„Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Tach auch“, sach ich.

Die Frau Keuner steht mit einem Mal neben mir an der Gesichtsmasken-Wühltheke auf dem Nippeser Wochenmarkt. Ich bin da gelandet, weil ich wie so oft meinen Mund-Nasen-Schutz zu Hause vergessen hab. Der Verkäufer hat mir eine hellblau-weiße Einweg-Maske geschenkt, damit ich mir in Ruhe eine wiederverwendbare aussuchen kann.

Die Frau Keuner hat ihren Gehwagen zwischen uns gestellt. „Damit du mir nicht zu nahe kommst. Ich hatte beim Wühlen schon öfter mal einen verseuchten Ellbogen in der Fresse, da brauch ich deinen nicht auch noch. Du willst dir also eine neue Stoff-Maske kaufen, weil du mit der Slipeinlage im Gesicht nicht rumlaufen willst. Was guckst du so, die Wegwerf-Masken sehen doch wirklich so aus, findest du nicht? Schlag du ruhig zu, ich grabbel nur bissken. Ich hab meine Maske zwar auch nicht mit, aber ich hab mir auf die Schnelle ein Einwegteil von der Straße gefischt. Da hat jemand eine Großpackung ausgekippt. Wie neu, das geht, regnet ja nicht.“

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Nippes, Thüringer Straße, Ende November 2020. Mittlerweile findet man weniger Zigarettenschachteln und Kippen auf der Straße als weggeworfene Einwegmasken. Hier sind Einwegmasken direkt auf oder neben dem Gulli-Deckel gelandet. Ab damit in die Kanalisation. Höchst riskant, denn längst trägt der Masken-Abfall zur Vermüllung der Strände und Meere bei.

„Wir haben uns an die Maske gewöhnt“, sagt die Frau Keuner. „Ist ja mittlerweile ganz normal. Was hab ich am Anfang geschrien. Und jetzt? Wenn man mir ohne überzeugenden Grund einen Arm amputieren würde, würde ich auch schreien, aber nach einer Weile würde ich nur noch leise wimmern. Keiner würde es hören. Und irgendwann würde ich mich dafür bedanken, dass man mir den anderen Arm drangelassen hat. So fühlt sich in Corona-Zeiten Glück an.“ Die Frau Keuner wirft mir eine bunte, keimfrei verpackte Maske rüber. „Ich würde die da nehmen, du stehst doch auf Paisley, oder? Eines kann ich dir versichern, ich…“

Die Frau Keuner gähnt und redet dann weiter: „Ich sage nie mehr, wie entwürdigend die Maske ist, ich sage nie mehr, dass der Maskenzwang uns demütigt, ich sage nie mehr, dass ich mit dem Stück Stoff ein „Jawoll, zu Befehl, Herr Spahn!“ im Gesicht trage, auch wenn es so ist. Nie mehr sage ich, dass es brutal ist, sechsjährige, vor Energie und Lebenslust sprühende Kinder zu nötigen, ihre Wünsche zu drosseln und eine Maske zu tragen, obwohl das Virus ihnen nicht viel anhaben kann. Ich sage nie mehr, dass die Zwangsmaßnahmen eine Attacke sind auf die Lebensfreude, die Hoffnung, die Liebe. Denn ich…“ Die Frau Keuner schluckt. „Ich muss dir was sagen, ich…“ Sie holt ein Tüchlein aus der Jackentasche, nimmt die Gesichtsmaske ab und schnäuzt sich die Nase.

„Frau Keuner“, frage ich leise. „Was ist denn? Sie sind doch nicht krank?“

Die Frau Keuner guckt mich lächelnd an: „Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“

„Nein!!! Das ist doch nicht Ihr Ernst?!“

„Wie laut man doch trotz Maske immer noch schreien kann“, sagt die Frau Keuner, lacht und zeigt auf eine Pyramide aus Schachteln mit Einwegmasken. „Rosa! Dat war sowat von überfällig. Immer und überall gab es ja nur hellblaue. Rosa, is dat nich süß? Rooosa. Ich hab der Angela Merkel 20 Stück zugeschickt, aber die sind wohl nie in Berlin angekommen. Vielleicht trägt die Merkel die rosa Masken privat, aber im Fernsehen sehe ich die immer nur mit dieser Werbemaske für die EU. Deutschland hat ja zur Zeit den EU-Ratsvorsitz inne und die Macht, deutsche Interessen durchzudrücken. Kennst du das deutsche Motto?“

„Nein“, sage ich leise. „Frau Keuner, können Sie bitte etwas langsamer reden.“

„Tut mir leid“, sagt die Frau Keuner, „aber ich hab wohl deine Auffassungsgabe überschätzt. Also… Das Motto für den deutschen Ratsvorsitz lautet: Gemeinsam. Europa wieder stark machen. Wieso wieder? Hömma, Europa wieder stark machen heißt übersetzt: Make Europe great again. Diese Abschreiber haben ausgerechnet den Trump beklaut! Die Werbetexter haben den Trump ja damals dermaßen beneidet für die verbale Kraftmeierei: Make America great again.

Europa wieder stark machen. Dabei sind sie gerade im Begriff, Europa genau da zu schwächen, wo Europa stark war: Die offenen Grenzen, der internationale Bildungsaustausch. Die Erasmus-Studenten haben zwar noch ihr Stipendium, aber die sitzen ihren Auslandsaufenthalt in Durham, Nantes oder sonst wo vor dem Rechner ab. Um Geld zu bekommen, müssen sie in der Universitätsstadt vor Ort sein, aber wozu? Fast alle Seminare sind online. Da ist nicht mehr viel mit Austausch. Apropos absitzen: Auf der Maske von der Merkel ist das EU-Logo mit der Möbius-Schleife. Eine Möbius-Schleife ist eine ohne Anfang und ohne Ende, und ohne Anfang und ohne Ende ist die Möbius-Schleife eine Endlosschleife, eine Warteschleife, und in so was sitzen wir alle drin.“ Die Frau Keuner löst die Bremse des Gehwagens. „Ich muss mich bewegen. Kommste mit? Im Reformhaus gibt es jetzt wieder dieses leckere frische Sauerkraut. Wär das nicht auch was für dich?“

„Heute nicht“, sage ich. Ich kaufe die Paisley-Maske, klemme mir die Schlaufen hinter die Ohren und ziehe das Teil über die Nase, weil gerade eben zwei Männer vom Ordnungsamt über den Markt patrouillieren. Ich begleite die Frau Keuner ein Stück. Langsam gehen wir die Viersener Straße Richtung Neusser. „Die Männer von der Straßenreinigung tun ihr Bestes“, sagt die Frau Keuner. „Die gehen ständig mit ihren Zangen durch die Straßen und picken Masken auf, aber das reicht nicht.“ Die Keuner zieht Plastikhandschuhe über. Ab und an bleibt sie stehen, bückt sich ächzend, pickt eine weggeschmissene Maske vom Bürgersteig und tut sie seufzend in eine kleine Plastiktüte.

Als wir an der Neusser Straße ankommen, drückt mir die Frau Keuner die Tüte in die Hand: „Für deinen Restmüll. Bei euch ist doch neuerdings mehr Platz in der Tonne. Lass dich angucken. Wusste gar nicht, dass du Röcke trägst. Hing dein Röckchen nicht letzte Woche noch bei Humana?“ Die Keuner grinst und summt eine Melodie, die mir bekannt vorkommt. Nicht singen, denke ich, bitte nicht, aber schon ist es passiert: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘ …“

„Pst“, mache ich. Die Frau Keuner hört auf zu singen und mustert mich: „Jetzt bist du über sechzig, deine Beine sind nicht mehr so schön wie früher, aber mit einer blickdichten Strumpfhose lassen sich die Besenreiser kaschieren. Ich sage dir was, du kannst Second-Hand-Klamotten anziehen, und es kommt immer noch elegant rüber, aber die Angela Merkel…“

„Was ist mit der?“

„Na ja, die Angela Merkel kauft Designer-Kleidung, aber die Designer-Kleidung sieht an der Merkel aus wie von der Stange oder aus dem Neckermann-Katalog der 60er Jahre. Das liegt nicht nur an der Figur, sondern auch daran, dass die Angela Merkel in der DDR aufgewachsen ist. Und in der DDR gingen die Kataloge von Quelle und Neckermann rum. Bestellen konnten die Ostdeutschen nicht, aber die Männer verguckten sich in die angebotenen Sportgewehre und die Frauen in die Klamotten. Bastelanleitungen für die Gewehre gab es nicht, aber Schnittmuster für die Kleider. Die wurden dann nachgenäht. Kaufen konnte man sie nicht, die wurden zwar vor allem in der DDR produziert, aber gegen Devisen an den Westen verkloppt. Doch Neckermann bleibt im Kopp, auch und gerade bei der Angela Merkel.“

Die Keuner macht endlich wieder eine Redepause, aber nur deshalb, weil sie eine Maske aufpicken muss. Ich halte das Tütchen auf.

„Aber diese kragenlosen Jacketts“, fängt die Keuner wieder an zu reden. „Die Blazer, die überm Hintern spannen, das geht eigentlich nicht. Die Corona-Zeit ist doch eigentlich eine Zeit ohne die Festessen, wo sich die Politiker auf unsere Kosten dick und doof fressen. Ich weiß nicht, warum die Merkel nicht dünner wird. Irgendwas stimmt da nicht. Vielleicht findet hinter den Kulissen das große Fressen immer noch statt. Stop, Maske!“

Die Keuner bückt sich, ist aber schnell wieder oben. „Weißt du, woran die Jacken von der Merkel mich erinnern? An ein chinesisches Einheits-Kleidungsstück, das in den 70er Jahren, als made in China noch nicht billig klang, in links-alternativen Kreisen angesagt war. Weißt du, was ich meine? Stichwort Unisex. Wir sind von Duisburg nach Düsseldorf gefahren, weil es da in der Altstadt einen Laden gab, wo die Jacken zu kaufen waren.“

„Meinen Sie die Maojacke?“, frage ich vorsichtig. Die Keuner grinst und nickt: „Die Merkel trägt Mao.“

„Ich muss jetzt“, sage ich. „Mir raucht der Kopf.“

„Zu viel Input, wa?“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Dann trennen wir uns jetzt. Aber ich hab was mit dir vor, denn ich wollte immer schon mal mit dir… Wusstest du schon, dass wir… Dass wir beide für morgen nachmittag 16 h verabredet sind?“

Ich schlucke: „Was haben Sie mit mir vor?“

„Corona-Sause im REWE“, sagt die Frau Keuner.

P1000709Diese Masken, darunter eine Kindermaske, habe ich auf der Straße gefunden, einige aus Pfützen gefischt. Es sind Handarbeiten. Ich habe sie bei 60° Grad gewaschen, also nicht einmal so heiß, wie es zur Abtötung von Viren empfohlen wird. Dennoch leiert schon bei 60° die Gummi-Litze aus, was zur Folge hat, dass die Maske von der Nase rutscht. Wäre das Virus wirklich so gefährlich, wie uns weisgemacht wir, wäre die (offizielle!) Empfehlung solcher Stoffläppchen grob fahrlässig.

Elfchen im Elften zum Karnevals- und Alkohol(ver)kaufsverbot: Auch ohne Bier und Wein…

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, kam an einem Rosenmontag ein Fotograf der WAZ in unseren Kindergarten, um Fotos vom Kinderkarneval zu machen. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war das kein Problem, denn die Fotografen wurden noch nicht kollektiv der Pädophilie verdächtigt, nur weil sie Kindergesichter fotografierten. Wir Kinder waren stolz und aufgeregt. Am nächsten Tag erschien dann in der Bottroper Lokalausgabe der WAZ ein Artikel. Da neben anderen Kindern auch meine Schwester und ich auf dem Foto waren, hatte meine Mutter den Artikel für uns aufgehoben. Er hatte eine neckisch-biederwitzige Schlagzeile, die aus 9 Wörtern bestand. (Um ein Elfchen daraus zu machen, habe ich 2 Wörter hinzugefügt.)

„Auch

Ohne Bier

Und Wein können

Wir fröhlich sein“ – Auch

Daheim!

Über die Biederkeit der Schlagzeile haben wir später noch viel gelacht (Und ich, eine passionierte Rotweintrinkerin, habe den Artikel bis heute aufbewahrt). Die Spießer, das waren die anderen, die uns nichts anhaben konnten.

Bis vor kurzem dachte ich, der piefige deutsche Humor sei ausgestorben. Doch „werch ein illtum“ (Ernst Jandl). In diesen traurigen Coronoia-Zeiten ist der Kleinbürger wieder da, feiert der latent aggressive deutsche Biederwitz fröhliche Urständ. Wer des Spießers Sprache fließend beherrscht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Virus kennt keine Feiertage“. Wäre ich ein Alien, könnte ich aus sicherer Entfernung über Frau Merkel lachen. Aber ich lebe auf der Erde, wo sich die Lage immer mehr zuspitzt. Der autoritäre Biederwitz spiegelt die Mentalität der meiner Meinung nach vollkommen unangemessenen bundesdeutschen Corona-Politik, die tatsächlich (und das zeigt der rigide Umgang mit Andersdenkenden) keinerlei Spaß kennt.

Zurück zum Karneval: Nun wissen wir alle, dass Kinder (zum Glück) keinen Alkohol mögen. Sie müssen auch nichts trinken, um einander näher zu kommen. Kinder sind Kindern nicht fremd. Sie gehen aufeinander zu und haben in aller Regel weder Angst noch Hemmungen. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind schon oft enttäuscht worden, wenn wir Nähe gesucht haben. Daher sind wir nicht mehr unbefangen.

Der Genuss von Drogen kann uns unbefangener machen. Allerdings sind gerade die halluzinogenen Drogen, etwa auch Cannabis, nur schwer kontrollierbar. Kiffen kann schnell dazu führen, dass uns ist, als säßen wir in der Achterbahn oder auf der Fähre von Dover nach Calais bei Windstärke 10. Der Verzehr von Space-Cakes kann aber auch eine ausgesprochen angenehme Wirkung haben. Unter günstigen Umständen ist Cannabis ein wunderbares Aphrodisiakum, denn manchmal wirkt es wie ein Bad in einer Art Jungbrunnen. Daher kann ich gerade vernünftigen älteren Menschen, die sich seit vielen Jahren gut kennen, gerne haben und einander vertrauen, eine Reise nach Alkmaar inklusive Einkehr im Coffeeshop nur wärmstens empfehlen, auch Joachim Sauer und Angela. Tatsächlich kommen wir auf diese Weise an verborgene Gefühle heran: „Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals….“

Alkohol kann solche Wunder nicht bewirken, ist aber viel besser kontrollierbar. In Maßen genossen fördert der Alkohol das friedliche und freundliche Miteinander. Ohne Sektempfang ist eine Hochzeitsfeier kaum denkbar. Im Karneval ist der Alkohol unerlässlich – trotz aller Schattenseiten (Kotzepfützen, Glasscherben, „Schnapsleichen“).

Mit dem Verbot der öffentlichen Feste zum Karnevalsanfang war zu rechnen, denn es ist Teil der allgemein bekannten Corona-Zwangsmaßnahmen, doch das absolute Alkohol(ver)kaufsverbot am 11.11. habe ich persönlich nur deshalb verkraftet, weil ich anders als des Rotkäppchens Großmutter über das alltägliche Viertel hinaus eh immer genug Wein vorrätig habe.

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„Alkoholverkaufsverbot“ am 11.11.. Die deutsche Sprache, insbesondere die Amtssprache, hat die Neigung, aufgeblasene Wort-Ungetüme zu kreieren, Begriffe, die sich aus einzelnen Wörter zusammen setzen und unter Umständen endlos in die Länge wachsen. Hier sind es die drei Wörter „Alkohol“, „Verkauf“ und „Verbot“. Der Siebensilber „Alkoholverkaufsverbot“ hat mit 21 Buchstaben nur eine Stelle weniger als das Zahlenungetüm IBAN. Beim Eintragen einer IBAN in einen Überweisungsträger ist nicht möglich, was hier gemacht wurde: Da das XL-Wort „Alkoholverkaufsverbot“ nicht auf die Tafel passte, wurde der Buchstabe „f“ weggelassen.

Im Verkaufsraum von Alnatura sagte mir ein freundlicher Mitarbeiter, dass das Fotografieren der Regale zwar nicht grundsätzlich verboten sei, dass er mich aber trotzdem bitten würde, es sein zu lassen. Ich versicherte ihm, dass ich nicht vom konkurrierenden (Wein)- Fach sei, gelobte Besserung und steckte den Fotoapparat zurück in die Tasche.

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Bescheuert: Gelbschwarze Absperrbänder spiegelten den Ernst der Lage.

In einem der berühmtesten und berührendsten Kölner Karnevalslieder spielt der Alkohol eine zentrale Rolle. Das Lied der Bläck Fööss erzählt vom alten Mann, der vor der Wirtschaftstür steht, kein Geld hat, aber so gerne dabei wäre. Doch dann kommt jemand aus der Kneipe heraus, geht auf den alten Mann zu und lädt ihn ein: „Drink doch eine met.“

Natürlich ist dieses Lied, das in einer Kneipe spielt, die wie jede Kölner Kneipe an Karneval proppenvoll ist, in Zeiten eines „Lockdown Light“ politisch nicht korrekt. Was tun? Die Antwort der Stadt Köln ist nachzulesen im aktuellen Newspaper der Stadt Köln. Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ein Impfstoff, wirksame Medikamente – auf diese Zeiten können wir uns jetzt schon freuen. Aber bis dahin bitte ich Sie, bitte ich Euch alle – und Ja, ich erwarte es auch –, in Abwandlung eines der schönsten kölschen Lieder zu sagen: ‚Drink doch KEINE met‘…!“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Liebe Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

ich weiß, dass Sie mit einem Karnevals- und Alkoholverkaufsverbot uns Bürgerinnen und Bürger vor einer Ansteckung mit Corona schützen wollen. Doch die Verbote gehen zu weit. Das Alkoholkaufsverbot ist entmündigend und respektlos gegenüber all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit dem Frühjahr an die Vorgaben gehalten haben. Es stellt uns unter einen Generalverdacht: Wir alle könnten mit Hilfe von Alkohol auch außerhalb eines der derzeit geschlossenen Superspreader-Orte (Kneipen und Restaurants) ein Superspreading-Event anzetteln, z.B. eine Karnevalsfeier.

Dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln ist bei der Werbekampagne für die Aktion „diesmalnicht“ ein schwerer Schnitzer passiert. Das Motto „Drink doch KEINE met“ ist nicht nur anbiedernd. Mit der Änderung des einen Worts wird ein Lied verhunzt und veralbert, das längst zum Kölner kulturellen Erbe gehört. Wir Kölnerinnen und Kölner lieben das Lied, auch ich als Wahl-Kölnerin. Nicht einmal der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der zwei Menschen das Leben gekostet hat und durch einen schweren Fehler im Rahmen des Ausbaus der U-Bahn verursacht wurde, hat „Drink doch Eine met“ etwas anhaben können, denn das Lied ist uns allen im Ohr – und wir tragen es in unserem Herzen…

Mit der Aufforderung „Drink doch KEINE met“ ändert sich das Lied von Grund auf. Ich erlaube mir, die Geschichte neu zu erzählen: Ein alter Mann steht vor der Wirtschaftstür…

„Hallo, Sie da“, sagt der Mann vom Ordnungsamt, der auf seinem Kontrollgang an der Kneipe vorbei kommt. „Ziehen Sie mal die Maske hoch, auf der Neusser Straße ist Maskenpflicht, gehen Sie besser nach Hause. Und ziehen Sie endlich die Maske hoch… Immer noch nicht begriffen, dass die Kneipe zu ist und es keinen Alkohol gibt? Drink doch KEINE met, verstanden? Klare Ansage von der Frau Reker. Kein Wenn und Aber. Was sagst du da, die Frau Oberbürgermeisterin will sich bei den Kölnern beliebt machen? Nur weil sie sagt, dass sie eine Jeckin ist und selber gerne feiern würde, aber uns zuliebe auch gerne ein Opfer bringt? Schwerhörig? Drink doch KEINE met! Was sagst du da, du willst gar nicht in die Kneipe, aber du kannst auch keinen Alkohol kaufen, und das, wo die Läden doch jetzt so lange auf sind? Hättest du doch gestern kaufen können. Hingen doch überall Informationen. Beim Aldi zum Beispiel, da bist du doch bestimmt Kunde. Was sagst du da? Im Frühjahr waren die Weinregale noch brechend voll, als längst kein Klopapier mehr da war? Das findest du einen Widerspruch? Außerdem…“ Der Ordnungsamtsmann rückt seine Maske zurecht und redet dann weiter: „Außerdem schwächt Alkohol dein Immunsystem und macht dich anfällig für Corona. Da kannst du der Frau Reker wirklich dankbar sein, denn ein Alkoholverkaufsverbot schützt dich. Aber die Stadt Köln hat eine frohe Botschaft für dich. Du bist über 80 und wirst als erster geimpft.“ Der Amtsmann grinst und singt: „Und häste och kei Jeld, dat es janz ejal. Ahler Mann, die Impfung kostet nichts!

Auf der Neusser Straße in Nippes war es gestern nachmittag, obwohl die Geschäfte geöffnet waren, seltsam still. Die wenigen Autos fuhren auffällig langsam. Es dämmerte, ich kam aus Richtung Agnesviertel und war ein bisschen melancholisch gestimmt. Doch auf der Höhe von Tchibo hörte ich mit einem Mal Musik, zunächst einzelne Klänge, die sich, als ich weiter ging, zu Liedern zusammensetzten. Vor dem Kaufhof stand ein Leierkastenmann. Der Mann hatte einen Hut voller Süßigkeiten neben den Leierkasten auf den Boden gestellt. Da er die Kurbel weiter drehte, musste ich dem maskierten Mann verboten nahe kommen, um zu verstehen, was er mir sagte: Greifen Sie zu, die Süßigkeiten sind noch von Halloween, ich hatte sie für die Kinder gekauft, aber die durften ja wegen Corona nicht klingeln, und es sind auch keine gekommen… Ich blieb eine Weile dort stehen – und habe selten erlebt, wie beglückend und berauschend Musik ist.

Elfchen im Zehnten: Was ist mit unserer Gesellschaft geschehen, wenn…

… Zwei

Fremde Menschen

Die einander umarmen

Fast ein Verbrechen begehen?

StaatsArmutszeugnis

Ich persönlich bin ein zurückhaltender Mensch und wäre verunsichert oder sogar schwer bedient, wenn mich eine fremde Frau bei usseligem Wetter anspräche, mich umarmte und bäte, drei Minuten stehen zu bleiben und mit ihr zusammen eine „lebendige Skulptur“ zu bilden. Menschen in den Arm nehmen, „um mit ihnen warm zu werden“, genau das machte die Kölner Künstlerin katharinajej bei ihrer Kunst-Aktion im Winter 2019.

Katharinajej hat damals Menschen gefunden, die nicht so distanziert sind wie ich und gerne mitgemacht haben. Denn wozu hat der Mensch zwei Arme? Das ist ja das Schöne: Wenn wir nur wollen, lassen wir uns nicht nur umarmen, sondern umarmen einander.

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Plakat zu einer Performance, die sehr lange dauern sollte –  Monatelang hing es am Rand des Wilhelmplatzes an der Kachelwand des  sogenannten Nippeser „Tadsch Mahal“ (Norbert Burger), eines  Klo/Kiosk/Trafo-Betongebäudes, das zwar heruntergekommen ist, aber als geselliger Ort vor allem bei gutem Wetter einen gewissen Charme hat (Beton-Tribünen-Sitzplätze mit Blick auf den Wilhelmplatz, Büdchen mit Kuchenverkauf und Kaffee-Ausschank). Vor dem Hintergrund einer Politik der sozialen Kälte mit ihren rigiden Corona-Abstands-Regeln bekam katharinajejs Aktion eine neue politische Dimension, die so wohl in keiner Weise geplant war. Großartig!

Wenn ich aus Richtung Stellwerk 60 zum Markt kam, fiel mein Blick jedes Mal auf das Plakat, das mich immer mehr berührte. Am 16. April habe ich es dann fotografiert – und anschließend von dort aus den Nippeser Wochenmarkt:

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Köln-Nippes, Wihelmplatz.Die Corona-Maßnahmen sind auch schlecht für die Umwelt. Nachdem im letzten Jahr auf dem Wochenmarkt Plastitüten eingespart wurden, wird  seit dem Frühjahr 2020 Obst und Gemüse auch aus Hygienegründen wieder vermehrt in  (meist gelbe) Tüten gepackt. 16. April: Noch gibt eine keine Maskenpflicht, also kann auch auf dem Markt ungestraft ein Apfel verspeist werden. Dass sie den Apfel allerdings nur in 50 und nicht in 20 Metern Entfernung zum Marktstand hätte essen dürfen, wusste diese Apfelesserin nicht. Die Verordnung ist ja auch ziemlich bekloppt.

In den ersten Coronoia-Wochen durften auf dem Wochenmarkt ausschließlich Nahrungsmittel verkauft werden, was die Zahl der Stände, die mit weitem Abstand zueinander aufgebaut wurden, deutlich reduzierte. Barrieren wie Klappkisten aus Plastik wurden aufgestellt und die Kunden nur einzeln vorgelassen. Erst am 20. April sollte der Markt wieder für alle Händler geöffnet werden, auch für die Verkäufer von Textilien und Haushaltswaren.

Da zu befürchten war, dass die Menschen einander zu nahe rückten, wurden Mitte April neue Beschränkungen festgelegt. In der „Corona Schutzverordnung NRW im Bereich der Kölner Wochenmärkte“ aus dem Monat April heißt es: „…Nutzen Sie den Markt zur Nahversorgung nur zum Einkaufen… Besuchen Sie den Markt möglichst alleine und nicht mit der ganzen Familie… Verzichten Sie auf Selbstbedienung… Halten Sie den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,5 bis 2 Metern zwischen Personen ein… Vermeiden Sie Menschenansammlungen… Beachten Sie, dass der Verzehr von Speisen und Getränken nicht direkt am Stand erfolgen darf, sondern nur in einer Entfernung von mindestens 50 Metern um den jeweiligen Marktstand…“ https://www.stadt-koeln.de/artikel/69523/index.html

In jener „Schutzverordnung“ wird an anderer Stelle bereits die Maskenpflicht ab dem 27.4. angekündigt, eine Maßnahme, die seither unsere Freiheit dermaßen einschränkt, dass ich sie nicht für möglich gehalten hatte. Mit Einführung der Maskenpflicht durften immerhin wieder mehr Stände aufgebaut werden. Die „neue Normalität“ hat überall ihren Preis: Auf dem Nippeser Wochenmarkt patrouillieren seit Ende April regelmäßig Sicherheitskräfte. Doch da man immerhin erkannt hat, dass die Leute die Strafgeld-Androhungen ernst nehmen und sich an die Maskenpflicht halten, sieht man mittlerweile von der Abriegelung des Wochenmarkts, die tatsächlich an einigen Wochenenden angeordnet und durchgeführt wurde, ab.

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Als ich am 28. Juni 2020 noch einmal die Kachelwand fotografierte, war in ganz Deutschland der Kultur- und Unterhaltungsbetrieb bereits weitgehend lahmgelegt. Sämtliche angekündigte Veranstaltungen des „Zirkus Roncalli“ auf dem Kölner Neumarkt (s.Plakat) waren längst auf 2021 verschoben worden. Katharinajejs Kunst-Aktion jedoch war nicht außer Kraft gesetzt, sondern wirkte weiter. Das Plakat sollte noch wochenlang hängen bleiben. Wann genau es von der Wand genommen wurde, weiß ich nicht.

Tatsächlich stattgefunden haben im Juni übrigens die Auftritte des Tanztheaters „Hairy“ (s. Plakat) mit dem Programm Der maskierte Friseur. Es klingt wie erfunden, ist es aber nicht. (Da auch die realen Friseure und Friseurinnen nach wie vor nur maskiert arbeiten dürfen und ich die Befürchtung habe, dass sie dadurch gehandicapt sind, sehe ich auch jetzt im Oktober keine andere Wahl und greife selber zur Schere.)

Ihre Förderer (u.a. das Kulturamt der Stadt Köln und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen) würden katharinajejs Aktion heute wohl kaum noch unterstützen. Dass man fremde Menschen in den Arm nimmt, ist angesichts von Corona ein schwerer Verstoß, nicht nur am Ballermann.

Wen die Corona-Zwangsmaßnahmen, die wir für die Wintermonate erwarten müssen, besonders hart treffen werden, sind die alten Menschen. Ich bin in den letzten Monaten einigen alten Menschen begegnet, die keine Angst vor Corona haben, aber vor einer weiteren Verschärfung der staatlichen Zwangsmaßnahmen.

Die Gesundheitswerbung hat, was alte Menschen betrifft, eine komplette Kehrtwende gemacht. Nachdem in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien herausfanden, was der gesunde Menschenverstand ohnehin wusste, dass nämlich Berührungen der Gesundheit zuträglich sind, wurde im Jahr 2019 von der Krankenkasse DAK körperliche Nähe zu alten Menschen propagiert: „Geht Omas drücken!“ Ab März war (und ist!), gerade was ältere Menschen betrifft, überall Distanz angesagt. Schnoddrig-lässig heißt es unrein gereimt von oben herab: „Bring Corona nicht zur Oma.“

Wer als besonders hilfebedürftig gilt, ist „Oma“. Die meisten Corona-Toten sind ja tatsächlich alte Frauen. Doch das liegt vermutich daran, dass Frauen in der Altersgruppe der über Achtzigjährigen ohnehin in der Mehrzahl sind.

Ich finde, wir dürften nur die eigene Großmutter „Oma“ nennen. Von älteren oder alten Frauen generell als von „Omas“ zu reden, ist respektlos. Die Anrede „Oma“ diffamiert, wenn es nicht die eigene ist. Wenn wir Skat oder Doppelkopf spielen und so gute Karten bekommen, dass wir gar nicht anders können als zu gewinnen, haben wir ein „Omablatt“ auf der Hand. „Oma“ ist lieb, aber ein bisschen beschränkt, dümmer als „Opa“, falls es den noch gibt.

Auch für den Virologen Christian Drosten sind alte Menschen, was den Kontakt mit Angehörigen betrifft, vor allem eines: In akuter Infektions-, d.h. vermutlich auch Todesgefahr. In einem Interview auf zeit.de popagiert Drosten die Idee einer „Vorquarantäne“: „Ich halte das Prinzip der Vorquarantäne für eine gute Idee. Also dass Menschen einige Tage, optimalerweise eine Woche, vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa soziale Kontakte so gut es geht vermeiden.“ https://www.zeit.de/wissen/2020-10/christian-drosten-corona-massnahmen-neuinfektionen-herbst-winter-covid-19/komplettansicht

Würden mir meine Töchter anbieten, in Quaratäne zu gehen, bevor sie mich Weihnachten besuchen, würde ich sie ausladen. Aber solche Töchter habe ich nicht.

„Das Prinzip der Vorquarantäne“ klingt so traurig verklemmt und so schaurig verkrampft. Öde neue Welt. Ich würde gerne darüber lachen, aber der Schaden, den solche „Empfehlungen“ anrichten können, ist enorm. Christian Drostens Gedanken sind lebensfern. Es scheint, als seien die Viren die einzigen sozialen Kontakte, die Drosten hat.

Veedel for future: Bei der Wahl des Stadtrates erreichen DIE GRÜNEN in Nippes 38,87%!

Wir alle kennen es: Die stille Genugtuung, wenn wir mit 120 Stundenkilometern über die Autobahn rollen – und auf der Gegenfahrbahn bewegt sich nichts mehr. Die kleine Schadenfreude sei jedem erlaubt. Nicht erlaubt sein dürfte, dass Menschen durch Katastrophengebiete reisen und ihren Spaß haben, während andere Menschen ganz in der Nähe erleben müssen, wie ihre Welt untergeht.

Als ich Näheres erfahren wollte über die verheerenden Waldbrände, die derzeit in Kalifornien wüten, bin ich auf die Internet-Seite eines deutschen Reise-Anbieters gestoßen: „Leider sind durch die Waldbrände auch immer wieder wichtige Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und Straßen betroffen. Daher ist es wichtig, sich vor einer Kalifornien-Rundreise ausführlich über bestehende Waldbrände und auch Straßensperrungen zu informieren.“ https://www.kalifornien-tour.de/kalifornien-waldbraende.htm

Man hält sich, so wird suggeriert, die Katastrophe vom Leib, wenn man nur den entsprechenden Abstand einhält. In sicherer Entfernung geben die Brände eine schöne Kulisse ab für Selfies und Urlaubs-Filmchen. Natürlich sind nicht alle Touristen, die zur Zeit durch Kalifornien reisen, sensationslüstern. Der Klimakatastrophen-Tourismus jedoch ist nicht nur respektlos den betroffenen Menschen gegenüber, sondern nährt die Illusion, dass wir hier in Deutschland nicht Betroffene sind, sondern nur Zuschauer. Doch auch wir sind betroffen, wenn auch bei weitem (noch) nicht in diesem Ausmaß.

Heute, am 15. September, ist es in Köln-Nippes 34 Grad heiß. Die Hitze passt nicht zum Frühherbst-Licht. Die Sonne brennt, aber sie sie steht nicht mehr hoch am Himmel und wirft bereits lange Schatten. Die Böden sind seit Monaten so trocken, dass die Amseln keine Regenwürmer aus der Erde picken können. Zum Glück kühlt es sich mittlerweile nachts ab. Obwohl wir in Deutschland in diesem Sommer eine nie gekannte Dürre erlebt haben und immer noch erleben, glaubt man hierzulande, man könne die dringend notwendigen Klimaschutz-Maßnahmen auf später verschieben. Die Politik macht uns vor, die Klimakatastrophe ließe sich Zeit und man hätte alles im Griff. Hauptsache, die Sirenen sind gewartet und die Warn-Apps tun ihren Dienst.

Doch genau das tun sie nicht. Unter dem seltsam drohenden Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. „Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.“ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss

Doch all die hilflosen Kontrollmaßnahmen und Sicherheitsversprechen kommen bei den Menschen offenbar nicht mehr an. Bei den NRW-Kommunalwahlen am vergangen Sonntag mussten die etablierten Parteien mit ihrer nicht nur unglaubwürdigen, sondern meines Erachtens fahrlässigen „Wir haben alles im Griff“ – Politik eine schwere Niederlage einstecken. Zwar bleibt die CDU mit 34,3% vor der SPD (24,3%) landesweit stärkste Kraft, doch Wahlsiegerin, was den Zuwachs angeht, ist mit satten 8,3 Prozent plus die Partei DIE GRÜNEN, die damit auf 20 % kommt.

In den Großstädten gewannen DIE GRÜNEN besonders deutlich. In der Stadt Aachen (wo man unlängst -leider erfolglos- gegen den Weiterbetrieb des maroden grenznahen belgischen Atommeilers Tihange geklagt hatte) hat die grüne Kandidatin Sibylle Keupen große Chancen, in der Stichwahl Oberbürgermeisterin zu werden.

Im Rat der Millionenstadt Köln werden DIE GRÜNEN die größte Fraktion stellen, sie gewannen die Wahl mit 28% deutlich vor SPD (21,58%) und CDU (21,49%). Im Stadtbezirk Nippes wählten 38,87% der Bürger und Bürgerinnen bei der Wahl des Stadtrates GRÜN. Und was macht die „parteilose“ Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die von den GRÜNEN und leider auch der CDU unterstützt wird? Frau Reker erreichte anders als bei ihrem Debut im Jahr 2015 nicht die absolute Mehrheit, sondern muss (verdient, wie ich finde) am 27.9. in die Stichwahl.

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Vor dem Wahllokal (hier „Wahlraum“ genannt) 50106 in der Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße stand ich 40 Minuten in der Warteschlange. Nach einer halben Stunde erreichte ich den Eingang zum Schulgebäude und guckte einem verstörten Coronoia-Comic-Kind in die farblosen Knopfaugen, einem lieblos gezeichneten Schulmädchen mit blonden Zöpfchen, die vom Kopf abstehen wie zusammengedrehtes Bonbonpapier. Das Masken-Muss für Grundschulkinder ist eine der traurigsten deutschen Corona-Maßnahmen. Nicht einmal in Frankreich, wo die Maßnahmen sehr rigide sind,  müssen sechsjährige Schulkinder Masken tragen, denn dort gilt die Maskenpflicht erst ab elf…..  Auch so entsteht ein Stau: Nicht richtig atmen, nicht richtig riechen, schon gar nicht schmecken: Die Gesichtsmaske behinderte mich auch hier. Ich hatte beim „Wahlgang“ nicht mehr alle Sinne beisammen und brauchte viel länger, als ich normalerweise gebraucht hätte, um die drei Wahlzettel (für Rat, Bezirksvertretung und OB) auszufüllen.

Vor allem die ganz jungen 16 bis 24jährigen Wählerinnen und Wähler haben DIE GRÜNEN gewählt. Viele von ihnen haben regelmäßig die Schule geschwänzt und dabei, wie wir sehen, „für das Leben“ gelernt. Es lebe Fridays for Future!

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Für DIE GRÜNEN bleibt viel zu tun. Man wird offen und respektvoll auf die Jungen zugehen müssen. Schließlich hat man ihnen den Wahlerfolg zu verdanken. Die Wahlplakate der GRÜNEN waren krampfhaft lustig (s.oben) und leider auch nicht pfiffiger als die der anderen Parteien. Die Anspielung auf den desolaten Zustand der Schultoiletten habe ich wohl verstanden, aber… Die Werbetexter unterliegen auch bei der Wahlwerbung, wir wir sehen, einem tragikomischen Kreativitätszwang. Wie dem auch sei: Ich freue mich über den Wahlerfolg der GRÜNEN!

Kein Abstrampeln für die Klimapolitik der Stadt Köln: Kapitänin von Stellwerk60-Team SattelFest verabschiedet sich vom Stadtradeln

Vor einer Woche hat in Köln das diesjährige Stadtradeln begonnen, eine bundesweite Großveranstaltung des Netzwerks Klimabündnis. Im Klimabündnis haben sich im Jahr 1990 zahlreiche Städte, Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen und sich verpflichtet, das „Weltklima zu schützen“.

Stadtradeln ist eine Mitmach-Aktion, die zum Klimaschutz beitragen soll. Die Spielregeln: Während eines Zeitraums von drei Wochen steigen Menschen vom Auto auf’s Fahrrad um und zählen per Internet die Kilometer, die sie radelnd zurücklegen. Stadtradeln ist eine pfiffige Idee, wie ich finde, aber doch nur eine symbolische Aktion. Denn was hilft es, wenn wir nach den drei Wochen (fast) alle wieder ins Auto steigen? Stadtradeln beschert uns lediglich ein gutes Gewissen – Jahr für Jahr.

Es ist eine Anmaßung zu meinen, wir Menschen, die wir die Klimakatastrophe verursacht haben, könnten das Weltklima schützen! Ich denke, es geht viel mehr darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen. Wir müssten jetzt die Notbremse ziehen. Denn wenn „das Haus brennt“ (Greta Thunberg), kann man es nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Da hilft nur eines: Löschen.

Nachdem der Rat der Stadt Köln im Mai Grünes Licht gegeben hat für die Bebauung des Äußeren Grüngürtels mit FC-Trainingsanlagen, habe ich das Vertrauen in die aktuelle Kommunalpolitik verloren. Schließlich hat die Stadt Köln vor einem Jahr -wie viele andere Kommunen auch- den „Klimanotstand“ ausgerufen. „Klimanotstand“ heißt: Der Schutz des Klimas hat absolute Priorität. Demnach sind alle kommunalen politischen Entscheidungen dem Klimaschutz unterzuordnen. Mit dem JA zur Bebauung verstößt die Stadt Köln gegen die Regeln, die sie selber aufgestellt hat.

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Ich liebe meine Stadt, ich fahr Rad, aber ich mach nicht mehr mit…

Im Grußwort zum Kölner Stadtradeln schreibt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln und Schirmherrin der Aktion, beschwichtigende Sätze: „Der Umstieg vom Auto auf’s Rad ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel: bereits vor 2050 wollen wir klimaneutral sein.“ Ein frommes, zahmes, aber meines Erachtens grob fahrlässiges Versprechen mitten im Kommunal-Wahlkampf. Natürlich lassen wir Menschen uns gerne beruhigen, aber die Rettung der Welt können wir nicht auf 2050 verschieben.

Am bundesweiten Stadtradeln, das seit 2008 veranstaltet wird, nimmt die Stadt Köln seit 2016 teil. Ich habe im Jahr 2016 gemeinsam mit Nachbarin Annette Dauberschmidt das Team Stellwerk60 – SattelFest gegründet. Doch am Ende der drei Wochen war ich alleinige Teamkapitänin, denn Annettes und meine Vorstellungen gingen weit auseinander. Annette wollte ein kleines, überschaubares Team, ich ein großes.

Auf diese Weise wollte ich auf unsere Siedlung aufmerksam machen. Dass Köln mit Stellwerk 60 eine autofreie Siedlung hat, ein bau- und klimapolitisch zukunftsweisendes Projekt, ist in der Stadtspitze -während Besuchergruppen aus aller Welt anreisen, u.a. aus Japan und den USA- niemals angekommen. Vom Spiel-Ehrgeiz gepackt, schaffte ich es tatsächlich, dass wir im Jahr 2016 mit 135 Radlerinnen und Radlern das zweitgrößte Kölner Team wurden und bei der offiziellen Siegerehrung im Rathaus „auf dem Treppchen standen“.

Im Jahr 2020 ist alles anders. Auch beim Stadtradeln gibt die „Gesundheit“ die Richtung vor. So verkündet das Klimabündnis auf stadtradeln.de: „Nicht nur wir, sondern auch das Bundesgesundheitsministerium ist überzeugt, dass das Fahrrad das sinnvollste Verkehrsmittel für die verbleibenden unvermeidlichen Wege ist – sei es zum Einkaufen oder zur Arbeit….“ Der Text enthält nicht nur einen peinlichen Grammatikschnitzer, „… nicht nur wir…  ist überzeugt…“, sondern kommt furchtbar verkrampft daher.

Wenn ich Rentner Alf Kroll, der drei Mal hintereinander in der siedlungsinternen Wertung das Gelbe Trikot erkämpft hat, ohne kämpfen zu müssen, etwas von den „verbleibenden unvermeidlichen Wegen“ erzählen würde, würde Alf lachen, denn er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, der nicht nur das Radeln liebt, sondern auch die guten Radwege, von denen es europaweit (nicht nur) in den schönsten Landschaften immer mehr gibt und auf denen es große Freude macht zu fahren.

Das Miteinander, das das Stadtradeln eigentlich ausmacht, fällt in diesem Jahr aus. So rät das Klimabündnis „derzeit davon ab, das STADTRADELN 2020 mit gemeinsamen Radtouren, Auftaktveranstaltungen oder anderen Aktionen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, zu flankieren.“ (stadtradeln.de) Team-interne Siegerehrungen, so legt man uns nahe, sollen auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

Offensichtlich sind dem Klimabündnis die selbstorganisierten, letztendlich nicht kontrollierbaren „Aktionen“ suspekt. Auf diese Weise verödet allerdings das Stadtradeln, denn es mutiert zu einer Art Computerspiel mit Echt-Anteil: Jede(r) fährt für sich allein und trägt Kilometer ein. Wie langweilig. Da kann man, so denke ich, gleich auf dem Standfahrrad fahren. Auf diese Weise schützt man sich nicht nur vor Regen, sondern erspart sich auch die verbleibenden unvermeidlichen Wege.

Wie traurig: Es ist, als würde man einem Vor- oder Grundschulkind, das einen Schwimmkurs besuchen will, sagen: „Das geht jetzt nicht, du darfst nicht mit anderen Kindern ins Wasser, denn wir sind von Corona bedroht und müssen aufpassen. Du kannst nicht ins Schwimmbecken, denn im Wasser wimmelt es vor Viren. Aber du kannst trockenschwimmen. Du brauchst nur den schönen neuen Computer anzustellen, den wir uns extra für deinen Schulunterricht angeschafft haben. Da bietet man digitale Schwimmkurse an.“

Huch! Dass die Kinder in den letzten Monaten solche oder ähnliche Sätze tatsächlich zu hören gekriegt haben, habe ich soeben gelesen. Mittlerweile finden zwar in Deutschland wieder Schwimmkurse (im Wasser!) statt, aber Ringe und Schwimmnudeln etc. sollen die Kinder (in der Regel) von zu Hause mitbringen. Außerdem vertreten die Eltern vielerorts die Schwimmlehrer und müssen mit den Kindern ins Becken! Ist das alles noch wahr? Nebenbei gesagt: In Schweden, wo die Grundschulkinder in den letzten Monaten nicht nur uneingeschränkt die Schule, sondern auch Schwimmkurse besuchen konnten wie eh und je und dabei viel Wasser geschluckt haben, weil es nun mal dazu gehört, ist meines Wissens kein Kind besorgniserregend erkrankt. Schwimmen ist eine Kulturtechnik und (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Zurück zum Stadtradeln: Wieder einmal ist die Corona-Politik ein Angriff auf unsere Lebensfreude. Ob am Rhein, am Ballermann oder im Karneval: Genuss macht sich gerade da verdächtig, wo man ihn sich noch leisten kann. Und weil es derzeit so gut ankommt, verkauft man uns das zurechtgestutzte Radeln noch als Gesundheitsmaßnahme. Auf einen Artikel auf spiegel.de mit dem Titel „Warum Fahrradfahren gleich doppelt schützt“ weist stadtradeln.de mit folgendem Link hin: Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens in Zeiten von Corona

Unter dieser Formulierung verbirgt sich ein sentimentaler Romantitel, den wir alle im Ohr haben: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Der Autor des Romans ist der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. (Ob der Roman so schwülstig ist, wie der Titel suggeriert, weiß ich nicht, denn Ich habe ihn nicht gelesen.)

Das Radfahren „in Zeiten von Corona“ –  „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Die Ähnlichkeit scheint gewollt. Ich fürchte, da war ein psychologisch geschulter textender Schlaumeier bzw. eine Schlaumeierin am Werk. Ich fremdschäme mich sehr.

So weh der Abschied tut: Da das Stadtradeln zu einer spießig-autoritären Veranstaltung mutiert ist, die indirekt auch noch für die katastrophale Klimapolitik der Stadt Köln wirbt, steige ich als Teamkapitänin aus.

 

Ergänzung 31.8.: In der Wertung von Stadtradeln Köln liegt am 10.Tag mit 136 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 14.909 bislang geradelten Kilometern aktuell ein Team mit wohlklingendem Namen vorne, dessen pole position Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erfreuen dürfte: „Gesunde Uniklinik Köln“.

Elfchen im Achten: Wer nicht schnüffeln darf, wird…

Hunde, die ja bekanntermaßen gerne schnüffeln, fangen sich schnell Zecken ein. Bei unserem Hund Freki (10) sitzen sie mit Vorliebe im Gesicht. Manchmal, so denke ich, kann eine Maul- Nasenbedeckung gute Dienste leisten, denn…

… mit Maske wär das nicht passiert:

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Mai 2020: Die Zecke an Frekis Schnauze, die noch deutlich dicker wurde, bevor sie abfiel, sollte bis jetzt (13.8.) im Kopfbereich die einzige bleiben.

In den Jahren 2018 und 2019 war vor allem der Bereich rund um Frekis Augen betroffen (vgl. Blogbeiträge „Zeckenkrieg“ und „Der Zeckenindikator“).

 

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Juli 2019:

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Zecken, zupfreif. Ich habe sie damals nicht entfernt, sondern gewartet, bis sie abgefallen sind (Die „Therapie“ ist nur beim Hund zu empfehlen!). Wenn die Zecken neben dem Auge sitzen, darf man den Hunden nicht zu nahe kommen. Sie knurren, denn sie fürchten um ihr Augenlicht. Die Hunde wissen: Wenn der Mensch die Zecke herauszieht, kann es schnell zu Entzündungen kommen.

An Borreliose können auch Hunde schwer erkranken. Das passiert allerdings sehr selten, wie mir Frekis Tierärztin erzählte. Achtung: Menschen sollten sich nach Waldspaziergängen immer nach Zecken absuchen und die Tierchen, deren Stich man anders als den Stich der Wespe nicht spürt (damit man sie beim Saugen nicht stört), so schnell wie möglich entfernen…  Ich fand gerade einen Text, der plastisch erzählt, warum: „Borreliose wird nicht durch den Einstich der Mundwerkzeuge der Zecke in die Haut übertragen, vielmehr findet die Borreliose-Übertragung erst gegen Ende der Blutmahlzeit statt. Nach circa 24 Stunden steigt das Infektionsrisiko deutlich an, da nach dieser Zeit die Blutmahlzeit in der Regel abgeschlossen ist. Wenn die Zecke satt ist, würgt sie nämlich etwas Mageninhalt in die Wunde des Opfers, und mit ihm vorwiegend das Bakterium Borrelia burgdorferi.“ https://www.drseitz.de/schwerpunkte/borreliose-therapie/borreliose-infektionsweg.html

Da aufgrund des „Klimawandels“ die Winter immer wärmer und kürzer werden, werden die Zecken früher im Jahr aktiv und bleiben es länger. Dennoch wird die Gefahr überschätzt. „Das Risiko zu erkranken“, so schrieb ich vor einem Jahr an dieser Stelle, „ist gar nicht so hoch, wie man denkt. Zwar tragen (je nach Gebiet) bis zu 30 % der Zecken Borrelien in sich, aber nur 2,6 bis 5,6% der gebissenen Menschen entwickeln Antiköper dagegen. Lediglich 0,3 bis 1,4% der von einer Zecke Gebissenen erkranken tatsächlich an Borreliose (Zahlen: Robert-Koch-Institut, Stand: 14.2.2018)“ Tückisch ist die Borreliose allerdings wegen der möglichen Spätfolgen. Manche Menschen, die Antikörper entwickeln, haben zunächst keinerlei Symptome, werden aber Jahre später ernsthaft krank.

Das Thema „Zecken“ zieht immer. Gewohnt reißerisch hatte Ende Mai 2020 die Bild-Zeitung Zecken-Alarm geschlagen:

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In diesem Jahr hat die mediale Coronoia andere Katastrophen-Schlagzeilen in den Hintergrund gedrängt, wo sie dennoch gewirkt haben. Gefährlich sind Horror-Meldungen wie diese, weil sie nicht nur maßlos übertrieben sind, sondern untergründig dazu beitragen, die Corona-Panik noch weiter anzufachen. „Sie stechen so früh wie nie!“ ist übrigens Unsinn: Als die Bild-Zeitung Ende Mai drohte, waren die Zecken schon seit mindestens zehn Wochen aktiv. Hund Freki hatte bereits im März eine erste Zecke im Fell.

Kaum jemand, mit dem ich ins Gespräch komme, hat noch Angst vor dem Corona-Virus. Aber die meisten Menschen haben Angst, drakonische Strafen bezahlen zu müssen, den Job zu verlieren etc. Daher tragen alle die Maske, ob fertig gekauft, selber genäht, gehäkelt, gestrickt, zusammengeheftet. Wir sehen bescheuert aus und bedecken die untere Gesichtshälfte mit kleinen Stoffteilen, die vermutlich nichts weiter sind als Scherzartikel. Wir tragen uns mit unleserlichem Namen in die Listen ein, die in den Cafés ausliegen, was niemanden interessiert.

Aber wir alle sind angespannt. Gereizt sind insbesondere die völlig überforderten Menschen in „systemrelevanten“ Berufen. Im Supermarkt begegne ich täglich Verkäuferinnen und Verkäufern, die man vor Monaten noch „gefeiert“ hat. Jetzt sind sie dazu verdonnert, die Regale wieder alleine aufzufüllen, ohne die Mitarbeit der für kurze Zeit eingestellten Hilfskräfte, und von morgens bis abends eine Maske zu tragen. Die Regale sind wieder gut bestückt und die Kunden undankbar und grantig wie eh und je.

Weil ich keine Gesichtsmaske dabei hatte, wurde ich am Tag der Beerdigung des Leichnams meines Mannes früh am Morgen aus dem REWE an der Nohlstraße geworfen. Eine seltsame Erfahrung, wenn man Stammkundin ist und immerhin 61. In Ermangelung einer Maske riss ich mir eine kleine Obsttüte von der Rolle, klemmte mir den Plastiklappen hinter die Ohren, schritt in den Laden und wurde direkt zurückgepfiffen: Halt! Eine zweite maskierte Verkäuferin kam dazu: Halt! Ich ging weiter und stammelte einen Satz wie: Mein Mann wird heute beerdigt, ich muss noch ein paar Zutaten einkaufen für den Brunch. Man holte Verstärkung, diesmal einen ebenfalls älteren männlichen Kollegen mit FC Köln-Maske (Aufdruck: Zesamme stark blieve), verfolgte mich durch den Laden und schrie im Verein: Raus, raus, raus! Ich stellte ein Glas Mayonnaise aufs Kassenband. Nichts da, raus, raus, raus! Ich brach in Tränen aus. Kein Erbarmen: Raus, raus, raus!

Wenn wir eine Maske tragen müssen bzw. einen Maulkorb, spannt uns das an. Wir sind nicht nur schlecht gestimmt, sondern auch (latent) aggressiv. Kluge Hunde wissen das. Ihnen widme ich mein Elfchen des Monats.

 

Weise

Hunde warnen:

Wer nicht schnüffeln

Darf, wird erst richtig

Scharf

 

 

Auf Biegen und Knochen brechen – Warum das FC-Vorhaben im Grüngürtel nicht nur dem Klima schadet

 

Letzte Woche hat der Rat der Stadt Köln, wie zu befürchten war, mehrheitlich für das Ausbauvorhaben des 1. FC Köln im (eigentlich) denkmal- und landschaftsgeschützten Grüngürtel gestimmt. Die Bürgerinitiative „Grüngürtel für Alle“ wird beim zuständigen Oberverwaltungsgericht Münster Klage einlegen.

Ein Armutszeugnis für die Stadt Köln. Der Rat hat -und das ist unannehmbar- die selbstgesetzten Vorgaben nicht ernst genommen, ja sogar missachtet. Warum erklärt man den Klima-Notstand, wenn man zugleich ignoriert, in welcher Klima-Not wir uns alle befinden? Wollte man uns Bügerinnen und Bürger mit der Erklärung des Klimanotstands nur beschwichtigen? Zur Erinnerung: In einer Presseerklärung der Stadt Köln vom Sommer 2019 heißt es: „Der Rat der Stadt Köln hat am 9. Juli 2019 den „Klimanotstand“ erklärt und damit bestätigt, dass die Eindämmung des Klimawandels in der städtischen Politik eine hohe Priorität besitzt und zukünftig bei allen Entscheidungen grundsätzlich zu beachten ist.“

Doch nicht nur das Klima ist in Gefahr. Was auf dem Spiel steht, ist das Wohlergehen der Kinder unserer Stadt. Stattdessen trimmt man sie auf Leistung. Im aktuellen Newsletter der Stadt Köln begrüßt Oberbürgermeisterin Henriette Reker die Öffnung der Kindertagesstätten: „Die Öffnung der Kitas wird sicherlich eine große Entlastung für die Familien bringen und den Kindern kommt wieder die so wichtige frühkindliche Förderung in den Kitas zugute.“ Es fällt kein Wort der Entschuldigung dafür, was man mit den Corona-Maßnahmen den Kinder zumutet und zugemutet hat.

In unserer geldaufgepumpten, aber geistig völlig verarmten, leistungsorientierten Gesellschaft liegen Geldgier und Sentimentalität eng beieinander. Der Song Running With A Dream war offizielles DFB-Lied von 1997 bis 2013. Der Deutsche Fußballbund erklärte dazu: „Mit diesem Song sollen sich alle unsere Fans identifizieren. Er ist gleichzeitig Ansporn für unsere Jugend, weil er von einem Traum erzählt, der Wahrheit wird – vom Traum einer großen Karriere im Sport, den man sich hart erarbeiten kann.“ (wikipedia)

Doch das DFB-Lied war schon 1997 ein wenig angestaubt. Die Idee dazu hatte angeblich Berti Vogts, ein Rackerer, der immer für den Fußballer stand, der sich hochgearbeitet hatte. Mit Berti Vogts, der mit 12 Jahren seine Mutter und mit 13 seinen Vater verloren hatte, wollte sich kaum jemand identifizieren. Außerdem waren die Bundesliga-Vereine schon damals Geschäftsunternehmen mit immer weiter expandierenden Management- und Marketingabteilungen. Andere Fußballer wurden Vorbilder.

Und ist es überhaupt noch ein Traum, Fußballer zu werden? Natürlich locken Geld und Ruhm, doch selbst für die wenigen, die es in die Bundesliga schaffen, wird der Traum schnell zum Alptraum. Gerade lese ich, dass Leroy Sané nach 10monatiger (!) Verletzungspause in den Profi-Fußball zurückkehrt. Die Spieler müssen konstant eine so hohe Leistung bringen, dass sie gar nicht anders können als „mit vollem Körpereinsatz“ zu spielen. Das geht nicht nur auf die Knochen, sondern auch auch auf die Sehnen und die Bänder (Von den durch Kopfbälle verursachten Gehirn-Schäden mal ganz abgesehen.) Offensichtlich schadet nicht nur das ewig genannte Doping, sondern auch die harte Droge (Selbst-) Optimierung, und das nicht nur im Fußball. https://www.focus.de/kultur/buecher/es-war-die-hoelle-boris-becker-gibt-zu-ich-habe-eine-kuenstliche-huefte_aid_1115879.htmln

Leider ist auch der Frauen-Profifußball nicht nur viel athletischer geworden, sondern auch aggressiver. Ich wollte mir im letzten Jahr ein paar WM-Spiele angucken, habe aber den Fernseher gleich wieder ausgestellt. Der Frauenfußball orientiert sch, je professioneller er wird, immer mehr am Fußball der Männer. Vermutlich trainiert man auch ähnlich. Das ist traurig, denn gerade Fußball spielende Mädchen und Frauen zeigen uns die Schönheit eines der ältesten Ballspiele der Welt. Ich denke da an die türkischstämmige Burcu, eine Straßenfußballerin, die vor sieben Jahren mit meiner Tochter und andere Newcomerinnen beim FC Pesch in der untersten Staffel Fußball spielte.

Mädchen und Jungen können sich selber für ein Probetraining beim 1.FC Köln anmelden (vorausgesetzt, dass Schulzensuren und Body-Mass-Index „stimmen“), doch Burcu brauchte das nicht, denn ein FC-Scout hatte sie entdeckt. Burcu spielte dann erfolgreich beim FC, doch der Konkurrenzkampf war hart, und nach drei(!)maligem Kreuzbandriss war sie mit noch nicht einmal 20 Jahren Sportinvalidin. Der FC will nach eigenen Angaben die Trainingsanlagen bauen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ich denke, Ausbildungszentren, wie sie heute propagiert werden, sind nicht mehr verantwortbar!

 

Manchmal vergisst man, wie jung die Profifußballer sind. Sie sind hochempfindlich und noch nicht abgebrüht. Sie brauchen ihren Trainer.

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Kiosk in der Nippeser Wilhelmstraße, Montag, 15. Juni 2020. Trainer Gisdol dürfte nach der 2:4-Niederlage so richtig einen auf den Deckel gekriegt haben (zumal die Rats-Entscheidung über den Bau der Trainingsanlagen anstand). Mit den Trainern im Profifußball geht man nicht gerade zimperlich um. Dass Gisdol das so brutal an die Spieler weitergibt (wenn der Express ihn richtig zitiert), geht überhaupt nicht.

 
Corona ist für die jungen Fußballspieler eine große Belastung. Bei Spielern, Trainern und
Betreuern werden regelmäßig Tests durchgeführt. Positiv getestete Spieler bekommen die Rote Karte. Man schickt sie in Quarantäne, auch wenn sie gar nicht krank sind. Der Sportphilosoph Gunter Gebauer betont, dass für die jungen Fußballspieler Geisterspiele eine Zumutung sind. Die Spieler brauchen das Publikum, die Resonanz, sie brauchen den Beifall, aber auch das   Ausgepfiffenwerden. Geisterspiele taugen laut Gebauer auch kaum als „Stimmungsaufheller für die Gesellschaft“.
„Ich bin da sehr skeptisch, dass da echter Spaß aufkommt, wenn 22 Profis in einem menschenleeren Stadion, das 40.000 oder 50.000 Zuschauer fasst, dem Ball hinterherjagen. Das hat was von Gefängnisspielen.“ z.B. https://www.haller-kreisblatt.de/sport/sport_aus_aller_welt/22763063_Sportphilosoph-Fussball-wird-Vorbildrolle-nicht-gerecht.html

 

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Fan-Artikel: Das FC-Sammelalbum von REWE.  REWE ist nicht nur FC – Sponsor, sondern „offizieller Ernährungspartner des DFB“. Wieder einmal erleben wir den Kölschen Klüngel: „Man kennt sich, man hilft sich.“ (Adenauer) Das Album kostet einen Euro, Sammelbilder sind bei einem REWE-Einkauf über 10 Euro umsonst. Als langjähriger FC-Sponsor macht REWE indirekt auch Werbung für den Ausbau der FC-Trainingsanlagen. Im Vorwort des Albums heißt es: „Kaum eine Stadt fiebert derart intensiv mit ihrem Club. Die Identifikation des Vereins mit Menschen und Stadt kommt nicht zuletzt im für jeden zugänglichen Vereins- und Trainingszentrum mitten im Grüngürtel zum Ausdruck.“ Welcher Kölner Kommunalpolitiker kann da in Corona-Zeiten schon „nein“ sagen, denn als Supermarkt ist REWE systemrelevant…  Die Maske habe ich beim Überqueren der Neusser Straße gefunden. Sie war ziemlich verschmutzt, Auto waren über sie gerollt. Doch anders als unsere Spülmaschine, die gerade jetzt „streikt“, „arbeitet“ die Waschmaschine noch.

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Metzgerei Stock und Gaststätte Brodmühler an der Neusser Straße: Es muss nicht immer Flönz sein.

Aus Respekt vor den Kölner Bürgerinnen und Bürgern: Verhindern Sie die Bebauung der Gleueler Wiese! – Offene E-Mail an Oberbürgermeisterin Henriette Reker

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

morgen entscheidet der Rat der Stadt Köln über die Bebauung der Gleueler Wiese mit Trainingsanlagen des Profi-Fußballvereins 1.FC Köln. Den Bürgerinnen und Bürgern hatte die Stadt Köln im vergangenen Jahr die Möglichkeit gegeben, brieflich oder per Internet Stellung zu nehmen. Ich gehöre zu den über 7000 (!) Menschen, die die Gelegenheit wahrgenommen haben. Uns war zugesagt worden, dass man jedes einzelne Schreiben bearbeiten und beantworten werde, was allerdings angesichts der überraschend hohen Zahl bis ins Frühjahr 2020 hinein dauern könne. Ich warte bis heute auf eine Antwort der Stadt Köln. Offensichtlich hat man mit uns (und unserer Zeit, Geduld, Intelligenz, mit unserer Sorge für das Klima und unserer Liebe zu unserer Stadt) nur gespielt. Setzt die Corona-Krise die Demokratie komplett außer Kraft?

Denn über unsere 7147 Köpfe hinweg hat die Stadt Köln längst Tatsachen geschaffen. Der Kölner Stadtanzeiger schrieb am 11. Mai: „Die Stadtverwaltung hat insgesamt 7147 Stellungnahmen der Bürger zu dem Vorhaben im denkmalgeschützten Äußeren Grüngürtel gesichtet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der FC-Antrag genehmigungsfähig ist.“ Wie kommt die Stadtverwaltung zu „dem Ergebnis“? Hier fehlt jede Begründung!

Mittlerweile weiß ich mehr. Mehr als zwei Drittel der Stellungnahmen waren ausdrücklich gegen die Bebauung. Auf der Internetseite der BI  „Grüngürtel für Alle“ fand ich den Hinweis auf „Die Beschlussvorlage zum Ausbau des Geißbockheims“. https://unsergruenguertel.de/2020/05/12/beschlussvorlage-ist-da/ In Anlage 5.1 dieser „Beschlussvorlage“ finden sich Kommentare der Stadt zu den Stellungnahmen der Bürgerinnen und Bürger. In diesen Kommentaren stellt die Stadtverwaltung auf stur. Man geht in Abwehrhaltung, diskutiert wird nicht. Das Konvolut „Beschlussvorlage“, ein Werk von über 700 (!) Seiten, führt uns vor, wie Verwaltungsdenken funktioniert, wie es politische Leidenschaft neutralisiert und erstickt. Viele gute Ideen werden komplett totgeschwiegen, denn man hat sich nur einige Stellungnahmen herausgepickt. Die Gedanken der Bürgerinnen und Bürger, die in keine bürokratische Schublade passen (auch die von mir gemachten Vorschläge), sind an keiner Stelle erwähnt.

Über vieles könnte man lachen, wenn das Resultat nicht so traurig wäre. Tatsächlich hat die Stadt Köln einen Erdkrötenexperten auf nächtliche Pirsch geschickt. Man kommt zu dem Ergebnis, dass das Vorkommen der Erdkröte für die Bebauung keinen Hinderungsgrund darstellt. Aufgrund des „Mangels an Deckung“ („Deckung“ spielt hier nicht auf die Mann-Deckung beim Fußball an, wohl auch nicht auf die Paarungsverhalten der Erdkröte, sondern auf Unterschlupfmöglichkeiten) besäßen die vorhandenen Spielfelder und auch…

„… die Wiesenflächen keine bzw. nur eine geringe Eignung
als Landhabitat. Insgesamt ist der Wert des
Untersuchungsraums für Amphibien als gering
einzustufen. Eine nächtliche Wanderung der Erdkröte
über die Gleueler Wiese wurde vom Gutachter nicht
beobachtet. Sollten dennoch einzelne Tiere die Gleueler
Wiese zur Wanderung in die Kleingärten oder von dort
zum Decksteiner Weiher nutzen, stellen die neuen
Traningsplätze kein Hindernis dar. Zum einen ist der ca.
46 m breite Korridor zwischen den Trainingsplätzen A 1
und A2 ausreichend breit, zum anderen wird die
Umzäunung der geplanten Trainingsplätze durchlässig
ausgeführt (keine Bandenwerbung)…“
 

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

was ich jetzt schreibe, habe ich Ihnen schon einmal geschrieben, in einer Mail, die Sie wohl nicht erreicht hat… https://stellwerk60.com/2017/03/29/plaedoyer-fuer-eine-weibliche-kommunalpolitik-offene-mail-an-ob-henriette-reker/

Als ich vor knapp vier Jahren (stadtradelnd) an der Gleueler Wiese war, um mir ein Bild vom Bebauungsvorhaben zu machen, bin ich einer Erdkröte begegnet.

An dem Tag im September -es dämmerte bereits- ging ich von der Wiese zurück zum Geißbockheim, wo ich mein Fahrrad abgestellt hatte. Etwa auf Höhe des Waldkindergartens hockte mitten auf dem Weg eine große Erdkröte, ein braungrünes Tier mit unebener, warziger Haut. Sie wirkte furchtlos und unbeeindruckt. Weder nützlich noch essbar noch schön war die Kröte völlig unerwartet einfach nur da – wie im Märchen.

Nach Maßstäben des Weltfußballverbandes FIFA ist die Erdkröte vollkommen wertlos. „Es gibt dich noch“, sagte ich zu der Kröte. „Pass gut auf dich auf.“ Leise fügte ich hinzu: „Ist es nicht gut, dass es die Gleueler Wiese noch gibt?“

Und wenn sie mir nicht geantwortet hat, so hat sie mich doch verstanden.

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Die Aufforderung „Ab in den Park!“ klingt wie der berühmte Befehl, den das Herrchen dem Hund erteilt: „Ab ins Körbchen!“ Ich fürchte, das ist den Werbetextern, die von der Stadt Köln beauftragt sind und auch noch von unseren Steuergeldern bezahlt werden, durchaus bewusst. Oben links auf dem Plakat steht als Verantwortliche „Die Oberbürgermeisterin“.

Wenn man von der Haltestelle „Flora“ aus die Neusser Straße weiter stadteinwärts geht, erreicht man nach etwa 10 Minuten den Inneren Grüngürtel, eine Art Park, der aber leider kaum mehr ist als ein (zugegeben kilometerlanger) Seitenstreifen der Inneren Kanalstraße. Zwischen Neusser und Merheimer Straße wurde dort (gegenüber vom Finanzamt Köln-Nord) erst kürzlich ein großes Stück Wiese platt gemacht und mit Sportplätzen bebaut. Angeblich zum Wohle des Volkes wird auch eine sogenannte „Calisthenics-Anlage“ entstehen. Der Text auf einem Plakat der Stadt Köln, das an der Baustelle aufgehängt ist, liest sich wie eine Fitnessstudio-Werbung: „Calisthenics ist eine neue Form des Ganzkörper-Krafttrainings zur Verbesserung von Körperkontrolle und Beweglichkeit.“ (Die Oberbürgermeisterin)

Hier wird uns ein Eingriff in den öffentlichen Lebens- und Erholungsraum als gute Sache verkauft. Die Sport-Anlage schadet nicht nur dem Klima. Traurig ist es für die Mitbürgerinnen und Mitbürger, die keinen Garten und auch keinen oder nur einen kleinen Balkon haben. Hier gab es die Möglichkeit, in einer größeren Gruppe Grillfeste zu feiern. Ich habe nie glauben mögen und mag immer noch nicht glauben (weil es zu traurig ist!), was viele gesagt haben: „Die großen Multikulti-Gruppen auf der Wiese sind der Stadt Köln und der Bezirksvertretung Nippes seit jeher ein Dorn im Auge.“

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Nippes im Mai 2020. Sollte ich jemandem, der Deutsch lernt, die Wörter „Verödung“ und „Verrohung“ erklären, würde ich ihm dieses Photo zeigen. Mittlerweile hat man begriffen, dass man zwar Bäume nicht so einfach fällen sollte, doch weiter denkt man nicht, denn baumlose Flächen sind der Bebauungs-Willkür nach wie vor schutzlos ausgesetzt.

Nur drei Tage, nachdem der Kölner Stadtanzeiger davon berichtet hat, dass die Stadt Köln grünes Licht gegeben hat für die Bebauung, titelt die selbe Zeitung: „Corona wird teuer Köln rechnet mit Minus von 240 Millionen Euro bei Gewerbesteuer“.

Die Gewerbesteuer kann die Stadt Köln dem 1.FC nicht erlassen, aber der FC dürfte bei der Stadt mächtig auf die Tränendrüsen gedrückt haben, hat man doch wegen der Geisterspiele weniger Einnahmen. Vielleicht gab es als kleinen Trost die Zusage zur Bebauung der Gleueler Wiese. „Man kennt sich, man hilft sich“ (Konrad Adenauer). Dabei steht der FC Köln finanziell trotz Corona gut da. Anders als bei den Vereinen der unteren Spielklassen ist der Kartenverkauf bei den Erstliga-Vereinen nicht die Haupt- Einnahmequelle. Denn auch Geisterspiele lassen sich per TV übertragen. Und auf dem Sofa sitzend kann man das Kölsch sogar aus Glasflaschen trinken.

Doch was ist mit den Fans, die Dauerkarten haben? Kriegen die ihr Geld zurück? Ich telefoniere mit meinem Pulheimer Schwager Michael, der seit 2005 stolzer Besitzer einer der insgesamt 25.500 FC-Dauerkarten ist. Schlossermeister Michael, 52, ein gebürtiger Kölner, ist mit dem FC schon mehrmals ab- und wieder aufgestiegen. Nie im Leben würde er seine Karte hergeben. Aber er leiht sie uns manchmal.

Im Zusammenhang mit Corona, so erzählte er mir, hatte der FC ihn vor die Alternative gestellt: Entweder könne er das Eintrittsgeld für die Geisterspiele zurück bekommen oder sich einen Artikel aus dem Fan-Shop auswählen. Natürlich will der echte Fan das Geld nicht zurück, es bleibt ja sozusagen „in der Familie“. Michael ist ein großzügiger Mensch und hat sich für einen Fan-Schal entschieden. Darüber hinaus trägt jetzt sein (zur Zeit leerer) Sitzplatz ein Schildchen mit seinem Namen, was regulär 50 Euro gekostet hätte. Nebenbei gesagt: Dass der FC jetzt vor Namensschildchen spielt, macht die Geisterspiele noch geisterhafter.

Ich finde den FC knickrig. Warum hat man den treuesten Fans (zehn und mehr Jahre Dauerkarte) nicht das Geld zurück gegeben und ihnen darüberhinaus Fan-Artikel geschenkt? Das wäre eine großzügige, freundliche Geste. Doch ich fürchte, die Liebe der Fans zum FC wird vom FC nicht erwidert. Michael ist übrigens für die Bebauung der Gleueler Wiese. Er lebt nicht in Köln, ist aber für alles, wofür der FC ist. Liebe macht blind.

Michael, mit dem ich mich ansonsten gut verstehe, hat auch eine FC-Petition pro Bebauung unterschrieben. Da die Bürgerinitiative „Grüngürtel für Alle“ an die 20.000 Unterschriften gesammelt hatte, musste der FC Köln nachziehen. Ebenfalls über 20.000 Unterschriften zu sammeln (laut Stadt Köln sogar 33.482), fiel dem Fuballverein leicht. (Allerdings stammen, was die Stadtverwaltung gerne verschweigt, die allermeisten Pro Bebauungs-Unterschriften von Nicht-Kölnern!). Es ging verdächtig schnell, schließlich ist man mit einem Großteil der über 100.000 zahlenden Vereinsmitglieder vernetzt. Doch allein die Überschrift der FC-Petition ist eine blanke Unterstellung: „Für eine Zukunft am Geißbockheim – Haltet den 1. FC Köln im Grüngürtel“. Das ist unseriös: Niemand -schon gar nicht die BI „Grüngürtel für Alle“- will den FC aus dem Grüngürtel vertreiben!!!

Die Mitglieder der Bürgerinitiative sind keine Leute, die mal eben nebenher per Klick eine Petition unterschreiben. Bei einer Veranstaltung im letzten Sommer war die Aula des Sülzer Schiller-Gymnasiums brechend voll. Stundenlang wurde dort ernsthaft und sachlich, aber auch leidenschaftlich auf hohem Niveau diskutiert. Alle Vernunft, und das macht das Pro der Stadtverwaltung so unerträglich, spricht gegen die Bebauung. Wer sich kundig machen möchte: https://unsergruenguertel.de/

Zum Bedauern der BI und ihres Sprechers Friedmund Skorzenski bestimmten in der Sülzer Aula die grauen Köpfe das Bild. Überhaupt sind kaum jüngere Menschen gegen die Bebauung aktiv. Ich denke, für die jungen Menschen ist die Gleueler Wiese nur irgendeine. Sie können noch nicht realisieren, dass im Falle einer Bebauung eine kommunale Katastrophe passiert. Sie sind in eine Welt hineingewachsen, in der die Demokratie längst auf dem Spiel steht, aber sie kennen keine andere. Ich selber hätte mit 20 auch noch nicht wirklich begriffen, was da passiert. Jetzt bin ich 61.

Sehr geehrte Frau Reker, es sind ältere Menschen wie Sie und ich, die sich für den Erhalt der Gleueler Wiese engagieren. Wir Ältere haben schon mehr und andere Erfahrungen gemacht als die jüngeren Menschen. Wir wissen besser als die meisten jungen Menschen, wie sich Verluste anfühlen, was es heißt, Menschen zu verlieren, die uns nah sind. Viele von uns haben noch ein Gespür für Natur: Wir können uns noch an schneereiche Winter erinnern und an regenreiche Sommer. Man musste unsere Obstbäume noch nicht künstlich bewässern. Wir sind dünnhäutig. Gerade uns Älteren tut es weh, mit ansehen zu müssen, dass man (mal eben) atmende Wiesen versiegelt.

Die Wiese darf nicht dem Kommerz geopfert und billig verhökert werden. Sie ist ein Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere. Die Wiese ist -und das macht ihren Wert aus- ein im besten Sinne des Wortes nutzloser, von uns Menschen kaum ausgebeuteter Raum. Aber sie hat einen unschätzbar großen Wert -für unser Klima.

 

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Bushaltestelle „Zonserstr.“ (KVB)  in Nippes. Dass die Stadt Köln uns sagt, was wir wollen sollen, finde ich bevormundend. Dass wir geduzt werden, finde ich unverschämt und respektlos.  Und warum sollen wir Bürger Köln etwas zurückgeben (auch noch als Dank für die entmündigenden Corona-Maßnahmen)? Sollte nicht eher Köln uns Bürgerinnen und Bürgern etwas zurückgeben, die Lebensräume und die Luft zum Atmen?

Ich habe mich im Jahr 1977 dafür entschieden, in Köln zu studieren, weil ich FC -Fan war. Aber meine Zuneigung galt weniger dem damals sportlich sehr erfolgreichen FC als einem außergewöhnlichen Spieler, Herbert Neumann. Dass der FC Köln in der Saison 1977/78 das Double holte -Pokalsieger und Deutscher Meister-, ist meiner Meinung nach vor allem ihm zu verdanken. Herbert Neumann war ein Naturtalent, spielfreudig, intelligent, gewitzt und bewegungsbegabt, ehrgeizig, aber nicht verbissen. Wer sich ein Bild machen möchte, kann ihn sich auf alten Sportschau-Videos angucken. Denn er war was für’s Auge. Die Fußballer trugen damals noch eng anliegende Trikots und kurze Hosen. Neumann hatte – diese Bemerkung sei mir mit 61 Jahren erlaubt- nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern schöne Beine. Das ist „verdamp lang her“.

Herbert Neumann hatte Ballgefühl, Fußball spielte er mit einer Art Kinderfreude. Kinder lieben Bälle, sie rollen, sie fliegen, sie springen, Bälle sind lebendig. Werfen und schießen ist schön, aber noch schöner ist es, wenn ein anderes Kind den Ball mit den Händen fängt und zurückwirft oder mit den Füßen annimmt und mit dem Ball aufs Tor zuläuft.
Was ist aus dem Spiel geworden, seitdem es im Profifußball nur noch um Geld geht? Mit dem Bau der Trainingsanlagen steht auch das schöne, uralte Spiel Fußball auf dem Spiel.

Obwohl der Text ziemlich lang ist, möchte ich aus meiner (vermutlich von der Stadt Köln versemmelten) Stellungnahme vom vergangenen Sommer zitieren. Meine „Bespielungs“- Idee für die Gleueler Wiese:

„… Mittlerweile gibt es neue Spiel-Ansätze. Bereits in den 1980er Jahren hatte Horst Wein, Hockeynationalspieler, Hockeynationaltrainer und Ausbilder von Fußballtrainern, ein Spiel namens Funino entwickelt, das nicht Konkurrenz schürt, sondern Spaß und Spielfreude fördert. Es ist vor allem für kleinere Kinder gedacht. Sie spielen nicht mehr auf zwei große Tore, sondern auf vier kleine – ohne Torwart. Ein Sportwissenschaftler und Mediziner, der Erlangener Professor Matthias Lochmann, hat in den letzten Jahren Konzepte für den deutschen Fußball entwickelt. Im DFB wird bereits heiß diskutiert, und es existieren bundesweit Pilotprojekte, auch in Köln. Mehr Informationen: ttps://www.sueddeutsche.de/sport/funino-jugend-fussball-dfb-reform-1.4482630?reduced=truen
Ein Vorschlag an die Stadt Köln: Zwacken Sie für die allerjüngsten FC-Spieler einen Teil der Wiese ab, wo das Gras nicht ganz so hoch wachsen darf wie zur Zeit, aber so, dass der Boden nicht beschädigt wird und die Regenwürmer überleben. Auch den älteren FC-Jugendlichen täte Funino gut – als Trainingsspiel. Liebe Verantwortliche des 1. FC Köln: Lasst eure jungen Spieler wieder spielen, schickt sie nicht auf Kunstrasenplätze, sondern auf die grüne Wiese. Nehmt ihnen das Geld, die Autos und die anderen überzogenen Zuwendungen weg, lasst sie bitte wieder laufen, befreit sie aus den lukrativen Verträgen, befreit sie aus der permanenten Optimierung, aus der übertriebenen sportmedizinischen Betreuung.
Der Großteil der Wiese jedoch möge allen Kölner Kindern gewidmet werden. Das wäre ganz im Sinne Konrad Adenauers, der als Oberbürgermeister der Stadt Köln den Grüngürtel in den 1920er Jahren vor der Bebauung gerettet hat- als grünes Refugium für die Kölner Bürger…“

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

ich möchte Sie an dieser Stelle noch einmal an Ihr Wahl-Versprechen aus dem Jahr 2015 erinnern. Beim Wohnungsbau – so sagten Sie am 2.9.2015 bei der Veranstaltung „Baukulturelle Prüfsteine zur OB-Wahl“- sei es unumgänglich, die Folgen des Klimawandels zu berücksichtigen: „Wir müssen allerhöchsten Wert darauf legen, dass wir die Frischluftschneisen erhalten…“

Die Gleueler Wiese ist eine zentrale Frischluftschneise. In einer Presseerklärung der Stadt Köln im Juli 2019 heißt es: „Der Rat der Stadt Köln hat am 9. Juli 2019 den „Klimanotstand“ erklärt und damit bestätigt, dass die Eindämmung des Klimawandels in der städtischen Politik eine hohe Priorität besitzt und zukünftig bei allen Entscheidungen grundsätzlich zu beachten ist.“ Der Klimanotstand war der Grund dafür, dass Sie im August 2019 dem Kölner Stadtanzeiger sagten: „Ich würde mir wünschen, dass wir im Einvernehmen mit dem FC einen anderen Platz finden.“

Kämpfen Sie für die Erfüllung Ihres Wunsches und verhindern Sie die Bebauung!

Herzliche Grüße, Lisa Wilczok, Stadtschreiberin der autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes, Kapitänin des Stadtradeln-Teams Stellwerk 60 – Team SattelFest in den Jahren 2016-2019 (2016: Zweiter Platz kölnweit in der Kategorie Team mit den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, tatsächlich 135!)

+++Eilmeldung: Maske weg, Abstand passé – Menschenmassen am Fühlinger See!+++

Nachdem ich meiner Tochter Carla, die zur Zeit unfreiwillig fernstudiert und so oft in Köln ist wie seit dem Abi nicht mehr, am Dienstag den Vorschlag machte, zum Fühlinger See zu fahren, klappten sie und ihre Freundin direkt die Laptops zu und holten die Fahrräder aus dem Schuppen. Am See angekommen, peilten die beiden ein Plätzchen außerhalb des Freibades an.

Ins Blackfoot Beach (seltsamer Name für ein Strandbad, das mit weißem Sand wirbt) wären sie so kurzfristig eh nicht reingekommen. Überhaupt ist Spontaneität zur Zeit nicht angebracht, denn auch im bzw. am Blackfoot Beach ist alles ziemlich verkrampft: Tickets muss man im Internet buchen. Die Besucherzahl ist begrenzt, die Verweildauer befristet. Auf dem Gelände herrscht Maskenpflicht, und der Mund- und Nasenschutz darf nur zum Schwimmen und auf dem eigenen (!) Handtuch abgelegt werden. Dass man trotz dieser Schikanen (unter Dauerbewachung) immer noch 4,80 Euro Eintritt zahlen soll, finde isch happisch.

Normalerweise platzt bei solch einem Traumwetter, wie wir es rund um Pfingsten hatten, das Blackfood Beach –Bad aus allen Nähten, während man außerhalb der Location immer noch einen kostenlosen, wenn auch weniger komfortablen, aber luftigen Platz direkt am See finden kann. Am Tag nach Pfingsten war es allerdings, wie Carla erzählte, genau umgekehrt. Außerhalb des Bades war es auf den Wiesen so voll, dass der allgemein empfohlene Mindestabstand auch nicht annähernd eingehalten werden konnte. Die Stimmung war entspannt, obwohl es anders als im Freibad keine Pommes und Getränke zu kaufen gab. Viele Leute waren nicht zum Schwimmen, sondern zum Sonnenbaden gekommen, darunter die, die auch im Sommer ins Sonnenstudio gehen, aber angesichts der rigiden Corona-Maßnahmen keine Lust auf künstliche Sonne mehr hatten.

Nahtlose Gesichtsbräune ist nicht gegeben, wenn man einen Mund- Nasenschutz trägt, also rissen sich die Leute das Textil vom Gesicht und reckten das bleiche Kinn in die Höh‘. Egal, ob auf dem eigenen Handtuch oder einem anderen – niemand war noch gewillt, eine Maske zu tragen. Carla und ihre Freundin fanden direkt an der Regattabahn eine Stelle, die zwar nicht so schön war, wo sie aber viel Platz hatten und endlich einmal Covid 19 vergessen konnten. Nur ein einsamer Inline-Skater, der auf dem Weg entlang der Regattabahn betont lässig an ihnen vorbei rollte, mit nacktem Oberkörper, aber bekleidetem Mund, erinnerte noch an Corona.

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Deutschland entwickelt sich zum Überwachungsstaat. Das hilft nur eines: „Maske fott, Zäng ussenander!“ Bart Simpson, wir brauchen Jungs wie dich!

Leider sind am Fühlinger See auch in diesem Jahr wieder die Raupen des Eichenprozessionsspinners in großer Zahl unterwegs. https://fuehlingen.de/aktuelles/wieder-eichenprozessionsspinner-am-fuehlinger-see  Ähnliches gilt für die Gespinstmotte, die oft mit mit dem Eichenprozessionsspinner verwechselt wird, weil ihre Raupen sich auch in „Prozessionen“ bewegen, die Blätter von den Bäumen und Sträuchern abfressen und Stämme, Äste und Zweige mit einer Art Schleier, einem Gespinst überziehen. Für die Menschen stellen die Raupen der Gespinstmotte keine Gefahr dar. Auch die Gehölze werden nicht nachhaltig beschädigt und treiben in der Regel später im Jahr wieder aus. Unter dem fast zärtlich anmutenden Titel „Die Christos unter den Insekten“ (in Anspielung auf den vor wenigen Tagen verstorbenen Verpackungskünstler) hat NABU NRW im Jahr 2014 einen schönen und informativen Artikel über die Gespinstmotte ins Netz gestellt. https://nrw.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insekten/gespinstmotten/index.html

Ich hatte der Nippeser Gespinstmotte, die im Grünstreifen unterhalb der S-Bahn-Trasse aktiv ist, vor genau einem Jahr ein Elfchen gewidmet: https://stellwerk60.com/2019/06/01/elfchen-im-sechsten-raupe-nimmerallein/ Auch wenn die Gespinstmotte „ungiftig“ ist, sollten wir ihr vermehrtes Vorkommen ernst nehmen, denn es ist eine Folge der durch Menschen verursachten, fortschreitenden Klimakatastrophe, die man beschönigend „Klimawandel“ nennt.

Befremden sollten uns die Tierchen nicht. Wie die Gespinstmotte ist auch der Eichenprozessionsspinner kein „Alien“, der erst im Zuge des internationalen Luftverkehrs zu uns gekommen ist. Seine Raupen sind hier heimisch, es gibt sie vielleicht schon (fast) so lange, wie es Eichen gibt. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hat dem Insekt im Jahr 1758 den wohlklingenden botanischen Namen Thaumetopoea processionea gegeben. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners kommen nur auf Eichen vor. So können wir sie erkennen und von „harmloseren“ Schmetterlingstierchen unterscheiden. Eichenprozessionsspinner lieben die Trockenheit. Sie meiden dichte, feuchte Eichenwälder und bevorzugen lichte Eichenwälder und Einzelbäume am Waldrand. Da sich die Raupen des Eichenprozessionsspinners tatsächlich nur auf Eichen tummeln, ist eine Schlagzeile wie „Gefährliche Raupe: Der Eichenprozessionsspinner frisst sich durch Bielefeld“ reichlich übertrieben. https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/22796945_Diese-gefaehrliche-Raupe-bereitet-sich-massiv-in-Bielefeld-aus.html

Auch vor über hundert Jahren dürften sich Menschen an ihren Härchen verbrannt haben. Und wer sich nach Tagen der Trockenheit draußen aufhielt, von einem Gewitter überrascht wurde und unter einem Baum Schutz suchte, den hat vielleicht nicht der Blitz erwischt, aber ein kleines lästiges Tierchen. So wäre endlich das Rätsel einer alten deutschen Redensart gelöst, die uns erklärt, wo man bei einem Gewitter Schutz suchen soll und wo besser nicht: „Buchen sollst du suchen, vor Eichen sollst du weichen.“

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Titelblatt des Kölner Stadtanzeigers von vorgestern, 4.Juni. Pfingsten dürfte es auch am Rhein rappelvoll gewesen sein. Vermutlich war das Ordnungsamt machtlos, denn der „Sicherheitsabstand“ ist gewiss kaum irgendwo eingehalten worden. Die Schlagzeile „Unterschätzte Gefahr“ ist irreführend, weil jeder „Corona“ assoziiert.  Im Artikel wird jedoch darüber berichtet, wie am Pfingstsonntag an der „Rodenkirchener Riviera“ ein etwa sechs Jahre altes Mädchen beinahe ertrunken wäre, aber von einer beherzten Frau gerettet wurde.             Der Artikel hat einen tadelnden Unterton: „Am Ufer kühlen sich hunderte Menschen ab, halten die Füße in den Fluss, oder gehen mit dem ganzen Körper ins Wasser“. Ich frage mich: Ist das so schlimm? Für den Autor des Artikel schon. Jedes „Betreten“ des Rheins,  so wird suggeriert, ist lebensgefährlich. (Dabei plantschen die Personen auf dem Foto im Innenteil nur, und man sieht kleine Kinder ausschließlich in Begleitung von Erwachsenen). Wirklich geschützt, so sollen wir denken, ist man nur im Hochsicherheits-Freibad.                           An der Stelle, wo das Cover-Foto aufgenommen wurde, würde ich übrigens niemals weit ins Wasser gehen. Denn hier, in unmittelbarer Nähe der Rodenkirchener Brücke, ist das Schwimmen tatsächlich lebensgefährlich. Doch im Kölner Norden, zwischen Cranach-Wäldchen und Niehler Hafen, gibt es sandige Buchten, wo sich das Wasser so staut, dass Eltern ihre Kinder (beaufsichtigt) plantschen lassen können. Dennoch sollte man aufpassen, dass die Kinder nicht zu viel Wasser schlucken. Zwar gibt es mittlerweile viel mehr Kläranlagen als noch vor dreißig Jahren, was der Sandoz-Katastrophe von 1986 geschuldet ist, aber umso mehr Mikroverunreinigungen durch Medikamente, synthetische Hormone („Pille“) und Insektizide.  „Wenn das Wasser im Rhein goldener Wein wär….“ na ja. Trotz alledem ist es für Kinder schön, in der Nähe dieses imposanten Flusses aufzuwachsen. Meine Schwiegermutter Cläre, Jahrgang 1931, eine gebürtige Kölnerin, hat als Kind im Rhein Schwimmen gelernt und bestimmt viel Rheinwasser geschluckt- und war vielleicht deshalb noch im Alter eine leidenschaftliche Schwimmerin.

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September 2019: Der schöne Mann fährt, wie er mir erzählte, wenn er Zeit hat und das Wetter gut ist, jeden Tag mit dem Fahrrad zum Rhein, seit Jahren immer an die selbe Stelle, die er gut kennt. Er ist ein sicherer Schwimmer und weiß genau, wo gefährliche Strömungen sind.

Eine Begegnung mit der Frau Keuner: „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten“

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Freu Keuner.

Gerade versuche ich, möglicht geräuscharm ein paar leere Weinflaschen zu entsorgen, da taucht auf der gegenüberliegenden Seite des Glascontainers das verdötschte Gesicht von der Frau Keuner auf. Nicht gut, wenn man verkatert ist. Schon gar nicht, wenn man auf dem Wochenmarkt ist und vorhat, am Tag vor Himmelfahrt schnell noch Spargel einzukaufen – unbeobachtet.

„Tschuldigung“, sage ich. „Ich bin total verkatert, aber nicht vom Alkohol. Gestern bin ich seit Monaten mal wieder Auto gefahren, weil ich in Hannover was abholen musste. Autobahn ist ja nur dann erträglich, wenn man Radio hören kann. Vor allem abends und in der Nacht. Ich mach also das Radio an, drück auf meinen Lieblingssender WDR5, aber das hört sich irgendwie falsch an. Da gab’s nicht die Wiederholungen vom Vortag. Ganz anderer Sound. Ich drück auf Deutschlandfunk, das gleiche Programm. Die anderen Knöpfe, überall. Ich dachte, das Radio ist kaputt, aber das war es nicht.  Für eine Stunde geht so was noch, aber da wurden über Stunden immer dieselben Nachrichten gesendet. Es ging nur um Corona. Keine Werbung, keine Musik, nur Corona. Furchtbar. Du hörst Radio und wirst in eine Art Wiederholungsschleife reingezogen, in der wir sowieso alle sind. Und das auf der Autobahn. Wie ein Sprung in der Schallpatte, die du eh schon gar nicht mehr anhören willst.“

Die Keuner grinst: „So schnell geht dat. Der Spaß nennt sich ARD-Infonacht. Die Sender sind jetzt abends gleichgeschaltet. Aber lenk bitte nicht ab. Du gehörst also auch zu den Leuten, die bei Corona noch mehr saufen als sonst. Mit Wein und Schnaps werden jetzt gute Geschäfte gemacht. Aber ich sach dir, erst recht mit Zigaretten. Da erzählt irgendein Experte den Leuten, wie gefährlich das Rauchen für den Verlauf einer Corona-Infektion ist, schon sind die Leute so frustriert, dass sie noch mehr rauchen. Wäre der Jens Spahn ein Menschenfreud, würde er jetzt endlich dafür sorgen, dass man den Tabak in kleinen Mengen verkauft. Und dass man den Ekelaufdruck abschafft, der den Leuten eh schon Angst macht. Ich sach dir, die Corona-Panik hat den Tabakverkauf so wat von angekurbelt.“

Seltsame Situation. Wir stehen immmer noch am Rand vom Markt, der Container ist zwischen uns und sichert einen gewissen Sicherheitsabstand, was ja nicht unbedingt schlecht ist. Die Frau Keuner redet weiter: „Ein Weinladen ist nämlich systemrelevant. Hömma, als ich vor ein paar Wochen im Kleefisch war, da hieß es noch, dass der französische Wein nicht geliefert werden kann, weil die LKW-Fahrer nicht mehr da sind. Die osteuropäischen Arbeitskräfte sind ja die einzigen, die den Knochenjob noch machen, aber die wollen in der Krise natürlich auch nach Hause zu ihren Familien. Ich denke mal, die haben die Leute dann ganz schnell zurückgepfiffen. Und woher hast du deinen Wein?“

„Was soll ich denn machen?“, jammere ich.

„Und ich wette, du willst gerade Spargel einkaufen. Was glaubst du, wer den gestochen hat? Hömma, du bist sowat von blauäugig. Und weißt du, was ich unerträglich und undemokratisch finde?“

„Nein?“

„Ich sag es dir“, sagt die Frau Keuner. „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten.“

„Wie bitte!?“

Die Keuner nickt. „Du kennst doch die Litfassäule an der Kempener Straße, die eine, die sich dreht, vor Fußgängern, Radfahrern, vor Autofahrern. Da klebt seit ein paar Wochen hinter Glas eine ausgeklügelte, wind- und wettergeschützte Werbung von der Bild-Zeitung für die Bild-Zeitung, aber gleichzeitig ist das Werbung für den Corona-Kurs der Bundesregierung. Da wird die gleiche Sprache gesprochen wie in den Ansprachen von Angela Merkel. Moderne Politiker lassen sich von Werbepsychologen beraten. Und wer bezahlt den Quatsch? Wir.“

„Das ist eine Verschwörungstheorie“, sage ich und muss mich räuspern.

Man kennt sich, man hilft sich“, sagt die Frau Keuner. „Das hat der Konrad Adenauer ja so schön mehrdeutig gesagt. Der war wenigstens ehrlich. Du zitierst den Spruch doch  selber so gerne. Trinkpause!“

Die Frau Keuner greift sich die Flasche Mineralwasser aus dem Körbchen und trinkt einen Schluck. Sie setzt die Flasche ab: „Dass ich dir nichts anbiete, liegt nicht an Corona. Aber ich will nicht, dass du an meiner Pulle löllerst. Aber du erinnerst dich vielleicht. Da war doch direkt neben Krankenschwester Manuela das Plakat von Doc Morris, und an der Stelle, wo die Werbung für das E-Rezept war, klebt jetzt der LKW-Fahrer Reinhold. Der Reinhold ist ein treudeutscher LKW-Fahrer. Der guckt nicht zu uns wie die Manuela, sondern in die Ferne. Der Reinhold ist nicht frisch rasiert, wirkt aber frisch gewaschen. Der hat hellwache Augen, Verantwortungsgefühl, der knackt nicht weg. Trinkpause!“

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“ Reinhold, LKW-Fahrer“

Die Frau Keuner nimmt einen Schluck und redet dann weiter: „Der Plakat-Reinhold ist ein ganz lieber, gutmütiger Typ, ein bisschen wie Lukas der Lokomotivfahrer. Und wie Lukas der Lokomotivführer hat auch Reinhold der LKW-Fahrer ein Halstuch um. Die Werbepsychologen haben da die Abbildungen aus Büchern und Filmen studiert, die wir alle im Hinterkopf haben. Wir alle lieben das wunderschöne Kinderbuch von Michael Ende: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Das einzige, was dem Reinhold fehlt, ist die Pfeife im Mund. Ein Lokomotivführer einer altmodischen Dampflok kann sich eine Pfeife leisten, aber ein moderner LKW-Fahrer nicht. Trinkpause!“

Die Frau Keuner nimmt noch einen Schluck und redet dann weiter: „Dafür hat der Reinhold einen kleinen Ring im Ohr. Ohne dass es uns bewusst ist, erinnert uns der Reinhold an unseren ersten Teddy. Und der Teddybär unter den Teddybären, der klassische Teddybär ist der Steiff-Teddybär, der hatte keinen Ring, aber einen Knopf im Ohr. Die Steiff-Tiere haben den Knopf im linken Ohr. Der Reinhold hat den Knopf im rechten Ohr. Angeblich tragen homosexuelle Männer den Ohrring immer im rechten Ohr. Dat is ein kleiner Gruß an Jens Spahn, sach ich dir… Und hömma, an wen denkst du, wenn du den Namen Reinhold hörst?“

„An meinen Vetter“, sage ich. „Den haben sie damals nicht gemustert, weil das Kreiswehrersatzamt dachte, dass der Reinhold ein Mädchenname ist. So wie Reinhild.“

Die Frau Keuner schüttelt den Kopf. „Du sollst an den Reinhold Messner denken, den Südtiroler Bergsteiger. Für alle, die jeden Weg auf sich nehmen, so einer ist der Messner doch auch. Und der Messner tut doch auch so, als wenn es toll wär, sich mutterseelenallein auf den Weg zu machen. Der einsame Held, hömma, das ist vielleicht angenehm, wenn man die frische Bergluft einatmen kann, aber dat is sowat von scheiße, da in der miefigen Fahrerkabine eingeklemmt zu sein. Und der Messner hat bestimmt niemals auf dem Parkplatz von der Autobahnraststäte übernachtet. Und überhaupt…“

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Reinhold Messner im aktuellen ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“ Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler. Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Wir sind der Natur weder unter-  noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr. Horst Stern, Wissenschaftsjournalist, Mitgründer der Umweltschutzorganisation BUND und Herausgeber der Zeitschrift Natur, schrieb in seinem ersten Editorial 1980:                                                                                                                      „Wir sind als Art biologisch unentrinnbar ein Teil der Natur – lebend an ihr Leben, leidend an ihr Leiden, sterbend an ihr Sterben gebunden.“

„Ich will dich nicht unterbrechen“, sage ich. „Aber ich muss jetzt wirklich los, ich wollte noch auf den Markt.“ Wir stehen uns immer noch gegenüber.

„Gute Idee“, sagt die Frau Keuner. „Wollte ich auch, ich komm mit. Bissken langsam mit dem Gehwagen, aber wird schon klappen. Ich muss mir wat Neues aus der Wühltheke angeln, ich brauch mal wat Frisches, und da stehen die Leute dicht an dicht, so wie immer. Is so schön, und manchmal stößt man beim Grabbeln an eine fremde Hand, auch schön, so wie immer. Abstand halten geht auf dem Markt nicht. Außerdem wollte ich immer schon wissen, was du für eine Schutzmaske hast. Zeig mal.“ Ich hole das Teil aus der Tasche und spanne es hinters Ohr.

Jetzt endlich lacht die Frau Keuner: „Hömma, du hast ja auch die Fehlkonstruktion mit den Domspitzen. Tut mir leid, jetzt komm ich nah an dich ran, die Masken sind so dickstoffig, dass man laut reden muss. Da hat man nicht nur Spuckschutz, sondern auch Schallschutz. Die gleiche! Du warst dat also… Hömma, die haben mir in der Mauenheimer Straße gesagt, die Maske ist noch mal bestellt, von einer Dame. Du bist doch keine Dame. Aber das ist gut, wenn wir die gleiche Maske aufhaben, halten uns die Leute für Mutter und Tochter.“

„Und wer von uns beiden ist dann die Mutter?“, frage ich die Frau Keuner.

„Na, wer schon, Mutti.

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Lächelnder Abstandhalte-Smiley mit Frau auf der einen Seite (rechtes „Auge“) und Mann auf der anderen (linkes „Auge“). Es liest sich so, als sollten die Geschlechter einen Sicherheitsabstand voneinander einhalten. So ist das hier gewiss nicht gemeint. Mein Vorschlag an die Stadt Köln: Man sollte in der nächsten Sylvesternacht rundum den Hauptbahnhof lächelnde Pappkameraden aufstellen.