Elfchen im Neunten: Liebe Lärmschutzriegel-Bewohnende

Vor gut 20 Jahren hat man damit begonnen, das innenstadtnahe Gelände der ehemaligen Köln-Nippeser Eisenbahn-Ausbesserungsanlage mit Wohnhäusern zu bebauen, mit Mehrfamilien-, aber auch Einfamilienreihenhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten leben hier insgesamt über 5000 Menschen, etwa 1500 davon in der autofreien Siedlung Stellwerk 60.

Die autofreie Siedlung liegt genau in der Mitte des bebauten Areals. Was die Siedlung auszeichnet, ist, dass sie wirklich eine ist. Unser großer gemeinsame Nenner ist die Skepsis gegenüber dem Auto. Dass die nachbarschaftliche Kooperation und der Zusammenhalt über den Gartenplausch hinaus gelingt, ist auch dem Nachbarschaftsverein Nachbarn 60 zu verdanken, dessen aktive Mitglieder seit mittlerweile 15 Jahren unermüdlich organisieren, koordinieren, anleiern, Ideen entwickeln und überhaupt viel Arbeit in das Projekt stecken. Der Gemeinschaftsgarten muss gepflegt werden, die Kettcars, Biertische und Transportkarren, die alle Vereinsmitglieder in der Mobilitätsstation kostenlos ausleihen können, müssen regelmäßig gewartet werden, die vom Grünflächenamt frisch gepflanzten Bäume gegossen, Flohmarkt, Sommerfest und Lebendiger Adventskalender organisiert werden u.u.u….

Das Besondere an Stellwerk 60 ist die Familien- und Kinderfreundlichkeit. Die Kinder stören sich nicht daran, dass die Siedlung dicht bebaut ist. Auch die geringe Breite der Reihenhäuser (oft weniger als fünf Meter), die vielen Erwachsenen die Luft zum Atmen nimmt, vor allem dann, wenn man den Nachbarn nicht riechen kann, ist ganz nach dem Geschmack von Kindern. Wo in der Siedlung sie auch wohnen: Die Kinder gehen raus und treffen Kinder. Ihr Draußen wird nicht durch parkende Autos verstopft. Die asphaltierten „Hauptstraßen“, die nur von Müllabfuhr und Notarztwagen befahren werden dürfen, laden ein zum Rollschuhlaufen, Einradfahren, Skateboarden, zum Spielen, Raufen und Austoben.

Manchmal bin ich genervt, wenn ich den großen Kettcars ausweichen muss, auf denen 5 kreischende Kinder sitzen, doch dann erinnere ich mich an die Corona-Maßnahmen und daran, wie öde und ausgestorben es hier war, als die Kinder sich nicht mit anderen Kindern treffen durften und die Kettcars nicht ausgeliehen werden konnten- und wenn ich mir das klarmache, genieße ich das Kreischen sogar.

Es ist angenehm, in der autofreien Siedlung zu leben – wenn nur die Bahn nicht so nah wäre. Natürlich ist es grundsätzlich vorteilhaft, in der Nähe zweier S-Bahnhöfe zu wohnen. Auch hält sich die Lärmbelastung innerhalb der autofreien Siedlung in Grenzen. Doch was den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur von Stellwerk 60, sondern aller Nippeser Siedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Nippes und Geldernstraße droht, ist nicht mehr angenehm, sondern so alptraumhaft, dass man es kaum glauben kann. Wie viele andere auch hatte ich versucht zu verdrängen, was uns seit Jahren „nur“ droht, jetzt aber real werden könnte: Der Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle in unmittelbarer Siedlungsnähe und -nach Beendigung der Bauarbeiten- ein stetiger nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).

Das „Plan-Feststellverfahren“ der DB für das Zuführungsgleis ist nicht neu, sondern läuft schon seit 2007. Wegen zahlreicher Einwendungen und erheblicher Bedenken, vor allem wegen des zu erwartenden Lärms, musste die Bahn ihre Pläne bereits mehrere Mal aktualisieren. Dass die Deutsche Bahn ihr Vorhaben noch nicht hat durchsetzen können und weiterhin „nachbessern“ muss, ist vor allem der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) zu verdanken, deren Mitglieder über die Jahre hinweg das Vorhaben nicht verdrängt, sondern sich der Bedrohung gestellt haben. Bei allen „Planfeststellungsverfahren“ erhob die AWG immer wieder Einspruch und holte vor Jahren bereits ein Gutachten ein, das belegt, dass das Zuführungsgleis nicht nötig ist und es eine menschenfreundliche, wenn auch teurere Alternative gibt. Laut Gutachten, das von Seiten der Bahn bislang ignoriert wurde, können S-Bahnen auch auf einem anderen Weg in die mittlerweile in Betrieb genommenen Abstellanlage einfahren.

Und nur weil die klugen Köpfe der AWG in ständiger Alarmbereitschaft sind, hatten sie mitbekommen, dass die Deutsche Bahn erneut ein „Planfeststellungsverfahren“ angestrengt hat. Anfang Juli informierte die AWG uns ahnungslose Nippeser Nachbarinnen und Nachbarn sowie den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung und lud zu einer Info-Veranstaltung mit Begehung des betroffenen Gebiets ein. http://www.awg-nippes.de

Was genau droht, erzählt plastisch dieser Aushang der AWG, der Ende Juli aufgehängt wurde und sich insbesondere auf das erste Teilstück hinter dem S-Bahnhof Nippes bezieht:

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Mich persönlich hat Anfang des Jahres eine Nacht-und-Nebel-Aktion in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Mensch und Tier überrumpelnden Blitz-Maßnahme wurden im Frühjahr 2022 Tatsachen geschaffen, bereits „Vorbereitungen“ getroffen für die von der Deutschen Bahn geplante Bebauung. Entlang der Bahntrasse wurde gerodet, kleinere Bäume wurden gefällt, Sträucher komplett zurückgeschnitten. Das Gelände wurde -wie es aussieht- für einen Eingriff präpariert, der in keinerlei Hinsicht gebilligt ist. Wer den Kahlschlag in Auftrag gegeben und wer ihn durchgeführt hat, ist nicht bekannt.

Besonders augenfällig ist der Kahlschlag dort, wo er städtischen Grund berührt. Während ein wenige Meter breiter Geländestreifen neben der S-Bahntrasse der Deutschen Bahn gehört, ist ein kleines Wäldchen, das nach dem Willen der DB komplett plattgemacht werden soll, Eigentum der Stadt Köln. Noch scheitert das Bauvorhaben u.a. an diesem kleinen städtischen Wäldchen – und am Widerstand der Stadt Köln, die jedoch im Falle einer Bau-Bewilligung enteignet werden kann.

Ich habe das schwer beschädigte Wäldchen jetzt im September von verschiedenen Seiten fotografiert. Das Wäldchen wurde bei der Aktion unbegehbar gemacht. Abgesägte Äste wurden auf die Wege gekippt und der zentrale Zugang durch einen Baumstamm versperrt.

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Zwei sanfte Kurven und ein Hauch von Central Park. „Wo jetzt in dieser Mini-Oase die Blätter rauschen und ein kühles Lüftchen im Sommer angenehm kühlt, sollen S-Bahnen aus ganz NRW nachts zu einem „Parkplatz“ mit 18 Gleisen hin und zurück rollen.“ (AWG)

Bei der gut besuchten Info-Veranstaltung am 6.8.2022, zu der die AWG eingeladen hatte, war auch Bernd Schöneck vom Kölner Stadtanzeiger anwesend. Vielleicht muss man vor Ort gewesen sein und sich mit den Betroffenen unterhalten haben, um sich das Ausmaß der geplanten Bau-Maßnahme vorstellen zu können. In seinem „Kommentar zum Gleisvorhaben in Köln-Nippes“ vom 10.8.2022 mit dem Titel „Es bliebe fast nichts, wie es ist“ stellt Bernd Schöneck fest, dass das „Vorhaben wie ein Damoklesschwert über der Nippeser Eisenbahnsiedlung“ schwebt. Weiter schreibt Schöneck, dass man sich des Verdachts nicht erwehren könne, „dass das Vorhaben bereits beim Siedlungsbau geplant war – und das wäre ein Skandal. Denn die Bewohner des Veedels wären bezüglich der Nutzung des Areals im Dunkeln gelassen worden. Zugleich zeigt sich leider erneut, dass das Wohl der Anlieger, vorsichtig gesagt, bei der Bahn nicht an allererster Stelle steht.“ https://www.ksta.de/koeln/kommentar-zum-gleisvorhaben-in-koeln-nippes-es-bliebe-fast-nichts–wie-es-ist-39868530 Aufschlussreich auch: https://www.ksta.de/koeln/nippes/umstrittene-bahn-plaene-fuer-koeln-nippes–das-waere-eine-gefahr-fuer-leib-und-leben–39866080 (Beide Artikel konnte ich auch ohne Abo nach Anmeldung kostenlos lesen.)

Ich bin Bernd Schöneck dankbar für seinen engagierten Kommentar und auch dafür, dass endlich jemand den „Skandal“ zur Sprache bringt. Was die autofreie Siedlung betrifft, spricht einiges dafür, dass der Bauträger Kontrola im Bilde gewesen sein dürfte. Als wir im Jahr 2007 unser Reihenhaus kauften, wurden wir während des ausführlichen Verkaufsgesprächs nicht über die Pläne der Bahn informiert. Wachgerüttelt wurden wir erst im Sommer 2008, als die Mitglieder der AWG anlässlich der ersten Offenlegung zum Protest aufriefen.

Hätte der Bauträger Kontrola im Wissen um die Pläne mit offenen Karten gespielt, wäre es schwierig gewesen, die Häuser und Eigentumswohnungen zu verkaufen. So aber wurde neben den Häusern in den anderen Bereichen der Eisenbahner-Siedlung ausgerechnet das Vorzeigeobjekt „autofreie Siedlung“ auf ein Verschweigen gebaut. Dabei hatte Stellwerk 60-Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegengenommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“,  sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet. 

Leider schützen solche Preise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht und schon gar nicht vor Willkür-Maßnahmen, sondern dienen lediglich den Bauunternehmen zu Werbezwecken. Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Projekt „autofreie Siedlung“. Verschleiert wird weiterhin.

In der autofreien Siedlung wurden bereits einige Häuser überteuert verkauft. Auf diese Weise jedoch wird der Bauträger-Skandal, wird das Verschweigen weiter getragen. Der „Marktwert“ ist reine Fiktion. Die permanente Drohung eines Zuführungsgleises senkt den tatsächlichen Wert der Immobilien meines Erachtens erheblich. Würde ich mein Haus verkaufen, würde ich die potentiellen Käufer nach bestem Wissen und Gewissen aufklären und nur einen geringen Aufschlag auf den ursprünglichen Kaufpreis verlangen… Ich sage das so, denn ich will und muss mein Haus nicht verkaufen – und werde dafür kämpfen, dass die Deutsche Bahn uns nicht mehr bedroht.

Nachdem wir uns informiert hatten, bildeten fünf Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 eine Arbeitsgruppe, um – wie zeitgleich die AWG – eine Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Das war nicht einfach, da die Zeit drängte und man den „Abgabetermin“ auf den 15.8. verlegt hatte, kurz nach den Sommerferien. Viele Nachbarn waren in Urlaub, andere gerade zurück gekommen. Meistens halte ich mich bei Siedlungsaktivitäten zurück, aber diesmal gab es für mich kein Halten.

So saßen wir einander abwechselnd in der Mobilitätsstation, wo wir fünf Tage lang Unterschriften sammelten von Menschen, die in der autofreien Siedlung leben. Unsere Einwendung gegen das Vorhaben verfasste Beate, die die Gabe hat, auch in einer äußerst angespannten Situation besonnen zu bleiben.

Von insgesamt knapp 1000 Unterschriften im gesamten betroffenen Bereich sammelten wir 280, was etwa 20% der Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung entspricht. Der gemeinsame Tenor: Wir unterstützen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber so bitte nicht!

Besonders interessant war es, auf diese Weise mit den Nachbarn der Nachbarsiedlungen ins Gespräch zu kommen, darunter auch Menschen aus den Mehrfamilienhäusern „Am Ausbesserungswerk“. Ein Nachbar erzählte, dass Menschen, die dort eine Wohnung neu beziehen, jetzt schon per Unterschrift zusichern müssen, dass sie, falls das Zuführungsgleis gebaut würde, die Miete nicht mindern.

Und ist das Gleis einmal fertig“, so schreibt Bernd Schöneck, „würden die Züge nur einige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Häuserzeile am Ausbesserungswerk entlang rollen – dem „bewohnten Lärmschutzwall“, wie es recht zynisch hinter vorgehaltener Hand heißt.“ (ksta.de, s.o.) Leider muss ich ergänzen, dass der „bewohnte Lärmschutzriegel“ nicht nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wird, sondern bereits als ein solcher konzipiert worden ist. Im Stadtteilführer des „Archiv(s) für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.“ heißt es: „Aufsehen erregte vor allem ein direkt an der Bahnlinie liegender Gebäuderiegel, der als Lärmschutz für die rückwärtigen Gebiete an die Stelle der alten Wagenhalle treten sollte. Befürchtungen wegen Lärmbelastungen und einer geplanten Eisenbahntrasse unmittelbar vor den Häusern wurden mit dem Hinweis verworfen, die Bewohner würden vom Lärm nicht gequält, weil auf der Seite zur Bahntrasse nur Treppenhäuser und Küchen vorgesehen seien.“ („Loss mer jet durch Nippes jon„, 3. Auflage 2010, S.36)

Ich habe mir erlaubt, von einem Flyer der AWG eine Fotomontage abzufotografieren. In diesem Flyer aus dem Jahr 2017 wird simuliert, wie es „Am Ausbesserungswerk“ aussähe, wenn… Nun hat die Deutsche Bahn auch hier noch einmal „nachgebessert“. Genau dort, wo die S-Bahn ins Bild gesetzt ist, soll nach den Plänen der Bahn direkt vor den beiden neuen Gleisen eine sechs (!) Meter hohe Lärmschutzwand errichtet werden! Doch dieses Lärmabwehr-Ungetüm würde nicht nur den Bewohnern im Erdgeschoss die Sicht und das West-Licht rauben, sondern denen im vierten Stock nicht einmal den Lärm abhalten.

Mein Elfchen des Monats ist diesmal von der wohlmeinenden, untergründig höhnischen und gönnerhaften Werbekampagne der BILD inspiriert. „BILD startet am 15. Juli 2019 eine neue Werbekampagne, in deren Zentrum die Leser stehen. Die Kampagne „FÜR EUCH. BILD.“ stellt Menschen vor, die jeden Tag für andere im Einsatz sind, die Verantwortung übernehmen und die mehr Wertschätzung verdienen. Statt Situationen mit Schauspielern oder Models nachzustellen, zeigt die Kampagne BILD-Leser wie Krankenschwester Manuela, LKW-Fahrer Reinhold, Polizistin Mehtap oder Oma Lore in ihren Alltagssituationen.“ https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/bild-startet-neue-werbekampagne-fuer-euch-bild

Liebe

Lärmschutzriegel-Bewohnende, schenkt

der Deutschen Bahn

ein Lächeln. FÜR EUCH.

Held*innen.

V err ÄTERINNENTAG – Ein fieses verdecktes Foul in der ASTRA-Plakat-Werbung

Mit Christi Himmelfahrt verbinde ich: Katholischer Feiertag, schulfrei, Erstkommunion 1967, Familienfeste, gutes Wetter. Später dann: Langes Wochenende, Spargel, ausnahmsweise Weißwein, Kulturelle Landpartie im Wendland. Frühling…

Dass der christliche Feiertag zugleich Vatertag ist, habe ich erst realisiert, als ich erwachsen war. Und ich dachte, er wäre erfunden worden, damit sich die Väter gegenüber den Müttern mit ihrem Muttertag nicht benachteiligt fühlen. Dass der Vatertag bereits im späten 19. Jahrhundert eingeführt wurde -und zwar als PR-Event (!)-, weiß ich nur aus dem Internet.

In einem munteren Artikel auf tagesspiegel.de vom 28. Mai 2015 heißt es zur Idee des deutschen Vatertags: „Es ging den Erfindern, wie wir hörten, um die rituelle Einführung der Söhne ins sachgemäße Saufen – das gibt und gab es nur in Deutschland. Und Berlin als Epizentrum dieser Bewegung erklärt sich praktisch von selbst: Die unzähligen Brauer der wachsenden Metropole mussten sich Absatzmärkte schaffen und erfanden dafür offenbar eine Frühform der PR-Kampagne; ähnlich, wie später der Blumenhandel den Valentinstag für seine Zwecke instrumentalisierte.https://www.tagesspiegel.de/berlin/tradition-des-vatertags-als-die-soehne-saufen-lernten/11769828.html

Männerausmärsche an Christi Himmelfahrt gab und gibt es auch unabhängig vom Vatertag. Ich kenne sie aus meiner frühen Kindheit in den 1960er Jahren. Mein Großvater Josef (1883-1968) hat sich jedes Jahr an Christi Himmelfahrt, nachdem er in der Kirche war, mit anderen älteren Herren getroffen, um spazieren zu gehen. Die Herren, darunter einige pensionierte Gymnasial-Lehrer, trugen keine Freizeitkleidung, sondern ihre Sonntagsanzüge. Schließlich war Feiertag. Als Respektspersonen hätten sie niemals in aller Öffentlichkeit Bier aus der Flasche getrunken oder einen Bollerwagen hinter sich her gezogen. Dennoch hat der Alkohol eine Rolle gespielt. Die Herren klapperten die Häuser ihrer Familien ab, wo sie an der Haustür mit „Kurzen“ versorgt wurden. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie sämtliche Pinnchen, die wir haben, auf ein Tablett stellt und mit Korn füllt.

Am deutschen Vatertag hingegen wird vor allem das Nationalgetränk Bier getrunken, so viel, dass die Tage vor dem Vatertag zu den umsatzstärksten im ganzen Jahr zählen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Brauerei ASTRA im Jahr 2019 den Vatertag dafür genutzt hat, auch in Köln-Nippes mithilfe eines einschlägigen Großplakats dem Regionalgetränk Kölsch Konkurrenz zu machen.

Im Mai 2019 bin ich auf meinem Gang zur Sonntags-Bäckerei einige Male auf das Plakat zugelaufen. Es hing rundum Christi Himmelfahrt an der Plakatwand schräg gegenüber vom Hospiz St. Marien am Eckhaus Kempener/Simon-Meister-Straße. Die Fußgängerampel an der Kempener Straße ist so geschaltet, dass man minutenlang warten muss, bis sie auf „grün“ springt. So war ich genötigt, beim Überqueren der Straße sehr lange auf das Plakat zu gucken. Überschrieben war es mit einem kalauernden Slogan: „HODENLOSE FRECHHEIT: ASTRA FEIERT VÄTERINNENTAG!“

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Ein Hintern als Eye-Catcher. Das soft-pornografische Plakat wäre jetzt – drei Jahre später- undenkbar, denn die heruntergelassene Hose korrespondiert mit dem berühmten hochgekrempelten Ärmel: Impf mich!

Auf den ersten Blick fand ich das Plakat ganz lustig, denn es erinnerte mich an den „Asi-Tag“ im Rahmen der Abitur-Mottowoche. In der Mottowoche, die an vielen deutschen Schulen stattfindet und in der Regel mit der allerletzten regulären Schulwoche zusammenfällt, verkleiden sich die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten an jedem Tag nach einem anderen Motto, etwa als Vampire oder Greise – oder eben als Asis oder Schlampen. Auch meine beiden Töchter hatten Spaß daran, es vor den Abiturprüfungen noch mal krachen zu lassen.

Vermutlich hatten auch die drei Frauen, die wir auf dem ASTRA-Plakat sehen, beim Posieren Spaß. Sie mimen Schlampen, haben knallrot lackierte Fingernägel und sind überzogen und geschmacklos verkleidet, Farben und Muster beißen sich. Die Szenerie wirkt gestellt, was sie auch soll, denn es ist eh nur ein Spiel. Die Frauen machen das, was am Vatertag sonst nur die Männer machen: Sie lassen die Sau raus.

Das Plakat erzählt eine kleine Geschichte: Die Frauen haben Bierkästen auf einen Bollerwagen gepackt und sind losgezogen. Weit sind sie nicht gekommen. In einer schäbigen Grünanlage haben sie eine olle Picknickdecke ausgebreitet und sich auf den Boden geknallt. Eine total-tätowierte Dünne trägt ein ärmelloses Karo-Top, ein knappes Leoparden-Höschen und eine Gitterstrumpfhose. Sie hat den rechten Arm lässig auf den Rand des Bollerwagens gelegt, während sie mit der linken Hand eine Flasche ASTRA-„Urtyp“ an den gespitzten Mund setzt: Sie tut nur so, als ob sie trinkt, denn es ist eh nur ein Spiel.

Die Dickere neben ihr trägt Brille, Käppi, Ohrringe, einen leuchtend orangenen Blouson, eine Trainingshose und weiße Sport-Schuhe. Es ist ihr wurst, wie sie aussieht, denn es ist eh nur ein Spiel. Man könnte denken, sie hebe mahnend den Zeigefinger, aber sie hebt nicht nur den einen, sondern gleichzeitig den kleinen. Mit Zeigefinger und kleinem Finger formt sie eine sogenannte „Mano cornuta“. „Die corna (ital. ‚Hörner‘) oder mano cornuta (ital. ‚gehörnte Hand‘) ist eine in Italien übliche vulgäre Geste, aber auch ein Handzeichen mit diversen Bedeutungen, beispielsweise in der Metal– und Rock-Szene.https://de.wikipedia.org/wiki/Mano_cornuta

Eine kräftige dritte Frau (oder ist es die ins Bild montierte zweite?) sehen wir nur von hinten. Sie trägt eine vierfarbige wattierte Jacke, die aussehen soll wie frisch aus dem Altkleidersack, eine kurze schwarze Fußballhose und rot-weiße Stutzen. Sie hat die Hose heruntergezogen und streckt uns den kräftigen, nackten Hintern entgegen, ohne Tattoo, „glatt wie ein Kinderpopo“ – außer der zarten Andeutung eines Tanga-Bikinistreifens. Alles soll unecht wirken, denn es ist eh nur ein Spiel.

Anders als Wein löscht Bier den Durst. Biertrinken ist nicht elitär, auch das gefällt mir. Biertrinken gehört zu den billigsten Wegen, besoffen zu werden. Und anders als beim Kauf von Wodka wird man nicht schief angeguckt, wenn man Bierflaschen aufs Kassenband legt. Die ASTRA-Werbeplakate jedoch sind nicht lebensnah, sondern vulgär. Die billige Kopie des Kiezes ist abgeschmackt, auch wenn sie intelligent gemacht ist und ironisch daherkommt. Dass ASTRA Hauptsponsor des Zweitliga-Vereins FC Sankt Pauli ist, hält mich dennoch nicht davon ab, weiterhin mit dem Verein zu sympathisieren.

Mithilfe betont rotziger Werbeplakate („Astra. Was dagegen?“) konnte ASTRA die Biere verteuern und den Umsatz merklich steigern. Dabei bedient man dümmste Klischees und verarscht im wahrsten Sinne des Wortes das Milieu, bei dem man sich anzubiedern versucht.

Zurück nach Köln-Nippes: Das Plakat zum „Väterinnentag“ blieb wochenlang hängen. Ich ärgerte mich über die Stadt Köln, der es offensichtlich vollkommen egal war, dass es schräg gegenüber vom Hospiz hing, und zwar in Blickrichtung. Überhaupt finde ich Plakate an dieser Stelle grundsätzlich unangebracht. Als das 1999 gegründete Hospiz im Jahr 2018 den Neubau an der Simon-Meister-Straße bezog, hätte man meines Erachtens die Hauswand mit dem wilden Wein zuwachsen lassen sollen. Ob es damals schon die Plakatwand gab und den Wein, ist mir nicht bekannt.

Ich fand das Plakat nur noch widerlich, wollte weggucken und guckte doch jedes Mal, wenn ich vorbeikam, hin. Als man das Plakat nach Christi Himmelfahrt noch nicht ausgetauscht hatte, geschah etwas Seltsames. Mein Blick blieb am Wort „Väterinnentag“ hängen. Mit einemmal schob sich das Wort auseinander: Drei Buchstaben setzten sich in den Zwischenraum: ERR. So wurde ein anderes Wort sichtbar, ein Wort hinter dem Wort: VERRÄTERINNENTAG.

Ich befürchte, da hat sich jemand (bzw. ein Team) einen perfiden Spaß erlaubt.

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Vor 57 Jahren habe ich nach der sogenannten „Ganzwortmethode“ Lesen gelernt. Wir Kinder entzifferten nicht, sondern prägten uns ganze Wörter ein, die wir dann als Bilder in unseren Köpfen „abspeicherten“. Das Auge spielt bei der Methode eine große Rolle.                                         Seit ich weitsichtig bin, habe ich eine Leseschwäche. Wenn ich beim Einkaufen die Lesebrille nicht dabei habe, muss ich die Zutatenlisten Buchstabe für Buchstabe entziffern, die Haltbarkeitsdaten Zahl für Zahl. Die Bilder werden unscharf, und die Wörter springen nicht mehr direkt ins Auge. Daher gucke ich sehr genau hin. Es klingt paradox, aber die versteckten Buchstaben ERR hätte ich, ohne weitsichtig zu sein, nicht entdeckt. Je unschärfer ich sehe, desto klarer entziffere ich.

Dieses ASTRA-Werbeplakat ist eine Verhöhnung der Frau. Zwischen den Zeilen transportiert es eine schadenfrohe Botschaft: Ihr kopiert die Männer und macht euch lächerlich. Ihr seid verirrt, ihr verratet euer eigenes Geschlecht, aber bemerkt es nicht einmal.

Das englische Verb „to err“ heißt zu deutsch „sich irren“, „fehlgehen“, aber auch „sündigen“. Auf dem Computer-Bildschirm wird die Buchstabenfolge „err“ eingeblendet (manchmal auch das Comic-Wort „ups“), wenn eine Seite nicht (mehr) aufrufbar ist. Das Internet ist wie ein Irrgarten angelegt. Sind wir im Netz „unterwegs“, geraten wir schnell auf den Holzweg. Die virtuellen Irrwege sind unheimlich: Hier geht es nicht mehr weiter, du hast dich vertippt, du hast dich im Internet verirrt, du hast den Pin verlegt, du hast dich im Netz verfangen, du bist verwirrt.

Aber was bedeutet „Väterinnen“? Der Begriff ist seit seit etwa zehn Jahren im Umlauf. Benutzt wird er für und von Menschen, die Kinder gebären, sich aber „als Mann definieren“. Doch nach wie vor können nur Menschen, die biologisch Frauen sind, Kinder zur Welt bringen.

Denn die Natur setzt klare Grenzen. Ein als Mann geborener Mensch, der sich Silikon-Brüste einpflanzen lässt, wird dennoch kein Kind stillen können. Und ein als Frau geborener Mensch, der sich „als Mann definiert“ und juristisch als Mann anerkannt ist, kann kein Kind zeugen. Die Einnahme von männlichen Hormonen lässt Barthaare sprießen, aber keine Hoden wachsen. Gerade angesichts der „Geschlechtsumwandlung“ zeigen sich die grotesken Auswüchse sowohl der plastischen Chirurgie als auch der hormonellen Manipulation.

Bis zu einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 2011 mussten sich Transmänner sterilisieren lassen, um offiziell als männlich anerkannt werden zu können. Heutzutage kann in Deutschland niemand mehr die Transmänner zu einer inhumanen medizinischen Verstümmelung zwingen. Da ist gut so, aber…

Problematisch ist es, wenn ein Transmann die Hormonbehandlung unterbricht und ein Kind zur Welt bringt, sich aber nicht als „Mutter“, sondern als „Vater“ bezeichnet, „Väterin“ wird. In dem Moment, wo „er“ ein Kind austrägt und gebiert, verkörpert „er“ mit Leib und Seele das Geschlecht, von dem er meinte, sich verabschieden zu können. Und gebärend ist „er“, selbst wenn „er“ sich die Brüste hat entfernen lassen, so klar wie nie diejenige, die „er“ nicht sein wollte und will: Eine Frau.

Zu verantworten hat das „Väterinnen“- Plakat die Hamburger Werbeagentur Philipp & Keuntje (PUK). Hier arbeiten kluge, psychologisch geschulte Spezialkräfte. Auf ausgesprochen intelligente Weise verkauft PUK Menschen für blöd. Noch dazu nach den Spielregeln der Doppelmoral: Wie es PUK gefällt, gibt man sich mal sauber, mal vulgär. So setzt ausgerechnet die Agentur, die uns mit ihren ASTRA-Plakaten penetrant auf die Pelle rückt, an anderer Stelle sittenstreng auf Distanz und Hygiene. PUK hat für die Initiative „Deutschland gegen Corona“ Ideen entwickelt und dazu beigetragen, den Menschen die Abstands-Regeln einzubläuen.

Und wie ich soeben realisieren musste, hat die Agentur PUK, zu deren größten Kunden die DAK-Gesundheit gehört, auch das respektlose Plakat „Geht Omas drücken“ aus dem Jahr 2019 zu verantworten. Vgl. https://stellwerk60.com/2020/01/07/geht-omas-drucken/.

Abschließend zitiere ich mich selber: „In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.“ https://stellwerk60.com/2020/05/11/katholisch-oeffentliche-buecherei-on-leine/

Ergänzend möchte ich sagen, dass es neben „Nein“ noch ein anderes neues Schulfach geben müsste: „Mündigkeit“: Woran erkenne ich Propaganda und Manipulation – und wie kann ich mich davor schützen?

Menschen verkümmern immer mehr zu Augentieren. Im Straßenverkehr müssen wir auch als Fußgänger permanent die Augen aufhalten. Daher sind wir für die Plakatwerbung am Straßenrand empfänglich, die mit ausgeklügelten, emotional aufgeladenen Bildern um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Ich bin noch einmal zu der Stelle gegangen, wo vor drei Jahren das ASTRA– Werbeplakat hing. Das männliche Model in knallrot, das auf dem aktuellen Plakat (FLYERALARM) posiert, muss bei den Foto-Aufnahmen genau in die Linse geguckt haben. Das hat den simplen optischen Effekt, dass wir uns, egal wo wir stehen, von ihm angeguckt fühlen. In diesem Fall auch aufgespießt, denn der Mann zeigt mit dem Finger auf uns.

MEIN ENGEL – Das Wunderkind Wiktoria

An ganz alltäglichen Orten begegne ich in den letzten Jahren Menschen, die real sind („aus Fleisch und Blut“) und die doch aus einer Anderwelt zu stammen scheinen. Einer dieser Menschen, die mich an Märchenfiguren erinnern, ist das Mädchen Wiktoria.

Begegnet bin ich ihr im Frühherbst 2019 im Kölner Handwerkerinnenhaus -am Tag der Offenen Tür. Zur Erinnerung: In den Zeiten vor Corona öffneten an bestimmten Tagen Ateliers und Werkstätten ihre Türen auch für Besucher, die dort normalerweise keinen Zutritt haben. Jeder war willkommen, es gab weder Test- noch Impfausweis- noch irgendwelche Einlasskontrollen. Die offene Tür war ein über die Stadt oder das Land verstreutes kulturelles Ereignis abseits der Groß-Events. Wie großartig, gastfreundlich und großzügig das war, weiß ich erst heute. Denn auch wenn die Veranstaltungen nach wie vor so heißen und der Eintritt nichts kostet: Den „Tag der offenen Tür“ gibt es nicht mehr.

Im Handwerkerinnenhaus hatte man an dem Tag einen kleinen Basar aufgebaut. An einer Handvoll Ständen wurden Töpfer-Arbeiten verkauft und andere schöne, originelle, von Hand gefertigte Dinge, die man „Kunsthandwerk“ nennt.

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Die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kunst sind fließend. Im nordholländischen Dorf Groet vermietet die Familie Bakker ein Ferienhaus. Dieses Haus ist ein inspirierender, eigensinnig ausgestatteter Ort. „Hausherr“ Jaap Bakker gehört zu den bildenden Künstlern, die sich ihre Kinderphantasie bewahrt haben.  Welches Kind träumt nicht davon, einmal einen Schatz zu finden? Doch das ist gar nicht so einfach. So beträgt etwa die Wahrscheinlichkeit, in einer Auster eine Perle zu finden, 1:35.000. https://www.fewo-in-holland.de/blog/austernperle-finden Der Mangel an Perlen in Nordsee-Austern brachte Jaap Bakker auf die tierfreundliche Idee, Austernschalen zu einer Nordseerose zusammenzufügen, sie miteinander zu verleimen und zu guter Letzt drei Perlen in die Mitte der Blüte zu setzen. Da Jaap Bakker die Blume in kleiner Stückzahl gefertigt und für ein paar Euro an seine Feriengäste verkauft hat, bin ich stolze Besitzerin einer echten Groeter Nordseerose.


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„Höhlenkunst“

Am Tag der offenen Tür 2019 präsentierte das Handwerkerinnenhaus auch Arbeiten, die Schülerinnen und Schüler einer Förderschule in Jülich hergestellt hatten. Das hing mit dem Hauptanliegen des Hauses zusammen, der Förderung junger Mädchen. Das Kölner Handwerkerinnenhaus hat eine eigene Werkstatt und „ist ein Lern- und Bildungsort, an dem Mädchen und Frauen neue Fähigkeiten und Stärken an sich entdecken und ihre Berufschancen und -perspektiven erweitern.“ https://www.handwerkerinnenhaus.org/

Im Kunstunterricht hatten die Jülicher Jugendlichen kleine, zerbrechliche Drahtgebilde gebastelt und in Einmachgläser gesteckt. Die Einmachgläser wurden dann bei hoher Temperatur eingeschmolzen und die Drahtgebilde auf diese Weise „eingerahmt“ und „haltbar“ gemacht. Wiktoria, die die Jülicher Schule besucht, war mit ihrer Lehrerin da. Die Lehrerin bemerkte mein Interesse und erzählte mir, wie Wiktoria arbeitet.

Wiktoria nimmt ein Stück Draht in die Hand. Sie hat keinen Plan und überlegt nicht lange, sondern fängt an. Der Draht hat Anfang und Ende. Zwischen ihren Fingern kommt er in Bewegung, entsteht eine Figur. Manchmal ist es eine Tierfigur, aber am liebsten formt Wiktoria Engel, mal heitere, mal nachdenkliche Engel. Das Stück Draht ist nie zu kurz und nie zu lang, es reicht immer genau aus. Wenn der Draht aufgebraucht ist, ist die Figur fertig. Irgendwann fing Wiktoria an, Engel zu formen, sie tut es einfach, denn sie kann nicht anders.

Mich erinnern ihre Engel an die von Paul Klee. Der Maler Paul Klee (1879-1940) hat sein Leben lang Engel gezeichnet, die meisten davon im Jahr 1939. Im Jahr, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, begann Klees letztes Lebensjahr. Indem er die Zwischenwesen zeichnend sichtbar machte, konnte Paul Klee der Hölle für Momente entrinnen. „Seine Engel hat er in der Zwischenwelt ‚geschaut‘, sagt Paul Klee. Für ihn liegt zwischen irdischer Welt und höchsten geistigen Welten eine Zwischenwelt. Und Klee ist überzeugt, da Einblick zu haben.“ https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/morgenandacht/paul-klee-und-seine-engel-10795

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Für acht Euro kaufe ich ein „Mängelexemplar“. Der Aufhänger ist abgerissen, aber MEIN ENGEL ist luftig und heiter. Die Flügel sind ausgebreitet wie Arme: Lass dich umarmen. MEIN ENGEL ist weiblich, ein Mädchen. MEIN ENGEL hält den Kopf gerade, so dass der Heiligenschein nicht herunterfallen kann. MEIN ENGEL streut rostige Brösel. Die sind nicht hübsch, aber auch für was da: Wer genau hinschaut, entdeckt ein flauschiges Küken.

Auch Wiktorias Engel scheinen aus einer Zwischenwelt zu stammen. Die Lehrerin, die sehr aufgeregt ist, zeigt mir einen Ordner mit Fotos der Arbeiten Wiktorias. Ihre Engel sind ausdrucksstark und berührend. Wenn ich sage, dass ich „erschüttert“ war, ist das nicht übertrieben. „Ich wage es kaum zu sagen“, sage ich zur Lehrerin. „Aber es ist so, als hätte Wiktoria eine göttliche Eingebung.“ Die Antwort: Ein Nicken.

In diesen traurigen Zeiten ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen -vor allem Frauen- Schutzengel ins Fenster stellen. Es gibt getöpferte, genähte, gemalte, es gibt geschmackvolle, austauschbare, kitschige, es gibt pausbäckige und magere Engel. Sie alle stehen für die Hoffnung und für die Sehnsucht nach einer friedlichen, besseren Welt.

In ihren Sternstunden vermag die Dichtkunst, Engelsenergien spürbar zu machen. So verleiht der Lyriker Joseph von Eichendorff (1788-1857) im Gedicht „Mondnacht“ seiner Seele (Engels)-Flügel:

„… Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
..“ (Dritte Strophe)

Wiktorias Lehrerin zeigt mir das Foto eines Engels, der den Kopf gesenkt hält. Sie bittet Wiktoria, mir zu erklären, warum der Engel traurig ist. Wiktoria redet leise. „Der Engel klagt Gott an“, sagt sie. „Es ist so viel Unrecht in der Welt. Warum guckt Gott zu, warum lässt er den Krieg geschehen, warum greift Gott nicht ein, wenn Menschen gemobbt werden?“

Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, Gott* greift schon ein, aber anders, als wir denken, selten im „Direktgang“. So stattet Gott Menschen mit der Gabe aus, Menschen den Spiegel vorzuhalten. Menschen mit dieser Begabung werden oft ausgegrenzt. Vermutlich wird auch Wiktoria ausgegrenzt und gemobbt, denn sie hat eine „Lese- und Rechtschreibschwäche“ und geht (oder ging) auf eine Förderschule.

Woran erkennt man einen Engel? Das Merkmal der Engel, das sind die Flügel. Doch wer nur auf die Flügel achtet, wird den Engel übersehen. Meine Begegnung mit Wiktoria hat meinen Glauben an die kosmischen Engelsenergien genährt – und meine Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt.

*Wie schon einmal geschrieben, meine ich mit „Gott“ nicht den monotheistischen Vatergott. Diesen begreife ich zwar nicht als „falsch“ oder erfunden, aber als Einengung und Vereinseitigung eines weitaus umfassenderen Göttlichen.

Elfchen im Zweiten: Adieu, AHAmpelmann!

An den Schaltern von Commerzbank und Sparkasse KölnBonn kann man weder Briefmarken kaufen noch Päckchen aufgeben. Bei der Postbank ist das anders. Ihre Filialen ähneln, auch wenn die Beratungsräume mit Teppichboden ausgelegt sind, Gemischtwarenläden, und das gefällt mir.

Dass ich mein Postbank-Konto trotz der relativ hohen Gebühren behalte, ist reine Nostalgie. Als es die Postbank noch nicht gab, sondern Postscheck- bzw. Postgiroämter, bot die Post Sparbücher an, die ordentlich verzinst waren und mit denen man sogar in den Postämtern kleiner südfranzösischer Ortschaften ohne Gebühren Francs abheben konnte.

In den frühen 80er Jahren studierten wir Geisteswissenschaften, hatten viel Zeit und reisten am liebsten mit dem Fahrrad. Es war ganz einfach: Irgendwann im Spätsommer, wenn es uns nach Südfrankreich zog, radelten wir zum Kölner Hauptbahnhof, kauften günstige Rückfahrkarten und gaben unsere Fahrräder auf, die weder versichert noch verpackt werden mussten. Ein paar Tage später fuhren wir mit dem Zug den Fahrrädern hinterher. Das war nicht ohne Risiko. Einmal sind die Fahrräder erst drei Tage nach uns im Bahnhof von Lyon angekommen. Aber das war uns egal, denn so lernten wir, bevor wir uns ins Umland aufmachten, Lyon kennen.

Meistens hatten die Fahrräder nach dem Transport ein paar kleinere Kratzer, aber auch das störte uns kaum, denn die Fahrräder waren nicht neu. Meins hatte nicht einmal eine Gangschaltung und taugte kaum für die Berg-Etappen. Weil ich nicht besonders sportlich bin, kam es mir recht. So schob ich das Rad, hatte ein paar Momente für mich und lauschte den Grillen. Wir hatten Zelt und Schlafsäcke dabei und in den Satteltaschen Bücher, die an der Uni nicht gelesen wurden, Werke mit wohlklingenden Titeln: „Die Dialektik der Aufklärung“, „Männerphantasien“ und „Geschichte und Eigensinn“ (je 1,2kg!). Wir waren jung, stark, naiv, verliebt, hatten noch gute Nerven- und Postsparbücher.

Irgendwann wurde nicht nur das klassische Postsparbuch abgeschafft, sondern auch die Möglichkeit, ein Fahrrad preiswert und ohne großen Aufwand nach Frankreich zu verschicken. Vermutlich hat es dermaßen viele Schadensersatz-Forderungen gegeben, dass es sich für die Bahn nicht mehr rentiert hat.

Wie in den Bahnhofs-Gebäuden herrscht auch in den Räumen der Post ein zunehmend ruppiger, unwirscher Ton – sofern es diese Räume noch gibt. Die Deutsche Bank, der die Postbank gehört, hat angekündigt, bis Ende 2023 von derzeit 750 Filialen weitere 200 zu schließen. Vor allem in den Innenstädten greifen die „Sparmaßnahmen“. In Köln sollen in Kürze die Filialen am Kartäuserwall (Südstadt) und am Sudermannplatz (Agnesviertel) dichtmachen. Wie lange die Nippeser Postbank-Filiale erhalten bleibt, ist derzeit unklar, denn auch für die verbleibenden 550 Geschäftsstellen soll es lediglich eine Standortgarantie bis Ende 2024 geben.

Die Nippeser Filiale wird vielleicht deshalb (noch) nicht geschlossen, weil sie mitten in Nippes ideal liegt. Die Räume selber sind nicht mehr zeitgemäß. Um in den Schalterraum zu gelangen, muss man eine Treppe hochsteigen. Dennoch ist die Filiale gut besucht. Vor Weihnachten standen die Leute sogar bis auf die Straße Schlange, nicht nur wegen der Abstandsregeln. Da der Briefmarkenautomat monatelang kaputt war, wurden auch die in die Schlange verbannt, die nur eine Briefmarke brauchten.

Irgendwann wurden Ordnungskräfte eingestellt, die die Einhaltung des Corona-„Sicherheitsabstands“ überwachten. Eine der Ordnungskräfte war ein hektischer junger Mann, der sich verhielt, als sei er staatlich geprüfter „Hüppekästchen“ -Schiedsrichter. Er pfiff alle Leute zurück, die es wagten, die rote Linie bzw. das rote Klebeband auch nur um wenige Zentimeter zu übertreten.

Der kleine hübsche Mann bewegte sich, als zöge eine unsichtbare Hand an einer mit all seinen Gliedern einzeln verbundenen Strippe. Sein Hampeln trug nicht zur Entspannung bei, im Gegenteil. Einmal geriet ich, als ich ein Päckchen aufgeben wollte, mit dem Mann aneinander. Es war Samstagmittag, seit zehn vor eins hatte ich in der Schlange gestanden und war in der Schlange stehend die Treppe hochgestiegen. Um Punkt ein Uhr, genau in dem Moment, als ich an der Reihe gewesen wäre, den Schalterraum zu betreten, schloss die Post. Die Leute, die vor mir waren, kamen noch dran. Sie kamen auch noch raus. Nur ich…

Der Hampelmann stellte sich in den Zugang zum Schalterraum, stemmte die Beine in den Boden und legte die Arme an. Er ließ mich nicht vorbei und verlagerte sein Gewicht mal auf den linken, mal auf den rechten Fuß. Ich konnte nicht anders: Ich nahm ihn vorsichtig bei den Schultern und versuchte, ihn zur Seite zu schieben. Er wehrte sich nicht, sagte nur leise: „Hilfe, Hilfe“. Die Hilfe bekam er. Und was bekam ich (ab)? Das erzähle ich ein andermal…

Aktuell hat sich die Lage entspannt, aber wohl nur, weil Weihnachten vorbei ist und die Leute weniger Briefe und Pakete verschicken. Für die Postbank ist Corona einmal mehr ein Vorwand, die Zahl der Kunden zu reduzieren. Jetzt, in der Karnevalszeit, darf nur eine (!) Person den Schalterraum betreten. Das ist -ich kann es nicht anders sagen- ein Schlag in den Nacken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Post. Denn so nagt der „Schutz vor Corona“ langsam, aber sicher am aktuell noch bis Juni 2023 bestehenden Kündigungsschutz.

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Nachtrag 7. März 2022: Mit einem Sicherheitsabstand von ein paar Tagen ist diese Info, die vermutlich jederzeit spontan eingeblendet werden kann, kurz nach Aschermittwoch wieder ausgetauscht worden. 

In dem Zusammenhang konnte man auch die Sicherheitskräfte entlassen. Dort, wo der Hampelmann stand, wenn er mal stand, steht jetzt mitten im Weg eine Ampel. Doch auch die spielt manchmal verrückt, und auch die wird irgendwann abgeschafft werden. Ob zusammen mit der gesamten Filiale, wissen wir nicht.

Den kleinen hübschen Mann habe ich nicht mehr wiedergesehen, was ich schon ein bisschen bedaure.

Adieu, AHAmpelmann!

Jetzt

ist hier

eine Ampel an,

denn fort ist der

AHAmpelmann

***

Allen, die meinen Blog von außerhalb Deutschlands besuchen, schulde ich eine Erklärung: Was ist AHA?

Wenn sich auch die Hygiene-Regeln weltweit ähneln dürften, ist doch die neckische AHA-Formel typisch deutsch. Plakat des Bundesministeriums für Gesundheit: Mit der AHA-Formel durchs Jahr!

aha

 

„Durchs Jahr“ klingt bedrohlich, hat doch 2022 erst gerade begonnen. Bei der Internet-Recherche stelle ich zu meiner Beruhigung fest, dass das Plakat schon ein Jahr alt ist, und zwar von Januar 2021. Ich will mit AHA nicht durch noch ein Jahr. Und ein „AHAlle Jahre wieder“ wäre entsetzlich.

Wer AHA schon spießig findet, dem sei gesagt: Es geht noch zwangsvergnügter. Ich schätze den Humor der Wiener Stadtverwaltung und insbesondere die Wiener Hundekotsackerl, aber OIDA

Zufällig finde ich meinen Impfpass – und mache eine beunruhigende Entdeckung

Ein sonniger Sonntagnachmittag Ende August 2015: Wir sitzen zu sechst an einem Garten-Tisch und essen Pflaumenkuchen. Alle sind Stammkunden im Nippeser Weinhaus im Viertel. Es ist gar nicht so sehr der Wein, der Künstler und Lebenskünstler ins Weinhaus lockt, sondern die inspirierende Chefin vor Ort: Dagmar Johanna Matthias. Bei einer ihrer ungewöhnlichen Weinproben haben wir uns zum Pflaumenkuchen verabredet.

Der Garten gehört zu einem alten Haus in der Turmstraße. Die Gastgeber, ein Musiker-Paar, sind über 20 Jahre jünger als ich und wohnen hier zur Miete. Der Garten wird von allen Parteien genutzt. Ich genieße es, hier zu sitzen, in einem dieser verwilderten Nippeser Gärten, die man von der Straße aus nicht sieht und in die man nur durchs Treppenhaus kommt.

Weil ich nicht gerne Kuchen esse, habe ich mir nur ein kleines Stück geben lassen, aber viel Sahne dazu. Ich süße nach und lasse mir die Zuckerkrümel, die sich so schnell nicht auflösen, auf der Zunge zergehen.

Ich denke an meinen Vater, der Kuchen mochte und heute 93 Jahre alt geworden wäre. Er war ein kämpferischer Skat-Spieler und Kommunalpolitiker, aber eigentlich ein sanftmütiger, respektvoller Mensch. Mein Vater hatte ein großes Durchsetzungsvermögen, aber er gebrauchte niemals die Ellenbogen, sondern nur den Verstand.

Manchmal ist Angriffslust konstruktiv. Während ich mir das bewusst mache, kommt plötzlich ein angriffslustiges Insekt in einer Art Sturzflug auf mich zu und sticht mich in den Finger. Es tut richtig fies weh. Am Stachel, der steckengeblieben ist, erkenne ich, dass es sich um eine Biene handelt und nicht um eine Wespe. Mit den Fingern der anderen Hand ziehe ich den Stachel heraus und ärgere mich. Warum ausgerechnet ich?, jammere ich.

Darum ausgerechnet ich, weiß ich heute.

Am nächsten Morgen ist nicht nur der Finger angeschwollen, sondern auch die Hand. Am zweiten Tag ist die Hand so dick, dass ich beschließe, zum Arzt zu gehen. Da ich keinen Hausarzt habe, lasse ich mir einen empfehlen. Er schaut sich die Hand an, verschreibt mir ein Antibiotikum und verordnet eine Tetanus-Impfung. Eine Helferin verbindet die Hand und gibt mir eine Spritze in den Oberarm. Sie macht das gut, denn ich spüre nicht viel, es ist nur kitzelig.

Ich finde es praktisch, mich bei der Gelegenheit gegen Tetanus impfen zu lassen. Da ich oft im Garten arbeite und mich dabei immer wieder in den Dornen der Rose verfange, hatte ich es ohnehin vor. Man händigt mir einen Impf-Ausweis aus, den ich zu Hause, ohne ihn mir genau anzugucken, in eine Schublade lege.

Deutschland sucht den Impfpass“ war der Titel einer Werbe- Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Jahr 2018. Ich habe meinen Ausweis nicht gesucht, ihn aber vor ein paar Wochen beim Aufräumen zufällig gefunden.

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Ein No-Name-Exemplar. Es ist, als bekäme man einen neuen Reisepass ausgehändigt und sollte selber seinen Namen nachtragen. Ich finde, die Arzthelferin hätte sich über Verband und Spritze hinaus die Zeit nehmen müssen, das Deckblatt auszufüllen. Dass man von den Geimpften erwartet, dass sie das selber tun, nennt man dann wohl „Patientenautonomie“. Das leere Deckblatt meines Impfpasses spiegelt eine gewisse Wurschtigkeit wider, ein fahrlässiges Desinteresse, das uns leider heutzutage in vielen Arztpraxen begegnet. Bei der Corona-Impfung wäre das nicht passiert. Da herrscht -insbesondere in Bezug auf die Personenkontrolle- deutsche Gründlichkeit vor.

Aber es kommt noch schlimmer, denn ich schlage den Ausweis auf:

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Ich bin zwar gegen Tetanus geimpft worden, aber nicht nur! Auch gegen Keuchhusten, Kinderlähmung und Diphtherie … Man hat mir, ohne mich zu fragen oder mich zu informieren, vier Impfungen auf- bzw. reingedrückt.  „Das ist Körperverletzung“, sagt ein Anwalt, bei dem ich mich erkundige. Nur ist die Impfung fast fünf Jahre her, und ich war leider so blöd, einem Arzt, den ich nicht kannte, nur deshalb zu vertrauen, weil er Arzt ist. Ich habe wirklich gedacht, dass ich ausschließlich gegen Tetanus geimpft werde, wenn man mir erzählt, dass man mich gegen Tetanus impft. Schön doof. Für den Arzt ist es keine Körperverletzung, sondern Alltag. Außerdem macht er sozusagen „Dienst nach Empfehlung“, denn diese Vierfach -Auffrischimpfung ist eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO).                                                                                                       Im Internet entdecke ich dann tatsächlich einen Beipackzettel von REPEVAX, das auch für Kinder ab drei Jahren empfohlen wird. https://mein.sanofi.de/produkte/REPEVAX Mittlerweile findet man im Netz ja nicht nur Gebrauchsanleitungen für Elektrogeräte oder Anleitungen zum Aufbau von IKEA-Möbeln, sondern auch Beipackzettel von Fertig-Impfspritzen, die man per Rezept u.a. bei DocMorris bestellen kann.  https://www.docmorris.de/repevax-injektsuspiefertigspritze-mi/11241161 Ich lese den REPEVAX-Beipackzettel und kotze fast: „… Darüber hinaus wurden nach Markteinführung von REPEVAX weitere unten aufgeführte Nebenwirkungen in den verschiedenen Altersgruppen, für die der Impfstoff empfohlen wird, beobachtet. Die tatsächliche Häufigkeit kann nicht genau berechnet werden, da dann die spontan erhaltenen Meldungen auf die geschätzte Anzahl geimpfter Personen bezogen werden müsste. Erkrankung der Lymphknoten, allergische/schwerwiegende allergische Reaktion, Krampfanfall, Ohnmachtsanfall, Lähmung von Teilen des Körpers oder des gesamten Körpers (Guillain-BarréSyndrom), Lähmung des Gesichtsnervs, Rückenmarksentzündung, Entzündung der Armnerven (brachiale Neuritis), vorübergehender Gefühlsverlust oder Gefühlsstörung in der Gliedmaße, in die der Impfstoff verabreicht wurde, Schwindel, Schmerz in der Gliedmaße, in die der Impfstoff verabreicht wurde, ausgedehnte Schwellung der Gliedmaße (häufig in Verbindung mit Rötung und manchmal mit Bläschenbildung), allgemeines Krankheitsgefühl, Blässe, Verhärtung im Bereich der Impfstelle, Bauchschmerz.“  (Mein Sanofi, REPEVAX-Beipackzettel, S.5.) Meiner Meinung nach ist es allerhöchste Zeit, die Mediziner zum Maßhalten anzuhalten!                                                                                                                                                           Schon wenn sie auf die Welt kommen, sind heutige Menschen kontaminiert. Vor einiger Zeit untersuchten US-Wissenschaftler das Blut und das Nabelschnurblut von Neugeborenen. „Das Team wies 109 verschiedene Chemikalien sowohl im Blut der Mütter wie ihrer Kinder nach. Von diesen stammen 40 aus Weichmachern, 28 aus Kosmetika, 29 sind Arzneimittel und 25 sind typischerweise in Haushaltsmitteln enthalten. Aber auch 23 verschiedene Pestizide, drei Flammschutzmittel und sieben polyfluorierte Alkylverbindungen waren im Blut auch der Neugeborenen enthalten.“ https://www.focus.de/familie/eltern/kindergesundheit/kleine-studie-109-industriechemikalien-im-blut-neugeborener_id_13101501.html

Vermutlich hätte „mein“ Arzt den Tetanus-Einzelimpfstoff bzw. das Vakzin, wie es der Laie heutzutage hochachtungsvoll nennt, nicht einmal vorrätig gehabt. Wie wir unten sehen, rechnen sich Einzelimpfungen nicht, ebenso wenig wie das aufklärende Gespräch zwischen Arzt und Patient.

Bei kostencheck.de, wo man sich über allerhand Preise informieren kann, unter anderem für Türen und Fenster, aber auch für Baumkletterer und Haushaltshilfen, „von Badsanierung bis Zahnersatz“, wie es auf der Seite heißt, fand ich folgende Kostenaufstellung, die zwar schon veraltet sein dürfte, aber den kleinen alltäglichen Skandal dennoch verdeutlicht:


Art
PrivatzahlerVersicherte der gesetzlichen Krankenversicherung
Tetanus Einzelimpfung2 – 4 EURKostenfrei
Diphtherie, Tetanus (2-fach)4,50 – 5,70kostenfrei
Tetanus, Diphtherie, Polio (3-fach)12,75 – 23,33Kostenfrei
Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten (4-fach)34,60kostenfrei
Müssen Sie die Kosten für die Immunisierung zunächst selbst begleichen, beachten Sie bitte, dass die Preise für die Impfstoffe durch Kostenanpassungen der Hersteller etwas von obigen Angaben abweichen können.

https://kostencheck.de/tetanus-impfung-kosten

Elfchen im Fünften: Der Öko-Hund

Auf der Siedlungs-Wiese an der S-Bahn-Trasse wurden vor einigen Jahren neue Bäume gepflanzt. Die Park-Bäumchen stehen isoliert und sind weder durch Unterholz noch durch schattenspendende Nachbarbäume geschützt.

Einzelne Bäume sind eingegangen, wieder andere (die Mehrzahl) hätten die ungewöhnlich trockenen Sommer wohl kaum überlebt, wenn nicht einige Bewohner der autofreien und der benachbarten Wohnsiedlung regelmäßig für Wasser gesorgt hätten. Ein aufwendiges Unternehmen.

Mein Nachbar, der hier Pudel Moritz ausführt, hatte, wenn es heiß war, schon im Jahr 2019 mehrmals täglich bei sich zu Hause zwei große Gießkannen mit Wasser gefüllt. Er hatte sich die schweren Kannen an den Fahrradlenker gehängt und war damit zur ca. 200 m entfernten Wiese gefahren. Das sah bekloppt aus, war aber dringend notwendig.

Im letzten Jahr hat dann der Siedlungs-Verein Nachbarn60 die Initiative ergriffen: „Mitte Juni 2020 hat der Verein Nachbarn60 gegenüber der Stadt Köln eine Patenschaft für die Bäume auf den großen Grünflächen unserer Siedlung übernommen. Die Stadt bzw. die Rheinenergie hat uns für den Sommer 2020 ein Hydranten-Standrohr zur Verfügung gestellt und die Wasserkosten übernommen….“ Weiterlesen und Fotos angucken auf: https://www.nachbarn60.de/baeume-giessen.html

In diesem Jahr wird das sinnvolle und für die Bäume überlebensnotwendige Projekt weiter geführt. Hässliche grüne Kunststoffsäcke, die regelmäßig mit Wasser gefüllt werden und das Wasser über mehrere Tage hinweg gleichmäßig abgeben, zeugen von einer fortschreitenden Katastrophe, die man beschönigend „Klimawandel“ nennt. Hier, wo man anders als im dichten Wald die Bäume zählen kann, geht es um jeden einzelnen Baum. Da helfen keine Klagelieder („Mein Freund der Baum, ist tot“… Alexandra). Da hilft nur Wasser.

Doch das Befüllen macht viel Arbeit. Um auf das Projekt hinzuweisen und Helfer zu finden, hat der Nachbarschaftsverein Schilder an die Bäume gehängt.

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Ich glaub, ich steh im Schilderwald. Dieses ist nur eines von dreißig oder mehr. Hätte es nicht gereicht, nicht an alle betroffenen Bäume, sondern nur an einzelne ein Schild zu hängen? Und warum sagt der Baum „Ich“, warum nicht „Wir“ ? Aber ich meckere jetzt nicht mehr, denn das Projekt ist großartig und ich… drücke mich mal wieder vor der Mitarbeit. 

Ein weiterer Vorteil der Kunststoffsäcke besteht darin, dass die Hunde nicht mehr direkt an den Baumstamm pinkeln können, was den Bäumen ebenfalls schaden kann. https://www.tagesspiegel.de/berlin/hunde-urin-hoelzer-helfen-nicht/202754.html

Ich bat Hund Freki, vierbeiniger Bewohner der autofreien Siedlung Stellwerk 60, uns zu demonstrieren, wie sich der moderne Rüde klima-korrekt verhält, was er auch gleich umgesetzt hat.

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Sophisticated…

Mich hat Frekis vorbildliches Verhalten zum Elfchen des Monats inspiriert:

Wie

raffiniert er

den Sack umdefiniert

und sein Revier markiert!

Wau!!!

***

Elfchen im Vierten: Dicke Hunde

Der immer resoluter werdende bürokratische Zugriff macht auch vor den Haustieren nicht halt. Kürzlich ist dem Ordnungsamt aufgefallen, dass unser Hund Freki (11) zwar ordnungsgemäß beim Kassen- und Steueramt der Stadt Köln gemeldet ist, wo wir seit elf Jahren Hundesteuer bezahlen, nicht aber beim Amt für öffentliche Ordnung.

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Blechschaden: Als Freki Mitarbeitern des Ordnungsamts auffiel, trug er dummerweise keine Hundemarke, denn die alte war nach jahrelangem Dauergebrauch unbrauchbar geworden und vom Halsband gefallen. Eine neue hatte ich zwar ordnungsgemäß unmittelbar beantragt, aber coronabedingt dauerte es ganze fünf Wochen, bis sie im Briefkasten war. Die Stadt Köln spart seit ein paar Jahren an den Hundemarken und gibt neue nur noch auf Nachfrage aus… Nebenbei gesagt:  Die Erkennungsmarke der Soldaten, durch die „Gefallene“ identifiziert werden können, heißt in der Soldatensprache „Hundemarke“ (s. wikipedia).

Wir dachten immer, man müsse nur sogenannte „Kampfhunde“ beim Ordnungsamt anmelden. Aber laut Gesetz, so wurde ich belehrt, gelten seit 2002 in NRW nicht nur einzelne „gefährliche Hunde“ und „Hunde bestimmter Rassen“ als Sicherheitsrisiko, sondern auch alle großen Hunde über 20 kg und ab 40 cm Widerristhöhe. Obwohl gerade große Hunde in der Regel freundlich und gelassen sind, wird unterstellt, dass von ihnen eine „Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgeht“. (LHundG NRW)

Die Verordnungen zur Hundehaltung werden von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Für große Kölner Hunde gilt das Landeshundegesetz – LHundG NRW, § 11 (Fn 3): „Große Hunde dürfen nur gehalten werden, wenn die Halterin oder der Halter die erforderliche Sachkunde und Zuverlässigkeit besitzt, den Hund fälschungssicher mit einem Mikrochip gekennzeichnet und für den Hund eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat und dies gegenüber der zuständigen Behörde nachweist.“

Da ich von der „zuständigen Behörde“ wissen wollte, warum ein großer Hund per se sicherheitsgefährdend sein soll, gab ich auf einer Internet-Seite der Stadt Köln am 30.3. spätabends folgende Warum-Frage ein:

„… Guten Tag, ich würde gerne wissen, WARUM schwere (meistens sehr sanfte) Hunde beim Ordnungsamt gemeldet werden müssen. Ein Berner Sennenhund tut doch keinem was zuleide. Herzliche Grüße, Lisa Wilczok…“

Bereits am nächsten Morgen bekam ich per Mail folgende Antwort:

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Leider ist diese Antwort keine Antwort auf mein WARUM. Und ich erfahre: Das eigentliche Sicherheitsrisiko sind gar nicht die großen Hunde, sondern deren Besitzer. Doch warum soll ich als Halterin eines ungewöhnlich groß und schwer geratenen Australian Shepherd weniger zuverlässig sein als das Frauchen des Wadenbeißers?

Im Wikipedia-Beitrag zum Hundegesetz für das Land Nordrhein-Westfalen fand ich dann einen Hinweis, und zwar auf einen Tatbestand mit der Bezeichnung „Umrennen von Passanten“. Vermutlich wird dieses „Umrennen von Passanten“ großen Hunden zur Last gelegt. Und entsprechend wird uns Haltern großer Hunde unterstellt, dass wir uns mit großen Hunden bewaffnen, um Mitmenschen zu Fall zu bringen.

Ich wäre schon einmal auf der Neusser Straße fast über einen kleinen Kläffer gestolpert, aber dass mich ein großer Hund umgerannt hat, ist mir noch nicht passiert. Und könnte es nicht sein, dass in den meisten Fällen gar nicht die Hunde die Passanten, sondern die Passanten die Hunde umrennen?

Das Hundegesetz, so lese ich, habe von Beginn an Wirkung gezeigt: „Als Erfolg des Gesetzes wird gewertet, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle gegenüber 2003 um ein Viertel, des von Umweltminister Eckhard Uhlenberg vorgestellten Berichts des Umweltministeriums zufolge, auf 2.210 Beißvorfälle und 1.627 sonstige Vorfälle (wie das Umrennen von Passanten) im Jahre 2007 gesunken sei.“ (wikipedia)

Ein fragwürdiger Bericht. Dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle (inklusive „Umrennen von Passanten“) zwischen 2003 und 2007 zurückgegangen ist, heißt noch lange nicht, dass es weniger Vorfälle gab. Vermutlich wurden und werden Beißereien und andere Zusammenstöße nur seltener gemeldet, da immer höher werdende Ordnungs-Strafen drohen (Geldstrafen, Entzug der Hundehalte-Erlaubnis etc.).

…. Nebenbei gesagt: Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Eckhard Uhlenberg (CDU) im Jahr 2008 den „Erfolg des Gesetzes“ vermeldet hat, eines Gesetzes, das mehr Sicherheit verspricht. Dabei stellte Eckhard Uhlenberg in seiner Amtszeit als NRW-Umweltminister (2005-2010) ein großes Sicherheitsrisiko für Mensch und Tier dar. (Stichwort: Trinkwasserkontamination an der Ruhr, u.a. durch PFT, siehe wikipedia, aber auch: https://web.archive.org/web/20161024170535/http://www.derwesten.de/politik/eine-teure-justizposse-im-hause-uhlenberg-id9027.html)

Große Hunde sind oft selbstbewusst, weil Artgenossen und Menschen Respekt vor ihnen haben. Unser großer Hund verschafft sich gerne bellend Gehör, aber er beißt nicht. Freki rennt keine Passanten um, sondern macht einen Bogen um Menschen, die er nicht kennt.

Freki, geboren am 3.3.2010 in Vettweiß, Hundesteuer-Identifikationsnummer 17924, Heimtierausweis-Nr. DE 05 1121584, Alphanumerischer Transponder-Code (Chip) Nr. 276 097202029575, ist ein fälschungssicherer Hund und…

sanftmütig

wie Båtsman.

Doch dicke Hunde

schupsen kleine Kinder um

Bum

Kleine Hunde müssen nicht beim Ordnungsamt angemeldet werden. Dabei richten gerade die kurz geratenen, mit spitzen Zähnen ausgestatteten, respektlosen Kläffer oftmals erheblichen Sachschaden an.

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Diesen Sitzplatz für Menschen hat der Kölner Boston-Terrier Henri (Name geändert) auf dem Gewissen (wenn er eines hat). 

Hunde unterstützen uns Menschen als Hüte-, Blinden- und Therapiehunde. Hunde mögen uns, Hunde muntern uns auf. Hunde lassen uns im Lockdown Luft schnappen, sie machen die Maßnahmen erträglicher, denn sie versüßen uns die offiziell erlaubte Wanderung. Hunde setzen, weil sie ausgeführt werden müssen, die nächtliche Ausgangssperre außer Kraft.

Überhaupt sind Hunde wunderbare Lockdown-Begleiter. Dass der überhand nehmende Versandhandel Papiermüll-Probleme erzeugt, hat auch Freki erkannt. Es hat ihn auf eine gute Idee gebracht: Pappkartons zerlegt er neuerdings so, dass sie in der Blauen Tonne deutlich weniger Platz einnehmen.

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Mit elf Jahren hat Freki schon ein paar Zähne verloren, aber das stört ihn kaum. 

„Pfusch am Körperbau“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns am frühen Sonntagabend im Siedlungsladen über den Weg. Mir fehlt zum Kochen die Sahne, also bin ich schnell dahin. Der Dorfladen der autofreien Siedlung ist nicht ganz billig, aber gut sortiert und auch sonntags geöffnet. Die Frau Keuner hat ein paar Flaschen Früh gekauft und im Rollator verstaut. Sie trägt eine rosa OP-Maske, obwohl…

„Tach auch“, sach ich. „Aber haben Sie nicht ein Masken-Attest?“

„Ich muss mich schützen“, sagt die Frau Keuner.

„Vor Corona?“

„Ach wat. “ Die Frau Keuner grinst. „Ich muss mich vor den blöden Sprüchen schützen. FFP2 geht gar nicht, da kommt keine Luft durch, aber die sogenannte OP-Maske kann ich für ein paar Minuten anhaben, ohne dass ich Atemnot krieg. Ich hab keinen Bock, permanent angepflaumt zu werden, weil ich keine Maske anhab. Hier im Dorfladen sind die Leute ja nett und entspannt, kein Kassenband, kein Stress, die Kunden verteilen sich, freundliche Mitarbeiter und immer Zeit für ein Schwätzchen. Aber in den Supermärkten sind die Leute ja dermaßen giftig geworden. Die gehen aufeinander los, anstatt sich mal endlich zusammenzuraufen. Kennst du noch die Hundehasserin?“

„Meinen Sie die fiese ältere Frau, die immer das Ordnungsamt alarmiert hat, wenn man mit dem Hund die Wiese betreten hat?“

Die Frau Keuner nickt: „Genau die.“

„Ich dachte, die ist tot. Seit Corona hab ich die nicht mehr gesehen.“

„Die ist nicht tot, die ist nur woanders unterwegs“, sagt die Frau Keuner. „Im REWE. Die geht jetzt nicht mehr auf die Hundebesitzer los. Die ist jetzt keine Hundehasserin mehr, sondern das, was sie eigentlich immer schon war: Eine Menschenhasserin. Die geht nicht mehr draußen spazieren. Die spaziert jetzt durch den REWE, die Gänge rauf und runter, die schiebt einen Einkaufswagen vor sich her und wartet darauf, dass einer kommt, der eine falsche Maske trägt oder eine verrutschte oder gar keine. Dann geht die mit dem Einkaufswagen auf den Menschen zu und versperrt ihm den Weg….“ Die Frau Keuner hört auf zu reden, zieht kurz die Maske runter und reibt sich die Nase.

„Hat die auch Ihnen den Weg versperrt?“, frage ich leise.

„Ja“, sagt die Frau Keuner. „Die hat ihren Einkaufswagen gegen meinen Rollator gedrückt. Ich wäre fast umgefallen. Das war vor ein paar Wochen, als es im REWE an der Nohlstraße noch die Einkaufswagen-Pflicht gab. Keinen Einkaufswagen?, hat die Menschenhasserin gefragt. Nein, hab ich gesagt. Ich bin auf die Gehhilfe angewiesen und von daher von der Einkaufswagen-Pflicht befreit. Dass ich von einer Pflicht befreit bin, während sie zur Pflichterfüllung verpflichtet ist, hat der Frau gar nicht gefallen.“

Die Frau Keuner macht eine kurze Atempause und redet dann weiter: „Ich hab der Frau gesagt, dass ich auch von der Maskenpflicht befreit bin, weil ich Asthmatikerin bin und ein Attest hab. Na und, hat die mich angegiftet, dann soll man nicht einkaufen gehen, sondern sich die Ware liefern lassen, denn ohne Maske gefährden Sie uns alle, ob mit oder ohne Attest. Und in Ihrem Alter und in Ihrem desolaten gesundheitlichen Zustand sollten Sie ohnehin nicht einkaufen gehen: Oder… Ich sag dir, die ist richtig fies geworden: Oder haben Sie sonst nichts?“

Die Frau Keuner holt ein Tüchlein aus der Tasche und tupft sich ein paar Tränen ab. „Ich will an der vorbei, aber die lässt mich nicht. Dann wird die richtig fies, die lächelt, beugt sich zu mir, nimmt kurz die Maske ab, haucht mir ihre Aerosole ins Gesicht und sagt mir leise ein Wort ins Ohr: Träumerin. Dann hat die noch was gesagt, diesmal laut: Sie sind die asozialste Person, die mir jemals begegnet ist. Sofort sind ein paar Kunden gekommen, die das gehört haben, und haben sich hinter sie gestellt: Jawoll! Mir sind blöderweise die Tränen gekommen. Zwei junge Frauen haben zu mir gehalten. Das hat gut getan. Mir ist nichts passiert, ich hab ja mein Attest. Aber ich kann nicht mehr. Ich zieh jetzt immer die Maske auf. Auch hier.“

„Ich bin oft im REWE in der Nohlstraße“, sage ich. „Weil der der nächste ist. Aber ich habe die Frau da noch nie gesehen.“

„Die wechselt die Filiale“, sagt die Frau Keuner. „REWE zieht ja überhaupt die Kontrolleure an. Im REWE an der Neusser Straße gibt es doch vorne im Eingangsbereich einen kunstledergepolsterten Stuhl. Auf diesem ollen Stuhl sitzt jetzt manchmal ein Rentner, der aufpasst, dass die Leute nur den Laden betreten, wenn die Corona-Einlass-Ampel auf grün steht. Der Mann geht ja noch. Der ist vielleicht obrigkeitshörig, aber noch lange kein Menschenhasser. Auch wenn nichts los ist und die Ampel rot zeigt, obwohl das nicht stimmen kann, bleib ich stehen, damit der seinen Spaß hat. Der Mann ist glücklich, denn er hat eine Aufgabe. Früher war er Schülerlotse, hat er mir erzählt. Es ist bescheuert, aber ich freu mich für den.“ Die Frau Keuner muss husten. Wir gehen vor die Tür. Das Husten wird direkt weniger, als die Frau Keuner die Maske abnimmt. Sie seufzt so tief, wie ich nur selten jemanden hab seufzen hören.

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Schöne neue Welt: Plakat zu „Dürfen die das“, einer Kampagne der Stadt Köln, die am 19.1.2021 gestartet wurde. In einer Presseerklärung der Stadt Köln heißt es: „Der kommunale Ordnungsdienst hat laut Gesetzgeber (Polizeigesetz NRW in Verbindung mit dem Ordnungsbehördengesetz NRW) nahezu identische Befugnisse wie die Polizei. Vielen Menschen ist dies nicht bewusst, einige wenige wissen es – und sind dennoch nicht kooperativ bei Kontrollen.https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22877/index.html Vor Corona ist man hier, an der Neusser Straße in Nippes, den Ordnungskräften nur dann begegnet, wenn sie parkende Autos kontrollierten („Ahndung von Verkehrsordnungswidrigkeiten“). Seitdem jedoch die Corona-Maßnahmen durchgeführt werden, ist das Ordnungsamt allgegenwärtig. Das färbt leider auch auf „kooperative“ Spießbürger ab, die sich mächtiger denn je fühlen und einen fiesen Spaß daran haben, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger im Namen von Ordnung und Sicherheit zu maßregeln, zu drangsalieren und zu denunzieren.

„Das tut so weh“, sagt die Frau Keuner.

„Haben Sie Schmerzen?“, frage ich vorsichtig.

„Auch“, sagt die Frau Keuner. „Seit der Hüft-OP. Das war Pfusch am Körperbau. Ich weiß nicht, ob der Norbert Blüm nach seiner Hüft-OP auch ein verkürztes Bein hatte, aber der hatte wie ich eine schwere Infektion und als Folge davon eine Blutvergiftung. Aber anders als der Blüm lebe ich noch. Das ist das Schöne an diesen Infektionen. Multiresistente Keime machen keinen Unterschied zwischen den Privatversicherten und den Kassenpatienten. Übrigens würde ich gerne wissen, wie viele der Corona-Patienten sich auf den Intensivstationen mit Krankenhauskeimen infizieren. Das Intubieren soll ja eine Hauptursache sein.“

Wir gehen langsam die Rampe hoch. Der Laden liegt unter dem Straßenniveau, deshalb muss die Frau Keuner den Rollator eine Betonrampe hochschieben. „Du kannst mich ruhig nach Hause begleiten“, sagt sie. „Aber bitte nur bis zur Tür. Mir fehlt alle Energie zum Aufräumen. Seit Corona ist meine Behausung nur noch ein Dach überm Kopp.“

Die Frau Keuner bleibt immer wieder stehen. „Ohne eine Flasche Bier am Abend oder auch drei oder vier würde ich die Schmerzen nicht aushalten. Sei froh, dass deine Gelenke noch taugen. Aber du konntest dich ja immer schonen. Da sitzt du auf dem Sofa und schreibst Geschichten. Und alle halbe Stunde zapfst du dir dein frisches Käffken aus der Siebträgermaschine. Hätte ich auch gerne. Hömma, dir geht es zu gut.“

„Das Gerüst ist ab“, sage ich. „Immerhin.“

„Lenk nicht ab, geh mal lieber zurück in den Laden und hol uns beiden ein kühles Kölsch für unterwegs, aber lass dir die Flasche aufmachen…“

 

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21.2.2021: Kinder nutzen das schöne Vorfrühlingswetter, breiten Decken aus und bauen Flohmarkt-Stände auf – wie früher, d.h. vor Corona.                                                                                     Im Hintergrund ist ein eingerüstetes Gebäude zu sehen. Wir schauen auf die Vorderfront eines Gebäudekomplexes  mit zahlreichen, zum Teil öffentlich geförderten Mietwohnungen, mit Villa Stellwerk, dem einzigen Mehrgenerationenhaus innerhalb der autofreien Siedlung, mit Wohnungen für Menschen mit „Betreuungsbedarf“, mit einer Physiotherapie- Praxis sowie einer Praxis, die sich drei Hebammen, zwei Heilpraktikerinnen und eine Jugendpsychotherapeutin teilen – sowie dem einzigen Lebensmittelgeschäft auf dem Stellwerk 60-Gelände. Vermieter: GAG Immobilien AG                                                                                                                                           Ausgerechnet dieser wohl facettenreichste Gebäudekomplex innerhalb der Siedlung wurde in den Monaten zwischen Juli 2020 und März 2021 zu einer Art „Mahnmal“ für „Pfusch am Bau“.  Das marode Dach musste nach nur 12 Jahren komplett saniert werden. Erste Schäden ( Schimmel, Feuchtigkeit) hatten sich allerdings schon kurz nach Fertigstellung gezeigt.  Dabei hatte Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegen genommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“,  sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet.  Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Projekt. Aalglatt: „Auf dem gesamten Areal ist weder das Fahren noch das Parken von Autos zugelassen. Mehrfach ausgezeichnet steht Stellwerk 60 für einen modernen und zeitgemäßen Wohn- und Lebensstil in mitten eines der lebendigsten und beliebtesten Viertel Kölns.“ Es dürfte nicht zuletzt der Referenz auf die autofreie Siedlung zu verdanken sein, dass BPD derzeit in Köln-Lind eine „Klimaschutzsiedlung“ baut.      Dem Pfusch am Bau zum Trotz ist Stellwerk 60 nach wie vor ein großartiges Projekt, das die Stadt Köln endlich unter (Denkmal)- Schutz stellen sollte. Immer noch aktuell (wenn nur die Coronoia nicht wäre): https://stellwerk60.com/2016/06/19/land-der-ideen/

Karnevals-Elfchen im Zweiten: Köln feiert nicht, aber dafür ordentlich

In diesem Jahr fällt in Köln der Karneval aus. Nicht einmal private Feiern sind erlaubt. Mittlerweile kann sich die Kölner Stadtspitze sicher sein: Angesichts drohender Bußgeld-Strafen und drohendem Eintrag in eine Art „Corona-Vorstrafen-Register“ wird sich das Närrische Volk selbst am Rosenmontag an die Vorgaben halten.

Zu Beginn des Karnevals-Session sah das noch anders aus. Da musste die Stadt Köln sich noch was einfallen lassen, um den Leuten den Verzicht schmackhaft zu machen. Man startete eine große Werbeaktion und brachte ein neues kölnisches „Wir“ ins Spiel. Zur Erinnerung: Der Kölner Karneval steht seit jeher für ein kölnisches „Wir“. So singen wir mir den „Bläck Fööss“ seit fast 50 Jahren: „Mer Losse D’r Dom En Kölle.“ (Wir lassen den Dom in Köln.)

Da das „Wir“ zur Pflicht erklärt wurde und wird, ist das neue kölnische „Wir“ eine Attacke auf unser freiheitlich-kölnisches Wir-Gefühl. „Wir alle müssen auf das Feiern am 11.11. verzichten“, sagte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker damals mit erhobenem Zeigefinger, was mich an Angela Merkel erinnerte: „Es gilt das Motto: ‚#diesmalnicht‘. Wir wollen weiter als Hochburg der Jecken gelten – und nicht als Hochburg der Infektionen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Weil „wir alle“ nicht feiern durften, war die Stimmung am 11.11. entsprechend öde. Als ich an jenem Mittwoch spätnachmittags hier in Nippes über die fast menschenleere Neusser Straße ging, entdeckte ich eine Karnevalsmülltonne. Offenbar hatten AWB-Mitarbeiter zum Karnevals-Auftakt wie jedes Jahr zusätzliche Mülltonnen aufgestellt. War es der AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH entgangen, dass am 11.11.2020 alle Karnevalsfeiern und auch der Kauf und Verkauf von Alkohol verboten waren? Ich fragte nach und bekam folgende Antwort:

Die Mülltonnen sind aufgestellt worden…

Nur

für den

Fall, dass trotz

ausfallender Karnevalsfeste Festabfälle anfallen

Alaaf!

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Dezember 2020: Diese vergessene Karnevals-Müll-Tonne (Nippes, Neusser Straße, stadtauswärts auf der rechten Straßenseite, Höhe Tchibo) stand kurz vor Weihnachten immer noch dort und ist irgendwann weggeräumt worden, um den Restmülltonnen der privaten Haushalte Platz zu machen. ———–    Februar 2021: Da in diesem Jahr der Karneval ausfällt, sind die Karnevals-Mülltonnen im Februar nicht mehr aufgestellt worden. Diese Tonne stand übrigens genau da, wo am Karnevalsdienstag „immer“ der Nippeser Karnevalsumzug vorbei läuft. Schön für die Stadt Köln: Da mit dem Karneval auch die Karnevalszüge ausfallen, fällt in diesem Jahr auch kein Zugabfall an. ———– Doch wenn er  öffentlich ausfällt, fällt der Abfall zu Hause an. Insbesondere die Gelben Tonnen quellen im Lockdown über.  Nicht nur in Herne und Mönchengladbach warnen sogenannte „Mülldetektive“: „Mehr Müll durch Corona“ https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/die-muelldetektive-mehr-muell-durch-corona-100.html Nach Weihnachten registrierten private Mülldetektive bzw. Abfallspitzel, dass die Deckel der Papier-Mülltonnen durch die Bestückung mit Versand-Kartons  vielerorts hochstanden und sich nicht mehr schließen ließen, was bei stürmischem Wetter zu einer Vermüllung der Umgebung beitragen kann und auch tatsächlich beitrug. Da die Menschen auf den Versandhandel angewiesen sind, droht in England mittlerweile sogar ein Pappwerden der Knappe (pardon: Knappwerden der Pappe). Kein Scherz: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lieferprobleme-im-vereinigten-koenigreich-wird-die-pappe-knapp-a-186fa640-8f64-427b-ba0f-db73fbff26ac

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Corona-Elfchen: Schöne Aussicht (Bellevue)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist mir nicht unsympathisch. Beeindruckt war ich (wie viele andere Menschen auch), als Steinmeier im Jahr 2010 seiner schwerkranken Ehefrau Elke Büdenbender eine Niere gespendet hat. Er ist, wie es scheint, ein eher sanftmütiger Mann, der in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge schlägt, ganz anders als etwa Markus Söder (Bayern) oder Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen), zwei Ministerpräsidenten, mit denen neuerdings der Donald durchgeht.

Ich denke da insbesondere an Laschets berühmt gewordenen autoritären „Weihnachtssatz“. Ende November hatte er in der „Welt am Sonntag“ gesagt: „Es wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben.“ Laschet, so lese ich bei wikipedia, wurde als Student Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KDStV Aenania München und KDStV Ripuaria Bonn. Beide Verbindungen, denen ausschließlich Männer beitreten können, sind autoritär strukturiert. Zwar sind diese Männerbünde ausdrücklich „nichtschlagend“, doch wie wir wissen, können auch und gerade Worte verletzen. Verbale Schmisse sitzen tief – und die Narben sind unsichtbar.

Später hat Laschet nach öffentlicher Kritik den Satz „relativiert“. Im ZDF-„heute-journal“ sagte er: „Natürlich ist es auf Lesbos schlimmer und natürlich ist es in Afrika in Elendsvierteln schlimmer. Das ist ja alles wahr. Aber die Botschaft ist: Dieses Weihnachten wird anders sein als alle Weihnachten, wie wir sie kennen. Es wird Verzicht bedeuten.“ Höre ich da eine klammheimliche Freude durch?

„Verzicht“ war auch eine Botschaft der diesjährigen Weihnachtsansprache von Bundespräsident Hans-Walter Steinmeier. Ich gucke mir die Rede, gehalten am 1. Weihnachtstag, ein paar Tage später im Internet an. Diesmal, im Corona-Jahr, wirkt Steinmeiers Auftritt im Schloss Bellevue fast surreal.

Ausstattung und Bühne sind betont schlicht: Steinmeier hält die Rede im Stehen, er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Anzug, eine graugemusterte Krawatte, am Revers die Anstecknadel des Großen Bundesverdienstkreuzes. Die Brille ist mattrandig, das Puder reichlich dick aufgetragen. Nur das Brillenglas glänzt (der Zuschauer achte auf den weißen, sich auf dem Brillenglas hin- und herbewegenden Punkt). Die Fahne mit übergroßem Bundesadler ist nicht gehisst, sondern fungiert am rechten Bühnenrand als eine Art Vorhang. Der Baum, eine Tanne, ist einfach dekoriert. Rote Kugeln an roten Bändern, weiße Kerzen in einfachen Kerzenhaltern. Ein Kronleuchter im Hintergrund, einziges Luxusstück, ist ebenfalls mit weißen (echten?) Kerzen bestückt.

Hier wird nicht geprotzt, so will man uns sagen. Auf Schloss Bellevue ist alles anders als in Washington D.C., wo die luxus- und dekorationsverliebte First Lady Melania einmal unzählige Weihnachtsbäume bringen ließ, um das Weiße Haus in einen leuchtenden Nadelwald zu verwandeln. Nein, hier sind neben dem Wachpersonal viele fleißige ungenannte Helferinnen und Helfer am Werk, die den Bundesfundus, da alles ordentlich gelistet ist, gut kennen, und die ganz genau wissen, in welcher Kiste sie die alten, vielfach benutzten Strohsterne finden, die alle Jahre wieder den wichtigsten deutschen Tannenbaum schmücken und der ganzen zugeschalteten Welt zeigen, wie redlich, wie ehrlich, wie tüchtig und bescheiden wir Deutsche doch sind.

Steinmeier sagt, dass sich in der Krise gezeigt habe, „wie viel wir doch miteinander bewegen können“. Was und wen er mit „miteinander“ meint, ist mir nicht ganz klar. Steinmeier redet in einem schnurrenden, einlullenden Ton. Der Mann hat keine Mimik. Ziemlich steif steht er da. Überhaupt ist die Szenerie unbeweglich. Befindet sich Steinmeier vor einer Fototapete? Doch jetzt…. flackert eine Kerze, dann zwei, dann… Irgendwo in Bellevue muss jemand ein Fenster geöffnet haben, um stoßzulüften und das Virus zu vertreiben…

Denn das Virus hat keinen Respekt vor der Macht und schon gar nicht vor älteren mächtigen Männern. Und es kennt, wie eine angstvolle Angela Merkel schon zu Ostern gesagt hat, keine Feiertage. Doch ihre Angst ist, so denke ich, eigentlich weniger eine Angst vor dem Virus als eine Angst vor dem Verlust von Privilegien und Macht, eine Angst vor der Klimakatastrophe und der Weltwirtschaftskrise.

Angela Merkels bieder-spitzfindige Personifizierung des Virus‘, das keine Feiertage kennt, hat der allzeit abwehrbereite Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, der aktuelle Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes und Präsident des CPME in Brüssel, Talkshow-Dauergast Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, in der TALKSHOW „MAYBRIT ILLNER“ aufgegriffen und weiter zugespitzt: „Das Virus kennt kein Weihnachten, keinen Ramadan und kein Chanukka, es kennt nur Opfer.“

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie politische Propaganda funktioniert, wie versucht wird, Menschen zu entmündigen und -insbesondere durch Text und Bild- zu manipulieren, aber ich verschiebe es auf später und werfe meinen Blick zurück nach Bellevue…

Das Fenster scheint wieder geschlossen zu sein, das Virus vertrieben, denn alles ist still. Unheimlich still, unwirklich still, windstill….. Hier in Bellevue spürest du kaum einen Hauch…

Im

Schloss ist

Ruh‘. Still brennen

die Kerzen, schweige auch

du

Ausblick:

Die Lage ist ernst, doch dank Impfung nicht hoffnungslos, wie uns Frank-Walter Steinmeier mit ernster, versteinerter Miene in seiner Weihnachtsansprache erzählte.

Doch ein paar Tage nach Weihnachten wurde es rund um Schloss Bellevue richtig neckisch und lustig. Ein PR-Berater muss zu Steinmeier gesagt haben: „Frank-Walter, in deiner Rede gab es einen Mangel an Wärme. Wir müssen das „Wir-Gefühl“ stärken. Erinnerst du dich an den alarmierenden Satz, den du vor zwei Wochen gesagt hast?“

Steinmeier zuckt die Achseln: „Wie war der noch, der Satz?“

Der PR-Berater klärt Steinmeier auf. „Dein Satz lautete: Die Lage ist bitterernst.“

Steinmeier reckt den Daumen und lacht: „Guter Satz, oder?“

Jetzt lacht auch der PR-Berater: „Frank-Walter, so gefällst du mir schon viel besser. Aber jetzt, wo die Impfung beginnt und das neue Jahr vor der Tür steht, brauchen wir gute Laune für alle. Hast du vielleicht eine Werbeidee? Vielleicht könnte man sich direkt an die Menschen wenden. Auf keinen Fall per Twitter, da bringen dich die Leute mit dem Trump in Verbindung. Frank-Walter, wie wär’s mit Instagram?“

„Ja“, sagt Steinmeier. „So können wir auch Oma und Opa dazu ermuntern, sich endlich ein Smartphone zu kaufen.“

Der PR-Berater runzelt die Stirn: „Die Großeltern haben mittlerweile fast alle ein Smartphone, aber die gucken nur Enkelkinderfotos. Das ist das Problem. Oma will nur die WhatsApp und sonst keine. Das muss anders werden. Aber ich hab da eine Idee. Wir könnten es so machen wie der 1.FC Köln. Im Frühjahr, als der Kölner Zoo wegen Corona geschlossen wurde und der FC pausieren musste, da ist doch der Hennes zum ersten Mal Vater geworden.“

„Welcher Hennes?“, fragt Steinmeier. „Meinst du den Geißbock, der nach dem Hennes Weisweiler benannt ist, das Maskottchen vom FC? Aber warum ist der Hennes Vater geworden?“

„Das Problem ist“, sagt der PR-Berater, „dass die Fans den Kontakt zum Verein verlieren, wenn der FC nicht spielt. Der Hennes ist ja bei den Heimspielen dabei. Aber der lebt im Kölner Zoo.“ Kichert: „Im Kleinen Geißbockheim.“ Dass der Hennes Vater wurde, und der Hennes wollte, und zwar mit der Inge, das war eine super Werbe-Idee von der Stadt Köln und vom FC. Frank-Walter, wir haben kein Königshaus mit süßen Kleinkindern. Wir brauchen ein Tier.“

Und was las ich ein paar Tage später auf zeit.de?

„…. Berlin (dpa/bb) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sucht einen Namen für einen Fuchs, der regelmäßig durch den Park seines Amtssitzes Schloss Bellevue in Berlin streift. «Dürfen wir vorstellen? Der heimliche «Schlossherr» von Bellevue, dem es im Park des Berliner Amtssitzes sichtlich gut gefällt», schrieb Steinmeier am Montag auf seiner Instagram-Seite. «Eine Namenstaufe ist schon länger fällig, daher unsere Frage an Sie: Wie soll unser Schlossfuchs heißen?» Aus allen Vorschlägen werde Steinmeier einen Namen auswählen, hieß es weiter…“

Man wendet sich hier nicht an Grundschulkinder, was ja ganz lustig wäre. Nein, der Adressat, das sind wir, die Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik Deutschland. Wir sind das Volk, das selig verblöden soll.

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Dieses hübsche Weihnachts-Rotkehlchen hat mir meine Tochter aus Durham/UK mitgebracht. Carla, 21, die in Heidelberg Psychologie studiert, verbringt dort ein Erasmus-Jahr. Angesichts des Brexits wird sie zu den letzten „Studierenden“ gehören, die (in England) noch in den Genuss des klassischen Stipendiums kommen. Den Robin hat Carla im Handgepäck transportiert. Im Flugzeug waren auf dem KLM-Flug von Newcastle (Risikogebiet) nach Amsterdam (Risikogebiet) am 4.12. fast alle Plätze besetzt, die Passagiere saßen dicht bei dicht und hatten unvermeidlichen, aber lukrativen Körperkontakt. Als der Snack (Zitronenkuchen), der inklusive war, gereicht wurde, nahmen fast alle die Gesichtsbedeckungen ab. Das mutierte Virus, so habe ich mir sagen lassen, mag Kuchen. Solange der Rubel rollt bzw. das Pfund oder der Euro, kräht da kein Hahn nach, sage ich in Anspielung auf einen ganz anderen Vogel.