„Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Tach auch“, sach ich.

Die Frau Keuner steht mit einem Mal neben mir an der Gesichtsmasken-Wühltheke auf dem Nippeser Wochenmarkt. Ich bin da gelandet, weil ich wie so oft meinen Mund-Nasen-Schutz zu Hause vergessen hab. Der Verkäufer hat mir eine hellblau-weiße Einweg-Maske geschenkt, damit ich mir in Ruhe eine wiederverwendbare aussuchen kann.

Die Frau Keuner hat ihren Gehwagen zwischen uns gestellt. „Damit du mir nicht zu nahe kommst. Ich hatte beim Wühlen schon öfter mal einen verseuchten Ellbogen in der Fresse, da brauch ich deinen nicht auch noch. Du willst dir also eine neue Stoff-Maske kaufen, weil du mit der Slipeinlage im Gesicht nicht rumlaufen willst. Was guckst du so, die Wegwerf-Masken sehen doch wirklich so aus, findest du nicht? Ich hab meine Maske übrigens auch nicht mit, aber ich hab mir auf die Schnelle ein Einwegteil von der Straße gefischt. Da hat jemand eine Großpackung ausgekippt. Wie neu, das geht, regnet ja nicht.“

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Nippes, Thüringer Straße, Ende November 2020. Mittlerweile findet man weniger Zigarettenschachteln und Kippen auf der Straße als weggeworfene Einwegmasken. Hier sind Einwegmasken direkt auf oder neben dem Gulli-Deckel gelandet. Ab damit in die Kanalisation. Höchst riskant, denn längst trägt der Masken-Müll zur Verdreckung der Strände und Meere bei.

„Wir haben uns an die Maske gewöhnt“, sagt die Frau Keuner. „Ist ja mittlerweile ganz normal. Was hab ich am Anfang geschrien. Und jetzt? Wenn man mir ohne überzeugenden Grund einen Arm amputieren würde, würde ich auch schreien, aber nach einer Weile würde ich nur noch leise wimmern. Keiner würde es hören. Und irgendwann würde ich mich dafür bedanken, dass man mir den anderen Arm drangelassen hat. So fühlt sich in Corona-Zeiten Glück an.“ Die Frau Keuner wirft mir eine bunte, keimfrei verpackte Maske rüber. „Ich würde die da nehmen, du stehst doch auf Paisley, oder? Eines kann ich dir versichern, ich…“

Die Frau Keuner gähnt und redet dann weiter: „Ich sage nie mehr, wie entwürdigend die Maske ist, ich sage nie mehr, dass der Maskenzwang uns demütigt, ich sage nie mehr, dass ich mit dem Stück Stoff ein „Jawoll, zu Befehl, Herr Spahn!“ im Gesicht trage, auch wenn es so ist. Nie mehr sage ich, dass es brutal ist, sechsjährige, vor Energie und Lebenslust sprühende Kinder zu nötigen, ihre Wünsche zu drosseln und eine Maske zu tragen, obwohl das Virus ihnen nicht viel anhaben kann. Ich sage nie mehr, dass die Zwangsmaßnahmen eine Attacke sind auf die Lebensfreude, die Hoffnung, die Liebe. Denn ich…“ Die Frau Keuner schluckt. „Ich muss dir was sagen, ich…“ Sie holt ein Tüchlein aus der Jackentasche, nimmt die Gesichtsmaske ab und schneuzt sich die Nase.

„Frau Keuner“, frage ich leise. „Was ist denn? Sie sind doch nicht krank?“

Die Frau Keuner guckt mich lächelnd an: „Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“

„Nein!!! Das ist doch nicht Ihr Ernst?!“

„Wie laut man doch trotz Maske immer noch schreien kann“, sagt die Frau Keuner, lacht und zeigt auf eine Pyramide aus Schachteln mit Einwegmasken. „Rosa! Dat war sowat von überfällig. Immer und überall gab es ja nur hellblaue. Rosa, is dat nich süß? Rooosa. Ich hab der Angela Merkel 20 Stück zugeschickt, aber die sind wohl nie in Berlin angekommen. Vielleicht trägt die Merkel die rosa Masken privat, aber im Fernsehen sehe ich die immer nur mit dieser Werbemaske für die EU. Deutschland hat ja zur Zeit den EU-Ratsvorsitz inne und die Macht, deutsche Interessen durchzudrücken. Kennst du das deutsche Motto?“

„Nein“, sage ich leise. „Frau Keuner, können Sie bitte etwas langsamer reden.“

„Tut mir leid“, sagt die Frau Keuner, „aber ich hab wohl deine Auffassungsgabe überschätzt. Also… Das Motto für den deutschen Ratsvorsitz lautet: Gemeinsam. Europa wieder stark machen. Wieso wieder? Hömma, Europa wieder stark machen heißt übersetzt: Make Europe great again. Diese Abschreiber haben ausgerechnet den Trump beklaut! Die Werbetexter haben den Trump ja damals dermaßen beneidet für die verbale Kraftmeierei: Make America great again.

Europa wieder stark machen. Dabei sind sie gerade im Begriff, Europa genau da zu schwächen, wo Europa stark war: Die offenen Grenzen, der internationale Bildungsaustausch. Die Erasmusstudenten haben zwar noch ihr Stipendium, aber die sitzen die Zeit vor dem Rechner ab. Um Geld zu bekommen, müssen sie vor Ort sein, aber wozu? Fast alle Seminare sind online. Da ist nicht mehr viel mit Austausch. Apropos absitzen: Auf der Maske von der Merkel ist das EU-Logo mit der Möbius-Schleife. Eine Möbius-Schleife ist eine ohne Anfang und ohne Ende, und ohne Anfang und ohne Ende ist die Möbiusschleife eine Endlosschleife, eine Warteschleife, und in so was sitzen wir alle drin.“ Die Frau Keuner löst die Bremse des Gehwagens. „Ich muss mich bewegen. Kommste mit? Im Reformhaus gibt es jetzt wieder dieses leckere frische Sauerkraut. Wär das nicht auch was für dich?“

„Heute nicht“, sage ich. Ich kaufe die Paisley-Maske, klemme mir die Schlaufen hinter die Ohren und ziehe das Teil über die Nase, weil gerade eben zwei Männer vom Ordnungsamt über den Markt patrouillieren. Ich begleite die Frau Keuner ein Stück. Langsam gehen wir die Viersener Straße Richtung Neusser. „Die Männer von der Straßenreinigung tun ihr Bestes“, sagt die Frau Keuner. „Die gehen ständig mit ihren Zangen durch die Straßen und picken Masken auf, aber das reicht nicht.“ Die Keuner zieht Plastikhandschuhe über. Ab und an bleibt sie stehen, bückt sich ächzend, pickt eine weggeschmissene Maske vom Bürgersteig und tut sie seufzend in eine kleine Plastiktüte.

Als wir an der Neusser Straße ankommen, drückt mir die Frau Keuner die Tüte in die Hand: „Für deinen Restmüll. Bei euch ist doch neuerdings mehr Platz in der Tonne. Lass dich angucken. Wusste gar nicht, dass du Röcke trägst. Hing dein Röckchen nicht letzte Woche noch bei Humana?“ Die Keuner grinst und summt eine Melodie, die mir bekannt vorkommt. Nicht singen, denke ich, bitte nicht, aber schon ist es passiert: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘ …“

„Pst“, mache ich. Die Frau Keuner hört auf zu singen und mustert mich: „Jetzt bist du über sechzig, deine Beine sind nicht mehr so schön wie früher, aber mit einer blickdichten Strumpfhose lassen sich die Besenreiser kaschieren. Ich sage dir was, du kannst Second-Hand-Klamotten anziehen, und es kommt immer noch elegant rüber, aber die Angela Merkel…“

„Was ist mit der?“

„Na ja, die Angela Merkel kauft Designer-Kleidung, aber die Designer-Kleidung sieht an der Merkel aus wie von der Stange oder aus dem Neckermann-Katalog der 60er Jahre. Das liegt nicht nur an der Figur, sondern auch daran, dass die Angela Merkel in der DDR aufgewachsen ist. Und in der DDR gingen die Kataloge von Quelle und Neckermann rum. Bestellen konnten die Ostdeutschen nicht, aber die Männer verguckten sich in die angebotenen Sportgewehre und die Frauen in die Klamotten. Bastelanleitungen für die Gewehre gab es nicht, aber Schnittmuster für die Kleider. Die wurden dann nachgenäht. Kaufen konnte man sie nicht, die wurden zwar vor allem in der DDR produziert, aber gegen Devisen an den Westen verkloppt. Doch Neckermann bleibt im Kopp, auch und gerade bei der Angela Merkel.“

Die Keuner macht endlich wieder eine Redepause, aber nur deshalb, weil sie eine Maske aufpicken muss. Ich halte das Tütchen auf.

„Aber diese kragenlosen Jacketts“, fängt die Keuner wieder an zu reden. „Die Blazer, die überm Hintern spannen, das geht eigentlich nicht. Die Corona-Zeit ist doch eigentlich eine Zeit ohne die Festessen, wo sich die Politiker auf unsere Kosten dick und doof fressen. Ich weiß nicht, warum die Merkel nicht dünner wird. Irgendwas stimmt da nicht. Vielleicht findet hinter den Kulissen das große Fressen immer noch statt. Stop, Maske!“

Die Keuner bückt sich, ist aber schnell wieder oben. „Weißt du, woran die Jacken von der Merkel mich erinnern? An ein chinesisches Einheits-Kleidungsstück, das in den 70er Jahren, als made in China noch nicht billig klang, in links-alternativen Kreisen angesagt war. Weißt du, was ich meine? Stichwort Unisex. Wir sind von Duisburg nach Düsseldorf gefahren, weil es da in der Altstadt einen Laden gab, wo die Jacken zu kaufen waren.“

„Meinen Sie die Maojacke?“, frage ich vorsichtig. Die Keuner grinst und nickt: „Die Merkel trägt Mao.“

„Ich muss jetzt“, sage ich. „Mir raucht der Kopf.“

„Zu viel Input, wa?“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Dann trennen wir uns jetzt. Aber ich hab was mit dir vor, denn ich wollte immer schon mal mit dir… Wusstest du schon, dass wir… Dass wir beide für morgen nachmittag 16 h verabredet sind?“

Ich schlucke: „Was haben Sie mit mir vor?“

„Corona-Sause im REWE“, sagt die Frau Keuner.

P1000709Diese Masken, darunter eine Kindermaske, habe ich auf der Straße gefunden, einige aus Pfützen gefischt. Es sind Handarbeiten. Ich habe sie bei 60° Grad gewaschen, also nicht einmal so heiß, wie es zur Abtötung von Viren empfohlen wird. Dennoch leiert schon bei 60° die Gummi-Litze aus, was zur Folge hat, dass die Maske von der Nase rutscht. Wäre das Virus wirklich so gefährlich, wie uns weisgemacht wir, wäre die (offizielle!) Empfehlung solcher Stoffläppchen grob fahrlässig.

Elfchen im Elften zum Karnevals- und Alkohol(ver)kaufsverbot: Auch ohne Bier und Wein…

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, kam an einem Rosenmontag ein Fotograf der WAZ in unseren Kindergarten, um Fotos vom Kinderkarneval zu machen. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war das kein Problem, denn die Fotografen wurden noch nicht kollektiv der Pädophilie verdächtigt, nur weil sie Kindergesichter fotografierten. Wir Kinder waren stolz und aufgeregt. Am nächsten Tag erschien dann in der Bottroper Lokalausgabe der WAZ ein Artikel. Da neben anderen Kindern auch meine Schwester und ich auf dem Foto waren, hatte meine Mutter den Artikel für uns aufgehoben. Er hatte eine neckisch-biederwitzige Schlagzeile, die aus 9 Wörtern bestand. (Um ein Elfchen daraus zu machen, habe ich 2 Wörter hinzugefügt.)

„Auch

Ohne Bier

Und Wein können

Wir fröhlich sein“ – Auch

Daheim!

Über die Biederkeit der Schlagzeile haben wir später noch viel gelacht (Und ich, eine passionierte Rotweintrinkerin, habe den Artikel bis heute aufbewahrt). Die Spießer, das waren die anderen, die uns nichts anhaben konnten.

Bis vor kurzem dachte ich, der piefige deutsche Humor sei ausgestorben. Doch „werch ein illtum“ (Ernst Jandl). In diesen traurigen Coronoia-Zeiten ist der Kleinbürger wieder da, feiert der latent aggressive deutsche Biederwitz fröhliche Urständ. Wer des Spießers Sprache fließend beherrscht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Virus kennt keine Feiertage“. Wäre ich ein Alien, könnte ich aus sicherer Entfernung über Frau Merkel lachen. Aber ich lebe auf der Erde, wo sich die Lage immer mehr zuspitzt. Der autoritäre Biederwitz spiegelt die Mentalität der meiner Meinung nach vollkommen unangemessenen bundesdeutschen Corona-Politik, die tatsächlich (und das zeigt der rigide Umgang mit Andersdenkenden) keinerlei Spaß kennt.

Zurück zum Karneval: Nun wissen wir alle, dass Kinder (zum Glück) keinen Alkohol mögen. Sie müssen auch nichts trinken, um einander näher zu kommen. Kinder sind Kindern nicht fremd. Sie gehen aufeinander zu und haben in aller Regel weder Angst noch Hemmungen. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind schon oft enttäuscht worden, wenn wir Nähe gesucht haben. Daher sind wir nicht mehr unbefangen.

Der Genuss von Drogen kann uns unbefangener machen. Allerdings sind gerade die halluzinogenen Drogen, etwa auch Cannabis, nur schwer kontrollierbar. Kiffen kann schnell dazu führen, dass uns ist, als säßen wir in der Achterbahn oder auf der Fähre von Dover nach Calais bei Windstärke 10. Der Verzehr von Space-Cakes kann aber auch eine ausgesprochen angenehme Wirkung haben. Unter günstigen Umständen ist Cannabis ein wunderbares Aphrodisiakum, denn manchmal wirkt es wie ein Bad in einer Art Jungbrunnen. Daher kann ich gerade vernünftigen älteren Menschen, die sich seit vielen Jahren gut kennen, gerne haben und einander vertrauen, eine Reise nach Alkmaar inklusive Einkehr im Coffeeshop nur wärmstens empfehlen, auch Joachim Sauer und Angela. Tatsächlich kommen wir auf diese Weise an verborgene Gefühle heran: „Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals….“

Alkohol kann solche Wunder nicht bewirken, ist aber viel besser kontrollierbar. In Maßen genossen fördert der Alkohol das friedliche und freundliche Miteinander. Ohne Sektempfang ist eine Hochzeitsfeier kaum denkbar. Im Karneval ist der Alkohol unerlässlich – trotz aller Schattenseiten (Kotzepfützen, Glasscherben, „Schnapsleichen“).

Mit dem Verbot der öffentlichen Feste zum Karnevalsanfang war zu rechnen, denn es ist Teil der allgemein bekannten Corona-Zwangsmaßnahmen, doch das absolute Alkohol(ver)kaufsverbot am 11.11. habe ich persönlich nur deshalb verkraftet, weil ich anders als des Rotkäppchens Großmutter über das alltägliche Viertel hinaus eh immer genug Wein vorrätig habe.

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„Alkoholverkaufsverbot“ am 11.11.. Die deutsche Sprache, insbesondere die Amtssprache, hat die Neigung, aufgeblasene Wort-Ungetüme zu kreieren, Begriffe, die sich aus einzelnen Wörter zusammen setzen und unter Umständen endlos in die Länge wachsen. Hier sind es die drei Wörter „Alkohol“, „Verkauf“ und „Verbot“. Der Siebensilber „Alkoholverkaufsverbot“ hat mit 21 Buchstaben nur eine Stelle weniger als das Zahlenungetüm IBAN. Beim Eintragen einer IBAN in einen Überweisungsträger ist nicht möglich, was hier gemacht wurde: Da das XL-Wort „Alkoholverkaufsverbot“ nicht auf die Tafel passte, wurde der Buchstabe „f“ weggelassen.

Im Verkaufsraum von Alnatura sagte mir ein freundlicher Mitarbeiter, dass das Fotografieren der Regale zwar nicht grundsätzlich verboten sei, dass er mich aber trotzdem bitten würde, es sein zu lassen. Ich versicherte ihm, dass ich nicht vom konkurrierenden (Wein)- Fach sei, gelobte Besserung und steckte den Fotoapparat zurück in die Tasche.

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Bescheuert: Gelbschwarze Absperrbänder spiegelten den Ernst der Lage.

In einem der berühmtesten und berührendsten Kölner Karnevalslieder spielt der Alkohol eine zentrale Rolle. Das Lied der Bläck Fööss erzählt vom alten Mann, der vor der Wirtschaftstür steht, kein Geld hat, aber so gerne dabei wäre. Doch dann kommt jemand aus der Kneipe heraus, geht auf den alten Mann zu und lädt ihn ein: „Drink doch eine met.“

Natürlich ist dieses Lied, das in einer Kneipe spielt, die wie jede Kölner Kneipe an Karneval proppenvoll ist, in Zeiten eines „Lockdown Light“ politisch nicht korrekt. Was tun? Die Antwort der Stadt Köln ist nachzulesen im aktuellen Newspaper der Stadt Köln. Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ein Impfstoff, wirksame Medikamente – auf diese Zeiten können wir uns jetzt schon freuen. Aber bis dahin bitte ich Sie, bitte ich Euch alle – und Ja, ich erwarte es auch –, in Abwandlung eines der schönsten kölschen Lieder zu sagen: ‚Drink doch KEINE met‘…!“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Liebe Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

ich weiß, dass Sie mit einem Karnevals- und Alkoholverkaufsverbot uns Bürgerinnen und Bürger vor einer Ansteckung mit Corona schützen wollen. Doch die Verbote gehen zu weit. Das Alkoholkaufsverbot ist entmündigend und respektlos gegenüber all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit dem Frühjahr an die Vorgaben gehalten haben. Es stellt uns unter einen Generalverdacht: Wir alle könnten mit Hilfe von Alkohol auch außerhalb eines der derzeit geschlossenen Superspreader-Orte (Kneipen und Restaurants) ein Superspreading-Event anzetteln, z.B. eine Karnevalsfeier.

Dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln ist bei der Werbekampagne für die Aktion „diesmalnicht“ ein schwerer Schnitzer passiert. Das Motto „Drink doch KEINE met“ ist nicht nur anbiedernd. Mit der Änderung des einen Worts wird ein Lied verhunzt und veralbert, das längst zum Kölner kulturellen Erbe gehört. Wir Kölnerinnen und Kölner lieben das Lied, auch ich als Wahl-Kölnerin. Nicht einmal der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der zwei Menschen das Leben gekostet hat und durch einen schweren Fehler im Rahmen des Ausbaus der U-Bahn verursacht wurde, hat „Drink doch Eine met“ etwas anhaben können, denn das Lied ist uns allen im Ohr – und wir tragen es in unserem Herzen…

Mit der Aufforderung „Drink doch KEINE met“ ändert sich das Lied von Grund auf. Ich erlaube mir, die Geschichte neu zu erzählen: Ein alter Mann steht vor der Wirtschaftstür…

„Hallo, Sie da“, sagt der Mann vom Ordnungsamt, der auf seinem Kontrollgang an der Kneipe vorbei kommt. „Ziehen Sie mal die Maske hoch, auf der Neusser Straße ist Maskenpflicht, gehen Sie besser nach Hause. Und ziehen Sie endlich die Maske hoch… Immer noch nicht begriffen, dass die Kneipe zu ist und es keinen Alkohol gibt? Drink doch KEINE met, verstanden? Klare Ansage von der Frau Reker. Kein Wenn und Aber. Was sagst du da, die Frau Oberbürgermeisterin will sich bei den Kölnern beliebt machen? Nur weil sie sagt, dass sie eine Jeckin ist und selber gerne feiern würde, aber uns zuliebe auch gerne ein Opfer bringt? Schwerhörig? Drink doch KEINE met! Was sagst du da, du willst gar nicht in die Kneipe, aber du kannst auch keinen Alkohol kaufen, und das, wo die Läden doch jetzt so lange auf sind? Hättest du doch gestern kaufen können. Hingen doch überall Informationen. Beim Aldi zum Beispiel, da bist du doch bestimmt Kunde. Was sagst du da? Im Frühjahr waren die Weinregale noch brechend voll, als längst kein Klopapier mehr da war? Das findest du einen Widerspruch? Außerdem…“ Der Ordnungsamtsmann rückt seine Maske zurecht und redet dann weiter: „Außerdem schwächt Alkohol dein Immunsystem und macht dich anfällig für Corona. Da kannst du der Frau Reker wirklich dankbar sein, denn ein Alkoholverkaufsverbot schützt dich. Aber die Stadt Köln hat eine frohe Botschaft für dich. Du bist über 60 und wirst als erster geimpft.“ Der Mann grinst und singt: „Und häste och kei Jeld, dat es janz ejal. Ahler Mann, die Impfung kostet nichts!

Auf der Neusser Straße in Nippes war es gestern nachmittag, obwohl die Geschäfte geöffnet waren, seltsam still. Die wenigen Autos fuhren auffällig langsam. Es dämmerte, ich kam aus Richtung Agnesviertel und war ein bisschen melancholisch gestimmt. Doch auf der Höhe von Tchibo hörte ich mit einem Mal Musik, zunächst einzelne Klänge, die sich, als ich weiter ging, zu Liedern zusammensetzten. Vor dem Kaufhof stand ein Leierkastenmann. Der Mann hatte einen Hut voller Süßigkeiten neben den Leierkasten auf den Boden gestellt. Da er die Kurbel weiter drehte, musste ich dem maskierten Mann verboten nahe kommen, um zu verstehen, was er mir sagte: Greifen Sie zu, die Süßigkeiten sind noch von Halloween, ich hatte sie für die Kinder gekauft, aber die durften ja wegen Corona nicht klingeln, und es sind auch keine gekommen… Ich blieb eine Weile dort stehen – und habe selten erlebt, wie beglückend und berauschend Musik ist.

Kamala Harris for Vice-President!

Die WDR-Talksendung „Hart aber fair“, die gestern abend um 21.30h im „Ersten“ ausgestrahlt wurde, warb mit einem reißerischen Titel: „Trump oder Biden – die freie Welt vor einer Jahrhundertwahl! Die letzten Stunden vor einer Wahl, die für die USA und die Welt historisch ist.“ Dass es sich bei dieser Wahl um eine Jahrhundertwahl handelt, halte ich für eine maßlose Übertreibung. Hierzulande (in den USA dürfte es anders sein) zittert keiner mehr vor Donald Trump.

2016 war das anders. Die letzte Wahl war tatsächlich eine Jahrhundertwahl, denn ihr Ausgang, die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Atom-Macht USA, hat gezeigt, wie fragil unsere Demokratie ist. Vor allem hat die Wahl im Jahr 2016 an unsere existentiellen Ängste gerührt, die wir permanent verdrängen müssen, um überhaupt leben zu können, insbesondere die Angst vor einem Atomkrieg. Wer sich erinnern will, wie sich kluge, phantasiebegabte Menschen nach der Wahl gefühlt haben, nämlich „schockstarr“, möge sich folgendes Video angucken, in dem der großartige deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz zu Wort kommt, der fordert, dass wir Trump endlich ernst nehmen sollen: https://www.youtube.com/watch?v=wAkRMAd4uuw

In seiner Wahrhaftigkeit hat mich das Video damals sehr getröstet, denn Christoph Waltz gehört zu den Menschen, die sich nicht betrügen. In den deutschsprachigen Medien hingegen spielte man die Gefahr herunter, und man hörte beschwichtigende Sätze wie: „Vielleicht ist er gar nicht so gefährlich, wie er tut“, oder: „Man muss Trump eine Chance geben.“ Politisch sind solche „Unschuldsvermutungen“ nicht nur dumm, sondern auch fahrlässig: „Man wird erst wissen, dass er vorhatte, Atombomben auszuprobieren, wenn er es wirklich tut.“

Ich denke an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Es erzählt davon, dass wir lernen müssen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Übertragen auf die Unschuldsvermutung gegenüber Trump ist es so, als würde die Ziegen-Mutter zu ihren Kindern sagen: „Lasst den Bösen Wolf ruhig ins Haus, er gilt zwar als böse, aber das sind nur Vorurteile, denn ob er vorhat euch zu fressen, können wir erst im Nachhinein wissen. Der Bursche wird sich schon benehmen.“

Donald Trump hat -salopp gesagt- ein ausgesprochen schlechtes Benehmen. Er verhält sich, als seien die USA sein privates Unternehmen, als gehörten die USA ihm, als seien die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten seine Angestelllten, die er heuern und feuern kann, wie er nur will. Trump verhält sich so wie ein cholerischer, unreifer Knabe, der die Sau rauslässt. Aber Trump ist kein Knabe, sondern ein erwachsener Mann, ein Brandstifter, der über Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger entscheiden kann. Was entsetzlich und hierzulande kaum bekannt ist: Donald Trump hat die Todesstrafe ausgeweitet. Seit dem vergangenen Jahr lässt er nach einer Unterbrechung von 16 Jahren wieder Hinrichtungen auf Bundesebene vollstrecken.

Wir müssen hoffen, dass Trump die Wahl, die gerade eben stattfindet, verliert. Es gibt da eine Politikerin, die ist anders als Trump eine entschiedene Gegnerin der Todesstrafe, anders als Trump leugnet sie den Klimawandel nicht, und anders als Trump ist sie gegen die freie Verfügbarkeit von Schusswaffen. Ich rede von Kamala Harris, und die gibt -im wahrsten Sinne des Wortes- eine richtig gute Figur ab. Es möge gesagt werden dürfen: Kamala Harris ist auch was fürs Auge.

In der Selbstpräsentation sind die US-Amerikaner uns Deutschen meilenweit voraus. Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker sind immer auch Medienfiguren, die sich freiwillig oder unfreiwillig exhibitionieren, doch das scheinen die Deutschen immer noch nicht begriffen zu haben, insbesondere… Frau Merkel müsste dringend an ihrem Outfit feilen.

Worin die Chance liegt: Der Demokrat Joe Biden hat Kamala Harris zu „seiner“ Vize-Präsidentin bestimmt. Das ist ein Amt, das es hierzulande nicht gibt. Der Vice-President hat eine große Bedeutung. Im Falles des Todes, des Rücktritts oder der Amtsenthebung des Präsidenten ist der Vizepräsident bzw. die Vizepräsidentin die erste Person, die das Amt des Präsidenten übernimmt. Zugleich wäre Kamala Harris, sollte Biden die Wahl gewinnen, seine wichtigste Beraterin.

Demokratien brauchen Volksvertreter, wir brauchen Menschen, denen wir vertrauen können. Zur Wiederbelebung der Demokratie braucht es weibliche Energie! Kamala Harris for Vice-President!

In der öden gestrigen „Hart aber fair“- Sendung wurde Joe Biden zum Vorwurf gemacht, dass er im Wahlkampf nicht aggressiv genug aufgetreten sei. Diesen Vorwurf halte ich für gefährlich, denn dahinter steht die Forderung nach dem harten Mann, der autoritär durchgreift. Überhaupt ist der politische Umgangston „seit Trump“ rauer geworden. Angela Merkel und ihre politischen Verbündeten verhalten sich mittlerweile ähnlich respektlos wie Trump, so, als seien wir Bürgerinnen und Bürger bloße Befehlsempfänger.

Auch in Deutschland verschwimmen die Grenzen zwischen „öffentlich“ und „privat“. Wir erleben eine eigentlich nicht zumutbare Einmischung in unser Privatleben. Gestern, am ersten Tag des „Lockdown light“, verkündete Angela Merkel eine Weihnachtsbotschaft. Spiegel-online: „Zum Start des Corona-Shutdowns geht die Kanzlerin noch einmal in die Offensive. Ihre Botschaft: „Nur wenn jetzt alle mitziehen, wird es kein einsames Weihnachten.““ Das ist so anmaßend!

Gegen das, was tatsächlich unser aller Leib und Leben bedroht, insbesondere die Klimakatastrophe, wird nichts gemacht. Deutschland drückt weiterhin auf die Tube. Dass, während die Wälder in den USA brennen, der Liter Diesel in Deutschlandmit 99 Cent weniger als einen Euro kostet, finde ich grob fahrlässig. Demgegenüber steht ein meiner Meinung nach blinder Aktionismus, was den Kampf gegen das Virus betrifft. Gegen die „Naturkatastrophe Corona“ (Angela Merkel) fährt man gigantische Geschütze auf. Zwangsmaßnahmen werden verhängt, die verharmlosend „Lockdown light“ genannt werden.

Mit dem „Kampf gegen Corona“ wird demonstriert, dass man die Gefahren unter Kontrolle bekommt. Ja, das Virus bekommt man unter Kontrolle, aber nur deshalb, weil es so gefährlich nicht ist. Das ist so lächerlich, aber ich kann nicht lachen, weil der Schaden bereits immens ist. Dabei sind wir Menschen gegenüber den tatsächlichen Bedrohungen vollkommen ungeschützt. Angela Merkels Wohnung brennt lichterloh, aber sie geht ins Bad und passt auf, dass die Badewanne nicht überläuft.

Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine Todesstrafe mehr, und man kann Schusswaffen nicht im Supermarkt kaufen. Zum Glück, denn hierzulande liegt eine furchtbare Anspannung in der Luft. Die Menschen sind erschöpft und tieftraurig.

Um nicht zu vereinsamen, haben wir gelernt, unsere Kritik an den Zwangsmaßnahmen zu bremsen und zu verdrängen- und spüren kaum noch, wie wütend wir sind. Da wir uns zwingen zu glauben, dass die Politiker nur unser Bestes wollen, richten wir die Aggressionen gegen uns selber – und werden depressiv.

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Privater Waffenbesitz in Deutschland: Dass wir keine Waffen im Haus haben, stimmt nicht so ganz. Beim Entrümpeln finde ich im Keller eine Wasserbomben-Schleuder. Hiermit und auch mit Wasserpistolen hatten meine Töchter (und wir Eltern, vor allem ich, der Plastikmüll hielt sich im Rahmen und sei uns verziehen) großen Spaß. Und dennoch ist auch diese Schleuder ein „Nachfolgerin“ einer der frühesten Waffen der Menschheit, der Steinschleuder.  Um zu überleben, mussten die Neandertaler jagen,  aber sie hatten vor den Tieren (und der Schöpfung) Respekt. Vermutlich töteten sie „maßvoll“, denn sie erjagden niemals mehr Tiere, als sie zum Überleben brauchten Die Neandertaler waren weitaus zivilisierter als wir,  denn sie hatten zwar Waffen, haben es aber in den über 200.000 (!) bezeugten Jahren nicht „geschafft“, die menschliche Spezies auszurotten…. Die Schusswaffen, die in den USA verkauft werden, sind weder notwendiges Übel noch Spielzeug, sondern dazu da, auf Mitmenschen grichtet zu werden. 

Vor gut vier Jahren habe ich einmal eine Mail (am 22.Juni 2016, „Trump“ lag schon in der Luft) in eine Gruppe von Weintrinkerinnen aus dem Umfeld des legendären Nippeser „Weinhaus(es) im Viertel“ (das es leider schon länger nicht mehr gibt) geschickt. Aus aktuellem Anlass sei die Mail hier noch einmal abgedruckt (und die Weinkennerinnen mögen mir die „Zweitverwertung“ verzeihen):

„Liebe Wein-Kennerinnen,  

in den USA darf man erst mit 21 Jahren Alkohol trinken. Ganz anders sieht es mit dem Besitz und Gebrauch von Schusswaffen (die oft aus Deutschland kommen) aus. Mit tödlichen Waffen schießen dürfen schon die ganz Kleinen. Da gibt es etwa die spezielle, voll funktionstüchtige Kinder-Knarre „My First Rifle“.  

Hier das Quiz zum Thema:  Warum ist an manchen US-Schulen das Lesen von „Rotkäppchen“ verboten?  

a: Weil Rotkäppchen auf den Beifahrersitz eines College-Boys gehört und nicht in den Wald. … b: Weil Rotkäppchen ihrer Großmutter eine Flasche Wein mitbringt. … c: Weil der Böse Wolf ein Terrorist sein könnte.  

Alles stimmt, aber die richtige Antwort lautet:

https://www.spiegel.de/fotostrecke/kampagne-choose-one-fotostrecke-95902.html …“

Elfchen im Neunten: Pufffff…

Nachdem das „Pascha“, eines der größten Bordelle Europas, coronabedingt fünf Monate lang geschlossen war, meldeten die Betreiber Anfang September Insolvenz an. Das zehn(!)geschossige „Laufhaus“ (es nennt sich so, weil die Freier zwecks Auswahl der „Dame“ durch die Gänge des Gebäudes laufen) ist keine 15 Geh-Minuten von der autofreien Siedlung Stellwerk 60 entfernt.

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29.7.2020: Noch ist das „Pascha“ nur vorübergehend geschlossen. Fünf Wochen später ist klar, dass niemand mehr das goldglänzende Rollgitter hochzieht .

All

You can

Eat… Ufffff… Yes!

All you can f…

Pufffff…

Die Coronoia-Politik mit ihren rigorosen Zwangsmaßnahmen hat das Elend der Prostitution deutlich zutage gebracht. Viele Prostituierte, die ihren traurigen Job in den seltensten Fällen freiwillig machen und in der Regel ohnehin am Rand des Existenzminimums leben, wurden durch die Schließung der Puffs in die Illegalität getrieben. https://www.express.de/koeln/zufaellig-entdeckt-corona-verstoss–koelner-polizei-hebt-illegalen-puff-aus-36607810

Seit Wochen hatten Prostituierte (überwiegend Frauen) für die Wiedereröffnung der Puffs demonstriert, auch vor dem Kölner Dom. https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/koeln-corona-sexarbeiter-demonstration-100.html Die mitverantwortlichen Kölner Kommunalpolitiker interessierte das, wie mir schien, kaum.

Prostitution ist ein Wirtschaftsfaktor. Die Bundesrepublik Deutschland gilt als „Bordell Europas“. Die liberalen deutschen Prostitutionsgesetze und günstige Preise locken Sextouristen aus aller Welt auch nach Köln.

Das Gebiet rundum die Hornstraße, an der das „Pascha“ liegt, ist trostlos und heruntergekommen. Gegenüber vom „Pascha“ hat ein Eros Center die Krise überstanden. „Das Bordell“ ist mittlerweile wieder in Betrieb.

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Aushang, fotografiert am 29.7.2020: „Das Bordell… Paket Lieferung… Bitte 20 m links in Eifachrt faheen … Vielen Danke…“

Henriette Reker, die am vergangenen Sonntag in der Stichwahl zur Oberbürgermeisterin wiedergewählt wurde, kennt das „Pascha“ wohl nur vom Hörensagen. Ich würde Frau Reker gerne einen Wandertag quer durch Köln empfehlen. Sie möge aus Neuehrenfeld kommend die Liebigstraße entlang gehen und hinter dem Gelände der „Fleischversorgung Köln“ in die Hornstraße einbiegen.

Den muffig-ätzenden Gestank, der hundert Jahre lang aus Richtung „Fleischversorgung“ kam und vom Schlachten erzählte, haben die Anwohner nicht mehr in der Nase. Der Schlachthof hat vor einigen Jahren den Betrieb eingestellt. Doch der fies beschmierte Geldautomat, der neben dem „Pascha“ an einer Hauswand hängt, tut es wohl immer noch.

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Die Warnung auf dem Bildschirm, dass die Geldscheine eingefärbt sind, gilt nur für den Fall, dass man auf die Idee kommt, den Automaten in die Luft zu sprengen.

Seit Mitte September sind auch in Nordrheinwestfalen die Bordelle unter strengen Hygiene-Auflagen wieder geöffnet. Die tragikomische Verkrampftheit der Sicherheitsmaßnahmen zeigt allerdings, wie gestört und verkrampft Prostitution ohnehin ist. Weil die Maßnahmen wirklich grotesk sind, seien sie hier zitiert: „…

+++ Corona-Regeln für Prostitution

Seit Mittwoch (16.09.2020) gelten in NRW neue, strenge Corona-Regeln für Bordelle und Prostituierte, nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster zuletzt das Prostitutionsverbot gekippt hatte.

Kontaktdaten angeben: Wer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen will, muss persönliche Daten hinterlassen: Zeitpunkt des Kontaktes, Name, Adresse und Telefonnummer. Diese müssen von den Prostituierten oder Bordellbetreibern vier Wochen lang aufgehoben werden.

Mindestabstand einhalten: Außer „während der Erbringung der sexuellen Dienstleistung“ müssen Kunden, Prostituierte und andere Bordellzugehörige den Mindestabstand von eineinhalb Metern einhalten.

Nur Einzelkontakt: Kunden dürfen nur alleine Sex mit Prostituierten haben. Mehr als diese zwei Personen dürfen sich derweil nicht im Raum befinden.

Hände waschen: Kunden und Prostituierte müssen sich vor und nach der sexuellen Dienstleistung die Hände waschen beziehungsweise desinfizieren. Die Bordelle und Prostituierten müssen für entsprechende Möglichkeiten sorgen.

Sex nur mit Maske: Das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen im Kontakt zwischen Kunden und Prostituierten ist „ab der Kontaktaufnahme zwingend und konsequent geboten“. …“ https://www1.wdr.de/nachrichten/corona-bordelle-prostituierte-100.html

Eine Empfehlung: Die Fotografin Bettina Flitner, Ehefrau von Alice Schwarzer, ist vor ein paar Jahren in das Stuttgarter Groß-Bordell „Paradise“ gegangen, hat Freier zwischen 23 und 73 Jahren fotografiert und den ganz normalen Männern eine ganz normale Frage gestellt: „Warum sind Sie hier?“ Der Artikel ist großartig: http://www.bettinaflitner.de/fileadmin/img/Press_Artikel/Freier_STERN.pdf

Eine der großen Lügen unserer Zivilisation behauptet, die Prostitution sei so alt wie die Menschheit. Korrekt sollte es heißen: Die Prostitution ist so alt wie das Patriarchat. In den frühesten Kulturen, den menschlichen Gesellschaften noch vor den Matriarchaten, war das weibliche das starke Geschlecht. Frauen hatten, so müssen wir annehmen, eine Macht, die keine angemaßte war, sondern eine naturgegebene (dazu später einmal mehr).

Frauen haben weniger Muckis als Männer, aber sie haben etwas, das Männern fehlt: die Gebärfähigkeit.

Bei Ausgrabungen unter der Leitung des US-Archäologen und Tübinger Professors Nicholas Conard wurde im Jahr 2008 in der Höhle „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb nicht nur eine Flöte gefunden, die aus einem hohlen Gänsegeierknochen geformt ist, sondern man fand auch die Teile einer kleinen, aus Mammutzahn-Elfenbein geformten Frauenfigur mit ausgeprägten geschlechtlichen Merkmalen, der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“. Figurine und Flöte sind beide etwa 40.000 Jahre alt und gelten als die älteste bekannte plastische Menschendarstellung und das älteste je gefundene Musikinstrument.

Nicholas Conard weist darauf hin, dass es für die Eiszeitmenschen, die noch Jäger und Sammler waren, katastrophal war, wenn junge, fruchtbare Frauen starben. Der Tod einer einzelnen gebärfähigen Frau konnte die Existenz der gesamten eiszeitlichen Gruppe gefährden. Der Tod einzelner Männer hingegen war verschmerzbar. Denn, so Conard mit feinem Humor: „Wenn ein paar Männer verschwinden, ist es nicht schlimm.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/vor-zehn-jahren-erstmals-praesentiert-die-venus-vom-hohle.932.de.html?dram:article_id=448559

Kannten die Eiszeitgemeinschaften Bordellle? Wohl kaum.

Veedel for future: Bei der Wahl des Stadtrates erreichen DIE GRÜNEN in Nippes 38,87%!

Wir alle kennen es: Die stille Genugtuung, wenn wir mit 120 Stundenkilometern über die Autobahn rollen – und auf der Gegenfahrbahn bewegt sich nichts mehr. Die kleine Schadenfreude sei jedem erlaubt. Nicht erlaubt sein dürfte, dass Menschen durch Katastrophengebiete reisen und ihren Spaß haben, während andere Menschen ganz in der Nähe erleben müssen, wie ihre Welt untergeht.

Als ich Näheres erfahren wollte über die verheerenden Waldbrände, die derzeit in Kalifornien wüten, bin ich auf die Internet-Seite eines deutschen Reise-Anbieters gestoßen: „Leider sind durch die Waldbrände auch immer wieder wichtige Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und Straßen betroffen. Daher ist es wichtig, sich vor einer Kalifornien-Rundreise ausführlich über bestehende Waldbrände und auch Straßensperrungen zu informieren.“ https://www.kalifornien-tour.de/kalifornien-waldbraende.htm

Man hält sich, so wird suggeriert, die Katastrophe vom Leib, wenn man nur den entsprechenden Abstand einhält. In sicherer Entfernung geben die Brände eine schöne Kulisse ab für Selfies und Urlaubs-Filmchen. Natürlich sind nicht alle Touristen, die zur Zeit durch Kalifornien reisen, sensationslüstern. Der Klimakatastrophen-Tourismus jedoch ist nicht nur respektlos den betroffenen Menschen gegenüber, sondern nährt die Illusion, dass wir hier in Deutschland nicht Betroffene sind, sondern nur Zuschauer. Doch auch wir sind betroffen, wenn auch bei weitem (noch) nicht in diesem Ausmaß.

Heute, am 15. September, ist es in Köln-Nippes 34 Grad heiß. Die Hitze passt nicht zum Frühherbst-Licht. Die Sonne brennt, aber sie sie steht nicht mehr hoch am Himmel und wirft bereits lange Schatten. Die Böden sind seit Monaten so trocken, dass die Amseln keine Regenwürmer aus der Erde picken können. Zum Glück kühlt es sich mittlerweile nachts ab. Obwohl wir in Deutschland in diesem Sommer eine nie gekannte Dürre erlebt haben und immer noch erleben, glaubt man hierzulande, man könne die dringend notwendigen Klimaschutz-Maßnahmen auf später verschieben. Die Politik macht uns vor, die Klimakatastrophe ließe sich Zeit und man hätte alles im Griff. Hauptsache, die Sirenen sind gewartet und die Warn-Apps tun ihren Dienst.

Doch genau das tun sie nicht. Unter dem seltsam drohenden Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. „Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.“ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss

Doch all die hilflosen Kontrollmaßnahmen und Sicherheitsversprechen kommen bei den Menschen offenbar nicht mehr an. Bei den NRW-Kommunalwahlen am vergangen Sonntag mussten die etablierten Parteien mit ihrer nicht nur unglaubwürdigen, sondern meines Erachtens fahrlässigen „Wir haben alles im Griff“ – Politik eine schwere Niederlage einstecken. Zwar bleibt die CDU mit 34,3% vor der SPD (24,3%) landesweit stärkste Kraft, doch Wahlsiegerin, was den Zuwachs angeht, ist mit satten 8,3 Prozent plus die Partei DIE GRÜNEN, die damit auf 20 % kommt.

In den Großstädten gewannen DIE GRÜNEN besonders deutlich. In der Stadt Aachen (wo man unlängst -leider erfolglos- gegen den Weiterbetrieb des maroden grenznahen belgischen Atommeilers Tihange geklagt hatte) hat die grüne Kandidatin Sibylle Keupen große Chancen, in der Stichwahl Oberbürgermeisterin zu werden.

Im Rat der Millionenstadt Köln werden DIE GRÜNEN die größte Fraktion stellen, sie gewannen die Wahl mit 28% deutlich vor SPD (21,58%) und CDU (21,49%). Im Stadtbezirk Nippes wählten 38,87% der Bürger und Bürgerinnen bei der Wahl des Stadtrates GRÜN. Und was macht die „parteilose“ Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die von den GRÜNEN und leider auch der CDU unterstützt wird? Frau Reker erreichte anders als bei ihrem Debut im Jahr 2015 nicht die absolute Mehrheit, sondern muss (verdient, wie ich finde) am 27.9. in die Stichwahl.

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Vor dem Wahllokal (hier „Wahlraum“ genannt) 50106 in der Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße stand ich 40 Minuten in der Warteschlange. Nach einer halben Stunde ereichte ich den Eingang zum Schulgebäude und guckte einem verstörten Coronoia-Comic-Kind in die farblosen Knopfaugen, einem lieblos gezeichneten Schulmädchen mit blonden Zöpfchen, die vom Kopf abstehen wie zusammengedrehtes Bonbonpapier. Das Masken-Muss für Grundschulkinder ist eine der traurigsten deutschen Corona-Maßnahmen. Nicht einmal in Frankreich, wo die Maßnahmen sehr rigide sind,  müssen sechsjährige Schulkinder Masken tragen, denn dort gilt die Maskenpflicht erst ab elf…..  Auch so entsteht ein Stau: Nicht richtig atmen, nicht richtig riechen, schon gar nicht schmecken: Die Gesichtsmaske behinderte mich auch hier. Ich hatte beim „Wahlgang“ nicht mehr alle Sinne beisammen und brauchte viel länger, als ich normalerweise gebraucht hätte, um die drei Wahlzettel (für Rat, Bezirksvertretung und OB) auszufüllen.

Vor allem die ganz jungen 16 bis 24jährigen Wählerinnen und Wähler haben DIE GRÜNEN gewählt. Viele von ihnen haben regelmäßig die Schule geschwänzt und dabei, wie wir sehen, „für das Leben“ gelernt. Es lebe Fridays for future!

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Für DIE GRÜNEN bleibt viel zu tun. Man wird offen und respektvoll auf die Jungen zugehen müssen. Schließlich hat man ihnen den Wahlerfolg zu verdanken. Die Wahlplakate der GRÜNEN waren krampfhaft lustig (s.oben) und leider auch nicht pfiffiger als die der anderen Parteien. Die Anspielung auf den desolaten Zustand der Schultoiletten habe ich wohl verstanden, aber… Die Werbetexter unterliegen auch bei der Wahlwerbung, wir wir sehen, einem tragikomischen Kreativitätszwang. Wie dem auch sei: Ich freue mich über den Wahlerfolg der GRÜNEN!

Kein Abstrampeln für die Klimapolitik der Stadt Köln: Kapitänin von Stellwerk60-Team SattelFest verabschiedet sich vom Stadtradeln

Vor einer Woche hat in Köln das diesjährige Stadtradeln begonnen, eine bundesweite Großveranstaltung des Netzwerks Klimabündnis. Im Klimabündnis haben sich im Jahr 1990 zahlreiche Städte, Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen und sich verpflichtet, das „Weltklima zu schützen“.

Stadtradeln ist eine Mitmach-Aktion, die zum Klimaschutz beitragen soll. Die Spielregeln: Während eines Zeitraums von drei Wochen steigen Menschen vom Auto auf’s Fahrrad um und zählen per Internet die Kilometer, die sie radelnd zurücklegen. Stadtradeln ist eine pfiffige Idee, wie ich finde, aber doch nur eine symbolische Aktion. Denn was hilft es, wenn wir nach den drei Wochen (fast) alle wieder ins Auto steigen? Stadtradeln beschert uns lediglich ein gutes Gewissen – Jahr für Jahr.

Es ist eine Anmaßung zu meinen, wir Menschen, die wir die Klimakatastrophe verursacht haben, könnten das Weltklima schützen! Ich denke, es geht viel mehr darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen. Wir müssten jetzt die Notbremse ziehen. Denn wenn „das Haus brennt“ (Greta Thunberg), kann man es nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Da hilft nur eines: Löschen.

Nachdem der Rat der Stadt Köln im Mai Grünes Licht gegeben hat für die Bebauung des Äußeren Grüngürtels mit FC-Trainingsanlagen, habe ich das Vertrauen in die aktuelle Kommunalpolitik verloren. Schließlich hat die Stadt Köln vor einem Jahr -wie viele andere Kommunen auch- den „Klimanotstand“ ausgerufen. „Klimanotstand“ heißt: Der Schutz des Klimas hat absolute Priorität. Demnach sind alle kommunalen politischen Entscheidungen dem Klimaschutz unterzuordnen. Mit dem JA zur Bebauung verstößt die Stadt Köln gegen die Regeln, die sie selber aufgestellt hat.

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Ich liebe meine Stadt, ich fahr Rad, aber ich mach nicht mehr mit…

Im Grußwort zum Kölner Stadtradeln schreibt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln und Schirmherrin der Aktion, beschwichtigende Sätze: „Der Umstieg vom Auto auf’s Rad ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel: bereits vor 2050 wollen wir klimaneutral sein.“ Ein frommes, zahmes, aber meines Erachtens grob fahrlässiges Versprechen mitten im Kommunal-Wahlkampf. Natürlich lassen wir Menschen uns gerne beruhigen, aber die Rettung der Welt können wir nicht auf 2050 verschieben.

Am bundesweiten Stadtradeln, das seit 2008 veranstaltet wird, nimmt die Stadt Köln seit 2016 teil. Ich habe im Jahr 2016 gemeinsam mit Nachbarin Annette Dauberschmidt das Team Stellwerk60 – SattelFest gegründet. Doch am Ende der drei Wochen war ich alleinige Teamkapitänin, denn Annettes und meine Vorstellungen gingen weit auseinander. Annette wollte ein kleines, überschaubares Team, ich ein großes.

Auf diese Weise wollte ich auf unsere Siedlung aufmerksam machen. Dass Köln mit Stellwerk 60 eine autofreie Siedlung hat, ein bau- und klimapolitisch zukunftsweisendes Projekt, ist in der Stadtspitze -während Besuchergrupen aus aller Welt anreisen, u.a. aus Japan und den USA- niemals angekommen. Vom Spiel-Ehrgeiz gepackt, schaffte ich es tatsächlich, dass wir im Jahr 2016 mit 135 Radlerinnen und Radlern das zweitgrößte Kölner Team wurden und bei der offiziellen Siegerehrung im Rathaus „auf dem Treppchen standen“.

Im Jahr 2020 ist alles anders. Auch beim Stadtradeln gibt die „Gesundheit“ die Richtung vor. So verkündet das Klimabündnis auf stadtradeln.de: „Nicht nur wir, sondern auch das Bundesgesundheitsministerium ist überzeugt, dass das Fahrrad das sinnvollste Verkehrsmittel für die verbleibenden unvermeidlichen Wege ist – sei es zum Einkaufen oder zur Arbeit….“ Der Text enthält nicht nur einen peinlichen Grammatikschnitzer, „… nicht nur wir…  ist überzeugt…“, sondern kommt furchtbar verkrampft daher.

Wenn ich Rentner Alf Kroll, der drei Mal hintereinander in der siedlungsinternen Wertung das Gelbe Trikot erkämpft hat, ohne kämpfen zu müssen, etwas von den „verbleibenden unvermeidlichen Wegen“ erzählen würde, würde Alf lachen, denn er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, der nicht nur das Radeln liebt, sondern auch die guten Radwege, von denen es europaweit (nicht nur) in den schönsten Landschaften immer mehr gibt und auf denen es große Freude macht zu fahren.

Das Miteinander, das das Stadtradeln eigentlich ausmacht, fällt in diesem Jahr aus. So rät das Klimabündnis „derzeit davon ab, das STADTRADELN 2020 mit gemeinsamen Radtouren, Auftaktveranstaltungen oder anderen Aktionen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, zu flankieren.“ (stadtradeln.de) Team-interne Siegerehrungen, so legt man uns nahe, sollen auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

Offensichtlich sind dem Klimabündnis die selbstorganisierten, letztendlich nicht kontrolllierbaren „Aktionen“ suspekt. Auf diese Weise verödet allerdings das Stadtradeln, denn es mutiert zu einer Art Computerspiel mit Echt-Anteil: Jede(r) fährt für sich allein und trägt KIlometer ein. Wie langweilig. Da kann man, so denke ich, gleich auf dem Standfahrrad fahren. Auf diese Weise schützt man sich nicht nur vor Regen, sondern erspart sich auch die verbleibenden unvermeidlichen Wege.

Wie traurig: Es ist, als würde man einem Vor- oder Grundschulkind, das einen Schwimmkurs besuchen will, sagen: „Das geht jetzt nicht, du darfst nicht mit anderen Kindern ins Wasser, denn wir sind von Corona bedroht und müssen aufpassen. Du kannst nicht ins Schwimmbecken, denn im Wasser wimmelt es vor Viren. Aber du kannst trockenschwimmen. Du brauchst nur den schönen neuen Computer anzustellen, den wir uns extra für deinen Schulunterricht angeschafft haben. Da bietet man digitale Schwimmkurse an.“

Huch! Dass die Kinder in den letzten Monaten solche oder ähnliche Sätze tatsächlich zu hören gekriegt haben, habe ich soeben gelesen. Mittlerweile finden zwar in Deutschland wieder Schwimmkurse (im Wasser!) statt, aber Ringe und Schwimmnudeln etc. sollen die Kinder (in der Regel) von zu Hause mitbringen. Außerdem vertreten die Eltern vielerorts die Schwimmlehrer und müssen mit den Kindern ins Becken! Ist das alles noch wahr? Nebenbei gesagt: In Schweden, wo die Grundschulkinder in den letzten Monaten nicht nur uneingeschränkt die Schule, sondern auch Schwimmkurse besuchen konnten wie eh und je und dabei viel Wasser geschluckt haben, weil es nun mal dazu gehört, ist meines Wissens kein Kind besorgniserregend erkrankt. Schwimmen ist eine Kulturtechnik und (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Zurück zum Stadtradeln: Wieder einmal ist die Corona-Politik ein Angriff auf unsere Lebensfreude. Ob am Rhein, am Ballermann oder im Karneval: Genuss macht sich gerade da verdächtig, wo man ihn sich noch leisten kann. Und weil es derzeit so gut ankommt, verkauft man uns das zurechtgestutze Radeln noch als Gesundheitsmaßnahme. Auf einen Artikel auf spiegel.de mit dem Titel „Warum Fahrradfahren gleich doppelt schützt“ weist stadtradeln.de mit folgendem Link hin: Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens in Zeiten von Corona

Unter dieser Formulierung verbirgt sich ein sentimentaler Romantitel, den wir alle im Ohr haben: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Der Autor des Romans ist der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. (Ob der Roman so schwülstig ist, wie der Titel suggeriert, weiß ich nicht, denn Ich habe ihn nicht gelesen.)

Das Radfahren „in Zeiten von Corona“ –  „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Die Ähnlichkeit scheint gewollt. Ich fürchte, da war ein psychologisch geschulter textender Schlaumeier bzw. eine Schlaumeierin am Werk. Ich fremdschäme mich sehr.

So weh der Abschied tut: Da das Stadtradeln zu einer spießig-autoritären Veranstaltung mutiert ist, die indirekt auch noch für die katastrophale Klimapolitik der Stadt Köln wirbt, steige ich als Teamkapitänin aus.

 

Ergänzung 31.8.: In der Wertung von Stadtradeln Köln liegt am 10.Tag mit 136 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 14.909 bislang geradelten Kilometern aktuell ein Team mit wohlklingendem Namen vorne, dessen pole position Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erfreuen dürfte: „Gesunde Uniklinik Köln“.

Elfchen im Achten: Wer nicht schnüffeln darf, wird…

Hunde, die ja bekanntermaßen gerne schnüffeln, fangen sich schnell Zecken ein. Bei unserem Hund Freki (10) sitzen sie mit Vorliebe im Gesicht. Manchmal, so denke ich, kann eine Maul- Nasenbedeckung gute Dienste leisten, denn…

… mit Maske wär das nicht passiert:

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Mai 2020: Die Zecke an Frekis Schnauze, die noch deutlich dicker wurde, bevor sie abfiel, sollte bis jetzt (13.8.) im Kopfbereich die einzige bleiben.

 

In den Jahren 2018 und 2019 war vor allem der Bereich rund um Frekis Augen betroffen (vgl. Blogbeiträge „Zeckenkrieg“ und „Der Zeckenindikator“).

 

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Juli 2019:

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Zecken, zupfreif. Ich habe sie damals nicht entfernt, sondern gewartet, bis sie abgefallen sind (Die „Therapie“ ist nur beim Hund zu empfehlen!). Wenn die Zecken neben dem Auge sitzen, darf man den Hunden nicht zu nahe kommen. Sie knurren, denn sie fürchten um ihr Augenlicht. Die Hunde wissen: Wenn der Mensch die Zecke herauszieht, kann es schnell zu Entzündungen kommen.

An Borreliose können auch Hunde schwer erkranken. Das passiert allerdings sehr selten, wie mir Frekis Tierärztin erzählte. Achtung: Menschen sollten sich nach Waldspaziergängen immer nach Zecken absuchen und die Tierchen, deren Stich man anders als den Stich der Wespe nicht spürt (damit man sie beim Saugen nicht stört), so schnell wie möglich entfernen…  Ich fand gerade einen Text, der plastisch erzählt, warum: „Borreliose wird nicht durch den Einstich der Mundwerkzeuge der Zecke in die Haut übertragen, vielmehr findet die Borreliose-Übertragung erst gegen Ende der Blutmahlzeit statt. Nach circa 24 Stunden steigt das Infektionsrisiko deutlich an, da nach dieser Zeit die Blutmahlzeit in der Regel abgeschlossen ist. Wenn die Zecke satt ist, würgt sie nämlich etwas Mageninhalt in die Wunde des Opfers, und mit ihm vorwiegend das Bakterium Borrelia burgdorferi.“ https://www.drseitz.de/schwerpunkte/borreliose-therapie/borreliose-infektionsweg.html

Da aufgrund des „Klimawandels“ die Winter immer wärmer und kürzer werden, werden die Zecken früher im Jahr aktiv und bleiben es länger. Dennoch wird die Gefahr überschätzt. „Das Risiko zu erkranken“, so schrieb ich vor einem Jahr an dieser Stelle, „ist gar nicht so hoch, wie man denkt. Zwar tragen (je nach Gebiet) bis zu 30 % der Zecken Borrelien in sich, aber nur 2,6 bis 5,6% der gebissenen Menschen entwickeln Antiköper dagegen. Lediglich 0,3 bis 1,4% der von einer Zecke Gebissenen erkranken tatsächlich an Borreliose (Zahlen: Robert-Koch-Institut, Stand: 14.2.2018)“ Tückisch ist die Borreliose allerdings wegen der möglichen Spätfolgen. Manche Menschen, die Antikörper entwickeln, haben zunächst keinerlei Symptome, werden aber Jahre später ernsthaft krank.

Das Thema „Zecken“ zieht immer. Gewohnt reißerisch hatte Ende Mai 2020 die Bild-Zeitung Zecken-Alarm geschlagen:

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In diesem Jahr hat die mediale Coronoia andere Katastrophen-Schlagzeilen in den Hintergrund gedrängt, wo sie dennoch gewirkt haben. Gefährlich sind Horror-Meldungen wie diese, weil sie nicht nur maßlos übertrieben sind, sondern untergründig dazu beitragen, die Corona-Panik noch weiter anzufachen. „Sie stechen so früh wie nie!“ ist übrigens Unsinn: Als die Bild-Zeitung Ende Mai drohte, waren die Zecken schon seit mindestens zehn Wochen aktiv. Hund Freki hatte bereits im März eine erste Zecke im Fell.

 

Kaum jemand, mit dem ich ins Gespräch komme, hat noch Angst vor dem Corona-Virus. Aber die meisten Menschen haben Angst, drakonische Strafen bezahlen zu müssen, den Job zu verlieren etc. Daher tragen alle die Maske, ob fertig gekauft, selber genäht, gehäkelt, gestrickt, zusammengeheftet. Wir sehen bescheuert aus und bedecken die untere Gesichtshälfte mit kleinen Stoffteilen, die vermutlich nichts weiter sind als Scherzartikel. Wir tragen uns mit unleserlichem Namen in die Listen ein, die in den Cafés ausliegen, was niemanden interessiert.

Aber wir alle sind angespannt. Gereizt sind insbesondere die völlig überforderten Menschen in „systemrelevanten“ Berufen. Im Supermarkt begegne ich täglich Verkäuferinnen und Verkäufern, die man vor Monaten noch „gefeiert“ hat. Jetzt sind sie dazu verdonnert, die Regale wieder alleine aufzufüllen, ohne die Mitarbeit der für kurze Zeit eingestellten Hilfskräfte, und von morgens bis abends eine Maske zu tragen. Die Regale sind wieder gut bestückt und die Kunden undankbar und grantig wie eh und je.

Weil ich keine Gesichtsmaske dabei hatte, wurde ich am Tag der Beerdigung des Leichnams meines Mannes früh am Morgen aus dem REWE an der Nohlstraße geworfen. Eine seltsame Erfahrung, wenn man Stammkundin ist und immerhin 61. In Ermangelung einer Maske riss ich mir eine kleine Obsttüte von der Rolle, klemmte mir den Plastiklappen hinter die Ohren, schritt in den Laden und wurde direkt zurückgepfiffen: Halt! Eine zweite maskierte Verkäuferin kam dazu: Halt! Ich ging weiter und stammelte einen Satz wie: Mein Mann wird heute beerdigt, ich muss noch ein paar Zutaten einkaufen für den Brunch. Man holte Verstärkung, diesmal einen ebenfalls älteren männlichen Kollegen mit FC Köln-Maske (Aufdruck: Zesamme stark blieve), verfolgte mich durch den Laden und schrie im Verein: Raus, raus, raus! Ich stellte ein Glas Mayonnaise aufs Kassenband. Nichts da, raus, raus, raus! Ich brach in Tränen aus. Kein Erbarmen: Raus, raus, raus!

Wenn wir eine Maske tragen müssen bzw. einen Maulkorb, spannt uns das an. Wir sind nicht nur schlecht gestimmt, sondern auch (latent) aggressiv. Kluge Hunde wissen das. Ihnen widme ich mein Elfchen des Monats.

 

 

Weise

Hunde warnen:

Wer nicht schnüffeln

Darf, wird erst richtig

Scharf

 

 

 

 

Staatlich kontrolliertes Bestatten: Eine Selbsterfahrung

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Deckblatt der Trauer-Anzeige: Sonne, Mond und Erde u.u.u… Grafik: Marleen-Christin Schwalm

Ich machte während der Beerdigung meines Mannes auf dem Kölner Melaten-Friedhof eine neue Erfahrung. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass der Leichnam im Sarg nichts weiter ist als eine sterbliche Hülle und dass die Seele des geliebten Menschen woanders ist und sich hat befreien und die „sterblichen Überreste“ wie eine Schlangenhaut hat abstreifen können. Ohne diese deutliche Empfindung hätte ich die Beerdigung meines Mannes kaum ausgehalten. Der kleine Raum unter der Erde, das exakt vermessene Grab, gemietet bei der Stadt Köln gemäß Friedhofsgebührensatzung, hat nichts zu tun mit der grenzenlosen, unendlichen Anderwelt, an deren Existenz ich seit einigen Jahren glaube, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben.

Wie so vieles in diesen verdrehten Coronoia-Zeiten, wo uns die Erde als „ein umgestürzter Hafen“ (Georg Büchner, Woyzeck) erscheint, war auch die Bestattungs-Zeremonie seltsam irreal.

Mittlerweile sind Trauerfeiern in geschlossenen Räumen wieder zugelassen, aber es wird erwartet, dass die Menschen Masken tragen und Abstand halten. Soweit ich es mtbekommen habe, musste sich immerhin niemand mehr namentlich in eine Kondolenz-Liste eintragen. Die Bestuhlung in der Trauerhalle ist variabel. Aktuell ist in jeder Stuhlreihe jeder zweite Stuhl entfernt, so dass 30 statt normalerweise 60 Personen einen Sitzplatz haben. Wie wir alle wissen, ist es tröstlich, während einer Trauerfeier eng beieinander sitzen und einander spüren zu können. Mit den Lücken zwischen den Stühlen ist das unmöglich. Besonders leid tat es mir für Jürgen und Michael, die beiden Brüder meines Mannes, die in den letzten Monaten in Gedanken stets bei uns waren. Meine lieben Schwäger mussten den vorgegebenen Sicherheits-Abstand zu ihren Frauen Ingrid und Daniela einhalten.

Es waren überraschend viele Menschen gekommen, zahlreiche mussten stehen. Das war tröstlich und spiegelte in keiner Weise die Isolation wieder, in der sich mein Mann und ich in den letzten Monaten nicht nur coronabedingt befunden hatten.

Ich selber setzte mich nicht, sondern hielt die Trauer-Rede: Manfred mein Manfred. Aber  ich redete nicht nur vom Ende des Lebens, sondern auch vom Beginn. Meine Töchter Lea und Carla, die neben mir standen, lasen die zärtlichen kleinen Gedichte vor, die ihr Vater anlässlich ihrer Geburt vor 21 bzw. 24 Jahren geschrieben hatte – damals auf Wunsch meiner Mutter, die eine Geburtsanzeige verschicken und auch ein bisschen mit ihrem dichtenden Schwiegersohn angeben wollte.

Manfred und ich haben nicht gedacht, dass Manfred sterben würde, sondern gesund werden. Daher haben wir nie über eine Bestattung geredet. (Wir hatten -nebenbei gesagt- auch keine Patientenverfügung). Melaten ist gewiss in seinem Sinn, denn seine Mutter und viele seiner Vorfahren mütterlicherweits (die Springobs) sind hier bestattet. Manfred, der anders als ich gerne auf Friedhöfe ging, hat vor vielen Jahren einmal einen Essay veröffentlicht mit dem Titel „Illusionsraum Melaten“. Sein eigenes Grab jedoch liegt da, wo Melaten kein Illusionsraum ist: Direkt an der Friedhofsmauer und ganz in der Nähe der vielbefahrenen Weinsbergstraße. Man hat in der Stadt Köln zwar die freie Friedhofswahl, bekommt aber den Platz zugewiesen – In diesem Fall kein lauschiges Plätzchen.

Die Beerdigung fand erst nach drei Wochen statt. Als Manfred gestorben war, habe ich vier Stunden neben dem Leichnam gesessen und erst dann den Notarzt benachrichtigt. Nach und nach waren das Leben und die Wärme aus dem toten Körper entwichen, und der Leichnam, dem ich den Ehering vom Finger abstreifte, war nicht mehr mein geliebter Mann, mit dem ich über dreißig Jahre zusammengelebt hatte. Meine Liebe galt nicht mehr seinem Leib, sondern hatte sich mit etwas verbunden, das ich Seele nennen möchte.

In Nordrhein-Westfalen darf man, wenn ein Mensch zu Hause verstirbt, den Leichnam 36 Stunden bei sich behalten, ohne den „Abtransport“ zu veranlassen. Nach vier Stunden wollte ich diesen „Abtransport“ – unbedingt. Ich fremdelte. Da die Hausärztin in Bonn und nicht in Köln praktiziert, musste ich den Notarzt anrufen.

Maskierte Notärzte kamen, maskierte Kriminalpolizisten, unisex in Uniform, Männer und Frauen, später dann kamen zwei unmaskierte Personen von der Gerichtsmedizin, beide auffällig leger gekleidet, ein Mann und eine Frau. Man machte Fotos, inspizierte den Leichnam und befestigte Elektroden. Man teilte mir etwas mit: „Ihr Mann ist verstorben“.

Ich bin so froh, dass meine beiden Töchter an dem Tag nicht in Köln waren, sondern bei ihren Liebsten. Ich selber bin 61 Jahre alt und abgebrüht, doch meine Töchter (21 und 24) sind das noch nicht.

Da mein Mann zu Hause gestorben war, brachte man den Leichnam in die Gerichtsmedizin. In wenigen Tagen, so sagte man mir, werde man mir Bescheid geben. Man werde mich anrufen – unter meiner Festnetz-Nummer.

Jedes Mal zuckten wir (meine Töchter waren gekommen) zusammen, wenn das Telefon klingelte, aber über Kondolenzanrufe hinaus kamen nur Werbeanrufe. Ich hatte Medienbilder vor Augen, ich sah vermummte Pathologen, wie sie mit gieriger, panischer Akribie die Leichen der an Corona verstorbenen Menschen durchforsten, um weitere, vermeintlich durch das Virus verursachte Schäden zu entdecken.

Je länger wir warten mussten, desto schlimmer wurden die Bilder. Dass so viele Tage vergingen, sagte mir, dass man gründlich gearbeitet hatte – auf der Suche nach Metastasen eines Tumors, den mein Mann vermutlich nie gehabt hatte.

Erst nach fünfzehn Tagen, am 17.  Juli,  kam am Freitagmorgen der Anruf der Kriminalpolizei. Der Leichnam sei bereits am 6. Juli freigegeben gewesen, denn man habe ihn nicht sezieren müssen. Mein Mann sei eines natürlichen Todes gestorben. „Ich habe ein Schreiben der Kriminalpolizei, auf dem steht, dass ein Leichnam nur so lange aufbewahrt wird, bis er abholbereit ist“, antwortete ich. Darauf sagte der Kriminalpolizist: „Sie müssen einen Bestatter informieren, der mit uns Kontakt aufnimmt.“ Darauf sagte ich: „Soweit ich informiert bin, muss ich das nicht. Und wie soll ich den Bestatter informieren, wenn ich nicht einmal weiß, dass der Leichnam abholbereit ist?“ Dann kam eine Behauptung, die nicht der Wahrheit entspricht, was sich im Zweifelsfall nachverfolgen ließe: „Wir haben Sie angerufen.“

Dass ich von „Zweifelsfall“ schreibe, hat einen Grund. Wird ein Leichnam in die Gerichtsmedizin gebracht, müssen die Angehörigen für die Aufbewahrungskosten („Kühlung“) aufkommen. Zwei Menschen erzählten mir (unabhängig voneinander!) folgendes: Da die öffentlichen Kassen leer sind, bewahrt man die Leichname zur Zeit lange dort auf. Die Kosten sind gestaffelt: In der ersten Woche kostet die „Kühlung“ 40 Euro am Tag, in der zweiten 100 am Tag, in der dritten 200…

Die Stadt Köln hat mir noch keine Rechnung geschickt. Auch wenn man die Todesursache (vermutlich eine akute Aspirin/Ibuprofenvergiftung) nicht hat ermitteln können, war und bin ich doch überglücklich, dass man den Leichnam meines Mannes nicht seziert hat. So konnte ich seinen unversehrten Leichnam in einem Sarg bestatten lassen.

Zur Beerdigung kamen einige Menschen nicht, die ich gerne umarmt hätte, aber es waren viele da, mit denen ich niemals gerechnet hatte. Und einer kam, den ich seit langem aus der Ferne bewundere und den ich im Rahmen der Highlights der Physik 2019 in Bonn bei einem Abendessen persönlich kennengelernt habe: Der Dortmunder Physikprofessor und Wissenschaftskabarettist Metin Tolan.

Metin Tolan und Axel Carl, ebenfalls habilitierter Physiker, waren mit der Bahn angereist. Im Anschluss an die Beerdigung kamen sie noch mit in unseren Garten, wo wir Biertische aufgebaut und zu einem Brunch (bei dem sieben Flaschen Sekt geleert werden sollten) eingeladen hatten. Zum Glück war das Wetter schön, denn im Haus wäre niemals genug Platz gewesen für die vielen Gäste. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei unseren Nachbarn Sabine und Prasad bedanken, deren Garten wir mitbenutzen konnten.

Vor allem aber möchte ich mich bei den Freundinnen und Freunden von der Agentur für Wissenskommunikation IserundSchmidt bedanken, wo mein Mann Geschäftsführer war. Ich war noch so weit weg von der Welt, dass ich niemals in der Lage gewesen wäre, eine Traueranzeige zu gestalten. Genau das müssen die IserundSchmidts geahnt haben, denn sie gestalteten (unabgesprochen) eine Anzeige, die geschäftlich und privat zugleich war. Ich hatte die Anzeige erst am Tag vor der Bestattung in Händen, deshalb konnte ich sie nicht mehr verschicken, sondern nur einzelne Exemplare persönlich verteilen. Damit alle, denen ich sie gerne geschickt hätte, sie dennoch sehen können, habe ich die Anzeige abfotografiert.

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Und  noch etwas Großartiges haben die Kollegen gemacht, ohne dass es abgesprochen werden musste: Sie haben die Agentur seit Oktober 2019 am Laufen gehalten.

Mein Mann hat während dieser Zeit über die Agentur sein volles Gehalt bezogen. Er war zwar Selbstständiger, aber gesetzlich krankenversichert. Mein Mann hatte eine Zusatzversicherung für den Krankenfall. Wird der Versicherte schwer krank, zahlt die Krankenkasse nach sechs Wochen 80% des Nettogehalts, allerdings nur dann, wenn sich der oder die Kranke im Krankenhaus behandeln lässt.

Der kranke Mensch muss sich, will er weiterhin Geld bekommen, der ärztlich verordneten Therapie unterziehen, und ist die vorgeschlagene Therapie auch noch so inhuman und brutal (wie bei meinem Mann). Mein Mann hätte niemals zur Krankenkasse gehen und sagen können: Ich gehe den Weg der Selbstheilung, ich faste, ich probiere eine spezielle Diät, verzichte auf Zucker, Weißmehl und Schweinefleisch. Das alles hat mein Mann probiert, und der ursprüngliche, von außen gut tastbare Tumor hatte sich ja tatsächlich zurückgebildet. Mein Mann, so denke ich, hätte vollkommen gesund werden können, hätte er die Schmerztabletten abgesetzt. Wie gefährlich die frei verkäuflichen Schmerzmittel Aspirin und Ibuprofen bei dauerhafter Einnahme sind, habe auch ich leider zu spät begriffen.

Mein ganz besonderer Dank gilt Dr. Dr. Lutz Peschke, dem zukünftigen Geschäftsführer der Agentur IserundSchmidt.

Lieber Lutz, ich hatte so sehr gehofft, dass mein Bruder zur Beerdigung kommt und mich in den Arm nimmt. Stattdessen hast du das getan. Ich danke dir.

Elfchen im Siebten: Danke!

Das Elfchen des Monats ist diesmal ein Fünfchen:

 

  1. GACK    2. SACK

       3. PACK    4. ZACK!

        DANKE!

 

Abgeschrieben habe ich das muntere Fünfchen von einem Wiener „Hundekotsackerl“:

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Ein Hundekotsackerl der Wiener Straßenreinigung https://www.wien.gv.at/umwelt/ma48/sauberestadt/hundekotsackerl/index.html. Die Stadt Wien tut viel für den Ruf, eine der saubersten Städte der Welt zu sein. Offensichtlich (s. Internetseite) mit Erfolg. Diese Hundekotsackerl, die man in ganz Wien kostenlos aus 3600 Hundekotsackerlspendern ziehen kann, sind ein schönes Beispiel dafür, dass die Leute den Hundekot viel lieber entfernen, wenn sie aus der Entsorgung ein humorvolles Spiel machen können. Hier werden die Hundehalter, die sich ja in aller Regel verantwortlich fühlen, ernst genommen. Es wird nicht mit einer fetten Geldstrafe (die es natürlich im Fall der Nichteinhaltung der „Spielregeln“ auch in Wien gibt) gedroht, sondern freundlich „DANKE!“ gesagt. Ich sage: „Danke, Stadt Wien!“

 

Meine Tochter und ihre Freundin haben am 23. Juni hier in Köln eine Internet-Klausur (Uni Heidelberg, Klinische Psychologie) geschrieben – unter Corona-Bedingungen. Das war ein bisschen albern, denn es war eher eine Schein- bzw. Fakeklausur. Die beiden hätten nicht nur schummeln und voneinander abschreiben, sondern irgendwen beauftragen können, an ihrer Stelle vor dem Computer zu sitzen. Da sie Schummeln hassen und wochenlang gepaukt hatten, fühlten sie sich nicht ganz ernst genommen. Auch die sonst übliche Erleichterung nach der Klausur fiel aus – und das Feiern mit den Mitstudentinnen. Wie dem auch war: Am nächsten Tag verabschiedeten sich die beiden von meinem Mann und mir und reisten nach Wien.

Die Freundin meiner Tochter ist am Wiener Stadtrand aufgewachsen, im 23. Bezirk. Bei einem Ausflug zum nahe gelegenen privaten Badeteich im Seepark Vösenberg, einer aus dem Boden gestampften Wohnanlage des Bauträgers AURA, erlebten die Freundinnen am 26. Juni ein schweres Gewitter mit einem heftigen Hagelschauer. Der Hagel fiel nicht in Körnern, sondern in Kugeln, von denen einige nicht wirklich rund waren…

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Unter „tischtennisballgroßen Hagelkörnern“ habe ich mir immer etwas anderes vorgestellt, keine stacheligen Gebilde… Teile des Gartens der Wiener Großmutter wurden durch die  „Geschosse“ verwüstet, Blüten und Blätter zerstört. Für meine erschrockene Tochter waren die Hagelgebilde allerdings auch kleine Eis-Skulpturen, was sie getröstet hat. Mit etwas Phantasie lässt sich schrecklich Schönes entdecken: Eine Ente, ein Hase, zwei Finger: PEACE…

 

Das Versagen der aktuellen Klimapolitik zeigt sich auch darin, dass es keinerlei ernsthafte Bemühungen gibt, unsere Kinder zu schützen und ihnen eine Zukunft zu sichern. Wo bleibt da die Empathie, wo das Verantwortungsgefühl? Schon jetzt gibt es keinen Winkel auf der Erde, den die menschengemachte Klimakatastrophe nicht trifft. Aber noch trifft es uns nicht gleichermaßen. Wir satten Menschen der westlichen Welt können es uns noch bequem machen, das Dach erneuern und die Klimaanlage hochdrehen. Das ist himmelschreiend ungerecht. Wir müssen die Notbremse ziehen. Raus aus der wohltemperierten gesellschaftlichen Schockstarre, jetzt!

Manfred mein Manfred – Es gibt das Nichts nicht

*9.7.1957

 

„Ach ja“, sagte die Männerstimme, mit der ich vor einer Woche verbunden wurde, als ich die 112 anrief. „Dann haben Sie also auf dem Sofa gesessen und Ihrem Mann beim Sterben zugeguckt.“

„Nein, mein Mann ist in meinen Armen gestorben, während ich ihm Milch eingeflößt habe“, antwortete ich.

Manfred war gelassen und voller Zuversicht, wieder gesund zu werden. In den letzten sieben Wochen hatte er, nachdem er auf meine Bitte hin endlich das Schmerzmittel Aspirin abgesetzt hatte, auch die bohrenden Kopfschmerzen nicht mehr, die er für Tumor-Schmerzen gehalten hatte. Er starb, ohne irgendwelche Schmerzen zu haben. Er war nur sehr erschöpft und litt schwer unter den tiefgreifenden gesellschaftlichen Zumutungen, für die auch er kein treffenderes Wort fand als Coronoia.

Manfred ist vermutlich an den Folgen einer akuten Aspirin/Ibuprofen-Vergiftung gestorben. Aspirin kann genau die Schmerzen hervorrufen, die es eigentlich bekämpfen soll, insbesondere Kopfschmerzen. Mein Mann hatte Schmerztabletten geschluckt, bevor er überhaupt irgendwelche Schmerzen hatte, zunächst das rezeptfreie Ibuprofen. Später konnte er sich von einem Satz nicht lösen, den eine Ärztin im Sommer 2019 zu ihm gesagt hatte: „Sie werden schon bald mit den Schmerztabletten nicht mehr hinkommen.“

Die damals (in meinem Beisein) ärztlich empfohlene Höchst-Dosis war 2400 mg am Tag. Auf meine dringende Bitte hin hatte Manfred die geschluckte Dosis (2000 mg am Tag) nicht erhöht, sondern auf 800 mg reduziert, was völlig unproblematisch war.

Man hatte meinen Mann mit einem Tumorpatienten verwechselt, der er vermutlich nie war. Er hatte auch kurz vor seinem Tod keinerlei Symptome für einen weit fortgeschrittenen, metastasierenden, inoperablen Tonsillen- bzw. (vermuteten) Ohrspeicheldrüsenkrebs, der in der Uniklinik Bonn im Sommer 2019 diagnostiziert worden war und mit einer kombinierten Chemo-/Bestrahlungstherapie behandelt werden sollte.

In Absprache mit mir hat Manfred damals nein gesagt zu einer Therapie, die ihn -bei einer äußerst geringen Überlebenswahrscheinlichkeit- sehr schnell zum Invaliden gemacht hätte. Dieses Nein hören Ärzte nicht gerne, denn es stellt ihre Autorität in Frage und ruft Aggressionen hervor: „Wenn Sie unsere Therapie verweigern, lassen wir Sie im Notfall dennoch nicht im Stich. Sie können jederzeit zu einem Luftröhrenschnitt bei uns vorbei kommen.“ (Dr. Dr. Andreas Schön, Oberarzt in der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Bonn)

Unser letztes gemeinsames Jahr war ein Jahr der Flucht vor dem Zugriff einer auf gefährliche Irrwege geratenen Schulmedizin. Unsere besten Freunde und nahe Verwandte haben sich von uns distanziert, weil wir uns geweigert haben, den Wahnsinn mit uns machen zu lassen. Für uns beide war diese Flucht ein ungeheuerlicher Kraftakt.

Ich hätte den Kraftakt nicht geschafft, wenn ich nicht vor etwas mehr als fünf Jahren eine ganz besondere, spirituelle Erfahrung gemacht hätte.

Was ich jetzt zitiere, habe ich einmal (hier in diesem Blog) eine alte Frau sagen lassen, aber eigentlich habe ich es selber erlebt. Genau so, wie es dort steht…

„… Es geschah kürzlich, mitten in der Nacht. Ich war aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen. Nachdem ich eine Weile wach gelegen hatte, hörte ich ein Geräusch, das ich an diesem Ort noch nie gehört hatte, den einzelnen Schlag einer Glocke: Gonnnnnnggg. Ihr Klang kam von draußen, aus nächster Nähe. Nach einer Weile wiederholte sich der Klang: Gonnnnnnggg. Ich stand auf und guckte aus dem Fenster. Ich bemerkte nichts, was das Geräusch verursacht haben könnte. Ich legte mich hin und hörte wiederum die Glocke: Gonnnnnnggg.
Etwas nahm mich bei den Füßen und zog mich mit sich, es war, als würde ich auseinandergerissen werden, in tausend Stücke zerspringen, wahnsinnig werden, allen Erdboden verlieren.
Halt mich fest, sagte ich zu meinem Mann, der neben mir schlief.
Pst, sagte die Stimme, er schläft wie ein Kind. Weck ihn nicht auf, denn ich komme zu dir.
Ich fühlte mit einem Mal eine unendlich beglückende Energie, ich war durchflutet von Liebe. Ich war aufgehoben in der Welt und in mir und spürte mit jeder Faser meines Leibes das Leben. Alle je empfundene Liebe verdichtete sich in diesem einen Moment. Wie nie zuvor liebte ich den Mann, der neben mir lag…“

Ich habe seit diesem Erlebnis keine Todesangst mehr. Ich weiß, dass es das Nichts nicht gibt. Aber ich sorge mich auch mehr. Ich habe ein gesteigertes Empfinden für die von Menschen verursachten Gefahren, die das Leben auf der Erde bedrohen. Und ich empfinde in der Tiefe, was Greta Thunberg wieder und wieder gesagt hat und sagt: Das Haus brennt.

In unserem letzten gemeinsamen Jahr offenbarte sich die Welt um uns herum immer wieder in Bildern und Geschichten, in denen Tiere eine große Rolle spielten. Fünf Tage, bevor mein Mann starb, beobachtete ich etwas, das unsere Situation spiegelte, unseren gemeinsamen Überlebenskampf. Draußen vor der Tür spielte sich eine Liebesgeschichte ab. In unserem Garten erschien ein Amselpaar. Das Männchen nahm etwas vom Boden auf und stopfte es ihr in den weit aufgerissenen Schnabel. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Amselmännchen die Jungvögel füttern, wenn sie gerade flügge sind. Aber dieser Vogel, der da gefüttert wurde, war kein Jungvogel. Irgendwann -ich machte längst etwas anderes-  hörte ich einen dumpfen Knall. Die Amselin war gegen die Scheibe geprallt und saß jetzt auf dem Terrassentisch, um wieder zu Kräften zu kommen.

Auf der Gartenzauntür erschien eine gelbe Katze, die den Aufprall gehört haben musste. Ihr feines Gehör hatte ihr Bescheid gesagt, dass ein Vogel gegen die Scheibe geflogen war. Die Katze bemerkte mich hinter der Terrassentür und verschwand.

Kurze Zeit später kam das Männchen zurück. Die Amselin hüpfte zu ihm hin und flog mit ihm weg. Später sah ich die beiden Vögel noch im Vorgarten und begriff, warum die Amselin gegen die Scheibe geknallt war: Sie war auf einem Auge blind.

In diesen traurigen, verlogenen Zeiten, wo die Zuneigung zur Ware verkommt, wo sich alle 11 Minuten ein Single per parship verliebt, geben uns die Singvögel ein Zeugnis dafür, dass es sie immer noch gibt: die Liebe.

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Ein Engel