Der ideale Patient – Plädoyer für die Abschaffung des Präpkurses

Bestimmte Berufe zu ergreifen, hatte ich meinen Töchtern verboten: Polizistin, Betriebswirtin, Werbepsychologin, Bundeswehr-Soldatin und Zahnärztin. Eine Zeitlang hat meine jüngere Tochter dann doch, von einem guten Abi verführt, mit einem Medizinstudium kokettiert. Aber die Vorstellung, präparieren zu müssen, hat sie Gott sei Dank abgehalten. Was ihre beste Kölner Freundin, die Medizin studiert, vom Präp-Kurs erzählt, übertrifft allerdings noch meine schlimmsten Befürchtungen.

Die jungen Medizin-Studenten (oder „Studierenden“, wie sie sich leicht verquast heute gender-korrekt nennen) „arbeiten“ in Gruppen. Jeder Gruppe wird eine Leiche zugewiesen. Die Studenten bekommen ein Ziel vorgegeben: Sie machen sich auf die Suche nach der möglichen und wahrscheinlichen Todesursache. Die jungen Studentinnen und Studenten erfahren Krankheit als Funktionsstörung, die irgendwann einmal zum Tod führt. Das Starren auf die Todesursache jedoch lehrt und verfestigt ein schlichtes Ursache-Wirkungs-Denken, das der Mannigfaltigkeit des menschlichen Organismus und dem komplexen Zuammenwirken von Leib und Psyche in keiner Weise gerecht wird. Das im Präp-Kurs vermittelte Menschenbild ist armselig und plump. Entsprechend grob ist der Umgang mit der Leiche: Die angehenden Human-Mediziner „beschäftigen“ sich vorrangig mit Rumpf, Extremitäten und Gehirn, den (vermutlich „enthirnten“) Kopf bekommen -ich fürchte, ich habe das richtig verstanden- die Zahnmediziner.

Die Leiche, die die Studenten vor sich haben, ist übrigens nie wirklich „frisch“ (Es tut mir leid, das Wort in dem Zusammenhang wählen zu müssen, aber ich finde gerade kein anderes). Um sie halt- und präparierbar zu machen, kommt die Leiche nach dem Tod des Spenders für mindestens ein halbes Jahr in eine Formaldehyd-Lösung. Auch im Verlauf des Präpkurses muss die Haltbarkeit stets gesichert und erneuert werden. Die Leiche darf nicht austrocknen, sie wird Tag für Tag befeuchtet, in Plastik gepackt und in die Kühlung gebracht.

Diese Toten können also erst nach etwa zwei Jahren bestattet werden. Zerstückelt und zerteilt, sind sie allerdings kein Leichnam mehr. Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes nur noch um „Sterbliche Überreste“. Da diese „Überreste“ kein Ganzes mehr bilden, kann man sie nicht in einen Sarg legen. Sie müssen eingeäschert werden. Eine entsetzlicher Gedanke, aber die traurige Wahrheit: Vom toten Menschen bleibt ein Puzzle aus 1000 haltbar gemachten Einzelteilen, die aber niemand mehr imstande wäre zusammenzusetzen. Um der Präp-Prozedur einen Hauch von Menschenwürde abzugewinnen, inszenieren die Universitäten -in der Regel einmal im Jahr- studentische Trauerfeiern, wo man gemeinsam aller „aktuellen“ Körperspender gedenkt.

Die Präpkurse finden in der Regel im zweiten oder dritten Semester statt, am Anfang des Studiums. „Präp“ ist ein neckisches Kürzel für Präparation, eine Art Jugendwort. Die meisten Studenten sind sehr jung, um die zwanzig. Sie haben in der Regel noch keinen toten Menschen gesehen, ihre Eltern leben noch, oft auch die Großeltern. Sie sind nach wie vor aufgehoben in einer wohlhabenden und wohlwollenden Welt, haben ein gutes Abitur gemacht und einen der begehrten Studienplätze ergattert. Mit zwanzig fühlen sich Menschen unsterblich, sie wissen, dass das Leben irgenwann endet, aber sie glauben nicht wirklich daran.

Daher gehen die jungen Menschen mit einer gewissen Unbefangenheit an die heikle Sache heran. Das Zerschneiden einer Leiche ist eine kleine Mutprobe, so wie andere auch. Die Studenten sind in einem Alter, wo sie die Liebe entdecken, sie sind jung, gesund, albern, begeisterungsfähig, verspielt, manipulierbar, sie kichern, tanzen, singen gerne, vielleicht sind sie frisch verliebt, manche kokettieren im Zusammenhang mit dem Präpkurs sogar mit der Floskel „Mein erstes Mal“. Da wird das Präparieren fast zu einer Art Date mit der Leiche. Kokett: https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/mein-erstes-mal-mara-20-praepariert-leichen-a-479084.html

Eine Ungeheuerlickeit, vor der vormals Menschen zurückscheuten, wird den Studenten als völlig normal verkauft: Die Öffnung des menschlichen Leichnams. Von Tag zu Tag gewöhnen sie sich mehr daran. Die jungen Frauen sind noch Papas Töchter und wollen ihren Professoren gefallen, sie wollen ihnen beweisen, wie intelligent und wie mutig sie sind. Mich erinnern die Studenten an junge Soldaten, die das Töten lernen, bevor sie die Reife haben zu realisieren, was sie da tun.

Auf diese Weise werden die jungen Leute eingefangen, sie merken es nur nicht. Sie bekommen ein traurig reduziertes Menschenbild. Was vom Menschen bleibt, ist ein stinkendes, verwesendes Etwas, das vor ihnen liegt und der Wissenschaft dient, bevor es zu Asche und Staub verbrannt wird. Sie schneiden, zerlegen und merken nicht einmal, wie -wenn auch nur mit Skalpell und Pinzette bewaffnet- kriegerisch sie sind.

Der oder die Tote kann sich nicht wehren. Das konnten die Toten im 15. Jahrhundert allerdings auch nicht. Schon damals sezierten angehende Ärzte und Anatomen einmal während ihres Studiums eine Leiche. „Die Studienobjekte waren Tote, denen nach Auffassung der Kirche kein ehrenvolles Begräbnis zustand: Gehenkte, Enthauptete, Selbstmörder.“ (planet-schule.de) Diese Menschen wurden durch die Zurschaustellung und Zerstückelung ihrer Leiche noch zusätzlich bestraft – über den Tod hinaus.

Nun haben die Körperspender von heute ihr Einverständnis erklärt und zu Lebzeiten ihre Körper gespendet. Diese freiwillige Zusage erfolgt meistens aus praktischen Gründen: Bestattungskosten sollen eingespart werden, Angehörige fehlen, aber manche haben auch den seltsamen Wunsch, sich posthum noch einmal nützlich zu machen. Was sind das für Menschen, warum verschachern sie den eigenen Leichnam? Empfinden sie es nicht als erniedrigend, den eigene Leiche zu Schau zu stellen und ausweiden zu lassen? Und ist nicht die Phase zwischen Sterben und Bestattetwerden ein wichtiger Zeitraum? Trauerfeiern sind Übergangsrituale. Ich denke, es hat einen tiefen Sinn, wenn wir unsere Toten aufbahren, wenn wir sie waschen, schön machen, ihnen etwas auf den Weg mitgeben, sie beklagen, lobpreisen, und vor allem: Wenn wir nicht zu lange damit warten, sie zu bestatten. Die griechische Tragödie wusste noch, wie bedeutsam das ist. („Antigone“). Unbestattet können die Toten keine Ruhe finden, aber die Lebenden auch nicht.

Für mich ist es unerklärlich, dass Menschen ihre Körper „spenden“, ob zum Zwecke einer Plastination à la von Hagens, einer Verwertung im Präpkurs oder im Dienste der Facharztausbildung oder der Wissenschaft. Körperspende ist meines Erachtens ein autoaggressiver Akt der Verzweiflung, ein Ausdruck von gottverlassener Einsamkeit. Vermutlich ist diesen Menschen alle Hoffnung abhanden gekommen. Wie können sie sich sicher sein, dass das Sterben nicht doch ein Übergang ist, ein Prozess, in dem der Leib noch eine Weile eine entscheidende Rolle spielt?

Es gibt Menschen, die ein erhellendes Nahtoderlebnis hatten und eine leise Ahnung von der Existenz eines Göttlichen zurückbehalten haben. Bei einer solchen Erfahrung spielen Geist und Leib ebenso zusammen wie bei einem anderen Übergangsereignis, der Geburt. Es kann passieren, dass Frauen während der Geburt ihres Kindes von einer genuin weiblichen Wahrnehmung (einem „Nahlebenserlebnis“) überwältigt werden: Wie „göttlich“ fühlt es sich an, machtvolle, unvergleichliche Leibes- und Geisteskräfte freizusetzen und gebärend „Mitschöpferin“ (Hanna Strack) zu sein!

Menschen mit einer solchen, nicht ganz alltäglichen existentiellen Erfahrung dürften immun sein gegen eine Werbung, die ihnen ihren toten Körper abluchsen will. Tatsächlich -man glaubt es kaum- suchen die Unikliniken per Internet nach Körperspenden. Während der Text der Uniklinik Köln wohl aus „gutem“ Grund seriös klingen muss (https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/anatomie-skandal-um-leichen-in-koeln-uni-stellt-bericht-vor-a-871283.html ), kommt die Werbung des Uniklinikums Aachen unerträglich sentimental daher. Ich hab die fiesesten Passage fett markiert: „… Jeder, der seinen Körper nach dem Ableben einem Anatomischen Institut zur Verfügung stellt, erweist daher einen sehr großen Dienst für die Ausbildung junger Ärzte, die Weiterbildung von aktiv tätigen Ärzten und die medizinische Forschung. Die Körperspender leisten damit einen wertvollen Beitrag zum Erhalt des hohen Qualitätsniveaus der Medizin und Krankenversorgung in Deutschland. Wir betrachten Ihre Körperspende als einen Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus, mit dem Sie ein unschätzbares Geschenk Ihren Mitmenschen machen...“

Fassungslos stimmt mich die bürokratische Knickrigkeit, die im Zusammenhang mit einer Körperspende geradezu grotesk wirkt. Tatsächlich werden die Körperspender auch noch zur Kasse gebeten: „Auf Grund des Wegfalls des Sterbegeldes, das vor dem 1.1.2004 von der gesetzlichen Krankenkasse gezahlt wurde, und der gestiegenen Kosten ist für die Körperspende ein Unkostenbeitrag in Höhe von 500,– € zu entrichten.“ https://www.ukaachen.de/kliniken-institute/koerperspende/informationen-zur-koerperspende.html

Eine andere (zugegeben rhetorische) Frage: Sind Versuche am toten Menschen etwa keine Menschenversuche?

Ich persönlich plädiere für die Abschaffung der Präpkurse, denn nach meiner Erfahrung -allein im Freundinnenkreis meiner Töchter studieren aktuell drei junge Frauen Medizin- entmutigt und verstört das Aufschneiden der Leiche die jungen Menschen, die zu Beginn des Studiums noch voller Leidenschaft sind. Sie wollen Menschen helfen, sie heilen. Sie lieben die Menschen und finden das Medizinstudium da spannend, wo es etwas mit lebendigen Menschen zu tun hat.

Das Präparieren hingegen stumpft ab. Es raubt den jungen Menschen ihre Liebesenergien und überbringt eine fatale Botschaft. Der Mensch, so wird vermittelt, ist vor allem eines: Sterblich. Die Studierenden lernen, den Menschen von seinem Tod her zu denken – nicht von seiner Geburt her, seinem Leben, seiner Geschichte.

Permanent im Hinterkopf zu haben, dass die Menschen ohnehin irgendwann sterben werden, reduziert die Mediziner, aber vereinfacht das Ärzteleben. Das allzu schlichte Menschenbild ist ein Grund dafür, dass sich die Krankenhäuser viel zu viele unnötige Ein- und Zugriffe erlauben. Zwar kann die moderne Krebs-Medizin (etwa die Stammzellentherapie) immer wieder Menschenleben retten, doch angesichts der Machbarkeit gehen ärztliche Zurückhaltung  und Respekt vor den kranken Menschen verloren. Krebskranke werden als unheilbar erklärt, aber mit Chemotherapie und Bestrahlung erst zu Invaliden gemacht. 

Mit einem lebendigen Organismus hat die Leiche kaum noch etwas zu tun. Eigentlich ist sie fürs Lernen und Üben ungeeignet. Und doch ist eine Leiche ein idealer Patient: Anders als ein lebendiger Mensch, der operiert wird, kann sie nicht plötzlich aus der Narkose aufwachen, was übrigens gar nicht so selten passiert. Sie kann nicht verbluten, denn sie ist ohne Blut. Ihr Herz kann nicht plötzlich aufhören zu schlagen, denn es schlägt schon lange nicht mehr.

Entwürdigend:
Das Süddeutsche Zeitung Magazin vom 13.9.2019. Das Titelblatt zeigt eine sehr alte Frau, die offenbar im Sterben liegt.
Die Geier warten schon. Im Kapitalismus sind sie zu Geldfressern mutiert. In diesem Fall hockt der Geier auf dem Rückblatt des Magazins und heißt „Patek Philippe“: „MAN ERFREUT SICH EIN LEBEN LANG AN IHR, ABER EIGENTLICH BEWAHRT MAN SIE SCHON FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION.“

Ich vermute, dass im Präpkurs etwas mit den jungen Studenten passiert- unbewusst. Der Medizinstudent wird „seine Leiche“ nie mehr los. Aber er merkt es nicht einmal. Es ist nicht so, dass er permanent an sie denkt, er denkt gar nicht an sie, er träumt nicht einmal von ihr, aber mit jedem lebendigen, atmenden Patienten, mit jeder Patientin wird der Mediziner fortan „seiner Leiche“ begegnen.

Im Präpkurs zementiert sich nicht nur das spätere Machtverhältnis zwischen Arzt und Patient, sondern auch der Blick auf die Krankheit. Krankheit gehört zwar zum Leben, führt aber letzten Endes zum Tod. Krankheit ist der Feind, der sofort und unbedingt bekämpft werden muss. Im „Kampf gegen den Krebs“ werden Art und Patient zu Kriegskameraden. Nur sind die Rollen klar verteilt: Der Arzt ist der Oberbefehlshaber.

In der Gesundheitspolitik gibt es wie in der Klimapolitik offenbar nur eine Devise: Weitermachen – wider besseres Wissen. Warum werden Unmengen Geld in die Entwicklung neuer Antibiotika gesteckt, anstatt zu gucken, was in den Praxen passiert? Da werden Antibiotika, die bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten eine zentrale Rolle gespielt haben und spielen, immer noch massenhaft und wahllos verschrieben. Welche katastrophalen Folgen das hat, wissen eigentlich alle.

Richtig dramatisch wird es, wenn eine „neue“ Krankheit auftaucht. Während der Schweinegrippen-Krise 2009 sind die Gesundheitsorganisationen weltweit in Panik geraten. Auch die deutsche Gesundheitspolitik hat damals die Besinnung verloren. Trotz vielfacher Warnungen wurden gigantische Mengen des ungeprüften Impfstoffes Pandemrix geordert. „Die Bundesländer hatten 34 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix vom Pharmakonzern Glaxosmithkline abgenommen und dafür circa 280 Millionen Euro bezahlt. Am Ende ließen sich während der bis dato größten Impfaktion aber erheblich weniger Menschen immunisieren als angenommen.“ https://www.aerzteblatt.de/archiv/115575/Schweinegrippe-Uebrig-gebliebene-Impfdosen-werden-vernichtet

Die Impfung wurde bundesweit empfohlen, aber von den Bürgern kaum angenommen. Gott sei Dank, denn die Impfung hatte und hat erhebliche Nebenwirkungen. Bis heute sind alleine in Deutschland mehr als hundert meist junge Menschen an Narkolepsie erkrankt (viele von ihnen erst nach Jahren!). Die Pandemie ist jedoch ausgeblieben, Pandemrix-Dosen im Wert von 20 Millionen Euro mussten vernichtet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben damals eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie in Sondersendungen für die Impfung geworben haben. Was, muss man sich fragen, wird bei einer „echten“ Pandemie passieren?

Köln, Rudolfplatz, Juni 2019. Angesichts der wachsenden Zahl Kinder, die aufgrund von „Kreidezähnen“ äußerst unangenehme Zahnbehandlungen über sich ergehen lassen müssen und manchmal sogar Zahnersatz brauchen, ist es geschmacklos, dass hier eine Lifestyle-Zahnarztpraxis mit einem Milchzahn-Baby wirbt.

10 bis 15 aller Kinder haben heutzutage poröse Zähne, sogenannte „Kreidezähne“. Es handelt sich um eine neue Zahn-Krankheit. Die Zähne sind fleckig, der Zahnschmelz ist weich. Von den 12jährigen sind sogar über 30% betroffen. Die Ursache ist noch unklar. Warum wird nicht untersucht, ob nicht ein Zuviel an Flour eine Ursache sein könnte? Es ist, wie ich finde, naheliegend. Doch selbst im aktuellen Kinderzahnpasta-Ökotest 9/2019 wird für Kinderzahnpasta mit hohem Flourid-Gehalt geworben. Für die Pflege der Milchzähne sei Kinderzahnpasta mit Fluorid „… besonders geeignet. Denn Fluorid schützt vor Karies. Darin sind sich Kinder- und Zahnärzte einig, empfehlen Fluorid deshalb auch in ihrer Leitlinie von 2013. “ https://www.oekotest.de/kinder-familie/Kinderzahnpasta-Test-Jede-fuenfte-Tube-faellt-durch_111627_1.html

Staatsfeind Nummer 1 ist allerdings eine Krankheit, die weder neu ist noch ansteckend, vor der aber wohl jeder Mensch Angst hat: Krebs. Gesundheitsminister Jens Spahn hat Anfang des Jahres mit der Hoffnung der Menschen gespielt und ein populistisches Versprechen gemacht: „Es gibt gute Chancen, dass wir in zehn bis 20 Jahren den Krebs besiegt haben.“ Ein weiterer Satz: „Andere fliegen zum Mond, wir wollen den Krebs besiegen.“ Ich finde das eine Vorhaben so großspurig wie das andere.

Krankheiten gehören zum Leben. Wir sollten die Ruhe bewahren und aufpassen, dass unsere Gesundheitspolitik nicht zum totalen Krieg gegen die Krankheit -und letztendlich gegen das Leben- aufruft. Manchmal denke ich: Wir sind längst mittendrin.

 

Das kalte Herz der bundesdeutschen Gesundheits-Politik

Seit vorletzter Woche ist es entschieden: Der „Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)“, das höchste Gremium im Gesundheitswesen Deutschlands, hat sich, beauftragt von Bundestag und Bundesrat, trotz „großer ethischer Bedenken“ (mir kommen die Tränen!) dafür ausgesprochen, vorgeburtliche Bluttests auf Trisomie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen.

Das heißt: Allen „Risikoschwangeren“ -und darunter fallen mittlerweile fast alle schwangeren Frauen bzw. können fallen- wird man voraussichtlich ab Ende 2020 im Rahmen der Schwangerenvorsorge eine weitere Blutuntersuchung anbieten. Das Blut, das man der Frau in der 12. Schwangerschaftswoche abnimmt, wird untersucht, um auszuschließen (wie es beschönigend gerne gesagt wird), dass die Leibesfrucht den heutzutage meistgefürchteten genetischen „Defekt“ hat: „Trisomie 21“. Rein formal muss das Bundesministerium für Gesundheit noch zustimmen, da es die Rechtsaufsicht hat. Außerdem muss noch geklärt werden, wie die Beratung der Schwangeren, die zur Auflage gemacht wird, gestaltet sein soll. Das bedeutet allerdings nur einen Aufschub. Eine weitere Hemmschwelle ist gefallen. Die Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland hat ihr JA zur pränatalen Selektion noch einmal eindeutig bekräftigt.

Die Finanzierung durch die Krankenkassen banalisiert einen körperlich harm- und schmerzlosen, aber ethisch und moralisch höchst bedenklichen Eingriff. Die Frauen, ohnehin im Vorsorge-Marathon, merken es kaum. Was alle mit sich machen lassen und Teil der obligatorischen Schwangeren-Vorsorge ist, kann ja nicht falsch sein. Wenn Zweifel nagen, kommt folgender Rat: „Fragen Sie Ihren Gynäkologen.“ Doch der oder die wird und darf nicht NEIN sagen, denn die Ärztinnen und Ärzte haben, selbst wenn sie die Maßnahme ablehnen, keine andere Wahl: Sie müssen alle schwangeren Frauen gemäß den „Mutterschafts-Richtlinien“ behandeln, und die wiederum bestimmt -na wer wohl- der oben genannte G-BA.

Meine Großkusine Christiane, eine Gynäkologin, hat sich zum 60. Geburtstag einen Jugendtraum erfüllt und eine Vespa gekauft: Noch mal neu durchstarten – auch als Frauenärztin und Geburtshelferin. Doch leider bremst ein verändertes gesellschaftliches Klima zuweilen Christianes Elan. Die jungen Frauen haben das Vertrauen in die herkömmliche, zurückhaltende Schwangerenvorsorge verloren. Anders als noch vor dreißig Jahren haben sie eine große, geradezu panische Angst davor, dass mit dem Kind „etwas nicht in Ordnung sein könnte“.

Christiane ist eine unaufgeregte und gelassene Gynäkologin. Nach über dreißig Jahren Berufserfahrung hat sie ein Gespür für Schwangerschaft und für das Befinden der jeweiligen schwangeren Frau. Schon bei der Erstbegegnung mit der Frau bekommt Christiane eine Ahnung davon, wie -aus ärztlicher Perspektive- deren Schwangerschaft verlaufen könnte und dann auch in der Regel verläuft. Was erzählt die Frau, wie kommt sie in den Raum, wie bewegt sie sich? Christiane unterstützt die Frauen darin, die Ruhe zu bewahren, ihrem großen weiblichen Vermögen zu vertrauen, sich auf das Kind zu freuen, es so, wie es ist, anzunehmen und „die Gute Hoffnung“ nicht zu verlieren. Das gelingt ihr leider immer weniger. Selbst wenn die Ergebnisse der Standarduntersuchungen keinerlei Anlass zur Sorge geben, verlangen die Frauen, an Spezialisten überwiesen zu werden, die mit „aussagekräftigen“ Verfahren arbeiten, etwa dem hochauflösenden Ultraschall. Christiane muss ihren verunsicherten Patientinnen die „Bitte“ erfüllen, aber auf die Überweisungen schreibt sie, wenn sie selber weitere Untersuchungen nicht befürwortet, folgenden Vermerk: „Auf ausdrücklichen Wunsch der Patientin“.

Es gibt verzweifelte Situationen, in denen Frauen keine andere Wahl bleibt, als abzutreiben, etwa nach einer Vergewaltigung. Aber eine Frau wird nur dann abtreiben (genauer gesagt: abtreiben lassen), wenn sie keinen Ausweg mehr sieht. Ich kenne einige Frauen, die innerhalb der ersten drei Monate haben abtreiben lassen und ein Leben lang unter der Abtreibung leiden, obwohl es eine Notlösung war.

Doch die Frauen, denen in der 12. Schwangerschaftswoche der Bluttest angeboten werden wird, haben sich längst dafür entschieden, ein Kind auszutragen. Und diese Frauen sollen, falls das Kind „betroffen“ ist, ein Urteil fällen, das jede Frau überfordert: JA oder NEIN, LEBEN oder TOD. Die Entscheidung ist immer fatal. Entweder opfert die werdende Mutter ihr Kind oder sie gebiert es in eine Welt, in der man seine Ankunft als Störfall oder als „Kunstfehler“ empfindet: Wie konnte das heutzutage passieren, haben die Ärzte es übersehen?

Haupt-Leidtragende sind die schwangeren Frauen, denn sie alleine treffen eine Entscheidung, die eigentlich kein Mensch treffen kann. Die Gesundheitspolitik entzieht sich der Verantwortung und schiebt sie der Frau zu: Schließlich ist es ihr Kind. Was dabei verschleiert wird: Eigentlich ist es die medizinische Wissenschaft, die die Selektions- Methoden entwickelt hat, immer weiter perfektioniert und die Abtreibung als eine Art Problemlösung anbietet. Hier jedoch erleben wir die eigentlich unannehmbare Verdrehung der Tatsachen: Es scheint, als sei es nicht die Medizin, die selektiert, sondern die schwangere Frau.

Die Schuldzuweisung geht mittlerweile so weit, dass vereinzelt Stimmen laut werden, die fordern, dass Frauen, die trotz Aufklärung ihr behindertes Kind austragen, noch zusätzlich bestraft werden sollen. Aus einem Leserbrief des Arztes Dr. Bernhard Kehrwald aus Ingolstadt, der „Risikoschwangerschaften“ generell reduzieren will, Süddeutsche Zeitung, 2./3. Oktober 2019:

„… Die trotz ausführlicher Aufklärung zur Schwangerschaft Entschlossenen sollten das Risiko einer Missbildung akzeptieren und bereit sein, anfallende Belastungen auch finanziell, die durch eine lebenslange Behinderung entstehen, selbst mitzutragen.“

Eine ganz normale Zigarettenpackung, die so furchterregend gestaltet ist, dass der Raucher sich der leeren Schachtel entledigt, indem er sie irgendwo hinknallt. Diese fiesen Schachtel-Reste fand ich neben dem Kinderspielplatz unter den Birken am Rand der autofreien Siedlung.
Auch als Nichtraucherin empfinde ich die „wohlmeinende“ Drohgebärde der BZgA als primitiv und verächtlich. In diesem Fall wird die werdende Mutter denunziert.
„Rauchen kann Ihr ungeborenes Kind töten“, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Was die BZgA verschweigt: „Pränataldiagnostik kann das auch.“

 

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, deren Gesundheitspolitik endlich wieder von Nächstenliebe gespeist ist. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft alle Kinder, die mit Down-Syndrom geboren werden, willkommen heißt.

Behinderte Kinder brauchen in der Regel mehr Zuwendung, für die Eltern ist ihre Betreuung kraft- und zeitraubend. Oft stehen sie ganz alleine da. Daher wünsche ich mir, dass sich unsere Gesellschaft mitverantwortlich zeigt. Ich wünsche mir, dass alle Mütter, die die Kraft und den Mut haben, ihre Kinder trotz des medizinischen Stempels „Trisomie“ nicht abtreiben zu lassen, sondern zur Welt zu bringen, belohnt werden. Denn diese Mütter sind Lebensretterinnen.

Ich wünsche mir, dass die überlebenden Kinder und ihre Geschwister, auch die später geborenen, ein deutlich höheres Kindergeld beziehen und dass die öffentlichen Kassen im vollen Umfang für die später anfallenden zusätzlichen Kosten aufkommen. Ich wünsche mir, dass die überlebenden Kinder in die öffentlichen Schulen ihrer Wahl aufgenommen und dort persönlich betreut und unterstützt werden. Ähnliches wünsche ich mir für alle „kleinwüchsigen“ Kinder, deren Mütter die Kraft und den Mut haben, sie trotz Abtreibungs-Option zur Welt zu bringen. Die Kinder mögen nicht nur ebenfalls ein höheres Kindergeld beziehen, sondern mit jedem Wachstumsschub (diese Kinder wachsen auch!) ein neues, maßgebautes Fahrrad bekommen.

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister Jens Spahn, ich schäme mich für Sie und die von Ihnen mitverantwortete aktuelle Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland.

Soviel ich weiß, haben Sie keinen Sozialen Dienst absolviert und sind bei der Bundeswehr ausgemustert worden. Als 61jährige darf und muss ich es sagen: Meiner Meinung nach fehlt es Ihnen an Lebenserfahrung.

1. Ich würde mir wünschen, dass Sie eine Zeitlang in einer Wohngruppe mit Menschen zusammen leben, die eine Behinderung haben. Empfehlen kann ich Ihnen die „L’Arche Ipswich/UK“. Meine jüngere Tochter hat nach der Schule genauso wie ihre Schwester und viele andere junge Menschen, vor allem junge Frauen, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. In einem Haus der „L’Arche“ in England war sie für das alltägliche Wohlergehen und teilweise auch für die Pflege von sieben Männern mitverantwortlich. In der „Arche“ leben auch Menschen mit „Down-Syndrom“, die über die dunklen Seiten der Pränataldiagnostik „Bescheid“ wissen und sich gewiss gerne einmal mit einem Gesundheitspolitiker darüber unterhalten würden.

2. Ich wünschte mir, dass Sie für einige Wochen auf der Geburtsstation eines kleineren Krankenhauses die dort tätigen Hebammen unterstützen. Empfehlen kann ich Ihnen das Vinzenz-Pallotti-Hospital in Bensberg, wo Frauen schon seit Jahrzehnten nur im Beisein von Hebammen entbinden können. An der dortigen Hebammenschule können sie sich ein Bild davon machen, wie sinnvoll es ist, wenn Hebammen nicht an den Hochschulen, sondern vor Ort und in enger Anbindung an die Praxis ausgebildet werden. Keine Bange, Sie müssten nicht bei der Geburt assistieren, vermutlich würde Sie auch niemand dabei haben wollen. Ihre Aufgaben, Herr Spahn, könnten sein: Nach der Geburt das Geburtsbett neu herrichten, für trockene, saubere Tücher sorgen, den Waschraum reinigen, wo sich die Frauen nach der Geburt mit Hilfe der Hebammen von Blut und Fruchtwasser befreien – Und für die Hebammen Kaffee kochen, mitten in der Nacht, denn die meisten Geburten finden immer noch nachts statt.

3. Ich wünschte mir, dass Sie für einige Zeit in eine Klinik gehen, wo Spätabtreibungen durchgeführt werden. Dort können Sie den Frauen, die diesen Weg gehen, beistehen, aber auch den meist jungen Ärztinnen und Ärzten. Ihnen bleibt, wollen sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren oder ihre Facharztausbildung nicht gefährden, oft keine andere Wahl, als den Eingriff vorzunehmen. Zur Einstimmung lesen Sie vielleicht folgenden Artikel: https://www.zeit.de/2013/44/abtreibung-aerztin-moralische-bedenken/komplettansicht

Vielleicht könnten sie sich mit Ihrem jungen österreichischen Polit-Freund Sebastian kurzschließen, der Lebenserfahrungen und Begegnungen mit weniger glücksverwöhnten Menschen bitter nötig hätte, denn Herr Kurz – die Mann gewordene Mozartkugel, wie Spötter sagen – ist ebenso wie Sie, freundlich ausgedrückt, noch ein bisschen grün hinter den Ohren.

Und gerne würde ich von Ihnen einmal ähnlich warme, menschenfreundliche Worte hören wie die von Ulla Schmidt, SPD-Politikerin „alter Couleur“, Sonderschul-Lehrerin von 1976 bis 1990, seit 1990 Bundestagsabgeordnete, Bundesgesundheitsministerin von Januar 2001 bis Oktober 2009:

„… Down-Syndrom ist keine Krankheit. Down-Syndrom gehört zur Vielfalt des menschlichen Lebens wie auch andere Dinge, die nicht immer alle gleich sind, Gott sei Dank, bei uns im Leben. Und Menschen mit Down-Syndrom leben gerne…“ (Deutschlandfunk, 19.9.2019)

 

Engel for Future

Der tägliche Blick in die Zeitungen lässt mich meist in einem Zustand zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung zurück. Greta Thunberg ist da ein absoluter Lichtblick. Vor dem Hintergrund der „Fridays for Future“-Bewegung ist nämlich eine gute alte Leidenschaft wieder in den Vordergrund gerückt, die wir alle schon in der Mottenkiste der Geschichte versteckt hatten: die Hoffnung.
Über die Kraft dieses Widerstandsgefühl hat Hans Manfred Schmidt gerade den Essay „Engel for Future“ geschrieben, den er demnächst veröffentlichen wird. Ich darf hier schon mal die ersten Absätze zitieren:
„Eines Morgens, am ersten Tag nach einer Operation unter Vollnarkose, sehe ich mir Paul Klees Angelus Novus noch einmal genauer an, das Abbild dieses berühmten Engels, der mich schon so lange begleitet. Ich bin wegen einer unerklärlichen Schwellung an der rechten Halsseite operiert worden, und nun sehe ich, dass dieser asymmetrische Engel die merkwürdige Schwellung ebenso hat, und mir ist einen Moment lang ein bisschen mulmig zumute.
Dieser Engel da hat die gleiche Schwellung, die einfach nicht weggehen will und mit der ich seit einem halben Jahr zu kämpfen habe. Nur Esoteriker würden hier an schicksalhafte individuelle Koinzidenzen denken. Oder? Völlig unmöglich, der Zusammenhang meines erneuerten Interesses am Angelus Novus mit meiner Erkrankung ist rein zufällig. Völlig unerklärlich.
Da kommt mir ein Gedanke. Schnell drehe ich den Engel auf den Kopf – und plötzlich sehe ich etwas, das ich noch nie gesehen habe, obwohl ich dieses Bild seit Jahrzehnten genau zu kennen glaubte. Der berühmte Angelus Novus ist nicht aus dem Nichts entstanden, er ist überhaupt nicht neu, sondern das Produkt eines bildnerischen Recyclings, er ist aus der Übermalung eines anderen Engels entstanden.
Dreht man das Bild nämlich auf den Kopf, sieht man einen alten Engel, dem seine Flügel auf den Boden hängen. Er sieht abwesend aus, will nichts mehr wissen von der Welt; er ist matt und erschöpft.
Dieser Engel kann niemandem mehr Trost spenden. Dreht man nun das Bild wieder um, wird sichtbar, wie kraftvoll und neugeboren der kleine Angelus Novus auf uns wirkt – er kommt zwar aus finsteren Zeiten, aber er hat eine Zukunft vor sich, die etwas Neues verheißt. Er blickt in eine Ferne, in eine Zukunft vor sich, das ist sein Trost. Sein rechtes Auge ist noch im Bann, aber das linke sucht schon nach anderen Blicken. Um die Welt zu verändern, um sie völlig anders zu machen, als sie uns täglich erscheint, braucht es nur eine leichte Verschiebung der Perspektive. Das ist die Botschaft dieses Engels…“

Elfchen im Siebten: Falscher Alarm

*9.7.1957

Alle

sehen Gelb.

Schaff mir endlich

den Dreck vom Hals.

 Schwarmintelligenz

Die Deutschen sind, so sagt man, Weltmeister im Mülltrennen. Mülltrennen tut vor allem Kindern gut, denn es schult das Unterscheidungsvermögen. Heutzutage, da wir Menschen kaum noch spüren, wo uns der Kopf steht, und wir nicht mehr wissen, wo der Hammer hängt, ist es wichtig, dass wir von klein auf lernen, Materialien voneinander zu unterscheiden, zum Beispiel Glas von Papier. Manchmal jedoch ereilt die Deutschen der vorauseilende Gehorsam, so wie hier. Der an alle Haushalte verteilte „Abfall- und Wertstoffkalender“ der Kölner „Abfallwirtschaftsbetriebe“ (AWB) nannte als „Entsorgungs“-Termin den Dienstag in der darauf folgenden Woche. Aber die Tonnen waren schon so voll, wie sie erst eine Woche später hätten sein sollen. Nachdem der erste Nachbar am Montagnachmittag seine Mülltonne zur Abholung bereit gestellt hatte, machten es ihm alle nach. „German Angst“: Eine diffuse Angst vor Schmutz, Armut, Behinderung, Krankheit, Ungeziefer, Alter, Krebs.