Kirschen fischen

Unsere Kinder leben in einer Welt des faulen Zaubers, wo fast alles zu kaufen ist und ein Klick unzählige Wünsche erfüllt.
In der Kirschenzeit entdeckte ich vor dem Haus zwei etwa 7jährige Kinder. Der Junge stand mit einem Fischernetz in der Hand unter unserem kleinen Kirschbaum und wartete still und geduldig darauf, dass eine der tief hängenden Kirschen ins Netz fiel, während seine Freundin ihm dabei zusah. Tags zuvor hatte sie ihm gezeigt, wie gut sie schon turnen kann: Handstand, Radschlag, Brücke. Jetzt war er dran. Er hätte die Kirschen pflücken können, aber das hätte das Mädchen wohl kaum beeindruckt.
Natürlich klappte das Fischen nicht. Ich schlüpfte in die Rolle der bösen Nachbarin, klopfte ans Küchenfenster und vertrieb die Kinder.
Wie blöd, dachte ich, demnächst wird der Kirschenfischer an den Rhein gehen, um Fische zu pflücken. Aber vielleicht war der Junge gar nicht so blöd. Offensichtlich besaß er, was es immer weniger gibt: Phantasie. Etwas aus „den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat,“ beflügelte ihn.
Wir brauchen Kinder, die den digitalen Verarmungs- und Verblödungsversuchen trotzen. Egoshooter gibt es genug, aber kaum einen, der Kirschen fischt. Ich ärgerte mich über mich.
Doch wie verscheuchte Vögel kamen die Kinder zurück – wieder versuchte der Junge sein Glück. Nach einer Weile ging ich nach draußen und ließ die Kinder die Kirschen probieren. So war Hänsel im Glück – und der Fischer hatte doch was im Netz.
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