Aus Respekt vor den Kölner Bürgerinnen und Bürgern: Verhindern Sie die Bebauung der Gleueler Wiese! – Offene E-Mail an Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

morgen entscheidet der Rat der Stadt Köln über die Bebauung der Gleueler Wiese mit Trainingsanlagen des Profi-Fußballvereins 1.FC Köln. Den Bürgerinnen und Bürgern hatte die Stadt Köln im vergangenen Jahr die Möglichkeit gegeben, brieflich oder per Internet Stellung zu nehmen. Ich gehöre zu den über 7000 (!) Menschen, die die Gelegenheit wahrgenommen haben. Uns war zugesagt worden, dass man jedes einzelne Schreiben bearbeiten und beantworten werde, was allerdings angesichts der überraschend hohen Zahl bis ins Frühjahr 2020 hinein dauern könne. Ich warte bis heute auf eine Antwort der Stadt Köln. Offensichtlich hat man mit uns (und unserer Zeit, Geduld, Intelligenz, mit unserer Sorge für das Klima und unserer Liebe zu unserer Stadt) nur gespielt. Setzt die Corona-Krise die Demokratie komplett außer Kraft?

Denn über unsere 7147 Köpfe hinweg hat die Stadt Köln längst Tatsachen geschaffen. Der Kölner Stadtanzeiger schrieb am 11. Mai: „Die Stadtverwaltung hat insgesamt 7147 Stellungnahmen der Bürger zu dem Vorhaben im denkmalgeschützten Äußeren Grüngürtel gesichtet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der FC-Antrag genehmigungsfähig ist.“ Wie kommt die Stadtverwaltung zu „dem Ergebnis“? Hier fehlt jede Begründung!

Mittlerweile weiß ich mehr. Mehr als zwei Drittel der Stellungnahmen waren ausdrücklich gegen die Bebauung. Auf der Internetseite der BI  „Grüngürtel für Alle“ fand ich den Hinweis auf „Die Beschlussvorlage zum Ausbau des Geißbockheims“. https://unsergruenguertel.de/2020/05/12/beschlussvorlage-ist-da/ In Anlage 5.1 dieser „Beschlussvorlage“ finden sich Kommentare der Stadt zu den Stellungnahmen der Bürgerinnen und Bürger. In diesen Kommentaren stellt die Stadtverwaltung auf stur. Man geht in Abwehrhaltung, diskutiert wird nicht. Das Konvolut „Beschlussvorlage“, ein Werk von über 700 (!) Seiten, führt uns vor, wie Verwaltungsdenken funktioniert, wie es politische Leidenschaft neutralisiert und erstickt. Viele gute Ideen werden komplett totgeschwiegen, denn man hat sich nur einige Stellungnahmen herausgepickt. Die Gedanken der Bürgerinnen und Bürger, die in keine bürokratische Schublade passen (auch die von mir gemachten Vorschläge), sind an keiner Stelle erwähnt.

Über vieles könnte man lachen, wenn das Resultat nicht so traurig wäre. Tatsächlich hat die Stadt Köln einen Erdkrötenexperten auf nächtliche Pirsch geschickt. Man kommt zu dem Ergebnis, dass das Vorkommen der Erdkröte für die Bebauung keinen Hinderungsgrund darstellt. Aufgrund des „Mangels an Deckung“ („Deckung“ spielt hier nicht auf die Mann-Deckung beim Fußball an, wohl auch nicht auf die Paarungsverhalten der Erdkröte, sondern auf Unterschlupfmöglichkeiten) besäßen die vorhandenen Spielfelder und auch…

„… die Wiesenflächen keine bzw. nur eine geringe Eignung
als Landhabitat. Insgesamt ist der Wert des
Untersuchungsraums für Amphibien als gering
einzustufen. Eine nächtliche Wanderung der Erdkröte
über die Gleueler Wiese wurde vom Gutachter nicht
beobachtet. Sollten dennoch einzelne Tiere die Gleueler
Wiese zur Wanderung in die Kleingärten oder von dort
zum Decksteiner Weiher nutzen, stellen die neuen
Traningsplätze kein Hindernis dar. Zum einen ist der ca.
46 m breite Korridor zwischen den Trainingsplätzen A 1
und A2 ausreichend breit, zum anderen wird die
Umzäunung der geplanten Trainingsplätze durchlässig
ausgeführt (keine Bandenwerbung)…“
 

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

was ich jetzt schreibe, habe ich Ihnen schon einmal geschrieben, in einer Mail, die Sie wohl nicht erreicht hat… https://stellwerk60.com/2017/03/29/plaedoyer-fuer-eine-weibliche-kommunalpolitik-offene-mail-an-ob-henriette-reker/

Als ich vor knapp vier Jahren (stadtradelnd) an der Gleueler Wiese war, um mir ein Bild vom Bebauungsvorhaben zu machen, bin ich einer Erdkröte begegnet.

An dem Tag im September -es dämmerte bereits- ging ich von der Wiese zurück zum Geißbockheim, wo ich mein Fahrrad abgestellt hatte. Etwa auf Höhe des Waldkindergartens hockte mitten auf dem Weg eine große Erdkröte, ein braungrünes Tier mit unebener, warziger Haut. Sie wirkte furchtlos und unbeeindruckt. Weder nützlich noch essbar noch schön war die Kröte völlig unerwartet einfach nur da – wie im Märchen.

Nach Maßstäben des Weltfußballverbandes FIFA ist die Erdkröte vollkommen wertlos. „Es gibt dich noch“, sagte ich zu der Kröte. „Pass gut auf dich auf.“ Leise fügte ich hinzu: „Ist es nicht gut, dass es die Gleueler Wiese noch gibt?“

Und wenn sie mir nicht geantwortet hat, so hat sie mich doch verstanden.

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Die Aufforderung „Ab in den Park!“ klingt wie der berühmte Befehl, den das Herrchen dem Hund erteilt: „Ab ins Körbchen!“ Ich fürchte, das ist den Werbetextern, die von der Stadt Köln beauftragt sind und auch noch von unseren Steuergeldern bezahlt werden, durchaus bewusst. Oben links auf dem Plakat steht als Verantwortliche „Die Oberbürgermeisterin“.

Wenn man von der Haltestelle „Flora“ aus die Neusser Straße weiter stadteinwärts geht, erreicht man nach etwa 10 Minuten den Inneren Grüngürtel, eine Art Park, der aber leider kaum mehr ist als ein (zugegeben kilometerlanger) Seitenstreifen der Inneren Kanalstraße. Zwischen Neusser und Merheimer Straße wurde dort (gegenüber vom Finanzamt Köln-Nord) erst kürzlich ein großes Stück Wiese platt gemacht und mit Sportplätzen bebaut. Angeblich zum Wohle des Volkes wird auch eine sogenannte „Calisthenics-Anlage“ entstehen. Der Text auf einem Plakat der Stadt Köln, das an der Baustelle aufgehängt ist, liest sich wie eine Fitnessstudio-Werbung: „Calisthenics ist eine neue Form des Ganzkörper-Krafttrainings zur Verbesserung von Körperkontrolle und Beweglichkeit.“ (Die Oberbürgermeisterin)

Hier wird uns ein Eingriff in den öffentlichen Lebens- und Erholungsraum als gute Sache verkauft. Die Sport-Anlage schadet nicht nur dem Klima. Traurig ist es für die Mitbürgerinnen und Mitbürger, die keinen Garten und auch keinen oder nur einen kleinen Balkon haben. Hier gab es die Möglichkeit, in einer größeren Gruppe Grillfeste zu feiern. Ich habe nie glauben mögen und mag immer noch nicht glauben (weil es zu traurig ist!), was viele gesagt haben: „Die großen Multikulti-Gruppen auf der Wiese sind der Stadt Köln und der Bezirkvertretung Nippes seit jeher ein Dorn im Auge.“

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Nippes im Mai 2020. Sollte ich jemandem, der Deutsch lernt, die Wörter „Verödung“ und „Verrohung“ erklären, würde ich ihm dieses Photo zeigen. Mittlerweile hat man begriffen, dass man zwar Bäume nicht so einfach fällen sollte, doch weiter denkt man nicht, denn baumlose Flächen sind der Bebauungs-Willkür nach wie vor schutzlos ausgesetzt.

Nur drei Tage, nachdem der Kölner Stadtanzeiger davon berichtet hat, dass die Stadt Köln grünes Licht gegeben hat für die Bebauung, titelt die selbe Zeitung: „Corona wird teuer Köln rechnet mit Minus von 240 Millionen Euro bei Gewerbesteuer“.

Die Gewerbesteuer kann die Stadt Köln dem 1.FC nicht erlassen, aber der FC dürfte bei der Stadt mächtig auf die Tränendrüsen gedrückt haben, hat man doch wegen der Geisterspiele weniger Einnahmen. Vielleicht gab es als kleinen Trost die Zusage zur Bebauung der Gleueler Wiese. „Man kennt sich, man hilft sich“ (Konrad Adenauer). Dabei steht der FC Köln finanziell trotz Corona gut da. Anders als bei den Vereinen der unteren Spielklassen ist der Kartenverkauf bei den Erstliga-Vereinen nicht die Haupt- Einnahmequelle. Denn auch Geisterspiele lassen sich per TV übertragen. Und auf dem Sofa sitzend kann man das Kölsch sogar aus Glasflaschen trinken.

Doch was ist mit den Fans, die Dauerkarten haben? Kriegen die ihr Geld zurück? Ich telefoniere mit meinem Pulheimer Schwager Michael, der seit 2005 stolzer Besitzer einer der insgesamt 25.500 FC-Dauerkarten ist. Schlossermeister Michael, 52, ein gebürtiger Kölner, ist mit dem FC schon mehrmals ab- und wieder aufgestiegen. Nie im Leben würde er seine Karte hergeben. Aber er leiht sie uns manchmal.

Im Zusammenhang mit Corona, so erzählte er mir, hatte der FC ihn vor die Alternative gestellt: Entweder könne er das Eintrittsgeld für die Geisterspiele zurück bekommen oder sich einen Artikel aus dem Fan-Shop auswählen. Natürlich will der echte Fan das Geld nicht zurück, es bleibt ja sozusagen „in der Familie“. Michael ist ein großzügiger Mensch und hat sich für einen Fan-Schal entschieden. Darüber hinaus trägt jetzt sein (zur Zeit leerer) Sitzplatz ein Schildchen mit seinem Namen, was regulär 50 Euro gekostet hätte. Nebenbei gesagt: Dass der FC jetzt vor Namensschildchen spielt, macht die Geisterspiele noch geisterhafter.

Ich finde den FC knickrig. Warum hat man den treuesten Fans (zehn und mehr Jahre Dauerkarte) nicht das Geld zurück gegeben und ihnen darüberhinaus Fan-Artikel geschenkt? Das wäre eine großzügige, freundliche Geste. Doch ich fürchte, die Liebe der Fans zum FC wird vom FC nicht erwidert. Michael ist übrigens für die Bebauung der Gleueler Wiese. Er lebt nicht in Köln, ist aber für alles, wofür der FC ist. Liebe macht blind.

Michael, mit dem ich mich ansonsten gut verstehe, hat auch eine FC-Petition pro Bebauung unterschrieben. Da die Bürgerinitiative „Grüngürtel für Alle“ an die 20.000 Unterschriften gesammelt hatte, musste der FC Köln nachziehen. Ebenfalls über 20.000 Unterschriften zu sammeln (laut Stadt Köln sogar 33.482), fiel dem Fuballverein leicht. (Allerdings stammen, was die Stadtverwaltung gerne verschweigt, die allermeisten Pro Bebauungs-Unterschriften von Nicht-Kölnern!). Es ging verdächtig schnell, schließlich ist man mit einem Großteil der über 100.000 zahlenden Vereinsmitglieder vernetzt. Doch allein die Überschrift der FC-Petition ist eine blanke Unterstellung: „Für eine Zukunft am Geißbockheim – Haltet den 1. FC Köln im Grüngürtel“. Das ist unseriös: Niemand -schon gar nicht die BI „Grüngürtel für Alle“- will den FC aus dem Grüngürtel vertreiben!!!

Die Mitglieder der Bürgerinitiative sind keine Leute, die mal eben nebenher per Klick eine Petition unterschreiben. Bei einer Veranstaltung im letzten Sommer war die Aula des Sülzer Schiller-Gymnasiums brechend voll. Stundenlang wurde dort ernsthaft und sachlich, aber auch leidenschaftlich auf hohem Niveau diskutiert. Alle Vernunft, und das macht das Pro der Stadtverwaltung so unerträglich, spricht gegen die Bebauung. Wer sich kundig machen möchte: https://unsergruenguertel.de/

Zum Bedauern der BI und ihres Sprechers Friedmund Skorzenski bestimmten in der Sülzer Aula die grauen Köpfe das Bild. Überhaupt sind kaum jüngere Menschen gegen die Bebauung aktiv. Ich denke, für die jungen Menschen ist die Gleueler Wiese nur irgendeine. Sie können noch nicht realisieren, dass im Falle einer Bebauung eine kommunale Katastrophe passiert. Sie sind in eine Welt hineingewachsen, in der die Demokratie längst auf dem Spiel steht, aber sie kennen keine andere. Ich selber hätte mit 20 auch noch nicht wirkllich begriffen, was da passiert. Jetzt bin ich 61.

Sehr geehrte Frau Reker, es sind ältere Menschen wie Sie und ich, die sich für den Erhalt der Gleueler Wiese engagieren. Wir Ältere haben schon mehr und andere Erfahrungen gemacht als die jüngeren Menschen. Wir wissen besser als die meisten jungen Menschen, wie sich Verluste anfühlen, was es heißt, Menschen zu verlieren, die uns nah sind. Viele von uns haben noch ein Gespür für Natur: Wir können uns noch an schneereiche Winter erinnern und an regenreiche Sommer. Man musste unsere Obstbäume noch nicht künstlich bewässern. Wir sind dünnhäutig. Gerade uns Älteren tut es weh, mit ansehen zu müssen, dass man (mal eben) atmende Wiesen versiegelt.

Die Wiese darf nicht dem Kommerz geopfert und billig verhökert werden. Sie ist ein Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere. Die Wiese ist -und das macht ihren Wert aus- ein im besten Sinne des Wortes nutzloser, von uns Menschen kaum ausgebeuteter Raum. Aber sie hat einen unschätzbar großen Wert -für unser Klima.

 

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Bushaltestelle „Zonserstr.“ (KVB)  in Nippes. Dass die Stadt Köln uns sagt, was wir wollen sollen, finde ich bevormundend. Dass wir geduzt werden, finde ich unverschämt und respektlos.  Und warum sollen wir Bürger Köln etwas zurückgeben (auch noch als Dank für die entmündigenden Corona-Maßnahmen)? Sollte nicht eher Köln uns Bürgerinnen und Bürgern etwas zurückgeben, die Lebensräume und die Luft zum Atmen?

Ich habe mich im Jahr 1977 dafür entschieden, in Köln zu studieren, weil ich FC -Fan war. Aber meine Zuneigung galt weniger dem damals sportlich sehr erfolgreichen FC als einem außergewöhnlichen Spieler, Herbert Neumann. Dass der FC Köln in der Saison 1977/78 das Double holte -Pokalsieger und Deutscher Meister-, ist meiner Meinung nach vor allem ihm zu verdanken. Herbert Neumann war ein Naturtalent, spielfreudig, intelligent, gewitzt und bewegungsbegabt, ehrgeizig, aber nicht verbissen. Wer sich ein Bild machen möchte, kann ihn sich auf alten Sportschau-Videos angucken. Denn er war was für’s Auge. Die Fußballer trugen damals noch eng anliegende Trikots und kurze Hosen. Neumann hatte – diese Bemerkung sei mir mit 61 Jahren erlaubt- nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern schöne Beine. Das ist „verdamp lang her“.

Herbert Neumann hatte Ballgefühl, Fußball spielte er mit einer Art Kinderfreude. Kinder lieben Bälle, sie rollen, sie fliegen, sie springen, Bälle sind lebendig. Werfen und schießen ist schön, aber noch schöner ist es, wenn ein anderes Kind den Ball mit den Händen fängt und zurückwirft oder mit den Füßen annimmt und mit dem Ball aufs Tor zuläuft.
Was ist aus dem Spiel geworden, seitdem es im Profifußball nur noch um Geld geht? Mit dem Bau der Trainingsanlagen steht auch das schöne, uralte Spiel Fußball auf dem Spiel.

Obwohl der Text ziemlich lang ist, möchte ich aus meiner (vermutlich von der Stadt Köln versemmelten) Stellungnahme vom vergangenen Sommer zitieren. Meine „Bespielungs“- Idee für die Gleueler Wiese:

„… Mittlerweile gibt es neue Spiel-Ansätze. Bereits in den 1980er Jahren hatte Horst Wein, Hockeynationalspieler, Hockeynationaltrainer und Ausbilder von Fußballtrainern, ein Spiel namens Funino entwickelt, das nicht Konkurrenz schürt, sondern Spaß und Spielfreude fördert. Es ist vor allem für kleinere Kinder gedacht. Sie spielen nicht mehr auf zwei große Tore, sondern auf vier kleine – ohne Torwart. Ein Sportwissenschaftler und Mediziner, der Erlangener Professor Matthias Lochmann, hat in den letzten Jahren Konzepte für den deutschen Fußball entwickelt. Im DFB wird bereits heiß diskutiert, und es existieren bundesweit Pilotprojekte, auch in Köln. Mehr Informationen: ttps://www.sueddeutsche.de/sport/funino-jugend-fussball-dfb-reform-1.4482630?reduced=truen
Ein Vorschlag an die Stadt Köln: Zwacken Sie für die allerjüngsten FC-Spieler einen Teil der Wiese ab, wo das Gras nicht ganz so hoch wachsen darf wie zur Zeit, aber so, dass der Boden nicht beschädigt wird und die Regenwürmer überleben. Auch den älteren FC-Jugendlichen täte Funino gut – als Trainingsspiel. Liebe Verantwortliche des 1. FC Köln: Lasst eure jungen Spieler wieder spielen, schickt sie nicht auf Kunstrasenplätze, sondern auf die grüne Wiese. Nehmt ihnen das Geld, die Autos und die anderen überzogenen Zuwendungen weg, lasst sie bitte wieder laufen, befreit sie aus den lukrativen Verträgen, befreit sie aus der permanenten Optimierung, aus der übertriebenen sportmedizinischen Betreuung.
Der Großteil der Wiese jedoch möge allen Kölner Kindern gewidmet werden. Das wäre ganz im Sinne Konrad Adenauers, der als Oberbürgermeister der Stadt Köln den Grüngürtel in den 1920er Jahren vor der Bebauung gerettet hat- als grünes Refugium für die Kölner Bürger…“

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

ich möchte Sie an dieser Stelle noch einmal an Ihr Wahl-Versprechen aus dem Jahr 2015 erinnern. Beim Wohnungsbau – so sagten Sie am 2.9.2015 bei der Veranstaltung „Baukulturelle Prüfsteine zur OB-Wahl“- sei es unumgänglich, die Folgen des Klimawandels zu berücksichtigen: „Wir müssen allerhöchsten Wert darauf legen, dass wir die Frischluftschneisen erhalten…“

Die Gleueler Wiese ist eine zentrale Frischluftschneise. In einer Presseerklärung der Stadt Köln im Juli 2019 heißt es: „Der Rat der Stadt Köln hat am 9. Juli 2019 den „Klimanotstand“ erklärt und damit bestätigt, dass die Eindämmung des Klimawandels in der städtischen Politik eine hohe Priorität besitzt und zukünftig bei allen Entscheidungen grundsätzlich zu beachten ist.“ Der Klimanotstand war der Grund dafür, dass Sie im August 2019 dem Kölner Stadtanzeiger sagten: „Ich würde mir wünschen, dass wir im Einvernehmen mit dem FC einen anderen Platz finden.“

Kämpfen Sie für die Erfülllung Ihres Wunsches und verhindern Sie die Bebauung!

Herzliche Grüße, Lisa Wilczok, Stadtschreiberin der autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes, Kapitänin des Stadtradeln-Teams Stellwerk 60 – Team SattelFest in den Jahren 2016-2019 (2016: Zweiter Platz kölnweit in der Kategorie Team mit den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, tatsächlich 135!)

+++Eilmeldung: Maske weg, Abstand passé – Menschenmassen am Fühlinger See!+++

 

Nachdem ich meiner Tochter Carla, die zur Zeit unfreiwillig fernstudiert und so oft in Köln ist wie seit dem Abi nicht mehr, am Dienstag den Vorschlag machte, zum Fühlinger See zu fahren, klappten sie und ihre Freundin direkt die Laptops zu und holten die Fahrräder aus dem Schuppen. Am See angekommen, peilten die beiden ein Plätzchen außerhalb des Freibades an.

Ins Blackfoot Beach (seltsamer Name für ein Strandbad, das mit weißem Sand wirbt) wären sie so kurzfristig eh nicht reingekommen. Überhaupt ist Spontaneität zur Zeit nicht angebracht, denn auch im bzw. am Blackfoot Beach ist alles ziemlich verkrampft: Tickets muss man im Internet buchen. Die Besucherzahl ist begrenzt, die Verweildauer befristet. Auf dem Gelände herrscht Maskenpflicht, und der Mund- und Nasenschutz darf nur zum Schwimmen und auf dem eigenen (!) Handtuch abgelegt werden. Dass man trotz dieser Schikanen (unter Dauerbewachung) immer noch 4,80 Euro Eintritt zahlen soll, finde isch happisch.

Normalerweise platzt bei solch einem Traumwetter, wie wir es rund um Pfingsten hatten, das Blackfood Beach –Bad aus allen Nähten, während man außerhalb der Location immer noch einen kostenlosen, wenn auch weniger komfortablen, aber luftigen Platz direkt am See finden kann. Am Tag nach Pfingsten war es allerdings, wie Carla erzählte, genau umgekehrt. Außerhalb des Bades war es auf den Wiesen so voll, dass der allgemein empfohlene Mindestabstand auch nicht annähernd eingehalten werden konnte. Die Stimmung war entspannt, obwohl es anders als im Freibad keine Pommes und Getränke zu kaufen gab. Viele Leute waren nicht zum Schwimmen, sondern zum Sonnenbaden gekommen, darunter die, die auch im Sommer ins Sonnenstudio gehen, aber angesichts der rigiden Corona-Maßnahmen keine Lust auf künstliche Sonne mehr hatten.

Nahtlose Gesichtsbräune ist nicht gegeben, wenn man einen Mund- Nasenschutz trägt, also rissen sich die Leute das Textil vom Gesicht und reckten das bleiche Kinn in die Höh‘. Egal, ob auf dem eigenen Handtuch oder einem anderen – niemand war noch gewillt, eine Maske zu tragen. Carla und ihre Freundin fanden direkt an der Regattabahn eine Stelle, die zwar nicht so schön war, wo sie aber viel Platz hatten und endlich einmal Covid 19 vergessen konnten. Nur ein einsamer Inline-Skater, der auf dem Weg entlang der Regattabahn betont lässig an ihnen vorbei rollte, mit nacktem Oberkörper, aber bekleidetem Mund, erinnerte noch an Corona.

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Deutschland entwickelt sich zum Überwachungsstaat. Das hilft nur eines: „Maske fott, Zäng ussenander!“ Bart Simpson, wir brauchen Jungs wie dich!

 

Leider sind am Fühlinger See auch in diesem Jahr wieder die Raupen des Eichenprozessionsspinners in großer Zahl unterwegs. https://fuehlingen.de/aktuelles/wieder-eichenprozessionsspinner-am-fuehlinger-see  Ähnliches gilt für die Gespinstmotte, die oft mit mit dem Eichenprozessionsspinner verwechselt wird, weil ihre Raupen sich auch in „Prozessionen“ bewegen, die Blätter von den Bäumen und Sträuchern abfressen und Stämme, Äste und Zweige mit einer Art Schleier, einem Gespinst überziehen. Für die Menschen stellen die Raupen der Gespinstmotte keine Gefahr dar. Auch die Gehölze werden nicht nachhaltig beschädigt und treiben in der Regel später im Jahr wieder aus. Unter dem fast zärtlich anmutenden Titel „Die Christos unter den Insekten“ (in Anspielung auf den vor wenigen Tagen verstorbenen Verpackungskünstler) hat NABU NRW im Jahr 2014 einen schönen und informativen Artikel über die Gespinstmotte ins Netz gestellt. https://nrw.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insekten/gespinstmotten/index.html

Ich hatte der Nippeser Gespinstmotte, die im Grünstreifen unterhalb der S-Bahn-Trasse aktiv ist, vor genau einem Jahr ein Elfchen gewidmet: https://stellwerk60.com/2019/06/01/elfchen-im-sechsten-raupe-nimmerallein/ Auch wenn die Gespinstmotte „ungiftig“ ist, sollten wir ihr vermehrtes Vorkommen ernst nehmen, denn es ist eine Folge der durch Menschen verursachten, fortschreitenden Klimakatastrophe, die man beschönigend „Klimawandel“ nennt.

Befremden sollten uns die Tierchen nicht. Wie die Gespinstmotte ist auch der Eichenprozessionsspinner kein „Alien“, der erst im Zuge des internationalen Luftverkehrs zu uns gekommen ist. Seine Raupen sind hier heimisch, es gibt sie vielleicht schon (fast) so lange, wie es Eichen gibt. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hat dem Insekt im Jahr 1758 den wohlklingenden botanischen Namen Thaumetopoea processionea gegeben. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners kommen nur auf Eichen vor. So können wir sie erkennen und von „harmloseren“ Schmetterlingstierchen unterscheiden. Eichenprozessionsspinner lieben die Trockenheit. Sie meiden dichte, feuchte Eichenwälder und bevorzugen lichte Eichenwälder und Einzelbäume am Waldrand. Da sich die Raupen des Eichenprozessionsspinners tatsächlich nur auf Eichen tummeln, ist eine Schlagzeile wie „Gefährliche Raupe: Der Eichenprozessionsspinner frisst sich durch Bielefeld“ reichlich übertrieben. https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/22796945_Diese-gefaehrliche-Raupe-bereitet-sich-massiv-in-Bielefeld-aus.html

Auch vor über hundert Jahren dürften sich Menschen an ihren Härchen verbrannt haben. Und wer sich nach Tagen der Trockenheit draußen aufhielt, von einem Gewitter überrascht wurde und unter einem Baum Schutz suchte, den hat vielleicht nicht der Blitz erwischt, aber ein kleines lästiges Tierchen. So wäre endlich das Rätsel einer alten deutschen Redensart gelöst, die uns erklärt, wo man bei einem Gewitter Schutz suchen soll und wo besser nicht: „Buchen sollst du suchen, vor Eichen sollst du weichen.“

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Titelblatt des Kölner Stadtanzeigers von vorgestern, 4.Juni. Pfingsten dürfte es auch am Rhein rappelvoll gewesen sein. Vermutlich war das Ordnungsamt machtlos, denn der „Sicherheitsabstand“ ist gewiss kaum irgendwo eingehalten worden. Die Schlagzeile „Unterschätzte Gefahr“ ist irreführend, weil jeder „Corona“ assoziiert.  Im Artikel wird jedoch darüber berichtet, wie am Pfingstsonntag an der „Rodenkirchener Riviera“ ein etwa sechs Jahre altes Mädchen beinahe ertrunken wäre, aber von einer beherzten Frau gerettet wurde.             Der Artikel hat einen tadelnden Unterton: „Am Ufer kühlen sich hunderte Menschen ab, halten die Füße in den Fluss, oder gehen mit dem ganzen Körper ins Wasser“. Ich frage mich: Ist das so schlimm? Für den Autor des Artikel schon. Jedes „Betreten“ des Rheins,  so wird suggeriert, ist lebensgefährlich. (Dabei plantschen die Personen auf dem Foto im Innenteil nur, und man sieht kleine Kinder ausschließlich in Begleitung von Erwachsenen). Wirklich geschützt, so sollen wir denken, ist man nur im Hochsicherheits-Freibad.                           An der Stelle, wo das Cover-Foto aufgenommen wurde, würde ich übrigens niemals weit ins Wasser gehen. Denn hier, in unmittelbarer Nähe der Rodenkirchener Brücke, ist das Schwimmen tatsächlich lebensgefährlich. Doch im Kölner Norden, zwischen Cranach-Wäldchen und Niehler Hafen, gibt es sandige Buchten, wo sich das Wasser so staut, dass Eltern ihre Kinder (beaufsichtigt) plantschen lassen können. Dennoch sollte man aufpassen, dass die Kinder nicht zu viel Wasser schlucken. Zwar gibt es mittlerweile viel mehr Kläranlagen als noch vor dreißig Jahren, was der Sandoz-Katastrophe von 1986 geschuldet ist, aber umso mehr Mikroverunreinigungen durch Medikamente, synthetische Hormone („Pille“) und Insektizide.  „Wenn das Wasser im Rhein goldener Wein wär….“ na ja. Trotz alledem ist es für Kinder schön, in der Nähe dieses imposanten Flusses aufzuwachsen. Meine Schwiegermutter Cläre, Jahrgang 1931, eine gebürtige Kölnerin, hat als Kind im Rhein Schwimmen gelernt und bestimmt viel Rheinwasser geschluckt- und war vielleicht deshalb noch im Alter eine leidenschaftliche Schwimmerin.

 

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September 2019: Der schöne Mann fährt, wie er mir erzählte, wenn er Zeit hat und das Wetter gut ist, jeden Tag mit dem Fahrrad zum Rhein, seit Jahren immer an die selbe Stelle, die er gut kennt. Er ist ein sicherer Schwimmer und weiß genau, wo gefährliche Strömungen sind.

Eine Begegnung mit der Frau Keuner: „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten“

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Freu Keuner.

Gerade versuche ich, möglicht geräuscharm ein paar leere Weinflaschen zu entsorgen, da taucht auf der gegenüberliegenden Seite des Glascontainers das verdötschte Gesicht von der Frau Keuner auf. Nicht gut, wenn man verkatert ist. Schon gar nicht, wenn man auf dem Wochenmarkt ist und vorhat, am Tag vor Himmelfahrt schnell noch Spargel einzukaufen – unbeobachtet.

„Tschuldigung“, sage ich. „Ich bin total verkatert, aber nicht vom Alkohol. Gestern bin ich seit Monaten mal wieder Auto gefahren, weil ich in Hannover was abholen musste. Autobahn ist ja nur dann erträglich, wenn man Radio hören kann. Vor allem abends und in der Nacht. Ich mach also das Radio an, drück auf meinen Lieblingssender WDR5, aber das hört sich irgendwie falsch an. Da gab’s nicht die Wiederholungen vom Vortag. Ganz anderer Sound. Ich drück auf Deutschlandfunk, das gleiche Programm. Die anderen Knöpfe, überall. Ich dachte, das Radio ist kaputt, aber das war es nicht.  Für eine Stunde geht so was noch, aber da wurden über Stunden immer dieselben Nachrichten gesendet. Es ging nur um Corona. Keine Werbung, keine Musik, nur Corona. Furchtbar. Du hörst Radio und wirst in eine Art Wiederholungsschleife reingezogen, in der wir sowieso alle sind. Und das auf der Autobahn. Wie ein Sprung in der Schallpatte, die du eh schon gar nicht mehr anhören willst.“

Die Keuner grinst: „So schnell geht dat. Der Spaß nennt sich ARD-Infonacht. Die Sender sind jetzt abends gleichgeschaltet. Aber lenk bitte nicht ab. Du gehörst also auch zu den Leuten, die bei Corona noch mehr saufen als sonst. Mit Wein und Schnaps werden jetzt gute Geschäfte gemacht. Aber ich sach dir, erst recht mit Zigaretten. Da erzählt irgendein Experte den Leuten, wie gefährlich das Rauchen für den Verlauf einer Corona-Infektion ist, schon sind die Leute so frustriert, dass sie noch mehr rauchen. Wäre der Jens Spahn ein Menschenfreud, würde er jetzt endlich dafür sorgen, dass man den Tabak in kleinen Mengen verkauft. Und dass man den Ekelaufdruck abschafft, der den Leuten eh schon Angst macht. Ich sach dir, die Corona-Panik hat den Tabakverkauf so wat von angekurbelt.“

Seltsame Situation. Wir stehen immmer noch am Rand vom Markt, der Container ist zwischen uns und sichert einen gewissen Sicherheitsabstand, was ja nicht unbedingt schlecht ist. Die Frau Keuner redet weiter: „Ein Weinladen ist nämlich systemrelevant. Hömma, als ich vor ein paar Wochen im Kleefisch war, da hieß es noch, dass der französische Wein nicht geliefert werden kann, weil die LKW-Fahrer nicht mehr da sind. Die osteuropäischen Arbeitskräfte sind ja die einzigen, die den Knochenjob noch machen, aber die wollen in der Krise natürlich auch nach Hause zu ihren Familien. Ich denke mal, die haben die Leute dann ganz schnell zurückgepfiffen. Und woher hast du deinen Wein?“

„Was soll ich denn machen?“, jammere ich.

„Und ich wette, du willst gerade Spargel einkaufen. Was glaubst du, wer den gestochen hat? Hömma, du bist sowat von blauäugig. Und weißt du, was ich unerträglich und undemokratisch finde?“

„Nein?“

„Ich sag es dir“, sagt die Frau Keuner. „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten.“

„Wie bitte!?“

Die Keuner nickt. „Du kennst doch die Litfassäule an der Kempener Straße, die eine, die sich dreht, vor Fußgängern, Radfahrern, vor Autofahrern. Da klebt seit ein paar Wochen hinter Glas eine ausgeklügelte, wind- und wettergeschützte Werbung von der Bild-Zeitung für die Bild-Zeitung, aber gleichzeitig ist das Werbung für den Corona-Kurs der Bundesregierung. Da wird die gleiche Sprache gesprochen wie in den Ansprachen von Angela Merkel. Moderne Politiker lassen sich von Werbepsychologen beraten. Und wer bezahlt den Quatsch? Wir.“

„Das ist eine Verschwörungstheorie“, sage ich und muss mich räuspern.

Man kennt sich, man hilft sich“, sagt die Frau Keuner. „Das hat der Konrad Adenauer ja so schön mehrdeutig gesagt. Der war wenigstens ehrlich. Du zitierst den Spruch doch  selber so gerne. Trinkpause!“

Die Frau Keuner greift sich die Flasche Mineralwasser aus dem Körbchen und trinkt einen Schluck. Sie setzt die Flasche ab: „Dass ich dir nichts anbiete, liegt nicht an Corona. Aber ich will nicht, dass du an meiner Pulle löllerst. Aber du erinnerst dich vielleicht. Da war doch direkt neben Krankenschwester Manuela das Plakat von Doc Morris, und an der Stelle, wo die Werbung für das E-Rezept war, klebt jetzt der LKW-Fahrer Reinhold. Der Reinhold ist ein treudeutscher LKW-Fahrer. Der guckt nicht zu uns wie die Manuela, sondern in die Ferne. Der Reinhold ist nicht frisch rasiert, wirkt aber frisch gewaschen. Der hat hellwache Augen, Verantwortungsgefühl, der knackt nicht weg. Trinkpause!“

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“ Reinhold, LKW-Fahrer“

Die Frau Keuner nimmt einen Schluck und redet dann weiter: „Der Plakat-Reinhold ist ein ganz lieber, gutmütiger Typ, ein bisschen wie Lukas der Lokomotivfahrer. Und wie Lukas der Lokomotivführer hat auch Reinhold der LKW-Fahrer ein Halstuch um. Die Werbepsychologen haben da die Abbildungen aus Büchern und Filmen studiert, die wir alle im Hinterkopf haben. Wir alle lieben das wunderschöne Kinderbuch von Michael Ende: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Das einzige, was dem Reinhold fehlt, ist die Pfeife im Mund. Ein Lokomotivführer einer altmodischen Dampflok kann sich eine Pfeife leisten, aber ein moderner LKW-Fahrer nicht. Trinkpause!“

Die Frau Keuner nimmt noch einen Schluck und redet dann weiter: „Dafür hat der Reinhold einen kleinen Ring im Ohr. Ohne dass es uns bewusst ist, erinnert uns der Reinhold an unseren ersten Teddy. Und der Teddybär unter den Teddybären, der klassische Teddybär ist der Steiff-Teddybär, der hatte keinen Ring, aber einen Knopf im Ohr. Die Steiff-Tiere haben den Knopf im linken Ohr. Der Reinhold hat den Knopf im rechten Ohr. Angeblich tragen homosexuelle Männer den Ohrring immer im rechten Ohr. Dat is ein kleiner Gruß an Jens Spahn, sach ich dir… Und hömma, an wen denkst du, wenn du den Namen Reinhold hörst?“

„An meinen Vetter“, sage ich. „Den haben sie damals nicht gemustert, weil das Kreiswehrersatzamt dachte, dass der Reinhold ein Mädchenname ist. So wie Reinhild.“

Die Frau Keuner schüttelt den Kopf. „Du sollst an den Reinhold Messner denken, den Südtiroler Bergsteiger. Für alle, die jeden Weg auf sich nehmen, so einer ist der Messner doch auch. Und der Messner tut doch auch so, als wenn es toll wär, sich mutterseelenallein auf den Weg zu machen. Der einsame Held, hömma, das ist vielleicht angenehm, wenn man die frische Bergluft einatmen kann, aber dat is sowat von scheiße, da in der miefigen Fahrerkabine eingeklemmt zu sein. Und der Messner hat bestimmt niemals auf dem Parkplatz von der Autobahnraststäte übernachtet. Und überhaupt…“

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Reinhold Messner im aktuellen ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“ Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler. Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Wir sind der Natur weder unter-  noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr. Horst Stern, Wissenschaftsjournalist, Mitgründer der Umweltschutzorganisation BUND und Herausgeber der Zeitschrift Natur, schrieb in seinem ersten Editorial 1980:                                                                                                                      „Wir sind als Art biologisch unentrinnbar ein Teil der Natur – lebend an ihr Leben, leidend an ihr Leiden, sterbend an ihr Sterben gebunden.“

„Ich will dich nicht unterbrechen“, sage ich. „Aber ich muss jetzt wirklich los, ich wollte noch auf den Markt.“ Wir stehen uns immer noch gegenüber.

„Gute Idee“, sagt die Frau Keuner. „Wollte ich auch, ich komm mit. Bissken langsam mit dem Gehwagen, aber wird schon klappen. Ich muss mir wat Neues aus der Wühltheke angeln, ich brauch mal wat Frisches, und da stehen die Leute dicht an dicht, so wie immer. Is so schön, und manchmal stößt man beim Grabbeln an eine fremde Hand, auch schön, so wie immer. Abstand halten geht auf dem Markt nicht. Außerdem wollte ich immer schon wissen, was du für eine Schutzmaske hast. Zeig mal.“ Ich hole das Teil aus der Tasche und spanne es hinters Ohr.

Jetzt endlich lacht die Frau Keuner: „Hömma, du hast ja auch die Fehlkonstruktion mit den Domspitzen. Tut mir leid, jetzt komm ich nah an dich ran, die Masken sind so dickstoffig, dass man laut reden muss. Da hat man nicht nur Spuckschutz, sondern auch Schallschutz. Die gleiche! Du warst dat also… Hömma, die haben mir in der Mauenheimer Straße gesagt, die Maske ist noch mal bestellt, von einer Dame. Du bist doch keine Dame. Aber das ist gut, wenn wir die gleiche Maske aufhaben, halten uns die Leute für Mutter und Tochter.“

„Und wer von uns beiden ist dann die Mutter?“, frage ich die Frau Keuner.

„Na, wer schon, Mutti.

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Lächelnder Abstandhalte-Smiley mit Frau auf der einen Seite (rechtes „Auge“) und Mann auf der anderen (linkes „Auge“). Es liest sich so, als sollten die Geschlechter einen Sicherheitsabstand voneinander einhalten. So ist das hier gewiss nicht gemeint. Mein Vorschlag an die Stadt Köln: Man sollte in der nächsten Sylvesternacht rundum den Hauptbahnhof lächelnde Pappkameraden aufstellen.

„Corona ist Blöt“ – was die Politik Schulkindern zumutet

Nachbarskind Lena* geht in die vierte Klasse der Nippeser Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße. Im Sommer wird sie aufs Hansa-Gymnasium in der Innenstadt wechseln, das bereits ihr älterer Bruder besucht. Viel lieber wäre Lena mit ihren Freundinnen auf das Nippeser Leonardo-Da-Vinci-Gymnasium gegangen, aber eine Anmeldung dort wäre riskant gewesen.

Denn bei der Vergabe von Schulplätzen gibt es eine Abstandsregelung, die mit den aktuellen Corona-Abstandregelungen wenig zu tun hat, aber ähnlich lebensfern ist. Man misst den Abstand zwischen Wohnung und Schule. Anders als ihre Freundinnen, die nur einen knappen Kilometer weit weg von der Schule wohnen, hätte Lena einen Schulweg von etwa 1,2 Kilometern. Weil das 400 oder 300 Meter zu weit ist, stehen ihre Chancen schlecht. Und würde sie am Leonardo-Da-Vinci nicht angenommen, verlöre sie den Geschwister-Bonus fürs Hansa. In einer Pressemitteilung der Stadt Köln vom 14.4.2020 heißt es: „92 Prozent aller Kölner Viertklässler wechseln somit zum neuen Schuljahr an das Gymnasium ihrer ersten Wahl.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21724/index.html Das hört sich schön an, aber es stimmt nur für das, was auf dem Papier steht, denn das „Gymnasium der ersten Wahl“ ist -wie bei Lena- oft schon ein Kompromiss.

Dass das sture Befolgen einer Abstandsregelung über die schulische Zukunft eines Kindes entscheidet, ist eine Zumutung. Wie so oft müssen Kinder die Fehler der Erwachsenen ausbaden. Als die autofreie Siedlung Stellwerk 60 und eine noch größere Nachbarsiedlung gebaut wurden, hatte es die Stadt Köln versäumt, sich um neue Kindergarten- und Schulplätze zu kümmern, so dass selbst Grundschulkinder auf Nachbarstadtteile ausweichen mussten. Insbesondere in Köln-Nippes ist die Lage nach wie vor angespannt, was sich durch die Bebauung des Clouth-Geländes noch weiter zugespitzt hat.

Immerhin wird es Lena vergönnt sein, bis zum Abitur noch neun hoffentlich „komfortable“ Schuljahre vor sich zu haben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (drei von 625 Gymnasien, wie ich lese) sind zum Schuljahr 2019/2020 alle Gymnasien im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland NRW zu G9 (d.h. dem Abitur nach neun Jahren auf der weiterführenden Schule) zurückgekehrt. Das ist gut so und war längst überfällig. Dennoch gibt es nach wie vor G8-Hardliner wie den Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, der in einem Interview sagt: „Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Die Politik ist vor dem Bürgertum eingeknickt – ohne wissenschaftliche Belege für das, was in der Debatte immer behauptet wird.“ https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/nrw-kehrt-zu-g9-zurueck-die-politik-ist-vor-dem-buergertum-eingeknickt-a-1283907.html

Doch es ist anders. Die Politik ist nicht eingeknickt, sondern man hat endlich eingesehen, dass G8 nicht der richtige Weg war. Hauptleidtragende waren in den letzten 15 Jahren (und werden es noch einige Jahre sein) diejenigen, die die Fehlentscheidung annehmen und mit ihr leben und arbeiten mussten: Kinder und Lehrer, aber auch die Eltern. Ich persönlich musste miterleben, wie meine beiden G8-Töchter ihre Köpfe mit viel zu viel überflüssigem Wissen vollpumpen und Nachtschichten einlegen mussten, um das ohnehin fragwürdige Zentralabitur gut zu packen. Bildung in einem umfassenden Sinn blieb dabei vollkommen auf der Strecke.

Schamlos finde ich, dass man, anstatt sich für den großen Fehler zu entschuldigen, uns Bürgern auch noch die Kosten, die das bildungspolitische Chaos verursacht hat,  vorrechnet. Noch einmal Olaf Köller:  „Bundesweit dürften die Kosten im Milliardenbereich liegen. Und sie sind mit der Umstellung zurück auf G9 noch nicht behoben: Wir werden demnächst Jahrgänge haben, in denen es wegen der Verlängerung keine Abiturienten gibt. Auch das verursacht noch einmal erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.“ (s.o.)

Schon im Jahr 2005, als G8 unter einer rot-grünen Landesregierung eingeführt wurde,  hatten Lehrer und Eltern immer wieder ihre Bedenken geäußert. Ich erinnere mich an ein Party-Gespräch mit Barbara, einer Lehrerin, die damals sagte, dass das dreizehnte Jahr als allmählicher Ausklang besonders wichtig sei. In diesem dreizehnten Jahr, so Barbara, machten die jungen Menschen noch einmal einen großen Entwicklungssprung – hin zur „Reife“.

 

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Ein Kind hat einen Zettel aufgehängt: „Corona ist blöt!“… Vor allem in der Grundschule hat es in den vergangenen Jahrzehnten sinnvolle Reformen gegeben. Eine davon ist das Schreibenlernen nach Gehör. Das fördert das Sprachgefühl. Kinder beginnen schon früh, kleine (oft ausdrucksvolle) Texte zu schreiben. Wichtig ist, dass die Kinder keine Angst haben müssen, Fehler zu machen. Wenn Eltern die ersten „Texte“ ihrer Kinder sehen, sind sie oft erschrocken: Wird mein Kind jemals ordentlich schreiben können? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es wird.

 

„Man mus mazn schuz tagen“, lese ich. Ja, man muss. Ich habe so oft in den letzten Wochen mitbekommen, wie sich Kinder (meistens im Eingangsbereich irgendwelcher Einkaufsläden) schreiend dagegen gewehrt haben, einen „Mund-Nasenschutz“ anzuziehen. Kinder maskieren sich gerne, aber nicht auf Befehl.

Die sogenannten „Lockerungen“ sind keine, denn sie haben die krampfhafteste Zwangsmaßnahme überhaupt erst mit sich gebracht: Die Maskenpflicht. Es soll uns ins Gesicht geschrieben stehen, dass wir zum Vorgehen der Bundesregierung Ja! sagen. Wir müssen uns ducken, wollen wir was zu essen kriegen. Wir parieren, wir ziehen uns dieses Jawoll! im wahrsten Sinne des Wortes an.

Nie hätte ich für möglich gehalten, was die Politik derzeit den Schulkindern zumutet. Für mich ist der offizielle Beschluss, dass die Maske zur „Grundausstattung“ aller Schulkinder gehört, die autoritärste pädagogische Maßnahme, die ich jemals erlebt habe, denn sie duldet keinen Widerspruch, wird als „Schutzmaßnahme“ verkauft und erfasst ohne Ausnahme alle. Und dabei ist der Zwang zur Maske nicht nur überzogen, sondern unvernünftig, denn anders als etwa die Schweinegrippe, an der vor allem jüngere Menschen schwer erkrankt und auch einige Kinder (vor allem Babys) gestorben sind, ist das Corona-Virus, wie wir längst begriffen haben sollten, für Kinder ungefährlich.

Doch die Behörden bleiben hart. Engherzig und knickrig verhält sich unsere „verarmte“ Kommune, die nicht einmal kostenlose Masken für alle bereit stellt.

….. Hinsichtlich der Schutzmasken hat sich der Krisenstab der Stadt Köln heute den aktuellen Positionen des Städtetages NRW angeschlossen. Seit dem 4. Mai 2020 gehört eine Mund-Nasen-Bedeckung zur Grundausstattung aller Schülerinnen und Schüler. Für die Grundausstattung tragen die Erziehungsberechtigten die Verantwortung. Die seit 27. April 2020 bestehende Verpflichtung, bei Einkäufen sowie der Nutzung des ÖPNV eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, stellt bereits eine Verpflichtung zur Beschaffung und Nutzung dar. Es besteht aber nur dann eine generelle Maskenpflicht in der Schule, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Ob Schülerinnen und Schüler auf dem Schulgelände und in Klassenzimmern eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen müssen, entscheidet die jeweilige Schulleitunghttps://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21778/index.html

Aber wie können Lehrerinnen und Lehrer unter diesen Bedingungen überhaupt noch unterrichten? Der Konflikt wird auf die Schulen abgewälzt. Und wieder einmal arbeitet die Politik mit Misstrauen und Drohungen: Wird der Mindestabstand nicht „freiwillig“ eingehalten, verdonnert man die ganze Schule zur Maskenpflicht.

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass der Vater einer Schulfreundin meiner Tochter Carla an Corona, wie es hieß, gestorben ist. Er war noch keine fünfzig Jahre alt, litt aber an einer schweren Diabetes. Ich bin ihm nie begegnet.

Erwachsene mit Diabetes sind gefährdet. Doch wie ist es um die Schulkinder bestellt, die Diabetes haben? Dürfen sie jetzt, so wie die anderen Kinder, wenigstens an einzelnen Tagen zur Schule? Auf die Grundschule Steinbergerstraße gehen (und gingen) auch Kinder, die an Diabetes Typ 1 erkrankt sind. Ich weiß das, weil unser Wahllokal (fast immer) ein Klassenzimmer dieser Schule ist. Wenn wir zur Wahl gegangen sind, sind mir wiederholt Aushänge aufgefallen, die die Mitschülerinnen und Mitschüler informieren und um Rücksichtsnahme und Aufmerksamkeit bitten.

In den allermeisten Schulen sind Kinder  mit Diabetes „willkommen“. In Thüringen jedoch, so lese ich, sollten Kinder mit Diabetes Typ 1 nicht zur Schule gehen, weil sie zur Gruppe der Vorerkrankten gehören. Man orientierte sich dabei an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), das alle Diabetiker pauschal als gefährdet einstuft..

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat Ende April direkt Alarm geschlagen. Sie warnte vor einer Ausgrenzung dieser Kinder: „Aus kinderdiabetologischer Sicht spricht also nichts dagegen, dass im Zuge der aktuell geplanten Schulöffnungen auch die hierzulande rund 30.000 Kinder und Jugendlichen mit Diabetes die Schule besuchen“, bilanziert DDG Vizepräsident Professor Dr. med. Andreas Neu aus Tübingen den aktuellen medizinischen Wissensstand. Er verweist auf die Stellungnahme der AG Pädiatrische Diabetologie (AGPD), die hierzu die aktuellsten Informationen zusammengetragen hat.[1] Diese basiert auf einer Datensammlung der International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) aus der bislang keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes abgeleitet werden könnten.“ u.a.: https://www.diabetologie-online.de/a/schuloeffnungen-ddg-kinder-mit-diabetes-nicht-pauschal-vom-unterricht-ausschliessen-2154989

Doch warum hat das Robert-Koch-Institut (RKI) keine Entwarnung gegeben, was den Schulbesuch der betroffenen Kinder angeht? Warum unterscheidet man im Zusammenhang mit Corona nicht zwischen an Diabetes erkrankten älteren Erwachsenen und Kindern? Ich sehe hierin ein Versäumnis, das nicht nur inhuman, sondern inakzeptabel ist und ein Nachspiel haben müsste.

In der autofreien Siedlung standen in den letzten Wochen überall Verschenke-Kisten herum. Neuerdings veranstalten die Kinder auch endlich wieder private Flohmärkte, die hier bei gutem Wetter (und in „Friedenszeiten“) alltäglich sind.

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Kinder-Flohmarkt: „Alles desinfiziert“

Zum Glück roch es rund um den Stand nicht nach Desinfektionsmitteln, sondern nach frischen Waffeln!

 

*Name geändert

Als die Menschen im Dom-Gottesdienst die Masken abnahmen…

In Italien müssen alle steuerpflichtigen Bürgerinnen und Bürger eine Kirchen- bzw. Kultursteuer bezahlen, denn von ihrer Einkommenssteuer zieht der Staat 8 ‰ direkt ein.  Immerhin kann man auf der Steuererklärung angeben, welcher Religionsgemeinschaft das Geld zufließen soll, man kann auch sagen, dass es dem Staat zugute kommen oder für soziale Zwecke verwendet werden möge, aber der Großteil des Geldes landet Jahr für Jahr bei der katholischen Kirche.

Anders als die Deutschen können sich die Italiener also nicht durch einen Kirchenaustritt von der Kirchensteuer befreien. Katholiken, die aus der Kirche austreten, müssen sich aus dem Taufregister löschen lassen. Aber wer macht das schon? Es ist, als würde man einen Teil der eigenen Geschichte auslöschen.

In einem erhellenden Artikel zu Italien aus dem Jahr 2008 lese ich: „97 Prozent der Bevölkerung ist katholisch getauft, aber nur 21 Prozent der Italiener gehen noch regelmäßig in die Kirche. Kathedralen und Basiliken verwaisen zusehends.“ https://www.deutschlandfunk.de/leere-kirchen-volle-kassen.795.de.html?dram:article_id=117563

Aktuell sind zwar immer noch rund 80% der Italiener Katholiken, aber das sind schon weniger als noch vor 12 Jahren. Heißt das, dass die italienischen Kinder nicht mehr getauft werden? 80% ist immer noch eine stolze Zahl, aber sie spiegelt nicht die Realität wieder, denn die Kirchen sind leer. So nutzt auch die die italienische katholische Kirche die Corona-Krise dafür, die Werbetrommel zu schlagen. Wie in Deutschland waren (und sind bis zum 18. Mai) in ganz Italien öffentliche Gottesdienste verboten.

Um nicht noch weitere Gläubige zu verlieren, übertrug die Kirche nicht irgendwelche Gottesdienste, sondern die täglichen Frühmessen des Papstes in der vatikanischen Residenz Santa Marta live über katholische Internet- und TV-Kanäle. Eine schlaue Idee: Der Papst ist ja kein gewöhnlicher Geistlicher, sondern gilt für die Katholiken als Stellvertreter Christi auf Erden.

Zunächst war das Interesse an den Übertragungen gering, doch nachdem ab Ende März der öffentlich-rechtliche Sender Rai 1 die Messe austrahlte, entwickelte sich der Gottesdient zum Quoten-Hit. „Steigende Todeszahlen sowie immer striktere Schutzmaßnahmen der Regierung in Rom ließen das Interesse an den tröstenden Worten des Kirchenoberhaupts schnell wachsen. Franziskus nutzte die Chance. Einmal mehr bewies er Volksnähe und nahm die Sorgen von Millionen Menschen in seinen Gebetsintentionen auf. Er würdigte den aufopferungsvollen Einsatz von Pflegern, Ärzten, Politikern und Seelsorgern. Vor allem den unter den Einschränkungen leidenden Familien sprach er immer wieder Mut zu.https://religion.orf.at/stories/3002453/

Paolo Rodari, Chef vom Sender TV2000, der von der italienischen Bischofskonferenz unterhalten wird und ebenfalls die Frühmessen ausstrahlt, „sieht in den  hohen Einschaltquoten ein Indiz für einen „spirituellen Notstand“.“   https://religion.orf.at/stories/3002453/

Fernsehen und Internet machten nicht einmal halt vor der Live-Übertragung  des Blutwunders des Stadtheiligen Januarius (italienisch Gennaro), das sich -wie erwartet- am 2. Mai termingerecht in Neapel ereignete. „Während einer nicht-öffentlichen Zeremonie in der Kathedrale mit Kardinal Crescenzio Sepe verflüssigte sich das in einer Glasampulle aufbewahrte eingetrocknete Blut des Märtyrers. Sepe sprach von einem „Zeichen der Hoffnung“ in schweren Zeiten.“ https://www.katholisch.de/artikel/25372-blutwunder-in-neapel-macht-italien-hoffnung-in-corona-krise

Das Blutwunder soll, wie ich lese, seit dem Mittelalter belegt sein. In Italien „operiert“ die katholische Kirche traditionell mit eucharistischen Wundern, die sich in ganz Italien angeblich immer wieder ereignen. In Deutschland ist das anders. Da haben vor allem die Wunder Jesu Christi eine hohe, aber eher symbolische Bedeutung. Erschreckend und erstaunlich finde ich daher, dass jetzt auch die deutsche katholische Kirche begeistert aufspringt und das Kölner Domradio einen Artikel über das Blutwunder in Neapel in roten Lettern mit „Es ist geschehen!“ untertitelt. https://www.domradio.de/themen/glaube/2020-05-03/es-ist-geschehen-blutwunder-neapel-macht-italien-hoffnung  Ich persönlich glaube zwar an Wunder, aber eben nicht unbedingt an katholische – und schon gar nicht an solche, die Jahr für Jahr feste Termine einhalten.

Aber wie steht es um den derzeitigen „spirituellen Notstand“ der Deutschen? Würden sie bei der ersten öffentlichen Sonntagsmesse am 10.12.2020 vor dem Dom Schlange stehen? Um das herauszufinden, meldete ich mich per Internet für den Früh-Gottesdienst an. Es war überhaupt  kein Problem, für die Messe um 7h noch Karten zu kriegen…

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So wird der „spirituelle Notstand“ gemanagt: Damit sich der Einlass „reibungslos vollzieht“, verteilt die katholische Kirche „Nutzungs- und Anwendungshinweise“.

 

Da der im Wetterbericht angekündigte Regen ausfiel, setzte ich mich in aller Frühe auf mein Grachtenrad und radelte via Agnesviertel und Eigelstein über sonntäglich leere Straßen die knapp vier Kilometer zum Dom.

Ich stellte mein Fahrrad unterhalb der Domplatte ab und machte mich auf den „Weg zum Dom“, gemäß der Einlasskarte mit Schutzmaske, denn…

  • Wir empfehlen Ihnen dringend, auf dem Weg zum Dom, in der Warteschlange vor dem Dom und in der Kathedrale eine Schutzmaske zu tragen.

Okay, nur: wo war die Warteschlange? Maskengeschützt betrat ich den Dom und bemerkte, dass es noch Einlasskarten gab, die an einem kleinen Tischchen verkauft wurden. Ein schutzmaskierter Mann in Kirchengewand teilte mir einen Platz in der fünften Reihe zu, der eigens für mich reserviert war. Ich saß ganz linksaußen, während man den Platz rechtsaußen einem Mann zuwies, der keinen Blickkontakt zu mir aufnahm. Unsere Bank die wir ganz für uns hatten, war die dritte belegte, weil man Reihe zwei und vier ausgespart hatte.

Ich guckte mich um, zählte durch und kam auf gerade mal 27 von 122 zugelassenen Personen. Doch was sah ich da? Als das „Vater unser“ angestimmt wurde, nahm eine Frau die Schutzmaske ab und holte tief Atem. Fast alle machten es ihr nach. Was für eine Befreiung! Wir wurden während der Messe noch einmal an die dringende Empfehlung erinnert, eine Schutzmaske zu tragen, aber das beeindruckte kaum jemand.

Beim „Kommuniongang“ wurde uns die Hostie unter einer Plexiglasscheibe hindurch gereicht. „Mundkommunikation“ war -wie angekündigt- nicht möglich. Man hielt sich an die Anweisungen der Deutschen Bischofskonferenz. Demnach „soll der Priester beim Überreichen der Hostie nicht mehr „Der Leib Christi“ sagen, und der die Hostie empfangende Messbesucher soll auf das übliche „Amen“ verzichten.“ https://www.sueddeutsche.de/panorama/kirche-gottesdienst-mit-auflagen-kein-gesang-hostie-mit-der-zange-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200426-99-837246 Nach Empfang der Hostie zog im Kölner Dom kein Mensch mehr seine Maske an.

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Selfie mit Kleinbildkamera. Der Mund- und Nasenschutz drückt mir die Ohren zusammen. An diesem Morgen sehe ich wie ein Halfjehang aus, wie die Kölner sagen.  „Nach der Definition des Rheinischen Wörterbuchs ist ein Halfjehang ein „nachlässig, halbbekleidetes Weib“, aber „auch wohl von einem Manne.“ … Heute bezeichnet man mit Halfjehang jedoch ganz allgemein einen Menschen, der keinen Wert auf gut sitzende Kleidung legt.“ https://www.genios.de/presse-archiv/artikel/GAZ/20151001/halfjehang-die-kleidung-sitzt-schie/201510012473846.html

KATHOLISCH ÖFFENTLICHE „BÜCHEREI – ON – LEINE“

Im Pfarrbüro von St. Marien hatte ich einmal eine nette Begegnung:

Im Jahr 2015 hatte sich meine Tochter Lea nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr dafür entschieden, Psychologie zu studieren. Sie musste sich bei jeder Universität einzeln bewerben und jedes Mal das Abiturzeugnis vorlegen. Manchen Unis reichte eine einfache Kopie, andere wollten eine beglaubigte haben. Von der Schule hatte meine Tochter zwei beglaubigte Kopien bekommen, die natürlich direkt aufgebraucht waren. So bot ich meiner Tochter an, im Pfarrbüro von St. Marien nachzufragen. Dort war man sehr freundlich. Die Mitarbeiterin machte noch eine Extra-Kopie, setzte den Stempel „beglaubigt“ darauf und den der Pfarrei St. Marien darunter.

Bezahlen durfte ich nichts, nicht einmal der Kirche was spenden. „Das kostet doch die jungen Menschen ein Heidengeld, wenn sie sich überall einzeln bewerben“, sagte die Frau. Nun, „Heidengeld“ sagte sie nicht, das habe ich jetzt eingefügt. Das Wort kommt mir in den Sinn, obwohl wir ja wissen, dass diejenigen, die zu viel Geld haben, nicht unbedingt Heiden sind (s. katholische Kirche). Die Universität Bremen, an der meine Tochter schließlich landete, hat die Kopie nicht angenommen. Man erwartete eine von einer öffentlichen Behörde ausgestellte Beglaubigung. Den Stempel der katholischen Kirche empfand man offensichlich als unseriös oder gar „unecht“. In Bayern wäre das nicht passiert (da passiert derzeit anderes, das weit schlimmer ist), aber Bremen ist nun mal traditionell evangelisch.

Das Haus, in dem sich das Büro befand, ist abgerissen. An der Stelle wird jetzt das „Haus der Kirche“ gebaut. Für die Zwischenzeit ist das Parrbüro in ein Gebäude in der Wilhelmstraße umgezogen, das auch die „Bücherei St. Marien“ beherbergt sowie den Arbeitskreis „Eine Welt im Veedel“ (den Nippesern wohlbekannt durch den freitäglichen Marktstand „Fairer Handel“). Die Bücherei ist zur Zeit geschlossen, aber man hatte die schöne Idee, eine Wäscheleine vors Fenster zu spannen und „Kleine Kostbarkeiten“ daran aufzuhängen.

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Aktuell lädt man Kinder dazu ein, Bilder zu malen (gelbe Kopie: „Das sehe ich aus meinem Fenster“), die eingesammelt und veröffentlicht werden sollen.

Vor zwei Wochen hatte ich mir ein Gedicht, das dort gleich doppelt hing, von der Leine genommen:

P1050788 Vor allem im Gesundheitswesen erhalten wir in den letzten Jahren vermehrt „unerwünschte Belehrungen“. Gesundheit wird zur Bürgerpflicht-  und auch der Frohsinn.

 

In der Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ gibt die DAK Verhaltensmaßregeln: „Ihr könnt euch mal ! … Freundlich grüßen. Denn Freundlichkeit im Alltag ist ansteckend und führt zu weniger Aggression und Stress. Gute Laune, guten Tag.“

Die Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ suggeriert, dass wir normalerweise ziemlich unfreundlich (ungesund) miteinander umgehen. Das mag für manche Menschen immer und für viele Menschen manchmal stimmen (auch für mich), so pauschal jedoch ist das eine böse Unterstellung. Es ist wünschenswert, dass Menschen freundlich zueinander sind, aber bitte nicht auf Befehl! Diktierte Gefühle fördern die Heuchelei. Der Zwang zur Nähe, der hier so locker-lässig daherkommt, führt eher dazu, dass wir uns noch mehr voneinander entfernen.

In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.

 

Coronoia lässt die Kassen klüngeln: Der FC Köln erklärt dem Erzbistum, wie man Tickets verkloppt

„Man kennt sich, man hilft sich.“ (Konrad Adenauer)

Wir erleben sogenannte „Lockerungen“, aber was bleibt und durch die Maskenpflicht noch verschärft wird, ist der „Sicherheitsabstand“. Die Kinos, die davon leben, dass die Menschen dicht an dicht sitzen, bleiben weiterhin geschlossen. Nach wie vor darf nur ins Kino, wer bereit ist, in einer Blechkiste vorzufahren und darin sitzen zu bleiben. Im Autokino soll man zwar, sobald das Fahrzeug steht, die Sicherheitsgurte ablegen, man darf die Fenster öffnen, aber damit endet auch schon die Bewegungsfreiheit.

Derzeit werden in ganz Deutschland (bis auf Bayern, wo sogar die Autokinos geschlossen sind) neue, oftmals mobile Autokinos eröffnet. Auch wenn sich die Betreiber die Hände reiben, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Denn es werden keine neuen Filme gezeigt, obwohl die längst abgedreht und vorab gezeigt worden sind. Damit aber diese neuen Filme in die Kinos kommen, müssen die klassischen Kinos wieder geöffnet werden. Das lohnt sich aber nur, wenn die Säle voll sind, was aber nur dann gewährleistet ist, wenn die Menschen keinen Sicherheitsabstand einhalten müssen.

Die Kirchen haben ein ganz ähnliches Problem wie die Autokinos: Keine neuen Impulse. Der Run auf die Gottesdienste wird schnell abflauen. Immerhin braucht man seit dem 1. Mai nicht mehr ins Internet oder -wie bei den Oster-Gottesdiensten- ins Autokino, um eine Messe zu besuchen. Auch im Kölner Dom werden am Muttertag endlich wieder öffentliche Sonntags-Messen stattfinden – unter besonderen Auflagen.

Der Kölner Dom ist ja nicht irgendeine Kirche, sondern das kölnische Aushängeschild. Als Weltkulturerbe-Stätte und Deutschlands größte Kathedrale ist der Dom eine Kirche der Superlative. Nach Fertigstellung im Jahr 1880 hatte der Kölner Dom im Wettkampf um das höchste Gebäude der Welt die Turmspitzen mit 157 m am weitesten oben. Jedes Kölner Schulkind (das klettern kann, denn es gibt keinen Aufzug) erklimmt irgendwann die 533 Stufen, die zur Besucherplattform (97 m) hoch führen.

Am letzten Sontag gab es im Dom nach sechs Wochen wieder einen Gottesdienst, aber nicht für alle Kölner, sondern ausschließlich für „Mitarbeiter des Doms, Sänger, Lektoren und Messdiener sowie einige Pressevertreter.“ Man wollte, so hieß es, den Normalfall üben. Das Fazit der Übung: Zur öffentlichen Messe zugelassen sein werden immer nur 122 Personen, und auch nur dann, wenn sie einen Mundschutz tragen und den Sicherheitsabstand einhalten. https://www.sueddeutsche.de/panorama/gottesdienst-koelner-dom-coronakrise-1.4895447  Ich fand leider nirgendwo eine Anwort auf meine Frage, wie man das Kollekte-Problem lösen wird. Gibt es weiterhin nur einen digitalen Klingelbeutel?

Gestern kam ich gegen 19.30 vom Einkaufen zurück und radelte wie fast jeden Tag an St. Marien vorbei. Doch was sah ich? Vor der Kirche standen Liegestühle, zwei Einzel- und ein Doppelsitzer waren mit entsprechendem Sicherheitsabstand höchst einladend platziert. Menschen hatten sich in die Stühle gefläzt, die Hosen hochgekrempelt, Pulle Bier dabei. Richtig schön. Was war los? Hat der Katholische Kirchenverband Bilderstöckchen-Nippes den Vorplatz der Kirche zum Beach-Club erklärt?

 

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Die Auflösung: Das angrenzende Café Rosenrot hat die Liegestühle vor die Kirche gestellt, um den Menschen, die Essen bestellen, die Wartezeit zu versüßen. Diese beiden sehr freundlichen und gut gestimmten Nippeser Mitbürger waren mit dem Fotografiertwerden direkt einverstanden…. Im Hintergrund wird am „Haus der Kirche“ emsig weiter gearbeitet. „Haus der Kirche“ klingt, als stünden das Gebäude insbesondere der Gemeinde zur Verfügung. Aber so ist es nicht. Hierzu mehr im stets informativen Nippes-Magazin  (früher „Für Nippes“) http://veedelmedia.de/flip-pdf/fuer-nippes_2015-2

 

Für die Messen am Sonntag oder die Abendmesse am Samstag konnte man sich ab Mittwoch Karten reservieren lassen. Die Zugangskarten sind kostenlos, aber nicht übertragbar. Hatten wie das nicht schon mal? Ich denke da an die Gottesdienste im Autokino.

Hilfe bei der Reservierung bekommt die Katholische Kirche vom 1.FC Köln, der derzeit ebenfalls Einnahmeeinbußen zu verkraften hat. Für die Reservierungen benutzt die Kirche genau das Computersystem, das der Fußballclub 1. FC Köln für seine Fan-Kommunikation verwendet. „Der Verein hat deshalb Unterstützung bei der Schulung von Mitarbeitern der Pastoralbüros angeboten“, heißt es auf erzbistum-koeln.de  Generalvikar Dr. Markus Hofmann: „Wir sind dem 1. FC Köln sehr dankbar…  Das ist ein schönes Zeichen der Verbundenheit.“ Alexander Wehrle , Geschäftsführer des 1. FC Köln, sagt„Wir haben dem Erzbistum sehr gerne mit unserer Erfahrung geholfen. Als Club der Stadt stehen wir zu Köln und seinen Bürgern und natürlich auch zu den Kirchen. Wenn wir etwas dazu beitragen konnten, dass Menschen in unserer Stadt trotz der Einschränkungen der Corona-Krise ihren Glauben leben und ausüben können, freut uns das sehr“,

So wäscht eine Hand die andere – aus Hygienegründen natürlich  rein digital.

Den Hinweis auf das schöne Adenauer Zitat verdanke ich einem Artikel von Ertay Harif, in dem der Kölsche Klüngel anschaulich (und in seiner Ambivalenz!) beschrieben wird. https://koeln-magazin.info/kluengel0.html

Der Nächste, bitte!

Die Beklommmenheit in der Arztpraxis: Angstvoll, wie in einer Art abgefederter Schockstarre in einem Wartezimmer sitzen und auf etwas warten, das man eigentlich nicht haben will, in der stillen Hoffnung, dass der Zahnarzt, kurz bevor man aufgerufen wird, zusammenbricht, wissend, dass der vereiterte Backenzahn dann erst recht keine Ruhe gibt – dieses Unbehagen, das wir alle kennen, konnte niemand so gut beschreiben wie der Österreicher Ernst Jandl.

 

Ernst Jandl:

fünfter sein

tür auf
einer raus
einer rein

vierter sein

tür auf
einer raus
einer rein

dritter sein

tür auf
einer raus
einer rein

zweiter sein

tür auf
einer raus
einer rein

nächster sein

tür auf
einer raus
selber rein

tagherrdoktor

 

 

Derzeit wird uns zugemutet, tagtäglich, wenn wir Einkaufen gehen, 1 bis 2 Meter Abstand haltend in Warteschlangen zu stehen. Eine fiese Beklommenheit macht sich breit. Wir reden kaum miteinander, sondern schweigen und atmen Desinfektionsmittel ein. Die Welt wird zum Wartezimmer. In der Kölner Bäckerei Merzenich, wo morgens immer viel los ist, sagten die Verkäuferinnen bis vor kurzem: „Wer ist jetzt dran?“ Heute wird man aufgerufen mit: „Der nächste bitte.“

Aushang am DM in Köln-Nippes, Neusser Straße:

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Das brachte mich auf die Idee, einen kleines, von Ernst Jandl inspiriertes Gedicht zu schreiben: 

 

irgendwann dran

wann dran?
3 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
2 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 Kunde raus, du rein
fein

Fake News: Erzbischof Kardinal Woelki wäscht am Gründonnerstag Kölner Katholiken die Füße

 

Gründonnerstag 2020

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Jahr 2019 in Nordrhein-Westfalen sprunghaft gestiegen. Insgesamt traten, so lese ich im Internet, 120.188 Menschen aus der Kirche aus. Es dürfte sich vor allem um Katholiken handeln, denn die meisten Christen in NRW sind Katholiken, und während noch in den 1990er Jahren deutlich mehr evangelische Christen aus der Kirche austraten, sind es heutzutage vermehrt Katholiken, die der Kirche deutschlandweit den Rücken zuwenden.

In der Katholischen Kirche wundert man sich darüber, wo doch die Katholische Kirche derzeit kaum Negativ-Schlagzeilen macht. Seit dem Skandal um Tebartz van Elst sind einige Jahre vergangen. Vgl.: https://stellwerk60.com/2017/05/01/lange-nichts-gehoert-von/ Auch der noch größere Skandal, der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche, ist in den Medien kaum noch Thema. Nur keine schlafenden Hunde wecken, denken sich die Verantwortlichen in der Katholischen Kirche. Man schiebt den Skandal auf die lange Kirchenbank und versucht, ihn bürokratisch zu meistern. Hier in Köln hat man einen Betroffenen-Beirat eingerichtet, und für die Mitarbeiter der Kirche bietet man entsprechende Schulungen an.

Die Katholische Kirche wächst und wächst und wächst – allerdings nur materiell. Das Erzbistum Köln ist eine der reichsten Diözesen Deutschlands. Die Kirchensteuern sind hoch, und trotz der Kirchenaustritte wächst das Vermögen. Doch der Kirche gehen die Menschen abhanden. Wenn zur Zeit Predigten vor leeren Bänken stattfinden (die dann per TV übertragen werden), ist das nicht wirklich neu, denn die Messen werden vielerorts schon seit Jahren kaum noch besucht. Das gilt übrigens nicht für die katholische, sondern auch für die evangelische Kirche. https://www.evangelisch.de/inhalte/131523/08-02-2016/pfarrer-steht-am-sonntagmorgen-vor-leeren-baenken

Weil viele Menschen, die nicht mehr zur Kirche gehen, irgendwann ganz austreten, setzt die Katholische Kirche vermehrt auf Werbung. Denn die Kirchensteuern sind nach wie vor ihre Haupteinnahmequelle. Der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki lässt keine Gelegenheit aus, Werbung für die Katholische Kirche zu machen, so sprang er höchst medienwirksam im Rahmen des traditionellen Treffens im Erzbischöflichen Haus für den an Grippe erkrankten Kölner Karnevalsprinzen Christian II. ein. Aber Woelki sprang nicht nur ein, sondern munter, wenn auch ein bisschen ungelenk mit, so beim Seniorenkarneval der Gemeinde St. Josef in Braunsfeld:  https://www.domradio.de/video/kardinal-woelki-als-prinz

Woelki ist ein eitler Mann, eine Mischung aus Hochwürden und Harry Potter. Mit seinen immer noch vollen, scheitelbaren Haaren gibt er eine gute Figur ab. Hübsch ist, wie die feinen Pony-Haare unter der Mitra hervorlugen. Wenn man sich vor die Kamera stellt, anstatt mit den Menschen zu reden, garantiert das nicht nur Virenfreiheit, sondern einen komfortablen Sicherheitsabstand.

Ich befürchte, Woelki hat die Bodenhaftung vollkommen verloren. In einem öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März sagt er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen.“

Wie kann man allen Ernstes, wenn man die Gottesdienste meint, von „körperlichen Versammlungen von Christen“ reden? Es gibt abgehobene Menschen, die können nicht mit anderen zusammen in einem Raum sein. Sie können es nicht ertragen, mit Fremden die Atemluft zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn diese Menschen zu den Schichten gehören, die man heute mit einem sozialen Unwort als „bildungsfern“ bezeichnet. (vgl. „Liste der sozialen Unwörter“ http://www.armutsnetzwerk.de/netzwerk-2014/start/presse/339-liste-der-sozialen-unwoerter.

In der Messe, in die ich als Kind ging, spielte Klassenzugehörigkeit keine Rolle. Woelki ist auf eine Weise dünkelhaft, die ich als unchristlich empfinde. „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun…“ Woelkis Worte sind ein arroganter Schlag in den Nacken der Christen, die während des Zweiten Weltkriegs bis zuletzt darum gekämpft haben, in die Kirche gehen zu können und die Gottesdienste besuchen zu dürfen, darunter meine katholischen Großväter, der Bergmann Karl Wilczok und der Lateinlehrer Josef Verron. Diese Menschen haben selbst dann noch den Weg in die Kirche gefunden, als die Glocken schwiegen, weil sie längst abgerissen waren, da man ihr Material für die Herstellung weiterer Waffen brauchte. https://www.katholisch.de/artikel/18653-kirchenglocken-fuer-hitler Vor diesem Hintergrund ist die Geste der Katholischen und der Evangelischen Kirche, bis Gründonnerstag jeden Abend um 19.30h die gut gewarteten Kirchenglocken zu läuten, nicht nur nostalgisch-sentimental, sondern infam.

Dabei hätte die Katholische Kirche gerade jetzt die große Chance gehabt, neue Mitglieder zu gewinnen. Man hätte auf den Friedensgruß verzichten, aber die Messen stattfinden lassen können  – mit einem gewissen Sicherheits-Abstand. Man hätte nicht unbedingt Füße waschen müssen, aber über die schöne Geste der Fußwaschung miteinander reden können. Nähe suchen. Aber dann hätte man ja Kontakt zu den Menschen aufnehmen müssen. Nicht virtuell, sondern real. Unter den Talaren… Ja, Kardinal Woelki kommt allmählich ins Schwitzen. Bald wird er ein heikles Schriftstück vorlegen müssen: Den verschobenen Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln. Man bittet die Menschen, noch etwas Geduld zu haben. Wenn es zur Zeit keine Kirchenaustritte gibt, liegt es allein daran, dass die Ämter geschlossen sind. (Erhellendes zu Woelkis Werdegang und zur Doppelmoral der Katholischen Kirche fand ich in einem Artikel von Peter Hertel: http://www.imprimatur-trier.de/2011/imp110714.html )

Gestern Mittag ging ich auf der Neusser Straße einkaufen. Zu meiner Freude ist das Marhaba, ein orientalisches Imbissrestaurant, wieder geöffnet. Mit einem Shawarma-Sandwich in der rechten Hand, die Hundeleine in der linken, suche ich mir einen Sitzplatz. Mir steht der Sinn nach Biergarten. Meine Hände sind noch klebrig vom Desinfektionsmittel, das man mir bei Alnatura in die offenen Hände gesprüht hat, nirgendwo kann ich mir die Hände waschen, aber das ist mir egal. Ich hab Hunger. Und bin so erleichtert, dass das Marhaba nicht dichtgemacht hat.

Doch alle Bänke sind besetzt, vor meinem Lieblings-Café Eichhörnchchen stehen Tische, aber keine Stühle. Gegenüber vom Eichhörnchen entdecke ich in einem Gärtchen einen Sitzplatz, Treppenstufen, die zu einem kleinen Haus hoch führen. Hier ist jetzt keiner, die Rollläden sind heruntergelassen.

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Ein schattiges kleines, ein bisschen verwahrlostes Gärtchen mit schief gewachsener Magnolie. Hier draußen am Fuße der Kirche hat mehr als zwanzig Jahre lang Konstantin von Eckardt gelebt, der „Maler von Nippes“. Nachdem er in seiner kleinen Blockhütte tot aufgefunden worden war, hatte man das Gelände geräumt. Wenig später begannen umfassende Renovierungsarbeiten. Das Dach und der Turm der Kirche St. Marien wurden saniert.  Das Außengelände ist immer noch Baustelle – bis auf das kleine Gärtchen. Zur Zeit könnte man hier Tische und Stühle aufstellen – mit Abstand natürlich.

Gerade als ich mich setzen will, kommt eine Frau angeradelt. Sie steigt ab, stellt sich als Mitarbeiterin der Kirche vor – und bleibt auf Abstand.

„Was wollen Sie hier?“ fragt die Frau. „Mich kurz auf die Treppenstufen setzen“, antworte ich. „Aber ich will nicht, dass Ihr Hund sich hier entleert“, sagte die Frau. „Das ist ein Grundstück der Kirche.“ Ich schlucke: „Aber alle Bänke an der Neusser Straße sind besetzt. Ich räume auch alles weg. Ich habe sogar AWB-Hundekottüten dabei. Die städtischen Beutelspender sind endlich wieder befüllt, nachdem die Stadt Köln das Befüllen über mehrere Wochen versäumt hat.“ Die Frau verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf.

„Schade“, sage ich nach einer Weile. „Aber Sie kennen doch bestimmt den Kardinal Woelki.“ Ich ernte einen argwöhnischen Blick, aber rede weiter: „Am letzten Sonntag, da ist mir was aufgefallen. Die Kirchenglocken läuteten so schön und klar wie lange nicht mehr, gewiss war die restaurierte Glocke von St.Marien dabei. Das ist die Kirche, in deren kühlendem Schatten wir jetzt gerade stehen, aber das wissen Sie ja besser als ich. Zuletzt habe ich die Glocken so klar gehört, als ich ein Kommunionkind war. Da habe ich mich richtig eingeladen gefühlt, wie von Gott gerufen. War das schön! Als erwachsener Mensch glaube ich immer noch daran, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, aber mit dem Menschenverstand nicht zu fassen. Dieses Göttliche findet man überall, aber gewiss nicht in der verknöcherten, autoritär strukturierten Katholischen Kirche. Und warum lässt die Kirche die Glocken erklingen? Die Kirchenglocken setzen die Menschen doch in die frohe Erwartung, mit anderen Menschen zusammen die Heilige Messe feiern zu können. Ich denke, diejenigen, die noch in die Kirche gehen, sind ältere Menschen, vornehmlich alte Frauen. Die hören die einladenden Glocken, aber man lässt sie nicht am Gottesdienst teilnehmen. Sagen Sie, glaubt Erzbischof Kardinal Woelki an Gott?“

„Woher soll isch dat denn wissen?“, fragt mich die Frau.

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St. Marien in Nippes ist derzeit geschlossen. Man restauriert die Orgel, so lese ich. Dass die Arbeiten ausgerechnet in der Karwoche durchgeführt werden, befremdet mich sehr. Auch draußen vor der Kirchentür wird eifrig in die Zukunft der Katholischen Kirche investiert. So etwa beim Bau des neuen Parrheims Haus der Kirche (rechts im Bild). Nicht nur rundum St. Marien in Nippes, sondern insbesondere in der Kölner Innenstadt sind zahlreiche Immobilien im Besitz der Erzdiözese Köln. Aus dem Jahr 2015, aber nach wie vor aktuell:  https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kirche-erzbistum-koeln-legt-vermoegen-offen-a-1018989.html

Ich musste 61 Jahre alt werden, um zu erleben, wie sich Stubenarrest anfühlt

Ich hatte als Kind nie Stubenarrest. Meine Eltern hätten sich vor uns Kindern geschämt, wenn sie uns Stubenarrest erteilt hätten. Sie waren überhaupt nicht autoritär.

Andere Eltern waren autoritär. Ihre Kinder bekamen Stubenarrest, obwohl es keinen Grund gab. Der Stubenarrest war eine reine Machtdemonstration. Einmal habe ich einen Stubenarrest miterlebt. Wir waren eine Handvoll Kinder, sechs oder sieben Jahre alt, und wollten ein Mädchen zum Spielen abholen. Babette, so hieß das Mädchen, durfte nicht nach draußen. Wir waren „kein guter Umgang“. Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Immerhin durfte Babette das Fenster öffnen und mit uns reden, aber sie hätte sich niemals getraut, aus dem Fenster zu klettern. Peter, der selber eine strenge Mutter hatte, hatte die rettende Idee: Wenn Babette schon nicht nach draußen durfte, brachten wir das Draußen zu ihr.

Der Weg, der zum Garten führte, war mit roten Kieselsteinen bestreut. Wir gaben den Steinchen eine neue Funktion, sammelten sie ein und warfen sie durchs Fenster. Immer mehr… In meiner Erinnnerung ist das Zimmer mit Steinchen überschwemmt. Babette jubelt, sie watet singend durchs Steinchenmeer…

Irgendwann kam die Mutter ins Zimmer und knallte das Fenster zu. Doch dadurch hatte sie sich selber eingesperrt, stand sprachlos hinter der Scheibe und verstand die Welt nicht mehr.

Ich hoffe, es wird dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU, einmal ähnlich ergehen. Entsetzt war ich, diese Drohung zu lesen: „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein.“ Markus Söder kostet seine neue Macht aus, setzt die Bürger ins Unrecht und sich selber ins Recht. Das ist anmaßend und autoritär. Bayern hat am 20.3.2020 als erstes Bundesland „Ausgangsbeschränkungen“ verhängt, und alle anderen Länder sind Bayern gefolgt. Es ist zum Weinen und zum Lachen: Mit 61 Jahren habe ich zum ersten Mal im Leben Stubenarrest.

Heribert Prantl, Jurist, Journalist und Autor, langjähriger Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, nennt in einer Video- Kolumne die Ausgangsbeschränkungen „den größen Grundrechtseingriff, der den Bürgerinnen und Bürgern in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.“ https://www.sueddeutsche.de/politik/soeder-bayern-ausgangsbeschraenkung-1.4853207

Im Jahr 1949, als das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen wurde, wurde mein Vater Ernst Wilczok, SPD, im Alter von 27 Jahren (ehrenamtlicher) Oberbürgermeister der Ruhrgebiets-Stadt Bottrop. Er blieb es (ehrenamtlich) 34 Jahre lang -mit zwei Unterbrechungen- bis zu seinem Tod im Jahr 1988. Niemals hätte er sich angemaßt, sich in das Leben der Bürgerinnen und Bürger einzumischen oder sie zu erziehen.

Herr Markus Söder, Sie verstoßen gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Herr Söder, ich schäme mich für Sie – vor meinem vor 32 Jahren verstorbenen Vater.

 

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In ihrem Newsletter demonstriert die Stadt Köln, wie gut sie eine Katastrophe (die in diesem Fall keine ist) verwalten kann. Die Coronoia unserer Politik zerstört die Betriebe, die eine Stadt erst lebendig machen, wie etwa Kneipen, Cafés und Buchläden, führt aber nicht zur dringend notwendigen Entschlackung der Bürokratie.