter des Amts für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln.

„Warum“, frage ich ihn, „hat die Stadt Köln eine ortsfremde Agentur beauftragt, ein neues Logo zu entwerfen, und warum wurde der Dom aus dem Logo entfernt?“

„Et es wie et es“, sagt der Mann, grinst und zitiert nach §1 noch §6 des „Kölschen Jrundjesetzes“:

„Der

Kölner Dom?

Kenne mer nit,

bruche mer nit, fott

domet.“

Kamelle, Schull- und Veedelszöch 2024

Elfchen im Ersten: Hochkulturfern

Vor ein paar Jahren bin ich einmal mit einer Nachbarin ins Gespräch gekommen. Sie leitete eine kleine Kindertagesstätte und erzählte mir, dass sie fast täglich Anrufe von Eltern bekommt, die einen KiTa-Platz suchen. Wenn sie den Eltern sagt, dass sie den Sinn ihrer pädagogischen Arbeit darin sieht, dass sich das Kind in der Kita wohl fühlt und gerne kommt, sind viele Eltern unzufrieden. Heutzutage wollen die Eltern weniger, dass ihr Kind spielt und Freunde findet, sondern dass es von Beginn an „gefördert“ wird und nach Möglichkeit eine Fremdsprache lernt.

Natürlich -das betonte auch meine Nachbarin- ist es wichtig, dass Kinder Anregungen bekommen, aber bitte ohne Leistungsdruck. Konkurrenzkampf und Mobbing beginnen schon im Kindergarten. Vor allem kleine Mädchen, die manchmal schon erschreckend früh ein Gespür für Psycho-Dramen haben, können richtig fies sein. (Das geht dann so: „Wenn du mit der Leonie spielst, bist du nicht mehr meine beste Freundin“, oder: „Wenn du mich nicht an deinem Eis lecken lässt, finde ich dich doof, und zwar für immer.“)

Meine beiden Töchter waren oft enttäuscht und verletzt. Sie verstanden solche Drohungen nicht und wollten sie auch nicht verstehen. Sie waren (und sind!) nicht gemacht für den Zickenkrieg, der sich im Laufe des Lebens zuspitzt, aber nie mehr so offen ausgetragen wird wie in der KiTa. Aus aufbrausenden Kindergarten-Zicken werden sanft lächelnde Führungskräfte und manchmal auch Politikerinnen, die sich Außenministerin nennen oder Vorsitzende der Europäischen Kommission oder Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag.

Wenn die Kinder ins Vorschul-Alter kommen, brauchen sie irgendwann „richtiges Futter“. Als sie fünf Jahre alt war, äußerte meine jüngere Tochter den Wunsch, zusammen mit einer Freundin nicht immer nur in den Kindergarten, sondern zur „musikalischen Früherziehung“ zu gehen. Der Kurs fand nicht in der Musikschule statt, sondern bei Martina, einer Akkordeonspielerin. Und das war gut so. Zwar wetteiferten die Kinder um Martinas Aufmerksamkeit, aber der Kampf hielt sich in Grenzen, denn Martina kümmerte sich um alle Kinder.

Die Kinder hatten viel Spaß. In der Gruppe lernten sie, dass man nicht nur mit der menschlichen Stimme Töne und Melodien erzeugen kann, sondern mithilfe von Musikinstrumenten. Und sie machten die Erfahrung, dass selbst die robuste Blockflöte empfindlich reagiert, wenn man nicht behutsam in sie hineinbläst, sondern allzu feste pustet. Anders als das seelenlose (wenn auch aufregende!) Carrera-Auto, das sich nicht mehr bewegt, wenn die Batterien leer sind, wird ja die Mundharmonika, wenn das Kind bläst, wieder lebendig.

Dieser Moment ist -und ich möchte einen mittlerweile leider ziemlich abgedroschenen Begriff verwenden- ein magischer Moment. Wenn es lernt, eine erste einfache Tonfolge zu spielen, ist jedes Kind schöpferisch, denn es haucht dem Musikinstrument Leben ein.

Die Blasinstrumente der Jetztzeit sind allesamt Weiterentwicklungen von Flöten wie dieser, der „Flöte vom Hohle Fels.“
Bei Ausgrabungen unter der Leitung des US-Archäologen und Tübinger Professors Nicholas Conard wurde im Jahr 2008 in der Höhle „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb nicht nur eine Flöte gefunden, die aus einem hohlen Gänsegeierknochen geformt ist, sondern man fand auch die Teile einer kleinen, aus Mammutzahn-Elfenbein geformten Frauenfigur mit ausgeprägten geschlechtlichen Merkmalen, der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“. Figurine und Flöte sind beide etwa 40.000 Jahre alt und gelten als die älteste bekannte plastische Menschendarstellung und das älteste je gefundene Musikinstrument.“ https://stellwerk60.com/2020/09/30/elfchen-im-neunten-puff/

Irgendwann hatte Kursleiterin Martina die Idee, mit den Kindern einen Ausflug zur Musikhochschule zu machen. Weil ich neugierig war, erklärte ich mich bereit, die Gruppe zu begleiten. Martina war gut gestimmt, aber sie verriet nicht, was sie vorhatte. In der Musikhochschule bewegte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit. Da sie da dort studiert hatte, war sie sozusagen Insiderin. Wie sich herausstellte, bereiteten sich an diesem Tag Sänger und Instrumentalisten in kleinen schallisolierten Kammern auf eine Aufführung vor. Martinas Idee war so einfach wie genial: Sie klopfte an die Türen, betrat mit den Kindern den jeweiligen Raum und bat jeden einzelnen Künstler (♀+), für die Kinder ein Kinderlied zu spielen bzw. zu singen. Die Musiker waren überrascht und überrumpelt. Es entstand so etwas wie eine andächtige Stille. Die Musiker sammelten sich, und nach einer Weile spielten alle mit.

In einer Sendung des Südwestrundfunks (SWR) vom 6.1.02023 führt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar einen sogenannten (vereinfachten) „Turingtest“ vor: Dreimal hintereinander wird eine kurze Klavier-Melodie eingespielt, und wir sollen raten, ob es sich beim jeweiligen Interpreten um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Wann spielt die Künstliche Intelligenz und wann der Mensch? https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/die-grosse-magie-der-klassischen-musik-ranga-yogeshwar-im-gespraech-100.html. (ca. Minute 32 ff.)

Wir Zuhörer (so das Lern- und Erkenntnisziel des Tests) sollen frappiert sein, denn tatsächlich lassen sich die Vorträge kaum auseinanderhalten. In ihrer Interpretation des Musikstücks sind Mensch und KI nahezu ununterscheidbar.

Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es auch nicht anders erwartet. Der Test wird zwar hübsch präsentiert, ist aber erschreckend schlicht, denn man ahnt von vornherein, was herauskommt: Die KI gewinnt. Ein netter Partygag, mehr nicht. Außerdem -das sollte Ranga Yogeshwar wissen!- sind Turing-Tests, die im Jahr 1950 vom Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurden, mittlerweile veraltet: „ChatGPT und andere moderne KIs, die auf einem Large Language Model (LLM) basieren, bestehen den Turing-Test inzwischen regelmäßig. Er gilt in der Wissenschaft deshalb als überholt.“ https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/technik/neuer-turing-test-soll-intelligenz-von-chatbots-untersuchen-13377685

Und doch habe ich einen Erkenntnisgewinn: Ist nicht, so frage ich mich, etwas faul am öffentlichen oder privaten Musikunterricht, wenn die kostspielige Klavierausbildung von Beginn an auf Perfektion und Optimierung ausgerichtet ist, auf Hochleistung und „Jugend musiziert“ und – nicht anders als im modernen Sportverein- auf die mögliche Profikarriere?

Und wird nicht so geübt, dass das Kind von Beginn an -ohne es zu ahnen- mit der künstlichen Intelligenz konkurriert?

Die Versuche, künstliche (und noch dazu musizierende!) Intelligenz zu erzeugen, sind nicht neu. Als im 18. Jahrhundert die ersten Lehrwerke für den Klavierunterricht herausgegeben wurden, wurde zwar offenbar, dass das Klavierspielen erlernbar ist, doch Menschen, die das Musikinstrument dann tatsächlich „beherrschten“, galten als besonders geistreich.

Da die Automatenmenschen besonders echt wirkten, wenn sie Musik machten, produzierte man künstliche Musikanten. So schreibt die junge Autorin Lisa Dasse: „Die Automaten entwickelten sich im Laufe der Jahre immer weiter. Das Ziel dabei war eine „immer perfektere Nachahmung der Natur.“[14] Jacques de Vaucansons, der von 1709 bis 1782 lebte, stellte 1738 seinen „nahezu lebensgroßen, hölzernen Flötenspieler vor. Er konnte 12 Melodien auf seinem Instrument spielen und erzeugte dabei die Töne nicht mehr einfach durch ein Uhrwerk in seinem Innern, sondern natur- und kunstgerecht durch die entsprechenden Zungen- und Fingerbewegungen.“[15] Dies war somit einer der ersten Automaten, welcher dem Ansporn, etwas sehr Menschenähnliches zu erschaffen, nachkam.“ https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/erforschen/romantik/automaten-romantik/#Beispiele Erhellender und kenntnisreicher geisteswissenschaftlicher Beitrag!

E.T.A. Hoffmann, großer Dichter der Romantik, war von den Möglichkeiten der Technik fasziniert, reagierte aber mit beißendem Spott auf die Auswüchse des Machbarkeitswahns und die Verführbarkeit seiner Zeitgenossen durch KI. In seiner Erzählung „Der Sandmann“ macht er uns mit dem Studenten Nathanael bekannt, der sich in eine künstliche weibliche Intelligenz namens Olimpia verliebt und wahnsinnig wird.

Das Konzert begann. Olimpia spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravourarie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias
Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er, wie von glühenden Ärmen plötzlich erfaßt, sich nicht mehr halten, er mußte vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien: „Olimpia!“
(Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1994, S.41)

Singvögel ahmen nicht nur das Zwitschern anderer Vögel nach, sondern auch Alltagsgeräusche. Aber sie wären niemals so verblendet, synthetische Klänge für wirklich zu halten.

Gern

lausche ich

den unbeugsamen Gesängen

der Rotkehlchen und bleibe

hochkulturfern

Elfchen im Zwölften: Immergrüne Papageien-Liebe

Halsbandsittiche sind gesellige und friedliebende Vögel. An den Futterstellen in unserem Garten dulden sie sogar kleinere Singvögel.

Welche Tiere die Papageienvögel nicht dulden, das sind die Katzen. Zwar wissen die pflanzenfressenden Halsbandsittiche, dass Katzen an Erdnüssen und Sonnenblumenkernen nicht interessiert sind. Aber sie wissen auch, dass Katzen selten ohne Hintergedanken durch die Gärten streifen. Satte Hauskatzen jagen nicht, weil sie Hunger haben, aber gerade das macht sie unheimlich. Wenn sie sich anschleichen, können sie sich Zeit lassen. Diese wohlgenährte Arroganz macht den Halsbandsittichen Angst. Sie leben noch nicht lange in unseren Breiten. In ihren Alpträumen wimmelt es von Raubkatzen.

Im Herbst -es war im Monat Oktober- hörte ich eines Morgens vom Garten her lautes Papageien-Gekreische. Ein Blick in den Garten sagte mir, was los war: Mitten auf der Wiese lag eine blond/weiß getigerte Katze auf der Lauer. Sie hatte es auf eine Maus abgesehen, die unter dem Futterspender den Boden nach Futter absuchte, winzigen Erdnussstückchen, die den Papageien, die die Nüsse nicht komplett schlucken, sondern zermalmen, aus den Schnäbeln gefallen waren.

Ich riss die Terrassentür auf und rannte (auch wenn man mein Rennen kaum noch so nennen kann) auf die Katze zu, die sofort die Flucht ergriff. Während ich laut schrie, flogen die Papageien kreischend hinter der fliehenden Katze her. Es fühlte sich verdammt gut an, eine Verbündete dieser wunderschönen, freiheits- und friedensliebenden Papageienvögel zu sein.

Ach,

ihr immergrünen

Lieben, habt mit

mir zusammen den Tiger

vertrieben!

***

Auch unter Halsbandsittichen geht es mitunter ruppig zu, allerdings nur im Frühjahr und Sommer, wenn sich die Tiere fortpflanzen und die Weibchen die Männchen in ihre natürlichen Schranken verweisen. https://stellwerk60.com/2023/05/31/elfchen-im-fuenften-weisheit-der-halsbandsittich-weibchen/ Im Winter wirkt das Zusammensein von Weibchen und Männchen ausgesprochen harmonisch. Auch wenn es im Sommer nicht so scheint: Halsbandsittiche leben in stabilen, heterosexuellen Paarbeziehungen. Zwar erlauben sich die Vögel Seitensprünge, aber sie wissen nur zu genau: Treue dient der Arterhaltung.

Szenen einer Papageien-Ehe wie diese (Vertreibung des Männchens vom Futterplatz) sind im Winter passé:

Im Winter ist das Männchen (vorne) gleichberechtigt…

Schnäbel-Spiele in winterlicher Abenddämmerung:

Menschen können Papageien beibringen, „Ich liebe dich“ zu krächzen, aber ich habe den Satz noch nie aus dem Schnabel eines freiheitsliebenden, wild lebenden Halsbandsittichs gehört.

Wild lebende Halsbandsittiche werden etwa 20 Jahre alt, aber im Käfig gehaltene können bis zu 50 Jahre alt werden. Und sollten die Halsbandsittiche auch über die Gefangenschaft als lebensverlängernde Maßnahme informiert sein: Kein Papagei würde selbst im Winter ein Leben in der Wohnstube einem Leben in Freiheit vorziehen.

Elfchen im Elften: Der dreibeinige Hund

Am Tag vor Allerheiligen hatte ich eine schöne Begegnung mit einem dreibeinigen Hund: Lebhaft, blond gescheckt, drahthaarig, freundlich und beweglich. Obwohl ihm ein Hinterbein fehlte, hatte der Rüde einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn. Leicht fiel es ihm nicht, die richtige Position zum Pinkeln zu finden. Er hüpfte auf der Stelle, doch irgendwann drückte er sich an eine Hecke und hob das nicht mehr vorhandene rechte Bein.

Seine junge Besitzerin war gut gestimmt. Ich dachte an unseren vor einem Jahr im Alter von knapp 13 Jahren verstorbenen Familienhund Freki, der irgendwann zu schwach war, das Bein zu heben, und sich zum Pinkeln nur noch hinhockte. Ich hatte mit dem dreibeinigen Hund kein Mitleid, denn er litt nicht, sondern freute sich des Hundelebens, was wohl auch an seinem heiteren „Frauchen“ lag. Mir kam ein Satz, den ich zu einem traurig wirkenden Menschen nicht gesagt hätte: „Manchmal ist es praktisch, nur noch drei Beine zu haben.“ Zu meiner Erleichterung lachte die junge Frau und sagte: „Manchmal macht er sogar Handstand.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile. Der Hund war vor zwei Jahren zu seinem „Frauchen“ gekommen. Er hatte in Portugal auf der Straße gelebt und war bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Ein lieber zehnjähriger Hund, dem es auf der Straße gut gegangen sein muss und der das große Glück hatte, nach dem schrecklichen Unfall tierärztlich versorgt, gesundgepflegt und genau an den Menschen vermittelt zu werden, zu dem er gehörte.

Als wir uns verabschiedeten, sagte die Frau: „Sie dürfen den auch streicheln.“ „Gerne“, sagte ich, was nicht ganz stimmte. Ich hatte, obwohl ich dem Hund nur meinen Handrücken zum Beschnüffeln reichte, dem verstorbenen Freki gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen. Es fühlte (und fühlt!) sich an wie Fremd(Gassi)gehen.

Lieber Freki, ich widme dir mein Elfchen des Monats November. Ich bin einem Hund begegnet, der mich beeindruckt hat, denn er hat nur drei Beine, kann aber immer noch markieren. Wie du hörst, handelt es sich um einen Rüden (pardon!). Und es ist dein ehemaliges Revier, das er markiert. Für mich ist dieser dreibeinige Rüde wie dein Sohn, denn er ist ein echtes Stehaufmännchen bzw. ein Stehaufrüde – wie du.

Hundewunder der unfreiwilligen Dreibeinigkeit:

Dann

und wann

trifft man den

dreibeinigen Rüden im Handstand

an

Zwei Tage später wurde mir von change.org eine Petition zugespielt: Tiermediziner:innen für echten Tierschutz! Schlachthofpraktikum beenden. Vor Jahren hatte es schon einmal eine Petition zu genau dem Thema gegeben, die aber versandet war, weil nur wenige Menschen unterschrieben hatten. Die aktuelle Petition hat mehr Aussicht auf Erfolg, denn sie wurde von einem prominenten Tierarzt gestartet, dem YouTuber und ARD-Tierexperten Karim Montasser („Die Haustierprofis“) .

Der Hintergrund: Wer Tiermedizin studiert, muss ein dreiwöchiges Praktikum in einem Schlachthof absolvieren. Die Petition fordert aber nicht nur die ersatzlose Streichung des verpflichtenden Schlachthofpraktikums, sondern formuliert Alternativen: „Stattdessen sollte es durch Praktika ersetzt werden, die auf den Schutz und die Pflege von Tieren ausgerichtet sind.“

https://www.change.org/p/beenden-sie-das-verpflichtende-schlachthofpraktikum-im-studium-der-veterin%C3%A4rmedizinstudium?signed=true

Ich habe dann die Petition unterschreiben, einen kleinen Obolus entrichtet und einen Kommentar verfasst: Dieses Praktikum ist ein brutaler Kniefall vor der Massentierhaltung und entwürdigt uns alle: Mensch und Tier. Viel sinnvoller wäre z.B. ein Praktikum auf einer Auffangstation für verletzte Wildtiere.

Auf die Auffangstation für Wildtiere bin ich deshalb gekommen, weil wir vor ein paar Jahren einmal eine positive Erfahrung mit der tierärztlichen Versorgung eines Wildtiers gemacht haben. Meine Tochter hatte zusammen mit einer Freundin am Rand der autofreien Siedlung nahe der S-Bahn einen verletzten Igel gefunden, der am Bauch eine infizierte Fleischwunde hatte. Der Igel war nicht mehr in der Lage, sich einzurollen, aber er trank gierig das Wasser, das die beiden ihm vorsetzten. Nachdem sie sich per Internet kundig gemacht hatten, betteten die Freundinnen ihn in einen mit einer Decke ausgekleideten Karton und brachten ihn zu einer Braunsfelder Tierarztpraxis, in der verletzte Wildtiere versorgt und nach erfolgreicher Behandlung wieder ausgesetzt werden. Die Behandlung ist für die Menschen, die ein verletztes Tier vorbeibringen, kostenlos, aber eine Spende ist herzlich willkommen. https://www.vetzentrum-koeln.de/wildtiere/

Während ich auf dem Sofa sitzend die Petition kommentierte, hörte ich in dem Moment, als ich die Wörter „Auffangstation für verletzte Wildtiere“ schrieb, einen dumpfen Knall: Eine Taube war von einer Windbö erfasst und an die Scheibe der Terrassentür geworfen worden. Glücklicherweise blieb das Tier unverletzt, machte nicht einmal eine Verschnaufpause und flog direkt weg. Ein Zufall?

An diesem 2. November war es in Köln stürmisch mit einzelnen Böen bis zu 60 km/h. Ein paar Tage später wollte ich wissen, wie stark es den äußersten Westen der Bretagne getroffen hat, das Département du Finistère, wo ich mit meinen beiden Töchtern im Sommer Urlaub gemacht habe.

Tendenziell schwächte sich der Sturm am 1. und 2. November nach Osten hin ab. Doch selbst in Tregunc, also in einer Entfernung von knapp 80 km zum westlichsten Punkt der Bretagne, der Pointe du Raz, gab es Windböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 142 km/h.

Die Menschen dürften sich in ihren Häusern verschanzt haben, aber wie ist es den Wildtieren ergangen, denen wir im Sommer begegnet sind? Ich hoffe, dass sie alle einen sicheren Unterschlupf gefunden haben.

Küsten-Weg bei Port Manec’h, Bretagne, Ende August 2023. Meeresstille, ein laues Lüftchen und ein schwebender Spatz.
Spatzen sind nicht zähmbar und gelten daher -wie andere Vögel auch- als „Wildtiere“. Doch die Bezeichnung ist ungenau, denn als Kulturfolger leben sie in einer Art Wahlverwandtschaft mit uns Menschen.
Anders als vielfach angenommen leben Spatzen nicht nur im Moment, sondern auch in evolutions- und schöpfungsgeschichtlicher Vergangenheit und Zukunft. Sie paaren sich nicht nur „just for fun“, sondern um ihre Art zu erhalten. Die Aufforderung „Seiet fruchtbar und mehret euch“ würden sie als bevormundend empfinden. Niemand sagt ihnen, dass sie sich fortpflanzen sollen. Sie tun es einfach.
Als wir Anfang September aus der Bretagne zurückkamen, war es in unserem kleinem Garten sehr still. Zwei Wochen lang hatten wir die Vögel nicht füttern können. Es dauerte ein paar Tage, bis die Vögel realisiert hatten, dass die Futterstelle wieder „aktiv“ war. Füttern ist nun mal die beste Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Auch Vögel haben einen Magen, und durch den geht bekannterweise die Liebe.
Nur die Rotkehlchen kamen nicht mehr in die Gärten unserer Häuserreihe. Doch irgendwann -es ging schon auf Ende September zu- haben sie inmitten der Stille höchst melodiös noch einmal zu singen begonnen. Weil es rundum still war, war dieser Wechsel-Gesang von Apfelbaum zu Apfelbaum so klar, so schön, so rein und hoffnungsvoll. Man sagt, dass es die Weibchen sind, die im Herbst singen. Erzählt wird auch, dass die Rotkehlchen dort, wo sie im Herbst singen, im Frühjahr wieder brüten werden. Seid willkommen!

Elfchen im Zehnten: Man muss

Vor vielen Jahren habe ich einmal auf dem Köln-Nippeser Markt ein Gespräch zwischen zwei alten Männern mitbekommen, wobei „Gespräch“ für das, was ich zu hören bekam, ziemlich übertrieben ist.

Der kurze Dialog ist Inhalt meines Elfchens des Monats, das diesmal kein Mini-Gedicht ist, sondern ein kleines Drama:

Zwei

Alte begegnen

sich: „Wie es

et?“ „Ach ja, man

muss.“

Das Gespräch endete hier, die Männer verabschiedeten sich voneinander. Doch der kleine Dialog ist mir seitdem im Ohr. Zwar sind, wenn sich zwei Männer zufällig über den Weg laufen, die Gespräche oft kurz und schroff („Wie geht’s?“ „Kann nicht klagen. Und du?“ „Dito.“), doch in der Antwort „Man muss“ schwingt noch etwas anderes mit, eine gewisse Verbitterung.

Nach Ende der Corona-„Pandemie“ sind freudlose kleine Gespräche allgegenwärtig. Viele Menschen fühlen eine tiefe Ohnmacht. Die was zu sagen hätten, haben nichts zu sagen. Während Internet und Fernsehen die Menschen volllabern, mit Werbung beballern und lautstark alarmieren oder dauerbespaßen, sind wir zum Schweigen verdammt.

Mit der Zurücknahme der entwürdigenden staatlichen Corona-Maßnahmen wurde das Ausmaß der psychischen Verletzungen und Langzeitfolgen sichtbar. Nichts ist wie vorher. Die Maßnahmen waren nicht nur ein Angriff auf unsere Würde, sondern auch auf unsere Selbstachtung und Lebensfreude. Ich selber bin manchmal in einer nie gekannten depressiven Schockstarre – und trauere um die Demokratie.

Während der „Pandemie“ verpflichtete man uns -unter Androhung demütigender Strafen- zu einem bedingungslosen Mitmachen: Ihr müsst gehorchen. Dementsprechend ist das Wort „Müssen“ eine zentrale Vokabel im internen Papier aus dem Bundesinnenministerium zur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020, das eigentlich geheim gehalten werden sollte. Wir erinnern uns: Am 1. April 2020 hatte das gemeinnützige Portal „Frag den Staat“ das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht. „Indem man uns mit einem “worst case” konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via “Schockwirkung” Todes-Angst eingejagt werden.“ https://stellwerk60.com/2023/09/28/die-digitalisierungsfalle-wie-der-koelner-amtsschimmel-munter-wiehernd-hineintrabt/

Im Papier des Innenministeriums heißt es zur Durchführung der Maßnahmen:

Politik und Bürger müssen dabei als Einheit agieren.
3) Nachvollziehbarkeit: Die Bürger müssen nachvollziehen können, dass folgende Maßnahmen nur mit ihrer Mithilfe zu ihrem Wohl umgesetzt werden (müssen und) können.“
(Fettung und Klammer von mir)

Um dem Geschriebenen Nachdruck zu verleihen und uns die Notwendigkeit der Maßnahmen einzubläuen, wählte man einen autoritären Befehlston und verwendete wiederholt das Wort „müssen“. „Müssen“ ist nicht per se ein Macht-Wort. Manchmal bezeichnet das Wort eine naturgegebene Notwendigkeit, z.B.: „Wir müssen essen, um nicht zu verhungern“… „Wir müssen trinken, um nicht zu verdursten“… „Ich muss mal.“

Hier jedoch geht es um die Demonstration von Macht. Durch die krampfhafte Wiederholung des Wortes „müssen“ kommt es aber dazu, dass der kleine Text aus allen Nähten bzw. Satzzeichen platzt und grammatikalisch entgleist. Der Satz, der mit „Die Bürger“ beginnt, enthält zwei Wörter zu viel, die vermutlich später eingefügt wurden: „… müssen und“. Ich empfehle, den Satz noch einmal genau zu lesen – einmal mit und einmal ohne Klammer.

Alle Menschen in Deutschland waren von den Maßnahmen betroffen, doch besonders hart war es für die Menschen über 60, die unterschiedslos als vulnerabel und bedürftig abgestempelt wurden. Aufmerksame Zeitgenossen mit einem Gespür für die Verletzung elementarer Menschenrechte bemerkten die autoritäre Gleichschaltung schon zu Beginn der „Pandemie“:

„Im April 2020 gab das Deutsche Institut für Menschenrechte eine Stellungnahme mit dem Titel „Menschenrechte Älterer auch in der Corona-Pandemie wirksam schützen“ ab. Das Institut bewertet die These als richtig, dass der Staat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit älterer Menschen auf seinem Staatsgebiet effektiv zu schützen versuchen müsse. Es verurteilt aber die „Fehleinschätzung“, „dass alle älteren Menschen schutzbedürftig sind, weil verkannt wird, dass Ältere keine homogene Gruppe bilden, sondern das Risiko vom individuellen Gesundheitszustand und von der Lebenssituation abhängt…“ https://de.wikipedia.org/wiki/Altersdiskriminierung

Leider wurden kritische und aufmerksame Stellungnahmen wie diese (nicht nur irgendeines, sondern des anerkannten Deutschen Instituts für Menschenrechte!) von den Verantwortlichen ignoriert und missachtet. Das hatte eine mit nichts zu rechtfertigende Respektlosigkeit der Politik gegenüber älteren Menschen zur Folge und führte dazu, dass insbesondere die sehr alten Menschen in den Pflegeheimen der Willkür der „schützenden“ Maßnahmen (Kontaktbeschränkung, Sicherheitsabstand, Maskenpflicht etc.) schutzlos ausgeliefert waren. Weiter zuspitzen sollte sich die Situation mit der Corona-Impfung, als Seniorinnen und Senioren -unabhängig von ihrem individuellen Gesundheitszustand- trotz doppelter Impfung wochen- und manchmal auch monatelang Abstand voneinander halten und in Quarantäne mussten.

Newsletter der Stadt Köln, Frühjahr 2020: „Jung“ wird aufgefordert, den Kontakt zu „Alt“ (Dutt, Hut, Stock) abzubrechen bzw. – „sachlich“ ausgedrückt wie hier- zu „unterlassen“. Allerdings ist die Warnung der Stadt missverständlich. Die Grafik präsentiert ein ausgeh- und selbstverteidigungsbereites älteres Paar, ausgerüstet mit „Stock und Hut“. Und wäre „Köln“ tatsächlich „vorbereitet“ gewesen, wenn „Alt“ sich nicht zu Hause eingeigelt, sondern erhobenen Hauptes mit aufgerichtetem Stock bei „Jung“ auf der Matte gestanden hätte?

Zum Thema Altersdiskriminierung unter dem Deckmantel staatlicher „Wohlfahrt“ vgl.: https://stellwerk60.com/2022/10/31/elfchen-im-zehnten-deine-apotheke-impft/

Die Vokabel „Müssen“ ist auch Erkennungsmerkmal einer neuen bundesdeutschen Kriegsrhetorik. Erst kürzlich hat uns Bundesverteidigungsminister Boris Becker* (pardon: Boris Pistorius) vorgeführt, wie leicht ihm das Macht-Wort über die Lippen geht. In einem Plädoyer für Kampfbereitschaft sagte Pistorius am 29.10. im ZDF: „Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte. Und das heißt: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/boris-pistorius-krieg-europa-kommentar-100.html

– *Bundesverteidigungsminister Boris Becker? Was wie ein sprachlicher Ausrutscher aussieht, ist keiner. Übersetzt heißt „Pistorius“ tatsächlich „Bäcker“, denn der Name leitet sich von lateinisch „pistor“ = „Bäcker“ ab. Unser Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat aber keinen römischen Migrationshintergrund, sondern clevere Vorfahren, die ihren Familiennamen durch eine Latinisierung veredelt haben. Aufhübschungen wie diese waren bis zum Jahr 1876, als man überall im damaligen Reichsgebiet Standesämter einrichtete und Personenstandsregister einführte, möglich und üblich. –

Angeblich hat es Boris Pistorius nicht so gerne, wenn man ihn scherzhaft „Boris Becker“ nennt oder gar „Bobbele“. Das hat weniger mit Boris Beckers Haftstrafe zu tun als mit der Tatsache, dass Becker als junger Wimbledon-Sieger, Steuerflüchtling und Staatsbürger von Monaco vom Wehrdienst befreit war. Ein Artikel aus dem Jahr 1985: https://www.spiegel.de/sport/begeisterung-macht-nicht-blind-a-011577d7-0002-0001-0000-000013516241

Bedenklich und unannehmbar ist, dass Pistorius von wir redet und auf diese Weise uns alle in seine Kriegsvorbereitungen einbezieht und zu Mittätern macht. Ich sage NEIN! Ich will weder kriegstüchtig werden noch wehrhaft sein noch mich „wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte.“ Mit dieser verschleiernden und verharmlosenden Aussage macht Pistorius uns allen was vor, denn „die Gefahr eines Krieges in Europa“ droht nicht nur. Dieser Krieg ist längst Wirklichkeit geworden.

Für den Satiriker („Pardon“) und Ex-Kriegsreporter Gerhard Kromschröder geht die Militarisierung der Gesellschaft mit einer Militarisierung des Denkens und Sprechens einher. Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert sagte er im April: „In Deutschland herrscht gegenwärtig eine unsägliche Kriegsrhetorik. Wir scheinen diese Kriegsrhetorik geradezu lustvoll anzunehmen und uns in ihr zu suhlen. Oft führt das zu Realsatire. Ich denke an eine Partei, die einmal als Friedenspartei gegründet wurde und damit Erfolg hatte. Sie gefällt sich heute darin, immer neue Waffenlieferungen zu fordern und wechselnde Kriegsszenarien auszumalen. Das hat viel Komik an sich.“ https://www.fr.de/panorama/gerhard-kromschroeder-in-deutschland-herrscht-unsaegliche-kriegsrhetorik-92221691.html

Dass die GRÜNEN ihr zentrales Wahlversprechen („Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete“, Wahlplakat) gebrochen haben und das Gegenteil von dem veranstalten, weswegen ich sie noch 2021(!) -wenn auch zähneknirschend- gewählt habe, ist allerdings mehr als nur tragikomisch. „Das hat viel Komik an sich“, konstatiert Gerhard Kromschröder. Ja, das hat es, doch ich kann nicht mehr lachen. Denn die Kriegspolitik der Bundesregierung ist keine Satire, sondern real.

Dankbar bin ich Kromschröder für den Hinweis auf eine Lachnummer von Cem Özdemir, Mitglied der „Friedenspartei“ DIE GRÜNEN und Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Ich wusste nicht, dass die Bundeswehr seit 20 Jahren den Bundesministerinnen und Ministern anbietet, an einer mehrtägigen Wehrübung in den Streitkräften teilzunehmen. So hatte ich auch nicht mitbekommen, dass das Angebot im Frühjahr 2023 angenommen wurde, und zwar von eben jenem Cem Özdemir, der mit wackerem Büttenreden-Humor im Jahr 1997 gesagt hat: „Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.“ Zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir

Vermutlich hat der Mann was nachzuholen. „Ich habe nie Wehr- oder Zivildienst geleistet“, sagte er im Jahr 2001 in einem Interview mit dem SPIEGEL „Die deutsche Staatsbürgerschaft habe ich 1981 unter anderem deshalb angenommen, um nicht in der Türkei Wehrdienst leisten zu müssen. Auch in Deutschland bin ich nie gemustert worden.https://www.spiegel.de/politik/deutschland/40-jahre-zivildienst-haben-sie-eigentlich-gedient-herr-oezdemir-a-126230.html

In der Bundespolitik kommt es nicht gut an, wenn ein Spitzenpolitiker nicht gedient hat. Doch Özdemir gibt sich Mühe. Man muss ergänzen, dass er bereits im Jahr 2019 ein mehrtägiges Praktikum bei der Bundeswehr absolviert hat, und zwar am Bundeswehrstandort Munster in Niedersachsen. Begleitet wurde Özdemir damals von GRÜNEN-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Lindner hat, wie es heißt, sogar seine Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen, um an der Wehrübung teilnehmen zu können. Aber vielleicht war es ja umgekehrt. Vielleicht hat Tobias Lindner nur an der Wehrübung teilgenommen, um zu zeigen, dass es ein Kinderspiel ist, die Kriegsdienstverweigerung nachträglich zurückzunehmen. https://taz.de/Gruene-und-Bundeswehr/!5601987/

Im Jahr 2023 ist Özdemir wieder dabei, diesmal bei den Feldjägern in Hannover. Schauen wir uns das „Deckblatt“ des Videos an, das der Nachrichtensender der WELT dankenswerterweise ins Netz gestellt hat (s.o.). Der da stolz die Nüstern bläht und dem der Flecktarn prima steht, ist tatsächlich Cem Özdemir.

Dieser Spot macht nicht nur Werbung für den Krieg, sondern auch für die Autoindustrie. Neben Soldaten werden in der Kaserne auch Personenschützer ausgebildet. Bei der viel Sprit vergeudenden Auto-Gaudi „Fahrsicherheitstraining“ kommen ausschließlich Mercedes-Limousinen zum Einsatz. „Als Beifahrer nimmt Cem Özdemir am rasanten Fahrsicherheitstraining teil, Wasserfontänen, Vollbremsungen und waghalsige Wendemanöver inklusive.“ Özdemir zeigt sich beeindruckt: „Das könnte ich nicht, auch nicht nach viel Übung.“ (Video, Min. 1.04 – 1.08)

Übrigens klärt mich die Internet-Seite von Auto Motor und Sport darüber auf, dass sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei Amtsantritt für einen Dienstwagen von Mercedes entschieden hat: das gepanzerte S-Klasse-Modell S 680 Guard.

Dass Özdemir, geblendet von Privilegien und Macht, für Krieg und Mercedes wirbt, aber Süßigkeiten-Werbung einschränken will, ist Ausdruck einer neuen grünen Doppelmoral. Hier hat sich ein Ökospießertum entwickelt, das für mich diese Partei auf Bundesebene unwählbar macht. Kaum waren sie Regierungspartei, sind die Bundes-GRÜNEN zu autoritären Charakteren mutiert. Erinnern wir uns an den bedrohlichen Gesetzentwurf von AMPEL-Abgeordneten für eine Impfpflicht ab 60. Die neuen GRÜNEN haben sich meines Erachtens schuldig gemacht, insbesondere gegenüber den älteren und alten Menschen.

Naiv, wie ich war, habe ich noch 2021 geglaubt, dass Frau Baerbock nicht käuflich ist. Jetzt fühle ich mich für blöd verkauft. Dieses Plakat formuliert ein Versprechen, das gebrochen werden sollte, und ist eine plumpe Anbiederung an potentielle Wählerinnen und Wähler: „Bereit, weil Ihr es seid.“ Hübscher Reim, doch enthält die harmlos daherkommende Parole nicht bereits eine versteckte Botschaft? In den zwei „Ampel“-Jahren waren die GRÜNEN zu allem bereit. Daher lese ich die Parole jetzt anders: „Allzeit kampfbereit, weil ihr es seid.“

Elfchen im Neunten: Liegende Nattern-Acht

Was ich mir zum Geburtstag wünsche, fragten mich meine beiden Töchter, mit denen ich zwei Urlaubs-Wochen in der Bretagne verbrachte. Ich wünsche mir nichts, was ich nach Köln mitschleppen muss, antwortete ich, eine Flasche Rotwein wäre nicht schlecht, denn die kann ich austrinken. Aber am meisten freue ich mich über etwas, das ihr am Strand findet, eine Feder wiegt ja nicht viel. Wenn es etwas ist, das man nicht mitnehmen sollte, ein schöner Stein vielleicht, der dort hingehört, wo ihr ihn entdeckt, dann fotografiert ihn für mich.

Als meine Töchter eines vormittags aufgeregt vom Joggen zurückkamen, kurz vor meinem Geburtstag, hatten sie mit ihren Smartphones Fotos gemacht. In dem Moment wusste ich, was ich mir gewünscht hatte.

Weit

und breit

keine Anakonda, nur

eine sich wärmende satte

Natter

Sonnenbad einer furchtlosen Barrenringelnatter… Ort: Sandweg oberhalb des „unbewachten“ Plage de Trez Cao, Finistère, Bretagne, 25.8.2023

Zwei Tage zuvor (23.8.2023) waren meine jüngere Tochter und ich auf dem Wanderweg zwischen dem Plage de Trez Cao und dem Dorf St Philibert der Doppelgängerin bzw. Doppelkriecherin der Kreuzotter begegnet, einer Schlingnatter. Der angenehm schattige Weg verläuft oberhalb eines nur wenige Kilometer langen namenlosen Bachs, der sich auf der Westseite des Plage Trez Cao an die Felsen drückt und ins Meer mündet.

Die kleine Würge-Schlange, die sich wie eine Blindschleiche bewegte, erkannte, dass wir keine Fressfeindinnen sind, ignorierte die auch in Frankreich geltende Vorfahrtregel rechts vor links, überquerte direkt vor uns langsam, sehr langsam den Weg und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Suchbild mit verschwindender Schlingnatter:

Elfchen im Achten: Der Name ist Wahl-Programm

Wie hält eine Oberbürgermeisterin Bürgerinnen und Bürger auf Abstand, ohne sie zu verstimmen? Indem sie die Menschen in den großen Saal eines öffentlichen Gebäudes einlädt und mit kostenlosen Getränken und Häppchen bewirtet, ein paar Publikums-Fragen beantwortet, dann aber im Hintergrund verschwindet… Indem sie Mediatorinnen und Mediatoren ausschickt, die mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen, ihnen Stifte in die Hand drücken und sie lächelnd dazu ermuntern, Verbesserungsvorschläge und Kritik nicht für sich zu behalten, sondern -thematisch geordnet- eigens vorbereiteten, an Stellwände gehefteten Plakaten anzuvertrauen…

So geschehen (und von mir persönlich miterlebt) beim Siebten Stadtgespräch im Bezirksrathaus Köln-Nippes am 16. Februar 2017.

In einem Interview mit dem Kölner Express hat die „parteilose“ Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker kurz vor der Wahl 2015 (und nur zwei Tage vor der brutalen Messerattacke auf einem Kölner Wochenmarkt, bei der sie lebensgefährlich verletzt wurde) folgendes gesagt: „Ich habe immer betont, dass ich mit allen demokratischen Fraktionen im Rat zusammenarbeiten will – auch mit der SPD. Es geht mir um die beste Idee und nicht um die Frage, von wem sie kommt.https://www.express.de/koeln/henriette-rekers-mann-ehemann-perry-somers-ueber-ihre-deutsch-australische-liebesgeschichte-61388

Aber ist Henriette Reker wirklich so „parteilos“, wie sie sich gibt?

Als Oberbürgermeisterin steht sie im permanenten Kontakt und gedanklichen Austausch mit dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln. Dieses Amt, dessen Mitarbeiterzahl sich auf 52 erhöht hat (Stand: Frühjahr 2023), ist zuständig für Bürgeranfragen, Bürgerberatung und Bürgerinformation, vor allem aber für den Kontakt zu den Medien, also für die Öffentlichkeitsarbeit.

Leiter des Amts ist seit Anfang 2018 ein gebürtiger Kölner namens Alexander Vogel (aktuell 39). Alexander Vogel ist nicht nur Amtsleiter, sondern zugleich Sprecher der Stadt und persönlicher Pressesprecher von Henriette Reker. Bevor er im Jahr 2017 zurück nach Köln kam, leitete Vogel, enger Vertrauter und zeitweiliger Persönlicher Assistent des im Jahr 2016 verstorbenen ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle (FDP), als Generalsekretär die von Westerwelle gegründete Stiftung für internationale Verständigung. Wir ahnen: Alexander Vogel ist alles andere als parteilos. Ein Blick ins Internet verrät, dass Vogel FDP-Politiker ist. Bereits bei der Bundestagswahl 2009 kandidierte Vogel (damals 25) im Wahlkreis KÖLN I für die FDP.

Für Henriette Reker, die Vogel im Jahr 2017 nach Köln holte, war der FDP-Mann von Anfang an mehr als ein Pressesprecher. Der Kölner Express schrieb damals: „Offiziell trägt die neue Stelle den Titel „Redenschreiber“ in Rekers Büro. Tatsächlich gehen Vogels Aufgaben weit darüber hinaus. Sie beinhalten laut Stellenausschreibung etwa auch ausdrücklich den Zusatz Projektleitung „Konzeption und Umsetzung einer Kommunikationsstrategie“… Dahinter dürfte ein Ansinnen Rekers stecken, ihr Image langfristig aufzupolieren, und sich gegebenenfalls für eine erneute OB-Kandidatur 2020 zu wappnen.https://www.express.de/koeln/koelns-ob-reker-holt-westerwelle-vertrauten-alexander-vogel-in-ihr-team-30280 Erhellender, unbedingt lesenswerter Artikel!

Frau Reker, die als ein wenig spröde gilt, schmückt sich gerne mit dem smarten jungen Mann, der aus seiner Homosexualität keinen Hehl macht. Als Alexander Vogel am 11.12. 2021 seinen Lebensgefährten heiratete, den Juristen Dr. Patrick Esser, mittags im Standesamt und nur eine Stunde später in der direkt an der Einkaufsstraße Schildergasse gelegenen evangelischen Antoniterkirche, war auch Henriette Reker geladen. Bei der anschließenden Feier im Hotel Wasserturm gehörte sie zu den „handverlesenen“ Gästen, deren Zahl Corona-bedingt auf nur fünfzig beschränkt war. Für den, der wissen will, welche Kölner Kommunalpolitikerinnen und wer von der Landes-FDP dabei war: https://www.express.de/koeln/koeln-ob-sprecher-alexander-vogel-heiratet-lebensgefaehrten-82446

Nun hat sich Henriette Reker durch die ungewöhnlich enge Zusammenarbeit mit dem FDP-Nachwuchspolitiker Vogel meines Erachtens parteipolitisch klar positioniert. Das ist schon deshalb ein wenig „pikant“, da die FDP im Rat der Stadt keine große Rolle spielt. Hinzu kommt, dass die FDP bei der Oberbürgermeisterwahl im Jahr 2020 anders als noch 2015 Frau Reker nicht unterstützt hat und bei der OB-Wahl 2025 sogar einen eigenen Kandidaten aufstellen will.

Von daher wäre es fair, wenn auf der Internetseite der Stadt die (aktive) Parteizugehörigkeit des Amtsleiters zumindest kurz erwähnt würde. Nebenbei gesagt, empfinde ich als Kölner Bürgerin den Internet-Auftritt der Stadt als Affront. Die Kommunikationsabteilung präsentiert sich als geschlossene Gesellschaft. Die Allgemeinheit bleibt außen vor. Zwar werden die Ansprechpartnerinnen und -Partner im Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kurz (und oberflächlich) vorgestellt, aber die Seite wendet sich ausschließlich an die Medien. https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/team/index.html Für uns Bürgerinnen und Bürger gibt es bei der Stadt keine Ansprechpartner, sondern Kontaktformulare.

Erschrocken war ich, als ich sah, dass Henriette Reker als eine der Erstunterzeichnerinnen ihren Namen (nicht als Privatperson, sondern in ihrer Rolle bzw. „Funktion“ als OB!) unter das sogenannte „Manifest für Freiheit“ hat setzen lassen, eine Stellungnahme, mit der zwei ehrgeizige Jungpolitiker, Franziska Brandmann, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (FDP-Jugendorganisation), und Johannes Winkel, Bundesvorsitzender der Jungen Union (CDU-Jugend), am 24.2.2023 eine Petition gestartet haben. Diese Petition ist eine Gefälligkeitspetition für die Bundespolitik und die plumpe Antwort auf einen Text, der jetzt schon als historisch bedeutsam einzustufen ist, das „Manifest für Frieden“ vom 10. Februar 2023, eine Petition von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer.

Wagenknecht/Schwarzer, die ein sofortiges Ende der Waffenlieferungen fordern, glauben nicht an einen Sieg der Ukraine: „Die Ukraine kann zwar – unterstützt durch den Westen – einzelne Schlachten gewinnen. Aber sie kann gegen die größte Atommacht der Welt keinen Krieg gewinnen.“ Weiter heißt es klar und unmissverständlich: „Wir fordern den Bundeskanzler auf, die Eskalation der Waffenlieferungen zu stoppen. Jetzt! Er sollte sich auf deutscher wie europäischer Ebene an die Spitze einer starken Allianz für einen Waffenstillstand und für Friedensverhandlungen setzen. Jetzt! Denn jeder verlorene Tag kostet bis zu 1.000 weitere Menschenleben – und bringt uns einem 3. Weltkrieg näher.“

Das „Manifest für Freiheit“ hingegen glaubt an einen Sieg der Ukraine. Gleichzeitig wird die reale Bedrohung ignoriert und eine mögliche Eskalation verdrängt. Die Tatsache, dass Russland und die USA Atommächte sind, kommt nicht zur Sprache. Ich weiß nicht, ob Henriette Reker das FDP/CDU-initiierte Manifest aus eigener Überzeugung und/oder in Absprache mit ihrem Sprecher Alexander Vogel unterzeichnet hat. So oder so ist es unverzeihlich. Seit der heimtückischen Messer-Attacke kurz vor der OB-Wahl 2015, bei der sie von einem psychisch schwer gestörten Mann lebensgefährlich am Hals verletzt wurde, weiß Henriette Reker, wie gefährlich Waffen sind. Sie hat am eigenen Leib die Erfahrung gemacht, dass aufgestaute Aggressivität urplötzlich eskalieren und in rohe, mörderische Gewalt münden kann, vor allem dann, wenn Waffen im Spiel sind, die den Tätern das Gefühl von Stärke und Sicherheit geben.

Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Machtkampfs der Atommächte Russland und den USA ist das „Manifest für Freiheit“ verharmlosend und naiv. Hier heißt es: „Dass die Ukraine ein Jahr nach Beginn des Angriffskrieges weiter kämpfen kann, liegt auch daran, dass viele Demokratien dieser Welt das Land unterstützen, etwa mit Hilfsgütern, finanziellen Mitteln, Waffen und Munition.

Waffen, so der dahinter liegende Gedanke, sind gut, wenn sie nur in die richtigen Hände geraten. Doch „die richtigen Hände“ gibt es nicht und hat es -was den Krieg betrifft- nie gegeben. Mit dem Zweiten Weltkrieg und den Angriffen auf die Zivilbevölkerung, auf Frauen und Kinder, sind letzte Hemmschwellen gefallen. Die feigen und hinterhältigen Abwürfe der US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren das Ausleben einer größenwahnwitzigen Männer-Phantasie: Die Auslöschung von hunderttausenden Menschenleben auf einen Streich, mit einer einzigen Bombe.

Nippes, Neusser Straße, 25.12.2020. Die rigiden, staatlich verordneten Corona-Maßnahmen werden in Köln -wie überall in Deutschland- mit aller Härte umgesetzt. Dennoch fand ich dieses kleine „Maskenattentat „-insbesondere vor dem Hintergrund des brutalen Angriffs auf Frau Reker im Jahr 2015- weder klug noch komisch.

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Jahreswechsel 2022/23, Bushaltestelle Zonser Straße: Wo ist unsere Oberbürgermeisterin? Vielleicht wollte die Stadt Köln Geld sparen, vielleicht wollte man sich angesichts des Krieges in der Ukraine bescheiden geben. Dass uns die Oberbürgermeisterin einmal im Jahr ihr Gesicht zeigt, ist eine schöne kommunikative Geste. Dieses Plakat, bei dem auf ein Foto der Oberbürgermeisterin verzichtet wurde, kam in Nippes -soweit ich es beurteilen kann- nicht gut an.

Es ist schon rätselhaft: Oft charakterisiert der Familienname den Namensträger. Die beiden Kölner Weihbischöfe, die im Zusammenhang mit der Kölner Missbrauchsaffäre wegen Pflichtverletzungen (Verschweigen) beurlaubt worden waren, hören auf die Namen Puff und Schwaderlapp. Auch der Name Reker offenbart, wenn man ihn sich genauer anschaut, Erstaunliches.

Ist Frau Reker eine Wendehälsin? Man kann den Namen der Oberbürgermeisterin von links nach rechts, aber auch von rechts nach links lesen. Wie man den Namen auch dreht, wie man ihn auch wendet, der Name RekeR fängt an, wie er endet. Nach sprachwissenschaftlicher Definition handelt es sich hier um ein Palindrom. Oder, auf kölsch gesagt:

Vun

links noh

rechs gelesen ov

verkeht eröm: Reker bliev

rekeR

Elfchen im Siebten: Was machst du mit dem Knie, lieber Jens?

In dIesem Jahr ist der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn nicht in die deutschen Berge gefahren, sondern nach Südtirol. In einem Artikel auf rtl.de lautet die Schlagzeile: Sonnige Grüße mit Lederhosen: Jens Spahn teilt privaten Urlaubsschnappschuss

Abgebildet ist ein Foto, das Spahn auf Instagram gepostet hat. Jens Spahn und Ehemann Daniel Funke zeigen sich -wie schon beim Oktoberfest im Jahr 2018- in feschen Lederhosen. Ein Bild-Ausschnitt:

Die Jungs, mit denen ich Ostern 1965 eingeschult wurde, spielten immer dasselbe Spiel. In den Pausen näherten sie sich uns Mädchen von hinten, hoben uns den Rock hoch und riefen laut (damit alle es mitkriegten): „Deckel hoch, der Kaffee kocht.“ Anders als die altklug-coolen Mädchen von heute fanden wir die Jungs nicht sexistisch oder frauenfeindlich, sondern einfach nur nervig.
Wir Mädchen guckten uns die Jungs natürlich auch an, aber weniger plump. Da sie im Sommer alle in kurzen Lederhosen (die man weder waschen musste noch konnte) rumliefen, bekamen wir ihre drahtigen Beine zu sehen. Den Rest konnten wir uns denken. Da wir zu den geburtenstarken Jahrgängen gehörten, hatten die meisten von uns Brüder und kannten sich aus.
Ich finde Männer-Knie nach wie vor erotisch. Diese hier sprechen meine Betrachtungsfreude an. Vor allem die Knie links im Bild haben es mir angetan. Doch who is who? Welche Knie gehören zu wem, können wir Jens Spahn an seinen Knien erkennen? Wer die Lösung wissen und das ganze Foto sehen will, möge folgenden Link anklicken: https://www.rtl.de/cms/jens-spahn-urlaub-in-lederhosen-politiker-teilt-privaten-schnappschuss-mit-seinem-mann-5052702.html

Während ich die Knie betrachte, kommt mir ein bekanntes Lied in den Sinn. Den Refrain kennen die älteren unter uns auswendig. Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz… Gleich kommt mir die Idee für ein Elfchen. Der Tanz wird zum Tänzchen, Hans zum Hänschen, das reimt sich auf JensCHEN.

Was machst du mit….

… dem

Knie, lieber

Jens, mit dem

Knie, lieber Jens, beim

Dance…

Das Lied, dessen Refrain ich hier nur leicht variiere, ist fast hundert Jahre alt: Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz (1925) …. Aus der Perspektive der Geliebten erzählt das Lied mit leisem Spott von Hans, der beim Tanzen eine große Leidenschaft entwickelt, sich aber, wenn sie mit ihm alleine ist, als langweilig entpuppt. Hans will gesehen werden, er braucht Publikum.

So porträtiert Autor Fritz Löhner-Beda (Bedřich Löwy) den eitlen Gockel, der sich permanent zur Schau stellen muss: Man sieht mich, also bin ich (lebendig). Im VIP-Zeitalter hat sich die Lage zugespitzt. Heutzutage ist die politische und mediale Bühne bevölkert von egozentrischen Sebstdarstellern. Jens Spahn ist einer von ihnen.

Abgedruckt ist das Lied unter anderem im Internet- Volksliederarchiv des Bremer Verlags Müller-Lüdenscheidt. https://www.volksliederarchiv.de/schlager/was-machst-du-mit-dem-knie-lieber-hans/ Dieses Archiv (eine Fundgrube!) stellt die Lieder nicht nur vor, sondern liefert Hintergrundinformationen. Eine zentrale Frage ist die nach Ursprung und Urheberschaft: Wo und wann ist das Lied entstanden, wer hat das Lied getextet bzw. komponiert?

Genauigkeit ist schon deshalb wichtig, weil das Internet -gerade was die Urheberschaft betrifft- zahlreiche Fehlinformationen enthält. So wird als Schöpferin des Lied Was machst du… gerne Brigitte Mira genannt, die das Lied allerdings nur interpretiert hat, schön, aber ein bisschen zu schön. Aber warum kommt mir das Lied in Brigitte Miras Interpretation glatt und gefällig vor?

Ich höre mir die Mira-Version auf verschiedenen You-Tube-Kanälen an und bekomme die Antwort. Brigitte Miras Vortrag endet bereits mit der sechsten Strophe:

Warum wippst du mit den Schultern so sehr?
Und was hüpfst du wie ein Floh hin und her?
Und was machst, ja was machst du
mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?

Dass Brigitte Mira das Lied verkürzt, ist ärgerlich, denn in den letzten vier Strophen, die sie ausspart, entfaltet das Lied seinen tiefgründigen Humor.

Hans hat Angst, mit der Geliebten alleine zu sein, und flieht ins Büro:

Sind wir allein einmal beim Wein
in unserm Zimmer
dann musst du immer
gleich ins Büro

Doch in Gesellschaft bin ich dir
ganz unersetzlich
da zwickst du plötzlich
mich a propos.
(Strophen 7 und 8)

Schade, aber es gibt die Gelegenheit, sich das großartige Lied in ungekürzter Fassung anzuhören. Ich persönlich empfehle trotz angekratzter Tonqualität die Interpretation von Franzi Ressel aus dem Jahr 1925. Mit ihrem schnellen Gesang und den leichten Kieksern in der sich immer wieder überschlagenden Stimme bringt Franzi Ressel die spöttische Gereiztheit der Geliebten ganz wunderbar zum Ausdruck. https://www.youtube.com/watch?v=Emt_JKm2RFk

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Zur Lebensgeschichte der Juden Bedřich Löwy (Autor) und Richard Fall (Komponist):

Bedřich Löwy wurde am 24. Juni 1883 in Wildenschwert, Böhmen geboren. Der Wiener Librettist, Schlagertexter und Schriftsteller gehörte zu den populärsten deutschsprachigen Lieddichtern seiner Zeit. Er veröffentlichte dabei meist unter dem Namen „Beda“ bzw. Fritz Löhner-Beda. Zu seinen größten Erfolgen gehören Operetten-Libretti wie „Land des Lächelns“ oder „Ball im Savoy“ und natürlich Lieder wie „Ausgerechnet Bananen“, „In der Bar zum Krokodil“, „Du schwarzer Zigeuner“,  „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“, „Rosa wir fahrn nach Lodz“ und „Dein ist mein ganzes Herz“. Aus seiner Feder stammt ebenfalls das „Buchenwaldlied“. Am 4. Dezember 1942 wurde er im KZ Auschwitz III Monowitz ermordet.https://www.volksliederarchiv.de/lexikon/loehner-beda/ Die Seite zitiert auch einen Brief an den Spiegel aus dem Jahr 1974, der beschreibt, auf welch grauenvolle Weise Bedřich Löwy ermordet wurde.

Richard Fall, Komponist des Liedes, geboren am 3. April 1882 in GewitschÖsterreich-Ungarn, wurde, nachdem er im Jahr 1938 nach Frankreich geflohen war, „am 20. November 1943 vom Sammellager Drancy aus in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert,[1] wo er Anfang 1945, vor der Befreiung des KZ, ermordet wurde.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Fall

Elfchen im Sechsten: WAT FOTT ES…

Szene einer kölschen Ehe: Am Valentinstag (der -nebenbei gesagt- im Jahr 2024 ausgerechnet mit dem Aschermittwoch zusammenfällt) hat SIE mit den roten Rosen, die ER ihr geschenkt hat, eine viel zu schmale Vase bestückt und auf den Boden gestellt. „Die kippt um“, sagt er.

„Tut sie nit“, sagt sie und lächelt. Er: „Liebchen, dat macht misch nervös.“ Sie: „Misch nit.“

„Wenn isch dir sach, die kippt, dann kippt die“, sagt er. „Musste nur touchieren.“ Er touchiert, nimmt einen Abfallsack, stopft Scherben und Blumen hinein und bringt die Abfälle zum Mülleimer, während sie das Wasser aufwischt.

„Dat ging ävver flott“, sagt sie, als er zurückkommt.

„Et kütt, wie et kütt“, sagt er. „Und wat fott es, es fott.“

Sie nimmt ihn in den Arm: „Wat können die Blömscher doför?“

„Isch mochte die nit“, flüstert er.

„Isch doch auch nit.“

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„Et kütt, wie et kütt“ und „Wat fott es, es fott“ sind zwei von insgesamt elf mundartlichen rheinischen Redensarten, die der Bonner Kabarettist Konrad Beikircher, ein cleverer Mann und gebürtiger Südtiroler, zusammengestellt und „Rheinisches“ bzw. „Kölsches Grundgesetz“ genannt hat. Das entsprechende Buch („Et kütt wie et kütt – Das Rheinische Grundgesetz„) wurde im Jahr 2001 im Kölner Verlag Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht.

Zum „Kölschen Grundgesetz“, mit dem mittlerweile zahlreiche Merchandise-Artikel bedruckt sind, heißt es locker-flockig auf koeln.de, der digitalen Service und Werbe- „Plattform für Köln im Auftrag der Stadt Köln„:

Fünfe auch mal gerade sein lassen, leben und leben lassen – und dabei immer dem Motto treu bleiben: Man kennt sich, man hilft sich. In Kölle wird seit der Römerzeit kräftig geklüngelt, getanzt und gebützt. Welche 11 Regeln aber wirklich das Kölsche Grundgesetz ausmachen, zeigt euch unsere Auflistung.https://www.koeln.de/koeln/das-koelsche-grundgesetz-die-11-regeln-der-domstadt_1121331.html

Zwar bedient das „Kölsche Grundgesetz“ Klischees, aber nach 46 Jahren Köln am Stück kann ich bestätigen, dass „der Kölner“ wirklich so tickt, dass er die Redewendungen nicht nur ausspricht, sondern dass er sie lebt. Ich sage „der“, denn es ist ein ER. Er ist ein vom Aussterben bedrohter, „schon wat älterer“ großer Junge, gesellig, in der Regel immer noch katholisch und Mitglied im Karnevalsverein. Er tanzt, er bützt und klüngelt, er trinkt Kölsch, solange man ihn lässt. Bei sich zu Hause ist er ein kleiner Patriarch bzw. Patri-Arsch, wie er sich selber augenzwinkernd nennt. Im Alltag dienen ihm die „Paragraphen“ des „Kölschen Grundgesetzes“ dazu, kleine Missetaten zu vertuschen und faule Ausreden zu finden. Und dennoch: Ich kann nicht anders, ich mag den Kölner – solange er mir nicht zu nahe kommt.

„Wat fott es, es fott“… Wie interpretiert die digitale Plattform koeln.de Paragraph 4 des „Kölschen Grundgesetzes“?

Wat fott es es fott: Jammere den Dingen nicht nach… Alles hat ein Ende – und die schönsten Dinge meist zu früh. Wir Kölner trösten uns allerdings schnell über Verluste hinweg und sind offen für Neues – denn wir wissen: Wo gestern ein Kultladen wie das Underground in Ehrenfeld dicht machte und verschwand, da gibt es heute schon einen Nachfolger wie das Helios 37.https://www.koeln.de/koeln/das-koelsche-grundgesetz-die-11-regeln-der-domstadt_paragraph-4_L1121331_1121323.html (Fettung von mir)

Betont lässig redet die Werbe-Plattform, die ja immerhin im Auftrag der Stadt Köln erstellt wird, das „Verschwinden“ einer Kölner „Location“ schön. Dabei ist das „Verschwinden“ des „Underground“ kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer fortschreitenden Kommerzialisierung und kommunalen Verödung, die nicht nur Kultläden betrifft, sondern alteingesessene Gaststätten, Reparaturwerkstätten und Geschäfte.

In Nippes machte Ende letzten Jahres der türkische Lebensmittelmarkt „Andaluo Pazari“ in der Wilhelmstraße dicht „und verschwand“. Das ist schon deshalb bitter, weil „Andalou Pazari“ -wie mir türkische Bekannte einmal erzählten- in den 1960er Jahren einer der ersten türkischen Lebensmittelmärkte in Köln war, wenn nicht der erste überhaupt. Dass das Geschäft schließen musste, hängt vermutlich damit zusammen, dass es in kaum 200 Metern Entfernung seit Anfang des Jahres „schon einen Nachfolger“ gab, der größer und moderner ist und mit einer überdimensionierten Fleischtheke protzt, „Karadag“, Filiale einer expandierenden Kölner Supermarktkette.

Hier schreit es nach Abriss und mehrgeschossiger „Lückenbebauung“.

Herbst 2019:

Unten abgebildete Fotos, die den „Flora-Grill“ so zeigen, wie er vor der „Pandemie“ aussah, habe ich am frühen Morgen des 13.10.2019 aufgenommen. Eigentlich wollte ich damals nur den Deutschland-Dackel fotografieren. Vgl.: https://stellwerk60.com/2019/10/13/das-ist-sooo-deutsch-unser-heimatministerium-veranstaltet-eine-dooofe-teure-imagekampage/ Die Biertische sind übrigens nicht Teil einer Außengastronomie, sondern ein (frühmorgens noch nicht mit Wasser-Bechern bestückter) Erfrischungsstand für die Läufer des Köln-Marathons, der an dem Tag stattfand.

2023:

Unten abgebildete Fotos habe ich im Frühjahr 2023 aufgenommen. In das Ladenlokal im Eckhaus ist, nachdem der Secondhand-Händler „Humana“ die Nippeser Filiale aufgegeben hat, der Supermarkt „Karadag“ eingezogen. Zum Jahreswechsel 22/23 hat dann „der gute alte Metzgerladen“ Stock dichtgemacht, eine alteingesessene Nippeser Metzgerei, die insbesondere nicht mehr ganz zeitgemäße Schweinefleisch-Spezialitäten im Angebot hatte. Metzger Christoph Stock, der mehrmals für seine feine geräucherte Kölner Leberwust ausgezeichnet wurde, war im Karneval 2018 Bauer im Dreigestirn, ein teurer Spaß, aber die Top-Werbung für ein kölnisches Metzger-Geschäft.

Der FLORA GRILL wurde zwischenzeitlich noch renoviert, die Außenfassade modernisiert, aber die Mieten an der Neusser Straße sind so hoch, dass sich kleinere Läden kaum halten können. Dass aber ausgerechnet Lukas Poldoski, mit dem ich sympathisiere, am Nippeser Teilstück der Neusser Straße in nur zweihundert Metern Entfernung zur ersten eine zweite Filiale seiner immer weiter expandierenden, garantiert schweinefleischfreien „Mangal“-Dönerstuben-Kette aufgemacht hat, finde ich ärgerlich.

Junge Menschen heißen diese „Neuerungen“ willkommen. Erst kürzlich hörte ich, wie eine junge Frau einer anderen zurief: „Ich geh mir jetzt beim Poldi n Döner holen. Kommste mit?“

Was aber ist mit den älteren und alten Menschen, für die Trennungen und Abschiede schwerer wiegen als für die Jungen und die sich kaum noch über Verluste -und sei es der Verlust der alteingesessenen Metzgerei oder Bäckerei- hinwegtrösten können und wollen?

Auf dem Weg zwischen S-Bahn Nippes und autofreier Siedlung begegne ich einem Fußgänger. Ich habe gerade drei ältere Menschen fotografiert, die mit dem Rücken zur S-Bahn am Picknicktisch sitzen. Sollte das DB-Zuführungsgleis gebaut werden, wird ein Großteil der Grünanlage verschwinden und niemand mehr dort sitzen.

„Kein schöner Platz“, sagt der Mann.

„Je älter ich werde, desto mehr schätze ich Picknicktische“, sage ich.

„Dat olle Ding muss weg“, sagt der Mann, der sich als ne fiese Möpp entpuppt. „Ich bin offen für Neues.“

Er kommt mir nahe und flüstert mir ins Ohr: „Das ist wirklich schade, doch…

Ov

et dut

es ov kapott:

Wat fott es, es

fott…“