Die großen deutschen Kirchen besitzen riesige Vermögen. Wir wissen, dass die Kirchen zwar Steuern einziehen, aber als als gemeinnützige, wohltätige beziehungsweise kirchliche Organisationen keine zahlen. Weniger bekannt ist, dass die Kirchen große staatliche Geldsummen erhalten – noch über die Zahlungen für Arbeit im sozialen Sektor hinaus. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ Welche politischen Befugnisse die Kirche hat , erläutert der erfrischend unsentimentale Politologe Carsten Frerk 2015 in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Die Vertreter der Kirchen, so Frerk, „haben einen Sonderstatus im deutschen Bundestag. Sie können ein und ausgehen, wie es ihnen beliebt. Die Kirchen sagen selbst, dass sie in allen Stadien wichtiger Gesetzesprozesse involviert sind. Selbst in der gerade erst gegründeten Atomkommission, die eine Lösung für die Finanzierung des Atomausstiegs finden soll, finden sich zwei Bischöfe. Hier findet christliche Einflussnahme statt, ohne dass es hierfür eine gesellschaftsrechtliche Grundlage gibt.“ https://www.wiwo.de/politik/deutschland/carsten-frerk-ueber-die-privilegien-der-kirchen-der-staat-macht-sich-zum-devoten-deppen/12559868-all.html
Macht und Geld interessieren ein „Engelchen“ nicht. 1964: Eine Hochzeit in der Bottroper St. Elisabeth- Kirche. Meine Zwillingsschwester und ich sind als „Engelchen“ engagiert. Nach der Hochzeit (rechtes Bild): Während meine Schwester (rechts) diszipliniert die Hände faltet, kann ich kaum noch ruhig stehen, weil ich nur noch an die Bälle denke, die wir zur Belohnung gekriegt haben. Die Taschen unserer Kleidchen sind verdächtig ausgebeult, denn bei der Kaffeetafel (s. Tischkärtchen) gab’s nicht nur Kuchen, sondern auch Süßigkeiten. Die großen katholischen Feste hatten zur Freude der Christen immer auch lebensfrohe heidnische Momente. Dass „Engelchen“ (oder auch „Blumen-Mädchen“) Blüten streuen, über die die Eheleute dann laufen „müssen“, geht auf einen heidnischen Fruchtbarkeits-Brauch zurück. Die gestreuten Blüten bescheren den Brautleuten einen reichen Kindersegen. Es heißt, dass der Duft der Blüten die Fruchtbarkeitsgöttinnen anlockt. Der Auftritt sollte nicht unser einziger bleiben. Man lud uns gerne zu Hochzeiten ein, denn als Zwillinge standen wir mit den Fruchtbarkeitsgöttinnen in enger Verbindung. Mittlerweile hat sich einiges verändert: Im Jahr 2019 wurde die Bottroper St. Elisabeth-Kirche, wo wir später auch zur Kommunion gegangen sind, entweiht – wie viele andere Kirchen. Die Geburt von Zwillingen haben wir heutzutage nicht mehr nur dem Zufall oder der guten Laune heiterer Fruchtbarkeitsgöttinnen zu verdanken, sondern immer häufiger dem kalten Instrumentarium der Reproduktionsmedizin.
Wie eng verfilzt Staat und Kirche sind, brachte die „Pandemie“ zu Tage. Wr erlebten groteske Auswüchse, wie etwa digitale Gottesdienste inklusive digitalem Klingelbeutel (!) oder Heilige Messen im Autokino. Dabei kamen die Corona-Abstandsregeln der klerikalen Berührungsscheu verkrampfter Geistlicher durchaus entgegen. Ich möchte noch einmal an Woelkis öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März 2020 erinnern. Darin schrieb er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen… “ Vgl.: https://stellwerk60.com/2020/04/09/fake-news-erzbischof-kardinal-woelki-wird-heute-den-menschen-die-fuesse-waschen/
Dass im Kölner Dom an Heiligabend geimpft wird, wird uns dieses Jahr hoffentlich erspart bleiben.
Derweil gilt es, den Schönen Schein zu wahren. Das „Haus der Kirche“ in Köln-Nippes wird nicht nur das Pfarrbüro von St. Marien beherbergen, sondern auch das Caritas-Zentrum sowie Wohnungen und eine Arztpraxis. Es ist während der „Pandemie“ gebaut worden, also während Woelki -was allgemein bekannt war- den Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln weiter vor sich herschob. Ich denke, etwas mehr Bescheidenheit in der Namensgebung wäre da durchaus angemessen gewesen.
Das „Haus der Kirche“ kurz vor der Fertigstellung Anfang November 2022
Beim Bau des Hauses ist zu meiner Genugtuung ein Fauxpas passiert. In diesem Fall sitzt der Teufel im Detail, hämisch lachend hockt er in der Außen-Fassade.
Das in die bronzenen Metall-Abdeckungen eingestanzte Muster (kleine Kreuze bzw. Blüten) kam mir bekannt vor. Genau dieses Muster haben manchmal die Gitter in den Beichtstühlen katholischer Kirchen. Doch warum haben Beichtstühle überhaupt Gitter? Wikipedia gibt Aufschluss: „Eingeleitet durch die Synode von Fritzlar (1244) entwickelte sich das (doppelte) Gitterfenster als Trennwand zwischen Priester und Beichtendem. Die Gitter sollten Berührungen in beide Richtungen verhindern und somit auch eventuellem sexuellem Missbrauch vorbeugen.[4] Dennoch kam es häufig zu verbalen Übergriffen seitens des Beichtvaters, die sich außerhalb des Beichtstuhls fortsetzen konnten, wie zum Beispiel bei der Beichtstuhl-Affäre der Jahre 1871/72 in Linz. Die zuvor übliche Absolution durch Handauflegen wurde seitdem abgelöst durch das segnende Kreuzzeichen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Beichtstuhl
Selbst das Tor zur Tiefgaragen-Einfahrt kommt im Beichtstuhl-Outfit daher.
„Meine“ drei Männer (mein Vater, mein Bruder, mein Mann) waren in ihrer frühen Jugend Messdiener. Sie sind zu sanften, verantwortungsbewussten Männern herangewachsen: Freundlich, nur ein bisschen zu sehr, vom Schlag derer, die, wenn man sie ohrfeigt, dem Angreifer noch die zweite Wange hinhalten.
Aber ich glaube und wünsche mir, dass alle drei zu der Gruppe mutiger, kluger Ministranten (und -innen) gehört hätten, die während einer Messe am 3.10.2022 im Rahmen ihrer Wallfahrt nach Rom von ihren Plätzen aufgestanden sind und Erzbischof Kardinal Woelki, der die Messe hielt, den Rücken zugedreht haben.
Schaukasten vor der alteingesessenen Adler-Apotheke in Köln-Nippes, Oktober 2022.
Um mit den Internet-Apotheken konkurrieren zu können, setzen die Apotheken vor Ort zunehmend auf den direkten, persönlichen Kontakt zu den Menschen. Hierbei bekommen sie Rückendeckung von der Bundesregierung. Bereits im Sommer 2019 wurde das „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ auf den Weg gebracht. In der Pressemitteilung des BMG wird der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zitiert: „Die Apotheke vor Ort ist für viele Menschen ein Stück Heimat – und eine wichtige Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. Darum erhalten Apothekerinnen und Apotheker künftig mehr Geld für neue Dienstleistungen. Wir sorgen für einen fairen Wettbewerb zwischen Vor-Ort-Apotheken und Versandapotheken. Künftig gilt der gleiche Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel bei der Abgabe an gesetzlich Versicherte. So sichern wir die Arzneimittelversorgung in der Stadt und auf dem Land.“https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2019/3-quartal/staerkung-der-vor-ort-apotheken.html
Um die neuen Privilegien und die guten Beziehungen nicht zu gefährden, haben sich die Apotheken von Beginn an hinter die staatlichen Corona-Maßnahmen gestellt. Im Frühjahr 2020 startete die apothekeneigene Unternehmensgruppe NOVENTI die „Initiative gegen Corona“, die das Ziel verfolgt, „zur Aufklärung der breiten Bevölkerung mit aufmerksamkeitsstarken Motiven beizutragen.“ Plakate wurden entworfen und an alle Apotheken verschickt. Eine erste Plakat-Botschaft von NOVENTI und Medienpartner BILD: „Bring Corona nicht zur Oma“. Diese Aufforderung, die mit „Aufklärung“ allerdings herzlich wenig zu tun hat, richtete sich an Angehörige, die einen großen Bogen um ältere Familienmitglieder machen sollten.
Mit Corona, so schrieb ich vor zwei Jahren an dieser Stelle, hat die die Gesundheitswerbung, was alte Menschen betrifft, eine vermeintliche Kehrtwende gemacht. „Nachdem in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien herausfanden, was der gesunde Menschenverstand ohnehin wusste, dass nämlich Berührungen der Gesundheit zuträglich sind, wurde im Jahr 2019 von der Krankenkasse DAK körperliche Nähe zu alten Menschen propagiert. Im Befehlston hieß es da: „Geht Omas drücken!“ Ab März war (und ist!), gerade was ältere Menschen betrifft, überall Distanz angesagt. Schnoddrig-lässig heißt es unrein gereimt von oben herab: „Bring Corona nicht zur Oma.“… Von älteren oder alten Frauen generell als von „Omas“ zu reden, ist respektlos. Die Anrede „Oma“ diffamiert, wenn es nicht die eigene ist. Wenn wir Skat oder Doppelkopf spielen und so gute Karten bekommen, dass wir gar nicht anders können als zu gewinnen, haben wir ein „Oma-Blatt“ auf der Hand. „Oma“ ist lieb, aber ein bisschen beschränkt, dümmer als „Opa“, falls es den noch gibt.“https://stellwerk60.com/2020/10/19/elfchen-im-zehnten-was-ist-mit-unserer-gesellschaft-geschehen-wenn/
Im Frühjahr 2020 war noch keine Impfung auf dem Markt, auch nicht für die bedrohte Oma, aber es wurde bereits fieberhaft daran gearbeitet. Auch am guten Verhältnis der Apotheke zu Oma, denn Oma ist Stammkundin, misstraut den neuen Medien und würde ihre Rezepte niemals im Internet einreichen.
Eine ausgesprochen gute Kundin ist Oma schon deshalb, weil sie in der Regel an verschiedenen chronischen Krankheiten bzw. Beschwerden leidet und die entsprechenden ihr verschriebenen, aber auch frei verkäufliche Medikamente einnimmt. „Bei rund 42 % der über 65-jährigen gesetzlich Versicherten liegt nach dem Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) Polypharmazie (fünf oder mehr Wirkstoffe) vor.“ Polypharmazie, d.h. die gleichzeitige und andauernde Einnahme verschiedener Medikamente, verbessert Omas Befinden allerdings nicht unbedingt, im Gegenteil: https://www.aerzteblatt.de/archiv/182151/Polypharmazie-Tendenz-steigend-Folgen-schwer-kalkulierbar
Herbst 2022: Der Schaukasten der Nippeser Adler-Apotheke ist neu bestückt. Die Metallplatte unter dem Kasten ist frisch poliert, das Graffiti entfernt. Man gibt sich seriös, denn „DEINE APOTHEKE IMPFT“. Ein weiteres, transportables Schild im Eingang der Apotheke verrät, dass „wir“ nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen Grippe impfen. Das ist möglich, weil der deutsche Bundestag im Mai 2022 das Pflegebonusgesetz verabschiedet hat. Im Zusammenhang mit dem Gesetz hat man auch den Weg frei gemacht „für die Grippeimpfung in der Apotheke – sie wird nun Teil der Regelversorgung und damit unabhängig von Modellprojekten bundesweit möglich.“ https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/05/19/bundestag-gibt-gruenes-licht-fuer-regelhafte-grippeimpfungen-in-den-apotheken
Frühjahr 2020, Ort: Schaukasten der „Adler-Apotheke am Wilhelmplatz“, Nippes, Viersener Straße. Werbeplakat von BILD-Zeitung und der „Noventi Health SE“, Deutschland größtem Anbieter für Warenwirtschaftssysteme für Apotheken. Zielgruppe: Passanten (Radfahrer und Fußgänger)
Oma darf längst wieder auf die Straße gehen, auch in die Apotheke, wo sie ihre Medikamente bekommt. In der Apotheke fragt man Oma nach ihrem Impfstatus. Oma ist es unangenehm, sagen zu müssen, dass sie sich noch nie gegen Grippe hat impfen lassen. Um die Apothekerin für sich einzunehmen, sagt sie: „Bitte nicht schimpfen.“ Doch die freundliche Apothekerin schimpft nicht, sondern lächelt. Aber sie macht Oma darauf aufmerksam, dass die Ständige Impfkommission den über 60jährigen beide Impfungen empfiehlt, die gegen Grippe und die gegen Corona. Selbstverständlich seien beide Impfungen auch in der Apotheke kostenlos. Aber Oma solle sich Zeit lassen, es gäbe ja noch Termine im November und im Dezember. Dann will die Apothekerin noch wissen, ob Oma als gesetzlich versicherte Person über 60 Jahre Post vom Gesundheitsminister erhalten habe. Der Brief von Karl Lauterbach enthalte leider einen Fehler, denn es werde nicht erwähnt, dass man sich auch in der Apotheke impfen lassen könne.
„Der Brief enthält nicht nur Fehler, sondern ist ein Fehler“, sagt Oma und lacht. „Diesen Jammerlappen kann ich leider nicht mehr ernst nehmen. Das Schreiben ist eine als persönlicher Brief getarnte Werbepost. Da sind mir die Wurfsendungen von Kaufland oder REWE lieber, da wird der Preis, den ich zahlen muss, offen genannt.“
„Aber die Impfung ist kostenlos.“
„Ja eben,“ sagt Oma. „Man muss immer skeptisch sein, wenn ein Geschäftsmann einem was schenkt. Vor allem als alter Mensch.“
„Aber unser Bundesgesundheitsminister ist doch kein Geschäftsmann“, sagt die Apothekerin.
„So wenig, wie Sie eine Geschäftsfrau sind“, entgegnet Oma. „Außerdem enthält der Brief Halb-Wahrheiten. Für den neuen BA.5- Impfstoff gibt keine klinischen Studien, seine Wirkung wurde nur in Tierversuchen belegt, und in Europa ist der Impfstoff nur deshalb zugelassen, weil angeblich immer noch ein Notfall vorliegt. Und dabei liegt der Schutz vor einer Ansteckung vermutlich bei nicht einmal zehn Prozent.“
„Ich würde Ihnen die Impfung übrigens dringend empfehlen“, sagt die Apothekerin. „Dringend.“
„Sie wissen doch, wie viele Medikamente ich einnehme“, sagt Oma. „Da muss ich nicht noch geimpft werden. Ich habe gerade noch einen Artikel über Medikamentenmissbrauch bei alten Menschen gelesen.“
„Sie sind aber eine ganz Schlaue“, piepst die Apothekerin. „Und woher meinen Sie die Informationen über die Impfung zu haben?“
„Aus einem Interview mit Alexander Kekulé“, antwortet Oma. „Auf t-online.de. Ein kluger Mann. Da kommt der Lauterbach nicht mit. Der Lauterbach denkt viel zu gradlinig, um unsere aus den Fugen geratene Welt noch zu begreifen. Und er macht ständig doofe Fehler. Der hat tatsächlich vergessen, den Brief persönlich zu unterschreiben. Dadurch wirkt das Schreiben stocksteif, was im Fall von Lauterbach natürlich auch wieder authentisch ist. Ich meine, eine Kopie der Unterschrift hätte ja auch gereicht. Der einzige Farbtupfer ist der schwarz-rot-gelbe Streifen im Briefkopf. Aber was überhaupt nicht geht, ist, dass das Datum fehlt. Wahrscheinlich will Lauterbach den Brief im nächsten Jahr wiederverwenden. Aber ich muss jetzt.“
„Auf Wiedersehen“, sagt die Apothekerin.
„Auf Wiedersehen“, sagt Oma. „Und Frohes Neues Jahr.“ Tänzelnden Schrittes verlässt sie die Apotheke.
„Tach auch“, sach ich. Wir sind an der KiTa Lummerland verabredet. Die Frau Keuner hat mich angerufen und darum gebeten, in der Nähe der KiTa ein paar Fotos von ihr zu machen, und mein Fahrrad soll ich mitbringen. Jetzt steht sie da, hält die Griffe des Rollators umklammert und mustert mich grinsend.
„Fotos von mir?“, sagt die Frau Keuner. „Dat dachtest du dir so. Ich seh mit Ende 60 zwar immer noch besser aus als du mit knapp Mitte, aber dat muss ja nich sein.“
„Aber, aber“, stammele ich. „Sie haben mich doch darum gebeten. Das war Ihre Idee. Ich meine, ich sollte Sie doch fotografieren.“
„Du lässt dir aber auch alles erzählen“, sagt die Frau Keuner und lacht breit. „Aber ne wirklich schicke Frisur.“
„Danke“, sage ich. „Aber ich war seit zweieinhalb Jahren nicht mehr beim Frisör.“
„Dat sieht man“, lacht die Frau Keuner. „Deine Haare sehen aus wie n oller Wischmopp. Ich meinte dein Fahrrad. Wenn Männer ihre Fahrzeuge frisieren, dann motzen die die technisch auf. Aber wenn Frauen ihre Fahrräder frisieren, dann schmücken sie die Körbe mit Blömscher. Aus Kunststoff. Hömma Lisa, du hast Kunststoff-Blumen gekauft.“
„Ich, ich… Ich hatte die noch.“
„Ja, ja“, sagt die Frau Keuner. „Und du dachtest wohl, ich würde mich auf dein Fahrrad setzen. Wie soll dat wohl gehen mit meiner kaputten Hüfte? Außerdem hab ich nicht die Top-Figur, die der Joe Biden immer noch hat. Der Joe hat ja im Juni an seinem 45. Hochzeitstag mit der Jill zusammen eine Radtour gemacht, bei sich zu Hause in Delaware. Dabei trug er diese kurze Hose, die er seit 40 Jahren im Schrank hat. Ich sach dir, vielleicht ist der im Kopf nicht mehr klar, wenn er das jemals war. Ich meine, der Mann ist ja schwer traumatisiert. Joe Biden macht eine furchtbare Kriegs- und Coronapolitik, aber körperlich gibt er immer noch eine Top-Figur ab. Sogar in der ollen Buxe.“
Die Frau Keuner holt eine Wasserflasche aus dem Netz. „Ich krieg die Pulle nicht auf. Hast du noch Kraft in der Hand?“
Sie hat einen verdammt wunden Punkt erwischt, aber ich schnapp mir die Flasche. Zum Glück lässt sich der Drehverschluss leicht öffnen. „War halb so schwer“, sage ich.
„War ja eh schon auf“, sagt die Frau Keuner und lacht.
Sie beruhigt sich langsam und nimmt einen Schluck Wasser. „Zurück zu Joe Biden. Wat ja an den Männern definitiv schöner ist als an den Frauen, dat sind die Beine. Keine Cellulitis. Und der Joe Biden, der hat noch richtig schöne Beine. Dat wüsste ich nicht, wenn er auf seiner Radtour nicht mit dem Fahrrad umgekippt wär. Die Bilder gingen ja um die Welt. Ich hab mir dat bei Youtube angeguckt. Also… Die Radfahrergruppe kommt ins Bild, bissken steif dat Ganze, aber egal… Die Gruppe fährt auf eine Weggabelung zu, an der schon die Kameras bereit stehen. Jill und die anderen biegen ab, aber Joe fährt geradeaus weiter, weil am Straßenrand die Presseleute auf ihn warten. Joe trägt zu seiner Sicherheit einen Helm, doch der Sicherheitsmann, der hinter ihm fährt, trägt zu Joe’s Sicherheit keinen, weil so ein Helm beim Personenschutz hinderlich ist. Kannst du mir noch folgen?“ Ich nicke nur.
„Also“, fährt die Frau Keuner fort. „Joe kommt bei den Journalisten an, bremst und setzt den Fuß auf den Boden, den linken Fuß. Joe steht, und jetzt erst kippt er um, denn er kriegt den rechten Fuß nicht aus der Pedal-Schlaufe. Joe verliert das Gleichgewicht. So was passiert, ältere Menschen kippen schnell um, geht mir auch so. Und der Biden muss das Gefühl gehabt haben, dass er bei den Journalisten in Sicherheit ist, dass er sich fallen lassen kann. Doch da hat er sich verschätzt. Denn jetzt kommt der eigentliche Skandal… Niemand fängt Joe auf, die stehen da doof rum. War so nicht geplant. Aber anstatt den Joe festzuhalten, halten die Journalisten ihre Kameras fest, um zu filmen, wie der umkippt, weil niemand ihn festhält. Früher waren die berühmten Leute schlauer, da haben die sich vor den Paparazzi in Sicherheit gebracht und sind nicht noch auf die zu.“
Die Frau Keuner trinkt noch einen Schluck Wasser und packt dann die Flasche weg. „Der Joe ist schneller wieder auf die Beine gekommen, als ich gucken konnte. Und du, Lisa, du bist 16 Jahre jünger als Joe, aber du siehst auf dem Rad lange nicht so gut aus wie der. Du kannst ja nicht einmal mehr einhändig fahren. Ich hab dich letztens beobachtet, wie du mit der linken Hand dat alte Nokia-Teil ans Ohr gehalten hast und fast einen Pfosten touchiert hättest.“
Ich guck die Frau Keuner fragend an. „Wo soll das gewesen sein?“
„Wagenhallenstraße Richtung Wartburgplatz. Das kann teuer werden, auch in der Füßgängerzone. Du kannst so was von froh sein, dass du nicht prominent bist. Wenn man prominent ist, sitzt immer eine von diesen Medien-Petzen im Gebüsch und wartet darauf, dass man einen Fehler macht. Hömma, Lisa, du warst ja nie besonders sportlich, aber dat war dermaßen ungelenk.“ Jetzt lacht sie dreckig.
Ich bin machtlos und in dieser Kleine-Schwester-Schockstarre. Ich kann mich nicht wehren, denn ich bewundere die Frau Keuner, wie ich kleines Mädchen meine große Schwester bewundert habe, so fies die auch manchmal war. Meine große Schwester hat es immer wieder geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Sie konnte schon lesen, als ich noch nicht einmal in der Lage war, die Bilderbücher richtigrum aufzuklappen. Meine große Schwester, das war so eine, die schon bis über tausend zählen konnte, während ich drei Finger abspreizen musste, um zu zeigen, dass ich drei Jahre alt war.
„Hömma, Lisa“, sagt die Frau Keuner, „jetzt stellst du dein Fahrrad an genau die Stelle, die ich dir sach. Wir machen ein paar Fotos, und diese Fotos stellst du als Dia-Show in deinen Blog. Dein letzter Blog-Beitrag über das Zuführungsgleis war ja nicht übel, aber da fehlt was.“
„Wieso?“, frage ich leise. „Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht?“
„Da fehlt der Jochen Ott, unser SPD-Landtagsabgeordneter. Der Ott is ja unser Nachbar, der wohnt zwar nich in der autofreien Siedlung, aber in der daneben, mit Tiefgarage, aber auch direkt anner S-Bahn… Der Ott ist für das Zuführungsgleis, zumindest ist er nicht dagegen. Man kann aber nur für das Gleis sein, wenn man selber lärmgeschützt wohnt, und das tut er, der Ott hat nämlich sein schmuckes Reihenhäusken mitten in der bewohnten Lärmschutztrutzburg.“
„Lärmschutztrutzburg“?
„Jau“, sacht die Frau Keuner, „der bewohnte Lärmschutzriegel geht nämlich noch umme Ecke. Du sitzt doch den ganzen Tach am Rechner. Gib da mal „Am Ausbesserungswerk Köln“ ein. Da guckst du dann von oben drauf, und mit ein bisschen Phantasie erkennst du die Hintergedanken der Bauplaner. Die haben schon vor dem Bau der Siedlungen das Zuführungsgleis eingeplant – und den Lärm, den das macht. Falls das Gleis gebaut wird, bilden die Häuser „Am Ausbesserungswerk“ die bewohnte Mauer einer Lärmschutz-Trutzburg, und die Mieter, die in den Mauern der Trutzburg wohnen, sind menschliche Lärmschutzschilder.“
„Das kann man doch so nicht sagen!“
„Oh doch, die Mieter schützen die Reihenhaus-Besitzer, denn die Menschen, die „Am Ausbesserungswerk“ zur Miete wohnen, kriegen den Lärm ab, aber wohnen Leuten wie dem Ott den Lärm fott. Sozial gerecht ist das nicht. Und wenn dann das Zuführungsgleis gebaut wird, sitzt der Ott im Lärmschatten der bewohnten Mauer in seinem Reihenhausgarten und füttert den Hund. Und wie ich ihn kenne, füttert er seinen Hund aus Kostengründen mit den aufgetauten Resten von Kochen mit Jochen. Da guckst du. Kochen mit Jochen war eine Werbeaktion im Landtags-Wahlkampf 2010. Da hat der Ott noch auf der Schäl Sick kandidiert und mit Kindern und Jugendlichen zusammen gekocht, und zwar in Jugendeinrichtungen. Afrikanisch, italienisch, international, politisch absolut korrekt. Kochen mit Jochen würde in Nippes nicht ankommen. Aber der Mann ist schon lustig. Seinen Wahlkampf-Podcast zum Thema Schule hatte der Ott Ottcast genannt. Is dat nich süß? Da fehlt nur noch der Jottifant.“
„Frau Keuner, ich komm jetzt nicht mehr mit.“
„Is ja nix Neues“, lacht die Frau Keuner. „Du bist eben ein bisschen langsam im Kopp. Aber nochmal zum Ott. Das ist wie beim Olaf Scholz. Nur weil seine Partei die SPD ist, meinen die Leute, er hätte Ähnlichkeit mit Johannes Rau oder Willy Brandt. Mädchen, die hat er nicht. Der Ott war mal Oberstudienrat, und ich sach dir, dat bleibt. Der Ott ist ein Berufspolitiker, der sich einen Top-Job mit Super-Rentenerwartung geangelt hat. Guck dir mal die Internetseite an. Was macht für Jochen Ott Wohnen aus? Dass es „bezahlbar“ ist. Hört sich gut an. Doch abgesehen davon, dass die Nippeser Mieten extrem gestiegen sind: Was hat man von bezahlbarem Wohnraum, wenn im Schrank die Teller wackeln, weil die S-Bahn vorbeifährt? Und zwar jetzt schon. Was hat man von einer Wohnung im beliebten Veedel, wenn jetzt schon ständig die Fenster geputzt werden müssen? Flugrost, Feinstaub, Ruß. Wenn Wahlkampf ist, wird der Ott aktiv, da zeigt er sich, da geht er strahlend über den Nippeser Markt. Und jetzt? Grimmig. Total verschlossen. Wenn kein Wahlkampf is, hört man nix mehr von ihm. Und jetzt stell dein Fahrrad genau da hin, wo der Ott seins für das Wahlplakat platziert hat.“ Die Frau Keuner zeigt mir die Stelle.
„Erinnerst du dich nicht an das Wahlplakat? Davon hast du mir doch das Foto geschickt. Vor der Landtags-Wahl hingen hier doch überall diese Werbeplakate. Nur so kleine für Radfahrer und Fußgänger, aber trotzdem ärgerlich, weil die Sprüche von Wahl zu Wahl dümmer werden. Wat stand unterm Ott? „MOTIVIEREN. MITNEHMEN. EINFACH MACHEN.“ Wat soll dat, wer soll wozu motiviert werden, wohin mitgenommen, und wat soll einfach gemacht werden? Und dann noch dreimal das „M“, das die Kölschen immer an die Spitzen vom Dom erinnert. Mann, Macht, Muskeln… Das darf doch alles nicht wahr sein…“
„Ist Ihnen nicht gut?“ frage ich leise, denn die Frau Keuner ist plötzlich ganz blass geworden.
„Schon gut“, sagt die Frau Keuner, „aber ich kann die politischen Knallköppe manchmal nicht mehr ertragen. Die tun so, als wäre alles wie immer. “ Sie atmet tief, macht eine kleine Trinkpause und redet gottseidank weiter. „Hömma, ich hab mir überlegt, wo in Köln das Foto mit dem Ott aufgenommen ist. Ich dachte, in einer weitläufigen Parklandschaft, vielleicht im Stadtwald. Dann hab ich genauer hingeguckt, und auf einmal kam mir alles bekannt vor. Hömma, dat spielt genau hier, wo wir stehen. Mit Blick auf die große Wiese zwischen den beiden Eisenbahnersiedlungen, zwischen der autofreien Siedlung und der Hohr-Siedlung, auf das grüne Zwischen-Stück, das sie nicht bebaut haben. Im Hintergrund sieht man die Bahntrasse. Der Ott präsentiert uns sein Fahrrad. So macht man sich bei den Leuten in der autofreien Siedlung beliebt. Der Populismus fährt Fahrrad. Aber den Wahlkreis hat dann doch der Arndt Klocke von den GRÜNEN geholt. Der Ott kommt hier im Viertel nicht besonders gut an.“
Jetzt singt die Frau Keuner auch noch. „Ja so blau, blau, blau ist der Jochen Ott, ach wat is der flott, ach wat is der flott… Es gibt da einen alten Trick, der Fotograf hat sich hingekniet und den Ott von unten fotografiert, damit er so richtig groß und mächtig ins Bild kütt. Stattlich ist er ja schon, aber so raumeinnehmend. Ich hab hab ja nichts dagegen, wenn die Männer raumeinnehmend sind, aber nicht so und schon gar nicht im öffentlichen Raum, du verstehst schon. Hömma, jetzt bist du rot geworden, Lisa. Findest du doch auch gut, wenn die Männer…“
„Unsinn!“
„Schon gut“, sagt die Frau Keuner. „Aber jetzt mach schon. Du kniest dich jetzt aber nicht hin, Lisa. Ich trau dir zwar zu, dass du wieder hoch kommst, aber mach die Fotos bitte im Stehen, denn man will ja noch wat vonner Landschaft sehen. Und wat fällt dir an dem Wahlplakat noch auf?“ Ich zucke die Achseln.
„Der Fotograf hat das Ausbesserungswerk abgeschnitten“, sagt die Frau Keuner. „Vielleicht wollte es der Ott so. Deshalb klebst du in deiner Diashow das Stück wieder dran. Mach mit deiner kleinen ollen Kamera einfach einen Schwenk, damit die Südseite vonner Lärmschutztrutzburg draufkommt. Fotografier die Balkone, aber auch die Lüftungsöffnungen vonner Tiefgarage. Mach schon.“
„Gut so“, kommentiert die Frau Keuner die Fotos. „Aber da is noch wat. Auf seiner Internetseite schreibt der Ott, dass er 60-70 Stunden in der Woche arbeitet. Wie konnte es da passieren, dass er vor sieben Jahren einen richtig guten Vorstoß der NRW-Landesregierung verpasst hat?“ Sie macht eine Pause, schließt die Augen und atmet tief durch.
„Jetzt muss ich mich konzentrieren, damit ich das noch zusammenkriege“, sagt die Frau Keuner. „Also… Da haben verschiedene Bundesländer ein Eckpunktepapier zum Thema Bahn-Lärm vereinbart. Und unser damaliger grüner NRW-Umweltminister Johannes Remmel hat die Bundesregierung aufgefordert, die Menschen besser vor Bahnlärm zu schützen und das in der Verkehrslärmschutzverordnung zu verankern. Der Bund hat leider nicht entsprechend reagiert, da is nix verankert, obwohl die Faktenlage eindeutig ist. Bahnlärm ist extrem gesundheitsgefährdend. Ich schick dir den Link. Is ganz einfach zu finden, denn die Pressemitteilung steht immer noch auf der offiziellen NRW-Internetseite.“
„Aber der Ott war doch vor sieben Jahren in der Kommunalpolitik aktiv“, sage ich.
„Nicht nur“, sagt die Frau Keuner. „Der war auch im Landtag. Und die Pressemitteilung der NRW-Landesregierung ist vom 9. Juni 2015. Die kennt der. Nur war da gerade Oberbürgermeister-Wahlkampf. Weißt du noch? Der Ott ist doch gegen die Henriette Reker angetreten. Und ich sach dir, weil nur vier Monate später Wahl war, hatte der Ott keinen Bock, nach Düsseldorf zu fahren. Aber jetzt müsste er endlich aktiv werden. Die Herzen der Nippeser gewinnt man nicht beim „Kochen mit Jochen“, nicht mit Spaghetti Bolognese, sondern indem man sich für das Wohlergehen der Menschen einsetzt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: MDL Jochen Ott (SPD) solidarisiert sich mit den Kölner Bürgerinnen und Bürgern gegen die menschenfeindlichen Pläne der DEUTSCHEN BAHN. Aber jetzt kann ich nicht mehr länger rumstehen.“
Die Frau Keuner macht ein paar Schritte und redet dann weiter. „Mach bitte noch ein letztes Foto, Lisa. Stell dich auf den Weg vor der sonnenbeschienenen Südseite des Ausbesserungswerks und fotografier die Wiese, aber sieh zu, dass du ein paar von den 13 Bäumchen draufkriegst, die die Stadt Köln in diesem Jahr neu gepflanzt hat… Die Menschen, die auf der Südseite der Lärmschutztrutzburg wohnen, haben schöne große Balkone. Da füttern sie die stolzen Halsbandsittiche, die sich in den letzten Jahren prächtig vermehrt haben. Ich freu mich so sehr, dass den Papageienvögeln in den milden Wintern die Krallen nicht mehr abfrieren. Es ist mir ein Trost, wo es schon keinen Schnee mehr gibt… Und weil sich der Bahnlärm noch in Grenzen hält, können die Leute im Sommer auf den Balkonen sitzen und Spaß haben an den Fledermäusen, die genau da nisten, wo das Gleis hinkommen soll. So einen freien Blick hat der Ott nicht. Dat nenne ich soziale Gerechtigkeit. Der Ott hört zwar den Bahnlärm kaum, aber dafür guckt er nicht in die Weite, nur auf Häuser… Wir müssen dafür sorgen, dass das Zuführungsgleis niemals gebaut wird. Schon wegen der Fledermäuse.“
Vor gut 20 Jahren hat man damit begonnen, das innenstadtnahe Gelände der ehemaligen Köln-Nippeser Eisenbahn-Ausbesserungsanlage mit Wohnhäusern zu bebauen, mit Mehrfamilien-, aber auch mit Einfamilienreihenhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten leben hier insgesamt über 5000 Menschen, etwa 1500 davon in der autofreien Siedlung Stellwerk 60.
Die autofreie Siedlung liegt genau in der Mitte des bebauten Areals. Was die Siedlung auszeichnet, ist, dass sie wirklich eine ist. Unser großer gemeinsamer Nenner ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Skepsis gegenüber dem Auto. Dass die nachbarschaftliche Kooperation über den Gartenplausch hinaus gelingt, ist vor allem dem Nachbarschaftsverein Nachbarn 60 zu verdanken, dessen aktive Mitglieder seit mittlerweile 15 Jahren unermüdlich organisieren, koordinieren, anleiern, Ideen entwickeln und überhaupt viel Arbeit in das Projekt stecken. Der Gemeinschaftsgarten muss gepflegt werden, die Kettcars, Tandems, Einräder, Biertische und Transportkarren, die alle Vereinsmitglieder in der Mobilitätsstation („Mobi“) kostenlos ausleihen können, müssen regelmäßig gewartet werden, junge Bäume gegossen, Flohmarkt, Sommerfest und Lebendiger Adventskalender organisiert werden u.u.u….
Das Besondere an Stellwerk 60 ist die Familien- und Kinderfreundlichkeit. Die Kinder stören sich nicht daran, dass die Siedlung dicht bebaut ist. Auch die geringe Breite der Reihenhäuser (oft weniger als fünf Meter), die vielen Erwachsenen die Luft zum Atmen nimmt, vor allem dann, wenn man den Nachbarn nicht riechen kann, ist ganz nach dem Geschmack von Kindern. Wo in der Siedlung sie auch wohnen: Die Kinder gehen raus und treffen Kinder. Ihr Draußen wird nicht durch parkende Autos verstopft. Die asphaltierten „Hauptstraßen“, die nur von Müllabfuhr und Notarztwagen befahren werden dürfen, laden ein zum Rollschuhlaufen, Einradfahren, Skateboarden, der autofreie Raum zum Spielen, Raufen und Austoben. Wo Kinder sind, gibt es kein Abstandhalten.
Manchmal bin ich ziemlich genervt, wenn ich einem großen Kettcar ausweichen muss, auf dem fünf kreischende Kinder sitzen. Aber dann erinnere ich mich an die „Pandemie“ mit ihren volkserzieherischen „Sicherheits“-Maßnahmen, ich erinnere mich daran, wie gespenstisch still es selbst in der autofreien Siedlung war, als die Kinder, denen das Virus nie viel anhaben konnte, zu einer Art soldatischem Gehorsam gezwungen wurden, als sie sich nicht einmal zu Hause mit mehreren Freunden treffen konnten, nicht einmal die Kettcars ausleihen und kaum Spaß haben durften. Und wenn ich mir klarmache, wie autoritär, wie lust- und lebensfeindlich die „Gesundheitsschutz“- Maßnahmen waren (und zum Teil noch sind!), dann bin ich erleichtert, dass die Kinder nicht verstummt sind – und kann ihr Gekreische ertragen. Ach was, ich freue mich daran!
Ein Archivfoto aus dem Jahr 2016:
Besuch des Koreanischen Fernsehens in der autofreien Siedlung Stellwerk 60. Die beiden, die hier -gesittet und ohne zu kreischen- auf dem Kettcar sitzen, sind Filmemacherin Chi-Suk Kim und Siedlungs-„Bürgermeister“ Hans-Georg Kleinmann; Foto: Nachbarn60. https://stellwerk60.com/2016/07/17/der-film-ist-da-stellwerk-60-im-koreanischen-tv/
Es ist abwechslungsreich und angenehm, in der autofreien Siedlung zu leben – wenn nur die Bahn nicht so nah wäre. Natürlich ist es grundsätzlich vorteilhaft, in der Nähe zweier S-Bahnhöfe zu wohnen. Auch hält sich die Lärmbelastung innerhalb der autofreien Siedlung in Grenzen. Doch was den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur von Stellwerk 60, sondern aller Nippeser Siedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Nippes und Geldernstraße droht, ist nicht mehr angenehm, sondern so alptraumhaft, dass man es kaum glauben kann. Wie viele andere hatte auch ich versucht zu verdrängen, was uns seit Jahren „nur“ droht, jetzt aber real werden könnte: Der Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle in unmittelbarer Siedlungsnähe und -nach Beendigung der Bauarbeiten- ein stetiger nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).
Die Pläne der DB für das Zuführungsgleis sind nicht neu, und die entsprechenden „Planfeststellungsverfahren“ laufen schon seit 2007. Wegen zahlreicher Einwendungen und erheblicher Bedenken, vor allem wegen des zu erwartenden Lärms, musste die Bahn ihre Pläne bereits mehrere Mal aktualisieren. Dass die Deutsche Bahn ihr Vorhaben noch nicht hat durchsetzen können und weiterhin „nachbessern“ muss, ist insbesondere der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) zu verdanken, deren Mitglieder über die Jahre hinweg das Vorhaben nicht verdrängt, sondern sich der Bedrohung gestellt haben. Bei allen „Planfeststellungsverfahren“ erhob die AWG (nicht zu verwechseln mit dem Verein Nachbarn 60) immer wieder Einspruch und holte vor Jahren bereits ein Gutachten ein, das belegt, dass das Zuführungsgleis nicht nötig ist und es eine menschenfreundliche, wenn auch teurere Alternative gibt. Laut Gutachten könnten S-Bahnen auch auf einem anderen Weg in die mittlerweile in Betrieb genommenen Abstellanlage einfahren.
Was genau droht, erzählt plastisch dieser Aushang der AWG, der Ende Juli im Grünstreifen diesseits der S-Bahn aufgehängt wurde und sich vor allem auf das erste Teilstück hinter dem S-Bahnhof Nippes bezieht:
Mich persönlich hatte bereits Anfang des Jahres eine Nacht-und-Nebel-Aktion in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Mensch und Tier überrumpelnden Blitz-Maßnahme wurden im Frühjahr 2022 Tatsachen geschaffen, bereits „Vorbereitungen“ getroffen für die von der Deutschen Bahn geplante Bebauung. Entlang der Bahntrasse wurde gerodet, kleinere Bäume wurden gefällt, Sträucher komplett zurückgeschnitten. Das Gelände wurde -wie es aussieht- für einen Eingriff präpariert, der in keinerlei Hinsicht gebilligt ist. Wer den Kahlschlag in Auftrag gegeben und wer ihn durchgeführt hat, ist nicht bekannt.
Besonders augenfällig ist der Kahlschlag dort, wo er städtischen Grund berührt. Während ein wenige Meter breiter Geländestreifen neben der S-Bahntrasse der Deutschen Bahn gehört, ist ein kleines Wäldchen, das nach dem Willen der DB komplett plattgemacht werden soll, Eigentum der Stadt Köln. Noch scheitert das Bauvorhaben u.a. an diesem kleinen städtischen Wäldchen – und am Widerstand der Stadt Köln, die jedoch im Falle einer Bau-Bewilligung enteignet werden kann.
Ich habe das schwer beschädigte Wäldchen jetzt im September von verschiedenen Seiten fotografiert. Das Wäldchen wurde bei der Aktion unbegehbar gemacht. Abgesägte Äste wurden auf die Wege gekippt und der zentrale Zugang durch einen Baumstamm versperrt.
Fünf sanfte letzte Kurven und ein Hauch von Central Park. „Wo jetzt in dieser Mini-Oase die Blätter rauschen und ein kühles Lüftchen im Sommer angenehm kühlt, sollen S-Bahnen aus ganz NRW nachts zu einem „Parkplatz“ mit 18 Gleisen hin und zurück rollen.“ (AWG)
Da die klugen Köpfe derAWG in ständiger Alarmbereitschaft sind, hatten sie mitbekommen, dass die Deutsche Bahn erneut ein „Planfeststellungsverfahren“ angestrengt hat. Anfang Juli informierte die AWG uns Nippeser Nachbarinnen und Nachbarn sowie den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung und lud zu einer Info-Veranstaltung mit Begehung des betroffenen Gebietes ein. http://www.awg-nippes.de
Vielleicht muss man vor Ort gewesen sein und sich mit den Betroffenen unterhalten haben, um sich das Ausmaß der geplanten Bau-Maßnahme vorstellen zu können. So war bei der gut besuchten Info-Veranstaltung am 6.8.2022 glücklicherweise Journalist Bernd Schöneck vom Kölner Stadtanzeiger anwesend. In seinem „Kommentar zum Gleisvorhaben in Köln-Nippes“ vom 10.8.2022 mit dem Titel „Es bliebe fast nichts, wie es ist“ stellt Schöneck fest, dass das „Vorhaben wie ein Damoklesschwert über der Nippeser Eisenbahnsiedlung“ schwebt. Weiter schreibt Schöneck, dass man sich des Verdachts nicht erwehren könne, „dass das Vorhaben bereits beim Siedlungsbau geplant war – und das wäre ein Skandal. Denn die Bewohner des Veedels wären bezüglich der Nutzung des Areals im Dunkeln gelassen worden. Zugleich zeigt sich leider erneut, dass das Wohl der Anlieger, vorsichtig gesagt, bei der Bahn nicht an allererster Stelle steht.“ https://www.ksta.de/koeln/kommentar-zum-gleisvorhaben-in-koeln-nippes-es-bliebe-fast-nichts–wie-es-ist-39868530 Aufschlussreich auch: https://www.ksta.de/koeln/nippes/umstrittene-bahn-plaene-fuer-koeln-nippes–das-waere-eine-gefahr-fuer-leib-und-leben–39866080 (Beide Artikel konnte ich auch ohne Abo nach Anmeldung kostenlos lesen.)
Ich bin Bernd Schöneck dankbar für seinen engagierten Kommentar und auch dafür, dass endlich jemand den „Skandal“ zur Sprache bringt. Was die autofreie Siedlung betrifft, spricht einiges dafür, dass der Bauträger Kontrola im Bilde gewesen sein dürfte. Als wir im Jahr 2007 unser Reihenhaus kauften, wurden wir während des ausführlichen Verkaufsgesprächs nicht über die Pläne der Bahn informiert. Wachgerüttelt wurden wir erst im Sommer 2008, als die Mitglieder der AWG anlässlich der ersten Offenlegung zum Protest aufriefen.
Hätte der Stellwerk 60– Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Wissen um die Pläne mit offenen Karten gespielt, wäre es schwierig gewesen, die Häuser und Eigentumswohnungen zu verkaufen, zumal -während die Siedlung noch in der Bauphase war- mit der Finanzkrise 2008 der Verkauf ins Stocken geriet. Ohnehin war der Verkauf eine kaufmännische Herausforderung, denn vor 15 Jahren war es keineswegs sicher, ob sich Häuser ohne Stellplatz gut verkaufen lassen.
So aber wurde neben den Häusern in den anderen Bereichen der Eisenbahner-Siedlung ausgerechnet das Vorzeigeobjekt „autofreie Siedlung“ auf ein Verschweigen gebaut. Dabei hatte Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegengenommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“, sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet.
Leider schützen solche Preise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht und schon gar nicht vor Willkür-Maßnahmen, sondern dienen lediglich den Bauunternehmen zu Werbezwecken. Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Kontrola– Projekt „Stellwerk 60“ und wurde vor wenigen Jahren mit dem Bau einer „Klimaschutzsiedlung“ in Köln-Lind betraut. (Allerdings liegen in Großstädten wie Köln die Flächen, auf denen noch ganze Siedlungen gebaut werden können, oft in heikler Nähe zur Autobahn, so auch hier. Diese Siedlung erfüllt zwar die Vorgaben des Leitfadens „100 Klimaschutzsiedlungen Nordrhein-Westfalens“, entsteht aber wenige Kilometer weit weg vom Flughafen Köln-Bonn in unmittelbarer Nähe des Lärmschutzwalls vor der Autobahn A59. Ich weiß nicht, ob es schon Straßennamen gibt. Mein Vorschlag: Am Linder Lärmschutzwall)
Immerhin ist der Linder Lärmschutzwall unübersehbar, während das Nippeser Zuführungsgleis mitsamt seinen landschaftszerschneidenden Lärmschutzwänden lediglich auf dem Papier existiert. Und das, was droht, ist so unglaublich, dass es die meisten verdrängen. In der autofreien Siedlung wurden in den letzten Jahren bereits einige Häuser von ahnungslosen Besitzern an ahnungslose Käufer überteuert verkauft. Auf diese Weise jedoch wird der Bauträger-Skandal, wird das Verschweigen weiter getragen. Der „Marktwert“ ist reine Fiktion. Die permanente Drohung eines Zuführungsgleises senkt nicht nur den ideellen, sondern den tatsächlichen Wert der Immobilien meines Erachtens erheblich – auch den unseres Hauses.
Nachdem wir uns informiert hatten, bildeten fünf Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 eine Arbeitsgruppe, um – angeregt von der AWG – eine Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Das war nicht einfach, da die Zeit drängte und man den „Abgabetermin“ bei der Bezirksregierung auf den 15.8. gelegt hatte. Viele Nachbarinnen und Nachbarn waren in Urlaub, andere gerade zurück gekommen. Doch da die Sommerferien in diesem Jahr schon am 9.8. endeten, waren die meisten gerade noch rechtzeitig wieder vor Ort. Meistens halte ich mich bei Siedlungsaktivitäten zurück, aber diesmal gab es für mich kein Halten.
Gaby hatte der Arbeitsgruppe die wichtigsten Punkte der Planungsunterlagen vorgestellt, und Beate, die nicht nur ein außergewöhnliches politisches Gespür, sondern die Gabe hat, auch in äußerst angespannten Situationen besonnen zu bleiben, hatte die Einwendung verfasst. Sie opferte mehrere Urlaubs-Tage, um den kaum lesbaren Text durchzuarbeiten, ein Konvolut, das bis zum 15.7. im Internet öffentlich auslag und so umfangreich ist, dass es sich nicht per Mail-Anhang verschicken lässt.
So saßen wir fünf einander abwechselnd in der Mobilitätsstation, wo wir zwischen dem 8.8. und dem 13.8. an fünf Abenden Unterschriften sammelten. Von insgesamt knapp 1000 Unterschriften im gesamten betroffenen Bereich sammelten wir 280 von Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung, was etwa 20% entspricht. Der gemeinsame Tenor: Wir unterstützen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber so bitte nicht!
Interessant war es, auf diese Weise mit den Nachbarn der Nachbarsiedlungen ins Gespräch zu kommen, darunter auch Menschen aus den ganz nahe an die bestehende Bahntrasse herangebauten Mehrfamilienhäusern „Am Ausbesserungswerk“. Ein Bewohner erzählte, dass sich der Estrich in seiner Wohnung durch die permanenten Boden-Erschütterungen so weit gesenkt hat, dass man -sehr zur Freude seiner beiden kleinen Söhne- Matchbox-Autos unter den Zimmertüren hin- und herflitzen lassen kann. Ein anderer erzählte, dass Menschen, die dort eine Wohnung neu beziehen, jetzt schon per Unterschrift zusichern müssen, dass sie, falls das Zuführungsgleis gebaut wird, die Miete nicht mindern.
„Und ist das Gleis einmal fertig“, so schreibt Bernd Schöneck, „würden die Züge nur einige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Häuserzeile am Ausbesserungswerk entlang rollen – dem „bewohnten Lärmschutzwall“, wie es recht zynisch hinter vorgehaltener Hand heißt.“ (ksta.de, s.o.) Leider muss ich ergänzen, dass der „bewohnte Lärmschutzwall“ nicht nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wird, sondern bereits als ein solcher konzipiert worden ist. Im Stadtteilführer des „Archiv(s) für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.“ heißt es: „Aufsehen erregte vor allem ein direkt an der Bahnlinie liegender Gebäuderiegel, der als Lärmschutz für die rückwärtigen Gebiete an die Stelle der alten Wagenhalle treten sollte. Befürchtungen wegen Lärmbelastungen und einer geplanten Eisenbahntrasse unmittelbar vor den Häusern wurden mit dem Hinweis verworfen, die Bewohner würden vom Lärm nicht gequält, weil auf der Seite zur Bahntrasse nur Treppenhäuser und Küchen vorgesehen seien.“ („Loss mer jet durch Nippes jon“, 3. Auflage 2010, S.36)
Die AWG hat im Jahr 2017 eine Fotomontage kreiert, die leider schaurig realistisch ist. Ich habe mir erlaubt, sie von dem Flyer, wo sie abgedruckt ist, abzufotografieren. Hier wird simuliert, wie es „Am Ausbesserungswerk“ aussähe, wenn…
Nun will die Deutsche Bahn -im wahrsten Sinne des Wortes- noch eins draufsetzen. An der Stelle, die ich, um den Kontrast zum Flyer zu zeigen, im Jetzt-Zustand fotografiert habe, soll nach den Plänen der Bahn zwecks Wendemöglichkeit das Zuführungsgleis sogar zweigleisig verlaufen. Und genau dort will man direkt vor den zwei Gleisen eine sechs (!) Meter hohe Lärmschutzwand errichten! Doch dieses Lärmabwehr-Ungetüm würde den Menschen im Erdgeschoss die Sicht und das Licht rauben und im vierten Stock nicht einmal den Lärm abhalten.
September 2022: Noch nisten hier Rotkehlchen.
abfotografiert von einem Flyer der AWG aus dem Jahr 2017
Mein Elfchen des Monats ist diesmal von der schamlosen FÜR EUCH- Werbekampagne der BILD – Zeitung inspiriert. Im Sommer 2019 startete BILD „… eine neue Werbekampagne, in deren Zentrum die Leser stehen. Die Kampagne „FÜR EUCH. BILD.“ stellt Menschen vor, die jeden Tag für andere im Einsatz sind, die Verantwortung übernehmen und die mehr Wertschätzung verdienen. Statt Situationen mit Schauspielern oder Models nachzustellen, zeigt die Kampagne BILD-Leser wie Krankenschwester Manuela, LKW-Fahrer Reinhold, Polizistin Mehtap oder Oma Lore in ihren Alltagssituationen.“https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/bild-startet-neue-werbekampagne-fuer-euch-bild
Wie schafft man es, Menschen, die eine knallharte Arbeit leisten, eine Arbeit, für die sich die meisten „zu schade sind“, Menschen, die permanent ihre physische und psychische Gesundheit FÜR UNS aufs Spiel setzen und die viel zu wenig verdienen, bei Laune zu halten? Indem man sie lobt, sich bei ihnen bedankt und sie prominent ins Bild setzt. In der Sprache der BILD nennt man das „Wertschätzung“.
Im darauffolgenden Jahr 2020 passte diese Kampagne wie von Jens Spahn bestellt zur bundesdeutschen Gesundheitspolitik. Jetzt machte die Kampagne nicht nur Werbung für die BILD-Zeitung, sondern für die staatlichen Corona-Maßnahmen – und die Corona-Maßnahmen waren wiederum eine Top-Werbung für die BILD. Während der „Pandemie“ mussten die Plakatmotive nur entsprechend aktualisiert und um zusätzliche Motive ergänzt werden. Wir erlebten eine höchst erstaunliche Kooperation zwischen Boulevard-Zeitung und Bundesregierung.
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Wie aber hält man Menschen bei Laune, die einen Lärmschutzriegel bewohnen und dafür auch noch (Miete) bezahlen müssen?
Liebe
Lärmschutzriegel-Bewohnende, schenkt
der Deutschen Bahn
ein Lächeln. FÜR EUCH.
BALD.
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Das gönnerhafte Lob sozial Benachteiligter, die Stärkung der Arbeitsmoral und die Überredung zu eigentlich unzumutbarer Arbeit via Werbung sind nicht neu. Um Arbeitskräfte anzuheuern, wurde schon Mitte des 20. Jahrhunderts eine ausgeklügelte Plakatwerbung eingesetzt, die mit psychologischen Tricks arbeitete. Die Zielsetzung: Den Menschen einen beschämend schlecht bezahlten und dazu noch gesundheitsgefährdenden Job schmackhaft machen.
Dieses Werbe-Plakat aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg richtet sich an junge Schulabsolventen, die nicht das Privileg haben, eine höhere Schule besuchen zu dürfen, sondern -im Gegenteil- schon früh zum Familieneinkommen beitragen müssen. Das Plakat appelliert an das Verantwortungsgefühl und packt die Jungen bei ihrem gerade erwachenden männlichen Stolz. Der Beruf des Bergmanns, so die Botschaft des Plakats, ist nichts für Weichlinge, die nicht zupacken können, sondern „Ein Beruf für ganze Kerle“. (Der Ausdruck „ganzer Kerl“ ist heutzutage kaum noch gebräuchlich. Ein „ganzer Kerl“ sein meint soviel wie „körperlich und mental topfit sowie moralisch integer“.) Die Abbildung des Plakats habe ich von der Internet-Seite „deisterbergbau.de“ abfotografiert und den „Absender“ mithilfe vom Lesebrille und Lupe hoffentlich korrekt entziffert: „Deutsche Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge der sowjetischen Besatzungszonen in Deutschland- Ausbildung und Umschulung – Berlin“ Schon mein Urgroßvater Leopold, geboren 1861 in Loslau/Oberschlesien, wurde gegen 1890 durch die Werbung der westdeutschen Bergbauunternehmen ins Ruhrgebiet gelockt. Für meinen Urgroßvater, der damals gerade geheiratet hatte, war die Arbeit unter Tage die vielleicht einzige Chance, eine große Familie -seine Frau Carolina sollte 12 Kinder zur Welt bringen- dauerhaft zu ernähren. Vermutlich hat es schon damals Werbeplakate in Form von Aushängen gegeben, auf denen bereits das noch Jahrzehnte später gegebene Versprechen (s.o.) stand: „Arbeit und Brot auf Lebenszeit“. Im Nachhinein mutet diese Parole zynisch an, denn die „Lebenszeit“ der meisten, zu Beginn ihrer Arbeit noch gesunden Bergleute war begrenzt. Dass sie schwere und schwerste Schädigungen der Lunge davontrugen, gepflegt werden mussten und früh starben, dürfte insbesondere den Verantwortlichen in der SBZ längst bewusst gewesen sein. Erstaunlich ist auch, dass man ausgerechnet in der sowjetischen Besatzungszone mit der Plakat-Werbung im großen Maßstab ein zentrales Kommunikations- und Machtmittel des Kapitalismus einsetzte. Mein Urgroßvater „erkrankte“ schwer an der Staublunge und starb 1916 im Alter von 55 Jahren als Berginvalide. Sein Sohn Karl, mein Großvater, geboren 1898 in Bottrop, starb am 14.Juni 1946, dem Geburtstag des selbsternannten „Bergarbeiterfreundes“ Donald Trump, im Alter vom 57 Jahren an Lungentuberkulose als Folgeerkrankung der Staublunge. Aber was bedeutet eigentlich „Staublunge“? Aufklärend: https://news.rub.de/wissenschaft/2018-08-28-bergbau-diagnose-staublunge
Kürzlich war unser Spülbecken verstopft. Immerhin lief das Wasser ab, wenn auch sehr langsam, anders als vor einem Jahr, am 14.Juli 2021, als sich während eines mehrstündigen(!) Wolkenbruchs das Wasser in den Abwasserrohren unseres Hauses bedrohlich staute und ich trotz eines komfortablen Abstands zur Flutkatastrophe an der Ahr, der Erft und anderswo eine Ahnung davon bekam, wie zerstörerisch Wasser sein kann.
Wenn man in die Suchmaschine „Abfluss verstopft“ eingibt, werden einem zahlreiche Hausmittel empfohlen: Essig, Salz, Backpulver etc.. Man solle nicht gleich zur chemischen Keule greifen, so der allgemeine Tenor. Dankbar für den Vorschlag, die Verstopfung mit einem relativ sanften Gemisch zu lösen, rührte ich einen Brei an aus Wasser, Essigessenz und Salz.
Ich gab die Masse in den Abfluss, wartete, füllte kochendes Wasser nach, wartete wieder, doch das Spülbecken leerte sich nicht schneller als vorher. So schraubte ich den Siphon auseinander und entfernte ein paar lange Töchterhaare. Doch der Pfropfen schien tiefer zu sitzen. Darüberhinaus hatte ich ein neues Problem: Ich hatte es trotz Lesebrille nicht geschafft, die auseinander genommenen Einzelteile passgenau wieder zusammenzusetzen. Jetzt musste ich eine Schüssel unter den tropfenden Siphon stellen, die sich langsam mit Wasser füllte. Ich fühlte mich wie ein HB-Männchen, das seine Zigaretten verlegt hat.
So kam ich auf die Idee zu entrümpeln. Es würde mir gut tun, auf welche Weise auch immer für irgendeine Entschlackung zu sorgen. Ich schnappte mir einen Abfallsack und ging in den Keller. Das war gescheit, denn…
Beim
Ent-ri-rö-rümpeln fand
ich einen Pömpel.
Gurgelnd entflutschte brackige Schlacke…
Pöööölöpölöpöpp
Pömpel. Die Scheu vieler Frauen, das Teil zu benutzen, hängt damit zusammen, dass der Pömpel der Saugglocke ähnelt, die bei etwa 6% aller Krankenhaus-Geburten zum Einsatz kommt. Dann nämlich, wenn das Kind auf seinem Weg in die Welt im geburtstechnisch so genannten „Geburtskanal“ steckenbleibt und sich nicht weiter bewegt. Bei der Saugglocken-Entbindung handelt es sich um einen vaginal-operativen Notfall-Eingriff, der für Mutter und Kind traumatisch sein kann. Doch in der witzelnden Sprache der Spaßgesellschaft wird die katastrophale Erfahrung zuweilen banalisiert und veralbert. Auf eltern.de heißt es in einem Beitrag mit dem Titel „Saugglocke bei der Entbindung: Wann und wie sie eingesetzt wird“ locker-flockig: „Eine Saugglocke, auch Vakuumextraktor genannt, musst du dir vom Aussehen her wie einen Toiletten-Pümpel vorstellen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen Sanitär-Artikel, sondern um ein medizinisches Instrument, dass eine Schale aus Silikon oder Metall hat und einen Stab, an dem gezogen wird. Mit einem mechanischen Unterdrucksystem wird die Saugglocke unter der Geburt am Köpfchen des Kindes befestigt.“ https://www.eltern.de/schwangerschaft (Den Rechtschreibfehler „…Instrument, dass…“ habe ich, um das Zitat nicht zu verfälschen, bewusst nicht korrigiert.)
Zurück in den banalen Alltag: Im Nachhinein sage ich mir, dass ich mit Hilfe von Essig und Salz den Pfropfen vorbehandelt und auf diese Weise überhaupt erst pömpelbar gemacht hatte. Aber warum machen wir das, warum kippen wir eine aggressive Masse in den Abfluss und greifen nicht direkt zum Pömpel?
Der Pfropfen ist in unserer Vorstellung so ekelhaft, dass wir meinen, ihn kleinkriegen zu müssen. Beim Pömpeln hingegen zerstören wir den Pfropfen nicht, sondern vertreiben ihn. Dabei können sich schlierige, braungraue Fetzen lösen und an die Oberfläche kommen. Auch mir ist das passiert. Es war so fies, dass ich fast gekotzt hätte.
In einer Wissens-Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde uns im Jahr 2018 erklärt, welche Funktion der Ekel hat, warum wir uns überhaupt ekeln. Auf der Internet-Seite von „Planet Wissen“, einem Gemeinschaftsprojekt des Westdeutschen Rundfunks (WDR), des Südwestrundfunks (SWR) und von ARD-alpha, heißt es in der Text-Version zur Sendung: „Eine Ekelreaktion soll das Infektionsrisiko senken und im Extremfall durch den Brechreflex dafür sorgen, möglicherweise oder tatsächlich verdorbenes oder giftiges Essen schnell aus dem Körper zu befördern.“ https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/emotionen_wegweiser_durchs_leben/pwieekelwennabneigungextremwird100.html
Der Beitrag beschreibt die Funktion des Ekels, die Zweckmäßigkeit der Ekelreaktion für die Aufrechterhaltung der Gesundheit. Das mag medizinisch korrekt sein, ist aber zu kurz gegriffen und darüberhinaus ethisch bedenklich. Zwar zeigt der interessante Text unterschiedliche Facetten und beleuchtet das Ekelempfinden im historisch-sozialen Kontext, doch wie so oft fehlt auch hier einem naturwissenschaftlichen Beitrag die gedankliche Tiefe, das geistige Korrektiv.
Im selben Text benennt ein Satz, wovor wir uns angeblich ekeln: „Ein nahezu weltweit gemeinsamer Nenner sind jedoch Kot, Urin und Eiter sowie Leichen.“ Die Gleichsetzung von Kot, Urin und Eiter mit Leichen ist meines Erachtens moralisch verwerflich. Ich behaupte -und ich drücke mich bewusst vulgär aus-, dass wir Menschen beim Anblick einer Leiche etwas anderes empfinden als beim Anblick eines Scheißhaufens.
Im Sendungs-Video mit dem betont sachlichen Titel „Ekel – Ein universelles Gefühl“, das man sich noch bis zum 26.2.2023 angucken kann (s.o, planet-wissen.de), holt man sich wissenschaftlichen Rat bei einem gepflegt auftretenden Ekel-Experten von der Universität Gießen, der sich angenehm sachlich ausdrückt. Gleichzeitig jedoch treibt der Film die Banalisierung der Vergänglichkeit reißerisch (mit Nah-Bildern!) auf die Spitze. Leichen gehören demnach zu den „Top 5“ der Ekel- „Favoriten“. Eine entwürdigende, nach der Quote schielende populärwissenschaftliche Gruselshow!
Ich habe zweimal im Leben eine Leiche gesehen, die „sterblichen Überreste“ zweier mir sehr naher Menschen. In dem Moment war ich befremdet, erschrocken und sprachlos. Ich war betäubt und empfand einen tiefen Schmerz, aber keinerlei Ekel.
Ploumanach, 26.8.2022: Ich beobachte, wie eine Hornisse eine Wespe „umarmt“. Die Wespe hat unseren Frühstückstisch angesteuert, den Käse ignoriert und sich auf der Leberpastete, die nur ich esse, niedergelassen. Die Wespe ist so sehr in „meine“ Pastete vertieft, dass sie die von hinten sich nähernde Hornisse nicht bemerkt. Die Hornisse packt die Wespe, hält sie umklammert und trägt sie mit sich fort. Was aussieht wie ein romantisches Liebesspiel, ist keines. Hornissen fressen Wespen und zerrupfen sie angeblich sogar in der Luft. Vgl.: https://www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hornissen-sind-die-perfekte-waffe-gegen-wespen—und-viel-harmloser-als-ihr-ruf-8230068.html
Doch die Hornisse stillt nicht nur den eigenen Hunger: „Die Arbeiterinnen erlegen auch oft Insekten, sogar Wespen! Die verarbeiten sie zu Futterbrei, den sie in ihrem Kropf transportieren. Zurück im Nest würgen sie das Futter heraus und füttern damit die Larven und andere Arbeiterinnen.“https://www.kindernetz.de/wissen/tierlexikon/steckbrief-hornisse-100.html
Das klingt brutal, ist aber für die Hornisse überlebensnotwendig. Anders als die menschliche Aggressivität ist die Angriffslust der Tiere -solange man ihnen ihren Lebensraum lässt- in naturgegebener Balance. Anders als (gestörte) Menschen töten Tiere nie nur um des Tötens willen. Tiere führen keinen Krieg.
Mich erstaunt es immer wieder, wie freundlich sich die Tiere uns Menschen gegenüber verhalten. Sie wissen nichts von Massentierhaltung, Schlachthöfen und Tierversuchen. Es übersteigt ihr Vorstellungsvermögen, dass liebesfähige Lebewesen so kalt und grausam sein können. Tiere greifen uns nur dann an, wenn sie sich bedroht fühlen. Weil sie nicht hinterhältig sind, haben sie uns gegenüber auch keine bösen Hintergedanken.
Tiere sind nicht feige, anders als (gestörte) Menschen, die die Tiere in ihre Macht-Spiele einspannen und sich daran ergötzen, dass die Tiere keine andere Chance haben, als mitzuspielen und nach des Menschen Pfeife zu tanzen, etwa im Flohzirkus. https://stellwerk60.com/2022/03/31/elfchen-im-dritten-olaf-muss-niesen/
Ich finde es unerträglich, wenn Menschen Tiere zu etwas nötigen und dann noch behaupten, die Tiere würden kooperieren. Anfang 2022 setzten Impffreunde aus Niedersachsen eine fragwürdigePR-Idee um. Diese Aktion wurde von den Medien positiv aufgenommen, kritische Stellungnahmen habe ich nicht gefunden. So heißt es z.B. auf aerztezeitung.de: „Noch immer ist etwa jeder fünfte Impfberechtigte in Deutschland noch nicht gegen COVID-19 geimpft. Hunderte Schafe und Ziegen haben jetzt ein Zeichen gesetzt.“
Nun haben hier nicht Schafe und Ziegen „ein Zeichen gesetzt“, sondern Menschen, die die „sympathischen“ Tiere für ihre (Werbe-) Zwecke benutzt und dabei -wie ich finde- verhöhnt und lächerlich gemacht haben. Die dpa-Nachricht zur PR-Aktion am 3.1.2022 wurde von zahlreichen Medien unkritisch übernommen und nur leicht variiert, etwa auf ndr.de:
„Mit rund 700 Schafen und Ziegen haben Schäfer in Schneverdingen im Heidekreis eine rund 100 Meter große Spritze dargestellt, um für Impfungen gegen das Coronavirus zu werben. Das Ganze richte sich an die noch Unentschlossenen, so Organisator Hanspeter Etzold. „Schafe sind so sympathische Tiere, vielleicht können die die Botschaft so besser überbringen“, sagte er. Schäferin Wiebke Schmidt-Kochan hatte die Aktion vorbereitet und mit ihren Tieren mehrere Tage dafür geübt. Der Trick dabei: Sie verteilte vorher Brotstücke in Form der Spritze auf dem Boden. Als die Tiere dann auf die Wiese gelassen wurden, stürzten sie sich auf das Fressen und standen somit perfekt für das Motiv.“ https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Volle-Ampulle-700-Schafe-posieren-fuer-Corona-Impfung,aktuelllueneburg6684.html
Diese Impf-Euphorie war zu dem Zeitpunkt erstaunlich, denn Anfang 2022 zeichnete sich längst ab, dass die sich rasch ausbreitende Corona-Variante Omikron leichtere Krankheitsverläufe mit sich bringen würde. Dadurch war allerdings -schon Monate vor der entwürdigenden Entscheidung über eine Impfpflicht im Deutschen Bundestag- Nutzen und Sinn der weiteren Corona-Massenimpfung grundsätzlich in Frage gestellt. Nur wollte das keiner wissen, schon gar nicht der unbremsbare Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Karlimpf in allen Gassen, der noch nach Auftreten der Omikron-Variante medienwirksam Schul-Kinder impfte und bereits im Wahlkampf als Impfarzt hatte agieren dürfen. https://stellwerk60.com/2021/09/17/groko-stoppen-teil-2-der-titel-schuetzt-vor-torheit-nicht-impfarzt-prof-auflauerbach/
Wir können dankbar sein, dass sich in Südafrika, einem Land mit relativ geringer Impfquote, Ende 2021 die deutlich harmlosere Variante herausbilden konnte, denn nicht die Massenimpfung, sondern Omikron brachte die Wende.
Offenbar gilt auch für Schafe und Ziegen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Am 3.1.2022 sind 700 ausgehungerte Schafe und Ziegen dem Corona-Impfaktivismus auf den Leim gegangen. Die ohnehin schon karge Winter-Wiese hatte man zuvor so kahl geschoren, dass kein Grashalm mehr die Tiere ablenken konnte. Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von:https://www.welt.de/vermischtes/article236005760/Corona-Impfungen-700-Schafe-und-Ziegen-werben-als-riesige-Spritze.html Quelle: dpa/Philipp Schulze
„Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat…“ (Friedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“)
Erst kürzlich hat sich die Geschichte tatsächlich noch einmal zugetragen. Ganz in unserer Nähe, außerhalb eines alten Dorfes und doch in den Tiefen des Waldes, die es immer noch gibt. Dort lebten in Waldabgeschiedenheit eine Geiß und ihre sieben jungen Geißlein.
Die Geiß hatte ihren Kindern das Märchen einige Male erzählt, doch -so bitter es auch war- konnten die sieben jungen Geißlein nur glauben, was sie selber erlebt hatten. Daher hatten sie, als die Mutter einmal unterwegs war, nichtsahnend den Wolf schon bei seinem allerersten Täuschungsversuch ins Haus gelassen.
Als die Geiß nach Hause kam, wusste sie sofort, was passiert war. Sie geriet nicht in Panik, sondern behielt einen klaren Kopf. Sie spürte, wie ihr Herz schlug, aber sie schrie nicht, sondern rief nacheinander die Namen ihrer sieben Geißlein. Keines gab ihr eine Antwort. Erst als das jüngste an der Reihe war, hörte sie aus dem Uhrkasten ein leises „Mama?“
Obwohl sie die Geschichte kannte, ließ sie ihr Kind erzählen, was genau passiert war. Die Geiß weinte bitterlich, behielt aber einen klaren Kopf. Und weil sie ihr Nähzeug gut pflegte, Schere, Nadel und Faden immer für den Notfall parat lagen, schaffte sie es, ihre Kinder, die heil geblieben waren, zügig aus dem Wanst des schlafenden Wolfes zu befreien. Sie füllte seinen Bauch mit Wackersteinen, die die Kinder eilig gesammelt hatten, und nähte ihn so gut zu, dass die Steine nicht herausfallen konnten. Dann kam alles, wie es kommen musste.
Doch was nun? Wenn der Wolf auch tot war, so waren seine sterblichen Überreste noch immer im Brunnen, wohin sich das durstige Tier mit letzter Kraft geschleppt hatte. Anders als ihre Kinder, die nur kurz nach dem Unglück wieder übermütig gespielt hatten und jetzt eng aneinander gekuschelt tief schliefen, tat die Geißen-Mutter in der Nacht kein Auge zu. Es war entsetzlich, einen toten Wolf im Brunnen zu wissen. Das Dorf war längst an die Kanalisation angeschlossen, aber der letzte öffentliche Brunnen stand unter Denkmalschutz und wurde so gut gepflegt, dass sein Wasser zwar nicht den Menschen, aber den Tieren bekam. Wie sollte sie jemals wieder an das köstliche Wasser kommen? Und was war mit den alten Dorfbewohnern, die sich an sonnigen Tagen beim Brunnen trafen, bevor sie sich unter der Schatten spendenden alten Linde auf die Bank setzten?
An dieser Stelle schwieg das Märchen. Über den Brunnen mit dem toten Wolf darin war nichts weiter zu erfahren. Die Geiß kam ins Grübeln: Sollten ausgerechnet sie und ihre sieben Kinder diejenigen sein, die viele Jahre später das Märchen weiter erlebten und die Geschichte zu Ende erzählten?
Wie dem auch war: Sie musste die Angelegenheit öffentlich machen, es gab keine andere Wahl. Allerdings würde sie auf diese Weise die Menschen auf sich aufmerksam machen, und vielleicht wäre es dann mit der Waldeinsamkeit für immer vorbei. So bat sie am Morgen die Spatzen, in die nächstgrößere Stadt zu den Menschen zu fliegen und es von den Dächern zu pfeifen.
Da ein Notfall vorlag, stand schon nach wenigen Stunden eine Spezialeinheit des Gesundheits- und des Veterinäramts vor der Tür. Die alte Geiß führte die Personen zum Brunnen. Vermummte Hygienekontrolleure machten sich vor Ort ein Bild und informierten die Feuerwehr, die mit schwerem Gerät anrückte und die sterblichen Überreste des Wolfes aus dem Brunnen hob.
Drei Tage später wurde der Kadaver -nachdem man ihn auf Anzeichen von Tollwut untersucht hatte- der Tierverwertung zugeführt. So konnte sich, wie es hieß, das Biest posthum nützlich machen, auch bannte man auf diese Weise jegliche Verseuchungsgefahr. Der Brunnen wurde von Spezialkräften gründlich desinfiziert und wenige Tage später unter Vorbehalt wieder freigegeben.
Da der Wolf tot war, bräuchten die sieben Geißlein, wie der Leiter der Spezialeinheit ihnen mitteilte, keine Angst mehr vor ihm zu haben. Offenbar handelte es sich um einen alten Rüden, der kein Rudel mehr hatte und deshalb böse geworden war. Um die Gefahr weiterer Wölfe ausschließen zu können und die Sicherheit der Geißlein zu gewährleisten, hatte man den Wald Meter um Meter durchforstet. Bei der Aktion hatte man keinen Wolf, aber einige junge Menschen aufgestöbert, die ausgewandert, aber nicht weit gekommen waren.
Der Wald war frei von Wölfen. Die alte Geißlein spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Sie nahm die Kinder mit in den Wald und zeigte ihnen, wie sie Futter finden konnten. Als die sieben Geißlein für sich selber sorgen konnten, ging sie auf eine kleine Reise. Eines Morgens nahm sie letztes Mal das kleinste Zicklein an ihre Zitzen und verabschiedete sich: „Auf Wiedersehen, meine lieben Sieben. Ich gehe zu den Menschen, aber ich bin bald wieder da. Wenn Menschen kommen, lasst sie ruhig ins Haus. Aber nehmt euch in Acht, wenn sie euch zu etwas einladen oder euch etwas schenken wollen. Wir müssen Zeit gewinnen, deshalb sagt: „Wir sagen NEIN.Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“
„Sind denn die Menschen nicht lieb?“, fragte das jüngste Geißlein.
„Eigentlich schon“, sagte die alte Geiß und seufzte. „Die Menschen werden nicht böse geboren, aber oft machen sie mit der Zeit so schlechte Erfahrungen, dass sie böse werden.“
„Schlechte Erfahrungen mit Wölfen?“, fragte ein Geißlein. Jetzt schüttelte die Geiß den Kopf und lachte.
„Und woher sollen wir wissen, wer böse ist?“, fragte ein anderes.
„Hört auf die Vögel“, sagte die Geiß. „Seid auf der Hut, wenn die Krähe siebenmal krächzt, doch freut euch, wenn die Amsel singt.“
Die Geiß machte sich auf den Weg. Aber sie setzte sich nicht in Bus oder Bahn, sondern begab sich ins Rathaus. Sie trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und bekam als erste Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Präsident war nicht persönlich erschienen, wohl aber die Bürgermeisterin.
Ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde der Inhaber eines Geschäfts für Karnevalsbedarf, der dem Wolf den sogenannten „magischen Strumpf“ geschenkt hatte. Dieser Strumpf stellte inklusive Kunststoff-Klaue den unteren Teil eines Ziegenbeins dar, ließ sich leicht überstreifen und hatte dem Wolf wie angegossen gepasst. Ohne den genialen Geschäftsmann, so betonte die Bürgermeisterin in ihrer Rede, wäre die Geschichte wohl nicht so glimpflich verlaufen. Hätte der Verkäufer nicht dem Wolf geholfen, sich als Geiß zu verkaufen, hätte sich die Bestie über die Menschen hergemacht.
Die großen Märchen erzählen nicht nur die eine, sondern viele Geschichten. Die Illustratorin Tatjana Hauptmann versteht es, mit Liebe zum Detail das scheinbar Nebensächliche in den Vordergrund zu holen. Warum warnen Krämer, Müller und Bäcker die Geißlein nicht, wo sie doch wissen, dass der Wolf was im Schilde führt und Geißlein seine Leibspeise sind? „Ja, so sind die Menschen“, heißt es im Märchen. Eine genauere Antwort gibt diese Illustration. Abfotografiert aus: Christian Streich (Hrsg.): „Das große Märchenbuch. Die schönsten Märchen aus ganz Europa“, mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann.
Die Verleihung dauerte bis zum Abend. Beim festlichen vegetarischen Dinner wurden mit Rücksicht auf die Geiß keinerlei tierische Produkte gereicht – inklusive der sonst üblichen Käseplatte mit Crottin de Chavignol, einer berühmten französischen Ziegenkäse-Spezialität mit echtem Ziegenaroma. Die Geiß wurde anschließend in ein Wellness-Hotel gebracht, wo man im zweiten Stock ein Zimmer artgerecht für sie hergerichtet, das Bett beiseite geschafft und die Schlafstelle mit Stroh ausgelegt hatte.
Das Zimmer war geräumig, was umso erstaunlicher war, da gemäß den EU-Rechtsvorschriften selbst im ökologischen Landbau eine Stallfläche von nur 1,5 Quadratmetern je Ziege das vorgeschriebene Minimum war. Den Wellness-Bereich durfte die Geiß aus Rücksicht auf andere Gäste nicht betreten, aber sie hatte eine große Badewanne für sich alleine. Sie würde sich ein paar Tage ausspannen. Und sie spürte, dass es sehr erholsam sein würde, einmal nicht für die Kinder sorgen zu müssen.
Bevor sie sich schlafen legte, kontrollierte sie noch kurz Tür und Fenster. Die Zimmertür war von außen verriegelt, aber die beiden großen Fenster ließen sich öffnen. Als sie jung war und noch keine Kinder hatte, hatte die Geiß, wenn Vollmond war, eine unendliche Sehnsucht verspürt. In sternklaren Nächten war sie schlafend durchs Haus gelaufen und hatte die Fenster, die so klein waren, dass kein Geißbock hätte hindurchklettern können, so weit aufgerissen, wie es nur möglich war.
Die alte Geiß spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Anders als der Wolf würden die Menschen ihre Gier zügeln können. Sie zogen die Ziegenmilch dem Ziegenfleisch vor und gehorchten nicht nur der schieren Gier, sondern Verordnungen, Richtlinien und Gesetzen. Die Menschen hatten ihr als erster Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen, also würden sie ihr und den sieben Geißlein gegenüber gewisse Spielregeln einhalten müssen.
Am nächsten Morgen, während sie so tief schlief wie schon lange nicht mehr, war im Waldhaus bereits der Bär los bzw. die Ziege. Die sieben Geißlein hatten sich aus Tisch, Stühlen und Kochtöpfen einen Kletterhügel gebaut. „Kinder!“, schrie jemand vor der Tür, „könnt ihr mal leise sein?“ Die Geißlein erschraken, und es wurde so still, dass sie durch die geöffneten Fenster hindurch eine Krähe krächzen hörten, die über das Haus hinweg flog. Die Ziegenkinder zählten mit: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… Jemand klopfte energisch an die Tür. Als das älteste Geißlein aufmachte, traten zwei Menschen-Frauen ein, die eine dunkelhaarig, die andere blond.
„Ihr seht ja gar nicht böse aus“, sagte das jüngste Geißlein.
„Wir sind ja auch lieb“, sagte die eine der Frauen. „Und wir bieten euch unsere Hilfe an.“
„Wir kommen vom Jugendamt“, sagte die andere. „Ihr habt weder Hausnummer noch Klingel noch Strom noch fließend Wasser noch Telefon. Kopf hoch, das kriegen wir schon hin.“
Die Blonde lächelte: „Die Mama muss sich noch eine Weile ausruhen. Sie war ja völlig überfordert. Aber sagt, wer passt auf euch auf, wenn die Mama nicht da ist, wer sagt euch Bescheid, wenn ihr schlafen gehen sollt?“
„Wir sind doch nicht doof.“
Die Blonde lächelte noch breiter: „Ja, aber bis dahin muss jemand das Sorgerecht übernehmen. Aber sagt, wo ist der Papa?“
„Der baut leider immer wieder Bockmist“, sagte das älteste Geißlein.
„Also hat eure Mutter das alleinige Sorgerecht.“
„Sowas hat die Mama nicht.“
„Das werden die Experten klären“, sagte die Blonde und holte ein Blatt Papier aus der Tasche. „Könnt ihr bitte dieses Formular unterschreiben? Hiermit erklärt ihr, dass ihr Hilfe braucht. Klauenabdruck reicht.“ Durchs Fenster hindurch hörten die sieben Geißlein das siebenmalige Krächzen der Krähe, die über das Haus hinweg flog.
Sechs Geißlein fingen an zu weinen, nur das älteste nicht. „Das unterschreiben wir nicht“, sagte es.
„Ihr braucht aber dringend professionelle Hilfe“, sagten die beiden Frauen.
„Brauchen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „So ein Quatsch.“
Die Geißlein hörten auf zu weinen. „So ein Quatsch“, wiederholte das jüngste und lachte.
„So ein Quatsch“, wiederholten die anderen Geißlein.
„Wir sagen NEIN“, sagte das älteste Geißlein. Und alle Geißlein fielen ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“
Als die Frauen gegangen waren, waren die Geißlein wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.
Wenige Tage später hörten die Geißlein, während sie frühstückten und sich dabei mit Brombeeren bewarfen, durch die geöffneten Fenster hindurch wieder die Krähe krächzen, die über das Haus hinweg flog: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…. Das jüngste Geißlein öffnete die Tür, aber da war niemand.
„Wir sollten jetzt lieber aufräumen“, sagte das älteste Geißlein. Und das taten sie auch.
Als die Krähe eine Stunde später noch einmal siebenmal krächzend über das Haus flog, standen zwei Menschen vor der Tür. Die Geißlein ließen die Menschen ins Haus, einen Mann und eine Frau. Die beiden Menschen waren weiß gekleidet, trugen lange Hosen und geknöpfte Jacken: „Guten Tag, liebe Kinder.“
„Guten Tag auch“, sagten die Geißlein, „aber warum habt ihr weiße Klamotten an?“
„Aus Gründen der Hygiene“, war die Antwort. Die Frau rümpfte schnuppernd die Nase.
„Ich weiß, warum ihr weiße Sachen anhabt“, sagte das jüngste Geißlein und lachte. „Damit man fiese Flecken besser sehen kann.“
„Welche fiesen Flecken?“, fragte die Frau. „Was unterstellst du uns da?“
Jetzt lachten alle sieben: „Aber ihr habt da was.“
„Was?!“ schrie der Mann.
„Krähenschiet“, sagte ein Geißlein. „Nehmt das nicht persönlich, ist uns auch schon passiert.“
„Lecker roter Brombeerschiet“, lachte das jüngste Geißlein. „Amsel-Kaka.“
„Iiieh!“, schrie die Frau und suchte sich und den Kollegen nach Flecken ab. „Da ist nichts. Wollt ihr uns an der Nase herumführen?“
Jetzt lachten alle sieben Geißlein und sangen: „Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Amsel-Kaka, Krähenschiet, Vogelschiet, igittigitt, Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Kirschenschiet…“
„Pst“, unterbrach die Frau. „Schafft ihr es, kurz ruhig zu sein? Wir möchten euch etwas mitteilen.“
„Meinetwegen“, sagte das älteste. „Aber mach’s kurz.“
„Liebe Kinder, hört uns zu. Wir brauchen von euch eine Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung. Die Milch eurer großartigen, klugen und couragierten Mutter dürfte eine besondere sein. Wir wollen sie erforschen und entschlüsseln.“
„Mamas Milch gehört mir“, sagte das jüngste Geißlein. „Ihr kriegt keine Verzitzicherung.“
„Verzichtserklärung“, sagte die Frau. „Du weißt ja nicht einmal, wovon du redest, mein Kind. Du denkst nur an dich. Dabei müssen wir doch zusammenhalten.“ Die Frau schob die Unterlippe vor. „In den Laboren ist schon alles vorbereitet, die Forschungsprojekte sind finanziert. Wir haben namhafte Sponsoren gewinnen können. Jetzt fehlt nur noch…“ Sie schaute ihren Kollegen aufmunternd an.
„Die Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung“, ergänzte der Mann. „Seht ihr, was ihr angerichtet habt? Liebe Kinder, wir müssen doch kooperieren. Wir werden jeden Tag bei euch vorbeikommen und eurer Mutter etwas Milch abnehmen. Aber wir fassen eure Mutter nur mit antiseptischen Samthandschuhen an.“ Er zwinkerte mit dem Auge. „Aus Kunststoff natürlich. Mit Hilfe der wunderbaren Milch eurer wunderbaren Mutter werden wir die Formel finden und den Welthunger besiegen können. Wollt ihr das nicht?“
Die Geisslein zuckten zusammen. „Ich will zu meiner Mama“, sagte das jüngste.
Jetzt schrie der Mann: „Ihr wollt wohl nicht teilen. Wollt ihr alles für euch behalten, wollt ihr für den Hunger von Millionen Menschen-Kindern verantwortlich sein?“
„Das wollen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „Aber das sind wir auch nicht. Was Sie sagen, ist leider wissenschaftlich nicht haltbar. Wir sagen NEIN. Wieder fielen alle Geißlein ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“
Als die beiden Menschen gegangen waren, waren die Geißlein wieder wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.
Am Sonntag war die Luft rein. Die Geißlein hatten lange geschlafen, denn am Wochenende würden die Mitarbeiter der Ämter kaum vorbeikommen. Sie sehnten sich nach ihrer Mutter, die so lustig sein konnte, lecker kochte und jetzt schon eine Woche weg war. Jemand klopfte an die Tür, die nur angelehnt war. Die Amsel mit dem goldenen Schnabel sang der Singvögel Hochzeitslied, so schön. Eine dunkle Pfote wurde sichtbar. „Darf ich reinkommen? Mein Name ist Metis. Ich bin eine Wölfin.“
„Kannst reinkommen“, sagte das jüngste Geißlein und schluckte, denn die Wölfin, die sich ins Haus schleppte, war groß, ihr Fell dunkel.
„Ich habe Durst“, sagte die Wölfin mit heiserer Stimme. „Habt ihr Wasser für mich? Alle Bäche sind ausgetrocknet.“
Die Geißlein füllten einen großen Topf mit Brunnenwasser. Die Menschen tranken Leitungswasser und gossen nur noch ihre Pflanzen damit, aber für Ziegen und Wölfe war das Brunnenwasser durchaus bekömmlich. Die Wölfin trank den Topf leer und sagte höflich: „Danke.“
„Warum hast du so große Zähne?“, fragte ein Geißlein.
„Damit ich besser beißen kann. Kein Bange. Ich habe euch zum Fressen gerne, aber ich fresse euch nicht.“ Die Wölfin lächelte und zeigte ihre großen Zähne. „Außerdem bin ich satt. Ich habe vorhin ein verletztes Kaninchen… Tut mir leid.“
„Das muss dir nicht leid tun“, sagte ein Geißlein. „Selbst die Singvögel fressen Tiere. Sie füttern ihre Jungen mit Würmern, weil die Würmer lecker weich sind. Vögel haben leider keine Milch. Außerdem kann ja nicht jedes Tier so vernünftig sein wie wir Ziegen.“
„Der Wolf, der euch verschlungen hat, war kein gewöhnlicher Wolf“, sagte die Wölfin. „So irre ist kein Tier, das man nicht verrückt gemacht hat. Die Menschen müssen ihn zum Selbstmordattentäter abgerichtet haben. Ein gewöhnlicher Wolf würde niemals sieben Geißlein auf einmal verschlingen. Er würde sich… “ Die Wölfin schluckte und sprach leise weiter: „Ein gewöhnlicher Wolf würde sich ein einzelnes Geißlein vornehmen und es zwischen den Zähnen…“
„Bist du wohl ruhig!“, schrieen die Geißlein und hielten sich die Ohren zu.
„Ich wollte euch nicht zu nahe treten“, sagte die Wölfin. „Aber ich glaube, ihr habt einen verdammt guten Schutzengel. Sonst hättet ihr die Gier des Wolfes wohl kaum überlebt.“
„Hä?“ Das jüngste Geißlein lachte: „Bei dir piept’s wohl.“
„Ich weiß, dass euch himmlische Energien geholfen haben“, sagte die Wölfin.
Jetzt kugelten sich die Geißlein vor Lachen, sechs von den sieben rannten aus dem Haus und auf die Wiese. Endlich spielen! Das Wetter war schön und diese Wölfin wirklich ein bisschen bescheuert. Aber so waren die Erwachsenen eben.
„Was ist los mit den Menschen?“, fragte das älteste Geißlein, das bei der Wölfin geblieben war.
„Die Menschen-Männer sind nicht satt zu kriegen“, sagte die Wölfin. „Das macht sie gefährlich. Vor lauter Geld sind sie blind für den Reichtum der Welt, und in ihrer Liebe zur Technik nehmen sie die Schönheit der Natur nicht mehr wahr. Doch weil sie ihre Männer trotz alledem lieben, ziehen die Frauen mit in den Krieg gegen die Menschen und die Tiere. Sie vergessen, dass sie Frauen sind. Dabei verraten sie ein Gefühl, das alle Frauen haben, ob sie Mutter sind oder nicht: Die Mutterliebe.“
„Darüber muss ich noch nachdenken“, sagte das Geißlein.
Die Wölfin zeigte lächelnd die Zähne. „Aber jetzt hol deine Geschwister. Wir wollen doch die Mama aus der Geiselhaft befreien.“
Das älteste Geißlein erschrak. „Die Mama ist doch nicht in Geißenhaft“, sagte es.
„Was glaubst du denn, wo sie ist?“, fragte die Wölfin. Das Geißlein lief schnell nach draußen und holte seine Geschwister. Sehr ernst setzten sich die sieben Geißlein zu Metis in den Kreis, hielten sich an den Klauen und schlossen die Augen…
Wenig später war zu lesen, dass die Geiß, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, aus der Wellness-Oase verschwunden sei, spurlos. Die Verantwortlichen machten sich große Sorgen, denn die Fenster waren weit geöffnet gewesen. Vermutlich war die Geiß aus dem Fenster gefallen, woraufhin ein streunender Aasfresser, vermutlich ein Wolf, ihr Fleisch in sein Versteck geschleift hatte.
Verschwörungstheoretikern fiel auf, dass unter dem Fenster keine Spuren zu finden waren. Sie sprachen von einem fliegenden Teppich, auf dem die Geiß geflohen sein könnte. Viele verrückte Ideen wurden geäußert. Und das fliegende Rettungsboot aus lauter Vögeln, aus Krähen, Amseln und Spatzen, aus Lachmöwen und Halsbandsittichen, das ein alter Mann gesehen haben wollte, gab es nur im Märchen.
Noch etwas war nicht mehr zu finden: Das Waldhaus. Die Navigationssysteme zeigten Standort und Weg an, aber ein Polizeiwagen war im Morast steckengeblieben, was angesichts der anhaltenden Trockenheit erstaunlich war. Ausgeschickte Drohnen verschwanden spurlos.
Man hatte die Geiß und die sieben Geißlein nie wieder gesehen. In der Nähe des Brunnens jedoch entdeckte man immer wieder frische Ziegenhuf-Spuren.
Am Strand von Spiekeroog: Kinder bauen bei Ebbe eine Sandburg. Als die Sandburg fertig ist, wird sie mit Muscheln verziert, denn Steine findet man am Strand vom Spiekeroog kaum. Die Kinder wissen, dass die Flut kommt, und gehen. Morgen werden sie eine neue Sandburg bauen, die schönen Schalen der Herzmuscheln gibt es wie Sand am Meer. Man merkt der Sandburg an, welche Freude die Kinder hatten, als sie sie gebaut haben. Zwei Jungs, die vorbeikommen, spüren das auch. Sie können die Schönheit der Sandburg nicht ertragen und zögern nicht lange. Was die Flut kann, können wir auch, nur viel schneller.
Aufgrund von Ausgrabungen mithilfe präziser moderner Techniken müssen die Ursprünge der Menschheit immer wieder neu datiert werden. „Sowohl genetische Daten heute lebender Menschen als auch Fossilien weisen auf einen afrikanischen Ursprung unserer Art hin. Die ältesten bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien stammen aus Äthiopien: Die Fundstelle Omo Kibish ist 195.000 Jahre alt, Herto wird auf 160.000 Jahre datiert.“ https://www.mpg.de/11322546/homo-sapiens-ist-aelter-als-gedacht
Geschichtsschreibung als bewusste sprachliche Aufzeichnung und Deutung historischer Ereignisse sowie deren Festschreibung als „Geschichte“ gibt es erst seit der Antike. Die frühen „Historiker“ waren ausschließlich Männer. Im Laufe der Sesshaftwerdung der Menschen, die vor gerade einmal 10.000 Jahren begann, übernahmen die Männer überall dort, wo sich Matriarchate entwickelt hatten, die Herrschaft. Das Patriarchat setzte sich weltweit mit aller Macht und Härte durch. Männliche „Stärken“ wie Muskelkraft, Kampfbereitschaft und Kriegslüsternheit spielten eine immer größer werdende Rolle, denn das Eigentum war entstanden und „musste“ verteidigt werden. Fortan war die Geschichte mitsamt all ihren Institutionen, Erfindungen und kulturellen Errungenschaften immer auch eine Geschichte brutaler Kriege, der primitiven und brachialen Waffengewalt. Kaputtmachen ist einfach, Kaputtmachen ist feige, Kaputtmachen sichert Macht. Nichts ist einfacher, als mit roher Gewalt Tatsachen zu schaffen, Geschichte zu schreiben.
Doch warum hat die zwar gefahr-, aber dennoch relativ friedvolle vorpatriarchale und vormatriarchale Epoche nicht eher geendet, „was hat die steinzeitliche Welt so lange in der Balance gehalten? Warum hat der Gebrauch von Werkzeugen und Waffen nicht zur Selbstzerstörung geführt? … Entscheidend war die Liebe zum Leben: Das Gespür für Natur, die Ehrfurcht vor der weiblichen Gebärfähigkeit und die Einbettung des menschlichen Daseins in den göttlichen Kosmos…“ Weiterlesen: https://stellwerk60.com/2016/12/06/die-menschheitsgeschichte-begann-in-afrika/
Doch eben diesen friedenssichernden göttlichen Kosmos, jene spirituelle Balance meint der männliche Größenwahn zertrümmern zu müssen. Die männliche Hybris konkurriert dabei nicht nur mit der göttlichen Schaffenskraft, sondern auch mit der Schöpfungsgeschichte. Männer wollen auch deshalb Macht und Einfluss haben, um selber Schöpfer zu sein, (Welt-) Geschichte zu schreiben.
Dieser Gestaltungs-Ehrgeiz zeigt sich auch im Verhalten vieler unserer Zeitgenossen, die, sobald sie Einfluss haben, ohne es zu merken, permanent Sandburgen zertrümmern. Buchautor und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will uns nicht nur alle impfen, sondern mit einem reißerischen Spruch angeln: „Bevor es zu spät ist“ (Rowohlt 2022). Wissenschaftsjournalist, Atheist und Buchautor Ranga Yogeshwar, den ich in mancherlei Hinsicht sehr schätze, impft uns mit Halbwissen. Sein Video „Warum Impfen schlauer ist“ (6.8.2021) ist zwar spätestens seit Omikron in allen Punkten widerlegt, steht aber weiterhin unverändert im Netz. https://www.youtube.com/watch?v=gT9z-l77ZYk
Schon anlässlich der Schweinegrippe im Jahr 2009 mutierte Yogeshwar zum öffentlich-rechtlichen Impf-Missionar.In einer Quarks&Co-Sendung zum Thema Schweinegrippe am 1.9.2009 beantworteten Ranga Yogeshwar und der Virologe Alexander Kekulé, der sich wenig später mit dem schon damals umstrittenen Impfstoff Pandemrix impfen ließ, Zuschauerfragen. Ende 2020 dann benutzte Yogeshwar im Interview mit morgenpost.de in Bezug auf die Corona-Impfung eine zum Fremdschämen kitschige, hymnisch-sentimentale Floskel, die mich aufhorchen ließ: „Ich bin stolz, jetzt Teil der Menschheit zu sein.“ https://www.morgenpost.de/berlin/article231048684/Ranga-Yogeshwar-Corona-Impfen-Schnelltests.html (leider €)
***
Doch wer die Natur nicht sentimental verklärt oder nach Brauchbarkeit abklopft, nach Nutzen für Technik und Wissenschaft, wer noch zu schauen oder zu lauschen vermag, dem (oder der) erzählt sie wundersame Geschichten:
Krochen
in den
Nabel der Spirale
und fanden sich da…
Schöpfungswonne *
Sommer 2021: Diese weibliche Figur habe ich vor drei oder vier Jahren in einem Kringloopwinkel (Kringloop = Kreislauf) in Alkmaar gefunden. Das Holz war glänzend lackiert, aber der Regen hat den Lack mit der Zeit abgewaschen. Strudel bewegen sich spiralförmig. Diese langsam fließende Spirale vermittelt nur eine leise Ahnung von der Sogkraft des Strudels. Und doch schienen die beiden Gartenschnecken durch eine geheimnisvolle Kraft in den Nabel der Figur, in den Mittelpunkt der Spirale gezogen worden zu sein. Dabei ist diese Spirale ein Spiel mit der Spirale, die sich, als ich sie genauer betrachtete, noch als etwas anderes entpuppte: Zwei ineinander verschlungene Schlangen. Nachdem ich sie vom Sofa aus beim Blick durch die Terrassentür entdeckt hatte, blieben die Schnecken dort -zwischen den regenfeuchten Blättern von Minze und Efeu- noch eine Stunde oder länger. Dann ließen sie einander los und krochen in verschiedene Richtungen davon.
***
Ergänzung 16.7.22: Was aber ist der Unterschied zwischen dem Gartenschnecken-Paar und dem Ehepaar Lindner/Lehfeldt? Wir erinnern uns: Bundesfinanzminister Christian Lindner hat am vergangenen Wochenende auf Sylt eine Journalistin namens Franca Lehfeldt geheiratet. Anders als die bundesdeutsche Politprominenz waren wir, das Volk, nicht eingeladen, durften aber der Traumhochzeit zwischen Lindner und Lehfeldt bzw. Politik und Journaille vom Fernsehsessel aus zuschauen.
In der EMMA brachte Alice Schwarzer „den kleinbürgerlichen Kitsch“ der Veranstaltung auf den Punkt: „… Das ganze medial effektiv beschirmt von einer Hundertschaft Polizei, bezahlt vom Steuerzahler. Hochzeitsgast Friedrich Merz braust im Privatjet aus dem Sauerland an, markig am Steuerknüppel. Ein echter Mann eben. Ex-Kandidat Laschet kommt aus Aachen im Kleinbus. Passt. Die Braut steckt in einem cremefarbenen „Jumpsuit“, rückenfrei, der Bräutigam in einem sehr blauen Anzug. Er steigt, knapp vor dem Kirchenportal, aus einem schwarzen BMW. Sie folgt in einem schwarzen Porsche Targa.“ https://www.emma.de/artikel/lindner-hochzeit-es-ist-zum-kotzen-339645
Am liebsten hätte ich weggeguckt, aber Abschalten ging nicht. Schließlich wurden wir auf allen Kanälen mit der Story beballert. Und das, wie Alice Schwarzer schreibt, in „Zeiten, in denen die Inflation galoppiert, die Menschen arbeitslos werden, Alten und Armen das Gas abgedreht wird; in Zeiten, in denen Krieg nebenan ist und in Afrika deswegen noch mehr Menschen verhungern.“ (emma.de, s.o.)
„Wir sind das Volk.“ Es gibt uns noch, aber wir sind zum Zuschauen verdammt. Wir müssen das Hochzeitsfest mitfinanzieren, müssen Eintritt bezahlen, aber die Party findet ohne uns statt. Nun zeichnet sich die aktuelle deutsche Bundespolitik durch Abschottung von den Menschen, durch eine kaum noch erträgliche Egomanie der Agierenden, durch Selbstgerechtigkeit, Eitelkeit und Gleichgültigkeit aus. Dolce Vita in Germany: Dass Autonarr und Bundesfinanzminister Lindner, während weltweit Großbrände wüten, seine Hochzeit dazu benutzt, für die deutsche Autoindustrie zu werben, für Porsche und BMW, ist nicht nur scham- und geschmacklos, sondern -wie Alice Schwarzer sagt- zum Kotzen.
Doch was ist jetzt der Unterschied zwischen dem Gartenschnecken-Paar und dem Ehepaar Lindner/Lehfeldt?
Anders als Lindner/Lehfeldt sind den Gartenschnecken Geld, Selbstdarstellung und Haartransplantationen (Lindner) fremd. Und abgesehen davon, dass sie gar nicht stehen können, stehen Gartenschnecken nicht gerne im Mittelpunkt. Beifall ist ihnen suspekt. Aus gutem Grund verstecken sie sich lieber. Doch wenn Schnecken Hochzeit feiern, sind sie der Mittelpunkt der Welt – was alle nachempfinden können, die glücklich verliebt sind oder es einmal waren.
Gartenschnecken sind verletzlich, sie paaren sich nur dort, wo sie sich geschützt fühlen- stundenlang. Dass sie sich vor meinen Augen in den Mittelpunkt der Spirale gesetzt haben, berührte und erfreute mich. Ich war zu ihrer Hochzeit eingeladen. Diese beiden Schnecken schienen genau zu wissen, dass ich sie erschütternd schön finde. Niemand kann mir erzählen, dass Schnecken nicht dankbar sind.
*Auf den Begriff „Schöpfungswonne“ bin ich bei der Theologin Hanna Strack gestoßen, die ihn wiederum in einer Schrift des Religionswissenschaftlers Walter Schubart entdeckt hat („Religion und Eros“, 1941). In ihren Büchern schließt sich Hanna Strack der Weltsicht der Philosophin Hannah Arendt an, für die das menschliche Leben von der Geburtlichkeit geprägt ist und nicht -wie es die klassische Philosophie postuliert- von der Sterblichkeit. Das geht einher mit einem radikalen Perspektivwechsel, denn die Entwürfe der mittlerweile 85jährigen Christin Hanna Strack haben naturreligiöse Elemente.
Anders als die Theoretikerin Hannah Arendt versinnlicht Hanna Strack die „Geburtlichkeit“. Für sie sind Menschen nicht nur Geborene, sondern Gebärende, wobei das Vermögen, ein Kind zur Welt zu bringen, ein rein weibliches ist. Hanna Strack, die drei Kinder zur Welt gebracht hat, entwickelt eine „Theologie des Blühens“ und richtet den Blick auf „das Leben in Fülle“. Sie unterwirft sich nicht der christlichen „Unter Schmerzen sollst du gebären“ – Doktrin, die den Geburtsschmerz als Strafe versteht, sondern entwickelt eine gewagte feministische These: Indem sie mithilfe der Wehen ein Kind/den Menschen zur Welt bringt, ist die Frau „Mitschöpferin“.
Angefangen hatte es mit extremer Müdigkeit. Ich verschlief einen ganzen Sommer-Sonntag. Zwei Tage lang konnte ich nur wenig essen, und ich verschmähte mein Leibgetränk Rotwein. Am dritten Tag war zwar der Appetit wieder da, aber der Wein aus dem Languedoc schmeckte nicht mehr leicht herb nach meinen Lieblings- Trauben Syrah und Grenache, sondern seltsamerweise nach Merlot, jener Mainstream- Rebsorte, deren klangvoller Name daher rührt, dass die Amsel (franz. merle) eine Vorliebe für die dünnschaligen Weintrauben hat. Was war los, würde der Wein mir niemals mehr munden – oder hatte ich Corona? Als dann ein leichter Schnupfen hinzukam, schöpfte ich Hoffnung auf Omikron und bin ins Testzentrum gegangen.
Vorher hatte ich mich im Internet über die neuen Quarantäne-Bestimmungen kundig gemacht. Die „Geimpften“ und „Geboosterten“ haben keine Vorteile mehr gegenüber uns „Ungeimpften“. Für alle positiv Getesteten endet die Quarantäne ohne verpflichtenden Test „automatisch“ nach zehn Tagen, aber nach fünf Tagen Isolation kann man sich „freitesten“.
Das Gesundheitsamt sieht mittlerweile von Hausbesuchen ab. „Das haben wir früher gemacht“, sagte die junge Frau, die nach einem positivem Schnelltest bei mir einen Abstrich für den PCR-Test nahm. „Aber das war übertrieben. Wir gehen davon aus, dass Sie sich verantwortlich verhalten.“
Dieser Abstrich für den PCR-Test fühlte sich nicht an wie der, den ich vor einem knappen Jahr als „Kontaktperson“ über mich ergehen lassen musste, sondern eher wie der für den „Antigen-Schnelltest.“ Die Frau hielt sich via Teststäbchen nur kurz in meiner Mundhöhle auf, um direkt anschließend ins linke Nasenloch zu wechseln. Es war erträglich, sie bohrte nicht tief. Meine Frage, ob sich die Gebrauchsanleitung für den Abstrich innerhalb des letzten Jahres geändert habe, bejahte die Frau: „Die Abstriche wären so nicht nötig gewesen. Damals waren wir nicht zimperlich, da sind wir ja den Leuten ins Gehirn gegangen.“
Was sie sagte, entsprach dem, was meine jüngere Tochter und ich im letzten Jahr als weder infizierte noch infektiöse „Kontaktpersonen“ während unserer zweiwöchigen (!) Quarantäne erlebt hatten. Am Morgen nach dem Haus(Türschwellen-)besuch des Gesundheitsamts und dem PCR-Test-Abstrich zwischen Tür und Angel war nicht nur das rechte Auge (Abstrich-Seite) meiner Tochter gerötet, sondern sie verspürte tagelang einen stechenden Schmerz im Hals. Dass Abstriche für PCR-Tests richtig brutal sein können, „musste eine meiner Schwippschwägerinnen erfahren. Bei ihr wurde ein Nerv getroffen. Nachdem sie sich vor ein paar Jahren die Nase gebrochen hat, sieht der Innenraum ihrer Nase anders aus als die Norm-Naseninnenräume auf den Abbildungen in den Fachbüchern. Das medizinische Personal müsste für den Fall, dass man solche Eingriffe überhaupt vornimmt, dringend angehalten werden, nach Vor-Verletzungen zu fragen!“https://stellwerk60.com/2021/08/30/hoemma-lisa-deine-tochter-hat-delta-und-du-laedst-mich-nicht-zur-viren-party-ein-kniesbueggel-eine-begegnung-mit-der-frau-keuner/
Zwei Tage nach meinem Besuch im Testzentrum war der positive Labor-Befund da. Der gelassene Mitarbeiter des Kölner Gesundheitsamts, der mich anrief, bestätigte ebenfalls meine Vermutung, dass es mittlerweile, was den PCR-Test betrifft, neue Vorgaben für eine sanftere Durchführung des Abstrichs gibt. Doch anders als die Frau im Testzentrum wies er alle Verantwortung von sich. Es sagte etwas wie: „Damals war eben alles neu für uns.“ Mit anderen Worten: „Wir mussten noch üben.“
Leider konnte man mir nicht sagen, an welcher Virus-Variante bzw. Untervariante ich „litt“, weil man nur noch Stichproben durchführt. Das ist meines Erachtens fahrlässig, denn der Unterschied zwischen Delta und Omikron ist -so ist es zu lesen, zu hören, und so habe ich es selber erlebt- etwa wie der zwischen Grippe und grippalem Infekt. Ich finde, der Mitarbeiter des Gesundheitsamts hätte mich aufklären und beruhigen müssen: „Wenn sie sich gut auf den Beinen halten können und in der Lage waren, froh und munter mit dem Fahrrad zum Testzentrum zu fahren, ohne vom Rad zu fallen, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Höchstwahrscheinlich ist es die harmlose Omikron-Variante, denn glücklicherweise hat Omikron die Delta-Variante fast vollständig verdrängt.“
Vor einem knappen Jahr noch machte man eine regelrechte Aufspür-Jagd auf die Virus-Variante, die man „Delta“ nannte und die die Ur-Variante „Alpha“ im Sommer 2021 allmählich ablöste. Es hieß, dass man für den Abstrich bis an die hintere Rachenwand und den tiefsten Winkel vordringen müsse, um ein sicheres Test-Ergebnis zu erzielen. Das wäre nicht nötig gewesen, was man schnell hätte herausfinden können, doch im Namen einer vermeintlichen Sicherheit und wissenschaftlichen Genauigkeit agierte man hyperkorrekt.
Die deutsche Gründlichkeit machte nicht einmal vor Kleinkindern halt. Unten stehende Info-Grafik, die demonstriert, wie ein Abstrich für den PCR-Test genommen wird, wurde gleich zweimal -zur Bebilderung zweier verschiedener Artikel- in der „Apotheken-Umschau“ veröffentlicht, im November 2020 und im Juni 2021.
Mithilfe moderner Info-Grafiken werden heutzutage komplexe medizinische Themen bildlich dargestellt, damit sie auch für den Laien verständlich sind, doch viele dieser Bilder sind verstörend und schamverletzend. Sie werfen einen fragwürdigen Blick in Körperinnenräume und manipulieren unsere Wahrnehmung. Hier wird der unangenehme, tief in den Kopf eindringende Abstrich für den PCR-Test banalisiert und der Eingriff zu einer Lappalie heruntergespielt:
Eine grenzüberschreitende Abbildung eines grenzüberschreitenden Eingriffs. Medizinisch legitimiert dringt „der Arzt“ mit dem „Stäbchen“ in ein Kind ein… So tief, bis es nicht mehr weiter geht: Bis zum Anschlag. Auf der Grafik bleibt „der Arzt“ unsichtbar, was den Vorgang umso unheimlicher macht. Wir sehen Marie (wie ich sie nenne), ein tapferes, gehorsames, allzeit bereites PCR-Mädel. Marie, die mich an die beliebte Mädchen-Comic-Figur „Conni“ erinnert („Conni lernt Radfahren“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“…), gibt es nicht wirklich, denn Marie ist am Computer entworfen. Zunge, Gaumen und Rachen sind farblich abgestimmt auf Maries rosafarbenes Hemdchen und das hellrote Haarband. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, sie schaut fast versonnen. Ihr zartes Köpfchen ist wie gemacht für den Abstrich. Ich finde diese Grafik entsetzlich. Für kleine Kinder sind Abstriche für den PCR-Test eigentlich unzumutbar, zumal ihnen Corona kaum etwas anhaben kann. Aber auch durch weniger invasive Abstriche, wie sie routine- und regelmäßig an den Schulen durchgeführt wurden, erleiden Kinder seelische Verletzungen, psychische Mikro-Traumata, die Narben hinterlassen. Diese Info-Grafik ist nicht nur widerlich, sondern untergründig pornografisch – unter dem Deckmantel der Medizin. Ich stelle mir gestörte Männer vor, deren sadistisch-perverse, voyeuristische Gelüste hier Nahrung finden und auf einen Klick immer wieder neu angestachelt werden: Aufgespießt. Auch wenn die Grafik zweckdienlich ist, finde ich, dass sie aus dem Netz genommen werden müsste. Solche Bilder sind gefährlich.
Die kriegerische Corona-Politik der Bundesregierung, die noch in der harmlosen Omikron-Variante den Feind wittert, korrespondiert mit der aggressiven Kriegspolitik. Ich freue mich über alle Menschen, die sich dieser Kriegspolitik entgegenstellen. Es gibt sie noch.
Mit „Frieden und Gerechtigkeit“ ist eine pazifistische Stellungnahme überschrieben, die die Zeitschrift EMMA am 23. Juni dem offenen Brief an Olaf Scholz ergänzend hinzugefügt hat: „Zu einem sofortigen „Verhandlungsfrieden“ statt einem nicht endenden Zermürbungskrieg rät eine Gruppe internationaler katholischer Wissenschaftler, Politiker und Ethiker nach einer zweitägigen Sitzung in Vatikanstadt.“ Der ganze Text: https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz/u/30687128
Aber was meint der Bundesgesundheitsminister mit „humanitäre Hilfe“? Für Lauterbach ist die „humanitäre Hilfe“ insbesondere eine medizinisch-technische. Konkret sieht es so aus, dass in der Ukraine nicht nur deutsche Notfallmediziner zum Einsatz kommen, sondern Container-Werkstätten errichtet werden, wo Prothesen der deutschen Firma Otto Bock hergestellt werden. „Auf Vermittlung des Bundesgesundheitsministeriums bieten sich über die Bundesärztekammer 200 Chirurgen und Notfallmediziner für den Einsatz in der Ukraine an.“ (Pressemitteilung, ebd.)
Das Unternehmen Otto Bock „… wurde am 13. Januar 1919[4] als Orthopädische Industrie GmbH von dem Unternehmer Otto Bock in Berlin gegründet, um die vielen Tausend Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs mit Prothesen und orthopädischen Produkten zu versorgen.[5]“ https://de.wikipedia.org/wiki/Ottobock Der Krieg in der Ukraine wird der orthopädischen Industrie weiter Aufschwung geben. Wie kann man, ohne den Begriff zu relativieren und zu hinterfragen, bei der Versorgung mit Prothesen von „humanitäre(r) Hilfe“ reden? Mich entsetzt die Vorstellung, dass schon kleine Kinder zu Kriegsinvaliden werden. Warum tut man nicht alles, um den Krieg zu beenden, zu verhindern, dass Kinder beim Spielen auf Minen treten und Gliedmaßen verlieren. Und warum nimmt man in Kauf, dass die Kinder aus Angst vor Minen auf unabsehbare Zeit gar nicht mehr draußen spielen können?
Dabei ist die Beinprothese Karl Lauterbachs persönlicher Alptraum. Ein traumatisches Kindheitserlebnis, das er in seiner Biografie „Bevor es zu spät ist“ beschreibt, hat ihn bewogen, Medizin zu studieren. „Als Lauterbach 13 Jahre alt war, diagnostizierten Ärzte an seinem Knie eine Knochenzyste und warnten, sein Bein müsse eventuell amputiert werden. Zunächst ein großer Schock, doch später stellte sich die Besorgnis als unbegründet heraus. Die Zyste war gutartig.“ https://www.focus.de/kultur/medien/karl-lauterbach-mit-13-jahren-erhielt-er-eine-krebsdiagnose_id_59138982.html Die völlig unverantwortliche „Diagnose“ der Ärzte und die Androhung der Amputation dürften den jugendlichen Karl Lauterbach schwer traumatisiert haben. Hinzu kam eine schlecht ausgeführte Operation, denn „es habe sich ein Hospitalkeim eingenistet. Wochenlang lag er deswegen mit einer offenen Wunde an der Hüfte in der Klinik.“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237115415/Karl-Lauterbach-wollte-nach-Krebsdiagnose-Arzt-werden.html
Wir haben einen Bundesgesundheitsminister, der in früher Jugend eine persönliche Katastrophe mit rücksichtslos agierenden Ärzten erlebt hat. Mit Lauterbachs traumatischer Erfahrung ist seine autoritäre, permanent grenzüberschreitende Gesundheitspolitik zwar zu erklären, aber nicht zu billigen. Gerade nach einem solchen Erlebnis wäre eine gewisse Zurückhaltung dringend geboten. Das Gegenteil ist der Fall.
Ich halte den Mann für gefährlich. Lauterbach dürfte dafür gesorgt haben, dass die STIKO am 24.5.2022 eine allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige herausgegeben hat. Wir erinnern uns: Lediglich mit dem Hinweis darauf, dass eine allgemeine Impfempfehlung zu erwarten sei, hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach Ende 2021 gesunde Kinder dieser Altersstufe medienwirksam geimpft, obwohl es zu dem Zeitpunkt (und noch monatelang!) nur eine eingeschränkte Empfehlung gab. Indem er die Kinder eigenhändig geimpft hat, hat es Lauterbach sozusagen persönlich übernommen, (s)eine allgemeine Impfempfehlung auszusprechen. Handelt es sich hier nicht um Amtsmissbrauch? Karl Lauterbachs eigenmächtige Impf- Werbeaktion wurde jedoch kaum kritisiert und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Deutschland viele gesunde Kinder „ohne Indikation“ geimpft wurden.
Für mich kam die allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige (eine einzelne Impfung) am 24.5.2022 völlig überraschend, denn im Frühjahr 2022, als klar geworden war, dass die Omikron-Variante für Kinder noch einmal deutlich harmloser ist als DELTA, hatte die abwartende STIKO klar zurückgerudert. „Angesichts der deutlich milderen Verläufe mit der Omikron-Variante will die Ständige Impfkommission (Stiko) eine neue Empfehlung für Kinder und Jugendliche aussprechen. Dies berichtete zunächst das Nachrichtenmagazin „Focus Online“ mit Verweis auf das Robert-Koch-Institut (RKI).“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237895813/Coronavirus-Stiko-plant-neue-Impf-Empfehlungen-fuer-Kinder-und-Jugendliche.html
Diese „neue Empfehlung“ wäre allerdings keine allgemeine Impfempfehlung gewesen, sondern ihr Gegenteil: „Ob die Stiko die Empfehlungen verändern wird, sei unklar. Nach Informationen von „Focus“ könnte es darauf hinauslaufen, keine „Bedarfsempfehlung“ mehr zu geben. Das würde eine Abkehr von einer allgemeinen Empfehlung hin zu individuellen Faktoren bedeuten.“ (welt.de, s.o.)
Völlig überraschend und in keiner Weise mehr nachvollziehbar hat die STIKO ausgerechnet jetzt, wo die Kinder dank Omikron nur noch äußerst leicht an Corona erkranken, eine absolute Kehrtwende gemacht. Ein Skandal, wie ich finde! Und wenn auch, was Kinder betrifft, laut Studien keine gravierenden Impf-Nebenwirkungen zu erwarten sind, wissen wir doch nach wie vor nichts über eventuelle Langzeitschäden. Was hinter den Kulissen passiert ist, kann man sich ausmalen, wird aber geheimgehalten.
Beim heutigen Blick auf die Aktienkurse fällt mir auf, dass der DAX klar geschrumpft, die Biontech-Aktie aber ebenso deutlich gestiegen ist. Ich frage mich, warum, und lese, dass die US-Regierung im großen Stil weiteren Corona-Impfstoff von „Pfizer“ und „Biontech“ für eine geplante Booster-Kampagne im Herbst bestellt hat. „Konkret gehe es um mindestens 105 Millionen Dosen und ein Vertragsvolumen von über 3,2 Milliarden Dollar (3,1 Mrd Euro), teilten die Unternehmen und die Regierung am Mittwoch mit. Die Lieferungen sollen im Spätsommer beginnen und Impfstoffe sowohl für Erwachsene als auch für Kinder enthalten. Laut Pfizer-Chef Albert Bourla geht es dabei auch um Mittel, die speziell gegen neuartigere Virusvarianten wie Omikron schützen könnten. Der Deal umfasst eine Kaufoption für weitere bis zu 195 Millionen Dosen, wodurch der Gesamtumfang auf 300 Millionen Dosen ansteigen könnte./hbr/DP/stk“ https://www.boerse.de/nachrichten/USA-bestellen-Pfizer-Biontech-Impfstoff-fuer-3-2-Milliarden-Dollar/33920255
Der riesige Schritt „nach vorn im Kampf unseres Landes gegen das Virus“. Was der ebenfalls lebensgeschichtlich schwer traumatisierte US-Präsident Joe Biden von sich gibt, der die US-Amerikaner zur Baby-Impfung aufruft, ist schwülstig und irrational. Welche Kämpfe werden da gefochten, hat Joe Biden immer noch nicht begriffen, dass Omikron kein Feind ist, den man bekämpfen muss? Ist der US-Präsident noch bei Sinnen, weiß er, was er da sagt?
Der Milliarden-Deal zwischen Biontech/Pfizer und US-Regierung ist eine Erneuerung der deutsch-amerikanischen Impf-Freundschaft, was Lauterbach ebenso gefreut haben dürfte wie das „Ja“ der US-Gesundheitsbehörde zur Corona-Baby-Impfung. Leider hat Lauterbach, der ja sonst permanent twittert, die CDC-Entscheidung -soviel ich weiß- nicht öffentlich kommentiert.
Kurz vor Ende seiner Kriegs-Geschäftsreise in die Ukraine jedoch setzte Lauterbach bei der Besichtigung eines Krankenhauses in Lwiw am 10. Juni noch einen bemerkenswerten Tweet ab: „Die Kliniken waren in einem bescheidenen Zustand. Hier stecke ich mit Gesundheitsminister Victor Lyaschko im Aufzug fest, der ruckartig 1 Meter absackte. Rausklettern wollte zunächst niemand…„
Nun sind die deutschen Kliniken, wie wir wissen, in einem mehr als bescheidenen Zustand. Der schöne Schein medizinischer Hochtechnologie kann den Pflegenotstand schon lange nicht mehr verdecken. Das kalte, profitorientierte deutsche Gesundheitssystem bräuchte dringend humanitäre Hilfe.
Wie dem auch sei: In dem Moment, als Karl Lauterbach bei der Besichtigung eines ukrainischen Krankenhauses mit einem Aufzug stecken blieb, bekam ich Corona.
Offenbar stellen extrem hohe Berge für viele Männer eine Provokation dar. Der Berg bleibt an seinem Platz, er rückt nicht zur Seite, wenn der Mann kommt. Mit „der Mann“ meine ich Männer wie den Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner, der es zwischen 1970 und 1986 als Erster bis auf die Gipfel aller vierzehn Achttausender geschafft hat, und zwar alle vierzehn Male ohne Flaschensauerstoff.
Während es in den Jahrzehnten danach immer mehr Extrem-Sportler, aber auch Sportlerinnen auf die 8000er drängte, hat sich Messner rechtzeitig abgeseilt und seine Rekordleistung äußerst geschickt vermarktet. Er war nicht nur Trainer bei Manager-Seminaren, sondern hat im Jahr 1992 gemeinsam mit Herbert Henzler, dem früheren Deutschland-Chef der weltweit agierenden Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey, eine Vereinigung für deutsche Spitzenmanager gegründet, den Elite-Club der „Similauner“. Diese „Similauner“ sind „Der letzte Männerbund“, wie im Jahr 2012 der Titel eines Artikels im Manager-Magazin lautete. Mit leisem Spott resümierte Autorin Gisela Maria Freisinger: „Unnötig zu erwähnen, dass in dieser Gipfelwelt Frauen nichts zu suchen haben.“https://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-849392.html
Doch warum müssen es Männer wie Messner mit den höchsten Bergen aufnehmen, warum müssen sie den Berg noch um die eigene Körperlänge überragen, was ist so faszinierend daran, an diesen unwirtlichen, nicht einladenden Orten einen heroischen Überlebens-Kampf zu inszenieren? Zum Corona-Virus äußerte sich Reinhold Messner bereits im Mai 2020 im ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“
In einer Höhe von 8000 Metern kann -ohne technische Hilfe, jahrelanges Training, allmähliches Annähern- eigentlich kein Mensch überleben. Vermutlich würde kein Mann diese lebensbedrohlichen Touren mit all ihren Torturen auf sich nehmen, wenn die erfolgreiche Besteigung eines 8000 Meter hohen Berges nicht nach wie vor mit Ruhm und Ehre verbunden wäre. Doch was macht Männer süchtig nach Superlativen, was stachelt sie an, warum sind sie getrieben, ist männlicher Größenwahn angeboren?
Eine pfiffige Antwort gibt der Hirnforscher Gerald Hüther in einem unterhaltsamen und vor allem humorvollen Vortrag, den er im Rahmen einer Veranstaltung zum Girls‘ Day in Linz gehalten hat. Aufgezeichnet wurde der Beitrag am 15. März 2016.
Gerald Hüther: Jungen und Mädchen sollen die gleichen Chancen haben – aber sie sind nicht gleich
Ohne es ausdrücklich zu sagen, ist für Gerald Hüther das männliche das schwache, das gefährdete Geschlecht. Belege für seine These findet Hüther in der vorgeburtlichen Entwicklung. Normalerweise, so Hüther, ist jedes Chromosom doppelt vorhanden, um für Notfälle gerüstet zu sein. Anders als die Frauen, die über zwei x-Chromosomen verfügen, haben Männer nur ein einzelnes x-Chromosom – sowie ein y-Chromosom, das aber lediglich die Testosteron-Produktion programmiert. Daher hat das männliche Geschlecht bereits vorgeburtlich eine schwächere Konstitution. Die meisten Fehlgeburten betreffen männliche Föten. Außerdem sind Jungs „antriebsstärker“ (meint Herr Hüther „getriebener?“) als Mädchen. Jungs fühlen sich von Natur aus weniger sicher als Mädchen. Sie suchen Halt und Rückhalt im Raum und versuchen, sich im Außen zu orientieren. Für Mädchen (die sich in sich selber aufgehoben fühlen) ist die Außen-Orientierung weniger entscheidend.
Auch nach der Geburt streben Jungen mehr nach „Macht“, „Stärke“ und „Größe“. Sie interessieren sich für Panzer, Feuerwehrautos oder Bagger und orientieren sich an allem, was Power hat und etwas in Bewegung bringen kann. Jungen suchen nach Halt und Bedeutung innerhalb ihrer Gemeinschaft, in ihrer Peer-Group, ihrer Mannschaft – und später dann in Vereinen, Seilschaften, Männerbünden.
abGESTREIFTE Fußballstutzen…
Als die Mädchen anfingen, den Fußball zu entdecken und Liga-Spiele zu bestreiten, brach für viele Jungs eine Welt zusammen.
Im Jahr 2007 wurde an der Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Neu-Ehrenfeld eine neue Fußballmannschaft gegründet. Meine jüngere Tochter ging damals in die dritte Klasse. Eine Zeitlang war sie das einzige Mädchen in der Mannschaft, die einmal in der Woche in der alten Schul-Sporthalle mit dem knarzenden Holzboden trainierte. Weil die Schule in unserem Häuserblock lag, guckte ich manchmal zu.
Meine Tochter war nicht die Schnellste, konnte aber schon als knapp Achtjährige nicht nur präzise und beherzt schießen, sondern den Gegenspieler sauber vom Ball trennen. Ich erinnere mich, wie sie irgendwann einmal nicht nur auf das Tor der gegnerischen Mannschaft zulief, sondern auf einen hübschen Jungen namens Bünyamin, der eine Klasse unter ihr und in Ballbesitz war. Als sie bei ihm ankam, schrie Bünyamin: „Die foult!“ Ohne dass sie ihn oder den Ball berührte hätte, kippte er um. Meine Tochter schoss das Tor. Dass sie irgendwann einmal Psychologie studieren sollte, war kein Zufall.
Noch heute gucke ich gerne zu, wenn Mädchen oder Frauen Fußball spielen. Gefoult wird nicht, um die Gegnerin zur Strecke, sondern um den Ball in Gewahrsam zu bringen. Dass es dabei manchmal ruppig zugeht, ist unvermeidbar. Fußball ist nunmal ein Ballspiel mit direktem Körperkontakt.
Doch leider ist insbesondere der Profi-Frauenfußball mittlerweile zur Kampfsportart mutiert. Das ist schade, denn eigentlich gilt: Frauen foulen fair.