Elfchen im Achten: Warum haben Rosen Dornen?

Am 14. Juli 2021, dem französischen Nationalfeiertag, blieb es in Paris trocken. So fiel die Selbstfeier der Grande Nation nicht ins Wasser. An genau diesem Tag jedoch ereignete sich in knapp 400 Kilometern Entfernung im Nachbarland Deutschland eine Hochwasser- Katastrophe mit verheerenden Folgen. Insbesondere Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen waren (und sind) betroffen.

Während Orte im Kölner Umland zum Teil schwer überflutet wurden (Erfstadt-Blessem), ist das Gebiet der Stadt Köln weitgehend verschont geblieben. (Kleine Ergänzung 19.8.: „Weitgehend verschont“ ist relativ. Gestern war ein Installateur hier, der den Wasseranschluss im Garten repariert hat. Im Keller seines Einfamilienhauses in Köln-Pesch stand das Wasser (u.a. Toiletten-Abwasser!) 85 cm hoch. Jetzt wird er sich eine Fäkalien-Rückstauklappe einbauen. Kein Einzelfall, wie er mir erzählte.)

Auch ich bekam am 14.7. eine Ahnung davon, was es heißt, von Wassermassen eingeschlossen zu werden und nicht weglaufen zu können. Hier in Nippes hat es so stark und so andauernd geregnet, wie ich es noch nie erlebt habe. Normalerweise sind Wolkenbrüche zwar heftig, aber kurz. Doch dieser Wolkenbruch hielt stundenlang an.

In unserem Keller tropfte für kurze Zeit ein Wasserrohr, und mein Versuch, ein paar Kochtöpfe zu spülen, misslang, weil das Wasser im Spülbecken stand und nicht abfließen konnte. Um mich zu entspannen, machte ich mir lächerliche Gedanken wie: Wann kann ich die Spülmaschine wieder anstellen? In manchen Momenten schäme ich mich dafür, Glück gehabt zu haben.

https://www1.wdr.de/nachrichten/unwetter-nrw-starkregen102.html

In Paris war längst durchgesickert, dass sich im Nachbarland Deutschland eine Unwetter-Katastrophe ereignet hatte. Das hielt die Veranstalter nicht davon ab, die Nation und die militärische Präsenz und Potenz der Atommacht Frankreich aufwändig zu feiern, insbesondere mit der in Paris üblichen Militärparade. Und als am Abend das Ausmaß der Katastrophe sichtbar wurde, fand im nur wenige hundert Kilometer von der Ahr entfernten Paris das große traditionelle Feuerwerk statt.

Ich stelle mir vor, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hätte eine seiner Fernseh-Ansprachen gehalten und gesagt: Der Sturm auf die Bastille gehört zu unserer Geschichte, aber für heute ist er Geschichte, denn wir müssen versuchen, die Welt zu retten. Das Wohlleben der Bürgerinnen und Bürger, aber insbesondere mein persönliches Wohlleben hat unverantwortliche Dimensionen angenommen. Die Katastrophe hat mir die Augen geöffnet. Ja, Ich schäme mich. Es sieht so aus, als hätten viele Menschen ihr Leben verloren. In Solidarität mit den Menschen im Nachbarland Deutschland, die alles verloren haben, habe ich beschlossen, Ressourcen und Kräfte zu schonen. Daher sage ich das Feuerwerk ab.

Leider ist die große solidarische Geste ausgeblieben. Vermutlich hat Macron in der Nacht gut geschlafen, weil alles reibungslos geklappt hat -exakt bemessene vier Stunden, wie schon Napoleon empfahl: „Trump kommt nach eigenen Angaben mit vier Stunden Schlaf aus. Auch sein Amtskollege, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, benötigt lediglich vier Stunden Schlaf. Von Napoleon Bonaparte stammt das Bonmot: «Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot.» https://www.tagblatt.ch/leben/die-schlaflose-elite-ld.1042629

***

Das Frühjahr 2021 war hier ziemlich verregnet, und bereits im Juni hat es im Kölner Umland Starkregen gegeben. Ich erinnere mich an den Abend des 4.Juni, als in Pulheim Straßen überflutet wurden und zahlreiche Keller vollliefen. Die Ironie der Katastrophe: Dem Boden hat der viele Regen gut getan. Die Amseln finden Würmer – und brüten noch einmal.

15. Juli: Das Wasser ist abgeflossen. Luft und Wiesen sind feucht (und sollten es noch wochenlang bleiben). Beim morgendlichen Spaziergang mit dem Hund hole ich mir nasse Füße. Nachmittags entdecke ich in unserem kleinen Garten eine Libelle, die auf einem alten Ast der Rose einen Platz gefunden hat. Sie bleibt dort stundenlang sitzen. Erst als ich Fotos mache, fällt mir auf, dass sie sich mit den Vorderbeinen an einer Dorne festhält, nicht krampfhaft, sondern libellenleicht.

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Libellenleicht: Sogar die größten Libellen wiegen kaum mehr als ein Gramm.

Die Libelle beantwortet mir eine Frage, die ich ihr gar nicht gestellt habe:

Warum haben Rosen Dornen?

Eine

leise Antwort

der Libelle: Nur

für dieses eine Mal…

Augenblicksglück

Mir kommt das Wort Augenblicksglück einfach so, es fliegt mir sozusagen zu. Ich habe es noch nie gehört und will wissen, wer es in die Welt gesetzt hat.

Als ich das Wort Augenblicksglück in die Suchmaschine eingebe, entdecke ich einen klugen, ganz wunderbaren Text der Schweizer Theologin und Publizistin Doris Strahm. https://www.doris-strahm.ch/Strahm_015.pdf Augenblicksglück ist, so erfahre ich, ein Begriff der jüdischen Dichterin Rose(!) Ausländer (1901-1988) In ihrem Gedicht „Glanz“ lässt sie ein lyrisches Du „baden“ in einer Welle Glanz, die herangeschwemmt wird mit einer Muschel: „Augenblicksglück dieser Uferminute aus feinen Farben“

Wenn ich sage, dass ich „erschüttert“ war, als ich die Zeile las, die nicht nur die Welle, sondern „meine“ Libelle meint, ist das nicht übertrieben.

Doch was meint Augenblicksglück? „Philosophisch“, so Doris Strahm, „könnte man eine solche Erfahrung auch als Selbsttranszendenz des Lebens beschreiben: Für einen Augenblick bricht eine Dimension in die Alltagswirklichkeit ein, die für einen Moment die Begrenztheit der Endlichkeit durchbricht, ein Aufleuchten des Unendlichen im Endlichen. Im Augenblicksglück begegnet uns ein Überschuss an Wirklichkeit, ein Mehrwert des Lebens, fühlen wir uns geborgen in einem grösseren Ganzen.“

Übrigens hat die Rose, wie die Botanik sagt, keine Dornen, sondern Stacheln. Das weiß auch die beliebte WDR-Werbe-Maus, die die Kinder wissenschaftlich „aufklärt“.

“ … Die Maus sagt:

Rosen haben gar keine Dornen. Und ein Kaktus keine Stacheln. In der Botanik ist das nämlich so: Dornen wachsen auf dem Körper der Pflanze. Das ist so etwas wie ein Organ. Ein Dorn lässt sich schwer entfernen. Ein Kaktus hat Dornen, das ist ein umgewandeltes Blatt. Und Stacheln sind keine Organe, sondern wie Warzen. Sie lassen sich leicht entfernen. Wie bei einer Rose…“ https://www1.wdr.de/radio/wdr2/themen/frag-doch-mal-die-maus/warum-haben-rosen-dornen-102.html (Bis zum 26.8.2021 mit Film)

Nun ist das zwar naturwissenschaftlich korrekt, aber geisteswissenschaftlich beschränkt. In Sagen, Legenden, Gedichten, Geschichten und Märchen haben die Dornen der Rose eine große, auch symbolische Bedeutung. Und wer sich ein bisschen mit Rosen auskennt, weiß, dass sich ihre zarten, abstreifbaren Stacheln mit der Zeit in kräftige Dornen verwandeln, denn die Stacheln alter Äste, die keine Blätter mehr tragen, verwachsen mit der Pflanze und lassen sich nicht mehr entfernen.

Blühende Rosen sind alt und jung zugleich. Die Blüte der Rose kann nur deshalb ihre besondere Schönheit entfalten, weil die Pflanze nicht nur zarte Blätter, sondern auch kräftige alte Dornen hat. Das interessiert die WDR-Maus nicht, aber das wissen die Dichter. Sie wissen auch, wie nah Jugend und Alter, Licht und Schatten und Schönheit und Schmerz beieinander liegen. Im 35. Sonett von William Shakespeare haben wir eine flüchtige Begegnung mit der Dorne der Rose.

Roses have thorns, and silver fountains mud.“ Da ich die (zweite) Zeile aus dem Sonett herausreiße, erlaube ich mir, sie sehr frei und überdeutlich zu übersetzen: Selbst Rosen haben Dornen, und die Freudenfeuerwerksfontänen hinterlassen schnöde Schlacke. (s. Paris, Nationalfeiertag 14.Juli)

Im Märchen „Dornröschen“ muss der Prinz, um zu Dornröschen zu gelangen, eine (hundert Jahre) alte Dornenhecke überwinden. Viele Kandidaten verfangen sich in den Dornen und sterben, doch es gibt den Einen, der unverletzlich (immun!) ist. Als der Prinz kommt, der für Dornröschen bestimmt ist, öffnet sich nicht nur die Dornenhecke.

Von alten Dornen, die neues Leben hervorbringen, erzählt -naturwissenschaftlich nicht korrekt- ein deutsches Advents-Volkslied aus dem 19. Jahrhundert: Maria durch ein Dornwald ging

Ein Bild der Hoffnung: Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.

Elfchen im Siebten: Heile, Heile Welt

Heile,

heile Welt:

Ein Scherbenhaufen. Aber

das Pflaster das hält…

Sauber!

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Donnerstag, 24.6.2021,  S-Bahnhof Köln-Nippes, Ostseite. Zum Glück bin ich nicht mit dem Fahrrad, sondern zu Fuß unterwegs. Anders als mein Hund, der mich begleitet, trage ich Schuhe. Wir machen einen Bogen um den (immerhin ordentlich zusammengekehrten) Glasmüll-Haufen.                                                                 Bei den Remondis-Glascontainern, die in Köln zum Einsatz kommen, handelt sich um sogenannte „Hubbehälter“. Das weiß ich aus dem Internet.  Bei austria glasrecycling finde ich eine präzise Beschreibung: „Hubbehälter: Der Glasbehälter wird mit einem Spezialkran über den Sammel-Lkw gehoben, die Bodenklappe wird geöffnet und das Altglas in den Sammelbehälter entleert…“  https://www.agr.at/glasrecycling/glascontainer-glassammel-lkw  Achtung, Aussprache: Man sagt nicht Hubbe-Hälter, sondern Hub-Behälter. Eine gute Technik, denn auf diese Weise können auch größere Mengen an Glasmüll unter Kontrolle gebracht und zügig weitertransportiert werden.                                                                                                       Doch in der Praxis gibt es ein Restrisiko (entfernt vergleichbar mit den Nebenwirkungen einer Impfung bzw. einer Medikamenten-Einnahme). Denn manchmal löst sich die Bodenklappe zu früh. Wer hier in Nippes versagt hat, ob der Mensch oder die Technik, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Immerhin war, als ich am nächsten Tag an der Stelle vorbeiging,  der Scherbenhaufen (restlos!) entfernt.

Während die alte Welt zusammenbricht, errichtet man eine schöne neue, allgegenwärtige Werbe-Welt. Ihre Versprechen lauten: Sauberkeit, Gesundheit, Ordnung, Wohlstand, Schönheit, Wohlbefinden, Glück und Sicherheit. Unannehmbar ist, dass die Werbung zunehmend diejenigen instrumentalisiert, die sich nicht wehren können: Die Kinder.

Was uns die Plakatwerbung im Hintergrund erzählt: Ein Mädchen sitzt auf einem Go-Kart. Die Beine sind gespreizt, die Haare wild zerzaust, das Kind fährt verwegen, ist aber durch einen Sicherheitshelm vor schweren Blessuren geschützt. Kleine Verletzungen steckt es locker weg. Wie gut, dass es Hansaplast gibt.

„UNSER BESTER SCHUTZ“  (Hansaplast-Werbeslogan)

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Ein kleines Pflaster: Hansaplast-Schutzschild. Kleine Pflaster sind voll im Trend. Doch anders als die kleinen bunten symbolischen Pflaster, die derzeit auf Impf-Werbe-Plakaten heiter-lustig die Oberarme zahlreicher Medien-Promis zieren bzw. die (nicht immer vorhandene) Einstichstelle markieren, ist dieses Photoshop-Pflaster beige bzw. „hautfarben“.

Elfchen im Sechsten: „Kinderfrüherkennung“

Kennst

du das

Land, wo schon

Kleinkinder zur Musterung müssen?

Dahin!

Eine deutsche Großstadt, Frühjahr 2021: Ein acht Monate altes Mädchen bekommt hohes Fieber. Die Mutter des Kindes vermutet das Drei-Tage-Fieber, eine harmlose Kinderkrankheit, die sie schon bei ihrem älteren Kind miterlebt hat. Es ist selbst für Ärzte nicht so einfach, das Drei-Tage-Fieber zu diagnostizieren: Der für die Krankheit typische Hautausschlag stellt sich verspätet ein, in der Regel erst dann, wenn das Kind kein Fieber mehr hat. Da die junge Frau sich nicht ganz sicher ist, geht sie mit dem Kind zur Kinderärztin.

Es könne das Drei-Tage-Fieber sein, sagt die Kinderärztin, aber das hohe Fieber sei besorgniserregend und könne ein Hinweis sein auf eine Nierenbeckenentzündung. Die komme bei kleinen Mädchen gar nicht so selten vor und müsse wegen drohender Langzeitschäden sofort behandelt werden. Um sicher zu gehen, überweist sie das Kind ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus wird ein Corona-Test durchgeführt. Das Kind darf dabei auf dem Schoß der Mutter sitzen und hält still. Der Test ist negativ. Man ordnet eine Blutuntersuchung an, um weitere Krankheiten auszuschließen. Ob ihr Kind nicht am Drei-Tage-Fieber erkrankt sein könne, wendet die Mutter ein, findet aber kein Gehör. Man nimmt dem Kind Blut ab, was für das Kind furchtbar ist. Es schreit, schlägt um sich und windet sich. Eine Mitarbeiterin legt sich auf das Kind, eine andere dreht dem Mädchen den Kopf zur Seite.

Im Anschluss an die Blutabnahme lässt sich das Kind kaum noch beruhigen, es weint und schreit. Die Blut-Werte sind „unauffällig“, aber man will einen Zugang legen. Das Kind soll im Krankenhaus bleiben, da man es weiter „beobachten“ will. Die Mutter übernachtet bei dem Kind, darf es aber nicht zu sich ins Bett nehmen. Sie rückt das Kinderbett an ihres heran und öffnet das Gitter. So beruhigt sich das Kind. Die Mutter kann nicht schlafen. Sie hat Angst um ihr Kind, nicht wegen einer möglichen schweren Krankheit, an die sie nicht glaubt, sondern wegen der ärztlichen Maßnahmen.

Am nächsten Tag fühlt sich das medizinische Personal nicht für das Kind zuständig. Die Mutter wartet stundenlang auf einen Arzt, der sich angekündigt hat, aber nicht kommt. So nimmt sie ihre Tochter auf eigene Verantwortung mit nach Hause. Zwei Tage später klingt das Fieber ab, und das Kind bekommt den Hautausschlag, der für das Drei-Tage-Fieber typisch ist.

Wenige Tage später ist das Kind wieder gesund. Die junge Frau geht einkaufen, legt ihr Kind in den Kinderwagen und nimmt es in den Supermarkt mit. In dem Moment, als sie gemäß Maskenpflicht den medizinischen Mund-Nasenschutz anzieht, schreit ihr Kind wie am Spieß.

Ich habe die Geschichte mitbekommen, weil ich zufällig einer Sprachnachricht gelauscht habe. Ich saß auf einem der einzeln stehenden Stühle vor dem Nippeser Café Eichhörnchen. Auf der anderen Seite der Holzkiste, die als Tisch dient, saß eine Frau, die die Sprachnachricht abhörte. Ich wollte mich wegsetzen, aber die Frau bat mich zu bleiben und die Sprachnachricht mit anzuhören. In Absprache mit der Absenderin, die kurz informiert wurde, stellte sie ihr Smartphone laut. Was ich schreibe, entspricht in etwa dem, was ich gehört habe. Bei ein paar Einzelheiten bin ich mir nicht ganz sicher. Vor allem weiß ich nicht, wie dem Kind Blut abgenommen wurde. Aber ich will es auch nicht wissen, denn ich finde es nur furchtbar.

Geschichten wie diese häufen sich in Corona-Zeiten. Die Atmosphäre in den Krankenhäusern ist extrem angespannt. Viele Ärztinnen und Ärzte haben die Gelassenheit verloren. Wenn es nur irgend geht, sollten Menschen -insbesondere die Eltern fiebernder Kinder- einen Bogen um Krankenhäuser machen.

Später frage ich mich, ob die Blutabnahme überhaupt medizinisch notwendig war. Tatsächlich lese ich im Internet, dass ein Urintest ausreicht, um eine Nierenbeckenentzündung auszuschließen: „Bei unklarem Fieber sollte besonders bei Kindern in den ersten Lebensjahren und spätestens am 4. Fiebertag auch mit einem Urintest eine behandlungs-bedürftige Blasen- oder Nierenbeckenentzündung ausgeschlossen werden.“ https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/drei-tage-fieber/

Was mutet man Kindern und Eltern zu? Warum wird ein Baby, das Fieber hat und sich ohnehin krank fühlt, auf Corona getestet, warum stellt man schmerzhafte, unzumutbare und offenbar nicht einmal notwendige Untersuchungen an? In Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Wird hier nicht das Grundgesetz (massiv!) verletzt?

Wohlgemerkt: Kinderärztliche Versorgung ist sinnvoll und wichtig. Eine große medizinische Errungenschaft ist das Apgar- Score, eine Untersuchung, die kurz nach der Geburt auch von Hebammen durchgeführt wird und schnell Aufschluss gibt über den Gesundheitszustand des neugeborenen Kindes. Diese Untersuchung, die weltweit üblich ist, wurde übrigens von einer Frau entwickelt, und zwar von der US-amerikanischen Ärztin Virginia Apgar (1909 -1974). https://de.wikipedia.org/wiki/Apgar-Score…

Doch inwieweit darf der Staat mit medizinischen Maßnahmen in das Leben der Menschen eindringen? Fakt ist: Wir sind nicht nur private Personen, sondern Bürgerinnen und Bürger. In Artikel 6 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Demnach ist es Aufgabe der Eltern, auf die Gesundheit ihrer Kinder zu achten. Kinder müssen lernen, sich zu waschen, die Zähne zu putzen, sich durch Kleidung vor Kälte und Regen zu schützen etc. Eltern vermitteln nicht nur Nestwärme und Sicherheit, sondern begleiten ihre Kinder beim Großwerden, beim Laufen- und Sprechenlernen u.u.u.

Doch die Pflege und Erziehung der Kinder ist nicht allein (und leider immer weniger) Eltern-Recht : „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Grundgesetz Art. 6, Absatz 2). Das ist grundsätzlich vernünftig. Demokratie beruht auf dem solidarischen Miteinander. Doch wie weit darf die „staatliche Gemeinschaft“ (wer oder was auch immer sich dahinter verbirgt) mit der Überwachung gehen? Und wie können wir sicher sein, dass „die staatliche Gemeinschaft“ es gut meint mit den Kindern?

Allgemeine kinderärztliche Untersuchungen machen Sinn, auch die U-Untersuchungen – solange sie freiwillig sind. Doch die Freiwilligkeit ist immer mehr eingeschränkt worden.

Verordnungen, die die Entscheidungsfreiheit der Eltern einschränken und den Staat dazu ermächtigen, Familien ärztlich zu überwachen, wurden in Deutschland maßgeblich vorangetrieben durch die überehrgeizige und autoritäre CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, Ärztin und Mutter von sieben Kindern. Von der Leyen, spätere Bundes- Verteidigungsministerin (2013-2019), war von 2005 bis 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Aus dem Jahr 2009 stammt eine Pressemitteilung des Ministeriums mit dem holprigen Kürzel BMFSFJ, deren Kernaussage wie folgt lautet:

„Fast alle Bundesländer haben ein verbindliches Einlade- und Erinnerungswesen für Früherkennungsuntersuchungen eingeführt … Zentral sind dabei stets Einladungssysteme mit Rückmeldemechanismen. Wenn Familien nicht zu Untersuchungsterminen beim Kinderarzt erscheinen, wird systematisch nachgehakt. Notfalls schaut das Jugendamt zuhause nach dem rechten.https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/presse/pressemitteilungen/ursula-von-der-leyen-wir-haben-das-niveau-des-kinderschutzes-in-deutschland-spuerbar-erhoeht–87356

Der immer wieder offen ausgesprochene Hintergedanke ist, dass durch die U-Untersuchungen Fälle von Körperverletzung und sexuellem Missbrauch aufgedeckt werden sollen. Das heißt allerdings, dass alle Eltern hier unter einen Generalverdacht gestellt werden. Kinderärztinnen und Kinderärzte macht man zu Erfüllungsgehilfen, indem man sie dazu aufruft, den Körper der Kinder nach Spuren einer möglichen Gewalteinwirkung abzusuchen. Aber ist der aufspürende ärztliche Blick nicht selber gewaltsam? Was mutet man den Kindern (und Eltern) zu?

Auffällig ist, dass die Fälle von Kindesmisshandlung trotz (oder gerade wegen?) der Untersuchungen nicht sinken, sondern steigen. Außerdem dürfte mit der Ächtung der körperlichen Gewalt die Zahl der psychischen, subtilen Gewaltakte noch einmal deutlich zugenommen haben. Die psychische Misshandlung macht keine blauen Flecken. Seelische Verletzungen sind unsichtbar.

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Kinder-Untersuchungsheft meiner jüngeren Tochter, Jahrgang 1999. Das rechte Blatt („Kinderfrüherkennung“) bezieht sich nicht auf die U8 (linke Seite), sondern ist ein versehentlich nicht herausgetrennter Durchschlag für die KV (Kassenärztliche Vereinigung), der von der U7 stammt. Wir hatten damals das Glück, einen freundlichen Kinderarzt zu finden, der die Punkte nicht einzeln abgehakt hat, sondern den Mut hatte, seiner ärztlichen Intuition zu vertrauen. Schon aus versicherungstechnischen Gründen wird es sich heutzutage kaum ein Arzt/eine Ärztin mehr erlauben, den Bogen nicht akribisch auszufüllen.                                                                                        Unbegreiflich finde ich, dass seit Jahrzehnten niemandem auffällt, dass „Kinderfrüherkennung“ ein Unwort ist. Es gibt medizinische Methoden zur Früherkennung diverser Krankheiten, insbesondere von Krebs (Krebs-Früherkennung). Aber kann man Kinder früherkennen? Ist denn das Kind eine (lebensbedrohliche) Krankheit?

Und wenn dann die Familie endlich wieder die Koffer packt, erlaubt sich die Krankenkasse, ein Wörtchen mitzureden, denn auch und gerade auf Reisen, so redet man uns ein, drohen unseren Kindern Gefahren. Die AOK hat eine 16-teilige Checkliste für die „Kleinkinder-Reiseapotheke“ ins Netz gestellt. Da kann ich nur sagen: Nix wie weg! https://www.aok.de/pk/magazin/cms/fileadmin/gemeinschaftlich/artikel/PDF/aok_checkliste-reiseapotheke-kleinkinder.pdf

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Zäpfchen, Salben und Segen auf all deinen Wegen. Die AOK Rheinland ist immer dabei. Bahnsteig-Werbung, Hbf Bonn, Juni 2021

Elfchen im Fünften: Der Öko-Hund

Auf der Siedlungs-Wiese an der S-Bahn-Trasse wurden vor einigen Jahren neue Bäume gepflanzt. Die Park-Bäumchen stehen isoliert und sind weder durch Unterholz noch durch schattenspendende Nachbarbäume geschützt.

Einzelne Bäume sind eingegangen, wieder andere (die Mehrzahl) hätten die ungewöhnlich trockenen Sommer wohl kaum überlebt, wenn nicht einige Bewohner der autofreien und der benachbarten Wohnsiedlung regelmäßig für Wasser gesorgt hätten. Ein aufwendiges Unternehmen.

Mein Nachbar, der hier Pudel Moritz ausführt, hatte, wenn es heiß war, schon im Jahr 2019 mehrmals täglich bei sich zu Hause zwei große Gießkannen mit Wasser gefüllt. Er hatte sich die schweren Kannen an den Fahrradlenker gehängt und war damit zur ca. 200 m entfernten Wiese gefahren. Das sah bekloppt aus, war aber dringend notwendig.

Im letzten Jahr hat dann der Siedlungs-Verein Nachbarn60 die Initiative ergriffen: „Mitte Juni 2020 hat der Verein Nachbarn60 gegenüber der Stadt Köln eine Patenschaft für die Bäume auf den großen Grünflächen unserer Siedlung übernommen. Die Stadt bzw. die Rheinenergie hat uns für den Sommer 2020 ein Hydranten-Standrohr zur Verfügung gestellt und die Wasserkosten übernommen….“ Weiterlesen und Fotos angucken auf: https://www.nachbarn60.de/baeume-giessen.html

In diesem Jahr wird das sinnvolle und für die Bäume überlebensnotwendige Projekt weiter geführt. Hässliche grüne Kunststoffsäcke, die regelmäßig mit Wasser gefüllt werden und das Wasser über mehrere Tage hinweg gleichmäßig abgeben, zeugen von einer fortschreitenden Katastrophe, die man beschönigend „Klimawandel“ nennt. Hier, wo man anders als im dichten Wald die Bäume zählen kann, geht es um jeden einzelnen Baum. Da helfen keine Klagelieder („Mein Freund der Baum, ist tot“… Alexandra). Da hilft nur Wasser.

Doch das Befüllen macht viel Arbeit. Um auf das Projekt hinzuweisen und Helfer zu finden, hat der Nachbarschaftsverein Schilder an die Bäume gehängt.

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Ich glaub, ich steh im Schilderwald. Dieses ist nur eines von dreißig oder mehr. Hätte es nicht gereicht, nicht an alle betroffenen Bäume, sondern nur an einzelne ein Schild zu hängen? Und warum sagt der Baum „Ich“, warum nicht „Wir“ ? Aber ich meckere jetzt nicht mehr, denn das Projekt ist großartig und ich… drücke mich mal wieder vor der Mitarbeit. 

Ein weiterer Vorteil der Kunststoffsäcke besteht darin, dass die Hunde nicht mehr direkt an den Baumstamm pinkeln können, was den Bäumen ebenfalls schaden kann. https://www.tagesspiegel.de/berlin/hunde-urin-hoelzer-helfen-nicht/202754.html

Ich bat Hund Freki, vierbeiniger Bewohner der autofreien Siedlung Stellwerk 60, uns zu demonstrieren, wie sich der moderne Rüde klima-korrekt verhält, was er auch gleich umgesetzt hat.

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Sophisticated…

Mich hat Frekis vorbildliches Verhalten zum Elfchen des Monats inspiriert:

Wie

raffiniert er

den Sack umdefiniert

und sein Revier markiert!

Wau!!!

***

Elfchen im Vierten: Dicke Hunde

Der immer resoluter werdende bürokratische Zugriff macht auch vor den Haustieren nicht halt. Kürzlich ist dem Ordnungsamt aufgefallen, dass unser Hund Freki (11) zwar ordnungsgemäß beim Kassen- und Steueramt der Stadt Köln gemeldet ist, wo wir seit elf Jahren Hundesteuer bezahlen, nicht aber beim Amt für öffentliche Ordnung.

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Blechschaden: Als Freki Mitarbeitern des Ordnungsamts auffiel, trug er dummerweise keine Hundemarke, denn die alte war nach jahrelangem Dauergebrauch unbrauchbar geworden und vom Halsband gefallen. Eine neue hatte ich zwar ordnungsgemäß unmittelbar beantragt, aber coronabedingt dauerte es ganze fünf Wochen, bis sie im Briefkasten war. Die Stadt Köln spart seit ein paar Jahren an den Hundemarken und gibt neue nur noch auf Nachfrage aus. Übrigens heißt die Erkennungsmarke der Soldaten, durch die „Gefallene“ identifiziert werden können, in der Soldatensprache „Hundemarke“ (s. wikipedia).

Wir dachten immer, man müsse nur sogenannte „Kampfhunde“ beim Ordnungsamt anmelden. Aber laut Gesetz, so wurde ich belehrt, gelten seit 2002 in NRW nicht nur einzelne „gefährliche Hunde“ und „Hunde bestimmter Rassen“ als Sicherheitsrisiko, sondern auch alle großen Hunde über 20 kg und ab 40 cm Widerristhöhe. Obwohl gerade große Hunde in der Regel freundlich und gelassen sind, wird unterstellt, dass von ihnen eine „Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgeht“. (LHundG NRW)

Die Verordnungen zur Hundehaltung werden von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Für große Kölner Hunde gilt das Landeshundegesetz – LHundG NRW, § 11 (Fn 3): „Große Hunde dürfen nur gehalten werden, wenn die Halterin oder der Halter die erforderliche Sachkunde und Zuverlässigkeit besitzt, den Hund fälschungssicher mit einem Mikrochip gekennzeichnet und für den Hund eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat und dies gegenüber der zuständigen Behörde nachweist.“

Da ich von der „zuständigen Behörde“ wissen wollte, warum ein großer Hund per se sicherheitsgefährdend sein soll, gab ich auf einer Internet-Seite der Stadt Köln am 30.3. spätabends folgende Warum-Frage ein:

„… Guten Tag, ich würde gerne wissen, WARUM schwere (meistens sehr sanfte) Hunde beim Ordnungsamt gemeldet werden müssen. Ein Berner Sennenhund tut doch keinem was zuleide. Herzliche Grüße, Lisa Wilczok…“

Bereits am nächsten Morgen bekam ich per Mail folgende Antwort:

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Leider ist diese Antwort keine Antwort auf mein WARUM. Und ich erfahre: Das eigentliche Sicherheitsrisiko sind gar nicht die großen Hunde, sondern deren Besitzer. Doch warum soll ich als Halterin eines ungewöhnlich groß und schwer geratenen Australian Shepherd weniger zuverlässig sein als das Frauchen des Wadenbeißers?

Im Wikipedia-Beitrag zum Hundegesetz für das Land Nordrhein-Westfalen fand ich dann einen Hinweis, und zwar auf einen Tatbestand mit der Bezeichnung „Umrennen von Passanten“. Vermutlich wird dieses „Umrennen von Passanten“ großen Hunden zur Last gelegt. Und entsprechend wird uns Haltern großer Hunde unterstellt, dass wir uns mit großen Hunden bewaffnen, um Mitmenschen zu Fall zu bringen.

Ich wäre schon einmal auf der Neusser Straße fast über einen kleinen Kläffer gestolpert, aber dass mich ein großer Hund umgerannt hat, ist mir noch nicht passiert. Und könnte es nicht sein, dass in den meisten Fällen gar nicht die Hunde die Passanten, sondern die Passanten die Hunde umrennen?

Das Hundegesetz, so lese ich, habe von Beginn an Wirkung gezeigt: „Als Erfolg des Gesetzes wird gewertet, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle gegenüber 2003 um ein Viertel, des von Umweltminister Eckhard Uhlenberg vorgestellten Berichts des Umweltministeriums zufolge, auf 2.210 Beißvorfälle und 1.627 sonstige Vorfälle (wie das Umrennen von Passanten) im Jahre 2007 gesunken sei.“ (wikipedia)

Ein fragwürdiger Bericht. Dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle (inklusive „Umrennen von Passanten“) zwischen 2003 und 2007 zurückgegangen ist, heißt noch lange nicht, dass es weniger Vorfälle gab. Vermutlich wurden und werden Beißereien und andere Zusammenstöße nur seltener gemeldet, da immer höher werdende Ordnungs-Strafen drohen (Geldstrafen, Entzug der Hundehalte-Erlaubnis etc.).

…. Nebenbei gesagt: Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Eckhard Uhlenberg (CDU) im Jahr 2008 den „Erfolg des Gesetzes“ vermeldet hat, eines Gesetzes, das mehr Sicherheit verspricht. Dabei stellte Eckhard Uhlenberg in seiner Amtszeit als NRW-Umweltminister (2005-2010) ein großes Sicherheitsrisiko für Mensch und Tier dar. (Stichwort: Trinkwasserkontamination an der Ruhr, u.a. durch PFT, siehe wikipedia, aber auch: https://web.archive.org/web/20161024170535/http://www.derwesten.de/politik/eine-teure-justizposse-im-hause-uhlenberg-id9027.html)

Große Hunde sind oft selbstbewusst, weil Artgenossen und Menschen Respekt vor ihnen haben. Unser großer Hund verschafft sich gerne bellend Gehör, aber er beißt nicht. Freki rennt keine Passanten um, sondern macht einen Bogen um Menschen, die er nicht kennt.

Freki, geboren am 3.3.2010 in Vettweiß, Hundesteuer-Identifikationsnummer 17924, Heimtierausweis-Nr. DE 05 1121584, Alphanumerischer Transponder-Code (Chip) Nr. 276 097202029575, ist ein fälschungssicherer Hund und …

Sanftmütig

wie Båtsman

Doch dicke Hunde

schupsen kleine Kinder um

Bum

Kleine Hunde müssen nicht beim Ordnungsamt angemeldet werden. Dabei richten gerade die kurz geratenen, mit spitzen Zähnen ausgestatteten, respektlosen Kläffer oftmals erheblichen Sachschaden an.

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Diesen Sitzplatz für Menschen hat der Kölner Boston-Terrier Henri (Name geändert) auf dem Gewissen (wenn er eines hat). 

Hunde unterstützen uns Menschen als Hüte-, Blinden- und Therapiehunde. Hunde mögen uns, Hunde muntern uns auf. Hunde lassen uns im Lockdown Luft schnappen, sie machen die Maßnahmen erträglicher, denn sie versüßen uns die offiziell erlaubte Wanderung. Hunde setzen, weil sie ausgeführt werden müssen, die nächtliche Ausgangssperre außer Kraft.

Überhaupt sind Hunde wunderbare Lockdown-Begleiter. Dass der überhand nehmende Versandhandel Papiermüll-Probleme erzeugt, hat auch Freki erkannt. Es hat ihn auf eine gute Idee gebracht: Pappkartons zerlegt er neuerdings so, dass sie in der Blauen Tonne deutlich weniger Platz einnehmen.

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Mit elf Jahren hat Freki schon ein paar Zähne verloren, aber das stört ihn kaum. 

Ernst Jandl-Gedächtnis-Elfchen: Die Politik verliert den ÜberLick

11.3.21: 10. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 11.3.11

11h: Sirenenalarm. Ich gucke ins Internet, was man ja tun soll, wenn die Sirenen heulen, und erfahre etwas, das mich überrascht: Im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind heute, am 11.3.2021, überall die Sirenen zu hören, denn heute ist „Warntag 2021“. Hatten wir einen solchen „Warntag“ nicht schon einmal?

In die „Suchen“-Funktion meines Blogs gebe ich „Warn-Apps“ ein und komme auf einen Beitrag vom 15. September 2020 ( https://stellwerk60.com/2020/09/15/veedel-for-future-bei-der-wahl-des-stadtrates-erreichen-die-grunen-in-nippes-3887/ ), wo ich folgendes schrieb: „Nicht nur die Sirenen werden getestet, sondern auch die Warn-Apps. Unter dem seltsam drohenden, völlig verunglückten Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA („Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes“) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. ‚Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.‘ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss…“

Zurück zum „Warntag 2021“ in Nordrhein-Westfalen. Haben die Verantwortlichen vergessen, dass sich heute vor zehn Jahren die Reaktorkatastrophe von Fukushima ereignet hat? Warum gibt es keine bundesweite Schweigeminute, sondern einen landesweiten Probealarm?

11h30: Der Himmel reißt auf. Ich gehe zum Nippeser Markt und begegne dort einem alten Mann, der eine FFP2- Maske trägt, Fratzen schneidet und wild gestikuliert. Man könnte ihn für verrückt halten. Die Leute sind froh, dass er Abstand halten muss. Sie halten hilfesuchend nach dem Ordnungsamt Ausschau. Durch die Maske hindurch kann der Mann immer noch singen: „Fleißig, fleißig, die DDR, die ist nicht mehr. Oder, oder? Fleißig, fleißig, drei mal elf ist dreiunddreißig. Oder, oder?“

Ich weiß nicht, ob der Mann verrückt ist. Aber die Politik? Spielt die nicht verrückt?

Im Jahr 2015 hat der Ullstein-Verlag Astrid Lindgrens Tagebücher 1939-1945 herausgegeben.(Original: Krigsdagböcker 1939 – 1945) Angelika Kutsch und Gabriele Haefs haben das Buch aus dem Schwedischen sorgsam ins Deutsche übersetzt. Der deutsche Titel des Buchs lautet: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Mit diesem Titel könnten auch Tagebücher aus der Jetztzeit überschrieben sein.

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Vielleicht waren es die beiden Übersetzerinnen, die die schöne Idee hatten, im Vorsatz des Buchs das Faksimile eines von Astrid Lindgren mit der Hand geschriebenen Satzes abzudrucken, der dem Buchtitel als Vorlage diente. Zu deutsch: „Aber die Menschheit hat nun einmal komplett den Verstand verloren.“ (Astrid Lindgren, 12.Mai 1942)

Die Politik verliert den ÜberLick

Die

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Popopo die Polili

die Politiktiktik verliertelierteliert den

ÜberLick

Samstag 24.10.2020, spiegel.de. Während die Grafik der Seiten während des Vormittags immer wieder verändert wurde, blieb die Schlagzeile gleich: Polens Präsident Duda positiv getestet. Auch der Text unter der Schlagzeile blieb der gleiche – sowie der Rechtschreibfehler im letzten Wort: „Der Überlick“. Offenbar kam niemand auf die Idee, einmal „konservativ“ den Text zu prüfen. Erst nach Stunden (!) wurde der „Flüchtigkeits“-Fehler korrigiert… Mit Corona häufen sich nicht nur die Rechtschreibfehler.

Schauen wir uns unten stehendes Bild einmal genauer an: Ich bin keine Befürworterin der Politik von Andrzej Duda, im Gegenteil. Doch diese Schlagzeile (unter dem „News-update“!) ist nicht informativ, sondern reißerisch. Meines Erachtens wird Andrzej Duda hier zur Zielscheibe einer untergründig aggressiven „Berichterstattung“. Denn oben auf der Seite (oberhalb der Schlagzeile) wird für ein Computer-Kriegsspiel geworben, das vermutlich nicht einmal als jugendgefährdend und kriegsverherrlichend eingestuft wird, es aber ist. https://worldofwarships.eu/de/

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Im Zusammenhang mit der Werbung für „World of Warships“ dürfte die Schlagzeile Polens Präsident Duda positiv getestet, so ist zu befürchten, bei vielen „Usern“ Kriegs-Gelüste hervorrufen, triumphale, gefährlich diffuse NEUE MÄNNERPHANTASIEN. Das Virus wird zum Angreifer erklärt, der es auf alle Menschen abgesehen hat, aber aktuell auf Andrzej Duda. Mögliche Assoziationen: Duda vom Virus getroffen, ey, du da… Duda von Corona angeschossen, ey, du da… Corona hat Polen erwischt, ey, du da… Jetzt bist du dran, Duda, ey du da…

Zugleich wird ein Superlativ präsentiert, der Leserinnen und Leser in Angst und Schrecken versetzt und das Virus dämonisiert: „In Deutschland wurden so viele neue Fälle an einem Tag registriert wie noch nie seit Beginn der Pandemie.“ Corona, so wird suggeriert, ist längst außer Kontrolle. Corona läuft Amok.

Doch das eigentliche Opfer heißt Duda. Andrzej Duda ist Präsident der Republik Polen. Wie wir alle wissen, begann am 1. September 1939 mit dem hinterhältigen Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Dass DER SPIEGEL (spiegel.de) eine zentrale Werbefläche an die Macher des Computer-Kriegsspiels „World of Warships“ („KOSTENLOS SPIELEN“!) verkauft hat (ausgerechnet auf der Wissenschafts-Seite, die für Objektivität steht!), ist meines Erachtens unannehmbar. Dass es passieren konnte, dass und wie diese Werbung mit der Meldung „Polens Präsident Duda positiv getestet“ zusammengebracht wurde, macht mich fassungslos!

Ach, mein lieber Herr Jandl, wir erleben zurzeit ein politisches Dulcheinandel, und die Medien dulcheinandelen mit. Lieber Herr Jandl, die klaren, klugen, präzisen und wunderschönen Gedichte, die Sie damals geschrieben haben, sind hochaktuell.

Ihr Gedicht „Schtzngrmm“ aus dem Jahr 1957, das ich zur Zeit ständig im Kopf habe, tröstet mich, denn es ist so wahrhaftig. Es ist nicht nur ein Zeugnis für den Irrsinn des Krieges, sondern eine Kritik an der verblödenden medialen Beballerung mit sogenannten „Informationen“ und dem verrückten und verrückt machenden Werbe-Trommelfeuer, dem wir nicht erst seit Corona -aber seit Corona mehr denn je- permanent ausgesetzt sind .

Für dieses Video, das „Peteratanas“ ins Netz gestellt hat, bin ich dankbar:

Karnevals-Elfchen im Zweiten: Köln feiert nicht, aber dafür ordentlich

In diesem Jahr fällt in Köln der Karneval aus. Nicht einmal private Feiern sind erlaubt. Mittlerweile kann sich die Kölner Stadtspitze sicher sein: Angesichts drohender Bußgeld-Strafen und drohendem Eintrag in eine Art „Corona-Vorstrafen-Register“ wird sich das Närrische Volk selbst am Rosenmontag an die Vorgaben halten.

Zu Beginn des Karnevals-Session sah das noch anders aus. Da musste die Stadt Köln sich noch was einfallen lassen, um den Leuten den Verzicht schmackhaft zu machen. Man startete eine große Werbeaktion und brachte ein neues kölnisches „Wir“ ins Spiel. Zur Erinnerung: Der Kölner Karneval steht seit jeher für ein kölnisches „Wir“. So singen wir mir den „Bläck Fööss“ seit fast 50 Jahren: „Mer Losse D’r Dom En Kölle.“ (Wir lassen den Dom in Köln.)

Da das „Wir“ zur Pflicht erklärt wurde und wird, ist das neue kölnische „Wir“ eine Attacke auf unser freiheitlich-kölnisches Wir-Gefühl. „Wir alle müssen auf das Feiern am 11.11. verzichten“, sagte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker damals mit erhobenem Zeigefinger, was mich an Angela Merkel erinnerte: „Es gilt das Motto: ‚#diesmalnicht‘. Wir wollen weiter als Hochburg der Jecken gelten – und nicht als Hochburg der Infektionen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Weil „wir alle“ nicht feiern durften, war die Stimmung am 11.11. entsprechend öde. Als ich an jenem Mittwoch spätnachmittags hier in Nippes über die fast menschenleere Neusser Straße ging, entdeckte ich eine Karnevalsmülltonne. Offenbar hatten AWB-Mitarbeiter zum Karnevals-Auftakt wie jedes Jahr zusätzliche Mülltonnen aufgestellt. War es der AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH entgangen, dass am 11.11.2020 alle Karnevalsfeiern und auch der Kauf und Verkauf von Alkohol verboten waren? Ich fragte nach und bekam folgende Antwort:

Die Mülltonnen sind aufgestellt worden…

Nur

für den

Fall, dass trotz

ausfallender Karnevalsfeste Festabfälle anfallen

Alaaf!

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Dezember 2020: Diese vergessene Karnevals-Müll-Tonne (Nippes, Neusser Straße, stadtauswärts auf der rechten Straßenseite, Höhe Tchibo) stand kurz vor Weihnachten immer noch dort und ist irgendwann weggeräumt worden, um den Restmülltonnen der privaten Haushalte Platz zu machen. ———–    Februar 2021: Da in diesem Jahr der Karneval ausfällt, sind die Karnevals-Mülltonnen im Februar nicht mehr aufgestellt worden. Diese Tonne stand übrigens genau da, wo am Karnevalsdienstag „immer“ der Nippeser Karnevalsumzug vorbei läuft. Schön für die Stadt Köln: Da mit dem Karneval auch die Karnevalszüge ausfallen, fällt in diesem Jahr auch kein Zugabfall an. ———– Doch wenn er  öffentlich ausfällt, fällt der Abfall zu Hause an. Insbesondere die Gelben Tonnen quellen im Lockdown über.  Nicht nur in Herne und Mönchengladbach warnen sogenannte „Mülldetektive“: „Mehr Müll durch Corona“ https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/die-muelldetektive-mehr-muell-durch-corona-100.html Nach Weihnachten registrierten private Mülldetektive bzw. Abfallspitzel, dass die Deckel der Papier-Mülltonnen durch die Bestückung mit Versand-Kartons  vielerorts hochstanden und sich nicht mehr schließen ließen, was bei stürmischem Wetter zu einer Vermüllung der Umgebung beitragen kann und auch tatsächlich beitrug. Da die Menschen auf den Versandhandel angewiesen sind, droht in England mittlerweile sogar ein Pappwerden der Knappe (pardon: Knappwerden der Pappe). Kein Scherz: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lieferprobleme-im-vereinigten-koenigreich-wird-die-pappe-knapp-a-186fa640-8f64-427b-ba0f-db73fbff26ac

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Elfchen im Ersten: „Wir geben euch Staatssicherheit“ (Ein Gedicht von Angela Merkel, das sie mir vortrug, als ich von ihr träumte)

*27. Januar 1756, Wolfgang Amadeus Mozart

We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep. (William Shakespeare: The Tempest ( Der Sturm), 4. Akt, 1. Szene, Prospero)

Wir sind so wirklich wie die Träume wirklich sind, und unser kleines Leben ist gebettet in den Großen Schlaf. (LiWi, 2021)

***

Vor ein paar Tagen träumte ich in einer sternenklaren Nacht von Angela Merkel. Ich wollte nie von ihr träumen, aber dann war sie da: „Hallihallo!“ …

… Es ist Nacht, ich sitze auf dem Sofa. Plötzlich höre ich eine seltsam heitere Stimme, Kichern, Glucksen. Die Stimme kommt aus dem Fernseher, den wir uns zur Fußball-WM 2006 gekauft haben. Das Gerät ist ziemlich kaputt und geht nur noch an, wenn man draufhaut. Der Ton funktioniert nur manchmal.

Aber jetzt funktioniert der Ton so gut wie damals im Jahr 2006. Die Stimme, die erklingt, kenne ich. Es ist eine mädchenhafte Stimme. Unverwechselbar: Es ist die berühmteste weibliche Stimme der Bundesrepublik Deutschland: „Hallöchen. Seid ihr alle da? Priwétik!“

Ja!“, rufe ich. „Wie toll! Der Fernseher tut es ja noch, und ich dachte schon, ich müsste mir nach fast 15 Jahren einen neuen kaufen. Und dabei sind schon Spülmaschine und Drucker kaputt. Und das im Lockdown. Ich muss für jede Kopie in die Post, weil der Copy-Shop coronabedingt dicht ist. 39 Cent das Stück und eine Scheiß-Qualität. Wenn jetzt der Fernseher wieder funktioniert, wenn noch das Bild kommt, bin ich happy.“

Tatsächlich belebt sich der Bildschirm: Angela Merkel erscheint. Ich hätte zwar gerne gewusst, welche Nachtwäsche Angela Merkel trägt, Nachthemd oder Schlafanzug, aber zu meiner Erleichterung trägt Angela Merkel auch mitten in der Nacht bildschirmgerecht eine dieser Designer-Jacken, die nicht so aussehen als ob, diesmal in blau. Doch etwas irritiert mich: Angela Merkel, die immer eine waschbare EU-Werbe-Stoffmaske getragen hatte und zuletzt demonstrativ FFP2 trug, ist maskenlos erschienen.

„Frau Merkel, Sie kommen mir so nackt vor. Warum haben Sie keine Maske an? Weil das alles nur ein Traum ist?“

Ich hab keine Maske an, damit ich Sie besser anstecken kann“, sagt Angela Merkel und kichert: „Trara, trara, Weg mit AHA! Zurück zum Gesichts-FKK! Aber Spaß beiseite. OHNE ist das neue MIT, mit Lippenstift. Na, steht er mir?“ Angela Merkel will die Lippen spitzen, muss aber niesen: „Entschuldigung. Der Jens, der hatte übrigens auch einen Schnupfen, nur einen Schnupfen. Und auch sein Lebensgefährte hatte, wenn der Daniel überhaupt welche hatte, nur leichte Symptome.“

Frau Merkel, das weiß ich doch“, sage ich. „Aber ich mag den Promi-Klatsch nicht hören. Mir ist schon klar, dass der Jens Spahn nur einen kleinen grippalen Infekt hatte. Ich weiß auch, dass Sie wissen, dass das Virus nicht so gefährlich ist, wie Sie uns vormachen. Aber wenn Sie erlauben, mache ich jetzt den Fernseher aus, ja? Ihr Politiker sucht ja neuerdings die Bürgernähe, aber ich will nicht, dass Sie zu mir ins Wohnzimmer kommen, denn ich möchte jetzt ein bisschen alleine sein.“

Das heißt nicht ‚Politiker'“, korrigiert mich Frau Merkel. „Das heißt ‚Politikerinnen‘ und ‚Politiker‘. Und es heißt auch nicht ‚Bürger‘, sondern ‚Bürgerinnen und Bürger‘. Außerdem komme ich nicht zu Ihnen ins Wohnzimmer, sondern bleibe ganz brav hier im Fernsehgerät. Prost!“ Angela Merkel nippt an einem winzigen Glas Weißwein, das sie mit einem Mal in der Hand hat.

„Auf Wiedersehen, Frau Merkel!“

„Ich bleibe“, sagt Angela Merkel. „Sie können mich nicht ausschalten, denn Sie müssen ja wissen, was die aktuellen Maßnahmen sind. Sie sind dazu aufgerufen, sich informieren zu lassen. Die Solidargemeinschaft kann von Ihnen verlangen, dass Sie Nachrichten empfangen, um zu erfahren, welche neuen Verhaltensregeln es gibt, die zu befolgen Sie verpflichtet sind, damit sie sich und die Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht in Gefahr bringen. Wir erleben eine Pandemie. Die Corona-Pandemie. Wir erleben eine Jahrhundert-Katastrophe. Wissen Sie das denn nicht?“

„Ich bevorzuge das Internet.“

„Aber das Internet ist unseriös. Nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk schützt die Bürgerinnen und Bürger. Die Rundfunkgebühren sind keine Zwangszahlung, sondern eine Schutzgebühr, die sie zahlen, damit Sie sicher sein können, keine ungeprüften Nachrichten zu empfangen. Nur so können Sie sichergehen, Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger und sich selber nicht zu gefährden. Gucken Sie wirklich nicht fern? Fernsehen ist doch die schönste Entspannung. Sie werden doch nicht so dumm sein, €17.50 im Monat zu bezahlen und nicht einmal den ‚Tatort‘ zu gucken.“

„Fernsehen ist nicht entspannend“, sage ich leise. „Und der ‚Tatort‘ ist mir zu brutal geworden. Außerdem tut es mein Fernseher nicht mehr richtig.“

„Der ‚Tatort‘ ist nur ein Fernsehspiel“, sagt Angela Merkel. „Außerdem haben wir, um die Kinder zu schützen, die ja mit vor dem Fernseher sitzen, die Sexszenen reduziert.“

„Frau Merkel, ich denke nicht an die Sexszenen. Die finde ich tatsächlich fürchterlich. Aber wenn wir Fernsehzuschauer….“

„Stop!“, unterbricht mich Angela Merkel, hebt den Zeigefinger, schaut sich selber auf die Fingerspitze und kichert: „Hallo, kleiner Genderfinger.“ Jetzt guckt sie mich an und zwinkert mit dem Auge: „Es heißt, wie mir mein kleiner Genderfinger gerade gesagt hat, ‚Fernsehzuschauerinnen‘ und ‚Fernsehzuschauer.'“

„Gut, ich korrigiere mich“, sage ich. „Also, wenn wir Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer den im Fernsehen Agierenden dabei zugucken, wie sie vor der Kamera und vor unser aller Augen Sex haben, fremdschämen wir uns. Überhaupt wollen wir ja den Menschen auch im realen Leben nicht dabei zugucken. Und wir wollen nicht, dass man uns zuguckt. Das wollen Sie doch auch nicht, Sie und Sauer. Aber wenn ich mich auch noch so sehr fremdschäme, bin ich trotzdem immer ein bisschen neidisch. Auf die Leichen in der Gerichtsmedizin, die jetzt in allen Krimiserien vorkommen und für hohe Einschaltquoten sorgen, bin ich nicht neidisch.“

„Sie nehmen das zu ernst“, kichert Angela Merkel. „Der Münsteraner Tatort ist doch so lustig.“

„Das ist überhaupt nicht lustig“, sage ich. „Wir sollen abgestumpft werden, gleichgültig werden gegenüber der Leichenschau und gleichgültig gegenüber den Toten. Die Familie sitzt vor dem Fernseher und guckt zu, wie der Pathologe das Messer ansetzt.“

„Schätzchen, wo leben wir.“ Angela Merkel lächelt. „Außerdem mag ich den Professor Börne.“ Sie summt, sie pfeift… Ich erkenne nicht Gutes ahnend die Melodie von „In der Weihnachtsbäckerei“, und jetzt singt Angela Merkel auch noch: „Wenn ich eine Leiche wäre und Professor Börne käme, wär ich gleich in ihn….“ Klatscht zweimal in die Hände: „Verknallt.“

Ich bin mit einem Mal, obwohl ich nur träume und im Traum weiß, dass ich nur träume, vollkommen ernüchtert. Ich weiß, dass Angela Merkel solche gestörten Phantasien nicht hat. Und doch spüre ich, dass ich ihre kalte Politik nicht mehr ertragen kann. Ich sehne mich nach Bundeskanzler Willi Brandt, und ich weiß, dass diese Bundeskanzlerin niemals etwas tun würde, das der großen, spontanen, solidarischen Geste, Willi Brandts Kniefall in Warschau vor fünfzig Jahren, auch nur entfernt ähnlich wäre. Ich halte diese Frau für leidenschaftslos, und meine Hoffnung, dass sie sich irgendwann einmal für die in meinen Augen gnadenlose Corona-Politik entschuldigen wird, insbesondere bei den alten Menschen und bei den Kindern, schwindet.

Dann sage ich etwas, das mich selber verwundert: „Hatten Sie jemals eine außerkörperliche Erfahrung, Frau Merkel? Nein? Stellen Sie sich bitte vor, der Leichnam in der Gerichtsmedizin wäre Ihrer: Die Seele hat den Körper verlassen und nimmt von außen wahr, wie die Überlebenden sich über den toten Körper beugen, der von der Seele verlassen daliegt und sich nicht mehr zur Wehr setzen kann. Wenn ein Obduktionssaal Schauplatz einer Szene im ‚Tatort‘ ist, ist das meines Erachtens die Störung der Totenruhe im Namen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“

„Sie sind ja nur neidisch“, sagt Angela Merkel und trinkt noch ein winziges Schlückchen. „Außerdem ist das, was Sie sagen, juristisch irrelevant, denn es handelt sich nicht um eine Störung der Totenruhe, weil ja die Leichen nur gespielt sind. Man tut nur so, als ob da einer tot wäre.“ Jetzt lächelt Angela Merkel: „Ich weiß jetzt, warum Sie etwas gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben. Ich habe gerade per App erfahren, dass Ihre jüngere Tochter von Juli bis November keine Rundfunkgebühren gezahlt hat. Ich gehe nicht, ich bleibe so lange, bis Ihre Tochter per SMS, Mail oder Telefonanruf ihre Bereitschaft erklärt hat, bis einschließlich November ihre Schulden zu bezahlen.“

„Aber, aber…“, stammele ich. „Meine Tochter verbringt zur Zeit ein Erasmus-Jahr in England. Sie lebt in einer studentischen Wohngemeinschaft. In der Miete, die sie für ihr Zimmer dort zahlt, ist ein Beitrag zum Beitrag ihres Haushalts für die ‚British Broadcasting Corporation‘ (BBC) enthalten. Außerdem ist sie in meinem Haushalt gemeldet, und für diesen Haushalt bezahle ich Rundfunkgebühren. Da muss sie das nicht auch noch.“

„Aber das muss sie belegen“, sagt Angela Merkel. „Weinen Sie etwa? Aber Schätzchen, das wollte ich nicht.“

Ich schlucke. „Sie konnte sich erst Mitte September bei mir anmelden, weil wegen Corona kein Termin im Bürgeramt frei war. Offiziell war sie noch in Heidelberg gemeldet, wo sie stellvertretend für ihre Studenten-Wohnheim-WG die Rundfunkgebühren bezahlt hat, die dann untereinander aufgeteilt wurden. Sie wollte sich noch im August bei mir anmelden, um am 27. September an den Kölner Kommunalwahlen teilnehmen zu können, weil man ja, um wählen zu können, seit mehr als zwei Wochen angemeldet sein muss. Da wird selbst bei Menschen, die fast immer in der Stadt gelebt haben, keine Ausnahme gemacht. Dann war Anfang September ein einziger Termin im Köln-Kalker Bürgeramt frei, der ihr auch angeboten wurde, aber an dem Tag konnte sie nicht. Wählen konnte sie übrigens auch nicht. Und jetzt will die GEZ…“

„Stop!“ Angela Merkel hebt den Genderfinger. „Die GEZ gibt es nicht mehr, wir reden von einer öffentlich-rechtlichen, nicht rechtsfähigen Gemeinschaftseinrichtung namens ‚ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice‘.“

„Frau Merkel, ich kann nicht mehr.“

„Sie können schon noch. Außerdem schlafen Sie doch.“

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Die GEZ (die ich bewusst so noch nenne) hat Zugriff auf alle unsere Meldedaten, in meinen Augen ein Skandal : „Die Einwohner­melde­ämter über­mitteln Melde­daten an den Beitrags­service, wenn sich bei voll­jährigen Ein­wohnern Daten geändert haben. Anders als bei der anlass­bezogenen Melde­daten­über­mittlung werden beim bundes­weiten Melde­daten­abgleich die Daten sämt­licher voll­jährigen, in Deutsch­land gemeldeten Personen über­mittelt, um deren Beitrags­pflicht zu klären.“ (www.rundfunkbeitrag.de) Man kann das auch positiv betrachten: In vielen Fällen („Verifizierung“ des Wohnorts) würde ein kurzer Anruf beim Einwohnermeldeamt genügen, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Meine Tochter z.B. müsste nicht mehr krampfhaft belegen, dass sie bei mir gemeldet ist. Kleiner Tip: Der Beitragsservice ist auch per Mail zu erreichen, aber nicht unter der Schein-Adresse info@, sondern unter datenschutz@beitragsservice.de. Meine nebenstehende Mail wurde tatsächlich (freundlich) bearbeitet, aber meine „Belege“ wurden nicht akzeptiert. „Schuld“ an dem Schlamassel haben aber nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörde, die ja auch nur ihren Job tun. Das Problem ist eine neue gesetzliche Grundlage von 2013.  Ein typisch deutsches, aus mindestens fünf einzelnen Wörtern zusammengesetztes Wortungetüm mit 29 Buchstaben bezeichnet die neue gesetzliche Grundlage- und ist bezeichnend für die Sache: Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag.

„Es ist folgendermaßen“, sage ich. „Meine Tochter hat Mitte September völlig überraschend einen Termin für die Anmeldung im Bürgeramt Köln-Nippes gekriegt. Nachdem sie angemeldet war, hat sie die Anmeldebestätigung weggeworfen, weil sie froh war, endlich angemeldet zu sein, und weil sie dachte, dass es reicht, den Ausweis vorzulegen, der ja belegt, dass sie gemeldet ist.“

„Aber auf dem Ausweis fehlt das Anmelde-Datum“, sagt Angela Merkel. „Ätschi bätschi.Sie reibt mit dem Genderfinger der rechten Hand über den Zeigefinger der linken. „Aber lassen Sie nicht den Kopf hängen, das lässt sich bestimmt klären.“

„Ich weiß nicht, warum der Beitragsservice sich nicht direkt beim Bürgeramt erkundigt, seit wann meine Tochter gemeldet ist. Stattdessen soll sich meine Tochter im Bürgeramt eine neue Meldebescheinigung abholen, die wieder 9 Euro kostet, aber die haben da nur einen Termin in sechs Wochen frei. Aber da meine Tochter ja in England weilt, kann sie die Meldebescheinigung nicht persönlich abholen. Sie kann mich beauftragen, doch um die Bescheinigung abholen zu können, brauche ich eine Vollmacht von meiner Tochter, die meine Tochter aber nicht ausstellen kann, weil sie in England ist. Und dass der Postweg noch weniger sicher ist als vor Corona, das wissen Sie. Ich habe ein Päckchen nach England und ein Päckchen in die Niederlande geschickt, aber die sind nie angekommen.“

„Aber Sie haben doch sicher noch die Belege?“

„Wozu? Ich dachte, dass alle Päckchen, die man mit DHL schickt, ankommen.“

„Tun sie aber nicht“, sagt Angela Merkel. „So ist das bei einer Pandemie. Da können die Bürgerinnen und Bürger nicht erwarten, dass alle Sendungen befördert werden. Man sollte sich alles belegen lassen. Sie haben ein Recht auf einen Beleg, auch und vor allem an der Supermarkt-Kasse. Aber es gibt ja noch den Brief. Und Briefe kommen trotz der Jahrhundertkatastrophe noch an.“ Sie verschränkt die Arme: „Warum lassen sie Ihre Tochter im Stich? Bezahlen Sie doch einfach das Geld und ersparen Sie dem Mädchen den Kummer.“

„Meine Tochter hat keinen Kummer. Die ist nur sauer und genervt. Sie versteht die Welt nicht mehr bzw. immer besser.“

„Werden Sie nicht noch frech“, sagt Angela Merkel. „Ich sag Ihnen was. Sie sind dermaßen egoistisch.“

„Bitte, Frau Merkel gehen Sie. Ich stelle jetzt meinen Rechner an, da kann ich selber entscheiden, was ich mir anhöre und was nicht.“

„Damit tun Sie sich keinen Gefallen. Im Fall einer Atomkatastrophe werden Sie so nicht in der Lage sein, sich rechtzeitig zu informieren. Was die Impfung angeht, sind Sie sehr bald an der Reihe, aber im Falle eines Atomunfalls werden Sie, das kann ich Ihnen versprechen, gewiss nicht zu den ersten gehören, die wir evakuieren.“

Ich will den Fernseher ausschalten, aber es geht nicht, nichts geht, der Fernseher lässt sich nicht ausschalten, alle Knöpfe und Tasten sind spurlos verschwunden, ich suche nach einem Schalter, aber es gibt keinen. Auch das Kabel fehlt. Und die Antenne.

„Lassen Sie das, ich bin kitzelig“, kichert Angela Merkel, fängt dann aber an zu jammern, hält sich die Ohren zu und ruft: „Jens, kommst du mal?“

„Schon gut“, sage ich und setze mich wieder aufs Sofa. „Ich gehe auch gleich in ein anderes Zimmer.“ Ich versuche, mich aufzurichten, aber ich falle direkt aufs Sofa zurück.

„Der Jens kommt schon nicht“, sagt Angela Merkel. „Es wäre zwar schön, wenn der Jens dir mal etwas erklären würde, aber der interessiert sich leider nicht für dich.“ Kichert: „Aber ich bräuchte mal ein weibliches Ohr. Wir müssen ja nicht politisieren. Hol dir doch auch ein Gläschen Wein. Kennst du das Lied?“ Singt: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Das haben wir damals, als die Mauer gebaut wurde, gerne gesungen. Aber es war ja nicht nicht nur eine Wanze, sondern da waren viele, viele Wanzen. Es wurden ja überall Wanzen installiert, Überwachungsgeräte, auch in Privaträumen. Furchtbar. Die Idee mit dem Schutzwall war aber nicht nur schlecht. Es ist nämlich richtig und wichtig, dass der Staat die Bürgerinnen und Bürger schützt. Denn selber können sie das nicht.“

„Schon gut, Frau Merkel“, sagte ich. „Aber können wir nicht bitte weiter „Sie“ zueinander sagen?“

Angela Merkel seufzt. „Warum können mich die Leute nicht einfach in Ruhe lassen? Was haben sie sich aufgeregt über meine Jahresendfigur, die ich an Neujahr hatte. Findest du mich auch zu dick? Angeblich waren Fettflecken auf meiner goldenen Jacke. Ich hab noch nie so viel Gans gegessen. Es gab ja dieses Überangebot an Gänsen, weil die Leute die bestellten Gänse nicht abholen wollten wegen der Corona-Pandemie. Die kamen alle in Verdacht, in größerer Runde zu feiern. Aber an einer Gans ist doch gar nicht viel dran. Hast du meine Ansprache gesehen?“

„Nein.“

Angela Merkel gähnt: „Aber das war nur der Schattenwurf, da sollte sich jeder mal genau das Video ansehen. Hassbriefe habe ich gekriegt. Zum Beispiel: ‚Ein Abiturdurchschnitt von 1,0 an der Erweiterten Oberschule schützt offenbar nicht davor, 45 Jahre später Fettflecken auf der Jacke zu haben.‘ Ist das nicht widerlich? Mein Abitur liegt doch über 47 Jahre zurück. Wenn man ’45 Jahre‘ sagt, sieht das so aus, als wäre ich zwei Mal sitzen geblieben.“

„Das sind blöde Briefe“, bemerke ich. „Aber doch keine Hassbriefe.“

„Sie sind vielleicht nicht so sensibel wie ich“, sagt Angela Merkel. „Und manche Personen haben uns schon vor Weihnachten eine autoritäre Struwwelpeter-Pädagogik vorgeworfen. Wir hätten die Kinder gezwungen, Masken zu tragen und Abstand zu halten nach dem Motto: ‚Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind.‘ Die Menschen sind so undankbar geworden.

Und dann haben sie uns und der WHO die Weihnachtsgeschichte kaputt gemacht. Die war so schön wie ein Märchen. Da hat der Weihnachtsmann den Kindern erzählt, dass er gegen Corona immun ist und trotz der Maßnahmen kommen kann und Geschenke bringt. Soll ich dir den Link verraten? https://www.mdr.de/brisant/weihnachtsmann-immun-corona-100.html Es kann aber sein, dass die Seite nicht mehr verfügbar ist. Weihnachten ist ja vorbei. Aber ich kann dir sagen, dass der Weihnachtsmann uns versichert hat, dass er die Geschenke nur bis zur Bordsteinkante bringt, um den Sicherheitsabstand zu wahren. Ist das nicht süß?“

„Aber das ist doch bekloppt“, sage ich.“Wenn der Weihnachtsmann immun ist, kann er doch auch ins Haus kommen.“

„Aber der Weihnachtsmann soll ein Vorbild sein. Man hat uns und der WHO vorgeworfen, dass wir Gute Laune machen und den Konsum ankurbeln wollen. Das sind Verschwörungstheorien. Die Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker haben uns auch vorgeworfen, dass wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen. Da gab es tatsächlich Eltern, die dieses Weihnachten ausnahmsweise ganz schlicht feiern wollten, ganz ohne Geschenke. Ich finde das nicht schön gegenüber den Kindern.“

„Denn jetzt wollten natürlich alle Kinder Geschenke vom MDR-Weihnachtsmann“, sage ich.

„Das ist nicht der MDR-Weihnachtsmann“, sagt Angela Merkel und gluckst. „Der Weihnachtsmann kommt von weit weit her, aus dem Hohen Norden.“

„Meine Töchter sind erwachsen und haben nur wenige Geschenke gekriegt“, sage ich. „Beide das neue Buch der Ethnologin Heike Behrend: ‚Menschwerdung eines Affen‘.“

„Wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt die Affen auch noch“, kichert Angela Merkel und fängt wieder an zu singen: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Ich weiß nicht, was die Leute haben. Vor Überwachungsanlagen müssen doch nur diejenigen Angst haben, die was zu verbergen haben. Ich habe nichts zu verbergen, ich bin transparent. Von mir ist alles bekannt: Alle meine Zensuren, die genauen Geburtsdaten der Mitglieder meiner Familie. Jeder darf wissen, wann mein Vater geboren ist, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester. Die waren übrigens alle einverstanden. Die Bürgerinnen und Bürger erfahren sogar, wo der Joachim und ich unser Ferienhaus haben. Ich würde niemals falsche Angaben machen.“

Angela Merkel räkelt sich. Ich habe übrigens auch mal ein Elfchen geschrieben. Es spielt in der DDR und heißt: ‚Wir geben euch Staatssicherheit‘. Also…. Die Einleitung geht so: Wir sollten nicht nur die Menschen durchimpfen, den Hirntoten Organe entnehmen und weiter verpflanzen, sondern…“

Angela Merkel räuspert sich:

Die

Mauer mitsamt

allen Wanzen in

alle Mitbürgerinnen und Mitbürger

einpflanzen…“

„Schön, nicht wahr?“, kichert Angela Merkel und klatscht in die Hände. „Und ich habe damals schon die digitale Erneuerung vorhergesehen mit all ihren Möglichkeiten, unser Leben noch sicherer zu machen. Ich bin nämlich…“ Sie zwinkert mit dem Auge. „Ich bin eine kleine Wahrsagerin.“ Neben Angela Merkel erscheint eine zweite Figur. „Da bist du ja endlich, Jens.“

In diesem Moment wurde ich wach…

Elfchen im Zwölften: Morgen, Oma, wird’s was geben…

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer „Maßnahmen“ erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Steffi, geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Mutter von fünf Kindern. Diagnose: „manisch-depressiv“. „Verstorben“ am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: „Kopfgrippe“

*************

Morgen, Oma, wird’s was geben, morgen werden wir…

… Uns

freu’n, einmal

werden wir noch

wach, heißa, dann ist

Impfungstach!

Vielleicht werden in deutschen Altenheimen demnächst Lieder wie dieses erklingen, dann nämlich, wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines mobilen Impfteams angekündigt haben, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Heimes sowie Bewohnerinnen und Bewohner gegen Corona zu impfen. Dass ärztliches Personal in die Einrichtungen kam um zu impfen, damals gegen die Pneumokokken, hatten wir im Frühjahr 2020 schon einmal.

Ich zitiere (inklusive „Corona-Elfchen“) aus meinem Blog-Beitrag „Zweites Corona-Elfchen: Coronoia… War es nicht fahrlässig von Angela Merkel, sich in Erwartung des Höhepunkts der Krise noch gegen Pneumokokken impfen zu lassen?“ vom 27. März:

„… Eine Epidemie aufgrund eines unerforschten Erregers ist oft schon vorbei, bevor ein verlässlicher Impfstoff entwickelt ist. Oder sie ist weniger dramatisch, als man uns vormacht. Den sogenannten Experten, die das Gegenteil behaupten, können und dürfen wir nicht vertrauen.

Vor allem alte Menschen sind der ärztlichen Willkür schutzlos ausgeliefert. So hörte ich gestern von einer Zwangsmaßnahme in einem Seniorenheim. Mit dem schlichten Satz „Wir tun euch was Gutes“ kamen Mitarbeiter einer Gesundheitsbehörde zu den alten Menschen, um sie gegen Pneumokokken zu impfen. Niemand hat sich dagegen gewehrt. Die alten Menschen waren froh, überhaupt Zuwendung zu erfahren.

Ich musste an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ denken: „… So klopfte jemand an die Hausthür und rief: Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht…“

In

Traurigen Zeiten

trägt der Böse

Wolf einen weißen Kittel

Coronoia*

Die treffende Wort-Neuschöpfung  „Coronia“ fand ich heute Nacht auf der klugen Internetseite des Münchener Kinderarztes Dr. Steffen Rabe: https://www.impf-info.de/82-coronoia/314-coronoia.html …“

Obwohl ich über 60 Jahre alt bin, würde ich mich niemals gegen Corona impfen lassen. Ich habe keine Angst vor Corona, denn ich vertraue auf mein starkes Immunsystem. Mir muss niemand attestieren, dass ich gesund bin. Ich meide Arztpraxen, habe aber leider keine guten Zähne. Deshalb muss ich (Generation Betthupferl) öfter, als mir lieb ist, zum Zahnarzt.

Über die Kinderkrankheiten, die ich hatte, möchte ich an anderer Stelle schreiben. So ist meine bisherige Krankheiten-Lebensgeschichte schnell erzählt: Vor sechsunddreißig Jahren hatte ich meine letzte und einzige Blasenentzündung, vor 41 Jahren meine letzte und einzige Mandelentzündung. Vor sechs Wochen hatte ich nach dem Zurückschneiden unserer Buchenhecke meine bislang einzige Bindehautentzündung, die ich auf Hinweis meiner Tochter mit Schwarzem Tee „therapiert“ hab. Ich bin im Winter zwei- bis dreimal erkältet, aber nicht schwer. In aller Regel läuft mir nur die Nase, die allerdings sehr. Vermutlich hatte ich schon unzählige andere Krankheiten, bin aber nicht zum Arzt gegangen. Mitmenschen, die es nicht gut mit mir meinen, sagen: „Warte, balde… erwischt es dich auch.“

Ich schütze mich gegen Kälte und Regen, ernähre mich gut, trinke Kaffee und Rotwein, esse nur selten Fertiggerichte, aber täglich frischen Salat. Ich verzehre weder Hormone noch Vitamine noch Nahrungsergänzungsmittel. Ich mag zwar Vollmilchschokolade, aber keinen Kuchen, was mein Mann immer bedauert hat. Ich vertrage fast alles, nur keine Chemie. Auf synthetische Süßstoffe reagiere ich mit Bauchkrämpfen und Durchfall. Nachdem ich mit der oben erwähnten Mandelentzündung zum Arzt gegangen bin, wo man mir ein Antibiotikum verschrieb, hatte ich eine schwere Penicillin-Allergie. Mein Kopf war furchterregend „elefantös“, und meine Ohren waren so dick angeschwollen, dass sie sich nicht mehr zusammendrücken ließen. Ich weiß noch, wie ich vor dem Spiegel stand – und heulen und lachen musste.

Ich habe im ganzen Leben so viele Tabletten zu mir genommen wie andere Menschen an einem einzigen Tag schlucken müssen. Mit achtzehn habe ich (zum Glück nur) drei Monate DIE PILLE genommen, einen Medikamentenrest, den meine Mutter, damals (1976) schon 51, noch in der Schublade hatte.

Wohlgemerkt: Ich bin keine Hardlinerin, was Impfungen angeht. Wenn eine Krankheit die Menschen in Not bringt, hat der Staat, sofern es einen zuverlässigen und sicheren Impfstoff gibt, die Pflicht, die Menschen zu impfen. Ich, Jahrgang 1958 wie Ursula von der Leyen, habe es noch miterlebt: Unter dem pfiffigen Motto „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ sind alle westdeutschen Kinder in den 1960er Jahren in der Schule gegen Polio geimpft worden. Was weniger bekannt ist: Die Massenimpfung haben wir dem Kalten Krieg zu verdanken. Nachdem in der DDR im Jahr 1961 die erste Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff eingeführt wurde, der in den USA entwickelt, aber in der UdSSR produziert worden war, stand die Bundesrepublik Deutschland massiv unter Druck.

Anders als zur Tetanusimpfung, bei der wir eine Spritze bekamen, was wir (nicht zu Unrecht) als Überrumpelung empfanden, sind wir Kinder gerne zur Polio-Impfung gegangen. Das Stück Zucker wurde uns anders als die Hostie nicht auf die Zunge gelegt. Wir nahmen es in die Hand und steckten es uns selber in den Mund (zumindest war es in Bottrop so). Es fühlte sich so an, als würden wir uns selber impfen.

Vieles spricht gegen die Corona-Impfung. Zum einen glaube ich, dass die Impfung nicht nur die Abwehr-, sondern auch die Selbstheilungskräfte blockiert. In meinem Fall hieße das, die Impfung würde eine leidlich gesunde, optimistische, wenn auch ältere Menschen-Frau, deren Körper sich schon oft selber geheilt hat, zu einer bedürftigen machen.

Zum anderen weiß niemand, ob die Impfung nicht eventuell schwere Nebenwirkungen auslöst, die erst nach Jahren auftreten können. So ist insbesondere die Massen-Impfung riskant, denn die gefährdet uns alle. Ich zitiere aus meinem Blog-Beitrag „Der ideale Patient – Plädoyer für die Abschaffung des Präpkurses“ vom 19.10.2019:

„…. Richtig dramatisch wird es, wenn eine „neue“ Krankheit auftaucht. Während der Schweinegrippen-Krise 2009 sind die Gesundheitsorganisationen weltweit in Panik geraten. Auch die deutsche Gesundheitspolitik hat damals die Besinnung verloren. Trotz vielfacher Warnungen wurden gigantische Mengen des ungeprüften Impfstoffes Pandemrix geordert. „Die Bundesländer hatten 34 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix vom Pharmakonzern Glaxosmithkline abgenommen und dafür circa 280 Millionen Euro bezahlt. Am Ende ließen sich während der bis dato größten Impfaktion aber erheblich weniger Menschen immunisieren als angenommen.“ https://www.aerzteblatt.de/archiv/115575/Schweinegrippe-Uebrig-gebliebene-Impfdosen-werden-vernichtet

Die Impfung wurde bundesweit empfohlen, aber von den Bürgern kaum angenommen. Gott sei Dank, denn die Impfung hatte und hat erhebliche Nebenwirkungen. Bis heute sind alleine in Deutschland mehr als hundert meist junge Menschen an Narkolepsie erkrankt (viele von ihnen erst nach Jahren!). Die Pandemie ist jedoch ausgeblieben, Pandemrix-Dosen im Wert von 20 Millionen Euro mussten vernichtet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben damals eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie in Sondersendungen für die Impfung geworben haben. Was, muss man sich fragen, wird bei einer „echten“ Pandemie passieren?…“

Interessanterweise hat damals ausgerechnet Alexander Kekulé, den wir alle als Corona-Experten erleben, die Impfung mit Pandemrix empfohlen und gewiss viele Menschen dazu bewegt, sich impfen zu lassen: „Virotole Alexander Kekulé rät gesunden Erwachsenen zur Impfung – trotz auch von ihm geäußerter Kritik an dem von den Bundesländern bestellten Impfstoff. Die Nebenwirkungen seien nicht viel anders als zum Beispiel bei einer Tetanus-Impfung, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle im Deutschlandradio.

Erstmals gebe es die Chance, „so eine Influenza-Welle wirklich durch eine Impfung zu begrenzen“, meinte er. Auch er selbst werde sich impfen lassen, mit Pandemrix. Bevor er allerdings seine drei kleinen Kinder impfen lasse, werde er „warten was sich noch tut in den nächsten Wochen“. https://www.sueddeutsche.de/politik/schweinegrippe-aufregung-um-zwei-klassen-impfung-1.36055#

Eine fahrlässige Empfehlung, wie wir erleben sollten. Wir können, so müssen wir folgern, auch den Empfehlungen der anerkannten Virologen nicht vertrauen. Hinzu kommt, dass es sich bei der Corona-Impfung um eine „komplett neue Impftechnologie“ handelt. Die Impfstoffe sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. Es werden keine („bösen“) Viren gespritzt, sondern „nur“ die genetischen Informationen. Allerdings muss gesagt werden, dass gerade genetische Informationen, in den menschlichen Körper gespritzt, d.h. in uns hinein losgelassen, letztendlich unberechenbar sind.

Ich habe meine Informationen über „mRNA-Impfstoffe“ aus dem einleitenden Trailer zur Hart aber fair-Talksendung „Operation Impfung: Ist sie gut, ist sie sicher, wer bekommt sie wann?“ am 30. November. https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-so-funktionieren-die-corona-impfstoffe-102.html

Leider war die Sendung selber nicht aufklärend, sondern eine Propagandasendung pro Impfung. Pflichtgemäß wurde zwar auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen, doch trug die vermeintliche Selbstkritik letztendlich nur zur Verschleierung bei. Dabei heißt es im Trailer wortwörtlich: „Sollten es diese Impfstoffe auf den Markt schaffen, wären es die ersten mRNA-Impfstoffe, die für den Menschen zugelassen werden.“ Offensichtlich will man nicht nur Geld scheffeln, sondern Wissenschafts-Geschichte schreiben, und genau das ist fatal. Korrekt hätten wir Fernseh-Zuschauer folgendermaßen aufgeklärt werden müssen: „Die Wissenschaftler/innen tun ihr Bestes, nur leider wissen sie schon längst nicht mehr, was sie da tun.“ Und noch etwas hätte diskutiert werden müssen: Ist es tatsächlich nötig, die Massen zu impfen? Initiiert man mit der groß angelegten Impfung nicht einen hochriskanten globalen Menschenversuch? Meiner Meinung nach sollte man, wenn überhaupt, nur Risikopatienten impfen.

Was ich völlig unannehmbar finde, ist das mediale Spiel mit Heilserwartungen. Monatelang lautete die zentrale Schlagzeile: Wann ist es soweit? Wir wurden süchtig gemacht auf eine Erlösung, die in diesem Fall als Impfspritze daherkommt.

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Spiegel-online: Verballhornung des berühmten Ausschnitts aus Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“, zu sehen an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Die abgebildeten Hände sind die linke Hand von Adam (links unten) und die rechte von Gott (rechts oben). Auf dem originalen Fresko sind die Hände etwa auf einer Höhe. Keiner der beiden hält etwas in der Hand. Adam sitzt da in lässiger Pose, das Bein angewinkelt, den Arm aufgestützt.  Michelangelos Adam ist völlig relaxt – ganz anders als sein angespanntes Gegenüber: Michelangelos Gott. Ein vieldeutiges Fresko, das schon unzählige Male interpretiert worden ist. Hier jedoch (vgl. auch Spiegel-Titel Heft 44/20) wird ihm eine plumpe Eindeutigkeit übergestülpt. Die Grafik hat den Bild-Ausschnitt gedreht bzw. gekippt. Das fällt nicht auf, denn der computertechnisch hinzugekommene Riss im Putz, der aussieht, als käme ein Blitz vom Himmel, ist fast senkrecht. (Nebenbei bemerkt: Der Riss erinnert mich auch an die Setzrisse im Wandputz unseres Reihenhauses.) Eine geschickte optische Täuschung, denn aus veränderter Perspektive  scheint es, als hockte Adam völlig erschöpft auf dem Erdboden: Adam, ein Hänger, ein verlorener Junkie in Erwartung der erlösenden Heroindosis.

Wann ist es soweit? fragen kleine Kinder, die es nicht erwarten können, Geburtstag zu haben. Aber vor allem fragen sie es vor Weihnachten. Es ist so schön, dass an Weihnachten -so habe ich es als Kind empfunden- nicht nur man selber, sondern jeder Mensch Geburtstag hat.

Mein Mann und ich haben die gemeinsam verbrachte Vorweihnachtszeit immer sehr genossen, vor allem, als die Kinder noch klein waren. Wir haben gebastelt, gebacken, die Wohnung geschmückt. Unsere Kinder haben Adventskalender geliebt und -so aufgeregt sie auch waren- geduldig ein Törchen nach dem anderen geöffnet. Und sie haben die Tage gezählt bis zum Wiedersehen mit ihren Verwandten. Weihnachten ist das Fest der Gegenseitigkeit. Wir teilen uns festliche Mahlzeiten und tauschen Geschenke. In diesem Jahr fällt -amtlich verordnet- mit dem Verbot von Weihnachtsmärkten, Glühwein-Ständen und „Lebendigen Adventskalendern“ auch die kollektive gesellschaftliche Vorfreude aus. Die maßlosen „Maßnahmen“ sind nicht nur ein massiver Angriff auf unsere Freude, sondern auch auf unsere Vorfreude.

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Wann ist es endlich soweit? Diesen Adventskalender hat meine Tochter Carla im Jahr 2008 für uns Eltern gebastelt. Da war sie neun Jahre alt und gerade von Köln-Neuehrenfeld ins zwei Kilometer weit entfernte Nippes umgezogen. Ein Umzug ist für Kinder immer auch ein kleiner Heile-Welt-Untergang. Unsere Kinder mussten zum Glück nicht die Schulen wechseln. Überhaupt ist es für Kinder, die klare Orientierungen brauchen, wichtig, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist. Im Jahr 2020 ist nichts mehr so, wie es war. Doch (nicht nur) Kinder brauchen, wie wir alle wissen, Rituale. Nachdem Halloween und die Feste zu  Sankt Martin und Nikolaus schon nicht wie gewohnt stattgefunden haben, gibt es auch Weihnachten nur in der Light-Version.

Aber die Frage Wann ist es soweit? ist älter als Weihnachten. Ursprünglich, so denke ich, wurde sie nicht einmal ausgesprochen. Eigentlich berührt die Frage nicht die Geburt Jesu Christi, sondern die Geburt eines jeden Menschen. Denn die Frage Wann ist es soweit? ist eine Frage an die schwangere Frau, die ein geheimes, weitgehend unbewusstes Wissen in sich trägt über die Entstehung des Menschen. Die Frau, die, um Leben zu geben, ihr Leben riskiert, flößte tiefen Respekt ein. Heute ist „der Mutterleib als öffentlicher Ort“ (Barbara Duden) wissenschaftlich „erforscht“, vermessen. Der ärztliche Blick ist zunehmend respektlos. Und an die Stelle der Frage Wann ist es soweit? tritt ein lapidares „Für wann bist du ausgerechnet?“

Bei der gnadenlosen Durchleuchtung des Mutterleibs hat man Gott allerdings ebenso wenig gefunden wie bei der Erforschung des Alls. Wie auch? Das Göttliche wäre nicht das Göttliche, ließe es sich wissenschaftlich aufspüren.

Doch bei der Rettung der Welt wird die Wissenschaft eine zentrale Rolle spielen. Es waren Wissenschaftler, die die Gefahr der Erderwärmung erkannten und das Ozonloch entdeckten. Aber es sind auch Wissenschaftler, die sich immer mehr erlauben, Gott zu spielen und über unser Leben, Gebären und Sterben zu entscheiden. Wir müssen miterleben, was die klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts – allen voran der sprach- und gedankengewaltige Theodor W. Adorno („Dialektik der Aufklärung“) -vorhergesehen haben: Dass Aufklärung in ihr Gegenteil umschlägt.

Die Behauptung, dass all das, was wir derzeit erdulden müssen, zu unserem Wohl geschehe, ist eine sentimentale Anmaßung. Im Wikipedia-Beitrag zu Hybris fand ich ein treffendes Zitat: „Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ (Karl Popper)

Traurig ist: Anders als im Frühjahr 2020 werden mittlerweile auch in Deutschland viele Todesopfer registriert, deren Tod „mit Corona in Zusammenhang“ gebracht wird. Auffällig ist, dass es die meisten Toten in Bayern gibt, insgesamt wurden hier seit Beginn der Aufzeichnungen 5483 Todesfälle gemeldet (nachgetragene Zahl vom 18.12.). Das sind deutlich mehr als im Bundesland NRW (5075 gemeldete Todesfälle am 18.12., Quelle: JHU CSSE COVID-19 Data), das mit knapp 18 Millionen Einwohnern nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland ist, sondern mit 526 Einwohnern je Quadratkilometer unter den Flächenstaaten auch der am dichtesten besiedelte. Zum Vergleich: In Bayern leben etwas mehr als 13 Millionen Menschen – aber nur 186 Einwohner pro Quadratkilometer. Dass ausgerechnet in Bayern, wo der autoritäre Ministerpräsident Markus Söder (CSU) seit Beginn der Krise ohne Erbarmen den bundesweit härtesten Corona-Kurs fährt, besonders viele Menschen sterben mussten und müssen, lässt aufhorchen.

Dabei hatte man sich kürzlich noch mit einer hübschen Broschüre gefeiert. In der vom Bayerischen Innenministerium herausgegeben Schrift mit dem Titel „92 Tage Katastrophenfall: Corona-Pandemie in Bayern“ heißt es:

„Der Erfolg Bayerns bei der Bewältigung der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 fiel nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis deutlicher Führung mit klaren Strukturen, unendlicher Einsatzbereitschaft der vielen haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sowie der Bereitschaft der Menschen, zusammenzuhalten und Geduld zu haben. (JOACHIM HERRMANN, MdL, Bayerischer Staatsminister des Innern, für Sport und Integration)

Natürlich dürfte es insbesondere Markus Söder nicht entgangen sein, dass die Zahl der Menschen, deren Tod mit einer Corona-Infektion im Zusammenhang gebracht wird, in Bayern extrem hoch ist. Doch anstatt sich endlich zu mäßigen, hat er mit noch größerer Härte reagiert. Auf einer Sondersitzung am 6. Dezember hat Ministerpräsident Markus Söder erneut für ganz Bayern den Katastrophenfall ausgerufen, der am 9. Dezember in Kraft getreten ist und vorerst bis zum 5. Januar 2012 gelten soll. Das ist meines Erachtens vollkommen unverantwortlich. Etwas ist was faul im Freistaat Bayern.

Leider ist der kernige Markus Söder über Bayern hinaus tonangebend. Am 13. Dezember werde ich in den kommenden Jahren nicht nur an den gewaltsamen Tod meiner Großmutter Steffi denken, sondern auch an den totalen Lockdown, der heute, am 13. Dezember 2020, über ganz Deutschland verhängt wurde

Elfchen im Elften zum Karnevals- und Alkohol(ver)kaufsverbot: Auch ohne Bier und Wein…

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, kam an einem Rosenmontag ein Fotograf der WAZ in unseren Kindergarten, um Fotos vom Kinderkarneval zu machen. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war das kein Problem, denn die Fotografen wurden noch nicht kollektiv der Pädophilie verdächtigt, nur weil sie Kindergesichter fotografierten. Wir Kinder waren stolz und aufgeregt. Am nächsten Tag erschien dann in der Bottroper Lokalausgabe der WAZ ein Artikel. Da neben anderen Kindern auch meine Schwester und ich auf dem Foto waren, hatte meine Mutter den Artikel für uns aufgehoben. Er hatte eine neckisch-biederwitzige Schlagzeile, die aus 9 Wörtern bestand. (Um ein Elfchen daraus zu machen, habe ich 2 Wörter hinzugefügt.)

„Auch

ohne Bier

und Wein können

wir fröhlich sein“ – Auch

Daheim!

Über die Biederkeit der Schlagzeile haben wir später noch viel gelacht (Und ich, eine passionierte Rotweintrinkerin, habe den Artikel bis heute aufbewahrt). Die Spießer, das waren die anderen, die uns nichts anhaben konnten.

Bis vor kurzem dachte ich, der piefige deutsche Humor sei ausgestorben. Doch „werch ein illtum“ (Ernst Jandl). In diesen traurigen Coronoia-Zeiten ist der Kleinbürger wieder da, feiert der latent aggressive deutsche Biederwitz fröhliche Urständ. Wer des Spießers Sprache fließend beherrscht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Virus kennt keine Feiertage“. Wäre ich ein Alien, könnte ich aus sicherer Entfernung über Frau Merkel lachen. Aber ich lebe auf der Erde, wo sich die Lage immer mehr zuspitzt. Der autoritäre Biederwitz spiegelt die Mentalität der meiner Meinung nach vollkommen unangemessenen bundesdeutschen Corona-Politik, die tatsächlich (und das zeigt der rigide Umgang mit Andersdenkenden) keinerlei Spaß kennt.

Zurück zum Karneval: Nun wissen wir alle, dass Kinder (zum Glück) keinen Alkohol mögen. Sie müssen auch nichts trinken, um einander näher zu kommen. Kinder sind Kindern nicht fremd. Sie gehen aufeinander zu und haben in aller Regel weder Angst noch Hemmungen. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind schon oft enttäuscht worden, wenn wir Nähe gesucht haben. Daher sind wir nicht mehr unbefangen.

Der Genuss von Drogen kann uns unbefangener machen. Allerdings sind gerade die halluzinogenen Drogen, etwa auch Cannabis, nur schwer kontrollierbar. Kiffen kann schnell dazu führen, dass uns ist, als säßen wir in der Achterbahn oder auf der Fähre von Dover nach Calais bei Windstärke 10. Der Verzehr von Space-Cakes kann aber auch eine ausgesprochen angenehme Wirkung haben. Unter günstigen Umständen ist Cannabis ein wunderbares Aphrodisiakum, denn manchmal wirkt es wie ein Bad in einer Art Jungbrunnen. Daher kann ich gerade vernünftigen älteren Menschen, die sich seit vielen Jahren gut kennen, gerne haben und einander vertrauen, eine Reise nach Alkmaar inklusive Einkehr im Coffeeshop nur wärmstens empfehlen, auch Joachim Sauer und Angela. Tatsächlich kommen wir auf diese Weise an verborgene Gefühle heran: „Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals….“

Alkohol kann solche Wunder nicht bewirken, ist aber viel besser kontrollierbar. In Maßen genossen fördert der Alkohol das friedliche und freundliche Miteinander. Ohne Sektempfang ist eine Hochzeitsfeier kaum denkbar. Im Karneval ist der Alkohol unerlässlich – trotz aller Schattenseiten (Kotzepfützen, Glasscherben, „Schnapsleichen“).

Mit dem Verbot der öffentlichen Feste zum Karnevalsanfang war zu rechnen, denn es ist Teil der allgemein bekannten Corona-Zwangsmaßnahmen, doch das absolute Alkohol(ver)kaufsverbot am 11.11. habe ich persönlich nur deshalb verkraftet, weil ich anders als des Rotkäppchens Großmutter (die aber, wie manche sagen, auch schlauer geworden sein soll) über das alltägliche Viertel hinaus eh immer genug Wein vorrätig habe.

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„Alkoholverkaufsverbot“ am 11.11.. Die deutsche Sprache, insbesondere die Amtssprache, hat die Neigung, aufgeblasene Wort-Ungetüme zu kreieren, Begriffe, die sich aus einzelnen Wörter zusammen setzen und unter Umständen endlos in die Länge wachsen. Hier sind es die drei Wörter „Alkohol“, „Verkauf“ und „Verbot“. Der Siebensilber „Alkoholverkaufsverbot“ hat mit 21 Buchstaben nur eine Stelle weniger als das Zahlenungetüm IBAN. Beim Eintragen einer IBAN in einen Überweisungsträger ist nicht möglich, was hier gemacht wurde: Da das XL-Wort „Alkoholverkaufsverbot“ nicht auf die Tafel passte, wurde der Buchstabe „f“ weggelassen.

Im Verkaufsraum von Alnatura sagte mir ein freundlicher Mitarbeiter, dass das Fotografieren der Regale zwar nicht grundsätzlich verboten sei, dass er mich aber trotzdem bitten würde, es sein zu lassen. Ich versicherte ihm, dass ich nicht vom konkurrierenden (Wein)- Fach sei, gelobte Besserung und steckte den Fotoapparat zurück in die Tasche.

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Bescheuert: Gelbschwarze Absperrbänder spiegelten den Ernst der Lage.

In einem der berühmtesten und berührendsten Kölner Karnevalslieder spielt der Alkohol eine zentrale Rolle. Das Lied der Bläck Fööss erzählt vom alten Mann, der vor der Wirtschaftstür steht, kein Geld hat, aber so gerne dabei wäre. Doch dann kommt jemand aus der Kneipe heraus, geht auf den alten Mann zu und lädt ihn ein: „Drink doch eine met.“

Natürlich ist dieses Lied, das in einer Kneipe spielt, die wie jede Kölner Kneipe an Karneval proppenvoll ist, in Zeiten eines „Lockdown Light“ politisch nicht korrekt. Was tun? Die Antwort der Stadt Köln ist nachzulesen im aktuellen Newspaper der Stadt Köln. Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ein Impfstoff, wirksame Medikamente – auf diese Zeiten können wir uns jetzt schon freuen. Aber bis dahin bitte ich Sie, bitte ich Euch alle – und Ja, ich erwarte es auch –, in Abwandlung eines der schönsten kölschen Lieder zu sagen: ‚Drink doch KEINE met‘…!“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Liebe Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

ich weiß, dass Sie mit einem Karnevals- und Alkoholverkaufsverbot uns Bürgerinnen und Bürger vor einer Ansteckung mit Corona schützen wollen. Doch die Verbote gehen zu weit. Das Alkoholkaufsverbot ist entmündigend und respektlos gegenüber all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit dem Frühjahr an die Vorgaben gehalten haben. Es stellt uns unter einen Generalverdacht: Wir alle könnten mit Hilfe von Alkohol auch außerhalb eines der derzeit geschlossenen Superspreader-Orte (Kneipen und Restaurants) ein Superspreading-Event anzetteln, z.B. eine Karnevalsfeier.

Dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln ist bei der Werbekampagne für die Aktion „diesmalnicht“ ein schwerer Schnitzer passiert. Das Motto „Drink doch KEINE met“ ist nicht nur anbiedernd. Mit der Änderung des einen Worts wird ein Lied verhunzt und veralbert, das längst zum Kölner kulturellen Erbe gehört. Wir Kölnerinnen und Kölner lieben das Lied, auch ich als Wahl-Kölnerin. Nicht einmal der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der zwei Menschen das Leben gekostet hat und durch einen schweren Fehler im Rahmen des Ausbaus der U-Bahn verursacht wurde, hat „Drink doch Eine met“ etwas anhaben können, denn das Lied ist uns allen im Ohr – und wir tragen es in unserem Herzen…

Mit der Aufforderung „Drink doch KEINE met“ ändert sich das Lied von Grund auf. Ich erlaube mir, die Geschichte neu zu erzählen: Ein alter Mann steht vor der Wirtschaftstür…

„Hallo, Sie da“, sagt der Mann vom Ordnungsamt, der auf seinem Kontrollgang an der Kneipe vorbei kommt. „Ziehen Sie mal die Maske hoch, auf der Neusser Straße ist Maskenpflicht, gehen Sie besser nach Hause. Und ziehen Sie endlich die Maske hoch… Immer noch nicht begriffen, dass die Kneipe zu ist und es keinen Alkohol gibt? Drink doch KEINE met, verstanden? Klare Ansage von der Frau Reker. Kein Wenn und Aber. Was sagst du da, die Frau Oberbürgermeisterin will sich bei den Kölnern beliebt machen? Nur weil sie sagt, dass sie eine Jeckin ist und selber gerne feiern würde, aber uns zuliebe auch gerne ein Opfer bringt? Schwerhörig? Drink doch KEINE met! Was sagst du da, du willst gar nicht in die Kneipe, aber du kannst auch keinen Alkohol kaufen, und das, wo die Läden doch jetzt so lange auf sind? Hättest du doch gestern kaufen können. Hingen doch überall Informationen. Beim Aldi zum Beispiel, da bist du doch bestimmt Kunde. Was sagst du da? Im Frühjahr waren die Weinregale noch brechend voll, als längst kein Klopapier mehr da war? Das findest du einen Widerspruch? Außerdem…“ Der Ordnungsamtsmann rückt seine Maske zurecht und redet dann weiter: „Außerdem schwächt Alkohol dein Immunsystem und macht dich anfällig für Corona. Da kannst du der Frau Reker wirklich dankbar sein, denn ein Alkoholverkaufsverbot schützt dich. Aber die Stadt Köln hat eine frohe Botschaft für dich. Du bist über 80 und wirst als erster geimpft.“ Der Amtsmann grinst und singt: „Und häste och kei Jeld, dat es janz ejal. Ahler Mann, die Impfung kostet nichts!

Auf der Neusser Straße in Nippes war es gestern nachmittag, obwohl die Geschäfte geöffnet waren, seltsam still. Die wenigen Autos fuhren auffällig langsam. Es dämmerte, ich kam aus Richtung Agnesviertel und war ein bisschen melancholisch gestimmt. Doch auf der Höhe von Tchibo hörte ich mit einem Mal Musik, zunächst einzelne Klänge, die sich, als ich weiter ging, zu Liedern zusammensetzten. Vor dem Kaufhof stand ein Leierkastenmann. Der Mann hatte einen Hut voller Süßigkeiten neben den Leierkasten auf den Boden gestellt. Da er die Kurbel weiter drehte, musste ich dem maskierten Mann verboten nahe kommen, um zu verstehen, was er mir sagte: Greifen Sie zu, die Süßigkeiten sind noch von Halloween, ich hatte sie für die Kinder gekauft, aber die durften ja wegen Corona nicht klingeln, und es sind auch keine gekommen… Ich blieb eine Weile dort stehen – und habe selten erlebt, wie beglückend und berauschend Musik ist.