„Spritztour“ und „Bratwurstimpfen“ – Wie man versucht, uns die Corona-Impfung schmackhaft zu machen

Als das Kölner Großbordell PASCHA noch geöffnet war, begegnete ich einmal auf dem Bahnsteig des nahe gelegenen Nippeser S-Bahnhofs einer Gruppe junger Männer, die einen Junggesellenabschied feierten und mit der Bahn angereist waren.

„Wat kuckst du so, wir sind auf Spritztour“, rief einer der Männer. „Abspritztour“, ergänzte grinsend ein anderer, sammelte Speichel und spuckte direkt vor mir auf den Boden. Wie bei den Junggesellenabschieden im PASCHA üblich, gingen die Männer vermutlich nicht ins PASCHA-Laufhaus, sondern „nur“ in den PASCHANightclub, wo „nur“ mit Champagner gespritzt wurde, was schäbig genug ist. Die Tarife im Nightclub waren: „Gratiszugang für „Senioren“ ab 66, für Geburtstagskinder und Bräutigame auf Junggesellenabschied (für die aber nur freitags). Alle anderen müssen unter der Woche 30, am Wochenende 35 Euro Eintritt für den ­Pascha Nightclub zahlen. Inklusive Alkohol, Stripshow und allem Pipapo.“ Unbedingte Leseempfehlung: https://www.emma.de/artikel/eine-emma-reporterin-im-pascha-bordell-266177

Das Wort „Spritztour“ wird, so denke ich, auch für Internet-Pornos benutzt. Zur Überprüfung setze ich mich an den Rechner. Als ich in die Suchmaschine „Spritztour Porno?“ eingebe, komme ich auf die Seite „Superscharfe Spritztour mit Milena“. Die Bilder, die ich zu sehen bekomme, erspare ich mir zu beschreiben. Ich kotze fast.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich der Begriff „Spritztour“ in einer Werbung für eine Corona-Impf-Kampagne der KV (Kassenärztliche Vereinigung) Nordrhein wiederfindet.

„Spritztour“ klingt, als handele es sich bei der Massenimpfung um ein Volksvergnügen. Schamlos ist, eine umstrittene medizinische Maßnahme als Event zu verkaufen. Darüberhinaus ist „Spritztour“ in dem Zusammenhang ein euphemistischer, verschleiernder Begriff, denn…

„Eine Impfung erfüllt aus juristischer Sicht – wie jede andere eingreifende ärztliche Maßnahme auch – zunächst einmal den Tatbestand einer Körperverletzung… Diese Körperverletzung ist nur dann nicht rechtswidrig, wenn ein Rechtfertigungsgrund im juristischen Sinne, bei ärztlichen Eingriffen in der Regel in Form der Einwilligung seitens des Patienten vorliegt.https://www.impf-info.de/component/content/article.html?id=89:impfaufklng-juristisches

Auch aus ethisch-moralischer Sicht ist die Verabreichung einer Spritze eine massive Grenzüberschreitung, denn Medizinerinnen und Mediziner dringen -wenn auch mit steriler Nadel- in einen fremden Organismus ein und verletzen Haut und Gewebe. Manchmal ist diese Verletzung/Selbstverletzung medizinisch unumgänglich, etwa bei der Insulin-Behandlung von Menschen mit Diabetes. Doch sollte man insbesondere gegenüber Kindern, was den Einsatz von medizinischen Nadeln betrifft, zurückhaltend sein. Ich denke da vor allem auch an Blutabnahmen, die man nur im Notfall durchführen sollte.

Injektionsspritzen gibt es übrigens erst seit dem 19. Jahrhundert. Bei wikipedia lese ich folgendes: „In der Antike und im Mittelalter wurden Substanzen zwar „gespritzt“, jedoch nicht in das Gewebe oder in Gefäße, sondern in frei zugängliche Körperöffnungen.“ Das heißt: Oral, anal, vaginal – und vermutlich auch in die Nasenlöcher und in die Ohren.

Die Impfkampagne „Spritztour“ zu nennen, ist nicht nur harmlos biederwitzig. Unter der verklemmten Vokabel schimmert meines Erachtens etwas durch, das man eine klammheimliche Freude nennen könnte: Ihr kommt alle dran. Und haben nicht vielleicht auch einzelne (natürlich nur einige wenige!) Ärztinnen und Ärzte eine gestörte Lust dabei, Menschen mit medizinischen Instrumenten zu verletzen, sie zu stechen, ihnen etwas zu verabreichen oder in sie hinein zu spritzen? Ungestraft darf auf der Internet-Seite von Thieme, „marktführender Anbieter von Informationen und Services, die dazu beitragen, Gesundheit und Gesundheitsversorgung zu verbessern“ (thieme.de), seit 2014 folgender Text stehen, der heiter daherkommt, aber meines Erachtens verächtlich ist:

Blut abnehmen kann richtig Spaß machen. Das merkt man spätestens im Innere-Tertial im Praktischen Jahr. Dort wird man bei 20 bis 30 Blutabnahmen täglich rasch zum versierten Blutsauger. Die meisten PJler beginnen mit einer eher niedrigen „Trefferquote“, die sich dann bis zum Ende gewaltig hochschraubt. Dann ist selbst die adipöse Asthmatikerin mit quasi inexistenten Unterarmvenen kein Problem mehr: Kanüle rein, Stempel raus – und schon fließt das Blut angenehm rieselnd ins Röhrchen.“ („Dr. med. Gross, Anästhesist in Berlin“) https://www.thieme.de/viamedici/klinik-medical-skills-praxisanleitungen-1551/a/praxisanleitung-blutabnahme-23698.htm

Auch die „Spritztour“ macht den Ärztinnen und Ärzten richtig Spaß, schon deshalb, weil sie ihnen einen guten Zuverdienst sichert. Die Idee, die Kampagne „Spritztour“ zu nennen, hatten dabei wohl kaum die abgebildeten Mediziner, sondern die Mitarbeiter der KV-Presseabteilung. „Spritztour“ kommt so lustig und heiter daher wie „der kleine Pieks“. „Spritztour“ banalisiert, was meines Erachtens unverantwortlich ist.

Denn Impfungen haben unter Umständen katastrophale Folgen für die Geimpften. Was zur Zeit nicht oder nur rudimentär stattfindet, ist eine tatsächliche Aufklärung der Menschen über mögliche Langzeitschäden einer Impfung. Ich komme einmal mehr auf die Schweinegrippe-Impfung, weil wir ihre katastrophalen Folgen als deutliche Warnung verstehen sollten. Die Schweinegrippe-Impfung „wurde bundesweit empfohlen, aber von den Bürgern kaum angenommen. Gott sei Dank, denn die Impfung hatte und hat erhebliche Nebenwirkungen. Bis heute sind alleine in Deutschland mehr als hundert meist junge Menschen an Narkolepsie erkrankt (viele von ihnen erst nach Jahren!). Die Pandemie ist jedoch ausgeblieben, Pandemrix-Dosen im Wert von 20 Millionen Euro mussten vernichtet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben damals eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie in Sondersendungen für die Impfung geworben haben.“ https://stellwerk60.com/2020/03/27/zweites-corona-elfchen-coronoia/

Hauptleidtragende waren und sind Kinder und Jugendliche, die deutlich häufiger erkrankten als Erwachsene. Das Schreckliche an der Krankheit: Sie setzt den uns innewohnenden, in frühester Kindheit mühsam erworbenen Tag/Nacht-Rhythmus außer Kraft, der es uns ermöglicht, dass wir uns in Raum und Zeit orientieren und nicht „aus der Welt fallen“.

Die Schweinegrippe-Impfung hat zudem gezeigt, dass eine Impfung nach Jahren noch eine schwere Krankheit auslösen kann. Was die „späten Fälle“ betrifft, wird gerne behauptet, die Krankheit wäre bereits kurze Zeit nach der Impfung ausgebrochen, aber erst später aufgefallen. Das ist aber nicht der Fall. Die durch die Schweinegrippe-Impfung verursachte Narkolepsie ist tatsächlich in vielen Fällen erst nach Jahren ausgebrochen. Warum das so ist und überhaupt sein kann, erklärt ein informativer Artikel im Ärzteblatt, den auch medizinische Laien verstehen: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63356/Grippeimpfung-Wie-Pandemrix-eine-Narkolepsie-ausloest

Die Schweinegrippe war für Kinder und Jugendliche deutlich gefährlicher als Corona. Insofern war es damals gerechtfertigt, die Impfung für Kinder und Jugendliche anzubieten. Bei Covid 19, einer Krankheit, die Kindern kaum etwas anhaben kann, sieht das ganz anders aus. Kinder dürften (vielleicht bis auf wenige Ausnahmen) nicht gegen Corona geimpft werden! Die Impfung ist unverhältnismäßig, denn der „Nutzen“, den Kinder von der Impfung haben, steht in keinem Verhältnis zu den Risiken.

Ich kann verstehen, dass Menschen sich impfen lassen, um nicht weiter gemobbt und denunziert zu werden, wie es impfskeptischen Menschen zunehmend passiert. Ich kann verstehen, dass Menschen sich impfen lassen, um Freiheiten zurück zu bekommen. Doch diese Freiheit hat einen schalen Beigeschmack, denn auch und gerade die „Befreiten“ sind an der langen Leine einer Gesundheitspolitik, die sich zunehmend als autoritär und freiheitsberaubend entpuppt.

Ich kenne Menschen, die sich impfen lassen, weil sie völlig überzogene Krankenkassenbeiträge bezahlen und endlich etwas vermeintlich Wertvolles, als das uns die Impfung verkauft wird, zurückhaben wollen. Auch das verstehe ich. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass man sich mit einer Portion Heimatgefühl und einer Thüringer Rostbratwurst ködern lässt, so gerne ich die ab und an esse, aber nur mit viel Senf.

Keine Satire:

„… Eine Bratwurst als Belohnung hat der Impfstelle im südthüringischen Sonneberg am Freitag einen regelrechten Ansturm auf COVID-19-Impftermine beschert. Bis zum Nachmittag kamen nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) 250 Menschen, um sich neben der Spritze in den Oberarm auch noch die kulinarische Spezialität abzuholen.“ u.a.: https://www.tagesschau.de/ausland/corona-liveblog-freitag-101.html#Bahn-Gewerkschaft-Zug-Personal-kein-Impfpass-Kontrolleur

Übrigens werden auch im Kölner REWE Thüringer Spezialitäten angeboten:

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Heichelheimer Kartoffelpuffer: Dass sich Produkte aus dem deutschen Osten im deutschen Westen gut verkaufen, ist gewiss auch unserer Bundeskanzlerin zu verdanken.  Mit frischen Kölner Rievkooche können die Frost-Puffer allerdings nicht konkurrieren. Angela Merkel stammt übrigens nicht aus Thüringen, sondern aus Brandenburg. Und eine Heichlerin ist sie auch nicht.

Rat der Stadt Köln fordert Stopp von TTIP und CETA !!!

img_9891Bei der Anti-TTIP-Demo am 17. September, an der allein in Köln 50.000 Menschen teilnahmen, darunter erfreulicherweise auffallend viele junge, hätte eigentlich der Rat der Stadt Köln komplett mitlaufen müssen, denn Köln ist schon lange Teil der Anti-TTIP-Koalition der deutschen Städte. Hier die offizielle, aber leider kaum bekannte Verlautbarung vom 24.3.2015:  https://ratsinformation.stadt-koeln.de/vo0050.asp?__kvonr=50617

TTIP und auch CETA würden die ohnehin schon bedrohte politische Handlungsfreiheit der Kommunen vollends aufs Spiel setzen. Ein Beispiel: Würde der Stadtrat Kölns einen strengeren Grenzwert für die Feinstaubbelastung festlegen als die umliegenden Kommunen, könnte ein Konzern, der mit dem Verkauf von Autos seine Geschäfte macht, die Stadt wegen der dadurch entgangenen Gewinne verklagen. Hier kommen schnell hohe Millionenbeträge an Streitwert zusammen. Das dürfte dazu führen, dass die Städte im vorauseilenden Gehorsam gar keine Entscheidungen mehr in Erwägung ziehen würden, die das Bürgerinteresse über das Kapitalinteresse stellen.

Complimenti, Gino Bartali! Siegerehrung auf dem Klimastraßenfest

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Finale auf dem Klimastraßenfest, v.l.n.r.: Stephan Foelske, Team „Fahrradbeauftragter der Stadt Köln“; Robert Nußholz, Vorsitzender Bürgerverein „Für Nippes“; Lisa Wilczok, Teamkapitänin „Stellwerk60-SattelFest“; Dr. Barbara Möhlendick, Leiterin Koordinationsstelle Klimaschutz; Petra Zimmermann-Buchem, Projektkoordinatorin Stadtradeln Köln

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„Goldene Satteltasche“ für Christoph Brozio alias Gino Bartali


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Zweiter Sieger: Alf Kroll

 

„Der Junge wird einmal die Bergetappen des Giro gewinnen“, soll sein Großvater gesagt haben. „Diese Nase, mächtig wie ein Gebirgs-Massiv. Welch eine Herausforderung. Avanti, Gino!“ Und der Junge wurde tatsächlich einer der ganz großen Radrennfahrer:
Gino Bartali (1914-2000), zweifacher Gewinner der „Tour de France“ und dreimaliger Gewinner des „Giro d’Italia“.
Gut, dass es das „Stadtradeln“ gibt, denn die „Tour de France“ hat längst ihren Charme verloren: Die Fahrer sind gekauft, gedopt, ihre Physiognomien durch den Extremsport ununterscheidbar geworden. Die großen Radrennen sind nichts mehr fürs Auge, aber auch nichts mehr fürs Herz. Gino Bartali lag auf den Bergetappen stets so weit vorne, dass er immer noch Zeit hatte für einen kurzen Flirt mit dem Publikum.
Ich freue mich, dass Christoph Brozio, Team „Stellwerk 60 – SattelFest“, das Pseudonym Gino Bartali gewählt hat und an Gino und die großen Zeiten des Radrennsports erinnert. Christoph Brozio hat das Gelbe Trikot zu Anfang des „Stadtradelns“ erkämpft und nicht wieder abgegeben. Er (bzw. sein Fahrrad) ist jetzt Träger der „Goldenen Satteltasche“, 930 km bedeuten den 1. Platz im internen Wettkampf unseres Teams.
930 Kilometer sind zusammen gekommen, weil Christoph Brozio jeden Tag von Nippes nach Pulheim fährt. Weil er dort arbeitet, wäre er auch in Pulheim teilnahmeberechtigt gewesen, aber er hat sich für Köln entschieden. Eine gute Wahl: Unser Team ist mehr Kilometer (20.556) gefahren als ganz Pulheim zusammen (13.900). Christoph, bitte verteidige im nächsten Jahr im Team „SattelFest“ deinen Titel.
Ebenso für uns fahren wird -so hoffe ich- im Jahr 2017 mein Stiefsohn Andreas, der seit zwei Jahren in Sydney lebt. Denn das gehört mit zum „Stadtradeln“: „Ausgewanderte“ Kölner können selbst in China oder Südafrika am Kölner Stadtradeln teilnehmen. So lange sie noch Mitglied in einem Kölner Verein sind (oder sobald sie es werden!), sind weltweit alle Kölner teilnahmeberechtigt.
Zweiter Sieger im internen Wettbewerb (Preis: DVD des Kinofilms „Sound of Heimat“ von Teammitglied Jan Tengeler) wurde mit 804 Kilometern Alf Kroll, der als Reisender stadtradelnd unterwegs war. Dritter wurde Lars Mutmann (460,6 Kilometer). Außerdem bekommen alle teilnehmenden Familien einen Preis.

 
Wir danken dem Verein „Für Nippes“ und „Stadtradeln Köln“ für das Mikrofon und die Bühne, so hatten wir auf dem Klimastraßenfest bei unserer teaminternen, vorverlegten Preisverleihung eine wunderbare Kulisse und ein freundliches Publikum!!!
 

Der Film ist da: Stellwerk 60 im koreanischen TV

Nach dem Besuch der koreanischen Korrespondentin Chi-Suk Kim im Mai ist jetzt ihr Beitrag im koreanischen Fernsehen gelaufen. Der Sender KBS 1TV ist die älteste öffentlich-rechtliche und größte Rundfunkanstalt in Südkorea. Im Magazin „creative“ wird die autofreie Siedlung Stellwerk 60 als Vorzeigeprojekt einer ökologischen und bürgernahen Stadtplanung vorgestellt. Der Bericht konfrontiert das koreanische Publikum mit dem für das traditionelle Deutschlandbild der Koreaner überraschenden Umstand, dass im Autoland Deutschland auch ein autofreies Leben mitten in der Stadt möglich und offensichtlich politisch erwünscht ist.

Der Zuschauer erfährt, dass das Projekt als preiswürdiger Ort im „Land der Ideen“ ausgezeichnet worden ist; Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler sind als staatliche Repräsentanten zu sehen. Der gut 5-minütige Beitrag ist koreanisch, aber die deutschen Wortbeiträge sind nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Daher kann man das meiste auch ohne koreanische Sprachkenntnisse verstehen.

Stellwerk60autofrei proudly presents:

Kleine Ergänzung 2021: Durch einen „Umzug“ zwischen zwei YouTube-Kanälen war dieser Film vorübergehend verloren gegangen bzw. unter der alten „Adresse“ nicht mehr aufrufbar. Er hatte bis Anfang 2021 etwa 1300 Aufrufe, was sich jetzt auch nicht mehr „belegen“ lässt. Aber der muntere Film hat den „Ortswechsel“ unbeschadet überstanden!

Besuch aus dem Land der Morgenröte

Kürzlich war ein koreanisches Filmteam zu Gast in der autofreien Siedlung. Unter dem schönen Titel „Besuch aus dem Land der Morgenröte“ berichtete das Stadtteilmagazin „Für Nippes“ darüber. Da der Besuch mit dem Redaktionsschluss für die Juni-Ausgabe zusammenfiel, leider nur in einer Kurzversion. Hier der ungekürzte Artikel:
Derzeit arbeitet Fernseh-Autorin Chi-Suk Kim an einer Dokumentation für den südkoreanischen Sender KBS, die im Juni ausgestrahlt wird. Thema: „Nation Branding“. Es geht darum, Deutschland in Korea noch bekannter zu machen. Ein Thema wird die Kölner Autofreie Siedlung sein. Auf die Frage „Was interessiert an Stellwerk 60?“ erzählte Frau Kim, dass die Koreaner nicht nur von deutschen Autos beeindruckt seien. Deutschland stehe für ein außergewöhnlich hohes ökologisches Bewusstsein und für Innovationsfreude, was die Förderung erneuerbarer Energien angeht. Der kurze Film dürfte dazu beitragen, Stellwerk 60 als deutsches Projekt einer gelungenen ökologischen Erneuerung international bekannt zu machen.
Einige Bewohner der Siedlung begleiteten Frau Kim und ihren Kameramann bei einem besonderen Rundgang. Man flanierte über Straßen und verwinkelte Wege, stieg in die (preisgekrönten) Fahrradkeller und wurde für den filmischen Überblick sogar auf private Dachterrassen gelassen.
Am frühen Morgen waren nur die Katzen draußen, so begann der Rundgang besinnlich. Bewohner von Stellwerk 60 hatten vor der KiTa „Alte Kantine – Lummerland“ einen Frühstückstisch aufgebaut. „Siedler“ Jan Tengeler, Musiker und Co-Autor des Films „Sound of Heimat“, der weltweit in Goethe-Instituten gezeigt wird, hatte sein Akkordeon dabei und stiftete spontan zum Mitsingen an: „Komm, lieber Mai, und mache….“ und „Die Gedanken sind frei.“
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Sounds of Heimat; Foto: Nachbarn60

Im Laufe des Tages wurde die Siedlung immer belebter, nicht nur durch die unzähligen spielenden Kinder. Stellwerk 60 zeigte sich bei bestem Wetter von der Sonnenseite und zog Besucher aus ganz Nippes an, die die autofreien Straßen auch als „Teststrecke“ nutzten. An Christi Himmelfahrt konnte man eine ganze Bandbreite an Fortbewegungsmitteln bewundern, die nur durch Menschenenergie in Gang gesetzt werden: Rollstühle, Kinderwagen, Inliner, Go-Karts, Liegeräder, Einräder, Tandems, Behinderten-Dreiräder, Skateboards und Nordic Skates. Kein Wunder, dass Frau Kim die Siedlung als Park wahrnahm.
Es war ein Tag der deutsch-koreanischen Freundschaft. Frau Kim und ihr Kameramann freuten sich auch über die Einladung zum gemeinsamen Mittagessen. Im Stellwerk 60 – „Speisewagen“ wurde eine Spargelcremesuppe serviert, die Dagmar Johanna Matthias vom „Weinhaus im Viertel“ eigens für den Besuch gekocht hatte.
(Nebenbei bemerkt: Im „Weinhaus im Viertel“ gibt es eine Sommer-Aktion: Man kann -in illustrer Runde am großen Verkostungstisch-  zwischen 12h und 14h zu einem Glas Wein oder Traubensaft sehr leckere, täglich wechselnde Suppen probieren!)
Für den Kameramann, der aus Seoul angereist war, war die Spargelcremesuppe eine exotische Speise. Spargel, erklärte Frau Kim, die in Berlin lebt, sei in Korea (noch) weitgehend unbekannt, da das Gemüse dort nicht nicht angebaut werde.
Die Pariser Prachtstraße Champs-Élysées war am 8. Mai auf einer Strecke von 1,23 Kilometern erstmalig Fußgängerzone. In Zukunft soll die vierspurige Straße jeden ersten Sonntag im Monat autofrei sein –  In Stellwerk 60 heißt es immer: Alle Straßen frei für Fußgänger!
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Umgestiegen: Chi-Suk Kim und Hans-Georg Kleinmann; Foto: Nachbarn60

Porträt der autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes (Land der Ideen)

In den Jahren 2006 bis 2012 prämierte die von der Bundesregierung und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gegründete Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ mit dem Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ insgesamt mehr als 2500 Ideen und Projekte, die einen „nachhaltigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ geleistet haben.

Stellwerk 60, Kölns erste autofreie Siedlung, wurde am 18. September 2007 ausgezeichnet (s. Tafel am Eingang Wartburgplatz). Damals hatte der Geschäftsführer des Bauträgers Kontrola, Markus Schwerdtner, den Pokal entgegengenommen. Jetzt ist zwar nicht der Pokal, aber der Staffelstab bzw. das Mikrofon an uns Bewohner übergegangen. „Land der Ideen“ fragt „Was wurde aus… Stellwerk 60?“ und gibt einer Bewohnerin und einem Bewohner im Interview die Gelegenheit zu berichten, wie sich die autofreie Siedlung seit der Preisverleihung entwickelt hat:

www.land-der-ideen.de/presse/meldungen/was-wurde-aus-autofreien-siedlung-stellwerk-60

Ergänzung 2019: Leider ist der Artikel stillgelegt. „Land der Ideen“ hat neuerdings nicht nur eine geglättete, stinklangweilige Internet-Seite, sondern offenbar auch ein neues Konzept.
Noch vor drei Jahren hatte man folgende Frage gestellt: „Was wurde aus den prämierten Projekten?“ Das gab den Beteiligten die Möglichkeit, sich an die Geschichte des Projekts zu erinnern und davon zu erzählen.
Heute sind Erinnerung und Geschichte weitgehend tabu. Die Interesse bekundende, im besten Sinne neugierige Frage „Was wurde aus…?“ zählt nicht mehr. Was zählt, sind „Erfolgsgeschichten“ –  So heißt die neue Rubrik.
 
 
Wir vom Verein Nachbarn60 hatten damals die Freiheit, all das mitzuteilen, was wir über die autofreie Siedlung Stellwerk 60 mitteilen wollten. Das Interview, das weitgehend in Eigenregie entstand, wurde von „Land der Ideen“ behutsam und klug korrigiert.
In meinen alten Mails habe ich zum Glück das komplette Interview gefunden. Hier zum ersten Mal in der Urfassung vom Januar 2016:
 
 
 
Ausgewählter Ort“ des Jahres: 2007
Name des ausgezeichneten Projekts: Stellwerk 60
Initiator: Arbeitskreis Autofreie Siedlung, gegr. 1994
Projektentwickler: Kontrola Treuhand Gmbh&Co. KG (seit 2010: Bouwfonds/jetzt BPD)
SiedlerSechzig@web.de
 
 
 
Name der Interviewpartner:
Hans-Georg Kleinmann
Funktion: Vorstandsmitglied des Bewohnervereins Nachbarn60 e.V. ; Mitglied des Arbeitskreises Autofreie Siedlung
 
Lisa Wilczok
Funktion: Mitglied bei Nachbarn60; Gründerin der Öffentlichkeitsinitiative „SiedlerSechzig“
 
 
Interview: Was wurde aus… dem Projekt „Stellwerk 60“?
 
 
Mit 455 Wohneinheiten und über 1.500 Bewohnerinnen und Bewohnern ist die Kölner autofreie Siedlung Stellwerk 60 die größte in Nordrheinwestfalen, als Siedlung mit ausschließlich autofreiem Gelände sogar die größte in Deutschland. Hans Georg Kleinmann, selber „Siedler“, gehört zu den Pionieren einer Bewegung, die in den 1990er Jahren bundesweit ihren Anfang nahm. In verschiedenen deutschen Großstädten bildeten sich Arbeitskreise und Initiativen, in denen Konzepte zum autofreien Wohnen und konkrete Siedlungsentwürfe erarbeitet wurden. Nach jahrelanger Vorarbeit wurde in Köln-Nippes mit Stellwerk 60 einer dieser Entwürfe verwirklicht.
Hans-Georg Kleinmann ist seit 1996 Mitglied des Kölner Arbeitskreises „Autofreie Siedlung“ und Vorstandsmitglied des Siedlungs-Vereins „Nachbarn60“.
Lisa Wilczok ist im Jahr 2006 zufällig auf Stellwerk 60 gestoßen, als sie für ihre Familie eine größere, innenstadtnahe Wohnung gesucht hat. Sie hält das zukunftsweisende Projekt für so gelungen, dass man -so sagt sie augenzwinkernd- Stellwerk 60 schon jetzt komplett unter Denkmalschutz stellen müsste.
Beide erzählen, wie sich das Projekt seit der Preisverleihung entwickelt hat.
 
 
Stellwerk 60 – „Das Plagiieren unserer Idee ist ausdrücklich erwünscht!“
 
 
Vor acht Jahren wurde das Projekt „Stellwerk 60“ als „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?
 
Hans-Georg Kleinmann: 2013 wurden die letzten Mehrfamilienhäuser gebaut und bezogen, so dass die Bebauung nunmehr abgeschlossen ist. Die Kinder können gefahrlos auf den Straßen spielen. Alle Wege und Straßen sind jetzt offiziell Fußgängerzone, dürfen aber auch mit dem Fahrrad befahren werden. Ebenso ist der Anlieferverkehr frei, für den allerdings jeweils eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden muss. Übrigens sind lediglich drei Straßen asphaltiert und können überhaupt von größeren Wagen befahren werden, etwa der Müllabfuhr, alle anderen Wege sind nur gepflastert. Eine ungehinderte Zufahrt haben natürlich auch Notarzt- und Feuerwehrwagen.
 
Lisa Wilczok: Jetzt, wo nicht mehr gebaut wird, gehört Stellwerk 60 endlich uns, ob wir zu den 80% Mietern gehören oder ein Haus oder eine Wohnung gekauft haben.* (Ergänzung am Ende des Beitrags) Die Siedlung ist zwar von einer Bürgerinitiative initiiert und konzipiert, aber letztendlich von einem Bauträger entwickelt und vermarktet worden. Mein Mann und ich haben unser Reihenhaus in einer Art Katalog ausgesucht. Dass man eine Ausnahmeimmobilie „von der Stange“ kauft, noch dazu seiner Kinder Elternhaus, also mehr als eine Lebensabschnittsbehausung, hat sich schon etwas merkwürdig angefühlt. Mittlerweile sind die Gewährleistungszeiten des Bauträgers auf alle 73 Einfamilienhäuser abgelaufen, was ich, da sich der Bauträger ohnehin gerne aus der Verantwortung gezogen hat, als echte Befreiung empfinde. Wir Hauseigentümer sind keine Kunden mehr, sondern Bewohner. Das Projekt hat Patina gekriegt, die Hecken sind gewachsen, die Sträucher und Bäume. Im Sommer ist es hier so grün und blühend wie sonst nur am Stadtrand.
Es gibt keine Auto-Tiefgaragen, für deren Bau man tief und großräumig in den Erdboden vordringen muss, und weder mehrspurige Straßen noch bunt leuchtende Ampeln. Die Natur „bedankt“ sich dafür, nicht nur die hier zahlreichen Fledermäuse. Auf dem Brachland der ehemaligen Eisenbahnausbesserungsanlage hatten sich viele Singvögel angesiedelt, die nach Abschluss der Bebauung, wie es im Frühlingslied anklingt, „alle wieder da“ sind. Es gibt kaum ein Reihenhaus, wo im Efeu oder in den Blumenkübeln nicht die Amseln nisten, die von Bewohnern aufgehängten Meisenkästen werden lebhaft genutzt. Im Sommer huschen Igel durch die Gärten und jetzt im milden Winter die Mäuse – als Schmaus für die Katzen, die ungefährdet über die Straßen und Wege laufen.
 
Kleinmann: Stellwerk 60 ist in Nippes angekommen. Viele Bewohner sind sportlich aktiv, vor allem im Eisenbahner-Sportverein Olympia, dessen alte Halle direkt neben der Siedlung liegt. Einige Nachbarn sind dort ehrenamtliche Jugendfußball- und Tischtennistrainer. Aber im Zentrum steht der Fußball. Ein bisschen übertreibend sage ich: Alleine die Jungs aus der Siedlung stellen komplette E-und D-Jugend-Mannschaften.
 
Wilczok: Was den täglichen Bedarf angeht, kann man in Nippes fast alles kaufen. Auf dem Siedlungsgelände gibt es einen Laden, wo man auch am Sonntag frische Milchprodukte kriegt. Ansonsten kauft man im Stadtteil ein, zahlreiche Geschäfte, ein traditionelles Kaufhaus und der tägliche Wochenmarkt sind zu Fuß in weniger als zehn Minuten erreichbar. Nippes ist ein kölsches Multikulti-Veedel, hier findet man keine Nobel-Boutiquen, aber einen guten alteingesessenen Schuster und einige Änderungsschneidereien. Es gibt türkische Lebensmittelgeschäfte, eine Bäckerei mit köstlichen Brot aus eigener Backstube und ein bestens sortiertes Viertel-Weinhaus. Hier wie dort gehören Nachbarn aus Stellwerk 60 längst zur Stammkundschaft. Der Nippeser Karnevalszoch, einer der größten Viertelszüge in Köln, läuft am Karnevalsdienstag in unmittelbarer Nähe an der autofreien Siedlung vorbei.
 
Was waren die größten Erfolge?
 
Kleinmann: Der größte Erfolg war und ist das gute soziale Klima. Natürlich gibt es auch hier die üblichen Ehekrisen, aber man rauft sich gerne wieder zusammen. Schließlich gibt es viel zu verlieren: Einen ausgesprochen angenehmen, interessanten Lebensraum. So weit ich es einschätzen kann, kommen die Nachbarn gut miteinander aus. Keiner kann mit seinem Auto protzen, auch die Reihenhäuser sind mit ihren Mini-Gärten und einer Hausbreite von meistens unter fünf Metern recht bescheiden. In Stellwerk 60 leben viele Akademiker, aber keine geldorientierten Spitzenverdiener. Ich kenne ein paar Journalisten und Künstler, aber die meisten Bewohner arbeiten in sozialen Berufen, vornehmlich als Lehrer. Es gibt nur wenig Fluktuation unter den Bewohnern und keine Wohnungen, die länger leer stehen. Vor allem junge Familien suchen hier Wohnungen, allerdings meistens vergeblich.
 
Wilczok: Ich fühle mich hier sicher. In den acht Jahren, die ich in Stellwerk 60 lebe, habe ich noch keine Randale mitgekriegt. Natürlich gibt es auch hier, vor allem am Rand der Siedlung, spontane abendliche Partys, aber die Glasscherben und leeren Schnapsflaschen halten sich in Grenzen. Pöbelnde, respektlose Männergruppen bleiben außen vor. Bezeichnenderweise leben in der Siedlung einige Hebammen, etwa die Familienhebamme Anke Zacharko. Marita Ashauer und Christiane Ippach, Hebammen im Kölner Geburtshaus, haben hier ihre Beratungsräume.
Die jungen Menschen, die hier aufwachsen, sind oft politisch und sozial engagiert, weniger in politischen Partien als in Non-Profit-Organisationen wie z. B. Greenpeace. Einige Schüler arbeiten in den Flüchtlingsinitiativen ihrer Schulen. Nach der Schule absolvieren viele ein freiwilliges soziales und/oder ökologisches Jahr. 2014/15 hat die freiwillige Arbeit junge Leute aus Stellwerk 60 nach Chilé, China und in die Niederlande verschlagen
 
Kleinmann: Übrigens macht der „Siedlungs-Nachwuchs“ doch gerne den Führerschein -ohne gleich ein Auto besitzen zu wollen. Auch meine Tochter hat sich davon nicht abbringen lassen. In einer mobilen Gesellschaft gehört der Führerschein nun mal für die meisten jungen Menschen zur Allgemeinbildung.
 
Wilczok: Viele junge Eltern arbeiten in Teilzeit und entscheiden sich für ein drittes Kind- entgegen dem gesellschaftlichen Trend. In die eh schon schmalen Häuser werden Zwischenwände gezogen. Ich hab da schon die abenteuerlichsten Konstruktionen gesehen, aber es geht. Die autofreie Siedlung ist ein Ort, wo es sich insbesondere als Familie ausgesprochen angenehm leben lässt. Kinder sind hier gut aufgehoben. Etwas überspitzt möchte ich sagen: Stellwerk 60 ist ein Schutzraum für eine bedrohte Lebensform.
 
Und was waren die größten Probleme, mit der Sie seit der Auszeichnung zu kämpfen hatten?
 
Kleinmann: Oft wird die Autofreiheit nicht respektiert. Manche Leute, die hier einziehen, versuchen sogar, die Siedlung mit dem Auto zu befahren. Da hilft in der Regel ein klärendes Gespräch. Problematischer ist die Tatsache, dass einige Bewohner -entgegen ihrer Erklärung im Kauf- oder Mietvertrag- ein Auto besitzen. Sie nehmen den Nachbarn außerhalb der Siedlung die Parkplätze weg, und das schafft sozialen Unfrieden. Mittlerweile hat die Stadt Köln rund um die Siedlung Anwohnerparkplätze eingerichtet, auf die die Bewohner der autofreien Siedlung kein Anrecht haben. Dadurch hat sich die Situation deutlich entspannt. Dennoch ist das Problem nicht gelöst. Gegen eine geringe Gebühr benutzen manche Stellwerk-Bewohner weiterhin die Anwohnerparkplätze.
Das Parkhaus am Siedlungsrand hat Stellplätze für etwa ein Fünftel der Haushalte, was ausreichen muss. Außerdem gibt es dort immer freie, allerdings kostenpflichtige Besucherparkplätze. Wir vom Nachbarschaftsverein können niemandem das Auto verbieten, deshalb versuchen wir Lösungen zu finden: Die meisten Autobesitzer, die hier wohnen, benutzen ihr Fahrzeug nur selten. Zur Arbeit fahren sie mit S-Bahn, U-Bahn oder dem Fahrrad. Wir schlagen den Leuten vor, dass sie etwas weiter weg parken. Zumutbare 15-20 Geh-Minuten von der Autofreien Siedlung entfernt gibt es westwärts Richtung Ehrenfeld genügend freie, kostenlose Parkplätze. Die Gegend rund um Schlachthof und „Pascha“ ist als Wohngebiet völlig unattraktiv, zumal für Familien, aber ideal für das Abstellen von PKWs, die man nur selten benutzt. Und die Autos der Nachbarn sind keine Luxuslimousinen, um die man Angst haben muss. In unmittelbarer Nähe zum östlichen Siedlungseingang gibt es zudem beim Vinzenzhospital ein Parkhaus, das nicht ausgelastet ist. Hier kann man noch Stellplätze mieten. Eigentlich benötigt man als Bewohner der Autofreien Siedlung kein eigenes Auto. Wer dennoch eines braucht, findet es in aller Regel in einer der beiden Cambio-Stationen am Siedlungsrand. Die Nachfrage ist allerdings so groß, dass die 20 PKWs nicht immer ausreichen und am Wochenende „Nachschub“ aus der Innenstadt geholt werden muss.
 
Wilczok: Mir macht noch etwas anderes Sorgen. Wir leben auf dem Gelände eines alten Eisenbahn-Ausbesserungswerks. Daher sind die Böden mit Schwermetallen belastet. Zwar haben vor der Bebauung Messungen den Boden für unbedenklich erklärt, aber es bleibt ein leicht ungutes Gefühl. Man hat versäumt, den Boden einige Meter tief abzutragen, wie es zuletzt vor der Bebauung des Nippeser Clouth-Geländes passiert ist, einer ehemaligen Gummifabrik. Unsere wenigen Äpfel überlasse ich daher gerne den gefräßigen, allgegenwärtigen Grünsittichen. Apropos Clouth: Nippes ist -auch dank der autofreien Siedlung- ein kinderreicher Stadtteil. Die Schulen sind überfüllt, so dass bereits Grundschüler auf die Nachbarstadtteile ausweichen müssen. Immerhin gibt es seit 2010 die neue „Gesamtschule Nippes“. Die ist nur leider im Stadtteil Longerich untergebracht, der zwar zum Stadtbezirk Nippes gehört, aber eben doch weiter außerhalb liegt. Die Chance, die Schule innenstadtnah im Stadtteil Nippes zu bauen, etwa auf dem Clouth-Gelände, ist leider vertan worden.
 
Kleinmann: Erwähnen möchte ich noch ein weiteres Anbindungsproblem an den gewachsenen Stadtteil, das sich beim Starkregen im Juli 2014 gezeigt hat. Damals sind zahlreiche Keller vollgelaufen. Das Rückstaubecken am Siedlungseingang konnte die Wassermassen nicht tragen. Statt in den alten Ortsteil abzufließen, schoss das Wasser in die Siedlung zurück und verursachte erhebliche Schäden.
 
2007 war ein Seniorenprojekt geplant, „Land der Ideen“ berichtete anlässlich der Preisverleihung davon. Was ist daraus geworden?
 
Kleinmann: An alternativen Projekten haben wir ein Mehrgenerationenhaus mit 15 Wohnungen und darüberhinaus 13 Wohnungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Das Seniorenprojekt ist leider gescheitert. Es wurden damals nicht genug Käufer gefunden. Kaum jemand war bereit, eine seniorengerechte Wohnung zu kaufen, aber das Auto abzuschaffen. Die Senioren von heute sind Kinder des Wirtschaftswunders- und gerne rundum mobil. Sie empfinden den Verzicht aufs Auto als Freiheitsberaubung.
 
Wilczok: Vielen älteren Menschen ist es in der Autofreien Siedlung aber auch ganz einfach zu laut. Kindergeschrei kann bis 113 Dezibel erreichen, was in etwa dem Lärm entspricht, den eine kreischende Kreissäge verursacht. Und jetzt stellen Sie sich 20 fröhlich kreischende Kreissägen auf einmal vor.
Quälend können aber auch Eltern sein, die sich „nur zum Wohle der Kinder“ verhalten. Mir ist da eine Geschichte zu Ohren gekommen, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie sich so drastisch wirklich zugetragen hat… Wahrscheinlich waren die Neu-Stellwerker durch den strapaziösen Umzug mit ihren Kleinkindern völlig entnervt, anders lässt sich die Nacht-und Nebel-Aktion nicht erklären: In beide Geh-Richtungen verbarrikadierten junge Eltern den Fußweg vor ihrer gerade fertig gestellten, frisch bezogenen Einfamilien-Häuserreihe. So konnten sie die kleinen Kinder unbeaufsichtigt nach draußen schicken, ohne Angst haben zu müssen, dass die Kleinen weglaufen könnten oder in eine Baugrube fallen. Man hatte allerdings versäumt, die Nachbarn, Familien mit älteren Kindern, um Erlaubnis zu fragen. Schlimmer noch: Man hatte sie nicht informiert. So standen eines frühen Morgens Schulkinder auf dem Weg zur Schule vor einem knapp einen Meter hohen Zaun. (Lachend🙂 Die Kinder hatten keine andere Wahl: Sie mussten das Fahrrad schultern und über den Zaun steigen.
 
Arbeiten Sie derzeit an neuen Projekten oder an der Weiterentwicklung Ihrer Idee?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 entwickelt sich stetig weiter. 2013 kaufte der Bewohnerverein eine Zweizimmerwohnung am Siedlungseingang und baute sie zur Mobilitätsstation um. Dort können Transportfahrzeuge wie Fahrradanhänger und Sackkarren ausgeliehen werden, der Bestand wird ständig erweitert. Auch gibt es Biertischgarnituren, Feuerkörbe, Leitern- und natürlich die beliebten Go-Karts, komfortable Mehrsitzer, wie man sie aus Vergnügungsparks kennt. Mit dem „Kaffee-Kessel“ haben wir eine Begegnungsstätte mit Bibliothek, einer voll eingerichteten Küche und einem Tagungstisch, an dem 12 Personen Platz haben. Ehrenamtlich wird hier ein Café betrieben, regelmäßig finden Seniorentreffen und Spieleabende statt. Seit Oktober 2015 gibt es das Projekt „Frauencafé International“ zur Integration von Flüchtlingen. Dort wird gemeinsam gekocht und gegessen. Das Café hat einen regen Zulauf, mittlerweile bringen die Frauen auch ihre Kinder mit. Zum Glück gibt es nicht nur zahlreiche Spielgeräte, sondern vor dem Haus Platz genug zum Spielen und Toben- sonst würde das Café aus den Nähten platzen.
Aktuell geht es um die Nutzung einer letzten Brachfläche, die zeitweise als Besucherparkplatz gedient hat. Dort haben wir im November mit dem Urban Gardening begonnen und Pflanzkisten aufgebaut. Erst kürzlich haben wir einen Wohnwagen als Bauwagen für Jugendliche angeschafft und installiert. Und auf dieser letzten Brache stand im Dezember erstmalig unser traditioneller Siedlungs-Weihnachtsbaum.
 
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 sehe ich in einem langfristigen Trend. Den Menschen, die sich in den 1990er Jahren für autofreies Wohnen einsetzten, waren schon damals „die Grenzen des Wachstums“ bewusst. Uns war klar, dass sich die Erde weiter erwärmen würde. Ebenso wie der drohende Klimawandel war es ja kein Geheimnis, dass das Erdöl endlich und nicht erneuerbar ist. Inzwischen hat sich die klimatische Situation weltweit dramatisch zugespitzt. Dass wir derzeit wieder zu Dumping-Preisen Benzin tanken können, ist eigentlich unverantwortlich. Dieses Verschleudern von Sprit spornt nicht nur die hirnlosen Raser an, sondern es gaukelt uns vor, dass die fossilen Rohstoffvorkommen eben doch unerschöpflich seien. Die politisch Verantwortlichen müssen umdenken- und handeln.
Der Bau von autofreien Siedlungen ist da ein ein wichtiger Schritt. Es reicht allerdings nicht aus, nur die Auto-Stellplätze wegzulassen. Wir brauchen zudem eine fortschrittliche, CO2-reduzierte Energienutzung. In Stellwerk 60 werden die meisten Wohnungen durch ein Erdgas-betriebenes Kleinkraftwerk mit Nahwärme versorgt, aber es gibt auch Passiv-Solar-Gebäude: Ein Mehrfamilienhaus mit 21 Wohnungen sowie 11 Einfamilienhäuser. Die alternative Energienutzung hat sich in Stellwerk 60 über die Jahre bewährt.
Stellwerk 60 ist attraktiv für Besuchergruppen aus aller Welt, etwa aus Japan, Südamerika und den USA. Erst im November haben wir 47 US-amerikanische Studenten der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung durch die Siedlung geführt. Die jungen Fachleute stammten aus Pennsylvania sowie aus Texas, wo es keine autofreien Siedlungen gibt.
Das Projekt hat nicht nur Vorzeigecharakter, sondern braucht Nachahmer. Ich wünsche mir, dass demnächst nicht nur in Köln, sondern bundesweit weitere autofreie Siedlungen gebaut werden.
 
Was empfehlen Sie Menschen, die ihre Ideen in die Tat umsetzen wollen?
 
Kleinmann: Sich mit anderen zusammen zu schließen und zu vernetzen. Ich möchte an dieser Stelle den unermüdlichen Martin Esch erwähnen, der auch in der Siedlung lebt. Er hat im Jahr 1994 den Arbeitskreis Autofreie Siedlung mit gegründet, als ich noch gar nicht dabei war, ist also ein wirklicher Pionier. Man muss der Idee vertrauen, viel Zeit investieren, den langen Atem haben und bereit sein, hart zu arbeiten, ohne dafür Geld zu bekommen. Die Stadt Köln musste für das Projekt gewonnen werden und ein Investor gefunden. Stellwerk 60 ist auch eine bemerkenswerte kaufmännische Leistung. Der Bauträger Kontrola hat damals unter der Geschäftsführung von Markus Schwerdtner bewiesen, dass man Häuser auch ohne Stellplatz gut verkaufen kann, zumal in innenstadtnaher Lage. Ohne die jahrelange Zusammenarbeit vieler Menschen würde es Stellwerk 60 nicht geben. Für den Bereich autofreies Wohnen braucht es keine Innovationen mehr, jetzt braucht es innovative Politiker, Stadtverwaltungen und Bauträger. Wir haben Vorarbeit geleistet und sagen: Das Plagiieren unserer Idee ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht!
Wie und wo kommen Sie am besten auf neue Ideen?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 lebt von den Ideen der Menschen, die hier leben. Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion gibt es auf den regelmäßigen Treffen des Nachbarschaftsvereins. Wir sind für gute Ideen immer aufgeschlossen.
 
Wilczok: Das Beste an der Siedlung sind für mich die vielen freundlichen, pfiffigen und ungewöhnlich respektvollen Kinder. Den meisten geht es hier richtig gut. Tatsächlich ist in Stellwerk 60 manches wie früher. Die Kinder spielen unsere alten Spiele, und sie spielen noch „Räuber und Gendarm“, lange bevor sie in die Lasertag-Indoorhall gehen. Wenn sie dann an Sankt Martin in Gruppen vor der Tür stehen, selbstgebastelte Laternen in der Hand, und „D’r hellije Zinter Mätes“ in ziemlich perfektem Kölsch vorsingen, geht mir das Herz auf.
 
Kleinmann: Wenn ich die spielenden Kinder sehe, weiß ich, wie gut unsere Idee war. Es geht nicht nur darum, unseren Kindern eine bewohnbare Erde zu hinterlassen, es geht darum, schon jetzt unsere Städte kinder- und familienfreundlicher zu gestalten.
 
Herr Kleinmann, eine Frage zum Schluss. Wann sind Sie das letzte Mal Auto gefahren?
 
Kleinmann: Beim Umzug meiner Tochter nach Ravensburg. Entgegen den Vorurteilen bin ich kein Hard-Liner.
 
 
 
 
* So enthusiastisch kann sich nur eine Hausbesitzerin ausdrücken. Keine (mittlerweile) stark überhöhte Miete zahlen zu müssen, sondern nur Grundbesitzabgaben, ist ein echter Luxus. Stellwerk 60 „gehört“ vielleicht „uns“, aber die meisten Wohnungen sind in Besitz der GAG IMMOBILIEN AG, der BAUGRUND IMMOBILIEN-MANAGEMANT GMBH und der AXA Immobilien GMBH. (Ergänzung 2020)