Elfchen im Neunten: Liebe Lärmschutzriegel-Bewohnende

Vor gut 20 Jahren hat man damit begonnen, das innenstadtnahe Gelände der alten Köln-Nippeser Eisenbahn-Ausbesserungsanlage mit Wohnhäusern zu bebauen, mit Mehrfamilien-, aber auch Einfamilienreihenhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten leben hier insgesamt über 5000 Menschen, etwa 1500 davon in der autofreien Siedlung Stellwerk 60.

Die autofreie Siedlung liegt genau in der Mitte des bebauten Areals. Was unsere Siedlung auszeichnet, ist, dass sie wirklich eine ist. Dass die nachbarschaftliche Kooperation und der Zusammenhalt über den Gartenplausch hinaus gelingt, ist auch dem Nachbarschaftsverein Nachbarn 60 zu verdanken, dessen aktive Mitglieder seit mittlerweile 15 Jahren unermüdlich organisieren, koordinieren, anleiern, Ideen entwickeln und überhaupt viel Arbeit in das Projekt stecken. Der Gemeinschaftsgarten muss gepflegt werden, die Kettcars, Biertische und Transportkarren, die alle Vereinsmitglieder in der Mobilitätsstation kostenlos ausleihen können, müssen regelmäßig gewartet werden, die vom Grünflächenamt frisch gepflanzten Bäume gegossen, Flohmarkt, Sommerfest und Lebendiger Adventskalender organisiert werden u.u.u….

Das Besondere an Stellwerk 60 ist die Familien- und Kinderfreundlichkeit. Die Kinder stören sich nicht daran, dass die Siedlung dicht bebaut ist. Auch die geringe Breite der Reihenhäuser (oft weniger als fünf Meter), die vielen Erwachsenen Platzangst macht, ist ganz nach dem Geschmack von Kindern. Wo in der Siedlung sie auch wohnen: Die Kinder gehen raus und treffen Kinder. Ihr Raum wird nicht durch parkende Autos verstopft. Die asphaltierten „Hauptstraßen“, die nur von Müllabfuhr und Notarztwagen befahren werden dürfen, laden ein zum Rollschuhlaufen, Einradfahren, Skateboarden.

Manchmal bin ich genervt, wenn ich den großen Kettcars ausweichen muss, auf denen 5 kreischende Kinder sitzen, doch dann erinnere ich mich an die Corona-Maßnahmen und daran, wie öde es hier war, als die Kinder sich nicht mit anderen Kindern treffen und die Kettcars nicht ausgeliehen werden durften- und genieße ihr Kreischen sogar.

Es ist angenehm, in der autofreien Siedlung zu leben – wenn nur die Bahn nicht so nah wäre. Natürlich ist es grundsätzlich vorteilhaft, in der Nähe zweier S-Bahnhöfe zu wohnen. Auch hält sich die Lärmbelastung innerhalb der autofreien Siedlung in Grenzen. Doch was den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur von Stellwerk 60, sondern aller Nippeser Siedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Nippes und Geldernstraße droht, ist nicht mehr angenehm, sondern so alptraumhaft, dass man es kaum glauben kann. Wie viele andere auch hatte ich versucht zu verdrängen, was uns seit Jahren „nur“ droht, jetzt aber real werden könnte: Der Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle und nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).

Das Plan-Feststellverfahren der DB für das Zuführungsgleis ist nicht neu, sondern läuft schon seit 2007. Wegen zahlreicher Einwendungen und erheblicher Bedenken, vor allem wegen Lärms, musste die Bahn ihre Pläne bereits mehrere Mal aktualisieren. Dass die Deutsche Bahn ihr Vorhaben noch nicht hat durchsetzen können und weiterhin „nachbessern“ muss, ist vor allem der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) zu verdanken, die über all die Jahre das Vorhaben nicht verdrängt, sondern sich der Bedrohung gestellt hat. Bei allen „Planfeststellungsverfahren“ erhob die AWG immer wieder Einspruch und holte vor Jahren bereits ein Gutachten ein, das belegt, dass das Zuführungsgleis nicht nötig ist und es eine menschenfreundliche, wenn auch teurere Alternative gibt. Laut Gutachten können S-Bahnen auch auf einem anderen Weg in die mittlerweile in Betrieb genommenen Abstellanlage einfahren.

Anfang Juli informierte die AWG Nachbarinnen und Nachbarn sowie den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung und lud zu einer Info-Veranstaltung mit Begehung des betroffenen Gebiets ein. http://www.awg-nippes.de

Was genau droht, erzählt sehr plastisch dieser Aushang der AWG, der Ende Juli aufgehängt wurde und sich insbesondere auf das erste Teilstück hinter dem S-Bahnhof Nippes bezieht:

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Mich persönlich hat Anfang des Jahres eine Nacht-und-Nebel-Aktion in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Mensch und Tier überrumpelnden Blitz-Maßnahme wurden im Frühjahr 2022 Tatsachen geschaffen, bereits „Vorbereitungen“ getroffen für die von der Deutschen Bahn geplante Bebauung. Entlang der Bahntrasse wurde gerodet, kleinere Bäume wurden gefällt, Sträucher komplett zurückgeschnitten. Das Gelände wurde -wie es aussieht- für einen Eingriff präpariert, der in keinerlei Hinsicht gebilligt ist. Wer den Kahlschlag in Auftrag gegeben und wer ihn durchgeführt hat, ist nicht bekannt.

Besonders augenfällig ist der Kahlschlag dort, wo er städtischen Grund berührt. Während ein wenige Meter breiter Geländestreifen neben der S-Bahntrasse der Deutschen Bahn gehört, ist das kleine Wäldchen Eigentum der Stadt Köln. Noch scheitert das Bauvorhaben u.a. an diesem kleinen städtischen Wäldchen – und am Widerstand der Stadt Köln, die jedoch im Falle einer Bau-Bewilligung enteignet werden kann.

Ich habe das schwer beschädigte Wäldchen jetzt im September von verschiedenen Seiten fotografiert. Das Wäldchen wurde bei der Aktion unbegehbar gemacht. Abgesägte Äste wurden auf die Wege gekippt und der zentrale Zugang durch einen Baumstamm versperrt.

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Zwei sanfte Kurven und ein Hauch von Central Park. „Wo jetzt in dieser Mini-Oase die Blätter rauschen und ein kühles Lüftchen im Sommer angenehm kühlt, sollen S-Bahnen aus ganz NRW nachts zu einem „Parkplatz“ mit 18 Gleisen hin und zurück rollen.“ (AWG)

Bei der gut besuchten Info-Veranstaltung am 6.8.2022, zu der die AWG eingeladen hatte, war auch Bernd Schöneck vom Kölner Stadtanzeiger anwesend. Vielleicht muss man vor Ort gewesen sein, um sich das Ausmaß der geplanten Bau-Maßnahme vorstellen zu können. in seinem „Kommentar zum Gleisvorhaben in Köln-Nippes“ mit dem Titel „Es bliebe fast nichts, wie es ist“ schreibt Bernd Schöneck am 10.8.2022, dass das „Vorhaben wie ein Damoklesschwert über der Nippeser Eisenbahnsiedlung“ schwebt. Weiter schreibt Schöneck, dass man sich des Verdachts nicht erwehren könne, „dass das Vorhaben bereits beim Siedlungsbau geplant war – und das wäre ein Skandal. Denn die Bewohner des Veedels wären bezüglich der Nutzung des Areals im Dunkeln gelassen worden. Zugleich zeigt sich leider erneut, dass das Wohl der Anlieger, vorsichtig gesagt, bei der Bahn nicht an allererster Stelle steht.“ https://www.ksta.de/koeln/kommentar-zum-gleisvorhaben-in-koeln-nippes-es-bliebe-fast-nichts–wie-es-ist-39868530 Aufschlussreich auch: https://www.ksta.de/koeln/nippes/umstrittene-bahn-plaene-fuer-koeln-nippes–das-waere-eine-gefahr-fuer-leib-und-leben–39866080 (Beide Artikel konnte ich auch ohne Abo nach Anmeldung kostenlos lesen.)

Ich bin Bernd Schöneck dankbar für seinen engagierten Kommentar und auch dafür, dass endlich jemand den „Skandal“ zur Sprache bringt. Was die autofreie Siedlung betrifft, spricht einiges dafür, dass der Bauträger Kontrola im Bilde gewesen sein dürfte. Als wir im Jahr 2007 unser Reihenhaus kauften, wurden wir während des ausführlichen Verkaufsgesprächs nicht über die Pläne der Bahn informiert. Wachgerüttelt wurden wir erst im Sommer 2008, als die Mitglieder der AWG anlässlich der ersten Offenlegung zum Protest aufriefen.

Hätte der Bauträger Kontrola im Wissen um die Pläne mit offenen Karten gespielt, wäre es schwierig gewesen, die Häuser und Eigentumswohnungen zu verkaufen. So aber wurde neben Häusern in den anderen Bereichen der Eisenbahner-Siedlung ausgerechnet das Vorzeigeobjekt „autofreie Siedlung“ auf ein Verschweigen gebaut. Dabei hatte Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegengenommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“,  sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet. 

Leider schützen solche Preise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht und schon gar nicht vor Willkür-Maßnahmen, sondern dienen lediglich den Bauunternehmen zu Werbezwecken. Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Projekt „autofreie Siedlung“. Verschleiert wird weiterhin.

In der autofreien Siedlung wurden bereits einige Häuser überteuert verkauft. Auf diese Weise jedoch wird der Bauträger-Skandal, wird das Verschweigen weiter getragen. Der „Marktwert“ ist reine Fiktion. Die permanente Drohung eines Zuführungsgleises senkt den tatsächlichen Wert der Immobilien meines Erachtens erheblich. Würde ich mein Haus verkaufen, würde ich die potentiellen Käufer nach bestem Wissen und Gewissen aufklären und nur einen geringen Aufschlag auf den ursprünglichen Kaufpreis verlangen… Ich sage das so, denn ich will und muss mein Haus nicht verkaufen – und werde dafür kämpfen, dass die Deutsche Bahn uns nicht mehr bedroht.

Nachdem wir uns informiert hatten, bildeten fünf Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 eine Arbeitsgruppe, um eine Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Das war nicht einfach, da die Zeit drängte und man den „Abgabetermin“ auf den 15.8. verlegt hatte, kurz nach den Sommerferien. Viele Nachbarn waren in Urlaub, andere gerade zurück gekommen. Meistens halte ich mich bei Siedlungsaktivitäten zurück, aber diesmal gab es für mich kein Halten.

So saßen wir einander abwechselnd in der Mobilitätsstation, wo wir fünf Tage lang Unterschriften sammelten von Menschen, die in der autofreien Siedlung leben. Unsere Einwendung gegen das Vorhaben verfasste Beate, die die Gabe hat, auch in einer äußerst angespannten Situation besonnen zu bleiben.

Von insgesamt knapp 1000 Unterschriften im gesamten betroffenen Bereich sammelten wir 280, was etwa 20% der Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung entspricht. Der gemeinsame Tenor: Wir unterstützen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber so bitte nicht!

Besonders interessant war es, auf diese Weise mit den Nachbarn der Nachbarsiedlungen ins Gespräch zu kommen, darunter auch Menschen aus den Mehrfamilienhäusern „Am Ausbesserungswerk“. Ein Nachbar erzählte, dass Menschen, die dort eine Wohnung neu beziehen, jetzt schon per Unterschrift zusichern müssen, dass sie, falls das Zuführungsgleis gebaut würde, die Miete nicht mindern.

Und ist das Gleis einmal fertig“, so schreibt Bernd Schöneck, „würden die Züge nur einige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Häuserzeile am Ausbesserungswerk entlang rollen – dem „bewohnten Lärmschutzwall“, wie es recht zynisch hinter vorgehaltener Hand heißt.“ (ksta.de, s.o.) Leider muss ich ergänzen, dass der „bewohnte Lärmschutzriegel“ nicht nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wird, sondern bereits als ein solcher konzipiert worden ist. Im Stadtteilführer des „Archiv(s) für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.“ heißt es: „Aufsehen erregte vor allem ein direkt an der Bahnlinie liegender Gebäuderiegel, der als Lärmschutz für die rückwärtigen Gebiete an die Stelle der alten Wagenhalle treten sollte. Befürchtungen wegen Lärmbelastungen und einer geplanten Eisenbahntrasse unmittelbar vor den Häusern wurden mit dem Hinweis verworfen, die Bewohner würden vom Lärm nicht gequält, weil auf der Seite zur Bahntrasse nur Treppenhäuser und Küchen vorgesehen seien.“ („Loss mer jet durch Nippes jon„, 3. Auflage 2010, S.36)

Ich habe mir erlaubt, von einem Flyer der AWG eine Fotomontage abzufotografieren. In diesem Flyer aus dem Jahr 2017 wird simuliert, wie es „Am Ausbesserungswerk“ aussähe, wenn… Nun hat die Deutsche Bahn auch hier noch einmal „nachgebessert“. Genau dort, wo die S-Bahn ins Bild gesetzt ist, soll nach den Plänen der Bahn direkt vor den beiden neuen Gleisen eine sechs (!) Meter hohe Lärmschutzwand errichtet werden! Doch dieses Lärmabwehr-Ungetüm würde nicht nur den Bewohnern im Erdgeschoss die Sicht und das West-Licht rauben, sondern denen im vierten Stock nicht einmal den Lärm abhalten.

Mein Elfchen des Monats ist diesmal von der wohlmeinenden, untergründig höhnischen und gönnerhaften Werbekampagne der BILD inspiriert. „BILD startet am 15. Juli 2019 eine neue Werbekampagne, in deren Zentrum die Leser stehen. Die Kampagne „FÜR EUCH. BILD.“ stellt Menschen vor, die jeden Tag für andere im Einsatz sind, die Verantwortung übernehmen und die mehr Wertschätzung verdienen. Statt Situationen mit Schauspielern oder Models nachzustellen, zeigt die Kampagne BILD-Leser wie Krankenschwester Manuela, LKW-Fahrer Reinhold, Polizistin Mehtap oder Oma Lore in ihren Alltagssituationen.“ https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/bild-startet-neue-werbekampagne-fuer-euch-bild

Liebe

Lärmschutzriegel-Bewohnende, schenkt

der Deutschen Bahn

ein Lächeln. FÜR EUCH.

Held*innen.

Elfchen im Achten: Lob des Pömpels

*30.8.1922

Kürzlich war unser Spülbecken verstopft. Immerhin lief das Wasser ab, wenn auch sehr langsam, anders als vor einem Jahr, am 14.Juli 2021, als sich während eines mehrstündigen(!) Wolkenbruchs das Wasser in den Abwasserrohren unseres Hauses bedrohlich staute und ich trotz eines komfortablen Abstands zur Flutkatastrophe eine Ahnung davon bekam, wie zerstörerisch Wasser sein kann.

Wenn man in die Suchmaschine „Abfluss verstopft“ eingibt, werden einem zahlreiche Hausmittel empfohlen: Essig, Salz, Backpulver etc.. Man solle nicht gleich zur chemischen Keule greifen, so der allgemeine Tenor. Dankbar für den Vorschlag, die Verstopfung mit einem relativ sanften Gemisch zu lösen, rührte ich einen Brei an aus Wasser, Essigessenz und Salz.

Ich gab die Masse in den Abfluss, wartete, füllte kochendes Wasser nach, wartete wieder, doch das Spülbecken leerte sich nicht schneller als vorher. So schraubte ich den Siphon auseinander und entfernte ein paar lange Töchterhaare. Doch der Pfropfen schien tiefer zu sitzen. Darüberhinaus hatte ich ein neues Problem: Ich hatte es trotz Lesebrille nicht geschafft, die auseinander genommenen Einzelteile passgenau wieder zusammenzusetzen. Jetzt musste ich eine Schüssel unter den tropfenden Siphon stellen, die sich langsam mit Wasser füllte. Ich fühlte mich wie ein HB-Männchen, das seine Zigaretten verlegt hat.

So kam ich auf die Idee zu entrümpeln. Es würde mir gut tun, auf welche Weise auch immer für irgendeine Entschlackung zu sorgen. Ich schnappte mir einen Abfallsack und ging in den Keller. Das war gescheit, denn…

Beim

Ent-ri-rö-rümpeln fand

ich einen Pömpel.

Gurgelnd entflutschte brackige Schlacke…

Pöööölöpölöpöpp

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Pömpel. Die Scheu vieler Frauen, das Teil zu benutzen, hängt damit zusammen, dass der Pömpel der Saugglocke ähnelt, die bei etwa 6% aller Krankenhaus-Geburten zum Einsatz kommt. Dann nämlich, wenn das Kind auf seinem Weg in die Welt im geburtstechnisch so genannten „Geburtskanal“ steckenbleibt und sich nicht weiter bewegt.           Bei der Saugglocken-Entbindung handelt es sich um einen vaginal-operativen Notfall-Eingriff, der für Mutter und Kind traumatisch sein kann. Doch in der witzelnden Sprache der Spaßgesellschaft wird die katastrophale Erfahrung zuweilen banalisiert und veralbert. Auf eltern.de heißt es in einem Beitrag mit dem Titel „Saugglocke bei der Entbindung: Wann und wie sie eingesetzt wird“ locker-flockig: „Eine Saugglocke, auch Vakuumextraktor genannt, musst du dir vom Aussehen her wie einen Toiletten-Pümpel vorstellen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen Sanitär-Artikel, sondern um ein medizinisches Instrument, dass eine Schale aus Silikon oder Metall hat und einen Stab, an dem gezogen wird. Mit einem mechanischen Unterdrucksystem wird die Saugglocke unter der Geburt am Köpfchen des Kindes befestigt.“  https://www.eltern.de/schwangerschaft (Den Rechtschreibfehler „…Instrument, dass…“ habe ich, um das Zitat nicht zu verfälschen, bewusst nicht korrigiert.)

Zurück in den banalen Alltag: Im Nachhinein sage ich mir, dass ich mit Hilfe von Essig und Salz den Pfropfen vorbehandelt und auf diese Weise überhaupt erst pömpelbar gemacht hatte. Aber warum machen wir das, warum kippen wir eine aggressive Masse in den Abfluss und greifen nicht direkt zum Pömpel?

Der Pfropfen ist in unserer Vorstellung so ekelhaft, dass wir meinen, ihn kleinkriegen zu müssen. Beim Pömpeln hingegen zerstören wir den Pfropfen nicht, sondern vertreiben ihn. Dabei können sich schlierige, braungraue Fetzen lösen und an die Oberfläche kommen. Auch mir ist das passiert. Es war so fies, dass ich fast gekotzt hätte.

In einer Wissens-Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde uns im Jahr 2018 erklärt, welche Funktion der Ekel hat, warum wir uns überhaupt ekeln. Auf der Internet-Seite von „Planet Wissen“, einem Gemeinschaftsprojekt des Westdeutschen Rundfunks (WDR), des Südwestrundfunks (SWR) und von ARD-alpha, heißt es in der Text-Version zur Sendung: „Eine Ekelreaktion soll das Infektionsrisiko senken und im Extremfall durch den Brechreflex dafür sorgen, möglicherweise oder tatsächlich verdorbenes oder giftiges Essen schnell aus dem Körper zu befördern.https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/emotionen_wegweiser_durchs_leben/pwieekelwennabneigungextremwird100.html

Der Beitrag beschreibt die Funktion des Ekels, die Zweckmäßigkeit der Ekelreaktion für die Aufrechterhaltung der Gesundheit. Das mag medizinisch korrekt sein, ist aber zu kurz gegriffen und darüberhinaus ethisch bedenklich. Zwar zeigt der interessante Text unterschiedliche Facetten und beleuchtet das Ekelempfinden im historisch-sozialen Kontext, doch wie so oft fehlt auch hier einem naturwissenschaftlichen Beitrag die gedankliche Tiefe, das geistige Korrektiv.

Im selben Text benennt ein Satz, wovor wir uns angeblich ekeln: „Ein nahezu weltweit gemeinsamer Nenner sind jedoch Kot, Urin und Eiter sowie Leichen.“ Die Gleichsetzung von Kot, Urin und Eiter mit Leichen ist meines Erachtens moralisch verwerflich. Ich behaupte -und ich drücke mich bewusst vulgär aus-, dass wir Menschen beim Anblick einer Leiche etwas anderes empfinden als beim Anblick eines Scheißhaufens.

Im Sendungs-Video mit dem betont sachlichen Titel „Ekel – Ein universelles Gefühl“, das man sich noch bis zum 26.2.2023 angucken kann (s.o, planet-wissen.de), holt man sich wissenschaftlichen Rat bei einem gepflegt auftretenden Ekel-Experten von der Universität Gießen, der sich angenehm sachlich ausdrückt. Gleichzeitig jedoch treibt der Film die Banalisierung der Vergänglichkeit reißerisch (mit Nah-Bildern!) auf die Spitze. Leichen gehören demnach zu den „Top 5“ der Ekel- „Favoriten“. Eine entwürdigende, nach der Quote schielende populärwissenschaftliche Gruselshow!

Ich habe zweimal im Leben eine Leiche gesehen, die „sterblichen Überreste“ zweier mir sehr naher Menschen. In dem Moment war ich befremdet, erschrocken und sprachlos. Ich war betäubt und empfand einen tiefen Schmerz, aber keinerlei Ekel.

„Schafe sind so sympathische Tiere“ – Wie man das Vertrauen der Tiere in uns Menschen für Werbezwecke missbraucht

Ploumanach, 26.8.2022: Ich beobachte, wie eine Hornisse eine Wespe „umarmt“. Die Wespe hat unseren Frühstückstisch angesteuert, den Käse ignoriert und sich auf der Leberpastete, die nur ich esse, niedergelassen. Die Wespe ist so sehr in „meine“ Pastete vertieft, dass sie die von hinten sich nähernde Hornisse nicht bemerkt. Die Hornisse packt die Wespe, hält sie umklammert und trägt sie mit sich fort. Was aussieht wie ein romantisches Liebesspiel, ist keines. Hornissen fressen Wespen und zerrupfen sie angeblich sogar in der Luft. Vgl.: https://www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hornissen-sind-die-perfekte-waffe-gegen-wespen—und-viel-harmloser-als-ihr-ruf-8230068.html

Doch die Hornisse stillt nicht nur den eigenen Hunger: „Die Arbeiterinnen erlegen auch oft Insekten, sogar Wespen! Die verarbeiten sie zu Futterbrei, den sie in ihrem Kropf transportieren. Zurück im Nest würgen sie das Futter heraus und füttern damit die Larven und andere Arbeiterinnen.“ https://www.kindernetz.de/wissen/tierlexikon/steckbrief-hornisse-100.html

Das klingt brutal, ist aber für die Hornisse überlebensnotwendig. Anders als die menschliche Aggressivität ist die Angriffslust der Tiere -solange man ihnen ihren Lebensraum lässt- in naturgegebener Balance. Anders als (gestörte) Menschen töten Tiere nie nur um des Tötens willen. Tiere führen keinen Krieg.

Mich erstaunt es immer wieder, wie freundlich sich die Tiere uns Menschen gegenüber verhalten. Sie wissen nichts von Massentierhaltung, Schlachthöfen und Tierversuchen. Es übersteigt ihr Vorstellungsvermögen, dass liebesfähige Lebewesen so kalt und grausam sein können. Tiere greifen uns nur dann an, wenn sie sich bedroht fühlen. Weil sie nicht hinterhältig sind, haben sie uns gegenüber auch keine bösen Hintergedanken.

Tiere sind nicht feige, anders als (gestörte) Menschen, die die Tiere in ihre Macht-Spiele einspannen und sich daran ergötzen, dass die Tiere keine andere Chance haben, als mitzuspielen und nach des Menschen Pfeife zu tanzen, etwa im Flohzirkus. https://stellwerk60.com/2022/03/31/elfchen-im-dritten-olaf-muss-niesen/

Ich finde es unerträglich, wenn Menschen Tiere zu etwas nötigen und dann noch behaupten, die Tiere würden kooperieren. Anfang 2022 setzten Impffreunde aus Niedersachsen eine fragwürdige PR-Idee um. Diese Aktion wurde von den Medien positiv aufgenommen, kritische Stellungnahmen habe ich nicht gefunden. So heißt es z.B. auf aerztezeitung.de: „Noch immer ist etwa jeder fünfte Impfberechtigte in Deutschland noch nicht gegen COVID-19 geimpftHunderte Schafe und Ziegen haben jetzt ein Zeichen gesetzt.https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Riesige-Spritze-Schafe-und-Ziegen-werben-fuer-Corona-Impfung-425778.html

Nun haben hier nicht Schafe und Ziegen „ein Zeichen gesetzt“, sondern Menschen, die die „sympathischen“ Tiere für ihre (Werbe-) Zwecke benutzt und dabei -wie ich finde- verhöhnt und lächerlich gemacht haben. Die dpa-Nachricht zur PR-Aktion am 3.1.2022 wurde von zahlreichen Medien unkritisch übernommen und nur leicht variiert, etwa auf ndr.de:

Mit rund 700 Schafen und Ziegen haben Schäfer in Schneverdingen im Heidekreis eine rund 100 Meter große Spritze dargestellt, um für Impfungen gegen das Coronavirus zu werben. Das Ganze richte sich an die noch Unentschlossenen, so Organisator Hanspeter Etzold. „Schafe sind so sympathische Tiere, vielleicht können die die Botschaft so besser überbringen“, sagte er. Schäferin Wiebke Schmidt-Kochan hatte die Aktion vorbereitet und mit ihren Tieren mehrere Tage dafür geübt. Der Trick dabei: Sie verteilte vorher Brotstücke in Form der Spritze auf dem Boden. Als die Tiere dann auf die Wiese gelassen wurden, stürzten sie sich auf das Fressen und standen somit perfekt für das Motiv.https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Volle-Ampulle-700-Schafe-posieren-fuer-Corona-Impfung,aktuelllueneburg6684.html

Diese Impf-Euphorie war zu dem Zeitpunkt erstaunlich, denn Anfang 2022 zeichnete sich längst ab, dass die sich rasch ausbreitende Corona-Variante Omikron leichtere Krankheitsverläufe mit sich bringen würde. Dadurch war allerdings -schon Monate vor der entwürdigenden Entscheidung über eine Impfpflicht im Deutschen Bundestag- Nutzen und Sinn der weiteren Corona-Massenimpfung grundsätzlich in Frage gestellt. Nur wollte das keiner wissen, schon gar nicht der unbremsbare Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Karlimpf in allen Gassen, der noch nach Auftreten der Omikron-Variante medienwirksam Schul-Kinder impfte und bereits im Wahlkampf als Impfarzt hatte agieren dürfen. https://stellwerk60.com/2021/09/17/groko-stoppen-teil-2-der-titel-schuetzt-vor-torheit-nicht-impfarzt-prof-auflauerbach/

Wir können dankbar sein, dass sich in Südafrika, einem Land mit relativ geringer Impfquote, Ende 2021 die deutlich harmlosere Variante herausbilden konnte, denn nicht die Massenimpfung, sondern Omikron brachte die Wende.

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Offenbar gilt auch für Schafe und Ziegen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Am 3.1.2022 sind 700 ausgehungerte Schafe und Ziegen dem Corona-Impfaktivismus auf den Leim gegangen. Die ohnehin schon karge Winter-Wiese hatte man zuvor so kahl geschoren, dass kein Grashalm mehr die Tiere ablenken konnte.  Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von: https://www.welt.de/vermischtes/article236005760/Corona-Impfungen-700-Schafe-und-Ziegen-werben-als-riesige-Spritze.html
Quelle: dpa/Philipp Schulze

Wie leicht man Tiere in die Falle locken kann, wussten die Vogelfänger: https://www.geo.de/geolino/redewendungen/8566-rtkl-redewendung-auf-den-leim-gehen&nbsp

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Der klebrig-fiesen Fliegenfalle ähnelt diese Ziegenfalle.                                                                      Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von welt.de   Quelle: dpa/Philipp Schulze

Geschichte von den sieben jungen Geißlein und der klugen Wölfin – Die Zauberkraft der Ziegenmutterliebe

„Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat…“ (Friedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“)

Erst kürzlich hat sich die Geschichte tatsächlich noch einmal zugetragen. Ganz in unserer Nähe, außerhalb eines alten Dorfes und doch in den Tiefen des Waldes, die es immer noch gibt. Dort lebten in Waldabgeschiedenheit eine Geiß und ihre sieben jungen Geißlein.

Die Geiß hatte ihren Kindern das Märchen einige Male erzählt, doch -so bitter es auch war- konnten die sieben jungen Geißlein nur glauben, was sie selber erlebt hatten. Daher hatten sie nichtsahnend den Wolf schon bei seinem allerersten Täuschungsversuch ins Haus gelassen.

Als die Geiß nach Hause kam, wusste sie sofort, was passiert war. Sie geriet nicht in Panik, sondern behielt einen klaren Kopf. Sie spürte, wie ihr Herz schlug, aber sie schrie nicht, sondern rief nacheinander die Namen ihrer sieben Geißlein. Keines gab ihr eine Antwort. Erst als das jüngste an der Reihe war, hörte sie aus dem Uhrkasten ein leises „Mama?“

Obwohl sie die Antwort kannte, ließ sie ihr Kind erzählen, was genau passiert war. Die Geiß weinte bitterlich, behielt aber einen klaren Kopf. Und weil sie ihr Nähzeug gut pflegte, Schere, Nadel und Faden immer für den Notfall parat lagen, schaffte sie es, ihre Kinder, die heil geblieben waren, zügig aus dem Wanst des schlafenden Wolfes zu befreien. Sie füllte seinen Bauch mit Wackersteinen, die die Kinder eilig gesammelt hatten, und nähte ihn so gut zu, dass die Steine nicht herausfallen konnten.

Doch was nun? Wenn der Wolf auch tot war, so waren seine sterblichen Überreste noch immer im Brunnen, wohin sich das durstige Tier mit letzter Kraft geschleppt hatte. Anders als ihre Kinder, die nur kurz nach dem Unglück wieder übermütig gespielt hatten und jetzt eng aneinander gekuschelt tief schliefen, tat die Geißen-Mutter in der Nacht kein Auge zu. Es war entsetzlich, einen toten Wolf im Brunnen zu wissen. Das Dorf war längst an die Kanalisation angeschlossen, aber der letzte öffentliche Brunnen stand unter Denkmalschutz und wurde so gut gepflegt, dass sein Wasser zwar nicht den Menschen, aber den Tieren bekam. Wie sollte sie jemals wieder an das köstliche Wasser kommen? Und was war mit den alten Dorfbewohnern, die sich an sonnigen Tagen beim Brunnen trafen, bevor sie sich unter der Schatten spendenden alten Linde auf die Bank setzten?

An dieser Stelle schwieg das Märchen. Über den Brunnen mit dem toten Wolf darin war nichts weiter zu erfahren. Die Geiß kam ins Grübeln: Sollten ausgerechnet sie und ihre sieben Kinder diejenigen sein, die viele Jahre später das Märchen weiter erlebten und die Geschichte zu Ende erzählten?

Wie dem auch war: Sie musste die Angelegenheit öffentlich machen, es gab keine andere Wahl. Allerdings würde sie auf diese Weise die Menschen auf sich aufmerksam machen, und vielleicht wäre es dann mit der Waldeinsamkeit für immer vorbei. So bat sie am Morgen die Spatzen, in die nächstgrößere Stadt zu den Menschen zu fliegen und es von den Dächern zu pfeifen.

Da ein Notfall vorlag, stand schon nach wenigen Stunden eine Spezialeinheit des Gesundheits- und des Veterinäramts vor der Tür. Die alte Geiß führte die Personen zum Brunnen. Vermummte Hygienekontrolleure machten sich vor Ort ein Bild und informierten die Feuerwehr, die mit schwerem Gerät anrückte und die sterblichen Überreste des Wolfes aus dem Brunnen hob.

Drei Tage später wurde der Kadaver -nachdem man ihn auf Anzeichen von Tollwut untersucht hatte- der Tierverwertung zugeführt. So konnte sich, wie es hieß, das Biest posthum nützlich machen, auch bannte man auf diese Weise jegliche Verseuchungsgefahr. Der Brunnen wurde von Spezialkräften gründlich desinfiziert und wenige Tage später unter Vorbehalt wieder freigegeben.

Da der Wolf tot war, bräuchten die sieben Geißlein, wie der Leiter der Spezialeinheit ihnen mitteilte, keine Angst mehr vor ihm zu haben. Offenbar handelte es sich um einen alten Rüden, der kein Rudel mehr hatte und deshalb böse geworden war. Um die Gefahr weiterer Wölfe ausschließen zu können und die Sicherheit der Geißlein zu gewährleisten, hatte man den Wald Meter um Meter durchforstet. Bei der Aktion hatte man keinen Wolf, aber einige junge Menschen aufgestöbert, die ausgewandert, aber nicht weit gekommen waren.

Der Wald war frei von Wölfen. Die alte Geißlein spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Sie nahm die Kinder mit in den Wald und zeigte ihnen, wie sie Futter finden konnten. Als die sieben Geißlein für sich selber sorgen konnten, ging sie auf eine kleine Reise. Eines Morgens nahm sie letztes Mal das kleinste Zicklein an ihre Zitzen und verabschiedete sich: „Auf Wiedersehen, meine lieben Sieben. Ich gehe zu den Menschen, aber ich bin bald wieder da. Wenn Menschen kommen, lasst sie ruhig ins Haus. Aber nehmt euch in Acht, wenn sie euch zu etwas einladen oder euch etwas schenken wollen. Wir müssen Zeit gewinnen, deshalb sagt:Wir sagen NEIN. Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

„Sind denn die Menschen nicht lieb?“, fragte das jüngste Geißlein.

„Eigentlich schon“, sagte die alte Geiß und seufzte. „Die Menschen werden nicht böse geboren, aber oft machen sie mit der Zeit so schlechte Erfahrungen, dass sie böse werden.“

„Schlechte Erfahrungen mit Wölfen?“, fragte ein Geißlein. Jetzt schüttelte die Geiß den Kopf und lachte.

„Und woher sollen wir wissen, wer böse ist?“, fragte ein anderes.

„Hört auf die Vögel“, sagte die Geiß. „Seid auf der Hut, wenn die Krähe siebenmal krächzt, doch freut euch, wenn die Amsel singt.“

Die Geiß machte sich auf den Weg. Aber sie setzte sich nicht in Bus oder Bahn, sondern begab sich ins Rathaus. Sie trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und bekam als erste Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Präsident war nicht persönlich erschienen, wohl aber die Bürgermeisterin.

Ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde der Inhaber eines Geschäfts für Karnevalsbedarf, der dem Wolf den sogenannten „magischen Strumpf“ geschenkt hatte. Dieser Strumpf stellte inklusive Kunststoff-Klaue den unteren Teil eines Ziegenbeins dar, ließ sich leicht überstreifen und hatte dem Wolf wie angegossen gepasst. Ohne den genialen Geschäftsmann, so betonte die Bürgermeisterin in ihrer Rede, wäre die Geschichte wohl nicht so glimpflich verlaufen. Hätte der Verkäufer nicht dem Wolf geholfen, sich als Geiß zu verkaufen, hätte sich die Bestie über die Menschen hergemacht.

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Die großen Märchen erzählen nicht nur die eine, sondern viele Geschichten. Die Illustratorin Tatjana Hauptmann versteht es, mit Liebe zum Detail das scheinbar Nebensächliche in den Vordergrund zu holen. Warum warnen Krämer, Müller und Bäcker die Geißlein nicht, wo sie doch wissen, dass der Wolf was im Schilde führt und Geißlein seine Leibspeise sind? „Ja, so sind die Menschen“, heißt es im Märchen. Eine genauere Antwort gibt diese Illustration. Abfotografiert aus: Christian Streich (Hrsg.): „Das große Märchenbuch. Die schönsten Märchen aus ganz Europa“, mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann. 

Die Verleihung dauerte bis zum Abend. Beim festlichen vegetarischen Dinner wurden mit Rücksicht auf die Geiß keinerlei tierische Produkte gereicht – inklusive der sonst üblichen Käseplatte mit Crottin de Chavignol, einer berühmten französischen Ziegenkäse-Spezialität mit echtem Ziegenaroma. Die Geiß wurde anschließend in ein Wellness-Hotel gebracht, wo man im zweiten Stock ein Zimmer artgerecht für sie hergerichtet und eine Schlafstelle mit Stroh ausgelegt hatte.

Das Zimmer war geräumig, was umso erstaunlicher war, da gemäß den EU-Rechtsvorschriften selbst im ökologischen Landbau eine Stallfläche von nur 1,5 Quadratmetern je Ziege das vorgeschriebene Minimum war. Den Wellness-Bereich durfte die Geiß aus Rücksicht auf andere Gäste nicht betreten, aber sie hatte eine große Badewanne für sich alleine. Sie würde sich ein paar Tage ausspannen. Und sie spürte, dass es sehr erholsam sein würde, einmal nicht für die Kinder sorgen zu müssen.

Bevor sie sich schlafen legte, kontrollierte sie noch kurz Tür und Fenster. Die Zimmertür war von außen verriegelt, aber die beiden großen Fenster ließen sich öffnen. Als sie jung war und noch keine Kinder hatte, hatte die Geiß, wenn Vollmond war, eine unendliche Sehnsucht verspürt. In sternklaren Nächten war sie schlafend durchs Haus gelaufen und hatte die Fenster, die so klein waren, dass kein Geißbock hätte hindurchklettern können, so weit aufgerissen, wie es nur möglich war.

Die alte Geiß spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Anders als der Wolf würden die Menschen ihre Gier zügeln können. Sie zogen die Ziegenmilch dem Ziegenfleisch vor und gehorchten nicht nur der schieren Gier, sondern Verordnungen, Richtlinien und Gesetzen. Die Menschen hatten ihr als erster Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen, also würden sie ihr und den sieben Geißlein gegenüber gewisse Spielregeln einhalten müssen.

Am nächsten Morgen, während sie so tief schlief wie schon lange nicht mehr, war im Waldhaus bereits der Bär los bzw. die Ziege. Die sieben Geißlein hatten sich aus Tisch, Stühlen und Kochtöpfen einen Kletterhügel gebaut. „Kinder!“, schrie jemand vor der Tür, „könnt ihr mal leise sein?“ Die Geißlein erschraken, und es wurde so still, dass sie durch die geöffneten Fenster hindurch eine Krähe krächzen hörten, die über das Haus hinweg flog. Die Ziegenkinder zählten mit: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben… Jemand klopfte energisch an die Tür. Als das älteste Geißlein aufmachte, traten zwei Menschen-Frauen ein, die eine dunkelhaarig, die andere blond.

„Ihr seht ja gar nicht böse aus“, sagte das jüngste Geißlein.

„Wir sind ja auch lieb“, sagte die eine der Frauen. „Und wir bieten euch unsere Hilfe an.“

„Wir kommen vom Jugendamt“, sagte die andere. „Ihr habt weder Hausnummer noch Klingel noch Strom noch fließend Wasser noch Telefon. Kopf hoch, das kriegen wir schon hin.“

Die Blonde lächelte: „Die Mama muss sich noch eine Weile ausruhen. Sie war ja völlig überfordert. Aber sagt, wer passt auf euch auf, wenn die Mama nicht da ist, wer sagt euch Bescheid, wenn ihr schlafen gehen sollt?“

„Wir sind doch nicht doof.“

Die Blonde lächelte noch breiter: „Ja, aber bis dahin muss jemand das Sorgerecht übernehmen. Aber sagt, wo ist der Papa?“

„Der baut leider immer wieder Bockmist“, sagte das älteste Geißlein.

„Also hat eure Mutter das alleinige Sorgerecht.“

„Sowas hat die Mama nicht.“

„Das werden die Experten klären“, sagte die Blonde und holte ein Blatt Papier aus der Tasche. „Könnt ihr bitte dieses Formular unterschreiben? Hiermit erklärt ihr, dass ihr Hilfe braucht. Klauenabdruck reicht.“ Durchs Fenster hindurch hörten die sieben Geißlein das siebenmalige Krächzen der Krähe, die über das Haus hinweg flog.

Sechs Geißlein fingen an zu weinen, nur das älteste nicht. „Das unterschreiben wir nicht“, sagte es.

„Ihr braucht aber dringend professionelle Hilfe“, sagten die beiden Frauen.

„Brauchen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „So ein Quatsch.“

Die Geißlein hörten auf zu weinen. „So ein Quatsch“, wiederholte das jüngste und lachte.

„So ein Quatsch“, wiederholten die anderen Geißlein.

Wir sagen NEIN“, sagte das älteste Geißlein. Und alle Geißlein fielen ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die Frauen gegangen waren, waren die Geißlein wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Wenige Tage später hörten die Geißlein, während sie frühstückten und sich dabei mit Brombeeren bewarfen, durch die geöffneten Fenster hindurch wieder die Krähe krächzen, die über das Haus hinweg flog: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…. Das jüngste Geißlein öffnete die Tür, aber da war niemand.

„Wir sollten jetzt lieber aufräumen“, sagte das älteste Geißlein. Und das taten sie auch.

Als die Krähe eine Stunde später noch einmal siebenmal krächzend über das Haus flog, standen zwei Menschen vor der Tür. Die Geißlein ließen die Menschen ins Haus, einen Mann und eine Frau. Die beiden Menschen waren weiß gekleidet, trugen lange Hosen und geknöpfte Jacken: „Guten Tag, liebe Kinder.“

„Guten Tag auch“, sagten die Geißlein, „aber warum habt ihr weiße Klamotten an?“

„Aus Gründen der Hygiene“, war die Antwort. Die Frau rümpfte schnuppernd die Nase.

„Ich weiß, warum ihr weiße Sachen anhabt“, sagte das jüngste Geißlein und lachte. „Damit man fiese Flecken besser sehen kann.“

„Welche fiesen Flecken?“, fragte die Frau. „Was unterstellst du uns da?“

Jetzt lachten alle sieben: „Aber ihr habt da was.“

„Was?!“ schrie der Mann.

„Krähenschiet“, sagte ein Geißlein. „Nehmt das nicht persönlich, ist uns auch schon passiert.“

„Lecker roter Brombeerschiet“, lachte das jüngste Geißlein. „Amsel-Kaka.“

„Iiieh!“, schrie die Frau und suchte sich und den Kollegen nach Flecken ab. „Da ist nichts. Wollt ihr uns an der Nase herumführen?“

Jetzt lachten alle sieben Geißlein und sangen: „Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Amsel-Kaka, Krähenschiet, Vogelschiet, igittigitt, Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Kirschenschiet…“

„Pst“, unterbrach die Frau. „Schafft ihr es, kurz ruhig zu sein? Wir möchten euch etwas mitteilen.“

„Meinetwegen“, sagte das älteste. „Aber mach’s kurz.“

„Liebe Kinder, hört uns zu. Wir brauchen von euch eine Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung. Die Milch eurer großartigen, klugen und couragierten Mutter dürfte eine besondere sein. Wir wollen sie erforschen und entschlüsseln.“

„Mamas Milch gehört mir“, sagte das jüngste Geißlein. „Ihr kriegt keine Verzitzicherung.“

„Verzichtserklärung“, sagte die Frau. „Du weißt ja nicht einmal, wovon du redest, mein Kind. Du denkst nur an dich. Dabei müssen wir doch zusammenhalten.“ Die Frau schob die Unterlippe vor. „In den Laboren ist schon alles vorbereitet, die Forschungsprojekte sind finanziert. Wir haben namhafte Sponsoren gewinnen können. Jetzt fehlt nur noch…“ Sie schaute ihren Kollegen aufmunternd an.

„Die Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung“, ergänzte der Mann. „Seht ihr, was ihr angerichtet habt? Liebe Kinder, wir müssen doch kooperieren. Wir werden jeden Tag bei euch vorbeikommen und eurer Mutter etwas Milch abnehmen. Aber wir fassen eure Mutter nur mit antiseptischen Samthandschuhen an.“ Er zwinkerte mit dem Auge. „Aus Kunststoff natürlich. Mit Hilfe der wunderbaren Milch eurer wunderbaren Mutter werden wir die Formel finden und den Welthunger besiegen können. Wollt ihr das nicht?“

Die Geisslein zuckten zusammen. „Ich will zu meiner Mama“, sagte das jüngste.

Jetzt schrie der Mann: „Ihr wollt wohl nicht teilen. Wollt ihr alles für euch behalten, wollt ihr für den Hunger von Millionen Menschen-Kindern verantwortlich sein?“

„Das wollen wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „Aber das sind wir auch nicht. Was Sie sagen, ist leider wissenschaftlich nicht haltbar. Wir sagen NEIN. Wieder fielen alle Geißlein ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die beiden Menschen gegangen waren, waren die Geißlein wieder wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Am Sonntag war die Luft rein. Die Geißlein hatten lange geschlafen, denn am Wochenende würden die Mitarbeiter der Ämter kaum vorbeikommen. Sie sehnten sich nach ihrer Mutter, die so lustig sein konnte, lecker kochte und jetzt schon eine Woche weg war. Jemand klopfte an die Tür, die nur angelehnt war. Die Amsel mit dem goldenen Schnabel sang der Singvögel Hochzeitslied, so schön. Eine dunkle Pfote wurde sichtbar. „Darf ich reinkommen? Mein Name ist Metis. Ich bin eine Wölfin.“

„Kannst reinkommen“, sagte das jüngste Geißlein und schluckte, denn die Wölfin, die sich ins Haus schleppte, war groß, ihr Fell dunkel.

„Ich habe Durst“, sagte die Wölfin mit heiserer Stimme. „Habt ihr Wasser für mich? Alle Bäche sind ausgetrocknet.“

Die Geißlein füllten einen großen Topf mit Brunnenwasser. Die Menschen tranken Leitungswasser und gossen nur noch ihre Pflanzen damit, aber für Ziegen und Wölfe war das Brunnenwasser durchaus bekömmlich. Die Wölfin trank den Topf leer und sagte höflich: „Danke.“

„Warum hast du so große Zähne?“, fragte ein Geißlein.

„Damit ich besser beißen kann. Kein Bange. Ich habe euch zum Fressen gerne, aber ich fresse euch nicht.“ Die Wölfin lächelte und zeigte ihre großen Zähne. „Außerdem bin ich satt. Ich habe vorhin ein verletztes Kaninchen… Tut mir leid.“

„Das muss dir nicht leid tun“, sagte ein Geißlein. „Selbst die Singvögel fressen Tiere. Sie füttern ihre Jungen mit Würmern, weil die Würmer lecker weich sind. Vögel haben leider keine Milch. Außerdem kann ja nicht jedes Tier so vernünftig sein wie wir Ziegen.“

„Der Wolf, der euch verschlungen hat, war kein gewöhnlicher Wolf“, sagte die Wölfin. „So irre ist kein Tier, das man nicht verrückt gemacht hat. Die Menschen müssen ihn zum Selbstmordattentäter abgerichtet haben. Ein gewöhnlicher Wolf würde niemals sieben Geißlein auf einmal verschlingen. Er würde sich… “ Die Wölfin schluckte und sprach leise weiter: „Ein gewöhnlicher Wolf würde sich ein einzelnes Geißlein vornehmen und es zwischen den Zähnen…“

„Bist du wohl ruhig!“, schrieen die Geißlein und hielten sich die Ohren zu.

„Ich wollte euch nicht zu nahe treten“, sagte die Wölfin. „Aber ich glaube, ihr habt einen verdammt guten Schutzengel. Sonst hättet ihr die Gier des Wolfes wohl kaum überlebt.“

„Hä?“ Das jüngste Geißlein lachte: „Bei dir piept’s wohl.“

„Ich weiß, dass euch himmlische Energien geholfen haben“, sagte die Wölfin.

Jetzt kugelten sich die Geißlein vor Lachen, sechs von den sieben rannten aus dem Haus und auf die Wiese. Endlich spielen! Das Wetter war schön und diese Wölfin wirklich ein bisschen bescheuert. Aber so waren die Erwachsenen eben.

„Was ist los mit den Menschen?“, fragte das älteste Geißlein, das bei der Wölfin geblieben war.

„Die Menschen-Männer sind nicht satt zu kriegen“, sagte die Wölfin. „Das macht sie gefährlich. Vor lauter Geld sind sie blind für den Reichtum der Welt, und in ihrer Liebe zur Technik nehmen sie die Schönheit der Natur nicht mehr wahr. Doch weil sie ihre Männer trotz alledem lieben, ziehen die Frauen mit in den Krieg gegen die Menschen und die Tiere. Sie vergessen, dass sie Frauen sind. Dabei verraten sie ein Gefühl, das alle Frauen haben, ob sie Mutter sind oder nicht: Die Mutterliebe.“

„Darüber muss ich noch nachdenken“, sagte das Geißlein.

Die Wölfin zeigte lächelnd die Zähne. „Aber jetzt hol deine Geschwister. Wir wollen doch die Mama aus der Geiselhaft befreien.“

Das älteste Geißlein erschrak. „Die Mama ist doch nicht in Geißenhaft“, sagte es.

„Was glaubst du denn, wo sie ist?“, fragte die Wölfin. Das Geißlein lief schnell nach draußen und holte seine Geschwister. Sehr ernst setzten sich die sieben Geißlein zu Metis in den Kreis, hielten sich an den Klauen und schlossen die Augen…



Wenig später war zu lesen, dass die Geiß, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, aus der Wellness-Oase verschwunden sei, spurlos. Die Verantwortlichen machten sich große Sorgen, denn die Fenster waren weit geöffnet gewesen. Vermutlich war die Geiß aus dem Fenster gefallen, woraufhin ein streunender Aasfresser, vermutlich ein Wolf, ihr Fleisch in sein Versteck geschleift hatte.

Verschwörungstheoretikern fiel auf, dass unter dem Fenster keine Spuren zu finden waren. Sie sprachen von einem fliegenden Teppich, auf dem die Geiß geflohen sein könnte. Viele verrückte Ideen wurden geäußert. Und das fliegende Rettungsboot aus lauter Vögeln, aus Krähen, Amseln und Spatzen, aus Lachmöwen und Halsbandsittichen, das ein alter Mann gesehen haben wollte, gab es nur im Märchen.

Noch etwas war nicht mehr zu finden: Das Waldhaus. Die Navigationssysteme zeigten Standort und Weg an, aber ein Polizeiwagen war im Morast steckengeblieben, was angesichts der anhaltenden Trockenheit erstaunlich war. Ausgeschickte Drohnen verschwanden spurlos.

Man hatte die Geiß und die sieben Geißlein nie wieder gesehen. In der Nähe des Brunnens jedoch entdeckte man immer wieder frische Ziegenhuf-Spuren.

Elfchen im Siebten: Gartenschnecken-Hochzeit

* 9.7.1957

Am Strand von Spiekeroog: Kinder bauen bei Ebbe eine Sandburg. Als die Sandburg fertig ist, wird sie mit Muscheln verziert, denn Steine findet man am Strand vom Spiekeroog kaum. Die Kinder wissen, dass die Flut kommt, und gehen. Morgen werden sie eine neue Sandburg bauen, die schönen Schalen der Herzmuscheln gibt es wie Sand am Meer. Man merkt der Sandburg an, welche Freude die Kinder hatten, als sie sie gebaut haben. Zwei Jungs, die vorbeikommen, spüren das auch. Sie können die Schönheit der Sandburg nicht ertragen und zögern nicht lange. Was die Flut kann, können wir auch, nur viel schneller.

Aufgrund von Ausgrabungen mithilfe präziser moderner Techniken müssen die Ursprünge der Menschheit immer wieder neu datiert werden. „Sowohl genetische Daten heute lebender Menschen als auch Fossilien weisen auf einen afrikanischen Ursprung unserer Art hin. Die ältesten bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien stammen aus Äthiopien: Die Fundstelle Omo Kibish ist 195.000 Jahre alt, Herto wird auf 160.000 Jahre datiert.https://www.mpg.de/11322546/homo-sapiens-ist-aelter-als-gedacht

Geschichtsschreibung als bewusste sprachliche Aufzeichnung und Deutung historischer Ereignisse sowie deren Festschreibung als „Geschichte“ gibt es erst seit der Antike. Die frühen „Historiker“ waren ausschließlich Männer. Mit dem Ende der Steinzeit und der Sesshaftwerdung der Menschen vor gerade einmal 10.000 Jahren hatten die Männer die Herrschaft übernommen. Das Patriarchat setzte sich mit aller Macht und Härte durch. Männliche „Stärken“ wie Muskelkraft, Kampfbereitschaft und Kriegslüsternheit spielten eine immer größer Rolle, denn das Eigentum war entstanden und „musste“ verteidigt werden. Fortan war die Geschichte mitsamt all ihren Institutionen, Erfindungen und kulturellen Errungenschaften immer auch eine Geschichte brutaler Kriege, der primitiven und brachialen Waffengewalt. Kaputtmachen ist einfach, Kaputtmachen ist feige, Kaputtmachen sichert Macht. Nichts ist einfacher, als mit roher Gewalt Tatsachen zu schaffen, Geschichte zu schreiben.

Doch warum hat die zwar gefahr-, aber dennoch friedvolle vorpatriarchale Epoche nicht eher geendet, „was hat die steinzeitliche Welt so lange in der Balance gehalten? Warum hat der Gebrauch von Werkzeugen und Waffen nicht zur Selbstzerstörung geführt? … Entscheidend war die Liebe zum Leben: Das Gespür für Natur, die Ehrfurcht vor der weiblichen Gebärfähigkeit und die Einbettung des menschlichen Daseins in den göttlichen Kosmos…“ Weiterlesen: https://stellwerk60.com/2016/12/06/die-menschheitsgeschichte-begann-in-afrika/

Doch eben diesen friedenssichernden göttlichen Kosmos, jene spirituelle Balance meint der männliche Größenwahn zertrümmern zu müssen. Die männliche Hybris konkurriert dabei nicht nur mit der göttlichen Schaffenskraft, sondern auch mit der Schöpfungsgeschichte. Männer wollen auch deshalb Macht und Einfluss haben, um selber Schöpfer zu sein, (Welt-) Geschichte zu schreiben.

Dieser Gestaltungs-Ehrgeiz zeigt sich auch im Verhalten vieler unserer Zeitgenossen, die, sobald sie Einfluss haben, ohne es zu merken permanent Sandburgen zertrümmern. Buchautor und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will uns nicht nur alle impfen, sondern uns alle aufklären: „Bevor es zu spät ist“ (Rowohlt 2022). Wissenschaftsjournalist, Atheist und Buchautor Ranga Yogeshwar, den ich in mancherlei Hinsicht sehr schätze, impft uns mit Halbwissen. Sein Video „Warum Impfen schlauer ist“ (6.8.2021) ist zwar spätestens seit Omikron in allen Punkten widerlegt, steht aber weiterhin unverändert im Netz. https://www.youtube.com/watch?v=gT9z-l77ZYk

Schon anlässlich der Schweinegrippe im Jahr 2009 mutierte Yogeshwar zum öffentlich-rechtlichen Impf-Missionar. In einer Quarks&Co-Sendung zum Thema Schweinegrippe am 1.9.2009 beantworteten Ranga Yogeshwar und der Virologe Alexander Kekulé, der sich wenig später mit dem schon damals umstrittenen Impfstoff Pandemrix impfen ließ, Zuschauerfragen. Ende 2020 dann benutzte Yogeshwar im Interview mit morgenpost.de in Bezug auf die Corona-Impfung eine zum Fremdschämen kitschige, hymnisch-sentimentale Floskel, die mich aufhorchen ließ: „Ich bin stolz, jetzt Teil der Menschheit zu sein.“ https://www.morgenpost.de/berlin/article231048684/Ranga-Yogeshwar-Corona-Impfen-Schnelltests.html (leider €)

***

Doch wer die Natur nicht sentimental verklärt oder nach Brauchbarkeit abklopft, nach Nutzen für Technik und Wissenschaft, wer noch zu schauen oder zu lauschen vermag, dem (oder der) erzählt sie wundersame Geschichten:

Krochen

in den

Nabel der Spirale

und fanden sich da…

Schöpfungswonne*

Sommer 2021: Diese weibliche Figur habe ich vor drei oder vier Jahren in einem Kringloopwinkel (Kringloop = Kreislauf) in Alkmaar gefunden. Das Holz war glänzend lackiert, aber der Regen hat den Lack mit der Zeit abgewaschen.                                                                                                                           Strudel bewegen sich spiralförmig. Diese langsam fließende Spirale vermittelt nur eine leise Ahnung von der Sogkraft des Strudels. Und doch schienen die beiden Gartenschnecken durch eine geheimnisvolle Kraft in den Nabel der Figur, in den Mittelpunkt der Spirale gezogen worden zu sein. Dabei ist diese Spirale ein Spiel mit der Spirale, die sich, als ich sie genauer betrachtete, noch als etwas anderes entpuppte: Zwei ineinander verschlungene Schlangen.                                          Nachdem ich sie vom Sofa aus beim Blick durch die Terrassentür entdeckt hatte,  blieben die Schnecken dort -zwischen den regenfeuchten Blättern von Minze und Efeu- noch eine Stunde oder länger. Dann ließen sie einander los und krochen in verschiedene Richtungen davon.

***

Ergänzung 16.7.22: Was aber ist der Unterschied zwischen dem Gartenschnecken-Paar und dem Ehepaar Lindner/Lehfeldt? Wir erinnern uns: Bundesfinanzminister Christian Lindner hat am vergangenen Wochenende auf Sylt eine Journalistin namens Franca Lehfeldt geheiratet. Anders als die bundesdeutsche Politprominenz waren wir, das Volk, nicht eingeladen, durften aber der Traumhochzeit zwischen Lindner und Lehfeldt bzw. Politik und Journaille vom Fernsehsessel aus zuschauen.

In der EMMA brachte Alice Schwarzer „den kleinbürgerlichen Kitsch“ der Veranstaltung auf den Punkt: „… Das ganze medial effektiv beschirmt von einer Hundertschaft Polizei, bezahlt vom Steuerzahler. Hochzeitsgast Friedrich Merz braust im Privatjet aus dem Sauerland an, markig am Steuerknüppel. Ein echter Mann eben. Ex-Kandidat Laschet kommt aus Aachen im Kleinbus. Passt. Die Braut steckt in einem cremefarbenen „Jumpsuit“, rückenfrei, der Bräutigam in einem sehr blauen Anzug. Er steigt, knapp vor dem Kirchenportal, aus einem schwarzen BMW. Sie folgt in einem schwarzen Porsche Targa.“ https://www.emma.de/artikel/lindner-hochzeit-es-ist-zum-kotzen-339645

Am liebsten hätte ich weggeguckt, aber Abschalten ging nicht. Schließlich wurden wir auf allen Kanälen mit der Story beballert. Und das, wie Alice Schwarzer schreibt, in „Zeiten, in denen die Inflation galoppiert, die Menschen arbeitslos werden, Alten und Armen das Gas abgedreht wird; in Zeiten, in denen Krieg nebenan ist und in Afrika deswegen noch mehr Menschen verhungern.“ (emma.de, s.o.)

Wir sind das Volk.“ Es gibt uns noch, aber wir sind zum Zuschauen verdammt. Wir müssen das Hochzeitsfest mitfinanzieren, müssen Eintritt bezahlen, aber die Party findet ohne uns statt. Nun zeichnet sich die aktuelle deutsche Bundespolitik durch Abschottung von den Menschen, durch eine kaum noch erträgliche Egomanie der Agierenden, durch Selbstgerechtigkeit, Eitelkeit und Gleichgültigkeit aus. Dolce Vita in Germany: Dass Autonarr und Bundesfinanzminister Lindner, während weltweit Großbrände wüten, seine Hochzeit dazu benutzt, für die deutsche Autoindustrie zu werben, für Porsche und BMW, ist nicht nur scham- und geschmacklos, sondern -wie Alice Schwarzer sagt- zum Kotzen.

Doch was ist jetzt der Unterschied zwischen dem Gartenschnecken-Paar und dem Ehepaar Lindner/Lehfeldt?

Anders als Lindner/Lehfeldt sind den Gartenschnecken Geld, Selbstdarstellung und Haartransplantationen (Lindner) fremd. Und abgesehen davon, dass sie gar nicht stehen können, stehen Gartenschnecken nicht gerne im Mittelpunkt. Beifall ist ihnen suspekt. Aus gutem Grund verstecken sie sich lieber. Doch wenn Schnecken Hochzeit feiern, sind sie der Mittelpunkt der Welt – was alle nachempfinden können, die glücklich verliebt sind oder es einmal waren.

Gartenschnecken sind verletzlich, sie paaren sich nur dort, wo sie sich geschützt fühlen- stundenlang. Dass sie sich vor meinen Augen in den Mittelpunkt der Spirale gesetzt haben, berührte und erfreute mich. Ich war zu ihrer Hochzeit eingeladen. Diese beiden Schnecken schienen genau zu wissen, dass ich sie erschütternd schön finde. Niemand kann mir erzählen, dass Schnecken nicht dankbar sind.

*Auf den Begriff „Schöpfungswonne“ bin ich bei der Theologin Hanna Strack gestoßen, die ihn wiederum in einer Schrift des Religionswissenschaftlers Walter Schubart entdeckt hat („Religion und Eros“, 1941). In ihren Büchern schließt sich Hanna Strack der Weltsicht der Philosophin Hannah Arendt an, für die das menschliche Leben von der Geburtlichkeit geprägt ist und nicht-wie es die klassische Philosophie postuliert- von der Sterblichkeit. Das geht einher mit einem radikalen Perspektivwechsel, denn die Entwürfe der mittlerweile 85jährigen Christin Hanna Strack haben naturreligiöse Elemente.

Anders als die Theoretikerin Hannah Arendt versinnlicht Hanna Strack die „Geburtlichkeit“. Für sie sind Menschen nicht nur Geborene, sondern Gebärende, wobei das Vermögen, ein Kind zur Welt zu bringen, ein rein weibliches ist. Hanna Strack, die drei Kinder zur Welt gebracht hat, entwickelt eine „Theologie des Blühens“ und richtet den Blick auf „das Leben in Fülle“. Sie unterwirft sich nicht der christlichen „Unter Schmerzen sollst du gebären“ – Doktrin, die den Geburtsschmerz als Strafe versteht, sondern entwickelt eine gewagte feministische These: Indem sie mithilfe der Wehen ein Kind/den Menschen zur Welt bringt, ist die Frau „Mitschöpferin“.

In dem Moment, als Karl Lauterbach mit dem Aufzug steckenblieb, bekam ich Corona

Angefangen hatte es mit extremer Müdigkeit. Ich verschlief einen ganzen Sommer-Sonntag. Zwei Tage lang konnte ich nur wenig essen, und ich verschmähte mein Leibgetränk Rotwein. Am dritten Tag war zwar der Appetit wieder da, aber der Wein aus dem Languedoc schmeckte nicht mehr leicht herb nach meinen Lieblings- Trauben Syrah und Grenache, sondern seltsamerweise nach Merlot, jener Mainstream- Rebsorte, deren klangvoller Name daher rührt, dass die Amsel (franz. merle) eine Vorliebe für die dünnschaligen Weintrauben hat. Was war los, würde der Wein mir niemals mehr munden – oder hatte ich Corona? Als dann ein leichter Schnupfen hinzukam, schöpfte ich Hoffnung auf Omikron und bin ins Testzentrum gegangen.

Vorher hatte ich mich im Internet über die neuen Quarantäne-Bestimmungen kundig gemacht. Die „Geimpften“ und „Geboosterten“ haben keine Vorteile mehr gegenüber uns „Ungeimpften“. Für alle positiv Getesteten endet die Quarantäne ohne verpflichtenden Test „automatisch“ nach zehn Tagen, aber nach fünf Tagen Isolation kann man sich „freitesten“.

Das Gesundheitsamt sieht mittlerweile von Hausbesuchen ab. „Das haben wir früher gemacht“, sagte die junge Frau, die nach einem positivem Schnelltest bei mir einen Abstrich für den PCR-Test nahm. „Aber das war übertrieben. Wir gehen davon aus, dass Sie sich verantwortlich verhalten.“

Dieser Abstrich für den PCR-Test fühlte sich nicht an wie der, den ich vor einem knappen Jahr als „Kontaktperson“ über mich ergehen lassen musste, sondern eher wie der für den „Antigen-Schnelltest.“ Die Frau hielt sich via Teststäbchen nur kurz in meiner Mundhöhle auf, um direkt anschließend ins linke Nasenloch zu wechseln. Es war erträglich, sie bohrte nicht tief. Meine Frage, ob sich die Gebrauchsanleitung für den Abstrich innerhalb des letzten Jahres geändert habe, bejahte die Frau: „Die Abstriche wären so nicht nötig gewesen. Damals waren wir nicht zimperlich, da sind wir ja den Leuten ins Gehirn gegangen.“

Was sie sagte, entsprach dem, was meine jüngere Tochter und ich im letzten Jahr als weder infizierte noch infektiöse „Kontaktpersonen“ während unserer zweiwöchigen (!) Quarantäne erlebt hatten. Am Morgen nach dem Haus(Türschwellen-)besuch des Gesundheitsamts und dem PCR-Test-Abstrich zwischen Tür und Angel war nicht nur das rechte Auge (Abstrich-Seite) meiner Tochter gerötet, sondern sie verspürte tagelang einen stechenden Schmerz im Hals. Dass Abstriche für PCR-Tests richtig brutal sein können, „musste eine meiner Schwippschwägerinnen erfahren. Bei ihr wurde ein Nerv getroffen. Nachdem sie sich vor ein paar Jahren die Nase gebrochen hat, sieht der Innenraum ihrer Nase anders aus als die Norm-Naseninnenräume auf den Abbildungen in den Fachbüchern. Das medizinische Personal müsste dringend angehalten werden, nach Vor-Verletzungen zu fragen!“ https://stellwerk60.com/2021/08/30/hoemma-lisa-deine-tochter-hat-delta-und-du-laedst-mich-nicht-zur-viren-party-ein-kniesbueggel-eine-begegnung-mit-der-frau-keuner/

Zwei Tage nach meinem Besuch im Testzentrum war der positive Labor-Befund da. Der gelassene Mitarbeiter des Kölner Gesundheitsamts, der mich anrief, bestätigte ebenfalls meine Vermutung, dass es mittlerweile, was den PCR-Test betrifft, neue Vorgaben für eine sanftere Durchführung des Abstrichs gibt. Doch anders als die Frau im Testzentrum wies er alle Verantwortung von sich. Es sagte etwas wie: „Damals war eben alles neu für uns.“ Mit anderen Worten: „Wir mussten noch üben.“

Leider konnte man mir nicht sagen, an welcher Virus-Variante bzw. Untervariante ich „litt“, weil man nur noch Stichproben durchführt. Das ist meines Erachtens fahrlässig, denn der Unterschied zwischen Delta und Omikron ist -so ist es zu lesen, zu hören, und so habe ich es selber erlebt- etwa wie der zwischen Grippe und grippalem Infekt. Ich finde, der Mitarbeiter des Gesundheitsamts hätte mich aufklären und beruhigen müssen: „Wenn sie sich gut auf den Beinen halten können und in der Lage waren, froh und munter mit dem Fahrrad zum Testzentrum zu fahren, ohne vom Rad zu fallen, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Höchstwahrscheinlich ist es die harmlose Omikron-Variante, denn glücklicherweise hat Omikron die Delta-Variante fast vollständig verdrängt.“

Vor einem knappen Jahr noch machte man eine regelrechte Aufspür-Jagd auf die Virus-Variante, die man „Delta“ nannte und die die Ur-Variante „Alpha“ im Sommer 2021 allmählich ablöste. Es hieß, dass man für den Abstrich bis an die hintere Rachenwand und den tiefsten Winkel vordringen müsse, um ein sicheres Test-Ergebnis zu erzielen. Das wäre nicht nötig gewesen, was man schnell hätte herausfinden können, doch im Namen einer vermeintlichen Sicherheit und wissenschaftlichen Genauigkeit agierte man hyperkorrekt.

Die deutsche Gründlichkeit machte nicht einmal vor Kleinkindern halt. Unten stehende Info-Grafik, die demonstriert, wie ein Abstrich für den PCR-Test genommen wird, wurde gleich zweimal -zur Bebilderung zweier verschiedener Artikel- in der „Apotheken-Umschau“ veröffentlicht, im November 2020 und im Juni 2021.

Mithilfe moderner Info-Grafiken werden heutzutage komplexe medizinische Themen bildlich dargestellt, damit sie auch für den Laien verständlich sind, doch viele dieser Bilder sind verstörend und schamverletzend. Sie werfen einen fragwürdigen Blick in Körperinnenräume und manipulieren unsere Wahrnehmung. Hier wird der unangenehme, tief in den Kopf eindringende Abstrich für den PCR-Test banalisiert und der Eingriff zu einer Lappalie heruntergespielt:

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Eine grenzüberschreitende Abbildung eines grenzüberschreitenden Eingriffs. Medizinisch legitimiert dringt „der Arzt“ mit dem „Stäbchen“ in ein Kind ein…  So tief, bis es nicht mehr weiter geht: Bis zum Anschlag. Auf der Grafik bleibt „der Arzt“ unsichtbar, was den Vorgang umso unheimlicher macht. Wir sehen Marie (wie ich sie nenne), ein tapferes, gehorsames, allzeit bereites  PCR-Mädel. Marie, die mich an die  beliebte Mädchenbuch- Figur „Conni“ erinnert („Conni lernt Radfahren“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“…), gibt es nicht wirklich, denn Marie ist am Computer entworfen.  Zunge, Gaumen und Rachen sind farblich abgestimmt auf Maries rosafarbenes Hemdchen und das hellrote Haarband. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, sie schaut fast versonnen. Ihr zartes Köpfchen ist wie gemacht für den Abstrich.                                                         Ich finde diese Grafik entsetzlich. Für kleine Kinder sind Abstriche für den PCR-Test eigentlich unzumutbar, zumal ihnen Corona kaum etwas anhaben kann. Aber auch durch weniger invasive Abstriche, wie sie routine- und regelmäßig an den Schulen durchgeführt wurden, erleiden Kinder seelische Verletzungen, psychische Mikro-Traumata, die Narben hinterlassen.                                         Diese Info-Grafik ist meines Erachtens ein Fall von Medizinalpornografie. Ich stelle mir gestörte Männer vor, deren sadistisch-perverse, voyeuristische Gelüste hier Nahrung finden und auf einen Klick immer wieder neu angestachelt werden: Aufgespießt. Auch wenn die Grafik „realistisch“ ist,  finde ich, dass sie aus dem Netz genommen werden müsste. Solche Bilder sind gefährlicher als Fake-News.

Die kriegerische Corona-Politik der Bundesregierung, die noch in der harmlosen Omikron-Variante den Feind wittert, korrespondiert mit der aggressiven Kriegspolitik. Ich freue mich über alle Menschen, die sich dieser Kriegspolitik entgegenstellen. Es gibt sie noch.

Mit „Frieden und Gerechtigkeit“ ist eine pazifistische Stellungnahme überschrieben, die die Zeitschrift EMMA am 23. Juni dem offenen Brief an Olaf Scholz ergänzend hinzugefügt hat: „Zu einem sofortigen „Verhandlungsfrieden“ statt einem nicht endenden Zermürbungskrieg rät eine Gruppe internationaler katholischer Wissenschaftler, Politiker und Ethiker nach einer zweitägigen Sitzung in Vatikanstadt.“ Der ganze Text: https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz/u/30687128

Die Bundesregierung heizt den Krieg nicht nur mit Waffenlieferungen an. „Die Ukraine braucht humanitäre Hilfe genauso dringend wie unsere militärische Unterstützung“, sagte Karl Lauterbach in einer Pressemitteilung. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundesgesundheitsminister-lauterbach-in-der-ukraine-das-land-braucht-auch-humanitaere-hilfe.html

Aber was meint der Bundesgesundheitsminister mit „humanitäre Hilfe“? Für Lauterbach ist die „humanitäre Hilfe“ insbesondere eine medizinisch-technische. Konkret sieht es so aus, dass in der Ukraine nicht nur deutsche Notfallmediziner zum Einsatz kommen, sondern Container-Werkstätten errichtet werden, wo Prothesen der deutschen Firma Otto Bock hergestellt werden. „Auf Vermittlung des Bundesgesundheitsministeriums bieten sich über die Bundesärztekammer 200 Chirurgen und Notfallmediziner für den Einsatz in der Ukraine an.“ (Pressemitteilung, ebd.)

Das Unternehmen Otto Bock „… wurde am 13. Januar 1919[4] als Orthopädische Industrie GmbH von dem Unternehmer Otto Bock in Berlin gegründet, um die vielen Tausend Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs mit Prothesen und orthopädischen Produkten zu versorgen.[5]https://de.wikipedia.org/wiki/Ottobock Der Krieg in der Ukraine wird der orthopädischen Industrie weiter Aufschwung geben. Wie kann man, ohne den Begriff zu relativieren und zu hinterfragen, bei der Versorgung mit Prothesen von „humanitärer Hilfe“ reden? Mich entsetzt die Vorstellung, dass schon kleine Kinder zu Kriegsinvaliden werden. Warum tut man nicht alles, um den Krieg zu beenden, zu verhindern, dass Kinder beim Spielen auf Minen treten und Gliedmaßen verlieren. Und warum nimmt man in Kauf, dass die Kinder aus Angst vor Minen auf unabsehbare Zeit gar nicht mehr draußen spielen können?

Dabei ist die Beinprothese Karl Lauterbachs persönlicher Alptraum. Ein traumatisches Kindheitserlebnis, das er in seiner Biografie „Bevor es zu spät ist“ beschreibt, hat ihn bewogen, Medizin zu studieren. „Als Lauterbach 13 Jahre alt war, diagnostizierten Ärzte an seinem Knie eine Knochenzyste und warnten, sein Bein müsse eventuell amputiert werden. Zunächst ein großer Schock, doch später stellte sich die Besorgnis als unbegründet heraus. Die Zyste war gutartig.https://www.focus.de/kultur/medien/karl-lauterbach-mit-13-jahren-erhielt-er-eine-krebsdiagnose_id_59138982.html Die völlig unverantwortliche „Diagnose“ der Ärzte und die Androhung der Amputation dürften den jugendlichen Karl Lauterbach schwer traumatisiert haben. Hinzu kam eine schlecht ausgeführte Operation, denn „es habe sich ein Hospitalkeim eingenistet. Wochenlang lag er deswegen mit einer offenen Wunde an der Hüfte in der Klinik.“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237115415/Karl-Lauterbach-wollte-nach-Krebsdiagnose-Arzt-werden.html

Wir haben einen Bundesgesundheitsminister, der in früher Jugend eine persönliche Katastrophe mit rücksichtslos agierenden Ärzten erlebt hat. Mit Lauterbachs traumatischer Erfahrung ist seine autoritäre, permanent grenzüberschreitende Gesundheitspolitik zwar zu erklären, aber nicht zu billigen. Gerade nach einem solchen Erlebnis wäre eine gewisse Zurückhaltung dringend geboten. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich halte den Mann für gefährlich. Lauterbach dürfte dafür gesorgt haben, dass die STIKO am 24.5.2022 eine allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige herausgegeben hat. Wir erinnern uns: Lediglich mit dem Hinweis darauf, dass eine allgemeine Impfempfehlung zu erwarten sei, hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach Ende 2021 gesunde Kinder dieser Altersstufe medienwirksam geimpft, obwohl es zu dem Zeitpunkt (und noch monatelang!) nur eine eingeschränkte Empfehlung gab. Indem er die Kinder eigenhändig geimpft hat, hat es Lauterbach sozusagen persönlich übernommen, (s)eine allgemeine Impfempfehlung auszusprechen. Handelt es sich hier nicht um Amtsmissbrauch? Karl Lauterbachs eigenmächtige Impf- Werbeaktion wurde jedoch kaum kritisiert und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Deutschland viele gesunde Kinder „ohne Indikation“ geimpft wurden.

Für mich kam die allgemeine Corona-Impfempfehlung für 5-11jährige (eine einzelne Impfung) am 24.5.2022 völlig überraschend, denn im Frühjahr 2022, als klar geworden war, dass die Omikron-Variante für Kinder noch einmal deutlich harmloser ist als DELTA, hatte die abwartende STIKO klar zurückgerudert. „Angesichts der deutlich milderen Verläufe mit der Omikron-Variante will die Ständige Impfkommission (Stiko) eine neue Empfehlung für Kinder und Jugendliche aussprechen. Dies berichtete zunächst das Nachrichtenmagazin „Focus Online“ mit Verweis auf das Robert-Koch-Institut (RKI).“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article237895813/Coronavirus-Stiko-plant-neue-Impf-Empfehlungen-fuer-Kinder-und-Jugendliche.html

Diese „neue Empfehlung“ wäre allerdings keine allgemeine Impfempfehlung gewesen, sondern ihr Gegenteil: „Ob die Stiko die Empfehlungen verändern wird, sei unklar. Nach Informationen von „Focus“ könnte es darauf hinauslaufen, keine „Bedarfsempfehlung“ mehr zu geben. Das würde eine Abkehr von einer allgemeinen Empfehlung hin zu individuellen Faktoren bedeuten.“ (welt.de, s.o.)

Völlig überraschend und in keiner Weise mehr nachvollziehbar hat die STIKO ausgerechnet jetzt, wo die Kinder dank Omikron nur noch äußerst leicht an Corona erkranken, eine absolute Kehrtwende gemacht. Ein Skandal, wie ich finde! Und wenn auch, was Kinder betrifft, laut Studien keine gravierenden Impf-Nebenwirkungen zu erwarten sind, wissen wir doch nach wie vor nichts über eventuelle Langzeitschäden. Was hinter den Kulissen passiert ist, kann man sich ausmalen, wird aber geheimgehalten.

Beim heutigen Blick auf die Aktienkurse fällt mir auf, dass der DAX klar geschrumpft, die Biontech-Aktie aber ebenso deutlich gestiegen ist. Ich frage mich, warum, und lese, dass die US-Regierung im großen Stil weiteren Corona-Impfstoff von „Pfizer“ und „Biontech“ für eine geplante Booster-Kampagne im Herbst bestellt hat. „Konkret gehe es um mindestens 105 Millionen Dosen und ein Vertragsvolumen von über 3,2 Milliarden Dollar (3,1 Mrd Euro), teilten die Unternehmen und die Regierung am Mittwoch mit. Die Lieferungen sollen im Spätsommer beginnen und Impfstoffe sowohl für Erwachsene als auch für Kinder enthalten. Laut Pfizer-Chef Albert Bourla geht es dabei auch um Mittel, die speziell gegen neuartigere Virusvarianten wie Omikron schützen könnten. Der Deal umfasst eine Kaufoption für weitere bis zu 195 Millionen Dosen, wodurch der Gesamtumfang auf 300 Millionen Dosen ansteigen könnte./hbr/DP/stkhttps://www.boerse.de/nachrichten/USA-bestellen-Pfizer-Biontech-Impfstoff-fuer-3-2-Milliarden-Dollar/33920255

Nicht zufällig folgt der Deal auf die neue Empfehlung der US-Gesundheitsbehörde CDC. Die CDC sprach sich am vergangenen Samstag für den Einsatz von Coronavirus-Impfstoffen bei Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren aus. „US-Präsident Joe Biden nannte die Entscheidung einen „riesigen Schritt nach vorn im Kampf unseres Landes gegen das Virus“. Für die Eltern im Land sei dies ein Tag der Erleichterung. (dpa)“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/krankheiten-wegen-corona-impfung-us-politiker-zofft-sich-mit-elmo-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220630-99-856472

Der riesige Schritt „nach vorn im Kampf unseres Landes gegen das Virus“. Was der ebenfalls lebensgeschichtlich schwer traumatisierte US-Präsident Joe Biden von sich gibt, der die US-Amerikaner zur Baby-Impfung aufruft, ist schwülstig und irrational. Welche Kämpfe werden da gefochten, hat Joe Biden immer noch nicht begriffen, dass Omikron kein Feind ist, den man bekämpfen muss? Ist der US-Präsident noch bei Sinnen, weiß er, was er da sagt?

Der Milliarden-Deal zwischen Biontech/Pfizer und US-Regierung ist eine Erneuerung der deutsch-amerikanischen Impf-Freundschaft, was Lauterbach ebenso gefreut haben dürfte wie das „Ja“ der US-Gesundheitsbehörde zur Corona-Baby-Impfung. Leider hat Lauterbach, der ja sonst permanent twittert, die CDC-Entscheidung -soviel ich weiß- nicht öffentlich kommentiert.

Kurz vor Ende seiner Kriegs-Geschäftsreise in die Ukraine jedoch setzte Lauterbach bei der Besichtigung eines Krankenhauses in Lwiw am 10. Juni noch einen bemerkenswerten Tweet ab: „Die Kliniken waren in einem bescheidenen Zustand. Hier stecke ich mit Gesundheitsminister Victor Lyaschko im Aufzug fest, der ruckartig 1 Meter absackte. Rausklettern wollte zunächst niemand…

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Ebenfalls im Aufzug steckengebliebener, hochgereckter Lauterbach-Daumen. Das komplette Bild in guter Qualität: https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1535361746294259720

Nun sind die deutschen Kliniken, wie wir wissen, in einem mehr als bescheidenen Zustand. Der schöne Schein medizinischer Hochtechnologie kann den Pflegenotstand schon lange nicht mehr verdecken. Das kalte, profitorientierte deutsche Gesundheitssystem bräuchte dringend humanitäre Hilfe.

Wie dem auch sei: In dem Moment, als Karl Lauterbach im Aufzug stecken blieb, bekam ich Corona.

Elfchen im Sechsten: Frauen foulen fair

Offenbar stellen extrem hohe Berge für viele Männer eine Provokation dar. Der Berg bleibt an seinem Platz, er rückt nicht zur Seite, wenn der Mann kommt. Mit „der Mann“ meine ich Männer wie den Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner, der es zwischen 1970 und 1986 als Erster bis auf die Gipfel aller vierzehn Achttausender geschafft hat, und zwar alle vierzehn Male ohne Flaschensauerstoff.

Während es in den Jahrzehnten danach immer mehr Extrem-Sportler, aber auch Sportlerinnen auf die 8000er drängte, hat sich Messner rechtzeitig abgeseilt und seine Rekordleistung äußerst geschickt vermarktet. Er war nicht nur Trainer bei Manager-Seminaren, sondern hat im Jahr 1992 gemeinsam mit Herbert Henzler, dem früheren Deutschland-Chef der weltweit agierenden Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey, eine Vereinigung für deutsche Spitzenmanager gegründet, den Elite-Club der „Similauner“. Diese „Similauner“ sind „Der letzte Männerbund“, wie im Jahr 2012 der Titel eines Artikels im Manager-Magazin lautete. Mit leisem Spott resümierte Autorin Gisela Maria Freisinger: „Unnötig zu erwähnen, dass in dieser Gipfelwelt Frauen nichts zu suchen haben.“ https://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-849392.html

Doch warum müssen es Männer wie Messner mit den höchsten Bergen aufnehmen, warum müssen sie den Berg noch um die eigene Körperlänge überragen, was ist so faszinierend daran, an diesen unwirtlichen, nicht einladenden Orten einen heroischen Überlebens-Kampf zu inszenieren? Zum Corona-Virus äußerte sich Reinhold Messner bereits im Mai 2020 im ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“

„Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler“, kommentierte ich damals. „Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Dabei sind wir der Natur weder unter- noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr.“ https://stellwerk60.com/2020/05/26/eine-begegnung-mit-der-frau-keuner-die-politik-finanziert-werbepsychologen-um-uns-buerger-bei-laune-zu-halten/

In einer Höhe von 8000 Metern kann -ohne technische Hilfe, jahrelanges Training, allmähliches Annähern- eigentlich kein Mensch überleben. Vermutlich würde kein Mann diese lebensbedrohlichen Touren mit all ihren Torturen auf sich nehmen, wenn die erfolgreiche Besteigung eines 8000 Meter hohen Berges nicht nach wie vor mit Ruhm und Ehre verbunden wäre. Doch was macht Männer süchtig nach Superlativen, was stachelt sie an, warum sind sie getrieben, ist männlicher Größenwahn angeboren?

Eine pfiffige Antwort gibt der Hirnforscher Gerald Hüther in einem unterhaltsamen und vor allem humorvollen Vortrag, den er im Rahmen einer Veranstaltung zum Girls‘ Day in Linz gehalten hat. Aufgezeichnet wurde der Beitrag am 15. März 2016.

Gerald Hüther: Jungen und Mädchen sollen die gleichen Chancen haben – aber sie sind nicht gleich

Ohne es ausdrücklich zu sagen, ist für Gerald Hüther das männliche das schwache, das gefährdete Geschlecht. Belege für seine These findet Hüther in der vorgeburtlichen Entwicklung. Normalerweise, so Hüther, ist jedes Chromosom doppelt vorhanden, um für Notfälle gerüstet zu sein. Anders als die Frauen, die über zwei x-Chromosomen verfügen, haben Männer nur ein einzelnes x-Chromosom – sowie ein y-Chromosom, das aber lediglich die Testosteron-Produktion programmiert. Daher hat das männliche Geschlecht bereits vorgeburtlich eine schwächere Konstitution. Die meisten Fehlgeburten betreffen männliche Föten. Außerdem sind Jungs „antriebsstärker“ (meint Herr Hüther „getriebener?“) als Mädchen. Jungs fühlen sich von Natur aus weniger sicher als Mädchen. Sie suchen Halt und Rückhalt im Raum und versuchen, sich im Außen zu orientieren. Für Mädchen (die sich in sich selber aufgehoben fühlen) ist die Außen-Orientierung weniger entscheidend.

Auch nach der Geburt streben Jungen mehr nach „Macht“, „Stärke“ und „Größe“. Sie interessieren sich für Panzer, Feuerwehrautos oder Bagger und orientieren sich an allem, was Power hat und etwas in Bewegung bringen kann. Jungen suchen nach Halt und Bedeutung innerhalb ihrer Gemeinschaft, in ihrer Peer-Group, ihrer Mannschaft – und später dann in Vereinen, Seilschaften, Männerbünden.

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abGESTREIFTE Fußballstutzen…

Als die Mädchen anfingen, den Fußball zu entdecken und Liga-Spiele zu bestreiten, brach für viele Jungs eine Welt zusammen.

Im Jahr 2007 wurde an der Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Neu-Ehrenfeld eine neue Fußballmannschaft gegründet. Meine Tochter Carla ging damals in die dritte Klasse. Eine Zeitlang war sie das einzige Mädchen in der Mannschaft, die einmal in der Woche in der alten Schul-Sporthalle mit dem knarzenden Holzboden trainierte. Weil die Schule in unserem Häuserblock lag, guckte ich manchmal zu.

Carla war nicht die Schnellste, konnte aber schon als knapp Achtjährige nicht nur präzise und beherzt schießen, sondern den Gegenspieler sauber vom Ball trennen. Ich erinnere mich, wie sie irgendwann einmal nicht nur auf das Tor der gegnerischen Mannschaft zulief, sondern auf einen hübschen Jungen namens Bünyamin, der eine Klasse unter ihr und in Ballbesitz war. Als Carla bei ihm ankam, schrie Bünyamin: Die foult! Ohne dass sie ihn oder den Ball berührte hätte, kippte er um. Carla schoss das Tor. Dass sie irgendwann einmal Psychologie studieren sollte, war kein Zufall.

Noch heute gucke ich gerne zu, wenn Mädchen oder Frauen Fußball spielen. Gefoult wird nicht, um die Gegnerin zur Strecke, sondern um den Ball in Gewahrsam zu bringen. Dass es dabei manchmal ruppig zugeht, ist unvermeidbar. Fußball ist nunmal ein Ballspiel mit direktem Körperkontakt.

Doch leider ist insbesondere der Profi-Frauenfußball mittlerweile zur Kampfsportart mutiert. Das ist schade, denn eigentlich gilt: Frauen foulen fair.

Fußball

spielende Frauen

foulen unzart aber

fair foulen Fußball spielende

Frauen

*20.6.1999: Juchhu!!!

V err ÄTERINNENTAG – Ein fieses verdecktes Foul in der ASTRA-Plakat-Werbung

Mit Christi Himmelfahrt verbinde ich: Katholischer Feiertag, schulfrei, Erstkommunion 1967, Familienfeste, gutes Wetter. Später dann: Langes Wochenende, Spargel, ausnahmsweise Weißwein, Kulturelle Landpartie im Wendland. Frühling…

Dass der christliche Feiertag zugleich Vatertag ist, habe ich erst realisiert, als ich erwachsen war. Und ich dachte, er wäre erfunden worden, damit sich die Väter gegenüber den Müttern mit ihrem Muttertag nicht benachteiligt fühlen. Dass der Vatertag bereits im späten 19. Jahrhundert eingeführt wurde -und zwar als PR-Event (!)-, weiß ich nur aus dem Internet.

In einem munteren Artikel auf tagesspiegel.de vom 28. Mai 2015 heißt es zur Idee des deutschen Vatertags: „Es ging den Erfindern, wie wir hörten, um die rituelle Einführung der Söhne ins sachgemäße Saufen – das gibt und gab es nur in Deutschland. Und Berlin als Epizentrum dieser Bewegung erklärt sich praktisch von selbst: Die unzähligen Brauer der wachsenden Metropole mussten sich Absatzmärkte schaffen und erfanden dafür offenbar eine Frühform der PR-Kampagne; ähnlich, wie später der Blumenhandel den Valentinstag für seine Zwecke instrumentalisierte.https://www.tagesspiegel.de/berlin/tradition-des-vatertags-als-die-soehne-saufen-lernten/11769828.html

Männerausmärsche an Christi Himmelfahrt gab und gibt es auch unabhängig vom Vatertag. Ich kenne sie aus meiner frühen Kindheit in den 1960er Jahren. Mein Großvater Josef (1883-1968) hat sich jedes Jahr an Christi Himmelfahrt, nachdem er in der Kirche war, mit anderen älteren Herren getroffen, um spazieren zu gehen. Die Herren, darunter einige pensionierte Gymnasial-Lehrer, trugen keine Freizeitkleidung, sondern ihre Sonntagsanzüge. Schließlich war Feiertag. Als Respektspersonen hätten sie niemals in aller Öffentlichkeit Bier aus der Flasche getrunken oder einen Bollerwagen hinter sich her gezogen. Dennoch hat der Alkohol eine Rolle gespielt. Die Herren klapperten die Häuser ihrer Familien ab, wo sie an der Haustür mit „Kurzen“ versorgt wurden. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie sämtliche Pinnchen, die wir haben, auf ein Tablett stellt und mit Korn füllt.

Am deutschen Vatertag hingegen wird vor allem das Nationalgetränk Bier getrunken, so viel, dass die Tage vor dem Vatertag zu den umsatzstärksten im ganzen Jahr zählen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Brauerei ASTRA im Jahr 2019 den Vatertag dafür genutzt hat, auch in Köln-Nippes mithilfe eines einschlägigen Großplakats dem Regionalgetränk Kölsch Konkurrenz zu machen.

Im Mai 2019 bin ich auf meinem Gang zur Sonntags-Bäckerei einige Male auf das Plakat zugelaufen. Es hing rundum Christi Himmelfahrt an der Plakatwand schräg gegenüber vom Hospiz St. Marien am Eckhaus Kempener/Simon-Meister-Straße. Die Fußgängerampel an der Kempener Straße ist so geschaltet, dass man minutenlang warten muss, bis sie auf „grün“ springt. So war ich genötigt, beim Überqueren der Straße sehr lange auf das Plakat zu gucken. Überschrieben war es mit einem kalauernden Slogan: „HODENLOSE FRECHHEIT: ASTRA FEIERT VÄTERINNENTAG!“

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Ein Hintern als Eye-Catcher. Das soft-pornografische Plakat wäre jetzt – drei Jahre später- undenkbar, denn die heruntergelassene Hose korrespondiert mit dem berühmten hochgekrempelten Ärmel: Impf mich!

Auf den ersten Blick fand ich das Plakat ganz lustig, denn es erinnerte mich an den „Asi-Tag“ im Rahmen der Abitur-Mottowoche. In der Mottowoche, die an vielen deutschen Schulen stattfindet und in der Regel mit der allerletzten regulären Schulwoche zusammenfällt, verkleiden sich die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten an jedem Tag nach einem anderen Motto, etwa als Vampire oder Greise – oder eben als Asis oder Schlampen. Auch meine beiden Töchter hatten Spaß daran, es vor den Abiturprüfungen noch mal krachen zu lassen.

Vermutlich hatten auch die drei Frauen, die wir auf dem ASTRA-Plakat sehen, beim Posieren Spaß. Sie mimen Schlampen, haben knallrot lackierte Fingernägel und sind überzogen und geschmacklos verkleidet, Farben und Muster beißen sich. Die Szenerie wirkt gestellt, was sie auch soll, denn es ist eh nur ein Spiel. Die Frauen machen das, was am Vatertag sonst nur die Männer machen: Sie lassen die Sau raus.

Das Plakat erzählt eine kleine Geschichte: Die Frauen haben Bierkästen auf einen Bollerwagen gepackt und sind losgezogen. Weit sind sie nicht gekommen. In einer schäbigen Grünanlage haben sie eine olle Picknickdecke ausgebreitet und sich auf den Boden geknallt. Eine total-tätowierte Dünne trägt ein ärmelloses Karo-Top, ein knappes Leoparden-Höschen und eine Gitterstrumpfhose. Sie hat den rechten Arm lässig auf den Rand des Bollerwagens gelegt, während sie mit der linken Hand eine Flasche ASTRA-„Urtyp“ an den gespitzten Mund setzt: Sie tut nur so, als ob sie trinkt, denn es ist eh nur ein Spiel.

Die Dickere neben ihr trägt Brille, Käppi, Ohrringe, einen leuchtend orangenen Blouson, eine Trainingshose und weiße Sport-Schuhe. Es ist ihr wurst, wie sie aussieht, denn es ist eh nur ein Spiel. Man könnte denken, sie hebe mahnend den Zeigefinger, aber sie hebt nicht nur den einen, sondern gleichzeitig den kleinen. Mit Zeigefinger und kleinem Finger formt sie eine sogenannte „Mano cornuta“. „Die corna (ital. ‚Hörner‘) oder mano cornuta (ital. ‚gehörnte Hand‘) ist eine in Italien übliche vulgäre Geste, aber auch ein Handzeichen mit diversen Bedeutungen, beispielsweise in der Metal– und Rock-Szene.https://de.wikipedia.org/wiki/Mano_cornuta

Eine kräftige dritte Frau (oder ist es die ins Bild montierte zweite?) sehen wir nur von hinten. Sie trägt eine vierfarbige wattierte Jacke, die aussehen soll wie frisch aus dem Altkleidersack, eine kurze schwarze Fußballhose und rot-weiße Stutzen. Sie hat die Hose heruntergezogen und streckt uns den kräftigen, nackten Hintern entgegen, ohne Tattoo, „glatt wie ein Kinderpopo“ – außer der zarten Andeutung eines Tanga-Bikinistreifens. Alles soll unecht wirken, denn es ist eh nur ein Spiel.

Anders als Wein löscht Bier den Durst. Biertrinken ist nicht elitär, auch das gefällt mir. Biertrinken gehört zu den billigsten Wegen, besoffen zu werden. Und anders als beim Kauf von Wodka wird man nicht schief angeguckt, wenn man Bierflaschen aufs Kassenband legt. Die ASTRA-Werbeplakate jedoch sind nicht lebensnah, sondern vulgär. Die billige Kopie des Kiezes ist abgeschmackt, auch wenn sie intelligent gemacht ist und ironisch daherkommt. Dass ASTRA Hauptsponsor des Zweitliga-Vereins FC Sankt Pauli ist, hält mich dennoch nicht davon ab, weiterhin mit dem Verein zu sympathisieren.

Mithilfe betont rotziger Werbeplakate („Astra. Was dagegen?“) konnte ASTRA die Biere verteuern und den Umsatz merklich steigern. Dabei bedient man dümmste Klischees und verarscht im wahrsten Sinne des Wortes das Milieu, bei dem man sich anzubiedern versucht.

Zurück nach Köln-Nippes: Das Plakat zum „Väterinnentag“ blieb wochenlang hängen. Ich ärgerte mich über die Stadt Köln, der es offensichtlich vollkommen egal war, dass es schräg gegenüber vom Hospiz hing, und zwar in Blickrichtung. Überhaupt finde ich Plakate an dieser Stelle grundsätzlich unangebracht. Als das 1999 gegründete Hospiz im Jahr 2018 den Neubau an der Simon-Meister-Straße bezog, hätte man meines Erachtens die Hauswand mit dem wilden Wein zuwachsen lassen sollen. Ob es damals schon die Plakatwand gab und den Wein, ist mir nicht bekannt.

Ich fand das Plakat nur noch widerlich, wollte weggucken und guckte doch jedes Mal, wenn ich vorbeikam, hin. Als man das Plakat nach Christi Himmelfahrt noch nicht ausgetauscht hatte, geschah etwas Seltsames. Mein Blick blieb am Wort „Väterinnentag“ hängen. Mit einemmal schob sich das Wort auseinander: Drei Buchstaben setzten sich in den Zwischenraum: ERR. So wurde ein anderes Wort sichtbar, ein Wort hinter dem Wort: VERRÄTERINNENTAG.

Ich befürchte, da hat sich jemand (bzw. ein Team) einen perfiden Spaß erlaubt.

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Vor 57 Jahren habe ich nach der sogenannten „Ganzwortmethode“ Lesen gelernt. Wir Kinder entzifferten nicht, sondern prägten uns ganze Wörter ein, die wir dann als Bilder in unseren Köpfen „abspeicherten“. Das Auge spielt bei der Methode eine große Rolle.                                         Seit ich weitsichtig bin, habe ich eine Leseschwäche. Wenn ich beim Einkaufen die Lesebrille nicht dabei habe, muss ich die Zutatenlisten Buchstabe für Buchstabe entziffern, die Haltbarkeitsdaten Zahl für Zahl. Die Bilder werden unscharf, und die Wörter springen nicht mehr direkt ins Auge. Daher gucke ich sehr genau hin. Es klingt paradox, aber die versteckten Buchstaben ERR hätte ich, ohne weitsichtig zu sein, nicht entdeckt. Je unschärfer ich sehe, desto klarer entziffere ich.

Dieses ASTRA-Werbeplakat ist eine Verhöhnung der Frau. Zwischen den Zeilen transportiert es eine schadenfrohe Botschaft: Ihr kopiert die Männer und macht euch lächerlich. Ihr seid verirrt, ihr verratet euer eigenes Geschlecht, aber bemerkt es nicht einmal.

Das englische Verb „to err“ heißt zu deutsch „sich irren“, „fehlgehen“, aber auch „sündigen“. Auf dem Computer-Bildschirm wird die Buchstabenfolge „err“ eingeblendet (manchmal auch das Comic-Wort „ups“), wenn eine Seite nicht (mehr) aufrufbar ist. Das Internet ist wie ein Irrgarten angelegt. Sind wir im Netz „unterwegs“, geraten wir schnell auf den Holzweg. Die virtuellen Irrwege sind unheimlich: Hier geht es nicht mehr weiter, du hast dich vertippt, du hast dich im Internet verirrt, du hast den Pin verlegt, du hast dich im Netz verfangen, du bist verwirrt.

Aber was bedeutet „Väterinnen“? Der Begriff ist seit seit etwa zehn Jahren im Umlauf. Benutzt wird er für und von Menschen, die Kinder gebären, sich aber „als Mann definieren“. Doch nach wie vor können nur Menschen, die biologisch Frauen sind, Kinder zur Welt bringen.

Denn die Natur setzt klare Grenzen. Ein als Mann geborener Mensch, der sich Silikon-Brüste einpflanzen lässt, wird dennoch kein Kind stillen können. Und ein als Frau geborener Mensch, der sich „als Mann definiert“ und juristisch als Mann anerkannt ist, kann kein Kind zeugen. Die Einnahme von männlichen Hormonen lässt Barthaare sprießen, aber keine Hoden wachsen. Gerade angesichts der „Geschlechtsumwandlung“ zeigen sich die grotesken Auswüchse sowohl der plastischen Chirurgie als auch der hormonellen Manipulation.

Bis zu einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 2011 mussten sich Transmänner sterilisieren lassen, um offiziell als männlich anerkannt werden zu können. Heutzutage kann in Deutschland niemand mehr die Transmänner zu einer inhumanen medizinischen Verstümmelung zwingen. Da ist gut so, aber…

Problematisch ist es, wenn ein Transmann die Hormonbehandlung unterbricht und ein Kind zur Welt bringt, sich aber nicht als „Mutter“, sondern als „Vater“ bezeichnet, „Väterin“ wird. In dem Moment, wo „er“ ein Kind austrägt und gebiert, verkörpert „er“ mit Leib und Seele das Geschlecht, von dem er meinte, sich verabschieden zu können. Und gebärend ist „er“, selbst wenn „er“ sich die Brüste hat entfernen lassen, so klar wie nie diejenige, die „er“ nicht sein wollte und will: Eine Frau.

Zu verantworten hat das „Väterinnen“- Plakat die Hamburger Werbeagentur Philipp & Keuntje (PUK). Hier arbeiten kluge, psychologisch geschulte Spezialkräfte. Auf ausgesprochen intelligente Weise verkauft PUK Menschen für blöd. Noch dazu nach den Spielregeln der Doppelmoral: Wie es PUK gefällt, gibt man sich mal sauber, mal vulgär. So setzt ausgerechnet die Agentur, die uns mit ihren ASTRA-Plakaten penetrant auf die Pelle rückt, an anderer Stelle sittenstreng auf Distanz und Hygiene. PUK hat für die Initiative „Deutschland gegen Corona“ Ideen entwickelt und dazu beigetragen, den Menschen die Abstands-Regeln einzubläuen.

Und wie ich soeben realisieren musste, hat die Agentur PUK, zu deren größten Kunden die DAK-Gesundheit gehört, auch das respektlose Plakat „Geht Omas drücken“ aus dem Jahr 2019 zu verantworten. Vgl. https://stellwerk60.com/2020/01/07/geht-omas-drucken/.

Abschließend zitiere ich mich selber: „In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.“ https://stellwerk60.com/2020/05/11/katholisch-oeffentliche-buecherei-on-leine/

Ergänzend möchte ich sagen, dass es neben „Nein“ noch ein anderes neues Schulfach geben müsste: „Mündigkeit“: Woran erkenne ich Propaganda und Manipulation – und wie kann ich mich davor schützen?

Menschen verkümmern immer mehr zu Augentieren. Im Straßenverkehr müssen wir auch als Fußgänger permanent die Augen aufhalten. Daher sind wir für die Plakatwerbung am Straßenrand empfänglich, die mit ausgeklügelten, emotional aufgeladenen Bildern um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Ich bin noch einmal zu der Stelle gegangen, wo vor drei Jahren das ASTRA– Werbeplakat hing. Das männliche Model in knallrot, das auf dem aktuellen Plakat (FLYERALARM) posiert, muss bei den Foto-Aufnahmen genau in die Linse geguckt haben. Das hat den simplen optischen Effekt, dass wir uns, egal wo wir stehen, von ihm angeguckt fühlen. In diesem Fall auch aufgespießt, denn der Mann zeigt mit dem Finger auf uns.

Elfchen im Fünften: Viele viele smarte Panzer

Vor sechs Jahren, am 27. Mai 2016, hat Barack Obama im Rahmen einer Asien-Reise als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima besucht. Knapp 71 Jahre zuvor waren die Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. bzw. 9. August 1945 von jeweils einer US-amerikanischen Atombombe völlig zerstört worden, von jener unheimlichen, Unheil bringenden Bombe, die damals gerade erst entwickelt worden war und die es nie hätte geben dürfen.

Während man der Testbombe, die als erste Atombombe überhaupt wenige Woche zuvor in der Wüste von Nevada gezündet wurde, den lässig-lakonischen Code-Namen Gadget (zu deutsch: fragwürdiges, wenig taugliches Gerät, Dingsbums) gegeben hatte, trugen die beiden mörderischen Bomben, die man über Hiroshima und Nagasaki abwarf, spaßig-höhnische Deck-Namen: Little Boy und Fat Man.

Doch die irrwitzig-verdrucksten „Kosenamen“ waren nicht nur- wovon ich bis vor kurzem ausgegangen war- Tarn-Bezeichnungen für zwei einzelne Bomben, sondern politisch-wissenschaftliches Programm. „Fat Man (englisch für Dicker Mann) war der Deckname des Mark-3-Kernwaffen-Designs, das im Rahmen des Manhattan-Projektes von US-amerikanischen, britischen und kanadischen Wissenschaftlern entwickelt wurde.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Fat_Man

Obwohl seine Amtszeit bereits dem Ende zuging, hat Barack Obama den Besuch in Hiroshima im Frühjahr 2016 nicht zum Anlass genommen, sich im Namen der US-amerikanischen Politik für den Abwurf der Bomben zu entschuldigen. Stattdessen tat Obama lediglich seine Pflicht und legte am Denkmal für die Opfer der Atombombe im Friedenspark von Hiroshima einen Blumenkranz nieder.

Nach seiner Rede umarmte der US-Präsident vor den Augen der Weltöffentlichkeit den damals 79ährigen Mori Shigeaki, einen Überlebenden der Atom-Bombe von Hiroshima. Mori Shigeaki war bewusst ausgewählt worden. Shigeaki, selber Opfer, hat sich jahrzehntelang mit dem Schicksal von US-Militärpiloten beschäftigt, die als Kriegsgefangene beim Abwurf der Bombe auf Hiroshima getötet wurden, und dazu auch ein Buch verfasst. Die Militärpiloten waren im Chugoku-Hauptquartier der Militärpolizei festgehalten worden, das nur 400 m vom Hypozentrum der Explosion entfernt war.

Mori Shigeakis Lebensgeschichte ist wie für Hollywood erfunden und ganz nach dem Geschmack patriotischer US-Amerikaner. Tatsächlich jedoch steht der tragische Tod der wenigen US-amerikanischen Soldaten in keinem Verhältnis zum katastrophalen Ausmaß der atomaren Vernichtung. In Hiroshima und Nagasaki sind auf der Stelle über hunderttausend Menschen getötet worden. Zwar wurden, da sich das Hauptquartier der Zweiten Japanischen Hauptarmee in Hiroshima befand, auch tausende japanische Soldaten getötet, doch in überwiegender Mehrzahl waren die Opfer japanische Zivilisten: Unschuldige Frauen, Männer und Kinder. Dass Obama vor den Augen der Weltöffentlichkeit Herrn Shigeaki versöhnlich lächelnd in den Arm nimmt, empfinde ich als sentimentale, gönnerhaft-arrogante Geste: Hollywood welcomes Hiroshima.

Die Atombomben, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, haben den japanischen Kaiser Hirohito zur Kapitulation gezwungen, was das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete. Der Abwurf der Bomben stiftete aber keinen Frieden, sondern sicherte lediglich einen fragilen Waffenstillstand. Ein Frieden, der sich der Drohung mit der atomaren Vernichtung und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ verdankt, ist keiner.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein neuer, ein kalter Weltkrieg, der bis heute andauert. Atombomben sind entsetzlich und stehen für eine auf die Spitze getriebene männliche Hybris, die seit der hinterhältigen Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki unsere Angst vor dem Weltuntergang schürt und permanent mit ihr spielt. Fat Man und Little Boy waren und sind eine Kriegserklärung an das Leben.

Nach wie vor rechtfertigt die US-amerikanische Politik die Bombenabwürfe. Eine Entschuldigung wäre ein Schuldeingeständnis, das sich nicht nur auf Hiroshima und Nagasaki bezöge, sondern die gesamte Atompolitik der USA in Frage stellen würde. Denn 77 Jahre nach Kriegsende setzt nicht nur Russland, sondern auch die „Siegermacht“ USA weiterhin auf die atomare Drohgebärde. Und obwohl im Jahr 2021 das Atomwaffenverbot der Vereinten Nationen in Kraft trat, haben die NATO-Staaten den Vertrag bislang nicht ratifiziert. https://www.deutschlandfunk.de/atomwaffenverbot-tritt-in-kraft-ungleichgewicht-des-100.html

Vermutlich ist Deutschland im Jahr 1945 deshalb von der US-Atombombe verschont geblieben, weil die deutschen Großstädte ohnehin fast völlig zerbombt waren. In einem Video auf Terra X (ZDF) vom 2.8.2020 heißt es, dass man Hiroshima vor dem 6.8.1945 vermutlich bewusst nicht bombardiert hatte: „Wahrscheinlich wollten die Amerikaner die Wirkung ihrer neuen Waffe an einer intakten Stadt testen“. https://www.youtube.com/watch?v=hlAUaEP9Vgs Der Angriff auf die relativ intakte Stadt Hiroshima, deren Bewohner bis dahin vergleichbar wenig durch den Krieg traumatisiert waren, hatte tatsächlich einen „wissenschaftlichen Mehrwert“, denn er sicherte „Material“ für physikalische, biologische und medizinische Langzeitstudien. Infam!

Kellerfund: Der Papierschnipsel ist ein Überbleibsel aus dem Brettspiel „Risiko“, einem Strategiespiel-Klassiker, erfunden im Jahr 1957. Am Wohnzimmertisch sitzen und Länder erobern („befreien!“) macht (vor allem) Männern Spaß. Frei nach dem Motto: „Am Feierabend dann kann jeder Mann ein kleiner Imperator sein. Jawoll!“

Angesichts der weltweiten Drohung mit atomarer Vernichtung ist der Krieg in der Ukraine ein ungleichzeitiger Krieg. Während im Hintergrund ausgeklügelte, hochmoderne Waffensysteme bereit stehen, die jederzeit zum Einsatz kommen könnten, wird ein konventioneller Bodenkrieg geführt, der, so grausam er ist, seltsam „altmodisch“ anmutet.

Technik fasziniert mich da, wo sie uns den Alltag erleichtert: Spülmaschine, Waschmaschine, Zentralheizung, Computer. Kriegs- und Waffentechnik jedoch lassen mich nicht nur kalt, sondern widern mich an. Doch (erschreckend!) viele Männer kommen beim Reden über Waffen und Kriegstaktiken ins Schwärmen. Und sie nennen die Kriegsfahrzeuge neckisch-liebevoll beim Namen, der im Falle von Panzern oft der eines Tieres ist. https://web.de/magazine/panorama/leopard-wiesel-gepard-bundeswehrfahrzeuge-tieren-benannt-36842570

Angesichts von soviel Männerphantasie kommt mir ein Elfchen in den Sinn:

Dachs

und Wiesel,

Fuchs und Gepard

Viele viele smarte Panzer…

Waffen-Artenvielfalt

Auch der von der Bundeswehr längst ausgemusterte, nicht mehr zeitgemäße, aber immer noch wackere Panzer, der vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) überholt und in einer Stückzahl von 50 an die Ukraine geliefert werden soll, trägt den Namen eines wilden Tieres: Gepard.

Anders als die Benennung der Atombomben ist die Namensgebung in diesem Fall nicht zynisch, sondern infantil. Wenn kleine Jungs ihrem Spiel-Panzer einen Kose-Namen geben, ist das zwar bescheuert, aber immer noch lustig. Doch wenn ein todbringendes Gefährt von erwachsenen Männern anerkennend und zärtlich Gepard genannt wird, ist das nicht mehr lustig.

Wenn die Bundeswehr demnächst modernisiert wird, muss Platz geschaffen werden. Wohin mit dem in die Jahre gekommenen Kriegsfahrzeuge-Bestand? Panzer aus dem Hause Krauss-Maffei Wegmann (KMW) sind auch nach vielen Jahren viel zu schade zum Einstampfen. Ein kurzer Blick ins Internet erzählt mir, dass der Verkauf gebrauchter Panzer aus dem Bestand der Bundeswehr seit Jahrzehnten schon durchaus üblich ist, auch an Länder außerhalb der NATO. Der Name des Top-Verkaufsschlagers ist wieder der eines wilden Tieres: Leopard.

Was ich in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung lese, wusste ich so noch nicht. Deshalb zitiere ich an dieser Stelle Auszüge aus dem erhellenden Text: „Darüber hinaus hat die Bundesregierung gebrauchte Leopard 2 Panzer in zwei Staaten verkauft, die keine NATO-Mitglieder bzw. NATO-Mitgliedern gleichgestellte Staaten sind. Dies ist einerseits Chile, welches zwischen 2007 und 2009 insgesamt 172 dieser Kampfpanzer erhielt (zusammen mit 266 Schützenpanzern Marder, die zwischen 2009 und 2011 geliefert wurden). 95 weitere Leopard 2 Panzer der Bundeswehr wurden 2007 an Singapur verkauft.“ Der ganze Artikel: https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m5/articles/german-tank-exports

Im Internet fand ich eine äußerst fragwürdige, begeisterte Liebeserklärung an den Gepard vom 10.5.2022. Der Einsatz des bewährten Panzers soll nicht nur uns, sondern auch den Menschen in der Ukraine schmackhaft gemacht werden.

Sonntag, 27.3.2022: Nachbarn haben auf der Wiese zwischen Kita Lummerland und Siedlungsladen ein paar Stände aufgebaut. Ein Stand wird von zwei kleinen Jungen „betreut“: Hier kann man für die Menschen in der Ukraine Geld spenden und Blechdosen umwerfen.

Die Kinder halten der Weltpolitik den Spiegel vor: Putin droht mit Atombomben, die Kinder verteilen Filzbälle. Einer der Jungen drückt mir einen Tennisball in die Hand und sagt etwas Kluges: „Der Putin sollte lieber auf Dosen schießen.“

Ich komme mit seinem Vater ins Gespräch. „Putin ist nicht der einzige Aggressor“, sage ich. „Das zu sagen, ist politisch nicht korrekt“, entgegnet der Vater und lacht. Ich spende und werfe. Dann unterhalten wir uns über eines meiner Lieblingsthemen: Zwillinge.

Der Mann erzählt mir, dass er sehr froh war, als sich die ungeborenen Zwillinge als Jungen entpuppten. Und dann sagt er wörtlich: „Söhne bleiben, aber ein Vater verliert seine Töchter, sobald die Haifische kommen.“ Ich finde das erstaunlich ehrlich und frage, wie er es meine. Darauf lacht er und sagt: „Ich war doch selber ein Haifisch.“

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Ich frage die Eltern des Jungen, ob ich ein Foto machen darf. „Gerne“, ist die Antwort, „solange es nicht im EXPRESS abgedruckt wird.“ Erst als ich das Bild vergrößere, schaue ich mir das Design von Hose und Jacke des Jungen genauer an: Die abgebildeten sind keine kleinen Fische.

ICH, ICH, ICH: Macht macht müde Männer munter

Die aktuelle Bundes-Politik, die Sicherheit verspricht, stellt ein großes Sicherheitsrisiko dar und gefährdet uns alle. Jetzt, wo endlich die Notbremse gezogen und weltweit abgerüstet werden müsste, wird vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine weiter aufgeheizt. Das Vorhaben, die Bundeswehr mit 100 Milliarden aufzurüsten, kann ich nur wahnwitzig nennen. Angst und Bang wird mir bei der Vorstellung, dass für ganz Deutschland ein „Raketenschutzschild“ nach israelischem Vorbild errichtet werden soll. Als könnten Raketen je schützen! Das Gegenteil ist der Fall. Deutschland würde eine schöne Zielscheibe abgeben.

Auch wirtschaftlich ist das Projekt erschreckend unvernünftig, denn das „Sondervermögen“ ist kein „Vermögen“, sondern wird aus neuen Schulden bestehen. Damit der Bund sich überhaupt weiter verschulden kann, muss das Grundgesetz geändert werden. Schon um der Inflation entgegenzuwirken, dürfte sich der Staat nicht noch weiter verschulden, doch unabhängig von den 100 Milliarden für die Bundeswehr sind weitere horrende Kriegs-Kosten längst eingeplant. https://web.de/magazine/wirtschaft/ukraine-krieg-40-milliarden-zusaetzliche-schulden-geplant-36809360

Dass man uns Bürgerinnen und Bürger längst nicht mehr ernst nimmt, bekommen derzeit auch prominente Künstler und Intellektuelle (darunter Martin Walser, Svenja Flaßpöhler, Harald Welzer, Alexander Kluge und Ranga Yogeshwar) als Erstunterzeichner eines offenen Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz zu spüren. Dieser Brief, den die Redaktion der EMMA initiiert und am Freitag veröffentlicht hat, kritisiert klar und deutlich die Kriegspolitik des Bundestags, der am Donnerstag mit großer Mehrheit die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gebilligt hat. Durch dieses Schreiben wurde vielen Menschen in Deutschland die Tragweite der Bundestags-Entscheidung überhaupt erst bewusst. Auch ich, die ich versucht hatte, den Irrwitz zu verdrängen, wurde noch einmal wachgerüttelt.

Die einzige positive Politiker-Reaktion, die ich auf die Schnelle gefunden habe, ist ein Twitter-Beitrag von Sahra Wagenknecht, die selber schon Tage zuvor (ganz im Sinne der LINKEN-Fraktion) ähnlich argumentiert hatte. Die Pressestimmen sind überwiegend aggressiv, was mich nicht überrascht. Ekelhaft und unter der Gürtellinie ist ein Twitter-Account von ZDF-Entertainer Jan Böhmermannn.

Freitag, 29.4.2022: „Der Offene Brief an Olaf Scholz sendet das beruhigende Signal: wenn Putin Deutschland mit Atomraketen angreift, wird sich der intellektuelle Schaden jedenfalls in Grenzen halten.“

So widerlich diese Zeilen sind – kein Gericht wird sie ihm verbieten. Man kann die zynische Nummer als Satire auslegen. Böhmermann, der vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor hofiert wird, weil seine Auftritte hohe Einschaltquoten garantieren, ist mittlerweile schlau genug, seine Aggressivität so weit zu kontrollieren, dass er keine „Reizbegriffe“ mehr benutzt. Das war einmal anders. Wir erinnern uns an sein widerliches, schamloses Erdogan-Schmähgedicht. https://www.blog-der-republik.de/boehmermanns-zeilen-weder-komisch-noch-aufklaerend-2/

Ich bin dankbar für die großartige Aktion der EMMA und bitte an dieser Stelle meine Leserinnen und Leser, den Brief zu unterschreiben, der am Freitagnachmittag als Petition bei change.org gestartet wurde. Trotz der öffentlichen Anfeindungen geht es mit den Unterschriften (aktuell, 2.5.2022, 9h57: 146.203) zügig voran. https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz 

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Köln-Nippes, Neusser Straße, 31.3.2022. Auch wenn Vladimir Putin den brutalen russischen Überfall auf die Ukraine zu verantworten hat, kann er dennoch nichts dafür, dass zehn Bio-Eier bei ALDI nicht mehr 2,99€, sondern 3,29€ kosten (Stand: April 2022) Dass der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der längst sein Scherflein ins Trockene gebracht hat, im Bericht aus Berlin am 10.4.2022 folgende Sätze sagen durfte, finde ich absolut schamlos: „Wir haben wahrscheinlich, zumindest für eine gewisse Zeit, den Höhepunkt unseres Wohlstandes hinter uns.“ https://www.tagesschau.de/inland/merz-bab-inflation-101.html

Doch was beflügelt eigentlich Olaf Scholz, warum ist er Kanzler geworden?

Im Essener Klartext-Verlag veröffentlichte man Ende 2021 -kurz nach der Kanzler-Wahl- eine Scholz-Biografie mit dem Titel „DER WEG ZUR MACHT – Das Porträt“. Autor: Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Im selben Verlag war (vgl. https://stellwerk60.com/2021/06/22/groko-stoppen-teil-1-karo-luschet/ ) im Jahr 2020 schon die Laschet-Biografie „DER MACHTMENSCHLICHE: Armin Laschet. Die Biografie“ erschienen. Autoren: Die Journalisten Moritz Küpper (DEUTSCHLANDFUNK u.a.) und Tobias Blasius, NRW-Landeskorrespondent der FUNKE- Mediengruppe und langjähriger Vorsitzender der Landespressekonferenz Nordrhein-Westfalen.

„Der Weg zur Macht“: Da ist einer Bundeskanzler geworden, weil er Macht haben wollte. Wie undemokratisch und noch dazu primitiv männlich der Titel ist -eine Biografie im Falle einer Kanzlerschaft von Frau Baerbock hätte wohl kaum Der Weg zur Macht geheißen-, scheint im Klartext-Verlag niemandem aufgefallen zu sein. Und warum veröffentlicht man kurz nach der Wahl (pünktlich zum Weihnachts-Geschäft) eine Kanzler-Biografie, obwohl der Mann in seinem Amt als Kanzler Berufsanfänger ist? Und noch etwas scheint niemandem aufgefallen zu sein. Gab es den Titel nicht genau so schon einmal? Warum dachte ich direkt an Hitlers Machtergreifung, als ich ihn hörte? Ich schaue ins Internet und werde schnell fündig.

Das Dokumentarspiel „Der Weg zur Macht“ war im Jahr 2016 Teil einer Dokumentarspiel-Reihe auf dem ARD-Bildungskanal ALPHA. Hier lief es als Wiederholung, denn unter dem selben Titel wurde der Beitrag bereits 2012 auf BR-ALPHA ausgestrahlt. „Der Weg zur Macht“, so lese ich im Begleittext des BR, „rekonstruiert die Zeit in Deutschland von Mai 1929 bis Mai 1932 und damit den beginnenden Aufstieg der NSDAP von einer Klientel- zur Massenpartei.“ An anderer Stelle heißt es: „Den direkten inhaltlichen Anschluss an „Der Weg zur Macht“ bildet der Film „Die Machtergreifung““. https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/ausstrahlung-575336.html Dass die Kanzler-Biografie einen Titel trägt, bei dem jeder auch nur halbwegs Gebildete Hitlers Machtergreifung assoziiert, hätte nicht passieren dürfen!

Mir ist unbegreiflich, warum weder die Verantwortlichen im Klartext-Verlag -der als kritischer Verlag der Gegenöffentlichkeit gegründet wurde, aber mittlerweile zur FUNKE-Mediengruppe gehört- noch Autor Lars Haider noch die engsten Verbündeten des Bundeskanzlers oder Scholz selber den (gelinde gesagt) Fauxpas bemerkt haben. Die Herren dürften doch wohl alle die Internet-Suchmaschinen bedienen können!

Die engsten Verbündeten des Kanzlers sind nach Aussage von Autor Lars Haider Regierungssprecher Steffen Hebestreit und ein Mann namens Wolfgang Schmidt. Haider beschreibt Schmidt in einer vorweihnachtlichen Vorstellung seines Buchs („ein schönes Weihnachtsgeschenk, wie ich finde“, so Haider) auf Abendblatt-TV folgendermaßen: Wolfgang Schmidt sei „… die Mensch gewordene Werbetrommel für Olaf Scholz, ein fröhlicher, rhetorisch hochbegabter Menschenfänger, ein Netzwerker vor dem Herrn…“ https://www.youtube.com/watch?v=ZdhvO93Z44Y

Haider verliert kein Wort darüber, welche Position „Menschenfänger“ Wolfgang Schmidt innehat. Tatsächlich ist Schmidt (SPD) weder Pressesprecher noch Bundestagsabgeordneter, sondern „Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz“. Dass eine dieser besonderen Aufgaben offenbar darin liegt, die Werbetrommel für Scholz zu rühren und Menschen zu fangen, noch dazu als „fröhlicher“ Spaßvogel, ist mehr als bedenklich.

Im Internet finde ich eine Leseprobe der Biografie. Ich erwarte kantige, zitierbare Sprüche, finde aber nicht einmal die. Der markige Titel -so missglückt er auch ist- verpufft. Man bekommt den Eindruck, Olaf Scholz sei nicht Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Die Leseprobe erstickt mein Interesse an einem Buch, das nichts weiter zu sein scheint als eine langweilige, zum Buch aufgeplusterte Werbebroschüre. Wer (wie ich) neugierig auf das Kind Olaf Scholz ist, findet in der Leseprobe lediglich die Information, dass Scholz neben Blockflöte Oboe gelernt hat. Dieser Fähigkeit jedoch misst Biograf Haider große Bedeutung bei: „Das passt an den Beginn eines Kapitels, in dem es um Scholz’ Führungsstil gehen soll. Denn die Oboe gibt, wenn ich meinem Kollegen und allseits geschätzten Konzertkritiker Joachim Mischke glauben darf, dem Orchester das „A“ vor „und damit die Stimmung“… Dass Olaf Scholz gern den Ton angibt, ist keine neue Erkenntnis…“

Andere Politiker exhibitionieren sich wesentlich unterhaltsamer. Ich denke da an Vladimir Putin, der sich auf seinen Abenteuer-Reisen immer gerne in betont männlichen Posen zur Schau stellt. Fotos, die im Jahr 2011 auch in Deutschland veröffentlicht wurden, zeigen ihn mit nacktem Oberkörper und sexy sitzenden Hosen im Military-Look, reitend, angelnd. Am Abend dann sitzt Vladimir warm gekleidet volksnah am Feuer, mit Pferdekopf-Geige in der Hand. Und wir ahnen: Da träumt einer vom großen männlichen Abenteuer, vom Krieg. Wie gefährlich der Mann ist, erleben wir gerade. https://www.welt.de/politik/gallery1104085/Putin-und-die-nackten-Tatsachen.html

Ich muss zugeben, dass ich mir diese Bilder gerne anschaue, so lächerlich sie sind, denn Putin konnte (kann?) sich sehen lassen. Mittlerweile sind die Bilder seltener geworden. Auf Fotos von 2017 wirkt der Vitalitätskult angestrengt. Putin ist deutlich älter geworden. Angeblich lässt er auf seinen Reisen stets von einem Ärzteteam begleiten, was zu wilden Spekulationen über seinen Gesundheitszustand führt. https://www.stern.de/politik/ausland/wladimir-putin–neuer-bericht-schuert-zweifel-an-gesundheit-31755708.html

Einen Arzt als Leibwächter einer anderen Art hatte auch ein anderer mächtiger Mann, der permanent seine Männlichkeit öffentlich zur Schau stellen musste: Der Unternehmer, Milliardär und langjährige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Der damals 74jährige Berlusconi, angeblich ein enger Freund von Vladimir Putin, ließ sich im Jahr 2011 von seinem Leibarzt in aller Öffentlichkeit bescheinigen, dass er nach wie vor sexuell aktiv ist. https://www.welt.de/politik/ausland/article13472600/Berlusconi-kann-sechs-Tage-pro-Woche-Sex-haben.html Vermutlich kam die Meldung im katholischen Italien gut an. Berlusconis Rhythmus -sechs Tage Aktivität und ein Ruhetag- deutet darauf hin, dass der Mann bibelfest ist. Schließlich heißt es schon im BUCH MOSE: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.“

Männer erleben keine Wechseljahre, und das macht sie (unter Umständen) gefährlich. Anders als wir Frauen sind die Männer dazu verdammt, bis an ihr Lebensende fruchtbar zu sein. Männer, die nicht einmal mehr einen Kinderwagen schieben können, sind immer noch in in der Lage, Väter zu werden. Dieses biologische Dilemma verzerrt die männliche Selbstwahrnehmung und fördert den Selbstbetrug. Berlusconi (85), Scholz (63) und Putin (69) sind Männer jenseits der fehlenden Wechseljahre. Markus Söder (55) steckt mitten drin. Er hadert mit dem Älterwerden. Anders kann ich mir seine aktuelle sprachliche Entgleisung gegenüber Altkanzler Schröder nicht erklären. „Schröder sei »ein sturer, alter, skurriler Mann«, dem das eigene Konto wichtiger sei als das Ansehen Deutschlands in der Welt, sagte Söder am Samstag auf einem kleinen CSU-Parteitag in Würzburg.“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-gerhard-schroeder-markus-soeder-nennt-den-altkanzler-einen-sturen-alten-skurrilen-mann-a-85dce408-0e19-4e58-9b56-eef03499b728

Putin hat im Jahr 2011 seine Körper-Posen geschickt verteidigt. „Wladimir Putin steht zu den Fotos, die ihn mit nacktem Oberkörper beim Angeln oder auf einem Pferd zeigen. Die Bilder seien nicht obszön oder politisch unkorrekt, sagte der russische Regierungschef in einem Interview des US-Magazins „Outdoor Life“. „Es gibt auch Bilder von US-Präsident Theodore Roosevelt mit einem eigenhändig getöteten Löwen oder von Barack Obama in Badehose im Golf von Mexiko. Ich sehe darin nichts Anstößiges.“https://www.n-tv.de/panorama/Putin-verteidigt-Fotos-article3362496.html

Niemals würde sich ein deutscher Kanzler oder Präsident in eindeutig männlicher Pose ablichten lassen. In der Prüderle-Republik Deutschland (PRD) gibt man sich gerne bedeckt. Eitelkeit gilt als suspekt. Dabei gehört sie zum politischen Geschäft. Doch wenn sie zu ihrer Eitelkeit stehen, sind deutsche Politiker oft ungelenk in der Selbstdarstellung. Wir erinnern uns an den kindisch-peinlichen Auftritt des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping im Jahr 2001: „Die bunten Bilder gelten als Paradebeispiel für misslungene PR. Eigentlich sollten die Fotos und die Homestory helfen, Scharpings Image aufzupolieren, denn der gebürtige Westerwälder galt als spröde und hölzern. Statt Imagepolitur brach eine Welle der Empörung über Scharping ein... Deutsche Soldaten standen kurz vor einem gefährlichen Balkan-Einsatz in Mazedonien und hatten eine Urlaubssperre verordnet bekommen. Ihr Verteidigungsminister dagegen planschte im Pool.“ https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/2382001-rudolf-scharping-amuesiert-sich-im-swimmingpool-100.html

Das haben die US-amerikanischen Politiker den deutschen voraus: Sie sind gute Selbstdarsteller. Zur medialen Selbst-Performance gehören ein gepflegtes Aussehen ebenso wie Stimmtraining und Schauspielunterricht. Amerikanische Politiker laufen nicht vor den Paparazzi weg, sondern haben den Umgang mit ihnen gelernt. Und sie müssen haben, was Olaf Scholz nicht mehr hat, aber Joe Biden -wenn auch bescheiden- immer noch, wenn auch angeblich mit Nachhilfe: Volle Haare. Denn die suggerieren Vitalität.

Ich persönlich sympathisiere mit Haupthaar-armen Männern (Und wie vital die kahlen Männer sind, wissen die Frauen und Männer der Kahlen.) Aber niemals, wirklich niemals sollte sich ein kahlköpfiger Politiker mit geblähten Nüstern und zusammengepressten Lippen auf einem Goldbarren abbilden lassen, wenn sich die Prägeart „polierte Platte“ nennt. Doch genau das ist Olaf Scholz passiert.

Unten abgebildeten Goldbarren verkauft u.a. das Münzhandelshaus MDM unter https://r.mdm.de/goldbarren-fuer-den-neuen-kanzler-start-in-kanzler-und-praesidenten. Doch Vorsicht: Wer bereit ist, für einen Lacheffekt am Muttertag 49,95 Euro oder auch mehr auf den Tisch zu legen, sei gewarnt und sollte die Maße beachten. Der sogenannte „Barren“ ist ein winziges Plättchen, gerade mal so groß wie ein Fingernagel.

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Wenn es das nächste Mal passiert, dass meine Schwester 70 wird, bin ich selber dran. Liebe große Schwester, herzliche Glückwünsche zum Geburtstag!