Die Sprache der Schirme: Wie Ursula von der Leyen durch den Bayreuther Regen rutschte, aber im (Dressur-) Sattel blieb

Der Besuch der Oper vermittelt einem gutbürgerlichen Publikum das Gefühl, zu einer geistigen Elite zu gehören. Dass das gehobene Wir-Gefühl aufkam, dafür sorgten Komponisten, Meister der Manipulation und Menschen-Verführer, bereits im 19. Jahrhundert.

In einem munteren und erhellenden DLF Kultur– Beitrag schreibt Musikjournalist Uwe Friedrich: „Die Oper ist kitschverdächtig. Viele Komponisten wussten genau, wie sie ihr Publikum zum Schluchzen bringen. Der Größte in dieser Disziplin: Giacomo Puccini. Bei seinen Opern weiß man schon vorher, wann die Taschentücher im Zuschauerraum rascheln… Die richtig kitschige Liebe endet in der Oper meistens tödlich. Das gibt den wohligen Schauer im Zuschauerraum: Uns geht es doch vergleichsweise gut, jedenfalls leben wir noch…https://www.deutschlandfunkkultur.de/kitsch-in-der-oper-hochzeit-wahnsinn-und-tod-100.html So ging es dem Opern-Besucher im 19. Jahrhundert bereits ähnlich wie dem Tatort-Zuschauer der Gegenwart. Das blutige bzw. ausgeblutete (Gerichtsmedizin) Geschehen auf dem Bildschirm erregt das Publikum, aber gleichzeitig gestattet es ihm eine angenehme Sicherheits-Distanz.

Auch in Bayreuth hat man die Musen im Griff. Alle geladenen Gäste können sich sicher sein, dass von der Bühne keine Gefahr ausgeht. Unten stehender „Hinweis auf Termine von Ministerpräsident Dr. Markus Söder“ nennt nicht einmal den Titel der Oper, die zur Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele im Jahr 2023 gezeigt wird.

Unter der Leitung von Söder und von der Leyen befasst sich das Bayerische Kabinett, so lesen wir, „insbesondere mit Europathemen“, vermutlich mit „Themen“ der Gesundheits- und Kriegspolitik. Die Heldin von Bayreuth ist keine Opern-Diva, sondern die allgegenwärtige Präsidentin der EU-Kommission: Ursula von der Leyen.

Ich wünsche mir so sehr, dass die unaufhaltsame Ursula von der Leyen, die sich, bevor sie in Bayreuth war, wie schon im Jahr zuvor bei den Salzburger Festspielen zeigte, endlich einmal nicht Werbung, sondern Urlaub macht und in sich geht.

Ihr missionarischer Übereifer hat Ursula von der Leyen, die Vorsitzende der Europäischen Kommission, im Jahr 2022 nach Taizé im Burgund geführt, wo sie sich zwei Tage lang unter die jungen Menschen mischte. Von der Leyen besuchte Ende August 2022 die christliche Glaubensgemeinschaft. Angesichts der schweren Krisen der Gegenwart, so hatte Alois, der Prior der Bruderschaft von Taizé, von der Leyen angekündigt, sei der Besuch ein Zeichen der Hoffnung.

Sie spricht vom «Kreml», wenn sie vom Aggressor im Ukrainekrieg spricht. Gegen diesen Aggressor gelte es die Werte und Prinzipien Europas zu verteidigen. Die Ukraine könne auf die EU zählen. Denn «wenn die Ukraine nicht mehr kämpft, wird keine Ukraine mehr sein», sagt Ursula von der Leyen und erntet Applaus.“ https://www.kath.ch/newsd/ursula-von-der-leyen-begeistert-taize-gott-ist-immer-bei-mir/

Das ist meines Erachtens Kriegspropaganda. Als Mutter von sieben Kindern weiß sie, wie leicht man junge Menschen, die gerade erst erwachsen werden, manipulieren kann. Erschreckend und geradezu blasphemisch mutet an, dass Ursula von der Leyen (CDU) Gott zu ihrem Verbündeten macht. «Gott ist immer bei mir», antwortet von der Leyen auf die Frage, welche Beziehung sie zu Gott habe.

War Gott auch bei ihr, als Ursula von der Leyen (CDU), die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt, mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla einen Milliarden-Impfstoff-Deal) ausgehandelt hat und die Texte der SMS später hat verschwinden lassen? War Gott bei ihr, als sie in einem Interview mit der SZ im Jahr 2007 „bestimmte Eltern“ diffamierte?: «Wir wissen doch, dass die Mitarbeiter eines Jugendamts bei einem Besuch nicht nur nach den Kindern fragen sollen, sondern darauf bestehen müssen, die Kinder auch zu sehen. Sonst riskieren sie, dass bestimmte Eltern Lügengeschichten erzählen.» https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/reden-und-interviews/ursula-von-der-leyen-gleich-nach-der-geburt-handeln-99768. Es ist höchste Zeit, dass CDU und CSU das C aus ihren Parteinamen streichen!

Wenn die Probleme zu groß würden, dann sage sie zu sich: «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.»“ Hier banalisiert die Vorsitzende der EU-Kommission ein großes Wort des Theologen Arno Pötzsch. Mit der Zeile «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand» beginnt ein Lied, dass Arno Pötzsch im Jahr 1941 gedichtet hat. Pötzsch, der als Pfarrer und Seelsorger in Holland stationiert war, hat viele zum Tode verurteilte Soldaten auf ihrem letzten Weg begleitet und -auch mit seinen Liedern und Gedichten- Trost und Hoffnung gespendet.

Der Aufritt in Taizé im Jahr 2022 sollte vorerst ihr einziger bleiben. Stammgast ist sie hingegen in Bayreuth. In der Mediathek von ntv gibt es ein sehr schönes Video zur Festival-Eröffnung im Jahr 2023. Auch wenn „Bayreuth“ nach allen Seiten hin abgesichert ist, lassen sich die Auftritte der Polit-Prominenz nicht perfekt inszenieren. Was ist, wenn der Rote Teppich total durchnässt ist, weil’s heftig regnet? Genau das ist in Bayreuth im Jahr 2023 passiert. In einem kleinen Film voller Slapstick-Momente, die man besser nicht hätte inszenieren können, erleben wir die Polit-Prominenz in einem minutenlang andauernden Platzregen. Markus Söder sehen wir vorerst nicht, weil der beleidigt ist und sich zunächst weigert, aus dem Auto auszusteigen. Als er dann endlich aus der Limousine klettert, ach was: springt (!), wird er von vier schützen wollenden Sicherheitskräfte flankiert, die aber auch nichts weiter zu bieten haben als große, durchsichtige, fernsehfreundliche Schirme.

Und wir sehen Ursula von der Leyen, die in den Wetterbericht geguckt und sich für ein regenfestes, knitterfreies Plisseekleidchen entschieden hat. Das praktische Kleidungsstück schützt die Präsidentin der EU-Kommission zwar nicht davor, auf regennasser Treppe zum Festspielhaus auszurutschen, doch die geübte Dressur-Reiterin fängt sich schnell. https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Bayreuth-holt-Wagners-Parsifal-ins-digitale-Zeitalter-article24285183.html

Der Film gibt uns auch einen Eindruck davon, was ein Opern-Zuschauer empfindet, der eine sogenannte AR-Brille trägt. Mit solchen Augmented (=erweiterte) Reality (AR-Brillen) war ein Teil der Zuschauer (♀︎+♂︎) ausgerüstet worden, aber nur die auf den hinteren Rängen, denn mit dem Zuschauerraum im Rücken funktioniert der „Zauber“ nicht.

Um die schwer in die Jahre gekommene Bayreuther Oper aufzupeppen und um ein junges Publikum zu erreichen, hatte die Festspielleitung für die Inszenierung des Parzival den US-amerikanischen Regisseur Jay Scheib engagiert, Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) für Musik und Theaterkunst.

Ausschnitt aus dem NTV-Video. Bildmaterial/Quelle: „Gesellschafter der Bayreuther Festspiele“. Im Film sehen flatternde Schmetterlinge, durch den Raum segelnde Papierschnipsel und einen schwebenden Meteoriten. Aber die Brille bietet, wie ich lese, noch mehr: Gewitter-Blitze, sich durch den Raum bewegende, menschlich anmutende Figuren…

Scheib und sein Team arbeiten seit Jahren an der Frage, wie man Neue Technologien im Theater einsetzen kann. Um es vorweg zu nehmen: Das Experiment konnte nicht wirklich überzeugen, auch wenn ihm „Potential für die Zukunft“ bescheinigt wurde.

Dabei hatte Scheib im Vorfeld sein Projekt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa noch vollmundig angepriesen: „Die AR ist da, um uns einen Blick erhaschen zu lassen in eine Welt, in der es noch Visionen geben kann und wo noch Dinge existieren, auf die wir nicht mehr achten. Außerdem können wir den Raum erweitern, das Bühnendesign. Wir können im Theater sitzen und trotzdem nach draußen auf den Hügel schauen. Wir werden die Mauern explodieren lassen, wir werden sie verschwinden lassen und das szenische Design fast bis zur Unendlichkeit ausweiten. Dinge werden durch die Luft fliegen.“ https://www.br.de/nachrichten/kultur/bayreuther-festspiele-starten-ein-open-air-zum-auftakt,TkuHeis

„Dinge werden durch die Luft fliegen…“ Man will, man muss sich vor solchen „Versprechungen“ in Sicherheit bringen. Das ist Kitsch. Zum Glück hat mich ein Artikel der Abendzeitung München (Autor: Robert Braunmüller) beruhigen können:
Tatsächlich erinnern die Bayreuther Bilderzuspielungen im Vergleich zu dem, was im Kino oder in Spielen dank Computer Generated Imagery (CGI) Alltag ist, an den guten alten Bildschirmschoner. Tauben und Schwäne fliegen scheinbar durch den Zuschauerraum, im dritten Akt schwimmt allerlei Müll von der Plastiktüte bis zu alten Autobatterien vor den Augen des Brillenträgers vorbei… Höhepunkt des visuellen Spektakels ist der einstürzende Zuschauerraum des Festspielhauses am Ende des zweiten Akts. Und ganz zuletzt schwebt wie anno 1882 die Gralstaube über Parsifal und den übrigens Erlösten.https://www.abendzeitung-muenchen.de/kultur/buehne/ar-brillen-enttaeuschen-bei-parsifal-auf-den-bayreuther-festspielen-art-917103

Eine gewisse Genugtuung kann ich mir nicht verkneifen.

Elfchen im Ersten: Hochkulturfern

Vor ein paar Jahren bin ich einmal mit einer Nachbarin ins Gespräch gekommen. Sie leitete eine kleine Kindertagesstätte und erzählte mir, dass sie fast täglich Anrufe von Eltern bekommt, die einen KiTa-Platz suchen. Wenn sie den Eltern sagt, dass sie den Sinn ihrer pädagogischen Arbeit darin sieht, dass sich das Kind in der Kita wohl fühlt und gerne kommt, sind viele Eltern unzufrieden. Heutzutage wollen die Eltern weniger, dass ihr Kind spielt und Freunde findet, sondern dass es von Beginn an „gefördert“ wird und nach Möglichkeit eine Fremdsprache lernt.

Natürlich -das betonte auch meine Nachbarin- ist es wichtig, dass Kinder Anregungen bekommen, aber bitte ohne Leistungsdruck. Konkurrenzkampf und Mobbing beginnen schon im Kindergarten. Vor allem kleine Mädchen, die manchmal schon erschreckend früh ein Gespür für Psycho-Dramen haben, können richtig fies sein. (Das geht dann so: „Wenn du mit der Leonie spielst, bist du nicht mehr meine beste Freundin“, oder: „Wenn du mich nicht an deinem Eis lecken lässt, finde ich dich doof, und zwar für immer.“)

Meine beiden Töchter waren oft enttäuscht und verletzt. Sie verstanden solche Drohungen nicht und wollten sie auch nicht verstehen. Sie waren (und sind!) nicht gemacht für den Zickenkrieg, der sich im Laufe des Lebens zuspitzt, aber nie mehr so offen ausgetragen wird wie in der KiTa. Aus aufbrausenden Kindergarten-Zicken werden sanft lächelnde Führungskräfte und manchmal auch Politikerinnen, die sich Außenministerin nennen oder Vorsitzende der Europäischen Kommission oder Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag.

Wenn die Kinder ins Vorschul-Alter kommen, brauchen sie irgendwann „richtiges Futter“. Als sie fünf Jahre alt war, äußerte meine jüngere Tochter den Wunsch, zusammen mit einer Freundin nicht immer nur in den Kindergarten, sondern zur „musikalischen Früherziehung“ zu gehen. Der Kurs fand nicht in der Musikschule statt, sondern bei Martina, einer Akkordeonspielerin. Und das war gut so. Zwar wetteiferten die Kinder um Martinas Aufmerksamkeit, aber der Kampf hielt sich in Grenzen, denn Martina kümmerte sich um alle Kinder.

Die Kinder hatten viel Spaß. In der Gruppe lernten sie, dass man nicht nur mit der menschlichen Stimme Töne und Melodien erzeugen kann, sondern mithilfe von Musikinstrumenten. Und sie machten die Erfahrung, dass selbst die robuste Blockflöte empfindlich reagiert, wenn man nicht behutsam in sie hineinbläst, sondern allzu feste pustet. Anders als das seelenlose (wenn auch aufregende!) Carrera-Auto, das sich nicht mehr bewegt, wenn die Batterien leer sind, wird ja die Mundharmonika, wenn das Kind bläst, wieder lebendig.

Dieser Moment ist -und ich möchte einen mittlerweile leider ziemlich abgedroschenen Begriff verwenden- ein magischer Moment. Wenn es lernt, eine erste einfache Tonfolge zu spielen, ist jedes Kind schöpferisch, denn es haucht dem Musikinstrument Leben ein.

Die Blasinstrumente der Jetztzeit sind allesamt Weiterentwicklungen von Flöten wie dieser, der „Flöte vom Hohle Fels.“
Bei Ausgrabungen unter der Leitung des US-Archäologen und Tübinger Professors Nicholas Conard wurde im Jahr 2008 in der Höhle „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb nicht nur eine Flöte gefunden, die aus einem hohlen Gänsegeierknochen geformt ist, sondern man fand auch die Teile einer kleinen, aus Mammutzahn-Elfenbein geformten Frauenfigur mit ausgeprägten geschlechtlichen Merkmalen, der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“. Figurine und Flöte sind beide etwa 40.000 Jahre alt und gelten als die älteste bekannte plastische Menschendarstellung und das älteste je gefundene Musikinstrument.“ https://stellwerk60.com/2020/09/30/elfchen-im-neunten-puff/

Irgendwann hatte Kursleiterin Martina die Idee, mit den Kindern einen Ausflug zur Musikhochschule zu machen. Weil ich neugierig war, erklärte ich mich bereit, die Gruppe zu begleiten. Martina war gut gestimmt, aber sie verriet nicht, was sie vorhatte. In der Musikhochschule bewegte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit. Da sie da dort studiert hatte, war sie sozusagen Insiderin. Wie sich herausstellte, bereiteten sich an diesem Tag Sänger und Instrumentalisten in kleinen schallisolierten Kammern auf eine Aufführung vor. Martinas Idee war so einfach wie genial: Sie klopfte an die Türen, betrat mit den Kindern den jeweiligen Raum und bat jeden einzelnen Künstler (♀+), für die Kinder ein Kinderlied zu spielen bzw. zu singen. Die Musiker waren überrascht und überrumpelt. Es entstand so etwas wie eine andächtige Stille. Die Musiker sammelten sich, und nach einer Weile spielten alle mit.

In einer Sendung des Südwestrundfunks (SWR) vom 6.1.02023 führt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar einen sogenannten (vereinfachten) „Turingtest“ vor: Dreimal hintereinander wird eine kurze Klavier-Melodie eingespielt, und wir sollen raten, ob es sich beim jeweiligen Interpreten um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Wann spielt die Künstliche Intelligenz und wann der Mensch? https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/die-grosse-magie-der-klassischen-musik-ranga-yogeshwar-im-gespraech-100.html. (ca. Minute 32 ff.)

Wir Zuhörer (so das Lern- und Erkenntnisziel des Tests) sollen frappiert sein, denn tatsächlich lassen sich die Vorträge kaum auseinanderhalten. In ihrer Interpretation des Musikstücks sind Mensch und KI nahezu ununterscheidbar.

Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es auch nicht anders erwartet. Der Test wird zwar hübsch präsentiert, ist aber erschreckend schlicht, denn man ahnt von vornherein, was herauskommt: Die KI gewinnt. Ein netter Partygag, mehr nicht. Außerdem -das sollte Ranga Yogeshwar wissen!- sind Turing-Tests, die im Jahr 1950 vom Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurden, mittlerweile veraltet: „ChatGPT und andere moderne KIs, die auf einem Large Language Model (LLM) basieren, bestehen den Turing-Test inzwischen regelmäßig. Er gilt in der Wissenschaft deshalb als überholt.“ https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/technik/neuer-turing-test-soll-intelligenz-von-chatbots-untersuchen-13377685

Und doch habe ich einen Erkenntnisgewinn: Ist nicht, so frage ich mich, etwas faul am öffentlichen oder privaten Musikunterricht, wenn die kostspielige Klavierausbildung von Beginn an auf Perfektion und Optimierung ausgerichtet ist, auf Hochleistung und „Jugend musiziert“ und – nicht anders als im modernen Sportverein- auf die mögliche Profikarriere?

Und wird nicht so geübt, dass das Kind von Beginn an -ohne es zu ahnen- mit der künstlichen Intelligenz konkurriert?

Die Versuche, künstliche (und noch dazu musizierende!) Intelligenz zu erzeugen, sind nicht neu. Als im 18. Jahrhundert die ersten Lehrwerke für den Klavierunterricht herausgegeben wurden, wurde zwar offenbar, dass das Klavierspielen erlernbar ist, doch Menschen, die das Musikinstrument dann tatsächlich „beherrschten“, galten als besonders geistreich.

Da die Automatenmenschen besonders echt wirkten, wenn sie Musik machten, produzierte man künstliche Musikanten. So schreibt die junge Autorin Lisa Dasse: „Die Automaten entwickelten sich im Laufe der Jahre immer weiter. Das Ziel dabei war eine „immer perfektere Nachahmung der Natur.“[14] Jacques de Vaucansons, der von 1709 bis 1782 lebte, stellte 1738 seinen „nahezu lebensgroßen, hölzernen Flötenspieler vor. Er konnte 12 Melodien auf seinem Instrument spielen und erzeugte dabei die Töne nicht mehr einfach durch ein Uhrwerk in seinem Innern, sondern natur- und kunstgerecht durch die entsprechenden Zungen- und Fingerbewegungen.“[15] Dies war somit einer der ersten Automaten, welcher dem Ansporn, etwas sehr Menschenähnliches zu erschaffen, nachkam.“ https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/erforschen/romantik/automaten-romantik/#Beispiele Erhellender und kenntnisreicher geisteswissenschaftlicher Beitrag!

E.T.A. Hoffmann, großer Dichter der Romantik, war von den Möglichkeiten der Technik fasziniert, reagierte aber mit beißendem Spott auf die Auswüchse des Machbarkeitswahns und die Verführbarkeit seiner Zeitgenossen durch KI. In seiner Erzählung „Der Sandmann“ macht er uns mit dem Studenten Nathanael bekannt, der sich in eine künstliche weibliche Intelligenz namens Olimpia verliebt und wahnsinnig wird.

Das Konzert begann. Olimpia spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravourarie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias
Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er, wie von glühenden Ärmen plötzlich erfaßt, sich nicht mehr halten, er mußte vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien: „Olimpia!“
(Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1994, S.41)

Singvögel ahmen nicht nur das Zwitschern anderer Vögel nach, sondern auch Alltagsgeräusche. Aber sie wären niemals so verblendet, synthetische Klänge für wirklich zu halten.

Gern

lausche ich

den unbeugsamen Gesängen

der Rotkehlchen und bleibe

hochkulturfern

„In Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

Es gibt Leute, mit denen man niemals eine Wette abschließen sollte. Zu diesen Leuten gehört meine Nachbarin, die Frau Keuner. Im letzten Jahr haben wir eine Wette abgeschlossen, und zwar ging es da um die Neujahrsglückwünsche der Stadt Köln.

Wir waren uns kurz nach Weihnachten 2022 an der Zonser Straße über den Weg gelaufen. Die Frau Keuner auf dem Rückweg vom NETTO, ich auf dem Weg dahin.

Köln-Nippes, Bushaltestelle Zonser Straße, 10. Januar 2023

„Wat sagst du dazu“, hat die Frau Keuner damals gesagt und auf das Weihnachtsplakat gezeigt, das an der Bushaltestelle hing. „Da hat man einmal im Jahr Augenkontakt mit der Oberbürgermeisterin, wenn auch nur über ein Plakat. Dat letzte Bissken Bürgernähe. Und wat passiert? Die Stadt Köln bildet die Frau Reker nicht mehr ab. Und dat Plakat is so gesichtslos, dat könnte genau so in einer Bank-Filiale hängen. Sind wir Kunden oder wat?“

„Ich versteh das schon“, hab ich gesagt. „Es gab es doch vor zwei Jahren hier in Nippes diesen Anschlag auf das Weihnachts-Plakat, mitten im Lockdown. Damals hat die Frau Reker noch ihr Gesicht gezeigt. Aber irgendwer hat dann ihrem Konterfei eine schäbige Corona-Maske verpasst. Niemand hat sich die Mühe gemacht, die Maske zu entfernen. Überall liefen Personen vom Ordnungsamt rum, die hätten das ja machen können. Aber die waren damit beschäftigt, Atteste zu kontrollieren und Leute ohne Maske zu ertappen. Ich kenn jemanden, der unmaskiert in der U-Bahn war. Da haben die Ordnungskräfte an Heiligabend seinen Hausarzt privat angerufen und gefragt, ob das Masken-Attest auch seine Richtigkeit hat.“

„Und, hatte?“, unterbrach mich die Frau Keuner.

„Hatte.“

„Die Stadt spart“, hat die Frau Keuner gesagt. „Irgendwer muss denen doch die Sanierung der Oper finanzieren. Ein Plakat ohne Reker kann die Stadt Köln im nächsten Jahr wiederverwenden. Und Lisa, ich sach dir, ganau dat wird passieren.“

Weil ich das nicht glauben wollte, bin ich damals richtig heftig geworden: „Die Kölner Kommunalpolitik ist zwar nicht gerade bürgerfreundlich, aber so primitiv doch auch nicht. Unsere OB ist vielleicht ein bisschen leidenschaftslos, aber die Stadt Köln wird doch die alten Glückwünsche nicht noch mal aufwärmen. Frau Keuner, das glauben Sie doch selber nicht! Das wäre so, als würde man Weihnachtskarten vom Vorjahr verschicken. Das fällt doch auf. Frau Keuner, das wäre eine richtig fiese Resteverwertung. So geht man mit uns Menschen nicht um, nicht einmal in Köln! Die Stadt ist doch kein Wirtschaftsunternehmen.“

Die Frau Keuner hat nur gegrinst: „Um was wetten wir?“

Als dann ein Jahr später mein Blick auf die EXPRESS-Schlagzeile „Müssen den Gürtel enger schnallen“ fiel, kam mir die Wette wieder in den Sinn. Ich ahnte, dass die Frau Keuner Recht behalten könnte und dass ich mal wieder viel zu gutgläubig gewesen war. Doch weil ich an Köln hänge, tat es richtig weh, zusehen zu müssen, wie die Stadt zunehmend verrohte. Was war los mit unserer Kommunalpolitik, wenn die OB mit einer bieder-bevormundenden Redewendung lächelnd Sparmaßnahmen ankündigte, während zahlreiche Rentner kaum noch über die Runden kamen, Bürgergeld beantragen mussten und aus ihrem Veedel herausgedrängt wurden?

i

Um das Interview mit Frau Reker zu lesen, habe ich mir am 16.12.2023 den EXPRESS gekauft. Henriette Reker (S.20): “Priorisieren heißt für mich, das Geld dort auszugeben, wo es absolut wirksam ist. Zeitenwende heißt für uns alle, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen.“ Ich kenne die spießige Redewendung aus meiner Jugend, als Familienväter das halbe Einkommen versoffen und zuhause gesagt haben: „Wir kommen schon über die Runden, wir müssen nur den Gürtel enger schnallen.“ Die Stadt Köln verhält sich wie der versoffene Familienvater, schlimmer noch: Die Stadt verhält sich wie der versoffene Familienvater, der, um den Suff zu finanzieren, die Sparschweine der Kinder plündert. Denn die, die den Gürtel enger schnallen sollen, das sind nicht die Politiker, sondern wir, diejenigen, die hier Steuern zahlen, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln.

Aber dann kam es nicht nur so, wie es die Frau Keuner vorausgesagt hatte, sondern schlimmer. viel schlimmer.

Das Plakat vom Vorjahr wurde tatsächlich wiederverwendet. Aber nicht nur das: Ausgerechnet in Köln-Nippes, direkt gegenüber vom Golde Kappes, ausgerechnet an einer Stelle, wo am Karnevals-Dienstag der Nippeser Veedels-Zoch entlangläuft, hatte man kurz vor Weihnachten das alte Plakat platziert und noch dazu in einer beweglichen Werbetafel mit Parfüm-Werbung zusammengebracht. War das bewusst geschehen oder nur passiert, weil die Presseabteilung der Stadt Köln den Überblick verloren und die Platzierung der Weihnachts-Botschaft nicht ausreichend kontrolliert hatte?

So oder so war es beschämend. Hatte der ehrgeizige Kölner Pressesprecher Alexander Vogel (FDP) den Fauxpas zu verantworten? Zweimal bereits war der smarte Herr Vogel in den letzten Jahren politisch gescheitert. Im Jahr 2021 hatten die GRÜNEN Vogels Vorhaben, auf Wunsch der Oberbürgermeisterin ihr Büro zu leiten, vereitelt. Und im Juni 2023 hatte der Wuppertaler Stadtrat Herrn Vogel, der sich in Wuppertal als Beigeordneter beworben hatte, bei einer geheimen Abstimmung wider Erwarten abgelehnt. Für die Niederlage mitverantwortlich war vermutlich eine schwere Medienpanne. Radio Wuppertal hatte bereits im Vorfeld Alexander Vogel zum Dezernenten gekürt. Eine Woche vor der Abstimmung lautete dort „vorlaut“ die Schlagzeile: JETZT OFFIZIELL: FDP-VOGEL WIRD DEZERNENT. https://www.radiowuppertal.de/artikel/jetzt-offiziell-fdp-vogel-wird-dezernent-1671356.html

Als sicher gilt, dass Alexander Vogel mit dem Ende der Ära Reker seinen Pressesprecher-Posten verliert. Niederlagen sind nicht gerade motivierend, aber man kann erwarten, dass ein Mann, der den Posten des Pressesprechers einer Millionenstadt innehat, seine Aufgaben mit Sorgfalt zu Ende führt.

War Alexander Vogel (FDP) jetzt alles egal? Mit erfolgsverwöhnten Jung-Politikern war, wenn sie scheiterten, nicht zu spaßen.

„Lecker, wa?“, sagt die Frau Keuner und grinst.

Wir sitzen an einem frühen Januar-Abend im Golde Kappes. Kürzlich hat man den goldenen Kohlkopf, der über dem Eingang hängt, abgenommen, weil er aufpoliert werden muss, aber das Kölsch schmeckt wie immer, vor allem der Frau Keuner. Die ist ausgesprochen gut gelaunt, wo sie doch die Wette gewonnen hat. Angeblich haben wir darum gewettet, dass ich sie ein ganzes Jahr lang mindestens einmal pro Woche auf ein Kölsch einlade, und „ein Kölsch“ ist für die Frau Keuner kein Singular.

Als die Frau Keuner im Dezember das Plakat vom Vorjahr entdeckt hat, hat sie direkt einen Lachanfall gekriegt. Sie hat dann die Beweis-Fotos an mich und ihre Düsseldorfer Bekannten geschickt, die sich natürlich total beömmelt haben. Die Frau Keuner und ihre Bekannten, das war eine Köln-Düsseldorfer Selbsthilfegruppe. Man schickte sich Fotos und lachte gemeinsam über die Missgeschicke der Düsseldorfer und der Kölner Kommunalpolitik. Fast alle Mitglieder der Selbsthilfegruppe waren Rentner, ungeimpfte Querdenker mit Galgenhumor.

„Dat der Kopp von der Frau Reker weiterhin fehlt, is ja schon praktisch“, sagt die Frau Keuner. „Sonst würde er sich mit dem von dem Model inne Wolle kriegen. Aber die Grafik ist ja mal mal wieder total misslungen. Wenn man ein Model zeigt, das feuchte Haare hat, muss man beachten, dass es in Köln viel regnet und eine Feuchtfrisur während einer lang anhaltenden Feuchtwetterphase, wie wir sie hatten, nicht gut ankommt. Und dat kräftige Teil im Bildvordergrund, dat den halben Raum einnimmt, is die fette Pfote ein Unterarm oder wat? Ich glaub ja, dass die Collage bewusst komponiert ist. Schwarzweißchen und Rosenrot, passt doch. Es wird ja gemunkelt, dass der Alexander Vogel ein Faible für Duftwasser hat, aber ich sach dir, Lisa, dass die Frau Reker als OB der Stadt von 4711 und Farina mitten im Weihnachtsgeschäft Werbung für ein Duftwasser von Narciso Rodriguez macht, dat geht nich.“ Während ich noch am ersten Kölsch nippe, setzt der Köbes der Frau Keuner ein drittes Glas vor.

„Ich will nicht wissen, wie die Reker riecht“, sagt die Frau Keuner. „Überhaupt kriegt man die Promis ja selten zu riechen. Aber Im Internet gibt es überall Informationen über die Lieblingsdüfte der Stars. Schauspielerinnen, Sängerinnen, Influenzerinnen. Der Elon Musk hat ja auch sein eigenes Müffel-Parfüm auf den Markt gebracht. Wenn du berühmt bist, kriegst du alles verkloppt. Frag mal die Kate. Die maßgeschneiderten Designer-Klamotten und der Schmuck von Diana sind natürlich unverkäuflich, aber die einfachen Klamotten, die die Kate in der Öffentlichkeit trägt, sind immer direkt ausverkauft. Und ihr Lieblingsparfüm gibt es für 67 Euro bei amazon. Dabei weiß die Kate, dass die Blase platzen und der Geld-Segen verpuffen kann. Hat sie ja gerade mit dem Partyartikel-Unternehmen ihrer Eltern erlebt. So schnell geht dat. Aber ich sach dir, Lisa, ich würde dir raten, doch nicht nach Düsseldorf zu ziehen.“

„Aber das hab ich auch gar nicht vor!“

„Ich hab da was von Unterbilk gehört“, sagt die Frau Keuner. „Aber Düsseldorf toppt Köln, was die Weihnachtsbotschaft und den Oberbürgermeister angeht.“ Und dann kreiert die Frau Keuner noch einen Kalauer, der so schön doof ist, dass sie sich damit als Büttenrednerin im Kölner Karneval bewerben könnte: „In Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister.“

Dr. Stephan Keller, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf. Ich habe das Plakat von einem Beitrag in der NRZ abfotografiert. Dieser bilderreiche Artikel, der zwei Autoren hat (Stephan Wappner und Celina Klauser), zitiert zahlreiche überwiegend kritische Reaktionen von Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürgern sowie aus der Lokalpolitik. Mein Lieblingsdüsseldorfer heißt Christoph S.: „Statt Geld für eine menschenfreundliche Stadt bereitzustellen, wird auf eine immer mehr zum Randphänomen werdende christliche Tradition Bezug genommen. Ästhetisch und politisch ist das Ganze nah an Rotbäckchen und Zwieback!“ (Fettung von mir) https://www.nrz.de/staedte/duesseldorf/duesseldorf-weihnachts-plakat-von-ob-keller-stoesst-auf-kritik-id240840948.html

Und weil der Köbes der Frau Keuner ein fünftes Glas Kölsch hinstellt, ohne dass sie es bestellt hätte -aber so ist das in den kölschen Braustuben eben-, ist die Frau Keuner so lustig und bescheuert drauf, dass sie den Bürgermeister mit dem Küchenmeister zusammenbringt: „In Köln ist Schmalhans Küchenmeister, doch in Düsseldorf ist Prahlhans Bürgermeister.“

Elfchen im Zwölften: Immergrüne Papageien-Liebe

Halsbandsittiche sind gesellige und friedliebende Vögel. An den Futterstellen in unserem Garten dulden sie sogar kleinere Singvögel.

Welche Tiere die Papageienvögel nicht dulden, das sind die Katzen. Zwar wissen die pflanzenfressenden Halsbandsittiche, dass Katzen an Erdnüssen und Sonnenblumenkernen nicht interessiert sind. Aber sie wissen auch, dass Katzen selten ohne Hintergedanken durch die Gärten streifen. Satte Hauskatzen jagen nicht, weil sie Hunger haben, aber gerade das macht sie unheimlich. Wenn sie sich anschleichen, können sie sich Zeit lassen. Diese wohlgenährte Arroganz macht den Halsbandsittichen Angst. Sie leben noch nicht lange in unseren Breiten. In ihren Alpträumen wimmelt es von Raubkatzen.

Im Herbst -es war im Monat Oktober- hörte ich eines Morgens vom Garten her lautes Papageien-Gekreische. Ein Blick in den Garten sagte mir, was los war: Mitten auf der Wiese lag eine blond/weiß getigerte Katze auf der Lauer. Sie hatte es auf eine Maus abgesehen, die unter dem Futterspender den Boden nach Futter absuchte, winzigen Erdnussstückchen, die den Papageien, die die Nüsse nicht komplett schlucken, sondern zermalmen, aus den Schnäbeln gefallen waren.

Ich riss die Terrassentür auf und rannte (auch wenn man mein Rennen kaum noch so nennen kann) auf die Katze zu, die sofort die Flucht ergriff. Während ich laut schrie, flogen die Papageien kreischend hinter der fliehenden Katze her. Es fühlte sich verdammt gut an, eine Verbündete dieser wunderschönen, freiheits- und friedensliebenden Papageienvögel zu sein.

Ach,

ihr immergrünen

Lieben, habt mit

mir zusammen den Tiger

vertrieben!

***

Auch unter Halsbandsittichen geht es mitunter ruppig zu, allerdings nur im Frühjahr und Sommer, wenn sich die Tiere fortpflanzen und die Weibchen die Männchen in ihre natürlichen Schranken verweisen. https://stellwerk60.com/2023/05/31/elfchen-im-fuenften-weisheit-der-halsbandsittich-weibchen/ Im Winter wirkt das Zusammensein von Weibchen und Männchen ausgesprochen harmonisch. Auch wenn es im Sommer nicht so scheint: Halsbandsittiche leben in stabilen, heterosexuellen Paarbeziehungen. Zwar erlauben sich die Vögel Seitensprünge, aber sie wissen nur zu genau: Treue dient der Arterhaltung.

Szenen einer Papageien-Ehe wie diese (Vertreibung des Männchens vom Futterplatz) sind im Winter passé:

Im Winter ist das Männchen (vorne) gleichberechtigt…

Schnäbel-Spiele in winterlicher Abenddämmerung:

Menschen können Papageien beibringen, „Ich liebe dich“ zu krächzen, aber ich habe den Satz noch nie aus dem Schnabel eines freiheitsliebenden, wild lebenden Halsbandsittichs gehört.

Wild lebende Halsbandsittiche werden etwa 20 Jahre alt, aber im Käfig gehaltene können bis zu 50 Jahre alt werden. Und sollten die Halsbandsittiche auch über die Gefangenschaft als lebensverlängernde Maßnahme informiert sein: Kein Papagei würde selbst im Winter ein Leben in der Wohnstube einem Leben in Freiheit vorziehen.

13.12.2023: Vierter digitaler Stolperstein – „Medizin ohne Menschlichkeit“ (Alexander Mitscherlich)

Zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi veröffentliche ich an dieser Stelle ein viertes Mal nach 2020, 2021 und 2022 einen digitalen Stolperstein.

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer “Maßnahmen” erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania (“Steffi”) Wilczok geb. Tkaczik, geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: “manisch-depressiv”. “Verstorben” am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: “Kopfgrippe”

Die genaueren Hintergründe habe ich vor zwei Jahren beschrieben. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/.

Die kalte, rationale Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten zielte auf die totale Beherrschung der Menschen, ihrer Körper und ihrer Seelen. Das konnte nur gelingen, indem man in den Schutzraum Familie eindrang und Schwangerschaft und Geburt zur Sache des Staates machte. Die Mutter-Kind-Intimität musste reguliert und die Mutterliebe verstaatlicht werden. Dabei spielten die Nazis ein perfides Doppelspiel. Während man die „erbgesunde“ Mutterschaft sentimental verklärte, trieb man die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ systematisch voran. Nur „erbgesunde Frauen“ sollten Kinder zur Welt bringen, gesunde, wehrtaugliche Söhne, Nachschub für Hitlers Wehrmacht. 

Das Mutterkreuz, mit dem Frauen ausgezeichnet wurden, die vier und mehr Kinder bekamen, war Teil der NS-Kriegspropaganda. Am 16.12.1938, kurz vor dem letzten „Friedens-Weihnachten“, hatte Adolf Hitler den Orden publikumswirksam gestiftet, nicht zufällig knapp neun Monate (!) vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1.9.1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit pathetischen Worten bedankte sich Hitler bei den Müttern, die sich geehrt fühlten und noch nicht ahnten, dass die Nazis sie zwingen würden, ihre Söhne zu opfern: „Als sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter stifte ich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter.“

Meine psychisch kranke Großmutter Steffi ist schon im Jahr der „Machtergreifung“ getötet worden, kurz bevor am 1. Januar 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft trat. Dass „erbkranke Mütter“ schon im Jahr 1933 in der Nazi-Psychiatrie umgebracht wurden, mögen selbst kritische Historiker kaum glauben, aber es ist anzunehmen, dass einzelne psychisch schwer gestörte Mediziner der infernalischen Versuchung nicht widerstehen konnten und bereits im Vorfeld probegehandelt haben. Das Gesetz aus dem Jahr 1933 „erlaubte“ zwar „nur“ die Sterilisation und nicht die Tötung psychisch kranker Menschen, aber es hat -so kann man im Nachhinein sagen- die Hemmschwelle herabgesetzt und den Weg zur Euthanasie geebnet.

Im Oktober 1939, als die Nazis längst mit der Massentötung behinderter Kinder begonnen hatten, erließ Hitler die Anordnung zur Ausrottung „lebensunwerten Lebens“, die auch zur Ermordung erwachsener Patienten aufrief und in die Aktion T4 mündete, bei der rund 70.000 Menschen ermordet wurden. „Insgesamt sterben im Rahmen der Krankenmorde rund 200.000 Menschen.“ https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Euthanasie-Die-Rassenhygiene-der-Nationalsozialisten,euthanasie100.html Der Auftrag zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ war der einzige, den Hitler je persönlich unterzeichnet hat. Offenbar war ihm die Vernichtung psychisch kranker und behinderter Menschen eine, wenn nicht die Herzensangelegenheit.

Wann mein Großvater Karl seine Kinder über die „Ursache“ des Todes ihrer Mutter aufgeklärt hat, ist mir nicht bekannt. Ich denke, dass er, um seine Kinder zu schützen, ihnen lange Zeit die Wahrheit verschwiegen hat. Glücklicherweise hatte die Familie mitfühlende nahe Verwandte und wurde nach Kräften unterstützt. Gut aufgehoben waren die Geschwister auch in der Kirchengemeinde von St.Joseph in Bottrop-Batenbrock, wo mein Vater Ernst von 1932 bis 1941 Messdiener war.

St. Joseph in Bottrop verbinden viele Menschen mit dem Namen Bernhard Poether. Poether war im April 1939 als Priester nach St. Joseph gekommen, einer Gemeinde im Bottroper Stadtteil Batenbrock, wo viele Bergarbeiterfamilien lebten. In Krakau hatte er Polnisch und Russisch gelernt, so dass er sich mit den polnisch-stämmigen Menschen in ihrer Muttersprache verständigen und Seelsorge leisten konnte. Allerdings war die Polenseelsorge (wie die bedingungslose Menschenliebe überhaupt) den Nazis ein Dorn im Auge. „Die NS-Propaganda forcierte ab Frühjahr 1939 die in großen Teilen der deutschen Bevölkerung vorhandenen antipolnischen Ressentiments. Im August 1939 berichteten Zeitungen und Rundfunk fast täglich über angebliche polnische Grenzverletzungen und Gewaltakte an der in Polen lebenden deutschen Minderheit. Der Überfall auf Polen sollte so als „gerechte Strafaktion“ für die Provokationen erscheinen.https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/ueberfall-auf-polen-1939.html Doch die Gewalttakte von Polen gegenüber Deutschen waren erfunden, eine infame Schuldzuweisung und folgenreiche Propaganda-Lüge.

Am 1. September 1939 wurde mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die Polenseelsorge verboten. Als sich Bernhard Poether dennoch weigerte, die Polenseelsorge zu unterlassen und weiterhin polnischen Christen die Beichte abnahm, wurde er als „Staatsfeind“ verhaftet. Man brachte ihn nach seiner „Untersuchungshaft“ im Bottroper Gefängnis „erst in das KZ SachsenhausenWP und 1941 ins KZ DachauWP, in das zu dieser Zeit alle inhaftierten Priester verlegt wurden. Hier starb Bernhard Poether an den Folgen körperlicher Misshandlungen und Hunger im August 1942.“ https://wiki.muenster.org/index.php/Bernhard_Poether

Bernhard Poether setzte sich auch für festgenommene polnische Katholiken ein. „ ‚Im Gefängnis habe Poether freikommen können‘, sagt Ewald Spieker. ‚Man hat ihn damals gefragt: Wenn sie einem von zwei Menschen helfen könnten, wem würden Sie helfen, dem Polen oder dem Deutschen?‘ Seine Antwort zeugt von großer Unerschrockenheit und Stärke: ‚Ich würde dem helfen, der die Hilfe am nötigsten braucht.'“ https://www.ikz-online.de/staedte/bottrop/er-starb-weil-er-den-polen-beistand-id9844791.html

St. Joseph in Bottrop. Mein Großvater Karl, der als Bergmann auf der Bottroper Zeche Prosper III arbeitete, hatte nur an einem Sonntag im Monat frei. Es war für ihn kaum erträglich, dass er nach dem Tod seiner Frau nur selten die Möglichkeit hatte, gemeinsam mit den Kindern die Sonntagsmesse zu besuchen.

Elfchen im Elften: Der dreibeinige Hund

Am Tag vor Allerheiligen hatte ich eine schöne Begegnung mit einem dreibeinigen Hund: Lebhaft, blond gescheckt, drahthaarig, freundlich und beweglich. Obwohl ihm ein Hinterbein fehlte, hatte der Rüde einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn. Leicht fiel es ihm nicht, die richtige Position zum Pinkeln zu finden. Er hüpfte auf der Stelle, doch irgendwann drückte er sich an eine Hecke und hob das nicht mehr vorhandene rechte Bein.

Seine junge Besitzerin war gut gestimmt. Ich dachte an unseren vor einem Jahr im Alter von knapp 13 Jahren verstorbenen Familienhund Freki, der irgendwann zu schwach war, das Bein zu heben, und sich zum Pinkeln nur noch hinhockte. Ich hatte mit dem dreibeinigen Hund kein Mitleid, denn er litt nicht, sondern freute sich des Hundelebens, was wohl auch an seinem heiteren „Frauchen“ lag. Mir kam ein Satz, den ich zu einem traurig wirkenden Menschen nicht gesagt hätte: „Manchmal ist es praktisch, nur noch drei Beine zu haben.“ Zu meiner Erleichterung lachte die junge Frau und sagte: „Manchmal macht er sogar Handstand.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile. Der Hund war vor zwei Jahren zu seinem „Frauchen“ gekommen. Er hatte in Portugal auf der Straße gelebt und war bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Ein lieber zehnjähriger Hund, dem es auf der Straße gut gegangen sein muss und der das große Glück hatte, nach dem schrecklichen Unfall tierärztlich versorgt, gesundgepflegt und genau an den Menschen vermittelt zu werden, zu dem er gehörte.

Als wir uns verabschiedeten, sagte die Frau: „Sie dürfen den auch streicheln.“ „Gerne“, sagte ich, was nicht ganz stimmte. Ich hatte, obwohl ich dem Hund nur meinen Handrücken zum Beschnüffeln reichte, dem verstorbenen Freki gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen. Es fühlte (und fühlt!) sich an wie Fremd(Gassi)gehen.

Lieber Freki, ich widme dir mein Elfchen des Monats November. Ich bin einem Hund begegnet, der mich beeindruckt hat, denn er hat nur drei Beine, kann aber immer noch markieren. Wie du hörst, handelt es sich um einen Rüden (pardon!). Und es ist dein ehemaliges Revier, das er markiert. Für mich ist dieser dreibeinige Rüde wie dein Sohn, denn er ist ein echtes Stehaufmännchen bzw. ein Stehaufrüde – wie du.

Hundewunder der unfreiwilligen Dreibeinigkeit:

Dann

und wann

trifft man den

dreibeinigen Rüden im Handstand

an

Zwei Tage später wurde mir von change.org eine Petition zugespielt: Tiermediziner:innen für echten Tierschutz! Schlachthofpraktikum beenden. Vor Jahren hatte es schon einmal eine Petition zu genau dem Thema gegeben, die aber versandet war, weil nur wenige Menschen unterschrieben hatten. Die aktuelle Petition hat mehr Aussicht auf Erfolg, denn sie wurde von einem prominenten Tierarzt gestartet, dem YouTuber und ARD-Tierexperten Karim Montasser („Die Haustierprofis“) .

Der Hintergrund: Wer Tiermedizin studiert, muss ein dreiwöchiges Praktikum in einem Schlachthof absolvieren. Die Petition fordert aber nicht nur die ersatzlose Streichung des verpflichtenden Schlachthofpraktikums, sondern formuliert Alternativen: „Stattdessen sollte es durch Praktika ersetzt werden, die auf den Schutz und die Pflege von Tieren ausgerichtet sind.“

https://www.change.org/p/beenden-sie-das-verpflichtende-schlachthofpraktikum-im-studium-der-veterin%C3%A4rmedizinstudium?signed=true

Ich habe dann die Petition unterschreiben, einen kleinen Obolus entrichtet und einen Kommentar verfasst: Dieses Praktikum ist ein brutaler Kniefall vor der Massentierhaltung und entwürdigt uns alle: Mensch und Tier. Viel sinnvoller wäre z.B. ein Praktikum auf einer Auffangstation für verletzte Wildtiere.

Auf die Auffangstation für Wildtiere bin ich deshalb gekommen, weil wir vor ein paar Jahren einmal eine positive Erfahrung mit der tierärztlichen Versorgung eines Wildtiers gemacht haben. Meine Tochter hatte zusammen mit einer Freundin am Rand der autofreien Siedlung nahe der S-Bahn einen verletzten Igel gefunden, der am Bauch eine infizierte Fleischwunde hatte. Der Igel war nicht mehr in der Lage, sich einzurollen, aber er trank gierig das Wasser, das die beiden ihm vorsetzten. Nachdem sie sich per Internet kundig gemacht hatten, betteten die Freundinnen ihn in einen mit einer Decke ausgekleideten Karton und brachten ihn zu einer Braunsfelder Tierarztpraxis, in der verletzte Wildtiere versorgt und nach erfolgreicher Behandlung wieder ausgesetzt werden. Die Behandlung ist für die Menschen, die ein verletztes Tier vorbeibringen, kostenlos, aber eine Spende ist herzlich willkommen. https://www.vetzentrum-koeln.de/wildtiere/

Während ich auf dem Sofa sitzend die Petition kommentierte, hörte ich in dem Moment, als ich die Wörter „Auffangstation für verletzte Wildtiere“ schrieb, einen dumpfen Knall: Eine Taube war von einer Windbö erfasst und an die Scheibe der Terrassentür geworfen worden. Glücklicherweise blieb das Tier unverletzt, machte nicht einmal eine Verschnaufpause und flog direkt weg. Ein Zufall?

An diesem 2. November war es in Köln stürmisch mit einzelnen Böen bis zu 60 km/h. Ein paar Tage später wollte ich wissen, wie stark es den äußersten Westen der Bretagne getroffen hat, das Département du Finistère, wo ich mit meinen beiden Töchtern im Sommer Urlaub gemacht habe.

Tendenziell schwächte sich der Sturm am 1. und 2. November nach Osten hin ab. Doch selbst in Tregunc, also in einer Entfernung von knapp 80 km zum westlichsten Punkt der Bretagne, der Pointe du Raz, gab es Windböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 142 km/h.

Die Menschen dürften sich in ihren Häusern verschanzt haben, aber wie ist es den Wildtieren ergangen, denen wir im Sommer begegnet sind? Ich hoffe, dass sie alle einen sicheren Unterschlupf gefunden haben.

Küsten-Weg bei Port Manec’h, Bretagne, Ende August 2023. Meeresstille, ein laues Lüftchen und ein schwebender Spatz.
Spatzen sind nicht zähmbar und gelten daher -wie andere Vögel auch- als „Wildtiere“. Doch die Bezeichnung ist ungenau, denn als Kulturfolger leben sie in einer Art Wahlverwandtschaft mit uns Menschen.
Anders als vielfach angenommen leben Spatzen nicht nur im Moment, sondern auch in evolutions- und schöpfungsgeschichtlicher Vergangenheit und Zukunft. Sie paaren sich nicht nur „just for fun“, sondern um ihre Art zu erhalten. Die Aufforderung „Seiet fruchtbar und mehret euch“ würden sie als bevormundend empfinden. Niemand sagt ihnen, dass sie sich fortpflanzen sollen. Sie tun es einfach.
Als wir Anfang September aus der Bretagne zurückkamen, war es in unserem kleinem Garten sehr still. Zwei Wochen lang hatten wir die Vögel nicht füttern können. Es dauerte ein paar Tage, bis die Vögel realisiert hatten, dass die Futterstelle wieder „aktiv“ war. Füttern ist nun mal die beste Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Auch Vögel haben einen Magen, und durch den geht bekannterweise die Liebe.
Nur die Rotkehlchen kamen nicht mehr in die Gärten unserer Häuserreihe. Doch irgendwann -es ging schon auf Ende September zu- haben sie inmitten der Stille höchst melodiös noch einmal zu singen begonnen. Weil es rundum still war, war dieser Wechsel-Gesang von Apfelbaum zu Apfelbaum so klar, so schön, so rein und hoffnungsvoll. Man sagt, dass es die Weibchen sind, die im Herbst singen. Erzählt wird auch, dass die Rotkehlchen dort, wo sie im Herbst singen, im Frühjahr wieder brüten werden. Seid willkommen!

Die Vereinnahmung des Geistes durch die monotheistische Kirche – ein Befreiungsversuch

Als mein Großvater im Jahr 1968 starb, wollte meine Großmutter nicht mehr zur Sonntagsmesse gehen. So fuhr sie irgendwann zum Bischöflichen Generalvikariat in Essen, um sich in der zentralen Verwaltung ein amtliches Schreiben zu holen, das sie vom Kirchgang befreite. Als Grund gab meine Großmutter Gebrechlichkeit an, was höchst erstaunlich war, wo doch die Bus-Fahrt von Bottrop nach Essen (plus Fußweg) eine echte Strapaze war.

Es ist angenehm, dass wir heutzutage zuhause bleiben und uns per Internet einzelne Messen und Predigten angucken können. Selbst den Segen „Urbi et Orbi“, den uns der Papst zweimal im Jahr (Ostern und Weihnachten) spendet, können wir nicht nur über das Fernsehen, sondern längst auch digital empfangen.

Noch vor wenigen Jahren fand ich es erbaulich, per Internet dem „Urbi et orbi“ zu lauschen. Ich muss zugeben, dass ich lange Zeit dachte, der Segen sei eine symbolische Geste, eine Grußbotschaft an alle Menschen dieser Erde – über alle Grenzen hinweg. Erst bei genauerem Hinschauen wurde ich eines Besseren belehrt. „Mit dem Segen Urbi et orbi ist nach katholischer Lehre allen, die ihn hören oder sehen und des guten Willens sind, unter den gewöhnlichen Bedingungen ein vollkommener Ablass ihrer Sündenstrafen gewährt. War früher für diesen Empfang die physische Anwesenheit des Empfängers auf dem Platz bzw. in Sichtweite des Spenders notwendig, so kann nach dem auch vorher schon vorhandenen umfassenden Verständnis (orbi) der Segen seit 1967 auch über Radio, seit 1985 über das Fernsehen und seit 1995 auch über das Internet gültig empfangen werden.https://de.wikipedia.org/wiki/Urbi_et_orbi

Doch was ist ein Segen überhaupt? Laut Definition wird uns durch einen Segen göttliche Kraft oder Gnade zuteil. In aller Regel setzt das voraus, dass wir während der Segnung körperlich anwesend sind, dass sich segnende Person und diejenigen, die gesegnet werden, Raum (auch Außenraum) und Atemluft teilen, etwa beim Segen, mit dem ein Priester am Ende eines Gottesdienstes die Gläubigen entlässt.

Doch kann die „Kraftübertragung“ digital klappen? So praktisch es auch sein mag, wage ich es doch zu bezweifeln, und ist der Segnende (nach katholischer Vorstellung) auch „Stellvertreter Christi auf Erden“. Durch die weltweite Ausstrahlung per Internet und die Segnung der Massen wird „Urbi et Orbi“ meines Erachtens ad absurdum geführt. Der Versuch, die symbolische Geste sakral aufzuplustern, führt zu aberwitzigen Konstruktionen. Zum Beispiel können wir den Segen nur dann empfangen, wenn wir live und nicht zeitversetzt zuschauen.

Man kann „Urbi et orbi“ als einen Wegbereiter der „digitalen Kirche“ sehen. Während der „Pandemie“ hat die Retorten-Kirche noch weiter Auftrieb bekommen, insbesondere durch die Internet-Übertragungen von digitalen Gottesdiensten. https://stellwerk60.com/2020/04/22/gott-to-go-wie-sich-die-amtskirchen-immer-weiter-vor-der-schoepfung-abschotten/ Auch nach der „Pandemie“ zeichnet Domradio, der Radio-Sender des Erzbistums Köln („mit dem guten Draht nach oben„), ausgewählte Gottesdienste auf. Hauptakteur: Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki. Im Kölner Dom hat Woelki Heimvorteil. Nach wie vor scheint es der redegewandte Kardinal zu genießen, gefilmt zu werden. Das ist bemerkenswert, denn Woelki steht im Zusammenhang mit der Vertuschung von sexuellem Missbrauch längst unter Meineids-Verdacht. https://www.sueddeutsche.de/politik/koeln-woelki-1.5853412

Erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Kardinal Rainer Maria Woelki in seinen Gottesdiensten das Unschuldslamm mimt. Ich fürchte, dass er sich wirklich unschuldig fühlt, Woelki hat gebeichtet und Aufarbeitung versprochen. Warum sollte er weiter predigen dürfen, wenn er nicht längst von seiner Schuld erlöst wäre? Schließlich steht der Papst hinter ihm und beschützt ihn. Franziskus hat sein Rücktrittsangebot nicht angenommen.

Doch je länger er den Bischof mimt, desto mehr verspielt er das Vertrauen der Menschen. Woelki schadet nicht nur sich selber und der Katholischen Kirche, sondern dem Glauben schlechthin. Denn für die meisten Menschen ist die Kirche so etwas wie der letzte Ort Gottes. Viele Menschen empfinden wie ich, als ich vor knapp vierzig Jahren aus der Katholischen Kirche ausgetreten bin. Traurig und enttäuscht verabschiedete ich mich vom Gott meiner Kindheit und bezeichnete mich als „Atheistin“, ohne das jemals zu sein. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass die Kirche mein spirituelles Vermögen blockiert hatte.

Denn die Kirche hat sich den Geist, den Spiritus zu eigen gemacht. Ich komme noch einmal auf die Predigt zurück, die Woelki zu Pfingsten 2023 im Rahmen des Pontifikalamts im Kölner Dom hielt. Domradio hat die „Predigt KARDINAL WOELKI an PFINGSTEN im Kölner Dom“ gefilmt und ins Internet gestellt. Vgl.: https://stellwerk60.com/2023/10/22/als-ob-nichts-waere-der-kommentar-der-kinder-zu-woelkis-zeitloser-predigt/

Am Ende seiner Predigt, die den Heiligen Geist zum Thema hat, wird er leidenschaftlich:

Der Heilige Geist ist die Flamme des Göttlichen Lebens, die aus dem Inneren Gottes herausschlägt und uns läutert und durchdringt, uns hineinnimmt in die Einheit mit dem Vater und dem Sohn. wo zu dieser Gemeinschaft mit Gott verholfen wird, wo sie gefunden wird, wo wir sie leben, da beginnt neue Schöpfung, da ist der Schöpfer Geist am Werk. Und wir müssen uns deshalb diesem Geist immer und immer und immer wieder neu öffnen und bitten: Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe, sende aus deinen Geist, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern…“ (Video, ab Min. 14.34)

Hat Woelki jemals mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen empfunden, was er da sagt? Vor dem Hintergrund des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche wage ich es zu bezweifeln, denn ein Mensch, der das „Feuer“ göttlicher Liebe erfahren hat, wäre von der „Liebe zum Leben“ erfüllt. Dieser Mensch würde sich nicht der Verantwortung entziehen, sondern mit der Kraft der Liebe mit seinen misshandelten Schutzbefohlenen empfinden, sich für sie einsetzen und sie vor Gewalt schützen.

Früher hätte ich die Formulierung „Flamme des Göttlichen Lebens“ lächerlich und pathetisch gefunden. Der Heilige Geist, so dachte ich, ist eine Erfindung. Doch es ist schlimmer, denn der „Heilige Geist“ ist keine Erfindung, sondern Ausdruck einer Okkupation. Auch wenn es sich nicht rekonstruieren lässt, glaube ich, dass der Heilige Geist eine Antwort der monotheistischen Kirche auf heidnische Gotteserfahrungen war. Vermutlich haben spirituelle Erfahrungen, die einzelne Menschen gemacht haben, in den polytheistischen Kulten und Riten der Kelten und Germanen eine zentrale Rolle gespielt. Sie waren sinn- und kraftgebend für die Gemeinschaft – und mussten dementsprechend kanalisiert und entkräftet werden.

Das zu schreiben, erlaube ich mir, weil ich vor fast neun Jahren ein „Nahtoderlebnis“ hatte, von dem ich an dieser Stelle schon drei Mal berichtet habe. Der Begriff ist unpräzise, aber er hat sich etabliert, weil vor allem Menschen, die wiederbelebt werden oder auf andere Weise dem Tod nahe sind, mystische Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen kann man nicht herbeirufen, sie passieren einfach. https://stellwerk60.com/2021/12/24/wir-sagen-euch-an-im-koelner-dom-wird-an-heiligabend-geimpft-wie-mich-eine-persoenliche-gotteserfahrung-nahtod-gegen-die-staatskirche-immunisiert-hat/

Meiner Erfahrung waren andere Ereignisse vorausgegangen. Ich hatte über Karneval 2015 („Fünfte Jahreszeit“) eine Reise in die Bretagne gemacht. Eigentlich war es nicht meine Reise, sondern die zweier damaliger Freunde, die mich eingeladen hatten. Ich liebe es, mithilfe von Landkarten nachzuvollziehen, wo ich mich befinde, aber ich hatte die Karte zu Hause gelassen und komplett die Orientierung verloren, was ich genossen habe. Wir haben auf einem Friedhof in einem Ort an der Nordküste des Finistère nach einem Grab gesucht. Dieses Grab haben wir nicht gefunden, obwohl wir -wie sich später herausstellen sollte- mehrmals daran vorbeigelaufen sind. Aber ich habe auf dieser Reise etwas anderes entdeckt…

Wenige Wochen später hatte ich dann -mitten in Köln, in vertrauter Umgebung- meine „Nahtoderfahrung“…. Ich habe damals nicht geahnt, dass ausgerechnet Kardinal Woelki die Begegnung mit dem Heiligen Geist so beschreiben würde, wie ich die Begegnung mit dem Göttlichen erlebt habe. Meine Erfahrung hat eine vergleichbare Dramaturgie: Nachdem ich von einer Kraft überwältigt wurde und in einen Zustand extremer Todesangst geriet, folgte eine Phase der Erlösung: „… die Flamme des Göttlichen Lebens, die aus dem Inneren Gottes herausschlägt und uns läutert und durchdringt…“ Allerdings habe ich diese Phase nicht als Erlösung aus irgendeiner Schuld, als Läuterung oder „Reinwaschung“ empfunden, sondern „nur“ als tiefgreifende Befreiung von der Todes-Angst. Die Kraft, die mich überwältigt hatte, wollte mich nicht bestrafen, sondern mir die Augen öffnen, insbesondere für die in der autoritären Gesellschaft allgegenwärtige Erzeugung von Todesangst. Diese Kraft meinte es gut mit mir.

Weiter heißt es bei Woelki: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe… “ Tatsächlich war ich nach der Erlösung aus der Angst von Liebe erfüllt. Und nicht nur das: Der ganze Kosmos war von Liebe erfüllt. Die Liebe (nicht Angst und Hass), so empfand ich deutlich, war und ist die treibende Kraft, die uns leben und lieben und die alles entstehen, wachsen und gedeihen lässt. Ich lief wochenlang beschwingt durch die Gegend und sagte: Der Kosmos ist von Liebe durchdrungen, ist das nicht schön? Meine Umgebung hat mich für verrückt gehalten, zumal ich damals schon 56 Jahre alt war.

Allerdings ist eine solche Erfahrung ambivalent und so wenig sanft wie eine Geburt. Tatsächlich sind Nahtod- Erfahrungen intensive, in einem umfassenden Sinn erotische Erlebnisse. Alles genauere Erzählen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Später einmal mehr.

Doch wie ist es um den Wahrheitsgehalt einer solchen „Gotteserfahrung“ bestellt? Was ich erlebt habe, könnte sich ja in meinen Gehirn abgespielt haben und nicht der realen Welt. Anfangs hatte ich leise Zweifel, aber dann mehrten sich erstaunliche und rätselhafte Synchronizitäts-Erleignisse in der realen Welt.

Nun muss man den Kirchen zugute halten, dass sie -wie auch immer- den Glauben an ein Göttliches, an ein Jenseits und die Unendlichkeit aufrecht erhalten. Was aber die großen christlichen Feste lebendig macht, ist die Verquickung christlicher mit heidnischen Elementen. Ostern feiern wir ja nicht nur die Wiederauferstehung Christi, sondern das Wiedererwachen der Natur, die in ihrer Mannigfaltigkeit kein Gott an wenigen Tagen hätte erschaffen können. Ich glaube an „Gott“, aber nicht an den monotheistischen Vatergott. Diesen begreife ich zwar nicht als „falsch“ oder erfunden, aber als Einengung und Vereinseitigung eines weitaus umfassenderen Göttlichen.

Hier stocke ich, weil das Erlebnis mit der weißen Taube (s.u.) so ungeheuerlich war, dass ich für den Text noch ein bisschen Zeit brauche… Später mehr…

Elfchen im Zehnten: Man muss

Vor vielen Jahren habe ich einmal auf dem Köln-Nippeser Markt ein Gespräch zwischen zwei alten Männern mitbekommen, wobei „Gespräch“ für das, was ich zu hören bekam, ziemlich übertrieben ist.

Der kurze Dialog ist Inhalt meines Elfchens des Monats, das diesmal kein Mini-Gedicht ist, sondern ein kleines Drama:

Zwei

Alte begegnen

sich: „Wie es

et?“ „Ach ja, man

muss.“

Das Gespräch endete hier, die Männer verabschiedeten sich voneinander. Doch der kleine Dialog ist mir seitdem im Ohr. Zwar sind, wenn sich zwei Männer zufällig über den Weg laufen, die Gespräche oft kurz und schroff („Wie geht’s?“ „Kann nicht klagen. Und du?“ „Dito.“), doch in der Antwort „Man muss“ schwingt noch etwas anderes mit, eine gewisse Verbitterung.

Nach Ende der Corona-„Pandemie“ sind freudlose kleine Gespräche allgegenwärtig. Viele Menschen fühlen eine tiefe Ohnmacht. Die was zu sagen hätten, haben nichts zu sagen. Während Internet und Fernsehen die Menschen volllabern, mit Werbung beballern und lautstark alarmieren oder dauerbespaßen, sind wir zum Schweigen verdammt.

Mit der Zurücknahme der entwürdigenden staatlichen Corona-Maßnahmen wurde das Ausmaß der psychischen Verletzungen und Langzeitfolgen sichtbar. Nichts ist wie vorher. Die Maßnahmen waren nicht nur ein Angriff auf unsere Würde, sondern auch auf unsere Selbstachtung und Lebensfreude. Ich selber bin manchmal in einer nie gekannten depressiven Schockstarre – und trauere um die Demokratie.

Während der „Pandemie“ verpflichtete man uns -unter Androhung demütigender Strafen- zu einem bedingungslosen Mitmachen: Ihr müsst gehorchen. Dementsprechend ist das Wort „Müssen“ eine zentrale Vokabel im internen Papier aus dem Bundesinnenministerium zur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020, das eigentlich geheim gehalten werden sollte. Wir erinnern uns: Am 1. April 2020 hatte das gemeinnützige Portal „Frag den Staat“ das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht. „Indem man uns mit einem “worst case” konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via “Schockwirkung” Todes-Angst eingejagt werden.“ https://stellwerk60.com/2023/09/28/die-digitalisierungsfalle-wie-der-koelner-amtsschimmel-munter-wiehernd-hineintrabt/

Im Papier des Innenministeriums heißt es zur Durchführung der Maßnahmen:

Politik und Bürger müssen dabei als Einheit agieren.
3) Nachvollziehbarkeit: Die Bürger müssen nachvollziehen können, dass folgende Maßnahmen nur mit ihrer Mithilfe zu ihrem Wohl umgesetzt werden (müssen und) können.“
(Fettung und Klammer von mir)

Um dem Geschriebenen Nachdruck zu verleihen und uns die Notwendigkeit der Maßnahmen einzubläuen, wählte man einen autoritären Befehlston und verwendete wiederholt das Wort „müssen“. „Müssen“ ist nicht per se ein Macht-Wort. Manchmal bezeichnet das Wort eine naturgegebene Notwendigkeit, z.B.: „Wir müssen essen, um nicht zu verhungern“… „Wir müssen trinken, um nicht zu verdursten“… „Ich muss mal.“

Hier jedoch geht es um die Demonstration von Macht. Durch die krampfhafte Wiederholung des Wortes „müssen“ kommt es aber dazu, dass der kleine Text aus allen Nähten bzw. Satzzeichen platzt und grammatikalisch entgleist. Der Satz, der mit „Die Bürger“ beginnt, enthält zwei Wörter zu viel, die vermutlich später eingefügt wurden: „… müssen und“. Ich empfehle, den Satz noch einmal genau zu lesen – einmal mit und einmal ohne Klammer.

Alle Menschen in Deutschland waren von den Maßnahmen betroffen, doch besonders hart war es für die Menschen über 60, die unterschiedslos als vulnerabel und bedürftig abgestempelt wurden. Aufmerksame Zeitgenossen mit einem Gespür für die Verletzung elementarer Menschenrechte bemerkten die autoritäre Gleichschaltung schon zu Beginn der „Pandemie“:

„Im April 2020 gab das Deutsche Institut für Menschenrechte eine Stellungnahme mit dem Titel „Menschenrechte Älterer auch in der Corona-Pandemie wirksam schützen“ ab. Das Institut bewertet die These als richtig, dass der Staat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit älterer Menschen auf seinem Staatsgebiet effektiv zu schützen versuchen müsse. Es verurteilt aber die „Fehleinschätzung“, „dass alle älteren Menschen schutzbedürftig sind, weil verkannt wird, dass Ältere keine homogene Gruppe bilden, sondern das Risiko vom individuellen Gesundheitszustand und von der Lebenssituation abhängt…“ https://de.wikipedia.org/wiki/Altersdiskriminierung

Leider wurden kritische und aufmerksame Stellungnahmen wie diese (nicht nur irgendeines, sondern des anerkannten Deutschen Instituts für Menschenrechte!) von den Verantwortlichen ignoriert und missachtet. Das hatte eine mit nichts zu rechtfertigende Respektlosigkeit der Politik gegenüber älteren Menschen zur Folge und führte dazu, dass insbesondere die sehr alten Menschen in den Pflegeheimen der Willkür der „schützenden“ Maßnahmen (Kontaktbeschränkung, Sicherheitsabstand, Maskenpflicht etc.) schutzlos ausgeliefert waren. Weiter zuspitzen sollte sich die Situation mit der Corona-Impfung, als Seniorinnen und Senioren -unabhängig von ihrem individuellen Gesundheitszustand- trotz doppelter Impfung wochen- und manchmal auch monatelang Abstand voneinander halten und in Quarantäne mussten.

Newsletter der Stadt Köln, Frühjahr 2020: „Jung“ wird aufgefordert, den Kontakt zu „Alt“ (Dutt, Hut, Stock) abzubrechen bzw. – „sachlich“ ausgedrückt wie hier- zu „unterlassen“. Allerdings ist die Warnung der Stadt missverständlich. Die Grafik präsentiert ein ausgeh- und selbstverteidigungsbereites älteres Paar, ausgerüstet mit „Stock und Hut“. Und wäre „Köln“ tatsächlich „vorbereitet“ gewesen, wenn „Alt“ sich nicht zu Hause eingeigelt, sondern erhobenen Hauptes mit aufgerichtetem Stock bei „Jung“ auf der Matte gestanden hätte?

Zum Thema Altersdiskriminierung unter dem Deckmantel staatlicher „Wohlfahrt“ vgl.: https://stellwerk60.com/2022/10/31/elfchen-im-zehnten-deine-apotheke-impft/

Die Vokabel „Müssen“ ist auch Erkennungsmerkmal einer neuen bundesdeutschen Kriegsrhetorik. Erst kürzlich hat uns Bundesverteidigungsminister Boris Becker* (pardon: Boris Pistorius) vorgeführt, wie leicht ihm das Macht-Wort über die Lippen geht. In einem Plädoyer für Kampfbereitschaft sagte Pistorius am 29.10. im ZDF: „Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte. Und das heißt: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/boris-pistorius-krieg-europa-kommentar-100.html

– *Bundesverteidigungsminister Boris Becker? Was wie ein sprachlicher Ausrutscher aussieht, ist keiner. Übersetzt heißt „Pistorius“ tatsächlich „Bäcker“, denn der Name leitet sich von lateinisch „pistor“ = „Bäcker“ ab. Unser Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat aber keinen römischen Migrationshintergrund, sondern clevere Vorfahren, die ihren Familiennamen durch eine Latinisierung veredelt haben. Aufhübschungen wie diese waren bis zum Jahr 1876, als man überall im damaligen Reichsgebiet Standesämter einrichtete und Personenstandsregister einführte, möglich und üblich. –

Angeblich hat es Boris Pistorius nicht so gerne, wenn man ihn scherzhaft „Boris Becker“ nennt oder gar „Bobbele“. Das hat weniger mit Boris Beckers Haftstrafe zu tun als mit der Tatsache, dass Becker als junger Wimbledon-Sieger, Steuerflüchtling und Staatsbürger von Monaco vom Wehrdienst befreit war. Ein Artikel aus dem Jahr 1985: https://www.spiegel.de/sport/begeisterung-macht-nicht-blind-a-011577d7-0002-0001-0000-000013516241

Bedenklich und unannehmbar ist, dass Pistorius von wir redet und auf diese Weise uns alle in seine Kriegsvorbereitungen einbezieht und zu Mittätern macht. Ich sage NEIN! Ich will weder kriegstüchtig werden noch wehrhaft sein noch mich „wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte.“ Mit dieser verschleiernden und verharmlosenden Aussage macht Pistorius uns allen was vor, denn „die Gefahr eines Krieges in Europa“ droht nicht nur. Dieser Krieg ist längst Wirklichkeit geworden.

Für den Satiriker („Pardon“) und Ex-Kriegsreporter Gerhard Kromschröder geht die Militarisierung der Gesellschaft mit einer Militarisierung des Denkens und Sprechens einher. Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert sagte er im April: „In Deutschland herrscht gegenwärtig eine unsägliche Kriegsrhetorik. Wir scheinen diese Kriegsrhetorik geradezu lustvoll anzunehmen und uns in ihr zu suhlen. Oft führt das zu Realsatire. Ich denke an eine Partei, die einmal als Friedenspartei gegründet wurde und damit Erfolg hatte. Sie gefällt sich heute darin, immer neue Waffenlieferungen zu fordern und wechselnde Kriegsszenarien auszumalen. Das hat viel Komik an sich.“ https://www.fr.de/panorama/gerhard-kromschroeder-in-deutschland-herrscht-unsaegliche-kriegsrhetorik-92221691.html

Dass die GRÜNEN ihr zentrales Wahlversprechen („Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete“, Wahlplakat) gebrochen haben und das Gegenteil von dem veranstalten, weswegen ich sie noch 2021(!) -wenn auch zähneknirschend- gewählt habe, ist allerdings mehr als nur tragikomisch. „Das hat viel Komik an sich“, konstatiert Gerhard Kromschröder. Ja, das hat es, doch ich kann nicht mehr lachen. Denn die Kriegspolitik der Bundesregierung ist keine Satire, sondern real.

Dankbar bin ich Kromschröder für den Hinweis auf eine Lachnummer von Cem Özdemir, Mitglied der „Friedenspartei“ DIE GRÜNEN und Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Ich wusste nicht, dass die Bundeswehr seit 20 Jahren den Bundesministerinnen und Ministern anbietet, an einer mehrtägigen Wehrübung in den Streitkräften teilzunehmen. So hatte ich auch nicht mitbekommen, dass das Angebot im Frühjahr 2023 angenommen wurde, und zwar von eben jenem Cem Özdemir, der mit wackerem Büttenreden-Humor im Jahr 1997 gesagt hat: „Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.“ Zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir

Vermutlich hat der Mann was nachzuholen. „Ich habe nie Wehr- oder Zivildienst geleistet“, sagte er im Jahr 2001 in einem Interview mit dem SPIEGEL „Die deutsche Staatsbürgerschaft habe ich 1981 unter anderem deshalb angenommen, um nicht in der Türkei Wehrdienst leisten zu müssen. Auch in Deutschland bin ich nie gemustert worden.https://www.spiegel.de/politik/deutschland/40-jahre-zivildienst-haben-sie-eigentlich-gedient-herr-oezdemir-a-126230.html

In der Bundespolitik kommt es nicht gut an, wenn ein Spitzenpolitiker nicht gedient hat. Doch Özdemir gibt sich Mühe. Man muss ergänzen, dass er bereits im Jahr 2019 ein mehrtägiges Praktikum bei der Bundeswehr absolviert hat, und zwar am Bundeswehrstandort Munster in Niedersachsen. Begleitet wurde Özdemir damals von GRÜNEN-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Lindner hat, wie es heißt, sogar seine Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen, um an der Wehrübung teilnehmen zu können. Aber vielleicht war es ja umgekehrt. Vielleicht hat Tobias Lindner nur an der Wehrübung teilgenommen, um zu zeigen, dass es ein Kinderspiel ist, die Kriegsdienstverweigerung nachträglich zurückzunehmen. https://taz.de/Gruene-und-Bundeswehr/!5601987/

Im Jahr 2023 ist Özdemir wieder dabei, diesmal bei den Feldjägern in Hannover. Schauen wir uns das „Deckblatt“ des Videos an, das der Nachrichtensender der WELT dankenswerterweise ins Netz gestellt hat (s.o.). Der da stolz die Nüstern bläht und dem der Flecktarn prima steht, ist tatsächlich Cem Özdemir.

Dieser Spot macht nicht nur Werbung für den Krieg, sondern auch für die Autoindustrie. Neben Soldaten werden in der Kaserne auch Personenschützer ausgebildet. Bei der viel Sprit vergeudenden Auto-Gaudi „Fahrsicherheitstraining“ kommen ausschließlich Mercedes-Limousinen zum Einsatz. „Als Beifahrer nimmt Cem Özdemir am rasanten Fahrsicherheitstraining teil, Wasserfontänen, Vollbremsungen und waghalsige Wendemanöver inklusive.“ Özdemir zeigt sich beeindruckt: „Das könnte ich nicht, auch nicht nach viel Übung.“ (Video, Min. 1.04 – 1.08)

Übrigens klärt mich die Internet-Seite von Auto Motor und Sport darüber auf, dass sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei Amtsantritt für einen Dienstwagen von Mercedes entschieden hat: das gepanzerte S-Klasse-Modell S 680 Guard.

Dass Özdemir, geblendet von Privilegien und Macht, für Krieg und Mercedes wirbt, aber Süßigkeiten-Werbung einschränken will, ist Ausdruck einer neuen grünen Doppelmoral. Hier hat sich ein Ökospießertum entwickelt, das für mich diese Partei auf Bundesebene unwählbar macht. Kaum waren sie Regierungspartei, sind die Bundes-GRÜNEN zu autoritären Charakteren mutiert. Erinnern wir uns an den bedrohlichen Gesetzentwurf von AMPEL-Abgeordneten für eine Impfpflicht ab 60. Die neuen GRÜNEN haben sich meines Erachtens schuldig gemacht, insbesondere gegenüber den älteren und alten Menschen.

Naiv, wie ich war, habe ich noch 2021 geglaubt, dass Frau Baerbock nicht käuflich ist. Jetzt fühle ich mich für blöd verkauft. Dieses Plakat formuliert ein Versprechen, das gebrochen werden sollte, und ist eine plumpe Anbiederung an potentielle Wählerinnen und Wähler: „Bereit, weil Ihr es seid.“ Hübscher Reim, doch enthält die harmlos daherkommende Parole nicht bereits eine versteckte Botschaft? In den zwei „Ampel“-Jahren waren die GRÜNEN zu allem bereit. Daher lese ich die Parole jetzt anders: „Allzeit kampfbereit, weil ihr es seid.“

„Mein Name ist Woelki, ich weiß von nichts…“ – Der stille Widerstand gelangweilter Kinder gegen Rainer Maria, den Prediger

Im September ist bekannt geworden, dass der 1991 verstorbene Ruhrbischof Franz Hengsbach in den 1950er und 60er Jahren mehrere junge Frauen sexuell missbraucht haben soll.

Franz Hengsbach, der als „Bischof der Bergleute“ einen ausgezeichneten Ruf hatte, war der erste Bischof des 1958 gegründeten Bistums Essen, dem auch „unsere“ Bottroper Kirche St. Elisabeth angehörte, wo mein Großvater Josef, ein überzeugter, aber liberaler Katholik, noch im hohen Alter am Gründonnerstag zur Fußwaschung ging.

Doch Hengsbach soll vor allem dann den Menschen zugewandt gewesen sein, wenn die Öffentlichkeit zuschaute, wenn die Presse dabei war. Hengsbach war fotogen. Hinter den Kulissen war er -wie Zeitzeugen erzählen- nicht nur elitär und dünkelhaft, sondern auch autoritär. Beim WDR5 Stadtgespräch zum Thema „Ist die Kirche noch zu retten?“, einer Veranstaltung im Vorfeld der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (25. bis 28.9.2023 in Wiesbaden) kam Klaus Pfeffer zu Wort, Generalvikar im Bistum Essen. „Er hatte eine Macht-Aura, die war enorm“, berichtet Klaus Pfeffer. Er hat Hengsbach während seines Studiums erlebt und hätte sich damals nicht getraut, etwas gegen ihn zu sagen.https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/wdr5-stadtgespraech-essen-hengsbach-100.html

Ein Lieblingsvetter meiner Mutter, langjähriger ärztlicher Direktor am Essener Elisabeth-Krankenhaus, war eine Zeitlang Hengsbachs Leibarzt. Vor mehr als dreißig Jahren war mein Bruder einmal zufällig vor Ort, als unser Onkel einen Anruf von Hengsbach bekam, seine Stimme leicht verstellte und den Bischof mit „Euer Eminenz“ anredete. Über die kleine Szene mussten wir noch Jahre später herzhaft lachen, was wohl auch am Nachahmungstalent meines Bruders lag.

Dass „Euer Eminenz“ auch „nur“ ein Mann aus Fleisch und Blut war, war uns klar. Zu meiner Verwunderung realisieren das viele Menschen erst jetzt, wo der Missbrauch zu Tage kommt. Tief erschrocken sind die, die Bischof Hengsbach einmal in den Himmel gehoben haben.

Mich entsetzt, dass Hengsbach vermutlich nicht alleine gehandelt hat, sondern gemeinsam (sozusagen in Komplizenschaft) mit seinem jüngeren Bruder. „Im Zuge der jüngsten Nachforschungen sei der Vorwurf noch einmal geprüft und als glaubwürdig bewertet worden, teilte das Erzbistum Paderborn ebenfalls am Dienstag mit. Eine Frau habe angegeben, dass sie 1954 als 16-Jährige von Franz Hengsbach gemeinsam mit dessen Bruder Paul sexuell missbraucht worden sei. Der 2018 verstorbene Bruder, der auch Priester des Erzbistums war, habe die Vorwürfe aber vehement bestritten.“ https://www.domradio.de/artikel/verstorbener-kardinal-hengsbach-unter-missbrauchsverdacht

Zum ersten Mal wurde bekannt, dass ein ranghoher Geistlicher primitiver, vulgärer Täter war, wenn sich auch die bislang bekannten Übergriffe vor seiner Amtszeit als Bischof zugetragen haben. Der 1991 verstorbene Bischof Hengsbach hat nicht nur Täter geschützt, sondern selber „Hand angelegt“, in diesem Fall nicht zum Segen, sondern ziemlich profan. Doch wie verhält sich ein Amtskollege der Jetztzeit, der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki? Hat Woelki zu Hengsbach Stellung genommen? Auf taz.de finde ich einen Hinweis. Im Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz fiel, so lese ich, der Name Hengsbach nicht, doch immerhin machte der Limburger Bischof Georg Bätzing in seiner Predigt die Aufarbeitung des Missbrauchs zum Thema. Anders Woelki. „Wenig überraschend blieb das Thema in der Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki gänzlich unerwähnt.“ https://taz.de/Vorwuerfe-gegen-Franz-Kardinal-Hengsbach/!5959782/

Es ist aufschlussreich, sich die Predigt, die Woelki auf der Herbst-Vollversammlung hielt, einmal genauer anzusehen. Man kann sich den Vortrag im Internet anschauen oder auch den Text lesen. https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/herbst-vollversammlung-der-deutschen-bischofskonferenz-in-wiesbaden-naurod-predigt-von-kardinal-rainer-maria-woelki-in-der-eucharistiefeier

Woelkis Predigt ist ein Kommentar zu einer kurzen, aber zentralen Passage in Kapitel 8 des Lukas-Evangeliums (Lk8, 19-21). Die Passage erzählt davon, wie Jesus auf seiner Wanderschaft Besuch von seiner Familie bekommt. Doch da Jesus von einer großen Gruppe Menschen umringt wird, gibt es für die Verwandten kein Durchkommen.

Woelki stellt sich in seiner Predigt hinter das Evangelium. Zu Beginn der Predigt sagt er:

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
wir sind heute Morgen Zeugen einer neuen Familiengründung geworden, nämlich die der Familie Jesu.... Als man Jesus über die Anwesenheit seiner Verwandten informiert, antwortet er geradezu schroff ablehnend. Seine Familie, seine eigentliche, seine wahre Familie – so Jesus – bestehe nur aus jenen, die „drinnen“ sind, die ihn umringen und ihm zuhören. Wer „draußen“ bleibe, gehöre nicht zu seiner Familie, selbst wenn er ein leiblicher Verwandter sei.“

Erzbischof Woelki heißt Jesu Verhalten gut. Dabei wird uns hier ein autoritärer, erschreckend liebloser Jesus vorgeführt. Er liebt seine Brüder und sogar seine „leibliche“ Mutter nicht ihrer selbst willen, sondern nur unter der Bedingung, dass sie ihm gehorchen. Die Herkunftsfamilie hat sich demnach der neu gestifteten Familie Jesu (der Gemeinschaft der Gläubigen) unterzuordnen. Erwartet wird absoluter Gehorsam.

Woelki hält an diesem überkommenen Bild fest. Hier predigt ein Mann, der aufgrund seines Amtes keine Familie gründen, keine Nachkommen zeugen darf. Aber auch ein Mann, der wider besseres Wissen den Missbrauch im Erzbistum Köln lange verschwiegen und nicht die jungen Schutzbefohlenen, sondern die Täter geschützt hat. Ich empfinde die Predigt nicht nur als Affront gegen die betroffenen Kinder, sondern gegen die Familien, gegen die Eltern, die ihre Kinder den Vertretern der Kirche anvertraut haben, irdischen „Vätern“ der „Familie Jesu“. Kardinal Woelki ist einer dieser „Väter“. Irgendwann einmal wird sich der verbitterte Bischof bei allen betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien persönlich entschuldigen müssen.

Wie aber predigt Woelki, der sich scheinbar durch nichts und niemanden berühren lässt, wenn sein Thema die schillerndste, lebendigste Figur der heiligen Dreifaltigkeit ist, der Heilige Geist? Auf domradio.de kann man sich eine Predigt anschauen, die Woelki während des Pontifikalamts im KÖLNER DOM an Pfingsten 2023 gehalten hat.

LIebe Schwestern, liebe Brüder. Wir feiern Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes. Wer ist das eigentlich, der Heilige Geist. Was ist er? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Allein beim Fragen danach haben wir schon Schwierigkeiten. Geist, das ist ja auch der Vater…

Spätestens an dieser Stelle dürfte ein Großteil des Publikums abgeschaltet haben, auch die Menschen, die vor der Predigt vielleicht noch wach waren. Den Kameraleuten von domradio.de ist das natürlich nicht entgangen. Ihnen haben wir schöne Stimmungsbilder zu verdanken. Unten stehender Screenshot fängt einen Kamera-Schwenk aus Video-Minute 4.58 ein.

Für Woelki ist dieses Publikum eine Provokation. Als geschulter Prediger spürt und sieht er, dass die Menschen ihm nicht mehr zuhören. Er merkt natürlich, dass die Kinder sich langweilen, dass sie unruhig werden oder einschlafen. Dass Priester, die eine Messe halten, sehr schnell böse werden können, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen, weiß ich aus eigener Erfahrung. „Während einer Schulmesse “empfing” ich selber einmal zusammen mit der Hostie einen priesterlichen Backenstreich, weil ich mit meiner Freundin gequasselt und (leise!) gelacht hatte.https://stellwerk60.com/2020/04/28/comeback-der-knueppelkuh/

In meiner Kindheit luden die harten Kirchenbänke nicht zum Einschlafen ein. Heute ist das glücklicherweise anders. Die Kinder, die im Jahr 2023 das Pontifikalamt besuchen, haben ihre Eltern dabei, dürfen auf dem warmen Schoß von Mutter, Vater oder eines anderen nahen Menschen einschlafen und können sich sicher sein, dass man ihnen kein Leid zufügt.

In den letzten Jahren hat Woelki schon mehrmals die bittere Erfahrung machen müssen, dass sich gerade junge Menschen mehr und mehr von ihm abwenden. In Aachen sollte der Kardinal eine große Open-Air-Messe leiten, die am 18.6.2023 im Rahmen der sogenannten Heiligtumsfahrt stattfand. „Doch im Mädchenchor des Aachener Doms gab es im Vorfeld heftige Diskussionen. Mehr als die Hälfte der 120 Sängerinnen weigerten sich, mit Woelki, der die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche weiterhin verschleppt, zusammen auf der Bühne zu stehen. Der Protest führte dazu, dass Woelki der Messe fernblieb – und der Mädchenchor geschlossen auftrat.https://stellwerk60.com/2023/06/26/im-namen-der-bundesrepublik-der-evangelischen-kirche-der-katholischen-kirche-ich-bitte-sie-um-vergebung-und-entschuldigung-eine-kleine-sternstunde-im-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk/

Aus Protest gegen die Vertuschung des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche sind während einer Messe, die Woelki am 3.10.2022 in Rom hielt, über hundert Ministrantinnen und Ministranten, die im Rahmen einer Wallfahrt vor Ort waren, von ihren Plätzen aufgestanden und haben dem Kardinal den Rücken zugedreht.

Nach der Predigt in Rom hatte Woelki von einigen Anwesenden Applaus bekommen, „als er die Predigt mit den Worten beendete, Jesus sei den Leuten immer offen gegenüber getreten und habe ‚eigentlich nie einem Menschen den Rücken zugedreht.'“ https://www.kirche-und-leben.de/artikel/protestierender-messdiener-kardinal-woelki-dreht-uns-den-ruecken-zu

Diese Rechtfertigung des Kardinals blieb nicht ohne Widerspruch. So sagte der Theologiestudent Yannik Gran, einer der kritischen Messdiener, der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“: „Woelki dreht uns gerade den Rücken zu. Er ist doch der, der sich versteckt. Er ist für uns nicht greifbar und hat unser Vertrauen verloren.“

Dem kann ich nur zustimmen. Hinzu kommt, dass Woelkis Behauptung, Jesus habe nie einem Menschen den Rücken zugedreht, auch laut Bibel nicht der Wahrheit entspricht. Wie wir oben gesehen haben und im Lukas-Evangelium nachlesen können, hat Jesus ausgerechnet dem Menschen (drohend!) den Rücken zugedreht, dem er seine irdische Existenz zu verdanken hat: Der eigenen Mutter.

Man kann übrigens den Heiligen Geist ganz einfach erklären. Ich empfehle, ein kurzes Video auf katholisch.de anzuschauen. Da wird unter der Überschrift „Katholisch für Anfänger“ in knapp 2 Minuten der „Heilige Geist“ erklärt, und zwar mit einer schönen, leisen Selbstironie, die Woelki fehlt.

Elfchen im Neunten: Liegende Nattern-Acht

Was ich mir zum Geburtstag wünsche, fragten mich meine beiden Töchter, mit denen ich zwei Urlaubs-Wochen in der Bretagne verbrachte. Ich wünsche mir nichts, was ich nach Köln mitschleppen muss, antwortete ich, eine Flasche Rotwein wäre nicht schlecht, denn die kann ich austrinken. Aber am meisten freue ich mich über etwas, das ihr am Strand findet, eine Feder wiegt ja nicht viel. Wenn es etwas ist, das man nicht mitnehmen sollte, ein schöner Stein vielleicht, der dort hingehört, wo ihr ihn entdeckt, dann fotografiert ihn für mich.

Als meine Töchter eines vormittags aufgeregt vom Joggen zurückkamen, kurz vor meinem Geburtstag, hatten sie mit ihren Smartphones Fotos gemacht. In dem Moment wusste ich, was ich mir gewünscht hatte.

Weit

und breit

keine Anakonda, nur

eine sich wärmende satte

Natter

Sonnenbad einer furchtlosen Barrenringelnatter… Ort: Sandweg oberhalb des „unbewachten“ Plage de Trez Cao, Finistère, Bretagne, 25.8.2023

Zwei Tage zuvor (23.8.2023) waren meine jüngere Tochter und ich auf dem Wanderweg zwischen dem Plage de Trez Cao und dem Dorf St Philibert der Doppelgängerin bzw. Doppelkriecherin der Kreuzotter begegnet, einer Schlingnatter. Der angenehm schattige Weg verläuft oberhalb eines nur wenige Kilometer langen namenlosen Bachs, der sich auf der Westseite des Plage Trez Cao an die Felsen drückt und ins Meer mündet.

Die kleine Würge-Schlange, die sich wie eine Blindschleiche bewegte, erkannte, dass wir keine Fressfeindinnen sind, ignorierte die auch in Frankreich geltende Vorfahrtregel rechts vor links, überquerte direkt vor uns langsam, sehr langsam den Weg und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Suchbild mit verschwindender Schlingnatter: