Im Pfarrbüro von St. Marien hatte ich einmal eine nette Begegnung:
Im Jahr 2015 hatte sich meine ältere Tochter nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr dafür entschieden, Psychologie zu studieren. Sie musste sich bei jeder Universität einzeln bewerben und jedes Mal das Abiturzeugnis vorlegen. Manchen Unis reichte eine einfache Kopie, andere wollten eine beglaubigte haben. Von der Schule hatte meine Tochter zwei beglaubigte Kopien bekommen, die natürlich direkt aufgebraucht waren. So bot ich meiner Tochter an, im Pfarrbüro von St. Marien nachzufragen. Dort war man sehr freundlich. Die Mitarbeiterin machte noch eine Extra-Kopie, setzte den Stempel „beglaubigt“ darauf und den der Pfarrei St. Marien darunter.
Bezahlen durfte ich nichts, nicht einmal der Kirche was spenden. „Das kostet doch die jungen Menschen ein Heidengeld, wenn sie sich überall einzeln bewerben“, sagte die Frau. Nun, „Heidengeld“ sagte sie nicht, das habe ich jetzt eingefügt. Das Wort kommt mir in den Sinn, obwohl wir ja wissen, dass diejenigen, die zu viel Geld haben, nicht unbedingt Heiden sind (s. Katholische Kirche). Die Universität Bremen, an der meine Tochter schließlich landete, hat die Kopie nicht angenommen. Man erwartete eine von einer öffentlichen Behörde ausgestellte Beglaubigung. Den Stempel der Katholischen Kirche empfand man offensichtlich als unseriös oder gar „unecht“. In Bayern wäre das nicht passiert (da passiert derzeit anderes, das fragwürdig ist), aber Bremen ist nun mal traditionell evangelisch.
Das Haus, in dem sich das Büro befand, ist abgerissen. An der Stelle wird jetzt das „Haus der Kirche“ gebaut. Für die Zwischenzeit ist das Pfarrbüro in ein Gebäude in der Wilhelmstraße umgezogen, das auch die „Bücherei St. Marien“ beherbergt sowie den Arbeitskreis „Eine Welt im Veedel“ (den Nippesern wohlbekannt durch den freitäglichen „Fairer Handel“-Marktstand). Die Bücherei ist zur Zeit geschlossen, aber man hatte die schöne Idee, eine Wäscheleine vors Fenster zu spannen und „Kleine Kostbarkeiten“ daran aufzuhängen.
Aktuell lädt man Kinder dazu ein, Bilder zu malen (gelbe Kopie: „Das sehe ich aus meinem Fenster“), die eingesammelt und veröffentlicht werden sollen.
Vor zwei Wochen hatte ich mir ein Gedicht, das dort gleich doppelt hing, von der Leine genommen:
Vor allem im Gesundheitswesen erhalten wir in den letzten Jahren vermehrt „unerwünschte Belehrungen“. Gesundheit wird zur Bürgerpflicht- und auch der Frohsinn.
Herbst 2019, Ort: Plakat-Großwand Innere Kanalstraße, Nähe Gleisdreieck und Großbordell PASCHA. Zielgruppe: Autofahrer
In der Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ gibt die DAK Verhaltensmaßregeln: „Ihr könnt euch mal ! … Freundlich grüßen. Denn Freundlichkeit im Alltag ist ansteckend und führt zu weniger Aggression und Stress. Gute Laune, guten Tag.“
Die Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ suggeriert, dass wir normalerweise ziemlich unfreundlich (ungesund) miteinander umgehen. Das mag für manche Menschen immer und für viele Menschen manchmal stimmen (auch für mich), so pauschal jedoch ist das eine böse Unterstellung. Es ist wünschenswert, dass Menschen freundlich zueinander sind, aber bitte nicht auf Befehl! Diktierte Gefühle fördern die Heuchelei. Der Zwang zur Nähe, der hier so locker-lässig daherkommt, führt eher dazu, dass wir uns noch mehr voneinander entfernen.
In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.
„Man kennt sich, man hilft sich.“ (Konrad Adenauer)
Wir erleben sogenannte „Lockerungen“, aber was bleibt und durch die Maskenpflicht noch verschärft wird, ist der „Sicherheitsabstand“. Die Kinos, die davon leben, dass die Menschen dicht an dicht sitzen, bleiben weiterhin geschlossen. Nach wie vor darf nur ins Kino, wer bereit ist, in einer Blechkiste vorzufahren und darin sitzen zu bleiben. Im Autokino soll man zwar, sobald das Fahrzeug steht, die Sicherheitsgurte ablegen, man darf die Fenster öffnen, aber damit endet auch schon die Bewegungsfreiheit.
Derzeit werden in ganz Deutschland (bis auf Bayern, wo sogar die Autokinos geschlossen sind) neue, oftmals mobile Autokinos eröffnet. Auch wenn sich die Betreiber die Hände reiben, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Denn es werden keine neuen Filme gezeigt, obwohl die längst abgedreht und vorab gezeigt worden sind. Damit aber diese neuen Filme in die Kinos kommen, müssen die klassischen Kinos wieder geöffnet werden. Das lohnt sich aber nur, wenn die Säle voll sind, was aber nur dann gewährleistet ist, wenn die Menschen keinen Sicherheitsabstand einhalten müssen.
Die Kirchen haben ein ganz ähnliches Problem wie die Autokinos: Keine neuen Impulse. Der Run auf die Gottesdienste wird schnell abflauen. Immerhin braucht man seit dem 1. Mai nicht mehr ins Internet oder -wie bei den Oster-Gottesdiensten- ins Autokino, um eine Messe zu besuchen. Auch im Kölner Dom werden am Muttertag endlich wieder öffentliche Sonntags-Messen stattfinden – unter besonderen Auflagen.
Der Kölner Dom ist ja nicht irgendeine Kirche, sondern das kölnische Aushängeschild. Als Weltkulturerbe-Stätte und Deutschlands größte Kathedrale ist der Dom eine Kirche der Superlative. Nach Fertigstellung im Jahr 1880 hatte der Kölner Dom im Wettkampf um das höchste Gebäude der Welt die Turmspitzen mit 157 m am weitesten oben. Jedes Kölner Schulkind (das klettern kann, denn es gibt keinen Aufzug) erklimmt irgendwann die 533 Stufen, die zur Besucherplattform (97 m) hoch führen.
Am letzten Sontag gab es im Dom nach sechs Wochen wieder einen Gottesdienst, aber nicht für alle Kölner, sondern ausschließlich für „Mitarbeiter des Doms, Sänger, Lektoren und Messdiener sowie einige Pressevertreter.“ Man wollte, so hieß es, den Normalfall üben. Das Fazit der Übung: Zur öffentlichen Messe zugelassen sein werden immer nur 122 Personen, und auch nur dann, wenn sie einen Mundschutz tragen und den Sicherheitsabstand einhalten. https://www.sueddeutsche.de/panorama/gottesdienst-koelner-dom-coronakrise-1.4895447 Ich fand leider nirgendwo eine Anwort auf meine Frage, wie man das Kollekte-Problem lösen wird. Gibt es weiterhin nur einen digitalen Klingelbeutel?
Gestern kam ich gegen 19.30 vom Einkaufen zurück und radelte wie fast jeden Tag an St. Marien vorbei. Doch was sah ich? Vor der Kirche standen Liegestühle, zwei Einzel- und ein Doppelsitzer waren mit entsprechendem Sicherheitsabstand höchst einladend platziert. Menschen hatten sich in die Stühle gefläzt, die Hosen hochgekrempelt, Pulle Bier dabei. Richtig schön. Was war los? Hat der Katholische Kirchenverband Bilderstöckchen-Nippes den Vorplatz der Kirche zum Beach-Club erklärt?
Die Auflösung: Das angrenzende Café Rosenrot hat die Liegestühle vor die Kirche gestellt, um den Menschen, die Essen bestellen, die Wartezeit zu versüßen. Diese beiden sehr freundlichen und gut gestimmten Nippeser Mitbürger waren mit dem Fotografiertwerden direkt einverstanden…. Im Hintergrund wird am „Haus der Kirche“ emsig weiter gearbeitet. „Haus der Kirche“ klingt, als stünde das Gebäude insbesondere der Gemeinde zur Verfügung. Aber so ist es nicht. Hierzu mehr im stets informativen Nippes-Magazin (früher „Für Nippes“) http://veedelmedia.de/flip-pdf/fuer-nippes_2015-2
Für die Messen am Sonntag oder die Abendmesse am Samstag konnte man sich ab Mittwoch Karten reservieren lassen. Die Zugangskarten sind kostenlos, aber nicht übertragbar. Hatten wie das nicht schon mal? Ich denke da an die Gottesdienste im Autokino.
Hilfe bei der Reservierung bekommt die Katholische Kirche vom 1.FC Köln, der derzeit ebenfalls Einnahmeeinbußen zu verkraften hat. Für die Reservierungen benutzt die Kirche genau das Computersystem, das der Fußballclub 1. FC Köln für seine Fan-Kommunikation verwendet. „Der Verein hat deshalb Unterstützung bei der Schulung von Mitarbeitern der Pastoralbüros angeboten“, heißt es auf erzbistum-koeln.de Generalvikar Dr. Markus Hofmann: „Wir sind dem 1. FC Köln sehr dankbar… Das ist ein schönes Zeichen der Verbundenheit.“ Alexander Wehrle , Geschäftsführer des 1. FC Köln, sagt: „Wir haben dem Erzbistum sehr gerne mit unserer Erfahrung geholfen. Als Club der Stadt stehen wir zu Köln und seinen Bürgern und natürlich auch zu den Kirchen. Wenn wir etwas dazu beitragen konnten, dass Menschen in unserer Stadt trotz der Einschränkungen der Corona-Krise ihren Glauben leben und ausüben können, freut uns das sehr…“ https://www.erzbistum-koeln.de/news/Erzbistum-nutzt-Online-Ticketsysteme-fuer-sichere-Messfeiern/
So wäscht eine Hand die andere – aus Hygienegründen natürlich rein digital.
Ich möchte an dieser Stelle auf einen klugen und munteren Artikel von Ertay Harif hinweisen, in dem der Kölsche Klüngel anschaulich (und in seiner Ambivalenz!) beschrieben wird. https://koeln-magazin.info/kluengel0.html
Kürzlich wartete ich bei schönstem Frühlingswetter, auf meinem Gelderländer Grachtenrad sitzend, an der Kreuzung Neusser Straße/Wilhelmstraße darauf, dass es für die Fahrzeuge und deren „Führer“ (also auch für mich) grün werde. Diese Kreuzung ist eine verkehrspolitische Liebeserklärung an die Fußgänger, denn sie hat eine sogenannte Diagonalquerung. Kreuzungen wie diese sind gebaut worden in einem tiefen Respekt vor der Fortbewegungsweise des Homo Sapiens: Dem aufrechten Gang. Wenn die Fußgängerampel auf grün springt, müssen alle Fahrzeuge, aus welcher Richtung sie auch kommen und in welche Richtung sie auch wollen, anhalten – und alle Fußgänger dürfen die Kreuzung überqueren – geradeaus und diagonal.
Kreuzung Neusser Straße/Wilhelmstraße in Nippes, 19.4.2020. Ich bin zu Fuß unterwegs. Ein typischer, öder Corona-Sonntag. Obwohl kein Auto fährt, bleiben Hund und ich, weil die Ampel rot zeigt, stehen.
Ende des 20. Jahrhunderts: „Rush-hour in Ginza, dem modernsten Einkaufsviertel Tokyos.“ Eine Kreuzung mit Diagonalquerung.
Vermutlich ist diese Kreuzung achtmal so groß wie die in Köln-Nippes. In der Mittel knubbelt es sich, daher sprechen die Japaner auch von „Knäuel-Kreuzung“. Dramatisch ist das nicht. Zusammenstöße gibt es kaum. Die Menschen gehen langsam und nehmen Rücksicht, sie bewegen sich nicht angespannt, obwohl Rush-hour ist, sondern anmutig. Das Überqueren der Kreuzung kann nur gelingen, wenn die Menschen nicht einen verordneten Abstand einhalten, sondern genau den Abstand zueinander finden, der an der jeweiligen Stelle der Überquerung vonnöten ist. 1,5 vorgeschriebene Meter würden zum Verkehrs-Kollaps führen. Fotografiert hat die Kreuzung vor gut 20 Jahren, also noch im Vor-Smartphone-Zeitalter, Eberhard Grames, ein Fotograf, der die Begabung hat, nicht nur abzubilden, sondern Momente einer Mannigfaltigkeit, die sich unter der Oberfläche verbirgt, einzufangen. Dieses Bild, von einem Hochhaus aus aufgenommen, ist ganz wunderbar geglückt. Je näher wir es angucken, desto mehr Geschichten erzählt es uns. Es rückt die Menschen, deren Gesichter verborgen bleiben, in den Mittelpunkt. Heutzutage wäre ein solches Foto kaum noch vorstellbar. In der beschleunigten Welt liegt deutlich mehr Aggressivität in der Luft, vermutlich auch an der Kreuzung in Ginza. Die Fotografen der Gegenwart sind nicht mehr unbefangen, sondern haben permanent die juristische Schere im Kopf, denn das GESETZ ist mittlerweile allgegenwärtig. Die Fotografen haben Angst, den Menschen zu nahe zu treten und verklagt zu werden, weil sie gegen das „Recht am eigenen Bild“ verstoßen. „Gem. § 22 Satz 1 KunstUrhGdürfen Abbildungen einer (erkennbaren) Person grundsätzlich nur dann verbreitet oder zur Schau gestellt werden, wenn deren Einwilligung vorliegt.“dejure.org Das Gesetz, das es (in mittlerweile überholten Fassungen) bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt, hat gute Seiten, denn es schützt vor fotografischer Willkür, aber er hat auch zur Folge, dass die Bilder oberflächlich und austauschbar sind, dass die abgebildeten Menschen gesichtslos erscheinen und es kaum noch Bilder gibt, die vom Leben erzählen. Der Fotograf fühlt sich gezwungen, auf (Sicherheits-) Abstand zu gehen bzw. Gesichter, die identifizierbar sein könnten, zu verpixeln. Kein Foto, das später von der Kreuzung in Ginza gemacht wurde und das ich im Internet finde, kommt auch nur annähernd an das von Eberhard Grames heran. Das Foto ist abgedruckt in: Japan, Peter Göbel und Norbert Hormuth (Text), Eberhard Grames (Fotos), München 1998. Um sich das Bild (und andere) genau angucken zu können, braucht man das großformatige Buch. Es ist längst vergriffen, aber mit etwas Glück bekommt man es gut erhalten antiquarisch.
Ich musste mich gedulden, denn die Ampelphase dauert relativ lang. Das ist heikel, denn der Radweg ist nur ein schmaler Streifen am Rand der Fahrbahn. Als ehemalige Mitradlerin und Mitorganisatorin der Critical Mass Nippes weiß ich, welche Aggressivität in den Blechkisten lauert. Autofahrer werden nervös, wenn sie warten müssen. Sie drehen durch, wenn die Fußgänger „Vorfahrt“ haben, gerade die langsam gehenden Menschen machen die Autofahrer kirre, ältere Menschen, Menschen mit Gehwagen, mit Kinderwagen, mit Einkaufstaschen.
Als die Ampel für die Fahrzeuge auf grün sprang, trat direkt neben mir ein Autofahrer wie entfesselt aufs Gaspedal. Die Kiste jaulte laut auf, ein schmuckes, schwarz glänzendes Cabrio zeigte sein fragwürdiges Auto-Kennzeichen: K – Co…. C und O sind der erste und der letzte Buchstabe von Cabrio, aber CO ist auch die erste Silbe von… Corona gibt brutalen Männern Aufwind, und das ist gefährlich.
In meinem Umfeld gibt es keine brutalen Männer, aber viele nachdenkliche, sensible Menschen, die sehr verunsichert sind. Zwei unserer Verwandten, mit denen wir Ostern zusammen gefeiert hätten, sind in den letzten Wochen psychisch schwer erkrankt und mussten in psychiatrische Behandlung (die durch Corona-Angst bedingten Erkrankungen sind als solche ärztlich dokumentiert!). Sie hatten Angstzustände und Panikattacken mit schwerer Atemnot, aber auch unkontrollierbare Aggressionen. Beide hatten furchtbare Angst, selber schwer erkrankt zu sein. Der jüngere Mensch ist ein warmherziger Mann von 22 Jahren, dem das Virus eigentlich nicht viel anhaben kann.
Beide hatten sehr viel ferngesehen. Wir machen den Fehler zu meinen, man könne vom öffentlich-rechtlichen, bürgerfinanzierten Fernsehen auch in der Krise eine bürgernahe, unabhängige Berichterstattung erwarten. Aber genau das ist ein Irrtum. Zur Zeit gibt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen affirmativ und regierungskonform. Und man verhält sich so, wie man es den privaten Sendern immer unterstellt hat: Sensationslüstern und reißerisch. Um Sachlichkeit vorzugaukeln, werden zwar Sendungen für Kinder produziert, deren Ton gemäßigter ist, aber das ist fadenscheinig. https://www.zdf.de/nachrichten/digitales/kinder-fragen-corona-erklaeren-100.html Denn wir alle – auch die Kinder- bekommen permanent Bilder zu sehen, und zwar öffentlich-rechtlich, vor denen die Kinder sowie sensible und gefährdete Menschen unbedingt geschützt werden müssten, Horrorbilder wie aus Gruselfilmen, vermummte Gestalten, Särge, kalte Krankenhausflure, Beatmungsgeräte. Das ist nicht nur maßlos übertrieben und aufgeheizt, sondern äußerst fahrlässig. Und – um einen Ausdruck aus dem Ersten Weltkrieg zu benutzen- es wirkt so zermürbend und zerstörerisch wie ein nie endendes Trommelfeuer.
In seinem Gastartikel „Angst frisst Demokratie“ in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt der Journalist Jakob Augstein: „Alle Mechanismen der modernen Medienhysterie werden hier wirksam! Und anstatt zu mäßigen, wirken Politik und Medien noch als Brandbeschleuniger.“
Ich kenne niemanden, der nicht zumindest leichte psychosomatische Beschwerden hat. Viele Menschen haben wieder mit dem Rauchen angefangen. Ich trinke zu viel Rotwein und komme mit dem abendlichen Viertel nicht mehr hin. Dabei macht mich der Wein nicht heiter, sondern nur müde… Ich fahre nicht gerne Tandem. Wenn man vorne fährt, hat man jemanden im Nacken. Hinten sitzend kann ich weder lenken noch bremsen. Ich muss darauf vertrauen, dass Vordermann oder Vorderfrau vernünftig fährt und rechtzeitig bremst. In der Demokratie muss es Volksvertreter geben. Aber ich muss mich auch darauf verlassen können, dass diese Volksvertreter sich vernünftig verhalten. Ich habe kein Vertrauen mehr in die Politik unserer Bundesregierung. Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, es reicht!
…. Das Tandem ist eines von dreien (das schönste). Es gehört zum „Fuhrpark“ des Vereins Nachbarn 60 und kann von allen Vereinsmitgliedern kostenlos ausgeliehen werden. (info@nachbarn60.de)
Die Beklommmenheit in der Arztpraxis: Angstvoll, wie in einer Art abgefederter Schockstarre in einem Wartezimmer sitzen und auf etwas warten, das man eigentlich nicht haben will, in der stillen Hoffnung, dass der Zahnarzt, kurz bevor man aufgerufen wird, zusammenbricht, wissend, dass der vereiterte Backenzahn dann erst recht keine Ruhe gibt – dieses Unbehagen, das wir alle kennen, konnte niemand so gut beschreiben wie der Österreicher Ernst Jandl.
Ernst Jandl:
fünfter sein
tür auf einer raus einer rein
vierter sein
tür auf einer raus einer rein
dritter sein
tür auf einer raus einer rein
zweiter sein
tür auf einer raus einer rein
nächster sein
tür auf einer raus selber rein
tagherrdoktor
Derzeit wird uns zugemutet, tagtäglich, wenn wir Einkaufen gehen, 1 bis 2 Meter Abstand haltend in Warteschlangen zu stehen. Eine fiese Beklommenheit macht sich breit. Wir reden kaum miteinander, sondern schweigen und atmen Desinfektionsmittel ein. Die Welt wird zum Wartezimmer. In der Kölner Bäckerei Merzenich, wo morgens immer viel los ist, sagten die Verkäuferinnen bis vor kurzem: „Wer ist jetzt dran?“ Heute wird man aufgerufen mit: „Der nächste bitte.“
Aushang am DM in Köln-Nippes, Neusser Straße:
Das brachte mich auf die Idee, einen kleines, von Ernst Jandl inspiriertes Gedicht zu schreiben:
Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Jahr 2019 in Nordrhein-Westfalen sprunghaft gestiegen. Insgesamt traten, so lese ich im Internet, 120.188 Menschen aus der Kirche aus. Es dürfte sich vor allem um Katholiken handeln, denn die meisten Christen in NRW sind Katholiken, und während noch in den 1990er Jahren deutlich mehr evangelische Christen aus der Kirche austraten, sind es heutzutage vermehrt Katholiken, die der Kirche deutschlandweit den Rücken zukehren.
In der Katholischen Kirche wundert man sich darüber, wo doch die Katholische Kirche derzeit kaum Negativ-Schlagzeilen macht. Seit dem Skandal um Tebartz van Elst sind einige Jahre vergangen. Vgl.: https://stellwerk60.com/2017/05/01/lange-nichts-gehoert-von/ Auch der noch größere Skandal, der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche, ist in den Medien kaum noch Thema. Nur keine schlafenden Hunde wecken, denken sich die Verantwortlichen in der Katholischen Kirche. Man schiebt den Skandal auf die lange Kirchenbank und versucht, ihn bürokratisch zu meistern. Hier in Köln hat man einen Betroffenen-Beirat eingerichtet, und für die Mitarbeiter der Kirche bietet man entsprechende Schulungen an.
Die Katholische Kirche wächst und wächst und wächst – allerdings nur materiell. Das Erzbistum Köln ist eine der reichsten Diözesen Deutschlands. Die Kirchensteuern sind hoch, und trotz der Kirchenaustritte wächst das Vermögen. Doch der Kirche gehen die Menschen abhanden. Wenn zur Zeit Predigten vor leeren Bänken stattfinden (die dann per TV übertragen werden), ist das nicht wirklich neu, denn die Messen werden vielerorts schon seit Jahren kaum noch besucht. Das gilt übrigens nicht für die Katholische, sondern auch für die Evangelische Kirche. https://www.evangelisch.de/inhalte/131523/08-02-2016/pfarrer-steht-am-sonntagmorgen-vor-leeren-baenken
Weil viele Menschen, die nicht mehr zur Kirche gehen, irgendwann ganz austreten, setzt die Katholische Kirche vermehrt auf Werbung. Denn die Kirchensteuern sind nach wie vor ihre Haupteinnahmequelle. Der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki lässt keine Gelegenheit aus, Werbung für die Katholische Kirche zu machen, so sprang er höchst medienwirksam im Rahmen des traditionellen Treffens im Erzbischöflichen Haus für den an Grippe erkrankten Kölner Karnevalsprinzen Christian II. ein. Aber Woelki sprang nicht nur ein, sondern munter, wenn auch ein bisschen ungelenk mit, so beim Seniorenkarneval der Gemeinde St. Josef in Braunsfeld: https://www.domradio.de/video/kardinal-woelki-als-prinz
Woelki ist ein eitler Mann, eine Mischung aus Hochwürden und Harry Potter. Mit seinen immer noch vollen, scheitelbaren Haaren gibt er eine gute Figur ab. Hübsch ist, wie die feinen Pony-Haare unter der Mitra hervorlugen. Wenn man sich vor die Kamera stellt, anstatt mit den Menschen zu reden, garantiert das nicht nur Virenfreiheit, sondern einen komfortablen Sicherheitsabstand.
Ich befürchte, Woelki hat die Bodenhaftung vollkommen verloren. In einem öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März sagt er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen.“
Wie kann man allen Ernstes, wenn man die Gottesdienste meint, von „körperlichen Versammlungen von Christen“ reden? Es gibt dünkelhafte Menschen, die können nicht mit anderen zusammen in einem Raum sein. Sie können es nicht ertragen, mit Fremden die Atemluft zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn diese Menschen zu den Schichten gehören, die man heute mit einem sozialen Unwort als „bildungsfern“ bezeichnet. (vgl. „Liste der sozialen Unwörter“ http://www.armutsnetzwerk.de/netzwerk-2014/start/presse/339-liste-der-sozialen-unwoerter)
Woelki ist auf eine Weise lebensfern und abgehoben, die ich als unchristlich empfinde. „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun…“ Woelkis Worte sind ein arroganter Schlag in den Nacken der Christen, die während des Zweiten Weltkriegs bis zuletzt darum gekämpft haben, in die Kirche gehen zu können und die Gottesdienste besuchen zu dürfen, darunter meine katholischen Großväter, der Bergmann Karl Wilczok und der Lateinlehrer Josef Verron. Diese Menschen haben selbst dann noch den Weg in die Kirche gefunden, als die Glocken schwiegen, weil sie längst abgerissen waren, da man ihr Material für die Herstellung weiterer Waffen brauchte. https://www.katholisch.de/artikel/18653-kirchenglocken-fuer-hitler Vor diesem Hintergrund ist die Geste der Katholischen und der Evangelischen Kirche, bis Gründonnerstag jeden Abend um 19.30h die gut gewarteten Kirchenglocken zu läuten, nicht nur nostalgisch-sentimental, sondern infam.
Dabei hätte die Katholische Kirche gerade jetzt die große Chance gehabt, neue Mitglieder zu gewinnen. Man hätte auf den Friedensgruß verzichten, aber die Messen stattfinden lassen können – mit einem gewissen Sicherheits-Abstand. Man hätte nicht unbedingt Füße waschen müssen, aber über die schöne Geste der Fußwaschung miteinander reden können. Nähe suchen. Aber dann hätte man ja Kontakt zu den Menschen aufnehmen müssen. Nicht virtuell, sondern real. Unter den Talaren… Ja, Kardinal Woelki kommt allmählich ins Schwitzen. Bald wird er ein heikles Schriftstück vorlegen müssen: Den verschobenen Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln. Man bittet die Menschen, noch etwas Geduld zu haben. Wenn es zur Zeit keine Kirchenaustritte gibt, liegt es allein daran, dass die Ämter geschlossen sind. (Erhellendes zu Woelkis Werdegang und zur Doppelmoral der Katholischen Kirche fand ich in einem Artikel von Peter Hertel: http://www.imprimatur-trier.de/2011/imp110714.html )
Gestern Mittag ging ich auf der Neusser Straße einkaufen. Zu meiner Freude ist das „Marhaba“, ein orientalisches Imbissrestaurant, wieder geöffnet. Mit einem Shawarma-Sandwich in der rechten Hand, die Hundeleine in der linken, suche ich mir einen Sitzplatz. Mir steht der Sinn nach Biergarten. Meine Hände sind noch klebrig vom Desinfektionsmittel, das man mir bei „Alnatura“ in die offenen Hände gesprüht hat, nirgendwo kann ich mir die Hände waschen, aber das ist mir egal. Ich hab Hunger. Und bin so erleichtert, dass das „Marhaba“ nicht dichtgemacht hat.
Doch alle Bänke sind besetzt, vor meinem Lieblings-Café „Eichhörnchen“ stehen Tische, aber keine Stühle. Gegenüber vom „Eichhörnchen“ entdecke ich in einem Gärtchen einen Sitzplatz, Treppenstufen, die zu einem kleinen Haus hoch führen. Hier ist jetzt keiner, die Rollläden sind heruntergelassen.
Ein schattiges kleines, ein bisschen verwahrlostes Gärtchen mit schief gewachsener Magnolie. Hier draußen am Fuße der Kirche hat mehr als zwanzig Jahre lang Konstantin von Eckardt gelebt, der „Maler von Nippes“. Nachdem er in seiner kleinen Blockhütte tot aufgefunden worden war, hatte man das Gelände geräumt. Wenig später begannen umfassende Renovierungsarbeiten. Das Dach und der Turm der Kirche St. Marien wurden saniert. Das Außengelände ist immer noch Baustelle – bis auf das kleine Gärtchen. Zur Zeit könnte man hier Tische und Stühle aufstellen – mit Abstand natürlich.
Gerade als ich mich setzen will, kommt eine Frau angeradelt. Sie steigt ab, stellt sich als Mitarbeiterin der Kirche vor – und bleibt auf Abstand.
„Was wollen Sie hier?“ fragt die Frau. „Mich kurz auf die Treppenstufen setzen“, antworte ich. „Aber ich will nicht, dass Ihr Hund sich hier entleert“, sagte die Frau. „Das ist ein Grundstück der Kirche.“ Ich schlucke: „Aber alle Bänke an der Neusser Straße sind besetzt. Ich räume auch alles weg. Ich habe sogar AWB-Hundekottüten dabei. Die städtischen Beutelspender sind endlich wieder befüllt, nachdem die Stadt Köln das Befüllen über mehrere Wochen versäumt hat.“ Die Frau verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf.
„Schade“, sage ich nach einer Weile. „Aber Sie kennen doch bestimmt den Kardinal Woelki.“ Ich ernte einen argwöhnischen Blick, aber rede weiter: „Am letzten Sonntag, da ist mir was aufgefallen. Die Kirchenglocken läuteten so schön und klar wie lange nicht mehr, gewiss war die restaurierte Glocke von St.Marien dabei. Das ist die Kirche, in deren kühlendem Schatten wir jetzt gerade stehen, aber das wissen Sie ja besser als ich. Zuletzt habe ich die Glocken so klar gehört, als ich ein Kommunionkind war. Da habe ich mich richtig eingeladen gefühlt, wie von Gott gerufen. War das schön! Als erwachsener Mensch glaube ich immer noch daran, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, aber mit dem Menschenverstand nicht zu fassen. Dieses Göttliche findet man überall, aber gewiss nicht in der verknöcherten, autoritär strukturierten Katholischen Kirche. Und warum lässt die Kirche die Glocken erklingen? Die Kirchenglocken setzen die Menschen doch in die frohe Erwartung, mit anderen Menschen zusammen die Heilige Messe feiern zu können. Ich denke, diejenigen, die noch in die Kirche gehen, sind ältere Menschen, vornehmlich alte Frauen. Die hören die einladenden Glocken, aber man lässt sie nicht am Gottesdienst teilnehmen. Sagen Sie, glaubt Erzbischof Kardinal Woelki an Gott?“
Die Frau verzieht den Mund: „Woher soll isch dat denn wissen?“
St. Marien in Nippes ist derzeit geschlossen. Man restauriert die Orgel, so lese ich. Dass die Arbeiten ausgerechnet in der Karwoche durchgeführt werden, befremdet mich sehr. Auch draußen vor der Kirchentür wird eifrig in die Zukunft der Katholischen Kirche investiert. So etwa beim Bau des neuen Pfarrheims Haus der Kirche (rechts im Bild). Nicht nur rundum St. Marien in Nippes, sondern insbesondere in der Kölner Innenstadt sind zahlreiche Immobilien im Besitz der Erzdiözese Köln. Aus dem Jahr 2015, aber nach wie vor aktuell: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kirche-erzbistum-koeln-legt-vermoegen-offen-a-1018989.html
Ich hatte als Kind nie Stubenarrest. Meine Eltern hätten sich vor uns Kindern geschämt, wenn sie uns Stubenarrest erteilt hätten. Sie waren überhaupt nicht autoritär.
Andere Eltern waren autoritär. Ihre Kinder bekamen Stubenarrest, obwohl es keinen Grund gab. Der Stubenarrest war eine reine Machtdemonstration. Einmal habe ich einen Stubenarrest miterlebt. Wir waren eine Handvoll Kinder, sechs oder sieben Jahre alt, und wollten ein Mädchen zum Spielen abholen. Babette, so hieß das Mädchen, durfte nicht nach draußen. Wir waren „kein guter Umgang“. Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Immerhin durfte Babette das Fenster öffnen und mit uns reden, aber sie hätte sich niemals getraut, aus dem Fenster zu klettern. Peter, der selber eine strenge Mutter hatte, hatte die rettende Idee: Wenn Babette schon nicht nach draußen durfte, brachten wir das Draußen zu ihr.
Der Weg, der zum Garten führte, war mit roten Kieselsteinen bestreut. Wir gaben den Steinchen eine neue Funktion, sammelten sie ein und warfen sie durchs Fenster. Immer mehr… In meiner Erinnerung ist das Zimmer mit Steinchen überschwemmt. Babette jubelt, sie watet singend durchs Steinchenmeer…
Irgendwann kam die Mutter ins Zimmer und knallte das Fenster zu. Doch dadurch hatte sie sich selber eingesperrt, stand sprachlos hinter der Scheibe und verstand die Welt nicht mehr.
Ich hoffe, es wird dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU, einmal ähnlich ergehen. Entsetzt war ich, diese Drohung zu lesen: „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein.“ Markus Söder kostet seine neue Macht aus, setzt die Bürger ins Unrecht und sich selber ins Recht. Das ist anmaßend und autoritär. Bayern hat am 20.3.2020 als erstes Bundesland „Ausgangsbeschränkungen“ verhängt, und alle anderen Länder sind Bayern gefolgt. Es ist zum Weinen und zum Lachen: Mit 61 Jahren habe ich zum ersten Mal im Leben Stubenarrest.
Heribert Prantl, Jurist, Journalist und Autor, langjähriger Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, nennt in einer Video- Kolumne die Ausgangsbeschränkungen „den größten Grundrechtseingriff, der den Bürgerinnen und Bürgern in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.“ https://www.sueddeutsche.de/politik/soeder-bayern-ausgangsbeschraenkung-1.4853207
Im Jahr 1949, als das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen wurde, wurde mein Vater Ernst Wilczok, SPD, im Alter von 27 Jahren (ehrenamtlicher) Oberbürgermeister der Ruhrgebiets-Stadt Bottrop. Er blieb es (ehrenamtlich) 34 Jahre lang -mit zwei Unterbrechungen- bis zu seinem Tod im Jahr 1988. Niemals hätte er sich angemaßt, sich in das Leben der Bürgerinnen und Bürger einzumischen oder sie zu erziehen.
Herr Markus Söder, Sie verstoßen gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Herr Söder, ich schäme mich für Sie – vor meinem vor 32 Jahren verstorbenen Vater.
In ihrem Newsletter demonstriert die Stadt Köln, wie gut sie eine Katastrophe (die in diesem Fall keine ist) verwalten kann. Die Coronoia unserer Politik zerstört die Betriebe, die eine Stadt erst lebendig machen, wie etwa Kneipen, Cafés und Buchläden, führt aber nicht zur dringend notwendigen Entschlackung der Bürokratie.
Werner Bartens, Arzt und Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, ein Journalist mit Freude an der Wahrheitsfindung, hat im Herbst letzten Jahres über einen Apothekenskandal recherchiert und dabei einen Krankenkassenskandal aufgedeckt: Weil sie anlässlich der Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes die krankenkassenfinanzierte Billigvariante einer Zuckerlösung zu sich nahmen, die in der Apotheke zubereitet worden war, starben in Köln zwei schwangere Frauen. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/apotheken-koeln-glucose-loesung-schwangerschaftsdiabetes-1.4623731
Bartens nennt auf den Cent genau die beschämend kleinen, entlarvenden Beträge: Die Kosten für die Fertiglösung, die für die Frauen viel sicherer ist, betragen zwischen 4,59€ und 5,53€, sind also ohnehin schon gering. Dennoch werden die Kosten seit 2016 nicht mehr erstattet. Damals haben die Krankenkassen, so Bartens, mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vereinbart, dass künftig nur noch die selbst angerührte Zuckerlösung bezahlt wird, für die die Apotheker gerade mal 1,21 Euro bekommen. Gerade in der Schwangerenbetreuung offenbart sich die Doppelmoral unseres Gesundheitssystems. Während etwa der sogenannte „Wunschkaiserschnitt“ generös finanziert wird, knausern die Kassen ausgerechnet da, wo eine sorgsame Schwangerenvorsorge wichtig und sinnvoll ist. Dass hier pro schwangerer Frau rund vier Euro eingespart werden, ist verantwortungslos und grob fahrlässig.
Dass der „Tatort“ nicht irgendeine Kölner Apotheke war, sondern die Heilig Geist-Apotheke in Longerich, ließ mich aufhorchen. Die Apotheke liegt auf dem Gelände des Heilig Geist-Krankenhauses. Zum Nippeser St. Vinzenz-Hospital, nur einen kurzen Fußweg weit weg von der autofreien Siedlung Stellwerk 60, hat das Heilig-Geist eine eher unheilige Beziehung.
An eben jenes Heilig Geist-Krankenhaus ist nämlich vor zwei Jahren der erst 2013 eröffnete Nippeser Hebammenkreißsaal „umgezogen“ – und die gesamte Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der einzige Hebammenkreißsaal in ganz Köln war gut ausgelastet. Der Grund für die Schließung der Abteilung war kalte Ökonomie: Der Rückgang der gynäkologischen Operationen. Die Abteilung hat sich nicht mehr rentiert. Die Zahl der (früher einmal viel zu oft ausgeführten) Gebärmutterentfernungen ging auch in Nippes deutlich zurück. Einem profitorientierten Gesundheitsmanagement ist die schöne Nachricht ein Dorn im Auge. Nicht stattfindende Operationen rechnen sich nicht. https://www.hebammen-nrw.de/cms/aktuelles/meldungen/einzelansicht/datum/2017/04/06/st-vinzenz-klinik-in-koeln-schliessung-im-rundumschlag/
Da auch das Kölner Geburtshaus seit 2004 nicht mehr in Nippes ansässig ist, ziert der stolze Aufdruck „Born in Nippes“, ob in rosa oder bleu, kaum noch einen Baby-Strampler, auch wenn die Hausgeburtszahlen wieder steigen. Das liegt daran, dass der GKV, der bundesweite Verband der Krankenkassen in Deutschland, mittlerweile dazu verpflichtet ist, den Hebammen Sicherstellungszuschläge zu zahlen, die die Kosten der hohen Haftpflichtversicherungs-Beiträge (ab dem 1.7.2020 9.098 Euro jährlich!) weitgehend auffangen. (Zur Erinnerung: Viele Hebammen, die Hausgeburten betreut hatten, mussten aussteigen, als die Beitragssätze für die Haftpflichtversicherung im Jahr 2014 horrende anstiegen.) Der bleibende Schaden: Die hohen und ständig steigenden Versicherungsbeiträge suggerieren, dass während der Hausgeburten immer mehr Katastrophen passieren, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht.
Der Hebammenkreißsaal im Veedel Nippes ist passé. Am wirtschaftlich arbeitenden Heilig Geist-Krankenhaus interessiert das nicht. Man arbeitet gemäß den Richtlinien eines „prozessorientierten Qualitätsmanagementsystems.“ „Qualität“ ist im Zusammenhang mit Geburten ohnehin ein fragwürdiger Begriff, aber am Heilig-Geist ist eben diese Qualitätssicherung das Aushängeschild. „Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert“, heißt es rot und fett gedruckt im Internet.
Heutzutage kann es sich auch ein Geburtshaus nicht mehr leisten, die Kriterien des „Qualitätsmanagements“ zu ignorieren. Das Kölner Geburtshaus ist laut Internetseite DIN ISO 9001:2015 zertifiziert. Doch gerade Frauen, die sich für eine Entbindung im Geburtshaus entscheiden, gucken auf andere Zahlen, und die sind beeindruckend:
Etwa ein Viertel aller Frauen, deren Geburt im Geburtshaus beginnt, entbinden nicht dort. Oft müssen die Frauen doch noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil Komplikationen auftreten. Wann es brenzlig wird oder werden könnte, haben die erfahrenen Hebammen genau im Blick. Wenn die Frauen dann doch im Krankenhaus „landen“, ist das noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Kaiserschnitt. Von allen Geburten, die von Hebammen des Geburtshauses Köln betreut wurden (zu Hause oder im Geburtshaus), endeten im Jahr 2016 nur 6,2% mit einem Kaiserschnitt (deutschlandweit 31,1%!)
Übrigens: Das 5000. Kind, das im Kölner (ursprünglich Nippeser, mittlerweile Ehrenfelder) Geburtshaus zur Welt kam, wurde im November 2019 geboren, heißt Karl und ist ein…..
Die moderne Medizin versucht, nicht nur das Gebären, sondern auch das Sterben immer mehr unter ihre Kontrolle bringen. Das ist ein müßiges Unterfangen, denn die Natur ist unkontrollierbar. Dabei werden Grenzen überschritten, die man niemals hätte überschreiten dürfen. Doch gerade da, wo die Medizin Tabus verletzt, wird sie sentimental verklärt. Sie braucht ihre Geschichten – und ihre Helden. Zur vielleicht größten Heldengeschichte der Medizin wurde die erste Herztransplantation.
Anlässlich des 50. Jahrestages wies Werner Bartens Ende 2017 darauf hin, dass die erste Herz-Transplantation nur zur Heldengeschichte werden konnte, weil es nicht um irgendein, sondern um ein besonderes Organ ging: „Trotz Kardiologie und Herzchirurgie mit Transplantation, Bypass und Stents hängen wir noch immer am alten Bild vom Herzen, seiner Form und Bedeutung für die menschliche Identität. Ohne diese extreme Idealisierung wäre die Geschichte der Herztransplantation weitaus weniger glamourös verlaufen.“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizingeschichte-der-pionier-der-herzchirurgie-erste-transplantation-vor-50-jahren-1.377387
Offenkundig ist das Herz der Sitz der innigsten Gefühle. Was jeder kennt: Uns klopft das Herz, wir spüren einen Stich im Herzen, das Herz fällt in die Hose, wir haben etwas auf dem Herzen, wir sind ein Herz und eine Seele. „Unser Hätz schlät för dä FC Kölle“, singen die Kölner. Und obwohl die FC-Führungsetage derzeit Ungutes plant (die Bebauung der „Gleueler Wiese“ mit Trainingsanlagen), singe ich mit.
Sogenanntes „Wurfmaterial“ im Kölner Karneval bzw. „Kamelle“… Den Ausdruck HERZ AM BLUTEN hörte ich zum ersten Mal, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es muss um 1965 gewesen sein. Ich sehe mich in einer größeren Kindergruppe auf einem Kindergeburtstag. Es gab Süßigkeiten, aber auch Erdnussflips, die man seit Anfang der 1960er Jahre, wie ich bei wikipedia lese, in West-Deutschland kaufen konnte. Als die Tüte dreiviertel leer war, habe ich sie mir unter den Nagel gerissen, um sie mit nach Hause zu nehmen. Das ging natürlich nicht. Die anderen Kinder wurden böse und meckerten, bis der Vater des Geburtstagskindes zu mir kam und sagte: „Du machst den Kindern Herz am Bluten.“ Ich war damals tief schockiert, denn ich hatte gleich ein Bild vor Augen: Blutende Herzen. Ich gab die Ernussflips wieder ab und spürte: Teilen tut gut. (Etwas in mir dachte ganz anders: Meim nächsten Mal musst du dich schlauer anstellen!) Zum Schokoladentäfelschen: „Et Hätz schleiht em Veedel“ war das Motto des diesjährigen Kölner Rosenmontagszugs. Übersetzt heißt das: „Das Herz schlägt im Viertel.“ Ming Hätz schleiht allerdings nit em Veedel, denn es gibt für mich nur ein Viertel: Ming Hätz schlät för Nippes!
In seinem Märchen „Die Schneekönigin“ entwirft der dänische Dichter Hans Christian Andersen das Bild einer verkehrten Welt, die der heutigen erstaunlich ähnelt. Ich zitiere, weil ich es kaum so gut auf den Punkt bringen könnte, die Zusammenfassung aus dem wikipedia-Beitrag: „Vor langer, langer Zeit erschuf ein Teufel einen Spiegel, der alles Schöne und Gute verzerrt und hässlich aussehen ließ. „Die schönste Landschaft sah wie gekochter Spinat aus.“ Das Böse trat darin gut hervor. Eines Tages jedoch fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in viele tausend Stücke, große und kleine, die, je nach Verwendung durch die Menschen, viel Ärger und Verwirrung stifteten. Trafen sie einen im Herzen, so wurde es so kalt wie Eis, und trafen sie einen in die Augen, so sah er alles um sich herum nur noch hässlich und böse. So verteilten sich die Splitter des Zauberspiegels über die ganze Welt.“
Einer dieser Splitter muss Christiaan Barnard, den Mann, der als erster ein menschliches Herz „verpflanzt“ hat, mitten ins Herz getroffen haben. Durch gezielte Fragen entlockt der Journalist Ulli Kulke in einem Welt-Interview vom 4. Juli 2001 Barnard kurz vor dessen Tod am 2. September 2001 erschreckend offene Antworten. Hier entpuppt sich der Held und Saubermann als der, der er wohl eigentlich war: Ein Mann, der nicht lieben kann.
„… Barnard: Als es in Südafrika noch die Todesstrafe gab, sprach ich mal mit dem damaligen südafrikanischen Premierminister John Vorster. Fast jede Woche gibt es eine Exekution, sagte ich ihm, können wir da nicht die Organe von den Hingerichteten bekommen? Wir diskutierten lange darüber, ich hatte großen Bedarf an Organen. Doch schließlich stimmten wir beide darin überein, dass wir die Finger davon lassen sollten…“https://www.welt.de/print-welt/article461044/Design-Kind-Warum-nicht.html
Als im Jahr 1967 das erste Herz „verpflanzt“ wurde, „glaubte“ man noch an den Herztod: Der Mensch ist erst dann tot, wenn sein Herz aufhört zu schlagen. Als der 25jährigen, hirntoten Denise Darvall das Herz entnommen wurde, um es in die Brust des 54jährigen Louis Washkansky einzusetzen, schlug es noch. War die Entnahme des Herzens dann nicht eine Tötung? Hatte man Denise Darvall nicht bei lebendigem Leib das Herz entrissen? Und ist es nicht obszön, ein weibliches Herz in einen männlichen Körper zu verpflanzen?
Um die erste Herztransplantation im Nachhinein legitimieren zu können, musste der Tod schnell neu definiert werden. „Im April 1968 stellte die Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Ergebnis ihrer Arbeit unter dem Titel „Todeszeichen und Todeszeitbestimmung“ vor. Nach der französischen medizinischen Akademie bejaht auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie das Hirntodkonzept. Menschen mit irreversiblem Funktionsverlust des Gehirns werden als Tote angesehen.“ (wikipedia)
In Deutschland, so lese ich, haben über 80% der Medizinstudentinnen und Medizinstudenten einen Organspendeausweis. Die jungen Menschen kennen es nicht anders. Die Zeiten, in denen die Gleichsetzung Hirntod=Tod eingeführt wurde, haben nicht einmal ihre eigenen Eltern bewusst miterlebt. Dass Herzen verpflanzt werden, erscheint ihnen so selbstverständlich wie das Eingipsen eines gebrochenen Beins.
Deutscher Organspendeausweis: Es ist ein bisschen so, als würde man einen Bestellzettel ausfüllen. Nur ist es so, dass ich nicht anderswo bestelle, sondern sage, welche meiner Organe in Zukunft bei mir zu bekommen sind.
Ich plädiere an dieser Stelle für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis. Fortan möge es der Genauigkeit halber nach dem ersten anzukreuzenden Kreis folgenden Wortlaut geben:
„Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Hirntodes, dochwährend mein Herz noch schlägt, meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden, unter Umständen auch das Herz selber.“
Wenn wir unsere Organe „spenden“, stimmen wir einer Definition zu, nach der das Herz nicht mehr ist als eine lebensnotwendige Pumpe. Doch diese Annahme legitimiert eine Tabuverletzung, die so tief ist, dass wir sie nicht wirklich fassen können. Herzchirurgen leisten an anderer Stelle große Dienste, aber sie hätten, so denke ich, niemals menschliche Herzen verpflanzen dürfen.
Das Herz ist mehr als eine mechanische Pumpe. Schauen wir auf die Embryonalentwicklung. Anders als bei den Säugetieren entwickelt sich das Herz des menschlichen Embryos vor allen anderen Organen, es bildet sich in der vierten Schwangerschaftswoche. Noch hat das Herz keine Funktion, es schlägt nur und wird zeitlebens nicht aufhören damit, in einem naturgegebenen Rhythmus. Auch wenn ein Mensch hirntot ist, schlägt sein Herz immer noch.
Jetzt sind es ausgerechnet die Mediziner selber, deren Beobachtungen die Gleichsetzung Hirntod=Tod infrage stellen. „So fanden Kardiologen kürzlich heraus, dass das Herz als Reaktion auf Berührungen das Kuschelhormon Oxytocin ausschüttet“, heißt es auf Scinexx. https://www.scinexx.de/dossierartikel/mehr-als-nur-mechanische-pumpe/ Wie kommen die Wissenschaftler darauf?
Ich denke an den wohl entsetzlichsten Menschenversuch, der von der Schulmedizin in unserer Gegenwart legal (!) durchführt wird, die Organismusspende. „Im Jahr 2008 gelang es Erlanger Medizinern, die Schwangerschaft einer nach einem Herzinfarkt ins Koma gefallenen 40-Jährigen fortzusetzen.[8] Nach 22 Wochen, in der 35. Schwangerschaftswoche, wurde ein gesunder Junge durch einen Kaiserschnitt entbunden.“ (wikipedia)
An die Hochleistungsmedizin stellen sich verschiedene Herausforderungen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Organismus nach dem Hirntod so lange am Leben zu halten. Und es gar nicht so einfach, den weiblichen Organismus dazu zu überreden, das Kind nicht abzustoßen. Außerdem dürfte man im Vorfeld wohl vorher mehrfach abgecheckt haben, dass der Junge gesund ist, sonst hätte man ihn auch nicht auf die Welt geholt, denn man braucht man einen „gesunden Jungen“, um die Aktion legitimieren zu können. Und bevor man den Jungen per Kaiserschnitt auf die Welt geholt hat, haben die Ärzte vielleicht noch einmal -diesmal zärtlich- das beschädigte Herz der Frau berührt, denn das Hormon Oxytocin ist mitverantwortlich für die Auslösung der Geburtswehen.
Verräterisch und unerträglich ist, was Prof. Dr. Matthias Beckmann damals sagte, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen:„Die weltweit rund 25 Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod hätten oftmals mit ernsten Schädigungen des Kindes geendet, sagte Beckmann. Einfach sei auch die Betreuung der 41-Jährigen nicht gewesen: Die übergewichtige Frau sei starke Raucherin gewesen.“ https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article4853314/Das-Erlanger-Wachkoma-Baby-ist-wohlauf.html
Ich persönlich könnte mir vorstellen, hirn- und herzlebendig einem geliebten Menschen eine Niere zu spenden. Aber niemals würde ich den kalten, anonymen Akt zulassen, der sich euphemistisch „Organspende“ nennt. 2016 schrieb Laura Díaz auf Zeit.de: „Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken.“ Ich schließe mich ihr an. https://www.zeit.de/2016/33/organspende-deutschland-pro-contra/seite-2
„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns auf der Neusser Straße über den Weg. „Halt mal, Lisa, ich muss dir was erzählen.“
„Keine Zeit, ich muss die Bahn kriegen“, sach ich.
„Dann nimmste eben die nächste oder übernächste“, sagt die Frau Keuner. „Geht auch ganz schnell. Ich hatte dir doch von meiner Tante erzählt, von der, die Lungenkrebs hat. Die war so niedergeschlagen, weil ihre Enkelin sich nicht mehr von ihr in den Arm nehmen lässt. Du weißt doch, die Frieda hat diese abscheulichen Aufdrucke auf den Zigarettenschachteln gesehen und ekelt sich jetzt. Es haben doch vor allem alte Menschen Krebs. Was tut die Werbung den alten Menschen an?“
„Frau Keuner, ich…“
„Jetzt unterbrich mich doch nich immer“, sagt die Frau Keuner. „Wo war ich stehen geblieben? Also, ich hab dann meine Tante am zweiten Weihnachtstag besucht, und da hatte die richtig gute Laune. Hömma, die ist gedrückt worden, und wie.“ Die Frau Keuner lacht, hustet, aber kriegt sich schnell wieder ein. „Die hatte Besuch von einem anderen Enkelkind, dem Cousin von der Frieda. Der Luca, dat ist ne janz fiese Möpp. Der hat so wie die anderen Enkelkinder immer Geld zugesteckt gekriegt, hat sich aber nie dafür bedankt. Wat soll man sich auch für 50 Euro bedanken. So ist der.“ Die Frau Keuner atmet tief und sagt erstmal nichts mehr.
„Und dann?“, hake ich nach. „Meine Bahn ist jetzt eh weg. Wie geht die Geschichte weiter?“
„Also“, redet die Frau Keuner weiter. „Und jetzt kommt der Luca zu meiner Tante nach Hause, denn da ist die zur Zeit, die will nicht mehr ins Krankenhaus zurück, und der Luca bedankt sich und drückt sie, dass es richtig unangenehm ist. Meine Tante hat genau gewusst, was war. ‚Jetzt lass mich mal gefälligst los‘, hat sie gesagt. Der Luca hat auf ahnungslos gemacht, aber meine Tante ist hart geblieben. ‚Hab ich mir schon gedacht, dass du vorbeikommst‘, hat sie gesagt, ‚dein bester Freund hat doch geheiratet. Ihr wart beim Junggesellenabschied im PASCHA NIGHTCLUB, und dann seid ihr raus und weiter in Richtung XTRAFIT, und da seid ihr bestimmt an dem widerlichen Plakat vorbeigekommen: GEHT OMAS DRÜCKEN! – DAK-Gesundheit. Ein Leben lang.'“
„Ist aber gut gemeint“, sage ich. „Klingt nicht schlecht.“
„Ja eben“, sagt die Frau Keuner und grinst: „Ja, die Krankenkassen machen auf menschlich, und dat in einem saloppen Ton. Denen liegen Studien vor, dass Berührungen gut tun. Und deshalb heißt die Werbe-Kampagne auch „Für ein gesundes Miteinander“. Hömma, Lisa, dat is Zärtlichkeit auf Kommando. Und deshalb machen die Kassen jetzt einen auf „Wir haben uns doch alle lieb“. Aber meine Tante hat Probleme damit, den Luca noch lieb zu haben. Die hat sich den so richtig vorgenommen: ‚Und dich piesackt jetzt dein Gewissen“, hat sie gesagt. „Lieber Luca, fürs nächste Weihnachten gibste mir mal deine Kontonummer. Kauf dir meinetwegen ein paar PASCHA-DOLLARS für den PRIVATE DANCE, aber rück mir nie wieder auffe Pelle. Du kannst irgendwelchen Damen anne Brust packen, aber bitte nich mir.'“
Herbst 2019: „Für ein gesundes Miteinander“ – DAK-Werbeplakat an der Inneren Kanalstraße zwischen Hornstraße (PASCHA) und Gleisdreieck (XTRAFIT -Fitnessstudio) In Deutschland gehen jeden Tag etwa eine Million Männer in den Puff. So schön es wäre – wir können die Puffs nicht einfach abschaffen, denn unsere Gesellschaft ist patriarchal degeneriert. Und wohin mit der einen Million? Puffs sind eine Verhöhnung der leiblichen Liebe. Was von der Liebe bleibt, ist kommerziell legitimierte Notdurftverrichtung – im Fall Pascha in Kooperation mit der Stadt Köln. Anfang der 1970er Jahre konnte ein professioneller Betreiber auf städtischem Grund das europaweit erste Puff-Hochhaus bauen, ein sogenanntes „Laufhaus“ mit 126 Zimmern auf elf Etagen. So konnte, wie es heißt, die Kölner Prostitution aus der Innenstadt herausgeholt, gebündelt und besser kontrolliert werden. Die Hornstraße gehört zwar offiziell zum schönen, gutbürgerlichen Stadtteil Neu-Ehrenfeld, liegt aber abseits vom beliebten Wohngebiet im Niemandsland zwischen Liebig- und Innerer Kanalstraße. Immerhin stinkt es hier nicht mehr nach Schlachthof-Abfällen wie noch vor zwanzig Jahren. Die Fleischversorgung Köln, unmittelbarer Pascha-Nachbar, hat mittlerweile den Betrieb eingestellt.
Sie kommt mir am Siedlungeingang Kempener Straße entgegen und guckt ziemlich bedient. „Ich wollte einen Aschenbecher kaufen“, sagt die Frau Keuner. „Für wenn Raucher zu Besuch kommen. Bekloppte Idee. Meine Oma hatte einen aus Meissner Porzellan, mit Goldrand und Blümchenmuster. Der stand nur in der Vitrine, aber sowat von schön. Aber heute traut man sich nicht mal mehr, im Laden nach nem Aschenbecher zu fragen. Als hätte man wat Verbotenes vor. Ich war im Kaufhof und hab eine Kundin gefragt, ob sie nicht vielleicht weiß, wo die Aschenbecher stehen. Die wollte wissen, ob ich Raucherin bin. Bin ich nicht, hab ich der gesagt, ich brauche den Ascher für meine Gäste. Wenn die schon auf den Balkon müssen zum Rauchen, dann sollen die es wenigstens schön haben. Und weißt du, wat die da gesacht hat? Den Gästen einen Aschenbecher anbieten ist Beihilfe zum Selbstmord. Hömma, die Leute sind doch total durchgeknallt. Die Frau hat mir den Tedi empfohlen. Ich bin dann dahin. Total unaufgeräumter Laden, schlimmer als der Schlecker, und guck mal, wat die da verkaufen. Geisterbahn-Interieur. Kann man sich doch nicht ins Wohnzimmer stellen.“ Die Frau Keuner hält mir ein Foto unter die Nase: „Is dat nicht furchtbar?“
Tedi, Nippes, Neusser Straße. Überall ist Geisterbahn…
„Unser Haus brennt“, sagt die Frau Keuner. „Aber die Greta Thunberg würde niemals behaupten, dass unser Haus brennt, weil die Leute rauchen. Die Raucher schaden sich vielleicht selber, aber doch nicht uns allen. Die tragen nicht zur Klimakatastrophe bei.“ Sie bückt sich ächzend und pickt eine leere Zigarettenpackung vom Boden. „Lungenkrebs-Originalfoto. Wie kann man denn den Menschen solche Ekelbilder vor den Latz knallen?“
Ich habe die Schachtel mitgenommen und abfotografiert. Bild und Text sind übrigens keine deutsche Erfindung. Die Europäische Kommission hatte dieses und andere Motive ihren Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt und ihnen bereits 2004 „angeboten“, die Bilder zu verwenden. Vorauseilend gehorsam war Belgien das erste EU-Land, das Zigarettenschachteln mit den abschreckenden Motiven bedruckte. Seit 2016 ist der Abdruck der Schock-Bilder Pflicht. Die abschreckenden Bilder müssen seitdem zusammen mit textlichen Warnungen, die schon 2003 verpflichtend wurden, mindestens zwei Drittel der Vorder- und auch der Rückseite der Zigarettenpackungen einnehmen.
„Was gibt denen das Recht, sich so daneben zu benehmen?“ fragt die Frau Keuner. „Muss die deutsche Gesundheitspolitik denn alles nachbeten, was von der EU kommt? Früher dachte ich, die Verantwortlichen in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind gebildete Leute, aber dat sind nur primitive Gemüter.“
„Das sehe ich ein bisschen anders“, wende ich ein. „Während der Aids-Krise hat die Bundeszentrale gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die BZgA hat dafür gesorgt, dass die Ansteckungen weniger wurden, hat erklärt, wie man sich schützt und dass man sich nur über einen intensiven Körperkontakt anstecken kann. Das war doch gut.“
„Das war doch gut, so guuuuut“, äfft die Frau Keuner mich nach. „Aber Herzchen, das war auch gut, aber ist lange her. Da war noch die Rita Süssmuth Gesundheitsministerin. Da hatten wir noch nicht diesen autoritären Business-Gockel, wie heißt der noch, diesen Hahn, diesen… Du bist blauäugig, du mit deinem Reihenhäusken. Ich weiß ja, du gehst zum Billigfriseur auf der Neusser Straße und lässt dir da ne 0815-Tarnkappe verpassen, und dann erzählst du mir von deinen Second-Hand-Schnäppchen, da war doch dieses René-Lezard-Jäckchen für zwei Euro von Humana, dabei könntest du dir brandneue Designer-Klamotten leisten. Jetzt biste eingeschnappt, wa? Hab ich einen wunden Punkt erwischt?“
„Nein“, jammere ich, doch die Keuner macht weiter: „Luxusmieze. Du bist nicht gezwungen, den Billigeinkauf beim Lidl zu machen. Nitritpökelsalzverunreinigte Wurst kaufen oder Schweinebraten aus Massentierhaltung. Du doch nicht, nein, du gehst wie alle diese Besserverdienenden in den Alnatura, du kaufst nur Fleisch von Tieren aus „artgerechter Haltung“. Wenn ich das Wort schon hör. Schlachten ist immer brutal. Natürlich kriegen artgerecht gehaltene Tiere besseres Futter. Der Hänsel im Märchen auch, der kriegt nach mageren Jahren endlich lecker zu essen. Doch davon wird er leider selber lecker.“
Auf den Schnuller geklebte Kippe: EU-Werbe-Hänsel. Meiner Meinung nach werden hier rauchende Eltern (und deren Kinder) denunziert. Auch wenn das alberne Bild ein Fotoshop-Produkt ist: Wo bleibt da der Kinderschutz?
Mit einem Mal wird die Frau Keuner weich: „Lass dich mal in den Arm nehmen.“ Sie drückt mich. „Haste du ein Taschentuch für mich?“ Hab ich. „Wir wissen doch alle, dass Rauchen eine Hauptursache für Lungenkrebs ist“, sagt die Frau Keuner. „Aber das da ist keine Aufklärung, sondern Meinungsmache. Das ist ein Angriff auf die Raucher, auf die Krebskranken, aber auch auf die Alten, denn die meisten Kranken sind ja alt. Meine Tante hat Lungenkrebs. Die ist 78 und hat nie geraucht, und viele ihrer Mitpatientinnen auch nicht. Und jetzt…“
„Und jetzt?“, frage ich, denn die Frau Keuner sagt nichts mehr. „Und jetzt?“, wiederhole ich. „Na ja“, sagt die Frau Keuner. „Die kranken Frauen fühlen sich missachtet. Jetzt haben sie sich zusammengesetzt und recherchiert und gerechnet. Es klingt ja überzeugend: Rauchen verursacht 9 von 10 Lungenkarzinomen. Aber es ist eine Fehlinformation. Denn was haben die Frauen rausgekriegt? Dass die Gesundheitsaufklärer uns nicht die Wahrheit erzählen. Die Experten können nicht rechnen. Selbst wenn 9 von 10 Lungenkrebskranken rauchen oder geraucht haben, ist das Rauchen nicht unbedingt die Ursache für deren Krebs und schon gar nicht die einzige. Und guck mal auf die Frauen. Unter 10 Frauen, die an Lungenkrebs erkranken, sind überhaupt nur sechs Raucherinnen. Dass Rauchen 9 von 10 Lungenkarzinomen verursacht, stimmt also hinten und vorne nicht.“
Ich denke kurz nach und kann nur nicken. „Aber weißt du, was besonders traurig ist?“, sagt die Frau Keuner. „Dass die Enkel einen Bogen um meine Tante machen. Ich würde die Frieda so gerne einmal drücken, hat meine Tante gesagt, aber die will nicht. Ich bin doch nicht ansteckend, aber die Frieda ekelt sich vor mir. Sie hat diese furchtbaren Bilder im Kopf.“
Netto, Merheimer Straße, 9.12.2019. Hier gibt es Tabak-Großpackungen mit entsprechend überdimensionalen Warnaufdrucken. Jedes Kind, das im Zeitschriftenregal nach Heftchen wie „Lillifee“ (s. oben links) sucht, wird mit den verstörenden Bildern konfrontiert.
Zum Schluss was Erfreuliches: Den Schokoladen-Weihnachtsmann in Rut-Wiess hatte ich (mit dem Rücken zum Tabak) auf den Express gestellt, damit er dem 1. FC Köln Glück bringt. Es hat geklappt. Der FC ist Ende 2019 nicht mehr auf einem Abstiegsrang.