Die Stadt Köln hat seit Frühjahr 2022 ein neues Logo. Angeblich hatten Meinungsumfragen und eine professionelle Markenanalyse ergeben, dass das bisherige Erkennungszeichen „nicht mehr zeitgemäß“ sei.
Seltsam: Abgesehen davon, dass „Meinungsumfragen“ eine einseitige Angelegenheit sind, dass sie die Menschen manipulieren, ihnen eine Meinung in den Mund legen und tatsächliche Auseinandersetzungen und Diskussionen im Keim ersticken, hat niemand, mit dem ich geredet habe, etwas von „Meinungsumfragen“ und einer „professionellen Markenanalyse“ mitbekommen.
„Das Ziel laut Stadtverwaltung: „eine proaktive, über alle Kanäle hinweg wiedererkennbare und zeitgemäße Außenkommunikation“. Also gab es eine Ausschreibung, auf die sich laut Stadt Köln mehrere Agenturen beworben haben. Als Siegerin ging die Agentur „Boros“ hervor, die ein neues Corporate Design entwickelte, darunter auch das neue Stadtlogo. Es soll „zukünftig als Signet einer modernen Metropole klar, prägnant, wiedererkennbar und crossmedial einsetzbar sein“, heißt es in der Pressemitteilung.“ https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/koelner-stadtlogo-wird-zum-streitfall–der-dom-ist-weg-31742656.html
Mit dem neuen Logo sind wir Bürgerinnen und Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt und überrumpelt worden. Die Pressemitteilung des Amts, die herauskam, als da neue Logo längst abgesegnet war (Montag, 28. März 2022, 14:44 Uhr), ist unterschrieben von Pressesprecher Alexander Vogel (FDP). https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/24468/index.html
Links das alte, rechts das neue Stadtlogo. Eine öffentliche Diskussion, die endlich einmal Stadtverwaltung und Bürgerschaft miteinander ins Gespräch hätte bringen können, hat es ebenso wenig gegeben wie die Erstellung eines differenzierten Stimmungsbilds. Ich bin mir sicher, dass die meisten Kölner Bürgerinnen und Bürger, hätten sie mitbestimmen können, zwar für eine Verschlankung des Logos (z.B. Wegfall des roten Strichs am linken Bild-Rand), aber unbedingt für eine Beibehaltung der Domspitzen gestimmt hätten.
„Warum“, frage ich ihn, „hat die Stadt Köln eine ortsfremde Agentur beauftragt, ein neues Logo zu entwerfen, und warum wurde der Dom aus dem Logo entfernt?“
„Et es wie et es“, sagt der Mann, grinst und zitiert nach §1 noch §6 des „Kölschen Jrundjesetzes“:
Die Dokusoap-Serie Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie, die seit 2011 von RTL Zwei ausgestrahlt und seit 2015 von Familienvater Robert Geiss produziert wird, präsentiert uns den Familienalltag der Millionärs- Familie Geiss, zu der neben den Unternehmer-Eltern Carmen und Robert die mittlerweile erwachsenen Töchter Davina und Shania gehören. Diese Geissens sind konsumsüchtig, haben aber kein Problem damit. Sie leben in einer Kunstwelt und reisen, wohin sie wollen, sie kaufen, was sie wollen, egal, ob es teure Klamotten sind oder Autos oder Immobilien. Dabei machen sie erst gar nicht den Versuch, gebildet zu erscheinen, was ja schon fast wieder sympathisch ist. Die Geissens machen Werbung für Tourismus- und Autoindustrie, für die Corona-Impfung, vor allem aber für sich selber: Die Geissens. Bei RTL Zwei sind sie gut aufgehoben.
Natürlich geht es völlig in Ordnung, dass Kölns OB Reker Robert Geissens Kölner Eltern im September 2023 zum 60. Hochzeitstag gratuliert hat, aber muss man das gleich an die Presse-Glocke hängen? Ich fürchte, Frau Reker muss, denn der Artikel ist Teil eines engmaschigen medialen Small Talks, der aktuell fast panisch betrieben wird und die Menschen ablenken soll von kommunalen und globalen Katastrophen.
Dennoch schmerzen solche Freundlichkeiten, denn auf der anderen Seite entzieht sich Frau Reker jeglicher Kritik von Seiten der Bürgerinnen und Bürger. Sie bedankt sich sehr freundlich bei Menschen, die ihr zum Geburtstag oder zu Weihnachten gratulieren, während sie sogar vorsichtig kritische, sachliche Briefe und Mails -wie ich immer wieder höre und selber erlebt habe- unbeantwortet lässt. Wahrscheinlich werden kritische Zuschriften grundsätzlich unter der Ausrede Hater-Post abgelegt.
Dass die Hochachtung vor prominenten Kunst- und Kulturschaffenden schnell „tragisch“ verläuft, mussten wir in Köln erfahren. Die Kölner Oper, eröffnet im Jahr 1957, war im Laufe der Jahrzehnte für sanierungsbedürftig erklärt worden. Daher begann man (noch vor Amtszeit Reker) im Jahr 2012 mit der Sanierung, die nach drei Jahren abgeschlossen sein sollte. Doch schon kurz nach Beginn traten erhebliche Baumängel zutage. Mittlerweile -nach fast zwölf Jahren- sind Oper und Schauspielhaus immer noch nicht wieder eröffnet, während sich die Kosten fast verdreifacht haben.
„Verantwortlich für die gesamte Sanierungsmaßnahme sind: Die Bühnen der Stadt Köln. Als Bauherr. Sie sollten also über einen baufachlichen Sachverstand verfügen, um die Baumaßnahme kompetent managen zu können. Beim Richtfest später setzen sich die Bauherren dieses Großprojektes groß in Szene… So traten drei Laien ohne jeglichen Bausachverstand an, ein Megaprojekt zu leiten.“
Was wir erleben, ist ein Kniefall der Politik vor der „Hochkultur“. Für verknöcherte Bürokraten sind teuer bezahlte Intendanten nicht nur Kunstschaffende, die zu unserer Unterhaltung und Erbauung beitragen, sondern Magier.
Zur Haushaltslage der Stadt Köln äußerte sich Henriette Reker am 16.12.2023 im Express mit folgenden Worten: „Wir müssen lernen zu priorisieren, das Geld wird knapper. Allerdings müssen wir solche Priorisierungen besser erklären, damit die Menschen sie verstehen.“
Auch während der „Pandemie“ waren wir nach Ansicht von Experten zu doof zu begreifen, was gut für uns ist, insbesondere die Corona-Impfung. Anlässlich einer Impfwoche im September 2021, einer Werbeaktion pro Corona-Impfung, kam auch Lothar Wieler zu Wort, damaliger Präsident des Robert Koch-Instituts. „Nach Wielers Angaben gibt es keine genauen Erkenntnisse darüber, welche Menschen sich nicht impfen lassen wollten. Sie gehörten offensichtlich teilweise bildungsferne Schichten an und zählten zum Umfeld der Corona-Leugner. Die Informationskampagnen müssten in Sprache und Form so gestaltet werden, dass sie alle Menschen erreichen.“ (Ich habe mir erlaubt, den bildungsfernen Grammatikfehler –bildungferne(n) Schichten– nicht zu korrigieren.) https://www.wz.de/politik/spahn-setzt-auf-impfungen-an-sportplaetzen-und-fussgaengerzonen_aid-62622253.
Dass „Bildungsferne Schichten“ ein soziales Unwort ist, darauf hatte das Armutsnetzwerk schon im Jahr 2013 aufmerksam gemacht. https://stellwerk60.com/2019/06/27/rehabilitation-eines-unworts/ Obwohl der Hinweis in den darauf folgenden Jahren in zahlreichen Feuilleton-Artikeln aufgegriffen wurde, hat der Begriff überlebt und feiert seit der „Pandemie“ sogar eine Neubelebung.
Kamelle: In diesem Jahr war die Kinderoper Köln zum ersten Mal mit einer eigenen Fuß-Gruppe bei den Schull-und Veedelszöch dabei. Das „Wurfmaterial“ glänzte durch eine hübsche Verpackung: Die Pastelltöne entzücken, die Grafik ist niedlich, aber leider missglückt. Warum hat man dem Vogel den Schnabel kupiert, warm darf er nicht zwitschern?
Die Kinderoper Köln hat einen engagierten Förderverein. Auf der Internet-Seite der Kinderoper schreibt der Vorsitzende Hansmanfred Boden: „Die Kinderoper Köln ist keine elitäre Institution für Besserverdienende. Der Förderverein kümmert sich u. a. darum, dass gerade Kinder aus ärmeren oder bildungsfernen Schichten an unserer Kultur teilhaben können: Für Schüler*innen oder Schulklassen, deren Eltern sich eine solche Nebenausgabe nicht leisten können, bezahlen wir als Förderverein die Eintrittskarten.“ (Fettung von mir) https://www.oper.koeln/de/foerderverein-der-kinderoper-zu-koeln
Das ist gut gemeint, doch leider dünkelhaft und von oben herab. Kinder lieben das Musiktheater. Aber wer bestimmt eigentlich, was „unsere Kultur“ ist?
Es gibt in Köln einige kleine Theatergruppen, die anders als die Kinderoper nicht subventioniert werden, aber richtig gutes Musiktheater für Kinder anbieten. Mein Vorschlag: In Zusammenarbeit mit der Stadt Köln möge der Förderverein ermöglichen, dass alle Kölner Kinder nicht nur die Kinderoper, sondern die Aufführungen verschiedener Ensembles besuchen können.
Der Besuch der Oper vermittelt einem gutbürgerlichen Publikum das Gefühl, zu einer geistigen Elite zu gehören. Dass das gehobene Wir-Gefühl aufkam, dafür sorgten Komponisten, Meister der Manipulation und Menschen-Verführer, bereits im 19. Jahrhundert.
In einem munteren und erhellenden DLF Kultur– Beitrag schreibt Musikjournalist Uwe Friedrich: „Die Oper ist kitschverdächtig. Viele Komponisten wussten genau, wie sie ihr Publikum zum Schluchzen bringen. Der Größte in dieser Disziplin: Giacomo Puccini. Bei seinen Opern weiß man schon vorher, wann die Taschentücher im Zuschauerraum rascheln… Die richtig kitschige Liebe endet in der Oper meistens tödlich. Das gibt den wohligen Schauer im Zuschauerraum: Uns geht es doch vergleichsweise gut, jedenfalls leben wir noch…“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/kitsch-in-der-oper-hochzeit-wahnsinn-und-tod-100.html So ging es dem Opern-Besucher im 19. Jahrhundert bereits ähnlich wie dem Tatort-Zuschauer der Gegenwart. Das blutige bzw. ausgeblutete (Gerichtsmedizin) Geschehen auf dem Bildschirm erregt das Publikum, aber gleichzeitig gestattet es ihm eine angenehme Sicherheits-Distanz.
Auch in Bayreuth hat man die Musen im Griff. Alle geladenen Gäste können sich sicher sein, dass von der Bühne keine Gefahr ausgeht. Unten stehender „Hinweis auf Termine von Ministerpräsident Dr. Markus Söder“ nennt nicht einmal den Titel der Oper, die zur Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele im Jahr 2023 gezeigt wird.
Unter der Leitung von Söder und von der Leyen befasst sich das Bayerische Kabinett, so lesen wir, „insbesondere mit Europathemen“, vermutlich mit „Themen“ der Gesundheits- und Kriegspolitik. Die Heldin von Bayreuth ist keine Opern-Diva, sondern die allgegenwärtige Präsidentin der EU-Kommission: Ursula von der Leyen.
Ich wünsche mir so sehr, dass die unaufhaltsame Ursula von der Leyen, die sich, bevor sie in Bayreuth war, wie schon im Jahr zuvor bei den Salzburger Festspielen zeigte, endlich einmal nicht Werbung, sondern Urlaub macht und in sich geht.
Ihr missionarischer Übereifer hat Ursula von der Leyen, die Vorsitzende der Europäischen Kommission, im Jahr 2022 nach Taizé im Burgund geführt, wo sie sich zwei Tage lang unter die jungen Menschen mischte. Von der Leyen besuchte Ende August 2022 die christliche Glaubensgemeinschaft. Angesichts der schweren Krisen der Gegenwart, so hatte Alois, der Prior der Bruderschaft von Taizé, von der Leyen angekündigt, sei der Besuch ein Zeichen der Hoffnung.
„Sie spricht vom «Kreml», wenn sie vom Aggressor im Ukrainekrieg spricht. Gegen diesen Aggressor gelte es die Werte und Prinzipien Europas zu verteidigen. Die Ukraine könne auf die EU zählen. Denn «wenn die Ukraine nicht mehr kämpft, wird keine Ukraine mehr sein», sagt Ursula von der Leyen und erntet Applaus.“ https://www.kath.ch/newsd/ursula-von-der-leyen-begeistert-taize-gott-ist-immer-bei-mir/
Das ist meines Erachtens Kriegspropaganda. Als Mutter von sieben Kindern weiß sie, wie leicht man junge Menschen, die gerade erst erwachsen werden, manipulieren kann. Erschreckend und geradezu blasphemisch mutet an, dass Ursula von der Leyen (CDU) Gott zu ihrem Verbündeten macht. «Gott ist immer bei mir», antwortet von der Leyen auf die Frage, welche Beziehung sie zu Gott habe.
War Gott auch bei ihr, als Ursula von der Leyen (CDU), die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt, mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla einen Milliarden-Impfstoff-Deal) ausgehandelt hat und die Texte der SMS später hat verschwinden lassen? War Gott bei ihr, als sie in einem Interview mit der SZ im Jahr 2007 „bestimmte Eltern“ diffamierte?: «Wir wissen doch, dass die Mitarbeiter eines Jugendamts bei einem Besuch nicht nur nach den Kindern fragen sollen, sondern darauf bestehen müssen, die Kinder auch zu sehen. Sonst riskieren sie, dass bestimmte Eltern Lügengeschichten erzählen.» https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/reden-und-interviews/ursula-von-der-leyen-gleich-nach-der-geburt-handeln-99768. Es ist höchste Zeit, dass CDU und CSU das C aus ihren Parteinamen streichen!
„Wenn die Probleme zu groß würden, dann sage sie zu sich: «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.»“ Hier banalisiert die Vorsitzende der EU-Kommission ein großes Wort des Theologen Arno Pötzsch. Mit der Zeile «Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand» beginnt ein Lied, dass Arno Pötzsch im Jahr 1941 gedichtet hat. Pötzsch, der als Pfarrer und Seelsorger in Holland stationiert war, hat viele zum Tode verurteilte Soldaten auf ihrem letzten Weg begleitet und -auch mit seinen Liedern und Gedichten- Trost und Hoffnung gespendet.
Der Aufritt in Taizé im Jahr 2022 sollte vorerst ihr einziger bleiben. Stammgast ist sie hingegen in Bayreuth. In der Mediathek von ntv gibt es ein sehr schönes Video zur Festival-Eröffnung im Jahr 2023. Auch wenn „Bayreuth“ nach allen Seiten hin abgesichert ist, lassen sich die Auftritte der Polit-Prominenz nicht perfekt inszenieren. Was ist, wenn der Rote Teppich total durchnässt ist, weil’s heftig regnet? Genau das ist in Bayreuth im Jahr 2023 passiert. In einem kleinen Film voller Slapstick-Momente, die man besser nicht hätte inszenieren können, erleben wir die Polit-Prominenz in einem minutenlang andauernden Platzregen. Markus Söder sehen wir vorerst nicht, weil der beleidigt ist und sich zunächst weigert, aus dem Auto auszusteigen. Als er dann endlich aus der Limousine klettert, ach was: springt (!), wird er von vier schützen wollenden Sicherheitskräfte flankiert, die aber auch nichts weiter zu bieten haben als große, durchsichtige, fernsehfreundliche Schirme.
Der Film gibt uns auch einen Eindruck davon, was ein Opern-Zuschauer empfindet, der eine sogenannte AR-Brille trägt. Mit solchen Augmented (=erweiterte) Reality (AR-Brillen) war ein Teil der Zuschauer (♀︎+♂︎) ausgerüstet worden, aber nur die auf den hinteren Rängen, denn mit dem Zuschauerraum im Rücken funktioniert der „Zauber“ nicht.
Um die schwer in die Jahre gekommene Bayreuther Oper aufzupeppen und um ein junges Publikum zu erreichen, hatte die Festspielleitung für die Inszenierung des Parzival den US-amerikanischen Regisseur Jay Scheib engagiert, Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) für Musik und Theaterkunst.
Ausschnitt aus dem NTV-Video. Bildmaterial/Quelle: „Gesellschafter der Bayreuther Festspiele“. Im Film sehen flatternde Schmetterlinge, durch den Raum segelnde Papierschnipsel und einen schwebenden Meteoriten. Aber die Brille bietet, wie ich lese, noch mehr: Gewitter-Blitze, sich durch den Raum bewegende, menschlich anmutende Figuren…
Scheib und sein Team arbeiten seit Jahren an der Frage, wie man Neue Technologien im Theater einsetzen kann. Um es vorweg zu nehmen: Das Experiment konnte nicht wirklich überzeugen, auch wenn ihm „Potential für die Zukunft“ bescheinigt wurde.
Dabei hatte Scheib im Vorfeld sein Projekt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa noch vollmundig angepriesen:„Die AR ist da, um uns einen Blick erhaschen zu lassen in eine Welt, in der es noch Visionen geben kann und wo noch Dinge existieren, auf die wir nicht mehr achten. Außerdem können wir den Raum erweitern, das Bühnendesign. Wir können im Theater sitzen und trotzdem nach draußen auf den Hügel schauen. Wir werden die Mauern explodieren lassen, wir werden sie verschwinden lassen und das szenische Design fast bis zur Unendlichkeit ausweiten. Dinge werden durch die Luft fliegen.“ https://www.br.de/nachrichten/kultur/bayreuther-festspiele-starten-ein-open-air-zum-auftakt,TkuHeis
„Dinge werden durch die Luft fliegen…“ Man will, man muss sich vor solchen „Versprechungen“ in Sicherheit bringen. Das ist Kitsch. Zum Glück hat mich ein Artikel der Abendzeitung München(Autor: Robert Braunmüller) beruhigen können: „Tatsächlich erinnern die Bayreuther Bilderzuspielungen im Vergleich zu dem, was im Kino oder in Spielen dank Computer Generated Imagery (CGI) Alltag ist, an den guten alten Bildschirmschoner. Tauben und Schwäne fliegen scheinbar durch den Zuschauerraum, im dritten Akt schwimmt allerlei Müll von der Plastiktüte bis zu alten Autobatterien vor den Augen des Brillenträgers vorbei… Höhepunkt des visuellen Spektakels ist der einstürzende Zuschauerraum des Festspielhauses am Ende des zweiten Akts. Und ganz zuletzt schwebt wie anno 1882 die Gralstaube über Parsifal und den übrigens Erlösten.“ https://www.abendzeitung-muenchen.de/kultur/buehne/ar-brillen-enttaeuschen-bei-parsifal-auf-den-bayreuther-festspielen-art-917103
Eine gewisse Genugtuung kann ich mir nicht verkneifen.
Zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi veröffentliche ich an dieser Stelle ein viertes Mal nach 2020, 2021 und 2022 einen digitalen Stolperstein.
Digitaler Stolperstein:Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer “Maßnahmen” erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania (“Steffi”) Wilczok geb. Tkaczik, geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: “manisch-depressiv”. “Verstorben” am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: “Kopfgrippe”
Die kalte, rationale Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten zielte auf die totale Beherrschung der Menschen, ihrer Körper und ihrer Seelen. Das konnte nur gelingen, indem man in den Schutzraum Familie eindrang und Schwangerschaft und Geburt zur Sache des Staates machte. Die Mutter-Kind-Intimität musste reguliert und die Mutterliebe verstaatlicht werden. Dabei spielten die Nazis ein perfides Doppelspiel. Während man die „erbgesunde“ Mutterschaft sentimental verklärte, trieb man die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ systematisch voran. Nur „erbgesunde Frauen“ sollten Kinder zur Welt bringen, gesunde, wehrtaugliche Söhne, Nachschub für Hitlers Wehrmacht.
Das Mutterkreuz, mit dem Frauen ausgezeichnet wurden, die vier und mehr Kinder bekamen, war Teil der NS-Kriegspropaganda. Am 16.12.1938, kurz vor dem letzten „Friedens-Weihnachten“, hatte Adolf Hitler den Orden publikumswirksam gestiftet, nicht zufällig knapp neun Monate (!) vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1.9.1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit pathetischen Worten bedankte sich Hitler bei den Müttern, die sich geehrt fühlten und noch nicht ahnten, dass die Nazis sie zwingen würden, ihre Söhne zu opfern: „Als sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter stifte ich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter.“
Meine psychisch kranke Großmutter Steffi ist schon im Jahr der „Machtergreifung“ getötet worden, kurz bevor am 1. Januar 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft trat. Dass „erbkranke Mütter“ schon im Jahr 1933 in der Nazi-Psychiatrie umgebracht wurden, mögen selbst kritische Historiker kaum glauben, aber es ist anzunehmen, dass einzelne psychisch schwer gestörte Mediziner der infernalischen Versuchung nicht widerstehen konnten und bereits im Vorfeldprobegehandelt haben. Das Gesetz aus dem Jahr 1933 „erlaubte“ zwar „nur“ die Sterilisation und nicht die Tötung psychisch kranker Menschen, aber es hat -so kann man im Nachhinein sagen- die Hemmschwelle herabgesetzt und den Weg zur Euthanasie geebnet.
Im Oktober 1939, als die Nazis längst mit der Massentötung behinderter Kinder begonnen hatten, erließ Hitler die Anordnung zur Ausrottung „lebensunwerten Lebens“, die auch zur Ermordung erwachsener Patienten aufrief und in die Aktion T4 mündete, bei der rund 70.000 Menschen ermordet wurden. „Insgesamt sterben im Rahmen der Krankenmorde rund 200.000 Menschen.“ https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Euthanasie-Die-Rassenhygiene-der-Nationalsozialisten,euthanasie100.html Der Auftrag zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ war der einzige, den Hitler je persönlich unterzeichnet hat. Offenbar war ihm die Vernichtung psychisch kranker und behinderter Menschen eine, wenn nicht die Herzensangelegenheit.
Wann mein Großvater Karl seine Kinder über die „Ursache“ des Todes ihrer Mutter aufgeklärt hat, ist mir nicht bekannt. Ich denke, dass er, um seine Kinder zu schützen, ihnen lange Zeit die Wahrheit verschwiegen hat. Glücklicherweise hatte die Familie mitfühlende nahe Verwandte und wurde nach Kräften unterstützt. Gut aufgehoben waren die Geschwister auch in der Kirchengemeinde von St.Joseph in Bottrop-Batenbrock, wo mein Vater Ernst von 1932 bis 1941 Messdiener war.
St. Joseph in Bottrop verbinden viele Menschen mit dem Namen Bernhard Poether. Poether war im April 1939 als Priester nach St. Joseph gekommen, einer Gemeinde im Bottroper Stadtteil Batenbrock, wo viele Bergarbeiterfamilien lebten. In Krakau hatte er Polnisch und Russisch gelernt, so dass er sich mit den polnisch-stämmigen Menschen in ihrer Muttersprache verständigen und Seelsorge leisten konnte. Allerdings war die Polenseelsorge (wie die bedingungslose Menschenliebe überhaupt) den Nazis ein Dorn im Auge. „Die NS-Propaganda forcierte ab Frühjahr 1939 die in großen Teilen der deutschen Bevölkerung vorhandenen antipolnischen Ressentiments. Im August 1939 berichteten Zeitungen und Rundfunk fast täglich über angebliche polnische Grenzverletzungen und Gewaltakte an der in Polen lebenden deutschen Minderheit. Der Überfall auf Polen sollte so als „gerechte Strafaktion“ für die Provokationen erscheinen.“ https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/ueberfall-auf-polen-1939.html Doch die Gewalttakte von Polen gegenüber Deutschen waren erfunden, eine infame Schuldzuweisung und folgenreiche Propaganda-Lüge.
Am 1. September 1939 wurde mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die Polenseelsorge verboten. Als sich Bernhard Poether dennoch weigerte, die Polenseelsorge zu unterlassen und weiterhin polnischen Christen die Beichte abnahm, wurde er als „Staatsfeind“ verhaftet. Man brachte ihn nach seiner „Untersuchungshaft“ im Bottroper Gefängnis „erst in das KZ SachsenhausenWP und 1941 ins KZ DachauWP, in das zu dieser Zeit alle inhaftierten Priester verlegt wurden. Hier starb Bernhard Poether an den Folgen körperlicher Misshandlungen und Hunger im August 1942.“ https://wiki.muenster.org/index.php/Bernhard_Poether
Bernhard Poether setzte sich auch für festgenommene polnische Katholiken ein. „ ‚Im Gefängnis habe Poether freikommen können‘, sagt Ewald Spieker. ‚Man hat ihn damals gefragt: Wenn sie einem von zwei Menschen helfen könnten, wem würden Sie helfen, dem Polen oder dem Deutschen?‘ Seine Antwort zeugt von großer Unerschrockenheit und Stärke: ‚Ich würde dem helfen, der die Hilfe am nötigsten braucht.'“https://www.ikz-online.de/staedte/bottrop/er-starb-weil-er-den-polen-beistand-id9844791.html
St. Joseph in Bottrop. Mein Großvater Karl, der als Bergmann auf der Bottroper Zeche Prosper III arbeitete, hatte nur an einem Sonntag im Monat frei. Es war für ihn kaum erträglich, dass er nach dem Tod seiner Frau nur selten die Möglichkeit hatte, gemeinsam mit den Kindern die Sonntagsmesse zu besuchen.
Am Tag vor Allerheiligen hatte ich eine schöne Begegnung mit einem dreibeinigen Hund: Lebhaft, blond gescheckt, drahthaarig, freundlich und beweglich. Obwohl ihm ein Hinterbein fehlte, hatte der Rüde einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn. Leicht fiel es ihm nicht, die richtige Position zum Pinkeln zu finden. Er hüpfte auf der Stelle, doch irgendwann drückte er sich an eine Hecke und hob das nicht mehr vorhandene rechte Bein.
Seine junge Besitzerin war gut gestimmt. Ich dachte an unseren vor einem Jahr im Alter von knapp 13 Jahren verstorbenen Familienhund Freki, der irgendwann zu schwach war, das Bein zu heben, und sich zum Pinkeln nur noch hinhockte. Ich hatte mit dem dreibeinigen Hund kein Mitleid, denn er litt nicht, sondern freute sich des Hundelebens, was wohl auch an seinem heiteren „Frauchen“ lag. Mir kam ein Satz, den ich zu einem traurig wirkenden Menschen nicht gesagt hätte: „Manchmal ist es praktisch, nur noch drei Beine zu haben.“ Zu meiner Erleichterung lachte die junge Frau und sagte: „Manchmal macht er sogar Handstand.“
Wir unterhielten uns noch eine Weile. Der Hund war vor zwei Jahren zu seinem „Frauchen“ gekommen. Er hatte in Portugal auf der Straße gelebt und war bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Ein lieber zehnjähriger Hund, dem es auf der Straße gut gegangen sein muss und der das große Glück hatte, nach dem schrecklichen Unfall tierärztlich versorgt, gesundgepflegt und genau an den Menschen vermittelt zu werden, zu dem er gehörte.
Als wir uns verabschiedeten, sagte die Frau: „Sie dürfen den auch streicheln.“ „Gerne“, sagte ich, was nicht ganz stimmte. Ich hatte, obwohl ich dem Hund nur meinen Handrücken zum Beschnüffeln reichte, dem verstorbenen Freki gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen. Es fühlte (und fühlt!) sich an wie Fremd(Gassi)gehen.
Lieber Freki, ich widme dir mein Elfchen des Monats November. Ich bin einem Hund begegnet, der mich beeindruckt hat, denn er hat nur drei Beine, kann aber immer noch markieren. Wie du hörst, handelt es sich um einen Rüden (pardon!). Und es ist dein ehemaliges Revier, das er markiert. Für mich ist dieser dreibeinige Rüde wie dein Sohn, denn er ist ein echtes Stehaufmännchen bzw. ein Stehaufrüde – wie du.
Hundewunder der unfreiwilligen Dreibeinigkeit:
Dann
und wann
trifft man den
dreibeinigen Rüden im Handstand
an
Zwei Tage später wurde mir von change.org eine Petition zugespielt: Tiermediziner:innen für echten Tierschutz! Schlachthofpraktikum beenden. Vor Jahren hatte es schon einmal eine Petition zu genau dem Thema gegeben, die aber versandet war, weil nur wenige Menschen unterschrieben hatten. Die aktuelle Petition hat mehr Aussicht auf Erfolg, denn sie wurde von einem prominenten Tierarzt gestartet, dem YouTuber und ARD-Tierexperten Karim Montasser („Die Haustierprofis“) .
Der Hintergrund: Wer Tiermedizin studiert, muss ein dreiwöchiges Praktikum in einem Schlachthof absolvieren. Die Petition fordert aber nicht nur die ersatzlose Streichung des verpflichtenden Schlachthofpraktikums, sondern formuliert Alternativen: „Stattdessen sollte es durch Praktika ersetzt werden, die auf den Schutz und die Pflege von Tieren ausgerichtet sind.“
Ich habe dann die Petition unterschreiben, einen kleinen Obolus entrichtet und einen Kommentar verfasst: Dieses Praktikum ist ein brutaler Kniefall vor der Massentierhaltung und entwürdigt uns alle: Mensch und Tier. Viel sinnvoller wäre z.B. ein Praktikum auf einer Auffangstation für verletzte Wildtiere.
Auf die Auffangstation für Wildtiere bin ich deshalb gekommen, weil wir vor ein paar Jahren einmal eine positive Erfahrung mit der tierärztlichen Versorgung eines Wildtiers gemacht haben. Meine Tochter hatte zusammen mit einer Freundin am Rand der autofreien Siedlung nahe der S-Bahn einen verletzten Igel gefunden, der am Bauch eine infizierte Fleischwunde hatte. Der Igel war nicht mehr in der Lage, sich einzurollen, aber er trank gierig das Wasser, das die beiden ihm vorsetzten. Nachdem sie sich per Internet kundig gemacht hatten, betteten die Freundinnen ihn in einen mit einer Decke ausgekleideten Karton und brachten ihn zu einer Braunsfelder Tierarztpraxis, in der verletzte Wildtiere versorgt und nach erfolgreicher Behandlung wieder ausgesetzt werden. Die Behandlung ist für die Menschen, die ein verletztes Tier vorbeibringen, kostenlos, aber eine Spende ist herzlich willkommen. https://www.vetzentrum-koeln.de/wildtiere/
Während ich auf dem Sofa sitzend die Petition kommentierte, hörte ich in dem Moment, als ich die Wörter „Auffangstation für verletzte Wildtiere“ schrieb, einen dumpfen Knall: Eine Taube war von einer Windbö erfasst und an die Scheibe der Terrassentür geworfen worden. Glücklicherweise blieb das Tier unverletzt, machte nicht einmal eine Verschnaufpause und flog direkt weg. Ein Zufall?
An diesem 2. November war es in Köln stürmisch mit einzelnen Böen bis zu 60 km/h. Ein paar Tage später wollte ich wissen, wie stark es den äußersten Westen der Bretagne getroffen hat, das Département du Finistère, wo ich mit meinen beiden Töchtern im Sommer Urlaub gemacht habe.
Tendenziell schwächte sich der Sturm am 1. und 2. November nach Osten hin ab. Doch selbst in Tregunc, also in einer Entfernung von knapp 80 km zum westlichsten Punkt der Bretagne, der Pointe du Raz, gab es Windböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 142 km/h.
Die Menschen dürften sich in ihren Häusern verschanzt haben, aber wie ist es den Wildtieren ergangen, denen wir im Sommer begegnet sind? Ich hoffe, dass sie alle einen sicheren Unterschlupf gefunden haben.
Küsten-Weg bei PortManec’h, Bretagne, Ende August 2023. Meeresstille, ein laues Lüftchen und ein schwebender Spatz. Spatzen sind nicht zähmbar und gelten daher -wie andere Vögel auch- als „Wildtiere“. Doch die Bezeichnung ist ungenau, denn als Kulturfolger leben sie in einer Art Wahlverwandtschaft mit uns Menschen. Anders als vielfach angenommen leben Spatzen nicht nur im Moment, sondern auch in evolutions- und schöpfungsgeschichtlicher Vergangenheit und Zukunft. Sie paaren sich nicht nur „just for fun“, sondern um ihre Art zu erhalten. Die Aufforderung „Seiet fruchtbar und mehret euch“ würden sie als bevormundend empfinden. Niemand sagt ihnen, dass sie sich fortpflanzen sollen. Sie tun es einfach. Als wir Anfang September aus der Bretagne zurückkamen, war es in unserem kleinem Garten sehr still. Zwei Wochen lang hatten wir die Vögel nicht füttern können. Es dauerte ein paar Tage, bis die Vögel realisiert hatten, dass die Futterstelle wieder „aktiv“ war. Füttern ist nun mal die beste Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Auch Vögel haben einen Magen, und durch den geht bekannterweise die Liebe. Nur die Rotkehlchen kamen nicht mehr in die Gärten unserer Häuserreihe. Doch irgendwann -es ging schon auf Ende September zu- haben sie inmitten der Stille höchst melodiös noch einmal zu singen begonnen. Weil es rundum still war, war dieser Wechsel-Gesang von Apfelbaum zu Apfelbaum so klar, so schön, so rein und hoffnungsvoll. Man sagt, dass es die Weibchen sind, die im Herbst singen. Erzählt wird auch, dass die Rotkehlchen dort, wo sie im Herbst singen, im Frühjahr wieder brüten werden. Seid willkommen!
Vor vielen Jahren habe ich einmal auf dem Köln-Nippeser Markt ein Gespräch zwischen zwei alten Männern mitbekommen, wobei „Gespräch“ für das, was ich zu hören bekam, ziemlich übertrieben ist.
Der kurze Dialog ist Inhalt meines Elfchens des Monats, das diesmal kein Mini-Gedicht ist, sondern ein kleines Drama:
Zwei
Alte begegnen
sich: „Wie es
et?“ „Ach ja, man
muss.“
Das Gespräch endete hier, die Männer verabschiedeten sich voneinander. Doch der kleine Dialog ist mir seitdem im Ohr. Zwar sind, wenn sich zwei Männer zufällig über den Weg laufen, die Gespräche oft kurz und schroff („Wie geht’s?“ „Kann nicht klagen. Und du?“ „Dito.“), doch in der Antwort „Man muss“ schwingt noch etwas anderes mit, eine gewisse Verbitterung.
Nach Ende der Corona-„Pandemie“ sind freudlose kleine Gespräche allgegenwärtig. Viele Menschen fühlen eine tiefe Ohnmacht. Die was zu sagen hätten, haben nichts zu sagen. Während Internet und Fernsehen die Menschen volllabern, mit Werbung beballern und lautstark alarmieren oder dauerbespaßen, sind wir zum Schweigen verdammt.
Mit der Zurücknahme der entwürdigenden staatlichen Corona-Maßnahmen wurde das Ausmaß der psychischen Verletzungen und Langzeitfolgen sichtbar. Nichts ist wie vorher. Die Maßnahmen waren nicht nur ein Angriff auf unsere Würde, sondern auch auf unsere Selbstachtung und Lebensfreude. Ich selber bin manchmal in einer nie gekannten depressiven Schockstarre – und trauere um die Demokratie.
Während der „Pandemie“ verpflichtete man uns -unter Androhung demütigender Strafen- zu einem bedingungslosen Mitmachen: Ihr müsst gehorchen. Dementsprechend ist das Wort „Müssen“ eine zentrale Vokabel im internen Papier aus dem Bundesinnenministeriumzur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020, das eigentlich geheim gehalten werden sollte. Wir erinnern uns:Am 1. April 2020 hatte das gemeinnützige Portal „Frag den Staat“ das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht. „Indem man uns mit einem “worst case” konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via “Schockwirkung” Todes-Angst eingejagt werden.“ https://stellwerk60.com/2023/09/28/die-digitalisierungsfalle-wie-der-koelner-amtsschimmel-munter-wiehernd-hineintrabt/
Im Papier des Innenministeriums heißt es zur Durchführung der Maßnahmen:
„Politik und Bürger müssen dabei als Einheit agieren. 3) Nachvollziehbarkeit: Die Bürger müssen nachvollziehen können, dass folgende Maßnahmen nur mit ihrer Mithilfe zu ihrem Wohl umgesetzt werden(müssen und) können.“ (Fettung und Klammer von mir)
Um dem Geschriebenen Nachdruck zu verleihen und uns die Notwendigkeit der Maßnahmen einzubläuen, wählte man einen autoritären Befehlston und verwendete wiederholt das Wort „müssen“. „Müssen“ ist nicht per se ein Macht-Wort. Manchmal bezeichnet das Wort eine naturgegebene Notwendigkeit, z.B.: „Wir müssen essen, um nicht zu verhungern“… „Wir müssen trinken, um nicht zu verdursten“… „Ich muss mal.“
Hier jedoch geht es um die Demonstration von Macht. Durch die krampfhafte Wiederholung des Wortes „müssen“ kommt es aber dazu, dass der kleine Text aus allen Nähten bzw. Satzzeichen platzt und grammatikalisch entgleist. Der Satz, der mit „Die Bürger“ beginnt, enthält zwei Wörter zu viel, die vermutlich später eingefügt wurden: „… müssen und“. Ich empfehle, den Satz noch einmal genau zu lesen – einmal mit und einmal ohne Klammer.
Alle Menschen in Deutschland waren von den Maßnahmen betroffen, doch besonders hart war es für die Menschen über 60, die unterschiedslos als vulnerabel und bedürftig abgestempelt wurden. Aufmerksame Zeitgenossen mit einem Gespür für die Verletzung elementarer Menschenrechte bemerkten die autoritäre Gleichschaltung schon zu Beginn der „Pandemie“:
„Im April 2020 gab das Deutsche Institut für Menschenrechte eine Stellungnahme mit dem Titel „Menschenrechte Älterer auch in der Corona-Pandemie wirksam schützen“ ab. Das Institut bewertet die These als richtig, dass der Staat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit älterer Menschen auf seinem Staatsgebiet effektiv zu schützen versuchen müsse. Es verurteilt aber die „Fehleinschätzung“, „dass alle älteren Menschen schutzbedürftig sind, weil verkannt wird, dass Ältere keine homogene Gruppe bilden, sondern das Risiko vom individuellen Gesundheitszustand und von der Lebenssituation abhängt…“ https://de.wikipedia.org/wiki/Altersdiskriminierung
Leider wurden kritische und aufmerksame Stellungnahmen wie diese (nicht nur irgendeines, sondern des anerkannten Deutschen Instituts für Menschenrechte!) von den Verantwortlichen ignoriert und missachtet. Das hatte eine mit nichts zu rechtfertigende Respektlosigkeit der Politik gegenüber älteren Menschen zur Folge und führte dazu, dass insbesondere die sehr alten Menschen in den Pflegeheimen der Willkür der „schützenden“ Maßnahmen (Kontaktbeschränkung, Sicherheitsabstand, Maskenpflicht etc.) schutzlos ausgeliefert waren. Weiter zuspitzen sollte sich die Situation mit der Corona-Impfung, als Seniorinnen und Senioren -unabhängig von ihrem individuellen Gesundheitszustand- trotz doppelter Impfung wochen- und manchmal auch monatelang Abstand voneinander halten und in Quarantäne mussten.
Newsletter der Stadt Köln, Frühjahr 2020: „Jung“ wird aufgefordert, den Kontakt zu „Alt“ (Dutt, Hut, Stock) abzubrechen bzw. – „sachlich“ ausgedrückt wie hier- zu „unterlassen“. Allerdings ist die Warnung der Stadt missverständlich. Die Grafik präsentiert ein ausgeh- und selbstverteidigungsbereites älteres Paar, ausgerüstet mit „Stock und Hut“. Und wäre „Köln“ tatsächlich „vorbereitet“ gewesen, wenn „Alt“ sich nicht zu Hause eingeigelt, sondern erhobenen Hauptes mit aufgerichtetem Stock bei „Jung“ auf der Matte gestanden hätte?
Die Vokabel „Müssen“ ist auch Erkennungsmerkmal einer neuen bundesdeutschen Kriegsrhetorik. Erst kürzlich hat uns Bundesverteidigungsminister Boris Becker* (pardon: Boris Pistorius) vorgeführt, wie leicht ihm das Macht-Wort über die Lippen geht. In einem Plädoyer für Kampfbereitschaft sagte Pistorius am 29.10. im ZDF: „Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte. Und das heißt: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/boris-pistorius-krieg-europa-kommentar-100.html–
– *Bundesverteidigungsminister Boris Becker? Was wie ein sprachlicher Ausrutscher aussieht, ist keiner. Übersetzt heißt „Pistorius“ tatsächlich „Bäcker“, denn der Name leitet sich von lateinisch „pistor“ = „Bäcker“ ab. Unser Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat aber keinen römischen Migrationshintergrund, sondern clevere Vorfahren, die ihren Familiennamen durch eine Latinisierung veredelt haben. Aufhübschungen wie diese waren bis zum Jahr 1876, als man überall im damaligen Reichsgebiet Standesämtereinrichtete und Personenstandsregister einführte, möglich und üblich. –
Angeblich hat es Boris Pistorius nicht so gerne, wenn man ihn scherzhaft „Boris Becker“ nennt oder gar „Bobbele“. Das hat weniger mit Boris Beckers Haftstrafe zu tun als mit der Tatsache, dass Becker als junger Wimbledon-Sieger, Steuerflüchtling und Staatsbürger von Monaco vom Wehrdienst befreit war. Ein Artikel aus dem Jahr 1985: https://www.spiegel.de/sport/begeisterung-macht-nicht-blind-a-011577d7-0002-0001-0000-000013516241
Bedenklich und unannehmbar ist, dass Pistorius von wir redet und auf diese Weise uns alle in seine Kriegsvorbereitungen einbezieht und zu Mittätern macht. Ich sage NEIN! Ich will weder kriegstüchtig werden noch wehrhaft sein noch mich „wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte.“ Mit dieser verschleiernden und verharmlosenden Aussage macht Pistorius uns allen was vor, denn „die Gefahr eines Krieges in Europa“ droht nicht nur. Dieser Krieg ist längst Wirklichkeit geworden.
Für den Satiriker („Pardon“) und Ex-Kriegsreporter Gerhard Kromschröder geht die Militarisierung der Gesellschaft mit einer Militarisierung des Denkens und Sprechens einher.Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert sagte er im April: „In Deutschland herrscht gegenwärtig eine unsägliche Kriegsrhetorik. Wir scheinen diese Kriegsrhetorik geradezu lustvoll anzunehmen und uns in ihr zu suhlen. Oft führt das zu Realsatire. Ich denke an eine Partei, die einmal als Friedenspartei gegründet wurde und damit Erfolg hatte. Sie gefällt sich heute darin, immer neue Waffenlieferungen zu fordern und wechselnde Kriegsszenarien auszumalen. Das hat viel Komik an sich.“ https://www.fr.de/panorama/gerhard-kromschroeder-in-deutschland-herrscht-unsaegliche-kriegsrhetorik-92221691.html
Dass die GRÜNEN ihr zentrales Wahlversprechen („Keine Waffenund RüstungsgüterinKriegsgebiete“, Wahlplakat) gebrochen haben und das Gegenteil von dem veranstalten, weswegen ich sie noch 2021(!) -wenn auch zähneknirschend- gewählt habe, ist allerdings mehr als nur tragikomisch. „Das hat viel Komik an sich“, konstatiert Gerhard Kromschröder. Ja, das hat es, doch ich kann nicht mehr lachen. Denn die Kriegspolitik der Bundesregierung ist keine Satire, sondern real.
Dankbar bin ich Kromschröder für den Hinweis auf eine Lachnummer von Cem Özdemir, Mitglied der „Friedenspartei“ DIE GRÜNEN und Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Ich wusste nicht, dass die Bundeswehr seit 20 Jahren den Bundesministerinnen und Ministern anbietet, an einer mehrtägigen Wehrübung in den Streitkräften teilzunehmen. So hatte ich auch nicht mitbekommen, dass das Angebot im Frühjahr 2023 angenommen wurde, und zwar von eben jenem Cem Özdemir, der mit wackerem Büttenreden-Humor im Jahr 1997 gesagt hat: „Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.“ Zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir
In der Bundespolitik kommt es nicht gut an, wenn ein Spitzenpolitiker nicht gedient hat. Doch Özdemir gibt sich Mühe. Man muss ergänzen, dass er bereits im Jahr 2019 ein mehrtägiges Praktikum bei der Bundeswehr absolviert hat, und zwar am Bundeswehrstandort Munster in Niedersachsen. Begleitet wurde Özdemir damals von GRÜNEN-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Lindner hat, wie es heißt, sogar seine Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen, um an der Wehrübung teilnehmen zu können. Aber vielleicht war es ja umgekehrt. Vielleicht hat Tobias Lindner nur an der Wehrübung teilgenommen, um zu zeigen, dass es ein Kinderspiel ist, die Kriegsdienstverweigerung nachträglich zurückzunehmen. https://taz.de/Gruene-und-Bundeswehr/!5601987/
Im Jahr 2023 ist Özdemir wieder dabei, diesmal bei den Feldjägern in Hannover. Schauen wir uns das „Deckblatt“ des Videos an, das der Nachrichtensender der WELT dankenswerterweise ins Netz gestellt hat (s.o.). Der da stolz die Nüstern bläht und dem der Flecktarn prima steht, ist tatsächlich Cem Özdemir.
Dieser Spot macht nicht nur Werbung für den Krieg, sondern auch für die Autoindustrie. Neben Soldaten werden in der Kaserne auch Personenschützer ausgebildet. Bei der viel Sprit vergeudenden Auto-Gaudi „Fahrsicherheitstraining“ kommen ausschließlich Mercedes-Limousinen zum Einsatz. „Als Beifahrer nimmt Cem Özdemir am rasanten Fahrsicherheitstraining teil, Wasserfontänen, Vollbremsungen und waghalsige Wendemanöver inklusive.“ Özdemir zeigt sich beeindruckt: „Das könnte ich nicht, auch nicht nach viel Übung.“ (Video, Min. 1.04 – 1.08)
Übrigens klärt mich die Internet-Seite von Auto Motor und Sport darüber auf, dass sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei Amtsantritt für einen Dienstwagen von Mercedes entschieden hat: das gepanzerte S-Klasse-Modell S 680 Guard.
Dass Özdemir, geblendet von Privilegien und Macht, für Krieg und Mercedes wirbt, aber Süßigkeiten-Werbung einschränken will, ist Ausdruck einer neuen grünen Doppelmoral. Hier hat sich ein Ökospießertum entwickelt, das für mich diese Partei auf Bundesebene unwählbar macht. Kaum waren sie Regierungspartei, sind die Bundes-GRÜNEN zu autoritären Charakteren mutiert. Erinnern wir uns an den bedrohlichen Gesetzentwurf von AMPEL-Abgeordneten für eine Impfpflicht ab 60. Die neuen GRÜNEN haben sich meines Erachtens schuldig gemacht, insbesondere gegenüber den älteren und alten Menschen.
Naiv, wie ich war, habe ich noch 2021 geglaubt, dass Frau Baerbock nicht käuflich ist. Jetzt fühle ich mich für blöd verkauft. Dieses Plakat formuliert ein Versprechen, das gebrochen werden sollte, und ist eine plumpe Anbiederung an potentielle Wählerinnen und Wähler: „Bereit, weil Ihr es seid.“ Hübscher Reim, doch enthält die harmlos daherkommende Parole nicht bereits eine versteckte Botschaft? In den zwei „Ampel“-Jahren waren die GRÜNEN zu allem bereit. Daher lese ich die Parole jetzt anders: „Allzeit kampfbereit, weil ihr es seid.“
Im September ist bekannt geworden, dass der 1991 verstorbene Ruhrbischof Franz Hengsbach in den 1950er und 60er Jahren mehrere junge Frauen sexuell missbraucht haben soll.
Franz Hengsbach, der als „Bischof der Bergleute“ einen ausgezeichneten Ruf hatte, war der erste Bischof des 1958 gegründeten Bistums Essen, dem auch „unsere“ Bottroper Kirche St. Elisabeth angehörte, wo mein Großvater Josef, ein überzeugter, aber liberaler Katholik, noch im hohen Alter am Gründonnerstag zur Fußwaschung ging.
Doch Hengsbach soll vor allem dann den Menschen zugewandt gewesen sein, wenn die Öffentlichkeit zuschaute, wenn die Presse dabei war. Hengsbach war fotogen. Hinter den Kulissen war er -wie Zeitzeugen erzählen- nicht nur elitär und dünkelhaft, sondern auch autoritär. Beim WDR5 Stadtgespräch zum Thema „Ist die Kirche noch zu retten?“, einer Veranstaltung im Vorfeld der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (25. bis 28.9.2023 in Wiesbaden) kam Klaus Pfeffer zu Wort, Generalvikar im Bistum Essen. „Er hatte eine Macht-Aura, die war enorm“, berichtet Klaus Pfeffer. Er hat Hengsbach während seines Studiums erlebt und hätte sich damals nicht getraut, etwas gegen ihn zu sagen.“ https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/wdr5-stadtgespraech-essen-hengsbach-100.html
Ein Lieblingsvetter meiner Mutter, langjähriger ärztlicher Direktor am Essener Elisabeth-Krankenhaus, war eine Zeitlang Hengsbachs Leibarzt. Vor mehr als dreißig Jahren war mein Bruder einmal zufällig vor Ort, als unser Onkel einen Anruf von Hengsbach bekam, seine Stimme leicht verstellte und den Bischof mit „Euer Eminenz“ anredete. Über die kleine Szene mussten wir noch Jahre später herzhaft lachen, was wohl auch am Nachahmungstalent meines Bruders lag.
Dass „Euer Eminenz“ auch „nur“ ein Mann aus Fleisch und Blut war, war uns klar. Zu meiner Verwunderung realisieren das viele Menschen erst jetzt, wo der Missbrauch zu Tage kommt. Tief erschrocken sind die, die Bischof Hengsbach einmal in den Himmel gehoben haben.
Mich entsetzt, dass Hengsbach vermutlich nicht alleine gehandelt hat, sondern gemeinsam (sozusagen in Komplizenschaft) mit seinem jüngeren Bruder. „Im Zuge der jüngsten Nachforschungen sei der Vorwurf noch einmal geprüft und als glaubwürdig bewertet worden, teilte das Erzbistum Paderborn ebenfalls am Dienstag mit. Eine Frau habe angegeben, dass sie 1954 als 16-Jährige von Franz Hengsbach gemeinsam mit dessen Bruder Paul sexuell missbraucht worden sei. Der 2018 verstorbene Bruder, der auch Priester des Erzbistums war, habe die Vorwürfe aber vehement bestritten.“https://www.domradio.de/artikel/verstorbener-kardinal-hengsbach-unter-missbrauchsverdacht
Zum ersten Mal wurde bekannt, dass ein ranghoher Geistlicher primitiver, vulgärer Täter war, wenn sich auch die bislang bekannten Übergriffe vor seiner Amtszeit als Bischof zugetragen haben. Der 1991 verstorbene Bischof Hengsbach hat nicht nur Täter geschützt, sondern selber „Hand angelegt“, in diesem Fall nicht zum Segen, sondern ziemlich profan. Doch wie verhält sich ein Amtskollege der Jetztzeit, der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki? Hat Woelki zu Hengsbach Stellung genommen? Auf taz.de finde ich einen Hinweis. Im Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz fiel, so lese ich, der Name Hengsbach nicht, doch immerhin machte der Limburger Bischof Georg Bätzing in seiner Predigt die Aufarbeitung des Missbrauchs zum Thema. Anders Woelki. „Wenig überraschend blieb das Thema in der Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki gänzlich unerwähnt.“ https://taz.de/Vorwuerfe-gegen-Franz-Kardinal-Hengsbach/!5959782/
Woelkis Predigt ist ein Kommentar zu einer kurzen, aber zentralen Passage in Kapitel 8 des Lukas-Evangeliums (Lk8, 19-21). Die Passage erzählt davon, wie Jesus auf seiner Wanderschaft Besuch von seiner Familie bekommt. Doch da Jesus von einer großen Gruppe Menschen umringt wird, gibt es für die Verwandten kein Durchkommen.
Woelki stellt sich in seiner Predigt hinter das Evangelium. Zu Beginn der Predigt sagt er:
„Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir sind heute Morgen Zeugen einer neuen Familiengründung geworden, nämlich die der Familie Jesu.... Als man Jesus über die Anwesenheit seiner Verwandten informiert, antwortet er geradezu schroff ablehnend. Seine Familie, seine eigentliche, seine wahre Familie – so Jesus – bestehe nur aus jenen, die „drinnen“ sind, die ihn umringen und ihm zuhören. Wer „draußen“ bleibe, gehöre nicht zu seiner Familie, selbst wenn er ein leiblicher Verwandter sei.“
Erzbischof Woelki heißt Jesu Verhalten gut. Dabei wird uns hier ein autoritärer, erschreckend liebloser Jesus vorgeführt. Er liebt seine Brüder und sogar seine „leibliche“ Mutter nicht ihrer selbst willen, sondern nur unter der Bedingung, dass sie ihm gehorchen. Die Herkunftsfamilie hat sich demnach der neu gestifteten Familie Jesu (der Gemeinschaft der Gläubigen) unterzuordnen. Erwartet wird absoluter Gehorsam.
Woelki hält an diesem überkommenen Bild fest. Hier predigt ein Mann, der aufgrund seines Amtes keine Familie gründen, keine Nachkommen zeugen darf. Aber auch ein Mann, der wider besseres Wissen den Missbrauch im Erzbistum Köln lange verschwiegen und nicht die jungen Schutzbefohlenen, sondern die Täter geschützt hat. Ich empfinde die Predigt nicht nur als Affront gegen die betroffenen Kinder, sondern gegen die Familien, gegen die Eltern, die ihre Kinder den Vertretern der Kirche anvertraut haben, irdischen „Vätern“ der „Familie Jesu“. Kardinal Woelki ist einer dieser „Väter“. Irgendwann einmal wird sich der verbitterte Bischof bei allen betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien persönlich entschuldigen müssen.
Wie aber predigt Woelki, der sich scheinbar durch nichts und niemanden berühren lässt, wenn sein Thema die schillerndste, lebendigste Figur der heiligen Dreifaltigkeit ist, der Heilige Geist? Auf domradio.de kann man sich eine Predigt anschauen, die Woelki während des Pontifikalamts im KÖLNER DOM an Pfingsten 2023 gehalten hat.
„LIebe Schwestern, liebe Brüder. Wir feiern Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes. Wer ist das eigentlich, der Heilige Geist. Was ist er? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Allein beim Fragen danach haben wir schon Schwierigkeiten. Geist, das ist ja auch der Vater…“
Spätestens an dieser Stelle dürfte ein Großteil des Publikums abgeschaltet haben, auch die Menschen, die vor der Predigt vielleicht noch wach waren. Den Kameraleuten von domradio.de ist das natürlich nicht entgangen. Ihnen haben wir schöne Stimmungsbilder zu verdanken. Unten stehender Screenshot fängt einen Kamera-Schwenk aus Video-Minute 4.58 ein.
Für Woelki ist dieses Publikum eine Provokation. Als geschulter Prediger spürt und sieht er, dass die Menschen ihm nicht mehr zuhören. Er merkt natürlich, dass die Kinder sich langweilen, dass sie unruhig werden oder einschlafen. Dass Priester, die eine Messe halten, sehr schnell böse werden können, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen, weiß ich aus eigener Erfahrung. „Während einer Schulmesse “empfing” ich selber einmal zusammen mit der Hostie einen priesterlichen Backenstreich, weil ich mit meiner Freundin gequasselt und (leise!) gelacht hatte.“ https://stellwerk60.com/2020/04/28/comeback-der-knueppelkuh/
In meiner Kindheit luden die harten Kirchenbänke nicht zum Einschlafen ein. Heute ist das glücklicherweise anders. Die Kinder, die im Jahr 2023 das Pontifikalamt besuchen, haben ihre Eltern dabei, dürfen auf dem warmen Schoß von Mutter, Vater oder eines anderen nahen Menschen einschlafen und können sich sicher sein, dass man ihnen kein Leid zufügt.
In den letzten Jahren hat Woelki schon mehrmals die bittere Erfahrung machen müssen, dass sich gerade junge Menschen mehr und mehr von ihm abwenden. In Aachen sollte der Kardinal eine große Open-Air-Messe leiten, die am 18.6.2023 im Rahmen der sogenannten Heiligtumsfahrt stattfand. „Doch im Mädchenchor des Aachener Doms gab es im Vorfeld heftige Diskussionen. Mehr als die Hälfte der 120 Sängerinnen weigerten sich, mit Woelki, der die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche weiterhin verschleppt, zusammen auf der Bühne zu stehen. Der Protest führte dazu, dass Woelki der Messe fernblieb – und der Mädchenchor geschlossen auftrat.“ https://stellwerk60.com/2023/06/26/im-namen-der-bundesrepublik-der-evangelischen-kirche-der-katholischen-kirche-ich-bitte-sie-um-vergebung-und-entschuldigung-eine-kleine-sternstunde-im-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk/
Aus Protest gegen die Vertuschung des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche sind während einer Messe, die Woelki am 3.10.2022 in Rom hielt, über hundert Ministrantinnen und Ministranten, die im Rahmen einer Wallfahrt vor Ort waren, von ihren Plätzen aufgestanden und haben dem Kardinal den Rücken zugedreht.
Diese Rechtfertigung des Kardinals blieb nicht ohne Widerspruch. So sagte der Theologiestudent Yannik Gran, einer der kritischen Messdiener, der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“: „Woelki dreht uns gerade den Rücken zu. Er ist doch der, der sich versteckt. Er ist für uns nicht greifbar und hat unser Vertrauen verloren.“
Dem kann ich nur zustimmen. Hinzu kommt, dass Woelkis Behauptung, Jesus habe nie einem Menschen den Rücken zugedreht, auch laut Bibel nicht der Wahrheit entspricht. Wie wir oben gesehen haben und im Lukas-Evangelium nachlesen können, hat Jesus ausgerechnet dem Menschen (drohend!) den Rücken zugedreht, dem er seine irdische Existenz zu verdanken hat: Der eigenen Mutter.
Man kann übrigens den Heiligen Geist ganz einfach erklären. Ich empfehle, ein kurzes Video auf katholisch.de anzuschauen. Da wird unter der Überschrift „Katholisch für Anfänger“ in knapp 2 Minuten der „Heilige Geist“ erklärt, und zwar mit einer schönen, leisen Selbstironie, die Woelki fehlt.
Im Jahr 2022 wurde das auf fünf Jahre angelegte Projekt #wirfürdiestadt beendet, Teil einer umfassenden Kölner „Verwaltungsreform“. „Wir haben viel geschafft“, so das Resümee der Oberbürgermeisterin Henriette Reker nach fünf Jahren. „Aber zur Ehrlichkeit gehört auch, dass wir auch noch viel vor uns haben.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/24696/index.html
Was heißt das, was sollen wir mit dieser wenig aussagenden Aussage anfangen? Weiter sagt OB Reker: „Ich habe immer gesagt, diese Reform macht uns zur modernsten Verwaltung Deutschlands. Heute muss ich feststellen, dass wir uns noch nicht so nennen können. Aber diese Reform war der notwendige und erfolgreiche Anstoß auf unserem Weg zur modernsten Verwaltung Deutschlands!“ (s.o.)
Eine hübsche Idee, doch war das vorrangige (auch bundespolitische) Ziel nicht der Abbau der Bürokratie? Die Kölner Stadtverwaltung hat sich trotz Modernisierung in den letzten Jahren noch einmal deutlich ausgedehnt. Im Personalbericht 2021 der Stadt Köln heißt es: „Die Kölner Stadtverwaltung ist im Jahr 2021 erneut gewachsen: 21.623 Mitarbeitende zählt das Stammpersonal der Gesamtverwaltung (Stichtag: 31. Dezember 2021) – 465 Personen mehr als im Vorjahr. Das erklärt sich zu einem großen Teil durch die Bewältigung der Corona-Pandemie.“
Gestern wurde auf web.de Klaus-Heiner Röhl zitiert, Forscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er erklärt, warum der Bürokratieabbau nicht zustande kommt: „Es kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen der politische Gestaltungswille, der zu immer neuen Gesetzen führt. Und zum anderen die Tendenz von Verwaltungen, sich selbst auszudehnen, also immer mehr Verwaltung zu schaffen.“
Nun dehnt sich eine Stadtverwaltung ebenso wenig von alleine aus, wie sich ein Luftballon selber aufpumpt. Aus Sicht von uns Bürgerinnen und Bürgern agiert die Stadt-Verwaltung nach der „Pandemie“ schwerfälliger denn je, auch wenn neue Bezeichnungen eine gewisse Dynamik vormachen. Dass die Stadt Köln eine hochmoderne Innovations-Plattform vorweisen kann https://www.innovative-stadt.koeln/, dürfte jedoch den meisten von uns entgangen sein.
Selbst wenn man Innovation und Aufhübschung der Institutionen gutheißt: Was haben wir von der modernsten Verwaltung Deutschlands, wenn die Stadt immer mehr verkommt? Nicht nur die Kölner Straßen und öffentlichen Gebäude sind in einem erbärmlichen Zustand.
Würden Sie diesem Briefkasten einen Liebesbrief anvertrauen?
Ganz lässt er sich trotz immer weiter fortschreitender Digitalisierung nicht abschaffen: Der Briefkasten. Der Transport von Schriftstücken via Post ist ein alter Kommunikationsweg, der (immer noch) erstaunlich gut funktioniert. Tatsächlich gehen nur wenige Briefe verloren. Dabei sehen die Briefkästen aus wie Abfalleimer. Während die Stadtverwaltung modernisiert und mit dem neuesten Equipment ausgestattet wird, sind die wenigen noch übrig gebliebenen Kölner Briefkästen in einem beklagenswerten Zustand. Dass man diesen Briefkasten (Agnesviertel Köln, Krefelder Straße, Sommer 2023) verrotten lässt, ist Ausdruck von Ignoranz und Geringschätzung. Zwar ist für die Pflege vermutlich die Deutsche Post zuständig, aber die Stadt Köln („die Oberbürgermeisterin“) sollte sich dafür verantwortlich fühlen, dass die Stadt nicht völlig vergammelt.
Henriette Reker, die bei Amtsantritt vor acht Jahren schon knapp 60 Jahre alt war, tut alles dafür, nicht als die wahrgenommen zu werden, die sie ist: Eine Bürokratin. Bevor sie Oberbürgermeisterin wurde, hat sie 15 Jahre lang in leitender Position in den Stadtverwaltungen von Gelsenkirchen und Köln gearbeitet. Das permanente Atmen der muffigen Amtsstuben-Luft hat sie empfänglich gemacht für die Modernisierungs- Versprechen der PR- Berater.
Im Prozess der von Frau Reker angestrebten Modernisierung (insbesondere durch Digitalisierung) kam und kommt dem jungen, optisch attraktiven Alexander Vogel (FDP, Politikwissenschaftler der Nintendo-Generation), den die OB bei öffentlichen Auftritten gerne an ihrer Seite hat, eine zentrale Aufgabe zu (vgl. den vorherigen Blog-Beitrag). Um Modernität und Innovationsfreude zu unterstreichen, nennen die Vertreter der PR- Branche Vogel nicht „Pressesprecher“, sondern „Kommunikator“ (was wohl ähnlich kraftvoll rüberkommen soll wie etwa „Terminator“).
In der glatten, mit Anglizismen aufgemotzten Sprache der PR- und Kommunikationsprofis klingt das so: „Der Kommunikator sollte in seiner neuen Funktion die Strukturen des Amtes auf den Prüfstand stellen. Das war 2018. Was darauf folgte, war ein Change-Prozess. Heute, fast vier Jahre später, ist das Team von 35 auf 52 Personen gewachsen. Ein Newsroom wurde etabliert, ein neues Corporate Design gelauncht und die sozialen Kanäle wurden aus dem Dornröschenschlaf geholt. Das Newsroom-Konzept verwandelte die kanalgesteuerte in eine themenfokussierte Kommunikation, so dass im vergangenen Jahr rund 156.000 Menschen durch die sozialen Kanäle auf der Homepage der Stadt landeten. Im Jahr 2022 hatte die Seite insgesamt etwas mehr als 16 Millionen Visits mit knapp über 37 Millionen Seitenansichten.“ https://www.kom.de/organisiert-im-newsroom/
Es ist äußerst bedenklich, dass man den Erfolg des „Change-Prozesses“ an einer Art „Einschaltquote“ misst. Die blendenden Ergebnisse (16 Millionen Visits mit knapp über 37 Millionen Seitenansichten) sind irreführend. Denn die hohen Zahlen sind kein Beleg für einen lebendigen Austausch zwischen Verwaltung und Bürger, sondern -im Gegenteil- Ausdruck einer völlig verfilzten, gestörten Kommunikation. Die vielbeschworene „digitale Erneuerung“ hat den telefonischen Warteschleifen unzählige Kreisverkehre mit verstopfter Ausfahrt, Holperpisten und Sackgassen hinzugefügt, kafkaesk anmutende digitale Wegenetze. Ich selber musste im Jahr 2021 unzählige Amtsangelegenheiten erledigen und bin -was die „Visits“ betrifft- gefühlt tausendmal auf der Homepage der StadtKöln gelandet.
Was aber, wenn sich die Stadt Köln direkt an uns Bürgerinnen und Bürgern wendet? Um zu erfahren, was die Stadt Köln uns mitzuteilen hat, habe ich vor ein paar Jahren den Newsletter der Stadt Köln abonniert, ein kostenloses digitales Info-Blatt, das einmal im Monat herauskommt.
Während der „Pandemie“ ist der Newsletter zum Sprachrohr der staatlichen Corona-Politik mutiert. Am 16. April 2021 hat dann die Stadt Köln anlässlich der Ausgangssperre sogar einen die Notwendigkeit der Maßnahme unterstreichenden Sonder-Newsletter herausgegeben.
An dieser Stelle soll nicht thematisiert werden, dass die Ausgangssperre einen massiven Eingriff in die bürgerlichen Grundrechte darstellte. Ebensowenig soll hier diskutiert werden, ob nicht die Kölner Ausgangssperre -vergleichbar mit der Ausgangssperre in ganz Bayern im Frühjahr 2020- unverhältnismäßig war.
Vielmehr interessiert mich der zentrale Text des Newsletters, die Ansprache der Stadt Köln an die „Liebe(n) Leser*innen“ und der Appell der Oberbürgermeisterin Henriette Reker „an alle Kölner*innen„.
Verantwortlich für den Newsletter ist die Stadt Köln (Die Oberbürgermeisterin). Verantwortliche Redaktion: Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Leitung: Alexander Vogel
Das Papier, an dem Expertinnen und Experten aus dem Bereich Wirtschaft und Gesundheitspolitik, aber vermutlich auch aus den Bereichen Kommunikation und Werbepsychologie mitgearbeitet haben, dürfte den Öffentlichkeitsabteilungen aller deutschen Kommunen vorgelegen haben.
Dieses Papier, dessen Herausgabe das Innenministerium letztendlich nicht verhindern konnte, ist ein Armutszeugnis für die Politik unserer Bundesregierung, denn es entwirft eine knallharte Kommunikationsstrategie: Indem man uns mit einem „worst case“ konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via „Schockwirkung“ Todes-Angst eingejagt werden. Die in diesem „internen“ Papier formulierten Vorschläge für Maßnahmen und gezielte Werbestrategien fungierten während der „Pandemie“ als eine Art Gebrauchsanweisung, die in den darauf folgenden Jahren, obwohl der „worst case“ zwar immer wieder heraufbeschworen wurde, aber nie eintrat, fast 1:1 umgesetzt wurde.
Das Papier ist moralisch verwerflich, denn es legitimiert die Verbreitung von Halbwahrheiten und fordert die politischen Entscheidungsträger dazu auf, die emotional aufgeladene Sprache der Werbung zu benutzen. Dass wir dort, wo es um unser Leben und unsere Gesundheit geht, nach den Spielregeln der Werbepsychologie manipuliert und geködert werden, entwürdigt uns Menschen.
Ich zitiere die vielleicht ungeheuerlichste Passage des Papiers, die zeigt, wie katastrophal es um eine bundesdeutsche Gesundheitspolitik bestellt ist, die sich uns Bürgerinnen und Bürgern gegenüber nicht nur zunehmend bevormundend, sondern (werbe-)taktisch verhält:
„Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden: 1) Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst. Die Situation, in der man nichts tun kann, um in Lebensgefahr schwebenden Angehörigen zu helfen, ebenfalls. Die Bilder aus Italien sind verstörend. 2) „Kinder werden kaum unter der Epidemie leiden“: Falsch. Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.“ https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/
Dass wir Bürgerinnen und Bürger, die wir in politische Entscheidungsprozesse nicht eingeweiht sind, überhaupt Einblick in dieses „vertrauliche“ Papier haben, ist der Aufmerksamkeit des am offenen demokratischen Dialog interessierten gemeinnützigen Portals „Frag den Staat“ zu verdanken, das am 1. April (!) des Jahres 2020 das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht hat, kommentiert von Arne Semsrott.
Die Veröffentlichung des heiklen Schriftstücks zeigt, wie politische Aufklärung vonstatten gehen kann. Schließlich war die Herausgabe mit einem gewissen Risiko verbunden, denn das „Innenministerium hatte sich geweigert, das Papier auf Grundlage des Presserechts und des Informationsfreiheitsgesetzes für andere Medien verfügbar zu machen: Das Dokument sei „Verschlusssache“ und „nur für den Dienstgebrauch“ (focus.de, s.o.). Obwohl uns Arne Semsrott mit der Herausgabe einen großen demokratischen Dienst erwiesen hat, hat er sich damit gewiss nicht für das Bundesverdienstkreuz empfohlen.
Das Bundesverdienstkreuz wurde während und nach der „Pandemie“ mit Vorliebe denjenigen Journalistinnen und Journalisten verliehen, die ihre Medienpräsenz dafür nutzten, für die Corona-Politik der Bundesregierung zu werben. Ich denke da an die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und Fernsehmoderatorin Mai Thi Nguyen-Kim oder -ganz aktuell- an den Physiker und Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch, der am 9.10.2023 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt werden wird.
Auffällig ist, dass die als integer geltende brave WDR-Werbe-MAUS gerade noch rechtzeitig vor der „Pandemie“ den Orden verliehen bekam. Vier Monate später hätte die spaßige Vorstellung gegen erste Corona-Verhaltens-Regeln verstoßen. Mit dem Maus-Verdienstorden“ ausgezeichnet, machte DIE MAUS -ähnlich wie Elmo und Bibo aus der „Sesamstraße“- während der „Pandemie“ gerade bei den Kindern und Eltern gute Stimmung für Zwangsmaßnahmen und Impfung.
Zurück zum Sonder-Newsletter der Stadt Köln. Das in Henriette Rekers Ansprache an die liebe(n) Leserinnen benutzte Wort „Menschleben“ (vorletzte Zeile) gibt es nicht. Im DUDEN wird es nicht genannt, aber auch im Deutsche(n) Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Erste Teilveröffentlichung 1854) ist ein Wort, das „Menschleben“ lautet, nicht zu finden.
„Menschleben“ ist die tragikomische Verhunzung des bedeutsamen deutschen Wortes „Menschenleben“. Der DUDEN definiert das Wort „Menschenleben“ folgendermaßen:
1. Lebenszeit (eines Menschen) BEISPIEL: ein ganzes Menschenleben lang; 2. lebendiger Mensch BEISPIEL: der Unfall forderte vier Menschenleben.
Im Wort „Menschenleben“ schwingt mit, dass das Leben jedes einzelnen Menschen Teil des Lebens aller Menschen, Teil der Menschheitsgeschichte, aber immer auch ein besonderes ist. Seinen Ursprung dürfte es in der „Sprache der Dichter und Denker“ haben.
„Deutsches Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm. Anhand literarischer Texte belegen die Geisteswissenschaftler (bzw. ihre Nachfolger) die Verwendung des Begriffs „Menschenleben“.
Ich denke nicht, dass es die Absicht der Oberbürgermeisterin bzw. ihres Stellvertreters war, das Wort „Menschenleben“ zu veralbern und zu verhunzen. Der Gebrauch des Nicht-Wortes „Menschleben“ ist vielmehr Ausdruck einer gewissen Lässigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache und einer in der Politik immer mehr um sich greifenden Alles-egal-Haltung.
Zwar muss die Oberbürgermeisterin tagtäglich unzählige Vorlagen unterschreiben, aber ihr Appell im Rahmen der nächtlichen Ausgangssperre ist so heikel und anfechtbar, dass sie den Text vor der Veröffentlichung noch einmal gewissenhaft hätte überprüfen müssen. Vielleicht hat sie das ja auch gemacht, dabei aber allzu sehr auf die Platzierung der Gender-Sternchen geachtet. Und tatsächlich sind alle Sternchen korrekt gesetzt. Alle Achtung!
Man kann übrigens zwar nicht mehr den kompletten Sonder-Newsletter, wohl aber die Ansprache der Stadt Köln noch im Internet finden. https://login.mailingwork.de/-viewonline2/20384/227/9195/nh6yjJAz/3iy4wkEXKr/1 Bis heute (28.9.2023) ist niemand auf die Idee gekommen, den Text, wenn man ihn schon nicht aus dem Netz nimmt, einmal gründlich gegenzulesen bzw. gegenlesen zu lassen. Das ist unglaublich, denn immerhin zählt das Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mittlerweile über 50 (!) gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Verunglückt ist auch der letzte Satz: „Und daher gehen wir in Köln ab Mitternacht entschlossen voran.“ Dass wir entschlossen vorangehen sollen, ist natürlich nur im übertragenen Sinne gemeint und bedeutet keine Einladung zu einer Nachtwanderung mit Frau Reker, aber dennoch ist das Bild im Zusammenhang mit einer tiefgreifenden Corona-Maßnahme unfreiwillig komisch. Wie, so frage ich, können wir ab Mitternacht -wenn auch metaphorisch- entschlossen vorangehen, wo doch Ausgangssperre ist, und wohin?
Wie hält eine Oberbürgermeisterin Bürgerinnen und Bürger auf Abstand, ohne sie zu verstimmen? Indem sie die Menschen in den großen Saal eines öffentlichen Gebäudes einlädt und mit kostenlosen Getränken und Häppchen bewirtet, ein paar Publikums-Fragen beantwortet, dann aber im Hintergrund verschwindet… Indem sie Mediatorinnen und Mediatoren ausschickt, die mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen, ihnen Stifte in die Hand drücken und sie lächelnd dazu ermuntern, Verbesserungsvorschläge und Kritik nicht für sich zu behalten, sondern -thematisch geordnet- eigens vorbereiteten, an Stellwände gehefteten Plakaten anzuvertrauen…
So geschehen (und von mir persönlich miterlebt) beim Siebten Stadtgespräch im Bezirksrathaus Köln-Nippes am 16. Februar 2017.
In einem Interview mit dem Kölner Express hat die „parteilose“ Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker kurz vor der Wahl 2015 (und nur zwei Tage vor der brutalen Messerattacke auf einem Kölner Wochenmarkt, bei der sie lebensgefährlich verletzt wurde) folgendes gesagt: „Ich habe immer betont, dass ich mit allen demokratischen Fraktionen im Rat zusammenarbeiten will – auch mit der SPD. Es geht mir um die beste Idee und nicht um die Frage, von wem sie kommt.“ https://www.express.de/koeln/henriette-rekers-mann-ehemann-perry-somers-ueber-ihre-deutsch-australische-liebesgeschichte-61388
Aber ist Henriette Reker wirklich so „parteilos“, wie sie sich gibt?
Als Oberbürgermeisterin steht sie im permanenten Kontakt und gedanklichen Austausch mit dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln. Dieses Amt, dessen Mitarbeiterzahl sich auf 52 erhöht hat (Stand: Frühjahr 2023), ist zuständig für Bürgeranfragen, Bürgerberatung und Bürgerinformation, vor allem aber für den Kontakt zu den Medien, also für die Öffentlichkeitsarbeit.
Leiter des Amts ist seit Anfang 2018 ein gebürtiger Kölner namens Alexander Vogel (aktuell 39). Alexander Vogel ist nicht nur Amtsleiter, sondern zugleich Sprecher der Stadt und persönlicher Pressesprecher von Henriette Reker. Bevor er im Jahr 2017 zurück nach Köln kam, leitete Vogel, enger Vertrauter und zeitweiliger Persönlicher Assistent des im Jahr 2016 verstorbenen ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle (FDP), als Generalsekretär die von Westerwelle gegründete Stiftung für internationale Verständigung. Wir ahnen: Alexander Vogel ist alles andere als parteilos. Ein Blick ins Internet verrät, dass Vogel FDP-Politiker ist. Bereits bei der Bundestagswahl 2009 kandidierte Vogel (damals 25) im Wahlkreis KÖLN I für die FDP.
Für Henriette Reker, die Vogel im Jahr 2017 nach Köln holte, war der FDP-Mann von Anfang an mehr als ein Pressesprecher. Der Kölner Express schrieb damals: „Offiziell trägt die neue Stelle den Titel „Redenschreiber“ in Rekers Büro. Tatsächlich gehen Vogels Aufgaben weit darüber hinaus. Sie beinhalten laut Stellenausschreibung etwa auch ausdrücklich den Zusatz Projektleitung „Konzeption und Umsetzung einer Kommunikationsstrategie“… Dahinter dürfte ein Ansinnen Rekers stecken, ihr Image langfristig aufzupolieren, und sich gegebenenfalls für eine erneute OB-Kandidatur 2020 zu wappnen.“ https://www.express.de/koeln/koelns-ob-reker-holt-westerwelle-vertrauten-alexander-vogel-in-ihr-team-30280 Erhellender, unbedingt lesenswerter Artikel!
Frau Reker, die als ein wenig spröde gilt, schmückt sich gerne mit dem smarten jungen Mann, der aus seiner Homosexualität keinen Hehl macht. Als Alexander Vogel am 11.12. 2021 seinen Lebensgefährten heiratete, den Juristen Dr. Patrick Esser, mittags im Standesamt und nur eine Stunde später in der direkt an der Einkaufsstraße Schildergasse gelegenen evangelischen Antoniterkirche, war auch Henriette Reker geladen. Bei der anschließenden Feier im Hotel Wasserturm gehörte sie zu den „handverlesenen“ Gästen, deren Zahl Corona-bedingt auf nur fünfzig beschränkt war. Für den, der wissen will, welche Kölner Kommunalpolitikerinnen und wer von der Landes-FDP dabei war: https://www.express.de/koeln/koeln-ob-sprecher-alexander-vogel-heiratet-lebensgefaehrten-82446
Nun hat sich Henriette Reker durch die ungewöhnlich enge Zusammenarbeit mit dem FDP-Nachwuchspolitiker Vogel meines Erachtens parteipolitisch klar positioniert. Das ist schon deshalb ein wenig „pikant“, da die FDP im Rat der Stadt keine große Rolle spielt. Hinzu kommt, dass die FDP bei der Oberbürgermeisterwahl im Jahr 2020 anders als noch 2015 Frau Reker nicht unterstützt hat und bei der OB-Wahl 2025 sogar einen eigenen Kandidaten aufstellen will.
Von daher wäre es fair, wenn auf der Internetseite der Stadt die (aktive) Parteizugehörigkeit des Amtsleiters zumindest kurz erwähnt würde. Nebenbei gesagt, empfinde ich als Kölner Bürgerin den Internet-Auftritt der Stadt als Affront. Die Kommunikationsabteilung präsentiert sich als geschlossene Gesellschaft. Die Allgemeinheitbleibt außen vor. Zwar werden die Ansprechpartnerinnen und -Partner im Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kurz (und oberflächlich) vorgestellt, aber die Seite wendet sich ausschließlich an die Medien. https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/team/index.html Für uns Bürgerinnen und Bürger gibt es bei der Stadt keine Ansprechpartner, sondern Kontaktformulare.
Erschrocken war ich, als ich sah, dass Henriette Reker als eine der Erstunterzeichnerinnen ihren Namen (nicht als Privatperson, sondern in ihrer Rolle bzw. „Funktion“ als OB!) unter das sogenannte „Manifest für Freiheit“ hat setzen lassen, eine Stellungnahme, mit der zwei ehrgeizige Jungpolitiker, Franziska Brandmann, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (FDP-Jugendorganisation), und Johannes Winkel, Bundesvorsitzender der Jungen Union (CDU-Jugend), am 24.2.2023 eine Petition gestartet haben. Diese Petition ist eine Gefälligkeitspetition für die Bundespolitik und die plumpe Antwort auf einen Text, der jetzt schon als historisch bedeutsam einzustufen ist, das „Manifest für Frieden“ vom 10. Februar 2023, eine Petition von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer.
Wagenknecht/Schwarzer, die ein sofortiges Ende der Waffenlieferungen fordern, glauben nicht an einen Sieg der Ukraine: „Die Ukraine kann zwar – unterstützt durch den Westen – einzelne Schlachten gewinnen. Aber sie kann gegen die größte Atommacht der Welt keinen Krieg gewinnen.“ Weiter heißt es klar und unmissverständlich: „Wir fordern den Bundeskanzler auf, die Eskalation der Waffenlieferungen zu stoppen. Jetzt! Er sollte sich auf deutscher wie europäischer Ebene an die Spitze einer starken Allianz für einen Waffenstillstand und für Friedensverhandlungen setzen. Jetzt! Denn jeder verlorene Tag kostet bis zu 1.000 weitere Menschenleben – und bringt uns einem 3. Weltkrieg näher.“
Das „Manifest für Freiheit“ hingegen glaubt an einen Sieg der Ukraine. Gleichzeitig wird die reale Bedrohung ignoriert und eine mögliche Eskalation verdrängt. Die Tatsache, dass Russland und die USA Atommächte sind, kommt nicht zur Sprache. Ich weiß nicht, ob Henriette Reker das FDP/CDU-initiierte Manifest aus eigener Überzeugung und/oder in Absprache mit ihrem Sprecher Alexander Vogel unterzeichnet hat. So oder so ist es unverzeihlich. Seit der heimtückischen Messer-Attacke kurz vor der OB-Wahl 2015, bei der sie von einem psychisch schwer gestörten Mann lebensgefährlich am Hals verletzt wurde, weiß Henriette Reker, wie gefährlich Waffen sind. Sie hat am eigenen Leib die Erfahrung gemacht, dass aufgestaute Aggressivität urplötzlich eskalieren und in rohe, mörderische Gewalt münden kann, vor allem dann, wenn Waffen im Spiel sind, die den Tätern das Gefühl von Stärke und Sicherheit geben.
Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Machtkampfs der Atommächte Russland und den USA ist das „Manifest für Freiheit“ verharmlosend und naiv. Hier heißt es: „Dass die Ukraine ein Jahr nach Beginn des Angriffskrieges weiter kämpfen kann, liegt auch daran, dass viele Demokratien dieser Welt das Land unterstützen, etwa mit Hilfsgütern, finanziellen Mitteln, Waffen und Munition.„
Waffen, so der dahinter liegende Gedanke, sind gut, wenn sie nur in die richtigen Hände geraten. Doch „die richtigen Hände“ gibt es nicht und hat es -was den Krieg betrifft- nie gegeben. Mit dem Zweiten Weltkrieg und den Angriffen auf die Zivilbevölkerung, auf Frauen und Kinder, sind letzte Hemmschwellen gefallen. Die feigen und hinterhältigen Abwürfe der US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren das Ausleben einer größenwahnwitzigen Männer-Phantasie: Die Auslöschung von hunderttausenden Menschenleben auf einen Streich, mit einer einzigen Bombe.
Nippes, Neusser Straße, 25.12.2020. Die rigiden, staatlich verordneten Corona-Maßnahmen werden in Köln -wie überall in Deutschland- mit aller Härte umgesetzt. Dennoch fand ich dieses kleine „Maskenattentat „-insbesondere vor dem Hintergrund des brutalen Angriffs auf Frau Reker im Jahr 2015- weder klug noch komisch.
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Jahreswechsel 2022/23, Bushaltestelle Zonser Straße: Wo ist unsere Oberbürgermeisterin? Vielleicht wollte die Stadt Köln Geld sparen, vielleicht wollte man sich angesichts des Krieges in der Ukraine bescheiden geben. Dass uns die Oberbürgermeisterin einmal im Jahr ihr Gesicht zeigt, ist eine schöne kommunikative Geste. Dieses Plakat, bei dem auf ein Foto der Oberbürgermeisterin verzichtet wurde, kam in Nippes -soweit ich es beurteilen kann- nicht gut an.
Es ist schon rätselhaft: Oft charakterisiert der Familienname den Namensträger. Die beiden Kölner Weihbischöfe, die im Zusammenhang mit der Kölner Missbrauchsaffäre wegen Pflichtverletzungen (Verschweigen) beurlaubt worden waren, hören auf die Namen Puff und Schwaderlapp. Auch der Name Reker offenbart, wenn man ihn sich genauer anschaut, Erstaunliches.
Ist Frau Reker eine Wendehälsin? Man kann den Namen der Oberbürgermeisterin von links nach rechts, aber auch von rechts nach links lesen. Wie man den Namen auch dreht, wie man ihn auch wendet, der Name RekeR fängt an, wie er endet. Nach sprachwissenschaftlicher Definition handelt es sich hier um ein Palindrom. Oder, auf kölsch gesagt:
„Hömma Lisa, du kannst ja braten“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner, und stopft sich eine halbe Bulette ins Maul. „Aber wat isst du so langsam?“
„Ich will einfach nicht mehr so viel Fleisch essen.“
„Dann lass dir Zeit“, sagt die Frau Keuner. „Ich mach dat schon.“
Abends ist die Frau Keuner mit paar Flaschen Kölsch vorbeigekommen, und ich hab auf ihren Wunsch Buletten gebraten. Viele, weil ich damit gerechnet hab, dass die Frau Keuner viel essen kann. Die Frau Keuner spießt eine weitere Bulette auf. „Ich wollte dir den Appetit nicht völlig verderben, Lisa, aber die Wahrheit sagen. In dieser Bulette ist nicht nur das Fleisch von einem Rind und einem Schwein, sondern zerkleinertes Fleisch von unzähligen Rindern und Schweinen, denn das wird in riesigen Bottichen zermanscht. Aber sach, willst du nich mehr?“
Ich kann mich erinnern, dass mein großer Bruder vor gefühlt 55 Jahren einmal aus Futterneid vor den Augen seiner hungrigen, entsetzten Schwestern in eine Schüssel mit köstlichem Essen gespuckt hat, und zwar ausgiebig, aber was die Frau Keuner hier macht, das ist schlimmer, das ist Psycho-Spucken.
„Das Fleisch ist bio“, sage ich leise.
„Dann is dat eben Hackfleisch von unzähligen artgerecht gehaltenen Bio-Schweinen und Bio-Rindern. Deine Buletten sind echt lecker, aber noch verbesserungsfähig. Die Zwiebeln könnten feiner geschnitten sein. Ich komm jetzt einmal im Monat vorbei und kontrolliere deine Fortschritte. Das nächste Mal bitte mit Salat.“
„Kartoffelsalat?“
„Jau“, sagt die Frau Keuner. „Buletten mit Kartoffelsalat können wir noch essen, wenn wir überhaupt keine Zähne mehr haben. Aber jetzt pack mir bitte die restlichen Buletten in einen Tuppertopf. Die ess ich morgen in aller Ruhe, und zwar alleine, du störst ja nur.“ Ich räume den Tisch ab und geh mit feuchtem Lappen und anschließend mit trockenem Geschirrtuch über die Platte, denn die Frau Keuner braucht fettfreien Platz für die Computerausdrucke.
Die Frau Keuner pickt ein paar übersehene Fleischkrümel vom Tisch und breitet die Ausdrucke aus. „Lisa, du musst mal langsam lernen, dich zu wehren. Du bist viel zu freundlich, aber die Gesellschaft ist das schon lange nicht mehr. Freundliche Menschen werden nicht ernst genommen. Die Demokratie ist nur noch Alibi. Die Politiker wollen deine Stimme, aber nach den Wahlen wollen sie dich ganz schnell wieder loswerden. Die sind an unserer Arbeit und an unserem Geld interessiert, aber nicht an unserer Meinung, denn das bringt nur Ärger. Wir sind denen lästig. Vielleicht erinnerst du dich: Vor zwei Jahren hast du gesagt, mit dem Jens Spahn würdest du gerne mal ein Gespräch unter vier Augen führen. Nur leider redet der Jens Spahn nicht mit dir. Aber das ist gut so, sonst wäre das Gesagte unter euch geblieben. Wozu hast du deinen Blog? Da kannst du aufschreiben, was du ihm gerne persönlich gesagt hättest. Schreib, was passiert ist, schreib über Jens Spahn. Der Mann hat uns viel angetan“.
„Das kann man doch so nicht sagen“, sage ich leise und räume die Teller in die Spülmaschine. „Der Jens Spahn hat im Jahr 2020 einen FDP-Vorschlag abgelehnt und sich klar gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen, und das rechne ich ihm hoch an.“
„Du musst den Spahn jetzt nicht noch in Schutz nehmen“, sagt die Frau Keuner. „Im selben Jahr hat der Jens Spahn die Widerspruchslösung für “Organspenden” vorgeschlagen, so, wie es die schon in der DDR gab. Damit ist er ja zum Glück nicht durchgekommen. Der Jens Spahn ist ein Karriererist, der ist schon mit 15 in die Junge Union eingetreten. Dann war er ausgemustert und hat eine Banklehre gemacht. Der Jens Spahn ist schon früh auf die schiefe Geldbahn geraten. Eigentumswohnung mit Anfang 20, zwei fette Kredite. Die mussten natürlich abbezahlt werden. Und was macht man, wenn man Geld braucht? Geschäfte. So empfiehlt man sich heutzutage für die Politik. Was in der Steinzeit die fette Beute war, sind heute die dicken Geschäfte… Aber wir reden ja jetzt über Corona. Corona hat gezeigt, wie autoritär unsere Politiker ticken, wie groß ihre Angst ist, Macht und Privilegien zu verlieren. Gehen wir mal zwei Jahre zurück. Also… Bundesgesundheitsminister Spahn muss beweisen, dass er alles im Griff hat. Denn in Deutschland regt sich Widerstand, Impf-Widerstand.“
Ich setze mich wieder zu der Frau Keuner, die mir einen Zettel mit Zitat zuschiebt mit der Bitte, laut vorzulesen: „‚Innerhalb der EU wird das Reisen voraussichtlich nicht von der Impfung abhängig sein‘, sagte Spahn der ‚Rheinischen Post‘ in der Samstagsausgabe (08.05.2021). `Auch mit den Testungen wird man sich europaweit gut bewegen können‘, ergänzte er. Spahn selbst werde seinen Urlaub in Deutschland verbringen. ‚In dieser hoffentlich letzten Phase der Pandemie würde ich keine großen Fernreisen planen, Nordsee statt Südsee quasi‘, sagte der CDU-Politiker.“ https://www.fr.de/politik/jens-spahn-urlaub-bundesrat-lockerungen-geimpfte-genesene-entscheidung-gesetz-deutschland-sommerferien-zr-90497261.html
„Das ist sowas von autoritär“, sagt die Frau Keuner. „Und wieder einmal wird das schöne Wort „Hoffnung“ missbraucht. Hör dir das an: „Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) macht Hoffnung auf den Sommerurlaub in EU-Staaten.“ Da stilisiert sich der Spahn auch noch zum Überbringer der Frohen Botschaft. Das ist gönnerhaft. Doch mittlerweile wissen wir, dass nicht nur beim Maskenkauf einige Milliarden Euro Steuergelder verschwendet wurden, sondern auch bei der Beschaffung von Tests. Das war nur zu unserem Schutz, wie die behauptet haben, das ist nicht mal nachgeprüft worden.“ https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/pcr-tests-111.html
Die Frau Keuner öffnet sich die frische Flasche Kölsch, die ich ihr aus dem Kühlschrank geholt hab. „Die unbrauchbaren Tests müssen jetzt auch alle vernichtet werden, genauso wie die abgelaufenen Impfstoffe und die unbrauchbar gewordenen Masken. Aber der Olaf Scholz wird sich, sobald der angepasste Corona-Impfstoff da ist, trotzdem ein fünftes Mal impfen lassen. Aus Treue zur Pharmaindustrie und aus Rechthaberei.“ Die Frau Keuner trinkt einen Schluck. „Der Scholz wird noch mal so richtig auf die Schnauze fallen… Sach mal, Lisa, heulst du?“ Sie reicht mir die Serviette, mit der sie sich vorhin den Mund abgewischt hat.
„Brauch ich nicht“, sage ich leise. „Ich habe nur immer die Bilder im Kopf. Ende August 2021 sind wir nach Frankreich gefahren. Wir mussten uns per Internet anmelden. Und dann brauchten meine jüngere Tochter und ich noch einen negativen Anti-Gen-Test, also waren wir am Tag vor der Abreise in der Test-Station gegenüber vom alten Schlachthof. Ich konnte mich nicht auf den Urlaub freuen. Wie soll man sich in die Vorfreude fallen lassen, wenn man nicht weiß, ob man nicht auf den letzten Drücker doch noch positiv ist. Vor mir war eine ungeimpfte Frau, ein paar Jahre älter als ich. Wenn man älter ist, zeigt man ja nicht mehr so gerne die Zähne, und man reißt man nicht gerne den Mund auf, vor allem nicht in einer Test-Baracke gegenüber vom alten Schlachthof. Die Frau hat geschrien und gelacht. Krampfhaft. Aber irgendwann hat sie dann doch den Mund aufgemacht.“
„Du hast doch den Spahn gehört“, sagt die Frau Keuner und grinst. „Du konntest froh und dankbar sein, als Ungeimpfte überhaupt ins Ausland zu dürfen. Ich war schon lange nicht mehr verreist. Welche Rentnerin kann sich das denn noch leisten? Den Leuten mit der kleinen Rente bringt die Rentenerhöhung nicht viel. Was sind 5% Rentenerhöhung, wenn du nur 600 Euro Rente kriegst? Aber komm jetzt nicht auf die Idee, mich beim nächsten Mal einzuladen. Wie du Urlaub machst, das ist mir einfach zu spießig. Du machst das, was du auch in Köln machst, du mietest für dich und deine Töchter eine bezahlbare Ferienwohnung und bestückst die mit euren Kölner Plörren. In Paimpol angekommen, gehst du nicht direkt zum Hafen, sondern in den Intermarché. Aber auch nur deshalb, weil es da keinen REWE gibt. Am nächsten Tag fahrt ihr drei zum Plage de Brehec, aber der Strandtag fühlt sich an wie ein Tag in der Riehler Rheinaue.“
„2021 hat es sich wirklich so angefühlt“, sage ich leise. „Aller Zauber war weg.“
„Ich verschick übrigens Urlaubsfotos“, sagt die Frau Keuner. „Wenn du mir sagst, ich soll dir welche schicken, dann setz ich mich vor meine Fototapete und mach Selfies.“
„Was ist das denn für eine Fototapete?“
„Raufaser“, sagt die Frau Keuner. „Weiß, leicht vergilbt. Aber ich sag dir was. Du hast noch Glück gehabt. Andere Ungeimpfte mussten zu Hause bleiben, nur weil der Test positiv war. Aber negativ war auch nicht viel besser. Hör dir Spahns Satz noch mal genau an. Auch mit den Testungen wird man sich europaweit gut bewegen können – Das ist nicht nur gönnerhaft, sondern richtig böse. Und jetzt setz die Wörter „auch die Ungeimpften“ ein, denn die sind ja gemeint. Also… Mit den Testungen werden sich auch die Ungeimpften europaweit gut bewegen können. Woran erinnert dich das?“
Ich ahne, worauf die Frau Keuner hinauswill. „An die elektronische Fußfessel?“
„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Und dabei legt man die elektronische Fußfessel nur entlassenen Schwerverbrechern an, vor allem Sexualstraftätern. Das ist durchaus logisch. Aus Sicht der Bundesregierung waren ja alle Ungeimpften Straftäter. Aber sach, hast du die Coronatestfußfessel für einen Moment vergessen?“
„Nein, die Coronatestfußfessel war zwar unsichtbar, aber die hing mir wie ein Klotz am Bein.“ Doch jetzt gibt es kein Halten mehr, es bricht aus mir heraus: „Warum haben die mich und meine jüngere Tochter gezwungen, uns testen zu lassen? Wir war doch beide nachweislich immun. Meine ältere Tochter hatte Delta, hohe Virenlast, und wir beide haben mit aller Kraft versucht, uns bei ihr anzustecken, aber es hat nicht geklappt. In der Nachbarschaft ist ein junger Mann krank geworden, obwohl er geimpft war. Der hat die ganze Familie angesteckt, obwohl oder weil die auch alle geimpft waren. Die haben es richtig heftig bekommen. Warum gab es kein großes I für immun. Wozu soll ich mich testen lassen, wenn ich immun bin? Ich konnte und kann alles bezeugen. Und in Frankreich durften wir ohne aktuellen negativen Test nicht einmal ins Café. Und das, obwohl wir immun waren. Ich hatte sogar das positive Testergebnis meiner älteren Tochter und unsere negativen dabei und den Beleg für die zweiwöchige Quarantäne.“
Die Frau Keuner lacht: „Was sollen denn die Franzosen mit Kölner Beweismaterial? Außerdem war General Macron doch genauso rigide. Die Franzosen haben mit der Testung von Touristen richtig viel Knete gemacht. Lisa, du bist ein Störfall.“
„Das weiß ich doch“, sage ich. „Aber etwas in mir hat darauf gehofft, dass der Dr. Nießen vom Kölner Gesundheitsamt auf mich zukommt und mich beglückwünscht, dass er mich fragt, wie ich als Frau über 60 es geschafft habe, mich nicht mit der gefährlichen Delta-Variante zu infizieren.“
„Hömma, Lisa, du bist dermaßen naiv. Du stellst die Zwangsmaßnahmen in Frage und erwartest auch noch Beifall. Aber jetzt mach ich einen Test mit dir. Wessen Haaransatz ist das?“
„Spahn? Beide Male?“
„Und jetzt vergleich mal die beiden Urlaubsbilder von Spahn und Ehemann aus den Jahren 2021 und 2023 miteinander. Im Sommer 2021 war der Spahn noch so doof, ein Selfie zu veröffentlichen. Beide tragen keine Sonnenbrille, auch der Spahn nicht, dabei ist der Spahn Bundesgesundheitsminister. Und jetzt kommt’s. Sein Ministerium hat im Frühjahr des selben Jahres ein Heft seiner kostenlosen Werbebroschüre „Im Dialog“ herausgegeben. In Heft 6/April 2021 geht es fast nur um die Impfung, aber auf der Kinderseite (S.34) wird ausdrücklich vor zu viel Sonne gewarnt. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Ministerium/Broschueren/BMG_Dialog_1-2021_bf.pdf
Der Jens Spahn hat für die Broschüre sogar das Vorwort geschrieben. Doch warum hat er die Warnungen seines eigenen Ministeriums nicht ernst genommen? Guck dir noch einmal das Selfie an. Gesundheitsminister Jens Spahn hat Sonnenbrand, knallrote Stirn, knallroter Hals und knallrote Nase. Dat geht doch gar nicht. Wahrscheinlich wollten Spahn und Mann den Beleg dafür liefern, dass es auch in Bayern schön sonnig sein kann, aber doch bitte nicht so. Das sind Top-Fotos für den Pschyrembel.“
„Ein Sonnenbrand kann doch jedem passieren“, sage ich leise.
„Ja, aber doch nicht dem Bundesgesundheitsminister. Der Mann ist doch ein Vorbild, was eine gesunde Lebensweise angeht.“
„Ich kann das so aber nicht in meinen Blog setzen.“
„Zu Zwecken der Aufklärung“, sagt die Frau Keuner. „Als Diashow. Jetzt guck dir bitte das Foto von 2023 an. Das haben Profis gemacht. Mittlerweile hat der Spahn kapiert, dass man als Spitzenpolitiker nicht einfach ein Selfie schicken kann, nicht mit Sonnenbrand und schon gar nicht, wenn der Bundesrechnungshof auf der Matte steht. Das ist jetzt zwei Jahre her, niemand erinnert sich mehr. Sind ja zu viele verstrickt.“ Die Frau Keuner trinkt noch einen großen Schluck Bier.
„Ich vermute, dass der Jens Spahn für das Selfie damals einen richtigen Anschiss gekriegt hat. Deshalb musste sich der Spahn einer Styling-Beratung unterziehen. Die Profis haben das Bild aus dem Jahr 2021 genau analysiert. Der Fotograf hat Spahn und Funke aus der prallen Sonne geholt und in den Halbschatten gestellt. Beide Männer tragen jetzt Sonnenbrillen. Das Bild ist auch nicht während einer Wanderung aufgenommen worden, sondern danach. Im Jahr 2023 haben sich die Jungs den Schweiß abgewaschen. Die Klamotten sind nicht mehr schweißgetränkt, sondern sauber. Man sieht, wie die Männer duften. Und da ist noch was.“
„Das Büschel auf Spahns Stirn? So kommt er seriöser rüber.“
„Das auch“, sagt die Frau Keuner. „Aber guck mal auf Spahns Hals. Genau da, wo der Spahn im Jahr 2021 Sonnenbrand hatte, ist zwei Jahre später der Hemdkragen hochgeklappt. Ganz schön schlau.“