Scheinheilig Geist im Kölner Norden

Werner Bartens, Arzt und Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, ein Journalist mit Freude an der Wahrheitsfindung, hat im Herbst letzten Jahres über einen Apothekenskandal recherchiert und dabei einen Krankenkassenskandal aufgedeckt: Weil sie anlässlich der Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes die krankenkassenfinanzierte Billigvariante einer Zuckerlösung zu sich nahmen, die in der Apotheke zubereitet worden war, starben in Köln zwei schwangere Frauen. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/apotheken-koeln-glucose-loesung-schwangerschaftsdiabetes-1.4623731

Bartens nennt auf den Cent genau die beschämend kleinen, entlarvenden Beträge: Die Kosten für die Fertiglösung, die für die Frauen viel sicherer ist, betragen zwischen 4,59€ und 5,53€, sind also ohnehin schon gering. Dennoch werden die Kosten seit 2016 nicht mehr erstattet. Damals haben die Krankenkassen, so Bartens, mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vereinbart, dass künftig nur noch die selbst angerührte Zuckerlösung bezahlt wird, für die die Apotheker gerade mal 1,21 Euro bekommen. Gerade in der Schwangerenbetreuung offenbart sich die Doppelmoral unseres Gesundheitssystems. Während etwa der sogenannte „Wunschkaiserschnitt“ generös finanziert wird, knausern die Kassen ausgerechnet da, wo eine sorgsame Schwangerenvorsorge wichtig und sinnvoll ist. Dass hier pro schwangerer Frau rund vier Euro eingespart werden, ist verantwortungslos und grob fahrlässig.

Dass der „Tatort“ nicht irgendeine Kölner Apotheke war, sondern die Heilig Geist-Apotheke in Longerich, ließ mich aufhorchen. Die Apotheke liegt auf dem Gelände des Heilig Geist-Krankenhauses. Zum Nippeser St. Vinzenz-Hospital, nur einen kurzen Fußweg weit weg von der autofreien Siedlung Stellwerk 60, hat das Heilig-Geist eine eher unheilige Beziehung.

An eben jenes Heilig Geist-Krankenhaus ist nämlich vor zwei Jahren der erst 2013 eröffnete Nippeser Hebammenkreißsaal „umgezogen“ – und die gesamte Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der einzige Hebammenkreißsaal in ganz Köln war gut ausgelastet. Der Grund für die Schließung der Abteilung war kalte Ökonomie: Der Rückgang der gynäkologischen Operationen. Die Abteilung hat sich nicht mehr rentiert. Die Zahl der (früher einmal viel zu oft ausgeführten) Gebärmutterentfernungen ging auch in Nippes deutlich zurück. Einem profitorientierten Gesundheitsmanagement ist die schöne Nachricht ein Dorn im Auge. Nicht stattfindende Operationen rechnen sich nicht. https://www.hebammen-nrw.de/cms/aktuelles/meldungen/einzelansicht/datum/2017/04/06/st-vinzenz-klinik-in-koeln-schliessung-im-rundumschlag/

Da auch das Kölner Geburtshaus seit 2004 nicht mehr in Nippes ansässig ist, ziert der stolze Aufdruck „Born in Nippes“, ob in rosa oder bleu, kaum noch einen Baby-Strampler, auch wenn die Hausgeburtszahlen wieder steigen. Das liegt daran, dass der GKV,  der bundesweite Verband der Krankenkassen in Deutschland,  mittlerweile dazu verpflichtet ist, den Hebammen Sicherstellungszuschläge zu zahlen, die die Kosten der hohen Haftpflichtversicherungs-Beiträge (ab dem 1.7.2020 9.098 Euro jährlich!) weitgehend auffangen. (Zur Erinnerung: Viele Hebammen, die Hausgeburten betreut hatten, mussten aussteigen, als die Beitragssätze für die Haftpflichtversicherung  im Jahr 2014 horrende anstiegen.) Der bleibende Schaden: Die hohen und ständig steigenden Versicherungsbeiträge suggerieren, dass während der Hausgeburten immer mehr Katastrophen passieren, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht.

Der Hebammenkreißsaal im Veedel Nippes ist passé. Am wirtschaftlich arbeitenden Heilig Geist-Krankenhaus interessiert das nicht. Man arbeitet gemäß den Richtlinien eines „prozessorientierten Qualitätsmanagementsystems.“ „Qualität“ ist im Zusammenhang mit Geburten ohnehin ein fragwürdiger Begriff, aber am Heilig-Geist ist eben diese Qualitätssicherung das Aushängeschild. „Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert“, heißt es rot und fett gedruckt im Internet.

Das Heilig-Geist ist „erfolgreich“, denn die Abteilung boomt. Doch dass man den Zuwachs an Geburten im Jahr 2018 um rund 21% insbesondere dem Dichtmachen der Abteilung in Nippes zu verdanken hat, wird in der offiziellen Presseinformation vom 18.Januar 2019 verschwiegen. Scheinheilig Geist im Kölner Norden. http://www.hgk-koeln.de/fileadmin/user_upload/Krankenhaeuser/Heilig_Geist/Presse/Presseinformation_Frauenklinik_Geburtshilfe_2019_final.pdf

Heutzutage kann es sich auch ein Geburtshaus nicht mehr leisten, die Kriterien des  „Qualitätsmanagements“ zu ignorieren. Das Kölner Geburtshaus ist laut Internetseite  DIN ISO 9001:2015 zertifiziert. Doch gerade Frauen, die sich für eine Entbindung im Geburtshaus entscheiden, gucken auf andere Zahlen, und die sind beeindruckend:

Etwa ein Viertel aller Frauen, deren Geburt im Geburtshaus beginnt, entbinden nicht dort. Oft müssen die Frauen doch noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil Komplikationen auftreten. Wann es brenzlig wird oder werden könnte, haben die erfahrenen Hebammen genau im Blick. Wenn die Frauen dann doch im Krankenhaus „landen“, ist das noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Kaiserschnitt. Von allen Geburten, die von Hebammen des Geburtshauses Köln betreut wurden (zu Hause oder im Geburtshaus), endeten im Jahr 2016 nur 6,2% mit einem Kaiserschnitt (deutschlandweit 31,1%!)

Übrigens: Das 5000. Kind, das im Kölner (ursprünglich Nippeser, mittlerweile Ehrenfelder) Geburtshaus zur Welt kam, wurde im November 2019 geboren, heißt Karl und ist ein…..

NIPPESER Jung!

Meine kleine Clownin, born in Bensberg 1999 

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Das Leben ist lecker!

Herz am Bluten: Plädoyer für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis

Die moderne Medizin versucht, nicht nur das Gebären, sondern auch das Sterben immer mehr unter ihre Kontrolle bringen. Das ist ein müßiges Unterfangen, denn die Natur ist unkontrollierbar. Dabei werden Grenzen überschritten, die man niemals hätte überschreiten dürfen. Doch gerade da, wo die Medizin Tabus verletzt, wird sie sentimental verklärt. Sie braucht ihre Geschichten – und ihre Helden. Zur vielleicht größten Heldengeschichte der Medizin wurde die erste Herztransplantation. Anlässlich des 50. Jahrestages wies Werner Bartens Ende 2017 darauf hin, dass die erste Herz-Transplantation nur zur Heldengeschichte werden konnte, weil es nicht um irgendein, sondern um ein besonderes Organ ging: „Trotz Kardiologie und Herzchirurgie mit Transplantation, Bypass und Stents hängen wir noch immer am alten Bild vom Herzen, seiner Form und Bedeutung für die menschliche Identität. Ohne diese extreme Idealisierung wäre die Geschichte der Herztransplantation weitaus weniger glamourös verlaufen.“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizingeschichte-der-pionier-der-herzchirurgie-erste-transplantation-vor-50-jahren-1.377387 Offenkundig ist das Herz der Sitz der innigsten Gefühle. Was jeder kennt: Uns klopft das Herz, wir spüren einen Stich im Herzen, das Herz fällt in die Hose, wir haben etwas auf dem Herzen, wir sind ein Herz und eine Seele. „Unser Hätz schlät för dä FC Kölle“, singen die Kölner. Und obwohl die FC-Führungsetage derzeit Ungutes plant (die Bebauung der „Gleueler Wiese“ mit Trainingsanlagen), singe ich mit.

Sogenanntes „Wurfmaterial“ im Kölner Karneval bzw. „Kamelle“… Den Ausdruck HERZ AM BLUTEN hörte ich zum ersten Mal, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es muss um 1965 gewesen sein. Ich sehe mich in einer größeren Kindergruppe auf einem Kindergeburtstag. Es gab Süßigkeiten, aber auch Erdnussflips, die man seit Anfang der 1960er Jahre, wie ich bei wikipedia lese, in West-Deutschland kaufen konnte. Als die Tüte dreiviertel leer war, habe ich sie mir unter den Nagel gerissen, um sie mit nach Hause zu nehmen. Das ging natürlich nicht. Die anderen Kinder wurden böse und meckerten, bis der Vater des Geburtstagskindes zu mir kam und sagte: „Du machst den Kindern Herz am Bluten.“ Ich war damals tief schockiert, denn ich hatte gleich ein Bild vor Augen: Blutende Herzen. Ich gab die Ernussflips wieder ab und spürte: Teilen tut gut. (Etwas in mir dachte ganz anders: Meim nächsten Mal musst du dich schlauer anstellen!) Zum Schokoladentäfelschen: „Et Hätz schleiht em Veedel“ war das Motto des diesjährigen Kölner Rosenmontagszugs. Übersetzt heißt das: „Das Herz schlägt im Viertel.“ Ming Hätz schleiht allerdings nit em Veedel, denn es gibt für mich nur ein Viertel: Ming Hätz schlät för Nippes!

In seinem Märchen „Die Schneekönigin“ entwirft der dänische Dichter Hans Christian Andersen das Bild einer verkehrten Welt, die der heutigen erstaunlich ähnelt. Ich zitiere, weil ich es kaum so gut auf den Punkt bringen könnte, die Zusammenfassung aus dem wikipedia-Beitrag:  „Vor langer, langer Zeit erschuf ein Teufel einen Spiegel, der alles Schöne und Gute verzerrt und hässlich aussehen ließ. „Die schönste Landschaft sah wie gekochter Spinat aus.“ Das Böse trat darin gut hervor. Eines Tages jedoch fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in viele tausend Stücke, große und kleine, die, je nach Verwendung durch die Menschen, viel Ärger und Verwirrung stifteten. Trafen sie einen im Herzen, so wurde es so kalt wie Eis, und trafen sie einen in die Augen, so sah er alles um sich herum nur noch hässlich und böse. So verteilten sich die Splitter des Zauberspiegels über die ganze Welt.“ Einer dieser Splitter muss Christiaan Barnard, den Mann, der als erster ein menschliches Herz „verpflanzt“ hat, mitten ins Herz getroffen haben. Durch gezielte Fragen entlockt der Journalist Ulli Kulke in einem Welt-Interview vom 4. Juli 2001 Barnard kurz vor dessen Tod am 2. September 2001 erschreckend offene Antworten. Hier entpuppt sich der Held und Saubermann als der, der er wohl eigentlich war: Ein Mann, der nicht lieben kann. „… Barnard: Als es in Südafrika noch die Todesstrafe gab, sprach ich mal mit dem damaligen südafrikanischen Premierminister John Vorster. Fast jede Woche gibt es eine Exekution, sagte ich ihm, können wir da nicht die Organe von den Hingerichteten bekommen? Wir diskutierten lange darüber, ich hatte großen Bedarf an Organen. Doch schließlich stimmten wir beide darin überein, dass wir die Finger davon lassen sollten…“ https://www.welt.de/print-welt/article461044/Design-Kind-Warum-nicht.html Als im Jahr 1967 das erste Herz „verpflanzt“ wurde, „glaubte“ man noch an den Herztod: Der Mensch ist erst dann tot, wenn sein Herz aufhört zu schlagen. Als der 25jährigen, hirntoten Denise Darvall das Herz entnommen wurde, um es in die Brust des 54jährigen Louis Washkansky einzusetzen, schlug es noch. War die Entnahme des Herzens dann nicht eine Tötung? Hatte man Denise Darvall nicht bei lebendigem Leib das Herz entrissen? Und ist es nicht obszön, ein weibliches Herz in einen männlichen Körper zu verpflanzen? Um die erste Herztransplantation im Nachhinein legitimieren zu können, musste der Tod schnell neu definiert werden.  „Im April 1968 stellte die Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Ergebnis ihrer Arbeit unter dem Titel „Todeszeichen und Todeszeitbestimmung“ vor. Nach der französischen medizinischen Akademie bejaht auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie das Hirntodkonzept. Menschen mit irreversiblem Funktionsverlust des Gehirns werden als Tote angesehen.“ (wikipedia) In Deutschland, so lese ich, haben über 80% der Medizinstudentinnen und Medizinstudenten einen Organspendeausweis. Die jungen Menschen kennen es nicht anders. Die Zeiten, in denen die Gleichsetzung Hirntod=Tod eingeführt wurde, haben nicht einmal ihre eigenen Eltern bewusst miterlebt. Dass Herzen verpflanzt werden, erscheint ihnen so selbstverständlich wie das Eingipsen eines gebrochenen Beins.

Deutscher Organspendeausweis: Es ist ein bisschen so, als würde man einen Bestellzettel ausfüllen. Nur ist es so, dass ich nicht anderswo bestelle, sondern sage, welche meiner Organe in Zukunft bei mir zu bekommen sind.

Ich plädiere an dieser Stelle für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis. Fortan möge es der Genauigkeit halber nach dem ersten anzukreuzenden Kreis folgenden Wortlaut geben: „Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Hirntodes, doch während mein Herz noch schlägt, meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden, unter Umständen auch das Herz selber.“ Wenn wir unsere Organe „spenden“, stimmen wir einer Definition zu, nach der das Herz nicht mehr ist als eine lebensnotwendige Pumpe. Doch diese Annahme legitimiert eine Tabuverletzung, die so tief ist, dass wir sie nicht wirklich fassen können. Herzchirurgen leisten an anderer Stelle große Dienste, aber sie hätten, so denke ich, niemals menschliche Herzen verpflanzen dürfen. Das Herz ist mehr als eine mechanische Pumpe. Schauen wir auf die Embryonalentwicklung. Anders als bei den Säugetieren entwickelt sich das Herz des menschlichen Embryos vor allen anderen Organen, es bildet sich in der vierten Schwangerschaftswoche. Noch hat das Herz keine Funktion, es schlägt nur und wird zeitlebens nicht aufhören damit, in einem naturgegebenen Rhythmus. Auch wenn ein Mensch hirntot ist, schlägt sein Herz immer noch. Jetzt sind es ausgerechnet die Mediziner selber, deren Beobachtungen die Gleichsetzung Hirntod=Tod infrage stellen.  „So fanden Kardiologen kürzlich heraus, dass das Herz als Reaktion auf Berührungen das Kuschelhormon Oxytocin ausschüttet“, heißt es auf Scinexx. https://www.scinexx.de/dossierartikel/mehr-als-nur-mechanische-pumpe/ Wie kommen die Wissenschaftler darauf? Ich denke an den wohl entsetzlichsten Menschenversuch, der von der Schulmedizin in unserer Gegenwart legal (!) durchführt wird, die Organismusspende. „Im Jahr 2008 gelang es Erlanger Medizinern, die Schwangerschaft einer nach einem Herzinfarkt ins Koma gefallenen 40-Jährigen fortzusetzen.[8] Nach 22 Wochen, in der 35. Schwangerschaftswoche, wurde ein gesunder Junge durch einen Kaiserschnitt entbunden.“ (wikipedia)  An die Hochleistungsmedizin stellen sich verschiedene Herausforderungen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Organismus nach dem Hirntod so lange am Leben zu halten. Und es gar nicht so einfach, den weiblichen Organismus dazu zu überreden, das Kind nicht abzustoßen. Außerdem dürfte man im Vorfeld wohl vorher mehrfach abgecheckt haben, dass der Junge gesund ist, sonst hätte man ihn auch nicht auf die Welt geholt, denn man braucht man einen „gesunden Jungen“, um die Aktion legitimieren zu können. Und bevor man den Jungen per Kaiserschnitt auf die Welt geholt hat, haben die Ärzte vielleicht noch einmal -diesmal zärtlich- das beschädigte Herz der Frau berührt, denn  das Hormon Oxytocin ist mitverantwortlich für die Auslösung der Geburtswehen. Verräterisch und unerträglich ist, was Prof. Dr. Matthias Beckmann damals sagte, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen: „Die weltweit rund 25 Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod hätten oftmals mit ernsten Schädigungen des Kindes geendet, sagte Beckmann. Einfach sei auch die Betreuung der 41-Jährigen nicht gewesen: Die übergewichtige Frau sei starke Raucherin gewesen.“ https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article4853314/Das-Erlanger-Wachkoma-Baby-ist-wohlauf.html Ich persönlich könnte mir vorstellen, hirn- und herzlebendig einem geliebten Menschen eine Niere zu spenden. Aber niemals würde ich den kalten, anonymen Akt zulassen, der sich euphemistisch „Organspende“ nennt. 2016 schrieb Laura Díaz auf Zeit.de: „Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken.“ Ich schließe mich ihr an. https://www.zeit.de/2016/33/organspende-deutschland-pro-contra/seite-2

Würde man Tabak als Feinkost verkaufen, würden die Leute weniger rauchen – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Diesmal strahlt sie über beide Backen, als wir uns mitten in der Siedlung über den Weg laufen: „Hömma, du hast mir ja paar schöne Fotos von deiner Belgien-Reise geschickt. Technisch allerdings bissken dürftig. Hast du etwa immer noch deine billige Kleinbildkamera? Sach mal, willst du dir nicht endlich mal ein anständiges Smartphone anschaffen? Is ja schön, dass du die Gummistiefel deiner Töchter aufträgst, weil die mit 11 schon deine Schuhgröße hatten, aber ein Nokia-Handy von 2005 weiter benutzen? Muss dat sein?“ „Is eben so“, sach ich nur. „Reicht mir.“

Die Keuner grinst: „Und in wat für Gegenden läufst du rum, wenn du im Urlaub bist. Ich war selber mal in Belgien. Und ich sach dir, da gibt es richtig schöne Strandschuppen. Das De Kwinte in Westende ist zum Abhängen noch besser als das Spiekerooger Laramie, im De Kwinte kann man sich in ein altes Sofa knallen und mit ner Pulle Bier in der Hand an einer der letzten belgischen Dünen vorbei aufs Meer gucken. Mitten im Winter ist das Westmalle gut gekühlt, aber der Schuppen pottwarm. Warst du da nich?“ „Doch, aber….“ „Wahrscheinlich wolltest du nicht mit anderen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen. Hömma, das ist da üblich. Niedrige Tische, große Sofas. Sich dazu setzen, miteinander quatschen und Spaß haben… Dazu müsste man…“ Die Keuner grinst noch breiter: „Dazu müsste man natürlich die Landessprachen sprechen können. Die meisten Belgier sind zweisprachig, was man von dir ja kaum sagen kann. Aber sach mal, sehen die Einkaufsläden in Belgien mittlerweile alle so aus wie auf dem Foto, das du mir geschickt hast?“

„Ach wat“, sach ich nur.

Shell-Tankstellen-Shop nahe der Küstentram-Haltestelle Moeder Lambic in De Panne. Hier wird der Tabak in Kunststoff-Eimern verkauft. Entsprechend großflächig ist die Kunststoff-Fläche, die die EU-Kommission für ihre Schockwerbung nutzt. Man kann es kaum glauben, aber eben jene EU-Kommission hat 2018 Maßnahmen zur Reduktion von Kunstoffmüll eingeleitet: https://ec.europa.eu/germany/news/20180116-plastikstrategie_de Vielleicht steckt wirklich eine gute Absicht dahinter. Aber aller Elan verpufft in den Katakomben des virtuellen Aktenschranks der EU-Bürokratie. Leider hat die Digitalisierung die Bürokratie noch weiter aufgebläht. Bei der EU-Kommission arbeiten 32.000 Mtarbeiter. Sie bestücken, füttern und kontrollieren unzählige virtuelle Schubladen, Ordner, Unterordner, Anhänge, Ablagen, Exel-Tabellen, Statistiken, Pdf-Dateien usw.. Praktisch am Digitalen ist, dass unliebsame Dokumente nicht einmal geschreddert werden müssen. Umgekehrt ist das, was wichtig wäre, nicht mehr aufzufinden. Gute Absichten werden abgelegt – irgendwo. Die Bürokratie nährt eine gefährliche Illusion: Dass man Notfallmaßnahmen (und die bräuchten wir dringend in der Klimapolitik!) um Jahrzehnte verschieben kann. Letzte Woche hat die EU-Kommission, vertreten von Kommissionschefin Ursula von der Leyen und EU-Klimakommissar Frans Timmermans, das erste gemeinsame Klimagesetz der Union vorgelegt: Die EU muss ab 2050 (also erst in 30 Jahren) klimaneutral sein. In Brüssel geht alles seinen bürokratischen Gang. Das ist gefährlich, denn das Klima verhält sich unbürokratisch – und schon gar nicht neutral.

Auch und gerade mit dem großformatigen Anti-Raucher-Aufdruck schrecken die Eimer nicht ab, sondern sind eine Verführung zum Noch-mehr-Rauchen. Die Botschaft auf dem Eimer im Vordergrund (s. Foto, 64,90€) ist widersinnig: Rauchen ist tödlich – hören Sie jetzt auf. Wie soll man sofort mit dem Rauchen aufhören, wenn man gerade einen Eimer mit so viel Tabak gekauft hat, dass man damit 975 Zigaretten drehen könnte? Das ist, als wenn man einem Kind einen 700 g – Eimer Haribo-Zoo in die Hand drückt und sagt: Süßigkeiten fressen macht deine Zähne kaputt  – Hör jetzt auf damit.

Eine wilde Müllkippe in Westende:

Tabak-Behälter in dieser Größe habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Doch per Internet kann jeder einen Eimer bestellen, zum Beispiel den BURTON Volumen Full Red XXXL.
Zum Vergleich: Die Nippeser Shell-Tankstelle Neusser Straße/Nähe Innere Kanalstraße verkauft halb so große Behälter. Sie sind dort mit dem Deckel nach vorne so im Regal platziert, dass der Blick nicht auf den Ekel-Aufdruck fällt. Der Kunststoff der Boxen -ob XL oder XXXL- ist ausgesprochen robust. Eigentlich wären sie ideal fürs Kinderzimmer, denn man kann Klötzchen, Lego-Steine und andere Kleinteile darin aufbewahren – wenn da nur nicht der fiese Aufdruck wäre. So haben die Leute nur den einen Impuls: Weg damit auf den Müll! Eine extreme Rohstoffverschwendung. Mein Vorschlag an die EU-Kommission: Erhebt europaweit 5 Euro Pfand auf alle Tabak-Großbehälter, denn die XXXL-Boxen verrotten nur langsam, sind aber ideal fürs Mehrwegsystem.

Die Frau Keuner wird jetzt sehr ernst. „Weißt du, was ich denke?“, sagt sie. „Ich meine, dass man Tabak nicht in Großbehältern verkaufen sollte, sondern in kleinen Mengen. In schönen, kleinen Holzkistchen mit Pfand. Oder die Leute bringen ihr Schächtelchen mit. Dann wissen sie die einzelne Zigarette oder die kleine Menge Tabak zu schätzen. Man sollte die Genuss-Raucher, die wenig rauchen, darin unterstützen, auch finanziell. Kleinmengen sollten billiger werden. Die Verpackungen sollten so schön gestaltet sein, dass sie auch als Geschenk taugen. Wenn nämlich die Leute eine Packung mit Ekelaufkleber kaufen, dann rauchen sie die umso schneller weg, weil sie die fiese Verpackung loswerden wollen, das ist ein Akt der Verzweiflung. Wir dürfen den Tabak nicht verteufeln. Dem Suchtrauchen ist nur durch eine Wertschätzung des Genussrauchens beizukommen.“

Jetzt lacht die Frau Keuner: „Das andere Foto, das du mir geschickt hat, gefällt mir. Ich hab gegoogelt, Modest ist ja ein Unverpackt-Laden. Wahrscheinlich muss man die Kunden ans Händewaschen erinnern, denn Menschen, die auf Tüten verzichten, neigen auch dazu, Wasser zu sparen. Eigentlich schlau. Aber sach mal, könnte man in den Unverpackt-Läden nicht losen Tabak verkaufen?“

Gesehen in Ostende. Beim Stadt-Spaziergang sind wir zufällig auf den ersten Ostender, 2019 eröffneten Unverpackt-Laden Modest gestoßen. Anders als beim Kölner Unverpackt-Laden Tante Olga gibt es dort Obst und Gemüse, und man kann nicht nur Kaffee trinken, sondern auch gemütlich sitzen und leckere kleine Snacks essen, Quiche oder Gemüsekuchen  – oder aufs Klo gehen, was ich auch tat. Die Pflicht, sich die Hände zu waschen, irritiert, aber wahrscheinlich gibt es (nicht nur, aber gerade für die Toiletten) in Unverpacktläden besonders strenge Hygieneauflagen.

Zwar ist die Belgische Küste so zugebaut, dass das Meer gebändigt zu sein scheint, aber anders als fast überall in Deutschland sind die Nordsee-Strände frei (und kostenlos!) zugänglich. Mancherorts ist die belgische Küste so schön wie die deutsche kaum irgendwo. Wer mit der Linie 0 fährt, der Kusttram, sollte unbedingt in De Haan (Haltestelle Aan Zee) aussteigen, nicht nur, weil man dort (z.B. im schön gelegenen La Potinière) besonders leckeren, Crêpe-inspirierten Pannekoeken essen kann.

Die viel zu kurze, aber feine Dünen-Promenade bei De Haan: Liebesschlösser am Stacheldrahtzaun

Wer sich ein Bild von De Haan machen möchte, dem sei ein auch nach 30 Jahren noch aktueller Artikel von Elsemarie Maletzke dringend empfohlen:

https://www.zeit.de/1989/31/rosa-torten-fuer-hausgaeste/komplettansicht

Das NEIN zur Widerspruchslösung ist ein JA zu Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Als im Dezember 1967 in Kapstadt zum ersten Mal ein Menschen-Herz erfolgreich transplantiert wurde, war ich neun Jahre alt und beeindruckt – wie wir alle. Die Herztransplantation war eine medizinische Sensation – und wurde zum großen Medienthema. Christiaan Barnard, der ausführende Chirurg, war gerade 45 Jahre alt, smart, attraktiv, ein Frauenschwarm. Barnard verkörperte einen neuen Ärztetyp. Er war ein Saubermann, einer, der dem schönen Anschein nach nicht nach Chloroform roch, sondern über die Kontinente hinweg das Odeur von Rasierwasser verströmte. In Westdeutschland zierte Barnard die Titelseiten der Illustrierten. Doch während Stern und Bunte ihn in legerer Freizeit-Pose an der Seite seiner damaligen Gattin zeigten, war Barnard auf der Titelseite des Spiegel solo.

Das Cover der Ausgabe vom 4. März 1968 ist zweigeteilt. Die untere Hälte zeigt einen Operationstisch, wir sehen blutigen, aufgetürmten Mull, ein Rippenspreiz-Gerät, eine Knochensäge. Es ist vollbracht: Die hauchdünn behandschuhten Hände haben die Instrumente beiseite gelegt. Die eine, eine linke Männerhand, ist leicht gewölbt und legt sich wie segnend auf den noch zu schließenden Brustkorb.

Die obere Bildhälfte nimmt Barnards Konterfei ein. Wir sehen einen attraktiven, ein Objekt in der Ferne fixierenden, hochkonzentriert einer kaum lösbaren Aufgabe sich stellenden Mann: Glatt rasiert, die Unterlippe leicht zerkaut, auffallend weiße, etwas unregelmäßige Zähne. Dieser Christiaan Barnard ist ein starker, kühner Mann, wild entschlossen dem Tod trotzend wie Robert Mitchum in Fluss ohne Wiederkehr.

… Der Grad zwischen Zähne zeigen und Zähne fletschen ist schmal…
DER SPIEGEL, 4. März 1968, Beginn einer neuen SPIEGEL – Serie. DER SPIEGEL verkauft die erste „Herzverpflanzung“ als rührselige Story. Der Auftakt-Artikel endet mit einem Dialog zwischen Patient Washkansky und Chirurg Barnard. Als man Washkansky zwei Tage nach der OP den Luftröhrenschlauch entfernt, spricht er seine ersten Worte. Sein Gegenüber ist nicht ein Angehöriger oder eine Angehörige, sondern Er, Barnard. Washkansky: „Es geht mir viel besser. Was war das für eine Operation? Sie hatten mir ein neues Herz versprochen.“ … „Chris Barnard lächelte: Sie haben ein neues Herz.“

Organverpflanzung war schon in den Jahren vor der ersten Herztransplantation ein vieldiskutiertes Thema. In Westdeutschland war 1963 die erste Niere transplantiert worden. Die „Verpflanzung“ eines Herzens jedoch war heikler als die einer Niere. Ein für hirntot erklärter Mensch kann die chirurgische Entnahme einer Niere eine zeitlang überleben, nicht aber die Entnahme des Herzens. Für einen Sterbenden (der „hirntote“ Mensch ist ja eigentlich ein sterbender Mensch) bedeutet der Herz-Raub den sicheren Tod. Die amerikanischen Western, die das deutsche Fernsehen austrahlte, erzählten: Will ein Mann einen Mann erschießen, muss er auf sein Herz zielen.

Wir Kinder spielten die Herztransplantation nach. Weniger geliebte Kuscheltiere wurden operiert. Die Operation verlief einseitig. Da Kuscheltiere keine Herzen haben, konnten ihnen auch keine entnommen werden. Es gab also nur Herz-Empfänger. Die Herzen, die wir verpflanzten, waren olle Radiergummis, mit denen zu radieren es keinen Spaß mehr machte. Brauchbar für die Verpflanzung waren nur zweifarbige Radiergummis mit einer roten Bleistift- und einer blauen Tintenseite. Rot und blau waren ja auch die beiden Herzkammern, zumindest waren sie so im Biologiebuch meines älteren Bruders abgebildet. Wir waren großartige Ärzte und retteten schwerkranken Kuscheltieren das Leben. Mein Bruder spielte den ausführenden Chirurgen, wir jüngere Schwestern assistierten.

Mein Bruder hatte von einem etwas seltsamen (angeheirateten!) Onkel, der Hals-Nasen-Ohrenarzt war, einen ausrangierten Ärztekoffer geschenkt bekommen- mit originalen Instrumenten, was ich im Nachhinein fahrlässig finde. Damals fand ich es toll. Onkel G., Patenonkel meiner Zwillingsschwester, kam optisch auf Ferdinand Sauerbruch. Im Zweiten Weltkrieg war er Lazarettarzt gewesen. Im Wohnzimmerschrank der Familie stand hinter Glas ein Totenschädel. Dass meine liebe, lustige Tante das zulassen konnte, kann ich im Nachhinein nicht begreifen.

Üblich waren Schädel in der Vitrine auch in Arzthaushalten der 1960er Jahre nicht. Mein (ebenfalls angeheirateter) Patenonkel P., ein freundlicher, bodenständiger Radiologe, hätte niemals einen Totenschädel im Wohnzimmer ausgestellt. Meinem Patenonkel habe ich zu verdanken, dass meine Zähne nicht noch schlechter wurden, als sie jetzt sind. Wenn ich einen Dauerlutscher bekam, lutschte ich so langsam, dass ich stundenlang was davon hatte. Gesund für die Zähne ist das natürlich nicht. So erzählte mir Onkel P. von medizinischen Notfällen, von schwerverletzten Kindern, die mit dem Lutscher im Mund gestolpert waren.

Schädel hinter Glas.
Eine seltsame Koinzidenz: Nieselregen, ein trüber Tag Ende Januar. Kaum denke ich seit Jahren einmal wieder an den Menschenschädel in der Wohnzimmervitrine, entdecke ich hinter der Windschutzscheibe eines an der Nippeser Werkstattstraße geparkten Transporters einen Tierschädel. Auf einem Notizzettel links neben dem Schädel stehen Name und Telefon-Nummer eines Schreiners „auf Montage“, der seine Dienste anbietet. Ich stelle mir die Frage, was Holz und Knochen miteinander zu tun haben, wo doch alte Knochen an verwittertes Holz erinnern. Ich finde heraus: Viel! Knochenleim ist der klassische Leim: „Es gibt kein Möbel aus dem 19. Jahrhundert, das nicht mit diesem Leim zusammengefügt ist.“ (Feine Werkzeuge.de) Und bei Wikipedia lese ich, dass im Geigenbau bis heute nahezu ausschließlich Knochenleim verwendet wird. Dass man wahrscheinlich auch aus Menschenknochen Leim herstellen könnte, ist eine entsetzliche Vorstellung.

In den 1970er Jahren bekam A. Patentante meiner Zwillingsschwester, eine „neue“ Niere. Von den Umständen habe ich damals nicht viel mitgekriegt. A., die gerne redete (ich erinnere mich noch an ihre leicht rauchige Stimme), wurde manchmal ganz still. „Meine Niere wächst gerade“, deutete sie einen ziehenden Schmerz, „das Mädchen war ja auch erst acht.“ Uns Geschwistern war unsere Tante unheimlich geworden. Die Vorstellung, dass sie die Niere eines toten Mädchens in sich trug, war kaum erträglich.

Das Mädchen musste noch jünger gewesen sein als unsere Großkusine, die Anfang der 1960er Jahre innerhalb weniger Wochen zweijährig an einer akuten Leukämie gestorben war, einer tückischen Krankheit, die man damals noch nicht behandeln konnte. Ihr Vater, selber Arzt, sechs Tage jüngerer Lieblingsvetter meiner Mutter, hatte lebensverlängernde Maßnahmen wie die damals übliche Bluttransfusion abgelehnt, um seiner Tochter weiteres Leid zu ersparen. Während unsere Mutter viel bei unserer kranken Kusine war, durften wir Kinder nicht zur ihr. Wir hätten es auch nicht gewollt. Es war nur unbegreiflich und schrecklich. Wir hatten Angst, selber an Leukämie zu erkranken, kriegten aber nur unsere Kinderkrankheiten, das war alles.

Dass die akute Leukämie unter welch insbesondere für Kinder unzumutbaren Bedingungen auch immer behandelbar ist, gehört zu den großen Errungenschaften der Schulmedizin. Auch die Möglichkeit, Organe zu transplantieren, ist eine Errungenschaft. Aber die Entwicklung und Weiterentwicklung der Transplantationsmedizin geschah und geschieht nicht nur aus Menschenliebe. Antreibende Motive sind Geldgier, Prestigekämpfe, das Ausloten von Machbarkeiten und – insbesondere im Fall der Herz-Transplantation – die Kontrolle über Leben und Tod: Gott spielen. Nicht zufällig nennt DER SPIEGEL Barnhard verklärend den „Herz-Verpflanzer“. Barnard haucht dem Todgeweihten neues Leben ein. Hier wird der Arzt zum Schöpfer, zum Initiator einer zweiten, einer Art Neugeburt. Endlich gelingt dem Mann das, was er von Natur aus nicht kann: Leben geben.

Der Ausdruck „Organspende“ banalisiert einen äußerst heiklen, fragwürdigen und in sich widersprüchlichen Vorgang. Ich gebe im Vorfeld die Einwilligung zur Entnahme von Organen für den Moment, wo man mich für „hirntot“ erklärt, mein Organismus aber noch so lebendig sein muss, dass er die Organe am Leben erhält. Meiner Meinung nach müsste man einen neuen Begriff finden. Auch die Zahlen irritieren. „Laut DSO wurden im ersten Halbjahr 2018 insgesamt 1576 gespendete Organe verzeichnet, im Vorjahr wurden noch 1331 registriert“, lese ich im Internet. Die Zahlen sind erstaunlich klein. Wie passen sie mit einer ganz anderen Zahl zusammen, der von Millionen Deutschen, die einen Organspendeausweis haben?

Ich suche weiter und finde aktuelle Ausweis-Zahlen für den Monat Januar: „In dem Monat wurden 740.000 Ausweise bestellt, wie das Wirtschaftsmagazin «Business Insider» unter Berufung auf Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berichtet. Zuvor gab es nach Angaben des BZgA im Schnitt rund 330.000 Bestellungen pro Monat.“ Ich folgere, dass ich als Besitzerin eines ausgefüllten Organspendeausweises noch lange keine Organspenderin wäre, sondern nur eine Spendewillige. Die niedrigen Organspende-Zahlen hängen damit zusammen, dass ich offiziell erst in dem Moment Organspender/in wäre, in dem man mir meine Organe entnähme, also nach meinem „Hirntod“. Aber kann man dieses Entnommenbekommen in einem Moment, wo es keinen freien Willen mehr gibt und keine Möglichkeit, nein zu sagen, noch Spende nennen?

„Organspende“ klingt wie „Blutspende“, aber es ist was ganz anderes. Wenn Menschen Blut spenden, ist das großzügig. Sie tun es (hoffentlich) freiwillig, lebendig, bei guter Gesundheit und aus Menschenliebe. Während ihr Blut anderen Menschen das Blut ersetzt, das diese verloren haben, regeneriert sich das eigene und erneuert sich. Die Natur scheint nichts gegen die Blutspende zu haben. Im Gegenteil. Passen die Blutgruppen zusammen, nimmt der Organismus das Spender-Blut an. Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe haben das gleiche Blut. Es ist erstaunlich: Eine Art Blutgruppenverwandtschaft verbindet uns Menschen über alle Grenzen hinweg miteinander.

Die Blutspende ist eine wahrhafte Spende, weil ich selber mehr als genug (in diesem Fall Blut) habe. Bei der „Organspende“ ist das anders. Organe wachsen nicht nach. Und sie wachsen auch so einfach nicht an. Die Natur scheint etwas gegen die Transplantation von Organen zu haben. Der Organismus des Empfängers wehrt die Organe, die ihm eingesetzt werden, ab, er muss durch Medikamente überlistet werden.

Vielleicht, so denke ich heute, stammte die Niere meiner Tante aus der DDR. Es klingt makaber, aber es war so: Während die Menschen nicht in den Westen reisen durften, durften es ihre Organe sehr wohl. Zwischen DDR und BRD gab es tatsächlich einen regen Organhandel. Im Jahr 1975 wurde in der DDR die Widerspruchslösung eingeführt. Die Menschen mussten widersprechen, wenn sie mit der Entnahme ihrer Organe nach dem Hirntod nicht einverstanden waren. Nach Gesundheitsrecht der DDR brauchte man keine Einwilligung der Verwandten, die oft nicht einmal über die Organentnahme informiert wurden. Ein erhellender und erschreckender Beitrag: http://www.mdr.de/zeitreise/ddr/organspende-ddr-100.html

Das Gesundheitssystem der DDR sicherte zwar eine gute medizinische Grundversorgung, aber es machte -überspitzt gesagt- die Menschen zu Leibeigenen. Insbesondere in ihrem Zugriff auf Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger gab sich die DDR (schamlos, wie ich finde) als Diktatur zu erkennen.

Mia, der Freundin meiner Mutter, wurde erlaubt, uns besuchen zu kommen, als sie alt war und nicht mehr arbeitsfähig. Eine damals noch junge Freundin unserer DDR-Freunde „durfte“ nach einer Brustkrebs-Operation in den Westen reisen, um sich ein Implantat zu beschaffen. Von einer anderen Entwürdigung habe ich nur gelesen: DDR-Häftlingen wurde ohne deren Einwilligung Blut abgenommen, das man gegen Westgeld an das Bayerische Rote Kreuz verschacherte: http://www.swr.de/report/presse/ddr-blutspenden/-/id=1197424/did=12691134/nid=1197424/wdwsee/index.html

Mitte Januar haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages eine Widerspruchslösung für „Organspenden“, wie sie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagen hatte, mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Ich persönlich bin sehr erleichtert darüber.

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister Jens Spahn, eine staatlich verordnetes JA zur „Organspende“ gab es in Deutschland, so gerne das verschwiegen wird, schon einmal. Befassen Sie sich bitte einmal mit der deutsch-deutschen Geschichte. In der DDR hat es nicht nur einen Impfzwang gegeben, sondern auch den Zwang, nein zu sagen, wollte man der staatlich verordneten Organentnahme widersprechen.

Das Menschenbild, das sich hinter der Widerspruchslösung verbirgt, ist nicht annehmbar. Eine Medizin, die sich in diesem Sinne verhält, klopft den Leib des verstorbenen bzw. noch sterbenden („hirntoten“) Menschen darauf ab, was der hergeben kann. Sehr geehrter Herr Spahn, begreifen Sie bitte: Menschen sind nicht recyclebar.

13.3. Eine kleine Ergänzung: Möglicherweise haben wir die deutliche Ablehnung der Widerspruchslösung der Fraktion DIE LINKE zu verdanken. Eine klar durchdachte und überzeugend argumentierende „Kleine Anfrage“ der Fraktion und der Abgeordneten Kathrin Vogler, Dr. Martina Bunge, Diana Golze, Heidrun Dittrich, Dr. Ilja Seifert, Kathrin Senger-Schäfer, Harald Weinberg und Sabine Zimmermann vom 23.7.2013 stellt die Gleichstellung Tod=Hirntod in Frage und dürfte im Deutschen Bundestag Spuren hinterlassen haben.

Stadtradeln 2019: Es ging um die Wurst!

Dass es im Jahr 2019 tatsächlich um die Wurst ging, wussten die Radlerinnen und Radler vom Stadtradeln-Team der autofreien Siedlung nicht. Umso größer war die Überraschung für Alf Kroll, der zum dritten Mal hintereinander das Gelbe Trikot der internen Wertung erradeln und eine reihenhausgemachte Leberwurst in Empfang nehmen konnte. Lieber Alf, herzlichen Glückwunsch!

Als Teamkapitänin hatte ich alle Stellwerker Stadtradlerinnen und Stadtradler zur Siegerehrung von Stellwerk 60 – Team SattelFest eingeladen. Für Gebäck und Glühwein musste ich nicht sorgen, denn die Preisübergabe fand am 23.12. im Rahmen bzw. Kerzenlicht des Stellwerker „Lebendigen Adventskalenders“ statt, den unser Nachbarschaftsverein Nachbarn60 alljährlich organisiert. Traditionell wird am Tag vor Heiligabend der Siedlungs- Weihnachtsbaum geschmückt. Ideal für die Siegerehrung war der Termin nicht, denn wer denkt zu Weihnachten noch an das sommerliche Radeln? „Stille Nacht, heilige Nacht“ erzeugt nun mal eine andere Stimmung als „Ja, wir sind mim Fahrrad da“, aber da ich die Stellwerker Mehlpiepe ausschließlich zu Weihnachten herstelle, war kein anderer Termin möglich.

Weil es draußen zu dunkel war, gingen wir für’s Siegerfoto in die Küche der Mobilitätsstation. Was Alf hier stolz in der Hand hält, ist eine „Stellwerker Mehlpiepe“. Sie ist eine von vier Würsten, die ich kurz vor Weihnachten gekocht habe. Normalerweise esse ich kein Schweinefleisch, aber die Mehlpiepe enthält neben Wasser und Buchweizenmehl nun mal Schweineleber sowie Schweinebraten- und Schweinebauchfleisch. Die Herstellung macht nicht viel Arbeit, braucht aber viel Zeit. Nachdem das Fleisch zwei Stunden lang gekocht wird, wird es kleingeschnitten und mit Leber, Buchweizenmehl und der Brühe vermengt. Die fertige Masse wird in Därme gestopft, und die Würste müssen dann noch einmal anderthalb Stunden gekocht und anschließend kalt abgebraust werden. Für mich wäre ein Weihnachten ohne Mehlpiepe wie für andere ein Weihnachten ohne Christstollen. Unvorstellbar! Ursprünglich stammt die Wurst aus Westfalen. Meine Mutter hat sie gekocht und vor ihr mein Großvater. Josef Verron, ein gebürtiger Dorstener, war Lateinlehrer und hatte daher, wie es hieß, nachmittags genug Zeit, um auf die Kinder aufzupassen und Wurst und andere Leckereien herzustellen, während meine gesellige Großmutter Johanna auf Jück ging. Für mich ist die Mehlpiepe eine Delikatesse, aber eigentlich ist sie eine Notwurst. Sie schmeckt auch dann noch, wenn man das Schweinefleisch stark reduziert. In der Kriegszeit bestand sie irgendwann einmal fast nur noch aus Buchweizenmehl, aber es gab sie.

Fast wäre Alf gar nicht zur Siegerehrung gekommen, denn eigentlich wollte er über Weihnachten nach Texas reisen, wo ihm Schwiegertochter und Sohn vor ein paar Monaten ein zweites Enkelkind beschert haben. Doch hatte der dortige Kinderarzt (vermutlich aus American Angst vor eventuellen Schadensersatzforderungen) angeordnet, dass der frischgebackene Großvater, um das Neugeborene nicht zu gefährden, vor der Einreise gegen Keuchhusten und Grippe geimpft werden müsse. Da jedoch Alf seinen einzigen schweren grippalen Infekt ausgerechnet in dem Jahr hatte, als er sich gegen Grippe impfen ließ, hat er German Gelassenheit bewiesen und trotz Neugier und Großvaterstolz die Reise nach Texas auf das Frühjahr verschoben.

Weitere Preise waren ein Bio- Côtes du Rhone mit einem schmucken Bicyclette auf dem Etikett sowie Bambustrinkhalme. Preisträgerin Beate Kleifgen wird die Trinkhalme allerdings nicht zum Schlürfen von Flüssigem verwenden, sondern ein Insektenhotel draus bauen. Nippeser Wildbienen, freut euch des (kommenden) Frühjahrs!

 

„GEHT OMAS DRÜCKEN!“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns auf der Neusser Straße über den Weg. „Halt mal, Lisa, ich muss dir was erzählen.“

„Keine Zeit, ich muss die Bahn kriegen“, sach ich.

„Dann nimmste eben die nächste oder übernächste“, sagt die Frau Keuner. „Geht auch ganz schnell. Ich hatte dir doch von meiner Tante erzählt, von der, die Lungenkrebs hat. Die war so niedergeschlagen, weil ihre Enkelin sich nicht mehr von ihr in den Arm nehmen lässt. Du weißt doch, die Frieda hat diese abscheulichen Aufdrucke auf den Zigarettenschachteln gesehen und ekelt sich jetzt. Es haben doch vor allem alte Menschen Krebs. Was tut die Werbung den alten Menschen an?“

„Frau Keuner, ich…“

„Jetzt unterbrich mich doch nich immer“, sagt die Frau Keuner. „Wo war ich stehen geblieben? Also, ich hab dann meine Tante am zweiten Weihnachtstag besucht, und da hatte die richtig gute Laune. Hömma, die ist gedrückt worden, und wie.“ Die Frau Keuner lacht, hustet, aber kriegt sich schnell wieder ein. „Die hatte Besuch von einem anderen Enkelkind, dem Cousin von der Frieda. Der Luca, dat ist ne janz fiese Möpp. Der hat so wie die anderen Enkelkinder immer Geld zugesteckt gekriegt, hat sich aber nie dafür bedankt. Wat soll man sich auch für 50 Euro bedanken. So ist der.“ Die Frau Keuner atmet tief und sagt erstmal nichts mehr.

„Und dann?“, hake ich nach. „Meine Bahn ist jetzt eh weg. Wie geht die Geschichte weiter?“

„Also“, redet die Frau Keuner weiter. „Und jetzt kommt der Luca zu meiner Tante nach Hause, denn da ist die zur Zeit, die will nicht mehr ins Krankenhaus zurück, und der Luca bedankt sich und drückt sie, dass es richtig unangenehm ist. Meine Tante hat genau gewusst, was war. ‚Jetzt lass mich mal gefälligst los‘, hat sie gesagt. Der Luca hat auf ahnungslos gemacht, aber meine Tante ist hart geblieben. ‚Hab ich mir schon gedacht, dass du vorbeikommst‘, hat sie gesagt, ‚dein bester Freund hat doch geheiratet. Ihr wart beim Junggesellenabschied im PASCHA NIGHTCLUB, und dann seid ihr raus und weiter in Richtung XTRAFIT, und da seid ihr bestimmt an dem widerlichen Plakat vorbeigekommen: GEHT OMAS DRÜCKEN! – DAK-Gesundheit. Ein Leben lang.'“

„Ist aber gut gemeint“, sage ich. „Klingt nicht schlecht.“

„Ja eben“, sagt die Frau Keuner und grinst: „Ja, die Krankenkassen machen auf menschlich, und dat in einem saloppen Ton. Denen liegen Studien vor, dass Berührungen gut tun. Und deshalb heißt die Werbe-Kampagne auch „Für ein gesundes Miteinander“. Hömma, Lisa, dat is Zärtlichkeit auf Kommando. Und deshalb machen die Kassen jetzt einen auf „Wir haben uns doch alle lieb“. Aber meine Tante hat Probleme damit, den Luca noch lieb zu haben. Die hat sich den so richtig vorgenommen: ‚Und dich piesackt jetzt dein Gewissen“, hat sie gesagt. „Lieber Luca, fürs nächste Weihnachten gibste mir mal deine Kontonummer. Kauf dir meinetwegen ein paar PASCHA-DOLLARS für den PRIVATE DANCE, aber rück mir nie wieder auffe Pelle. Du kannst irgendwelchen Damen anne Brust packen, aber bitte nich mir.'“

Herbst 2019: „Für ein gesundes Miteinander“ – DAK-Werbeplakat an der Inneren Kanalstraße zwischen Hornstraße (PASCHA) und Gleisdreieck (XTRAFIT -Fitnessstudio)
In Deutschland gehen jeden Tag etwa eine Million Männer in den Puff. So schön es wäre – wir können die Puffs nicht einfach abschaffen, denn unsere Gesellschaft ist patriarchal degeneriert. Und wohin mit der einen Million?
Puffs sind eine Verhöhnung der leiblichen Liebe. Was von der Liebe bleibt, ist kommerziell legitimierte Notdurftverrichtung – im Fall Pascha in Kooperation mit der Stadt Köln. Anfang der 1970er Jahre konnte ein professioneller Betreiber auf städtischem Grund das europaweit erste Puff-Hochhaus bauen, ein sogenanntes „Laufhaus“ mit 126 Zimmern auf elf Etagen. So konnte, wie es heißt, die Kölner Prostitution aus der Innenstadt herausgeholt, gebündelt und besser kontrolliert werden.
Die Hornstraße gehört zwar offiziell zum schönen, gutbürgerlichen Stadtteil Neu-Ehrenfeld, liegt aber abseits vom beliebten Wohngebiet im Niemandsland zwischen Liebig- und Innerer Kanalstraße. Immerhin stinkt es hier nicht mehr nach Schlachthof-Abfällen wie noch vor zwanzig Jahren. Die Fleischversorgung Köln, unmittelbarer Pascha-Nachbar, hat mittlerweile den Betrieb eingestellt.

 

 

 

 

Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Die unannehmbaren Rechenfehler der Gesundheitsaufklärer

 

 

 

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Sie kommt mir am Siedlungeingang Kempener Straße entgegen und guckt ziemlich bedient. „Ich wollte einen Aschenbecher kaufen“, sagt die Frau Keuner. „Für wenn Raucher zu Besuch kommen. Bekloppte Idee. Meine Oma hatte einen aus Meissner Porzellan, mit Goldrand und Blümchenmuster. Der stand nur in der Vitrine, aber sowat von schön. Aber heute traut man sich nicht mal mehr, im Laden nach nem Aschenbecher zu fragen. Als hätte man wat Verbotenes vor. Ich war im Kaufhof und hab eine Kundin gefragt, ob sie nicht vielleicht weiß, wo die Aschenbecher stehen. Die wollte wissen, ob ich Raucherin bin. Bin ich nicht, hab ich der gesagt, ich brauche den Ascher für meine Gäste. Wenn die schon auf den Balkon müssen zum Rauchen, dann sollen die es wenigstens schön haben. Und weißt du, wat die da gesacht hat? Den Gästen einen Aschenbecher anbieten ist Beihilfe zum Selbstmord. Hömma, die Leute sind doch total durchgeknallt. Die Frau hat mir den Tedi empfohlen. Ich bin dann dahin. Total unaufgeräumter Laden, schlimmer als der Schlecker, und guck mal, wat die da verkaufen. Geisterbahn-Interieur. Kann man sich doch nicht ins Wohnzimmer stellen.“ Die Frau Keuner hält mir ein Foto unter die Nase: „Is dat nicht furchtbar?“

Tedi, Nippes, Neusser Straße. Überall ist Geisterbahn…

„Unser Haus brennt“, sagt die Frau Keuner. „Aber die Greta Thunberg würde niemals behaupten, dass unser Haus brennt, weil die Leute rauchen. Die Raucher schaden sich vielleicht selber, aber doch nicht uns allen. Die tragen nicht zur Klimakatastrophe bei.“ Sie bückt sich ächzend und pickt eine leere Zigarettenpackung vom Boden. „Lungenkrebs-Originalfoto. Wie kann man denn den Menschen solche Ekelbilder vor den Latz knallen?“

Ich habe die Schachtel mitgenommen und abfotografiert.
Bild und Text sind übrigens keine deutsche Erfindung. Die Europäische Kommission hatte dieses und andere Motive ihren Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt und ihnen bereits 2004 „angeboten“, die Bilder zu verwenden. Vorauseilend gehorsam war Belgien das erste EU-Land, das Zigarettenschachteln mit den abschreckenden Motiven bedruckte. Seit 2016 ist der Abdruck der Schock-Bilder Pflicht. Die abschreckenden Bilder müssen seitdem zusammen mit textlichen Warnungen, die schon 2003 verpflichtend wurden, mindestens zwei Drittel der Vorder- und auch der Rückseite der Zigarettenpackungen einnehmen.

„Was gibt denen das Recht, sich so daneben zu benehmen?“ fragt die Frau Keuner. „Muss die deutsche Gesundheitspolitik denn alles nachbeten, was von der EU kommt? Früher dachte ich, die Verantwortlichen in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind gebildete Leute, aber dat sind nur primitive Gemüter.“

„Das sehe ich ein bisschen anders“, wende ich ein. „Während der Aids-Krise hat die Bundeszentrale gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die BZgA hat dafür gesorgt, dass die Ansteckungen weniger wurden, hat erklärt, wie man sich schützt und dass man sich nur über einen intensiven Körperkontakt anstecken kann. Das war doch gut.“

„Das war doch gut, so guuuuut“, äfft die Frau Keuner mich nach. „Aber Herzchen, das war auch gut, aber ist lange her. Da war noch die Rita Süssmuth Gesundheitsministerin. Da hatten wir noch nicht diesen autoritären Business-Gockel, wie heißt der noch, diesen Hahn, diesen… Du bist blauäugig, du mit deinem Reihenhäusken. Ich weiß ja, du gehst zum Billigfriseur auf der Neusser Straße und lässt dir da ne 0815-Tarnkappe verpassen, und dann erzählst du mir von deinen Second-Hand-Schnäppchen, da war doch dieses René-Lezard-Jäckchen für zwei Euro von Humana, dabei könntest du dir brandneue Designer-Klamotten leisten. Jetzt biste eingeschnappt, wa? Hab ich einen wunden Punkt erwischt?“

„Nein“, jammere ich, doch die Keuner macht weiter: „Luxusmieze. Du bist nicht gezwungen, den Billigeinkauf beim Lidl zu machen. Nitritpökelsalzverunreinigte Wurst kaufen oder Schweinebraten aus Massentierhaltung. Du doch nicht, nein, du gehst wie alle diese Besserverdienenden in den Alnatura, du kaufst nur Fleisch von Tieren aus „artgerechter Haltung“. Wenn ich das Wort schon hör. Schlachten ist immer brutal. Natürlich kriegen artgerecht gehaltene Tiere besseres Futter. Der Hänsel im Märchen auch, der kriegt nach mageren Jahren endlich lecker zu essen. Doch davon wird er leider selber lecker.“

Auf den Schnuller geklebte Kippe: EU-Werbe-Hänsel.
Meiner Meinung nach werden hier rauchende Eltern (und deren Kinder) denunziert. Auch wenn das alberne Bild ein Fotoshop-Produkt ist: Wo bleibt da der Kinderschutz?

Mit einem Mal wird die Frau Keuner weich: „Lass dich mal in den Arm nehmen.“ Sie drückt mich. „Haste du ein Taschentuch für mich?“ Hab ich. „Wir wissen doch alle, dass Rauchen eine Hauptursache für Lungenkrebs ist“, sagt die Frau Keuner. „Aber das da ist keine Aufklärung, sondern Meinungsmache. Das ist ein Angriff auf die Raucher, auf die Krebskranken, aber auch auf die Alten, denn die meisten Kranken sind ja alt. Meine Tante hat Lungenkrebs. Die ist 78 und hat nie geraucht, und viele ihrer Mitpatientinnen auch nicht. Und jetzt…“

„Und jetzt?“, frage ich, denn die Frau Keuner sagt nichts mehr. „Und jetzt?“, wiederhole ich. „Na ja“, sagt die Frau Keuner. „Die kranken Frauen fühlen sich missachtet. Jetzt haben sie sich zusammengesetzt und recherchiert und gerechnet. Es klingt ja überzeugend: Rauchen verursacht 9 von 10 Lungenkarzinomen. Aber es ist eine Fehlinformation. Denn was haben die Frauen rausgekriegt? Dass die Gesundheitsaufklärer uns nicht die Wahrheit erzählen. Die Experten können nicht rechnen. Selbst wenn 9 von 10 Lungenkrebskranken rauchen oder geraucht haben, ist das Rauchen nicht unbedingt die Ursache für deren Krebs und schon gar nicht die einzige. Und guck mal auf die Frauen. Unter 10 Frauen, die an Lungenkrebs erkranken, sind überhaupt nur sechs Raucherinnen. Dass Rauchen 9 von 10 Lungenkarzinomen verursacht, stimmt also hinten und vorne nicht.“

Ich denke kurz nach und kann nur nicken. „Aber weißt du, was besonders traurig ist?“, sagt die Frau Keuner. „Dass die Enkel einen Bogen um meine Tante machen. Ich würde die Frieda so gerne einmal drücken, hat meine Tante gesagt, aber die will nicht. Ich bin doch nicht ansteckend, aber die Frieda ekelt sich vor mir. Sie hat diese furchtbaren Bilder im Kopf.“

 

 

 

Netto, Merheimer Straße, 9.12.2019.
Hier gibt es Tabak-Großpackungen mit entsprechend überdimensionalen Warnaufdrucken. Jedes Kind, das im Zeitschriftenregal nach Heftchen wie „Lillifee“ (s. oben links) sucht, wird mit den verstörenden Bildern konfrontiert.

Zum Schluss was Erfreuliches: Den Schokoladen-Weihnachtsmann in Rut-Wiess hatte ich (mit dem Rücken zum Tabak) auf den Express gestellt, damit er dem 1. FC Köln Glück bringt. Es hat geklappt. Der FC ist Ende 2019 nicht mehr auf einem Abstiegsrang.

 

Der Stadtjäger und der Waschbär

Auf der Panorama-Seite der Süddeutschen Zeitung war am Montag folgende DPA-Mitteilung zu lesen:

Dass Waschbären in die Städte kommen, passiert immer öfter. Kürzlich hat, wie ich hörte, ein Waschbär in aller Seelenruhe die Eichendorffstraße im Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld überquert, und zwar -das mag irritieren- nicht auf dem stadtauswärts gelegenen Teilstück der Straße, sondern diesseits des vielbefahrenen, vierspurigen Ehrenfeldgürtels.

Jenseits des Ehrenfeldgürtels grenzt Neuehrenfeld an den Blücherpark, wo bekanntlich auch Füchse und Marder beheimatet sind. Zwar sind Wohngebiet und Park durch die Autobahn A57 voneinander getrennt, aber durch zwei Fußgängerbrücken miteinander verbunden, über die tagsüber die Menschen spazieren und in der Nacht die Wildtiere.

Torkelnden Waschbären begegnet man eher selten. Mir ist jedoch eine Geschichte bekannt. Zugetragen haben soll sie sich im Oktober in einer Kleinstadt in Niedersachsen:

Einen ganzen Tag lang hatte ein Stadtjäger einen Waschbären verfolgt, der im Stadtpark nach Futter suchte. Als es dämmerte, verpasste ihm der Jäger eine Ladung Schrotkugeln. Er wollte das Tier nicht töten, sondern per Schock zum Tanzen bringen. Ohne auch nur eine schwache Blutspur zu hinterlassen, taumelte der angeschossene Waschbär in Richtung Marktplatz, wo er am Vortag Gemüseabfälle entdeckt hatte.

Heute hatte dort ein Kleintiermarkt stattgefunden. Jetzt waren die Tiere nicht mehr da, sie waren verkauft, verstaut und abtransportiert worden. Auch das kleine Kinderkarussell war schon abgebaut worden. Die Kinder, die die Tiere liebten, waren längst zu Hause. Auf dem Festplatz traf man nur noch ausgelassen feiernde Erwachsene. Die Bierzelte und Wurstbuden würden noch bis in den späten Abend hinein geöffnet sein. Der verletzte Waschbär taumelte weiter in Richtung Marktplatz. Hatte er eine Ahnung davon, was dort passierte?

Kurz vor dem Festplatz hielt der Waschbär an, drehte sich um und bemerkte den Jäger. „Warum jagst du mich?“, fragte er heiser. „EU-Verordnung“, sagte der Jäger. „Ihr Waschbären steht auf der EU-Abschussliste, denn ihr seid eine Zumutung.“ „Warum?“, fragte der Waschbär und stöhnte. „Für wen sind wir denn eine Zumutung?“ „Für uns Menschen“, sagte der Jäger. „Und was muten wir euch zu?“, fragte leise wimmernd der Waschbär. „Na, euch Waschbären“, antwortete der Jäger und grinste. „Ihr übertragt gefährliche Krankheiten, ihr pflanzt euch ungehemmt fort, ihr fresst heimische Tiere wie Singvögel und Schlangen, und ihr verdrängt andere Arten, die lange vor euch da waren.“

„Aber….“ Der Waschbär zögerte kurz und sprach dann weiter: „Tut ihr das nicht auch?“

„Was erzählst du da?!“, schrie der Jäger. „Das ist ja eine Unverschämtheit. Ich übertrage keine gefährlichen Krankheiten, sondern bin rundum geimpft. Ich pflanze mich auch nicht ungehemmt fort, denn ich habe mich sterilisieren lassen. Und ich verdränge keine Arten, denn ich persönlich habe sogar eine Patenschaft für ein artgerecht gehaltenes, höchst schmackhaftes Blondes Mangalitza Wollschwein, das fast ausgestorben wäre. Ich fresse weder Schlangen noch Singvögel. Ich esse nur Tiere, die es gar nicht gäbe, wenn wir Menschen sie nicht züchten würden. Ich liebe Tiere, ihr seid so…. lecker.“ Der Jäger kicherte: „Du vielleicht weniger. Waschbär, komm zu mir, lass dich streicheln, ich bin doch dein Fressfreund.“

Doch der Waschbär lief weg, so gut er nur konnte. Er bewegte sich stöhnend weiter und kam torkelnd auf dem Festplatz an. Er hatte furchtbare Schmerzen und einen entsetzlichen Durst. Der Waschbär, der so hieß, weil er reinlich war und sein Futter wusch, kannte nichts und sich selber nicht mehr. Er kroch über den Boden, schleppte sich von Biertisch zu Biertisch und soff aus den Lachen unter den Tischen Kaffee und Bier.

„Der ist ja besoffen“, freuten sich die Leute und lachten. „Ein Tanz-Waschbär, Ist der süß! Kann man den kaufen?“ „Der hat die Tollwut“, schrien andere, sprangen auf und rissen die Bänke um. „Der steckt uns an. Impfen!“

„Zu spät“, diagnostizierte die anwesende Amtstierärztin. „Das ist die Staupe, deshalb torkelt er. Der Waschbär hat die Orientierung verloren. Zum Glück sind keine Kaninchen mehr hier.“ Sie gab dem Jäger ein Handzeichen. „Ja, wenn das so ist“, sagte der.

Doch der Waschbär war dem Jäger zuvorgekommen. Aus dem Jenseits schaute er dem Treiben kopfschüttelnd zu. Die Kugeln konnten ihm nichts mehr anhaben.

Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Wohin mit der Freikarte fürs Mammamobil?

 

„Tach“, sagt meine Nachbarin, die Frau Keuner…

Ich will gerade ein zusammengeknülltes Schreiben in den Papiermüllcontainer vom Mehrfamilienhaus stopfen, klapp den Deckel hoch, da steht mit einem Mal die Frau Keuner neben mir. „Ertappt, wa?“ Die Frau Keuner lacht: „Wat biste hier bei uns, du hast doch deine eigene Tonne, zeig mal.“ Sie nimmt mir das Schreiben aus der Hand und faltet es auseinander: „Ja, ja. Du schmeißt die Vorladung zur Mammografie also auch direkt in die Tonne. Einmal war ich da. Ich sach dir: Nie wieder. Die haben mir meine Brüste so eingequetscht, dass ich weglaufen wollte, aber das ging nicht mehr.“

„Ich war da noch nie“, sage ich, guck nach rechts und nach links, aber da ist zum Glück keiner. Ich rede leise weiter: „Als ich den ersten Brief gekriegt hab, hab ich bei der kassenärztlichen Vereinigung angerufen und abgesagt, ganz höflich, aber die Frau am Telefon hat mich dermaßen zusammengestaucht. Was ich mir einbilden würde, in meinem Alter so ein Angebot auszuschlagen, der Staat würde über 100 Euro für mich ausgeben. Jüngere Frauen würden monatelang warten und müssten die Vorsorge selber bezahlen, ich wäre total undankbar.“

„Und jetzt haste Schiss, dass die Gesundheitspolizei irgendwann auf der Matte steht und dich abholt und in ein mobiles Gerät steckt. Ist alles schon passiert. Hömma, weißte überhaupt, watte da wegschmeißt? Eine Freikarte fürs Mamma-Mobil.“ Die Frau Keuner lacht laut und erzählt was vom neuen Dacia-Papamobil aus Rumänien, in dem Papst Franziskus jetzt über den Petersplatz kutschiert wird. Die Frau Keuner heißt übrigens nicht „Körner“, wie ich immer gedacht hatte, sondern tatsächlich „Keuner“, und sie ist, wie sie sagt, eine Enkelin vom Herrn Keuner. Der Brecht hat den nämlich nicht erfunden. Den Herrn Keuner hat es, wie sie sagt, wirklich gegeben, und der hatte nicht nur einen Verstand, wie Kritiker behaupten, sondern angeblich auch eine tolle Figur. Die Frau Keuner hatte die auch, aber seit sie über sechzig ist, hat sie Probleme mit den Gelenken.

Die Frau Keuner hat furchtbare Erfahrungen mit Krankenhäusern gemacht. Nach einer Hüft-OP vor einem Jahr hatte sie eine heftige Krankenhauskeim-Infektion, und jetzt sind die Schmerzen schlimmer als vorher. Ohne Gehwagen traut sich die Frau Keuner nicht mehr vor die Tür. Seit der OP ist das eine Bein einen Zentimeter kürzer. Das ist aber kein Kunstfehler, sondern ganz normal, das kann jeder im Internet nachlesen, aber deshalb wollte die Krankenkasse ihr die erhöhten Schuhe erst nicht bezahlen. Hätte sie ja wissen müssen, was sie erwartet. Außerdem würde irgendwann die zweite Hüfte dran sein, und da würde es sich schon wieder ausgleichen. Die Frau Keuner hat sich zwar durchgesetzt, aber jetzt hat sie nur noch ein einziges Paar Schuhe. Die sind nicht schön, aber bequem, immerhin. Die zeigt sie mir und kann trotz des Schlamassels immer noch lachen: „In welcher bekloppten Welt leben wir?“

Die Frau Keuner knüllt den Brief wieder zusammen. „Solange du gesund bist, machst du dir Illusionen. Als ich 50 wurde, da dachte ich, jetzt gratuliert mir die Stadt Köln zum Geburtstag. Ich meine, ich hab zig Jahre malocht, Steuern bezahlt, bin immer zur Wahl gegangen, nicht ausgewandert. Ist dat nix? Da kam dann auch ein offizielles Schreiben, aber keine Einladung zum Sektempfang, nichts Erheiterndes, sondern wat Ernüchterndes. Eine Freikarte für eine Veranstaltung, an der ich nicht teilnehmen will.“

Sie stopft den Brief in den Container. „Ich hab jetzt einen Schwerbehindertenausweis. Du kannst noch viel schlimmer dran sein als ich und beide Beine amputiert haben, aber in der KVB musst du trotzdem den Ausweis vorlegen und das Beiblatt mit der entsprechenden Wertmarke, sonst nehmen die dich nicht kostenlos mit, denn auch ohne Beine musst du immer noch 80 Euro im Jahr für die Wertmarke bezahlen. Für die Blinden und die Hilflosen kostet die Wertmarke nichts, aber haben die entsprechenden Merkzeichen, „BL“ für blind und „H“ für hilflos. Die Kontrolleure gucken da ganz genau hin. Einen auf blind oder verwirrt machen ist ja ein alter Schwarzfahrertrick. Haste bestimmt auch gemacht damals.“

„Hab ich nie gemacht“, sage ich.

„Da haste aber wat verpasst“, sagt die Frau Keuner. „Geht heute alles nicht mehr. Du musst dich rundum ausweisen. Der Staat hat eine panische Angst vor Fakes und vor Täuschungsversuchen. Du könntest ja einen Anschlag vorhaben. Deshalb sollste einen Personalausweis bei dir haben, damit du dich für niemand anderen ausgibst, einen Impfpass und am besten auch einen Organspendeausweis. Ich sach dir, dat ist totalitär.“

„Sie sind ja Verschwörungstheoretikerin“, necke ich die Frau Keuner.

„Nenn mich so“, kommt ihre Antwort. Die Frau Keuner grinst: „Hintergedanken aufdecken ist die einzige Möglichkeit, noch die Wahrheit zu sagen.“

Nicht rostfrei und nicht fälschungssicher: Mein „Grauer Lappen“ aus dem Jahr 1983, als die Pass-Fotos schwarz-weiß waren und man noch Zähne zeigen durfte. Ich weiß noch, dass meine Schwester vor dem Foto-Fix stand und mich durch den Vorhang hindurch mit irgendeinem Quatsch zum Lachen gebracht hat.
Ich brauche meinen Führerschein kaum, dennoch bin ich froh, einen zu haben. Nach 36 (!) Jahren ist er ziemlich vergammelt, aber immer noch gültig. Leider muss er in ein paar Jahren gegen eine fälschungssichere EU-Fahrerlaubnis umgetauscht werden. Demnächst haben wir alle einen PKW-Führerschein auf Bewährung, denn die Ausweise werden dann nur noch 15 Jahre gültig sein. Ich befürchte, dass sich dann ältere Menschen (also auch ich!) regelmäßig einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen.

 

Darwins liebevoller Nachruf auf Charles W. Darwin, sein „Down-Syndrom-Kind“

Lange bevor die studentischen Anatomie-Übungen allzu lässig „Präpkurs“ genannt wurden, vor fast 200 Jahren, hat ein großer Denker das Medizinstudium abgebrochen: Der Engländer Charles Darwin. Darwin hatte gelernt, Vögel zu präparieren, aber er fühlte sich außerstande, menschliche Leichen zu öffnen.

Als am 27. Dezember 1831 das britische Marineschiff HMS Beagle den Hafen von Plymouth verließ, war auch Charles Darwin an Bord. Darwin war damals 22 Jahre alt und hatte gerade sein Theologie-Studium abgeschlossen. Ziel der auf vier Jahre angelegten und schließlich fünfjährigen Fahrt war es, die Küsten Südamerikas neu zu vermessen. Danach sollte die Beagle über Australien und Afrika wieder nach England zurückkehren. Darwin hatte keine kartographischen Aufgaben. Er fuhr mit, weil Kapitän Robert FitzRoy einen geistreichen, naturwissenschaftlich gebildeten Begleiter gesucht hatte.

Anders als viele unserer Zeitgenossen wollte Charles Darwin nicht reisen, um sich selber zu erfahren, sondern um die Welt kennen zu lernen. Die Vielfalt der Schöpfung, das ahnte er, war bis dahin nur ansatzweise begriffen und beschrieben worden. Tatsächlich erwies sich die ferne Welt allerdings als noch weitaus vielfältiger, als Darwin sich je hätte vorstellen können. Die Wälder Südamerikas waren voller Leben, voller Düfte, Farben, die Luft war angefüllt mit Summen, Brummen, Zirpen, Geschnatter, die Pflanzen wuchsen wild und üppig, sie waren den heimischen Pflanzen ähnlich und doch anders, sie blühten bunter, rochen intensiver, und die Tiere, die da flogen, liefen, hüpften, sprangen, krochen und sich schlängelten, würden auch paarweise viel zu viele sein für eine noch so große Arche.

Konnte Gott diese Vogelarten alle an einem Tag erschaffen haben? Bei einer Expedition in die Anden fand Darwin in großer Höhe Muschelversteinerungen. Wie konnten Muscheln im Gebirge ihre Spuren hinterlassen haben, wo doch Gott das Land mitsamt den Bergen vor den Meerestieren erschaffen hatte?

In der Schiffsbibel auf der Beagle stand das Datum der Schöpfung, das Theologen und Naturwissenschaftler errechnet hatten. Demnach hatte Gott Himmel und Erde vor knapp 6000 Jahren erschaffen. Doch es schien Darwin, als wäre das alles, was er da sah, nicht das Resultat einiger weniger Schaffenstage. Es musste sich über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt haben und viel älter sein als angenommen. Vielleicht hatte sich an dem Tag, an dem, wie es hieß, Gott das Licht erschaffen hatte, ein anderes Wunder ereignet. Das Schwindelgefühl, das Darwin auf der Reise immer wieder überkam, rührte nicht nur von der Seekrankheit her.

Zurück in England, ordnete und katalogisierte Darwin das Mitgebrachte, die Proben von Gestein, Flora und Fauna. Er sichtete seine Aufzeichnungen und entwickelte in jahrelanger gedanklicher Arbeit seine Theorie. Es sollte viele Jahre dauern, bis er seine Gedanken und Ergebnisse einem breiteren Publikum präsentieren würde. Darwin ahnte, dass seine Beobachtungen das christlich geprägte Weltbild auf den Kopf stellen würden.

Und er muss geahnt haben, dass man ihn missverstehen könnte. Das schlimmste Missverständnis wirkt bis heute nach. Darwins Theorie wurde missbraucht, um Brutalität unter Menschen zu rechtfertigen und erbarmungslose Konkurrenz als „naturgegeben“ zu legitimieren: „Survival of the fittest“. Missverstanden heißt das: Nur die Stärksten überleben. Die Welt gehört den Menschen, die in der Lage sind, andere kleinzukriegen und auszuschalten.

Im Darwinschen Sinne meint „fit“ nicht, dass eine (Tier)- Art dadurch überlebt, dass sie andere Arten ausmerzt und verdrängt, sondern dass eine Art dann überlebt, wenn sie es schafft, sich an die Umwelt anzupassen und weiterhin zu vermehren, auch wenn die Umweltbedingungen ungünstig sind. Eigentlich hat Darwin gar nicht über die Menschen, sondern über die Tiere geschrieben. Ursprünglich stammt der Begriff „Survival of the fittest“ auch nicht von Charles Darwin, sondern war durch den britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer geprägt worden. Darwin übernahm den Ausdruck erst 1869 ab der fünften englischsprachigen Auflage seines Werkes „Die Entstehung der Arten“.

In einem Kurzessay mit dem schönen Titel „Moral fiel nicht vom Himmel“ beschreibt der Österreicher Franz M. Wuketis, dass laut Darwin Moral nicht gottgegeben einfach so da war, sondern sich in der Evolution des Menschen allmählich entwickelt hat. „Bestimmte Verhaltensweisen bei Tieren – insbesondere kooperatives Verhalten bei Tieren können als ihre Vorstufen angesehen werden. Die Evolution des moralischen Verhaltens steht in engem Zusammenhang mit der Evolution psychischer Fähigkeiten wie Mitgefühl und Gewissen.“ Höhere Tiere, so Wuketis, seien für Darwin schon deshalb „moralische“ Wesen, weil sie leidensfähig sind.

Charles Darwin, ein Mann mit feinem englischen Humor, wusste, wie man Affen zum Lachen bringt. Und er erkannte, wie sehr die Eigenschaften von Menschen denen der Tiere ähneln. Gewiss nicht ohne Vergnügen beobachtete Darwin die sexuelle Selektion. Wie konnte, so fragte er sich, der männliche Pfau mit seinem großen Prachtgefieder überleben und sich weiter fortpflanzen, wo doch das Gefieder die Tarnung erschwert und die Beweglichkeit bremst? Die Antwort lautet: Weil sein prächtiges Gefieder die weibliche Fortpflanzungslust anstachelt. Laut Darwin ist im Tierreich die Partnerwahl in aller Regel Sache des weiblichen Tieres: Female Choice. So muss der Pfauenhahn, um beim Weibchen anzukommen und sich mit ihr paaren zu dürfen, schön sein. Ich füge hinzu: Nicht allein die Schönheit ist entscheidend, sondern der Wille des Männchens, für die Angebetete anziehend zu sein.

Darwin hatte einen starken Familiensinn. Jedoch sollten drei seiner zehn Kinder früh sterben. Seine Tochter Mary starb 1842 nur wenige Wochen nach der Geburt, seine älteste Tochter Annie 1851 mit knapp zehn Jahren, vermutlich an Scharlach. Sein Sohn Charles Waring wurde nur anderthalb Jahre alt und starb 1858 ebenfalls an Scharlach.

Als Charles Waring Darwin 1856 geboren wurde, hatten die Darwins bereits fünf Söhne: William Erasmus, George Howard, Francis, Leonard und Horace. Es scheint, als hätte Darwin seinen Vornamen „Charles“ für seinen jüngsten Sohn aufbewahrt. Seine Frau Emma brachte Charles Waring im Alter von 48 Jahren zur Welt, Darwin selber war auch schon 47. Charles Waring hatte wahrscheinlich das, was man heute „Down-Syndrom“ nennt. Es gibt ein Foto, das Darwins Erstgeborener, der damals 17jährige William, von seinem kleinen Bruder und der Mutter gemacht hat. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Emma_Darwin_with_Charles_Waring_Darwin.jpg

Charles Waring, der anders war als seine Geschwister, muss seinem Vater in den anderthalb Jahren, die er lebte, viel Kraft gegeben haben. Als Charles Waring am 6. Dezemer 1856 geboren wurde, hatte Charles Darwin sen. endlich damit begonnen, seine Theorie systematisch zu Papier zu bringen und für eine Veröffentlichung vorzubereiten.

Am 1. Juli 1858 wurden bei einer Tagung der naturwissenschaftlichen Londoner Linnean Society Teile aus Darwins Schriften vorgelesen. Gleichzeitig wurde ein 25-seitiger Essay des Naturforschers Alfred Russell Wallace, der zeitgleich eine ähnliche Theorie entwickelt hatte, vorgestellt. Von den 30 anwesenden Wissenschaftlern kam kein großer Beifall. Erfolg sollte Darwin erst Ende 1859 haben, als er den kompakten Band „On the Origin of Species“ („Über die Entstehung der Arten“) herausbrachte.

Bei der Lesung am 1. Juli 1858 war Charles Darwin nicht anwesend. Er war bei seiner Familie, in tiefer Trauer um Charles Waring, der zwei Tage zuvor gestorben war und an diesem doppelt schicksalhaften Tag beigesetzt wurde. Einen Tag später, am 2. Juli, schrieb Charles Darwin einen Nachruf auf seinen Sohn. Den warmherzigen Text lese ich nicht nur als eine Liebeserklärung an Charles Waring, sondern auch als eine Liebeserklärung an die eigene Art, als Sympathiebekundung für den Menschen, der zwar nicht Krone der Schöpfung, aber doch ein besonderes Geschöpf ist.

(1)

„Our poor Baby was born Decr 6th 1856 & died on June 28th 1858, & was therefore above 18 months old. He was small for his age & backward in walking & talking, but intelligent & observant. When crawling naked on the floor he looked very elegant. He had never been ill, & cried less than any of our babies. He was of a remarkably sweet, placid & joyful disposition; but had not high spirits, & did not laugh much. He often made strange grimaces & shivered, when excited; but did so, also, for a joke & his little eyes used to glisten, after pouting out or stretching widely his little lips. He used sometimes to move his mouth as if talking loudly, but making no noise, & this he did when very happy. He was particularly fond of standing on one of my hands, & being tossed in then air: & then he always smiled, & made a little pleased noise. I had just taught him to kiss me with open mouth, when I told him.

(2)

He would lie for a long time placidly on my lap looking with a steady & pleased expression at my face; sometimes trying to poke his poor little fingers into my mouth, or making nice little bubbling noises as I moved his chin. I had taught him not to scratch, but when I said „Giddlums never scratches now“ he could not always resist a little grab, & then he would look at me with a wicked little smile. He would play for any length of time on the sofa, letting himself fall suddenly, & looking over his shoulder to see that I was ready. He was very affectionate, & had a passion for Parslow; & it was very pretty to see his extreme eagerness, with outstreched arms, to get to him. Our poor little darling’s short life has been placid innocent & joyful. I think & trust he did not suffer so much at last, as he appeared to do; but the last 36 hours were miserable beyond expression. In the sleep of Death he resumed his placid looks…

Den Nachruf habe ich im Internet gefunden. Es gibt dort die Seite DARWIN ONLINE, einen Schatz im Internet. Digitalisierung as its best. Unfassbar viele Transkriptionen von handgeschriebenen Manuskripten. Reingucken! http://darwin-online.org.uk/