Elfchen im Fünften: Der Öko-Hund

Auf der Siedlungs-Wiese an der S-Bahn-Trasse wurden vor einigen Jahren neue Bäume gepflanzt. Die Park-Bäumchen stehen isoliert und sind weder durch Unterholz noch durch schattenspendende Nachbarbäume geschützt.

Einzelne Bäume sind eingegangen, wieder andere (die Mehrzahl) hätten die ungewöhnlich trockenen Sommer wohl kaum überlebt, wenn nicht einige Bewohner der autofreien und der benachbarten Wohnsiedlung regelmäßig für Wasser gesorgt hätten. Ein aufwendiges Unternehmen.

Mein Nachbar, der hier Pudel Moritz ausführt, hatte, wenn es heiß war, schon im Jahr 2019 mehrmals täglich bei sich zu Hause zwei große Gießkannen mit Wasser gefüllt. Er hatte sich die schweren Kannen an den Fahrradlenker gehängt und war damit zur ca. 200 m entfernten Wiese gefahren. Das sah bekloppt aus, war aber dringend notwendig.

Im letzten Jahr hat dann der Siedlungs-Verein Nachbarn60 die Initiative ergriffen: „Mitte Juni 2020 hat der Verein Nachbarn60 gegenüber der Stadt Köln eine Patenschaft für die Bäume auf den großen Grünflächen unserer Siedlung übernommen. Die Stadt bzw. die Rheinenergie hat uns für den Sommer 2020 ein Hydranten-Standrohr zur Verfügung gestellt und die Wasserkosten übernommen….“ Weiterlesen und Fotos angucken auf: https://www.nachbarn60.de/baeume-giessen.html

In diesem Jahr wird das sinnvolle und für die Bäume überlebensnotwendige Projekt weiter geführt. Hässliche grüne Kunststoffsäcke, die regelmäßig mit Wasser gefüllt werden und das Wasser über mehrere Tage hinweg gleichmäßig abgeben, zeugen von einer fortschreitenden Katastrophe, die man beschönigend „Klimawandel“ nennt. Hier, wo man anders als im dichten Wald die Bäume zählen kann, geht es um jeden einzelnen Baum. Da helfen keine Klagelieder („Mein Freund der Baum, ist tot“… Alexandra). Da hilft nur Wasser.

Doch das Befüllen macht viel Arbeit. Um auf das Projekt hinzuweisen und Helfer zu finden, hat der Nachbarschaftsverein Schilder an die Bäume gehängt.

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Ich glaub, ich steh im Schilderwald. Dieses ist nur eines von dreißig oder mehr. Hätte es nicht gereicht, nicht an alle betroffenen Bäume, sondern nur an einzelne ein Schild zu hängen? Und warum sagt der Baum „Ich“, warum nicht „Wir“ ? Aber ich meckere jetzt nicht mehr, denn das Projekt ist großartig und ich… drücke mich mal wieder vor der Mitarbeit. 

Ein weiterer Vorteil der Kunststoffsäcke besteht darin, dass die Hunde nicht mehr direkt an den Baumstamm pinkeln können, was den Bäumen ebenfalls schaden kann. https://www.tagesspiegel.de/berlin/hunde-urin-hoelzer-helfen-nicht/202754.html

Ich bat Hund Freki, vierbeiniger Bewohner der autofreien Siedlung Stellwerk 60, uns zu demonstrieren, wie sich der moderne Rüde klima-korrekt verhält, was er auch gleich umgesetzt hat.

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Sophisticated…

Mich hat Frekis vorbildliches Verhalten zum Elfchen des Monats inspiriert:

Wie

raffiniert er

den Sack umdefiniert

und sein Revier markiert!

Wau!!!

***

Corona-müder Mai: Mein Schlaf gehört mir, oder?

Am Tag vor dem 1.Mai wurde mir gegen 20h schlagartig klar, dass ich noch nicht eingekauft hatte. Der Feiertag fiel auf einen Samstag. Die Lebensmittelläden würden geschlossen sein, und auch der Samstagsmarkt auf dem Wilhelmplatz würde nicht stattfinden.

Also setzte ich mich aufs Rad und fuhr zur Neusser Straße. Doch offenbar ging es vielen Leuten wie mir, denn vor den Lebensmittelläden hatten sich lange Warteschlangen gebildet. Die drinnen waren, ließen sich Zeit, froh, endlich im Laden zu sein. Ich fuhr die Neusser Straße rauf und runter, aber die Schlangen verkürzten sich nicht. So radelte ich weiter Richtung 60-Viertel.

Vor dem REWE an der Nohlstraße standen auf dem Parkplatz etwa 50 Personen, die alle eine Maske trugen und den Sicherheitsabstand einhielten. Die lange Menschenreihe verlief nicht gerade, sondern bog sich, damit auch alle auf dem Parkplatz einen Platz fanden, in einem großen S zu einer Menschenschlange, die sich langsam auf den Weg machte Richtung Eingang. Sind wir vollends zu Kriecher-Tieren mutiert? Ich muss an die sich abseilenden Raupen der Gespinstmotte denken. (s. https://stellwerk60.com/?s=raupe+nimmerallein&submit=Suchen). Empfindet Angela Merkel, die aus der DDR stammt und vor der Wende oft in der Warte-Schlange stand, eine stille Freude daran, uns dabei zuzusehen, wie wir um Einlass betteln?

Ich bin in einer Walpurgisnacht noch nie so früh schlafen gegangen – im sicheren Wissen, nichts zu verpassen. Kein gutes Gefühl. Ich bin nicht einmal mehr neidisch auf die, die zu den großen, rauschenden Festen eingeladen werden, denn die großen, rauschenden Feste gibt es nicht mehr, allenfalls dort, wo ich nicht hinwill, hinter den verschlossenen Türen der Führungsetagen. Ich bin nicht eingeladen, aber auch nicht ausgeladen. Ich sehne mich nach dem Aschenputtel-Gefühl. Doch wir, das Volk, dürfen unter Androhung drakonischer Strafen nicht einmal mehr Volksfeste feiern.

Seit der alte Fernseher endlich kaputt ist, schlafe ich gut. Meine Träume erzählen mir viel. Warum ist unser Unbewusstes in der Lage, Geschichten zu spinnen? Warum erfindet es Handlungen, warum kreiert es Personen, die sinnvoll agieren? Die irrwitzige Corona-Politik ist nur mit Humor zu ertragen, und da ich Komödiantin bin, träume ich kleine Komödien (s. https://stellwerk60.com/2021/01/27/elfchen-im-ersten-wir-geben-euch-staatssicherheit-ein-gedicht-von-angela-merkel-das-sie-mir-vortrug-wahrend-ich-traumte/).

Ich empfinde den Nachtschlaf als sicheren Raum. Mein Schlaf gehört mir, und da ich gut schlafe, komme ich nicht auf die Idee, Schlaftabletten zu nehmen. Der Nachtschlaf ist unantastbar. So dachte ich, bis…

… ich vorhin las, dass wir uns in den Schlaf „daddeln“ lassen können. Tatsächlich wurde „die App Somnio entwickelt, ein digitales Schlaftraining, das auf der kognitiven Verhaltenstherapie basiert und zur Behandlung von Schlafstörungen verwendet werden kann. Angeleitet wird das Training von Albert, einem virtuellen Schlafcoach.“ https://somn.io

Von der Katastrophe profitieren viele, nicht nur Masken-Händler, Impfstoff- und Test-Entwickler. Das Corona-Jahr 2020, das viele Menschen um den Schlaf gebracht hat, hat u.a. somnio auf die Start-UP -Sprünge geholfen. Die virtuelle Schlaf-Überwachung gibt es auf Rezept, und dieses Rezept können nicht nur Ärzte und Psychotherapeuten ausstellen, sondern auch Telemedizinanbieter wie Teleclinic und ZAVA. Die Kosten der „Behandlung“ übernimmt die Krankenkasse. somnio kommt sanft daher, denn somnio ist eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA). Mich gruselt’s.

Was in Aldous Huxley’s Roman „Brave New World“ noch Soma war, die den Verstand einschläfernde Droge, verabreicht man uns heutzutage weder intramuskulär noch oral. Somnio geht, ohne dass Haut oder Schleimhaut tangiert werden müssten, dennoch unter die Haut und in unser Gehirn, einfach so. Denn Somnio kommt digital.

In der Hoffnung, trotz Ausgangssperre Maibäume zu sehen, machte ich mich am 1.Mai gut ausgeschlafen mit Hund Freki auf den Weg. Und siehe da…

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Mit dem klassischen Maibaum hat dieses Bäumchen kaum noch etwas zu tun. Es wurde an der Absperrung oberhalb der Zufahrt einer Fahrrad-Tiefgarage am 30.4. vor 21h angebracht. Das Bäumchen macht uns aufmerksam auf ein kleines, umzäuntes Stück Wiese. Im Hintergrund sehen wir zwei wackere Exemplare der Felsenbirne. Im letzten, viel zu trockenen Sommer waren ihre schmackhaften Beeren  ungenießbar und schrumpelig.                                                                     Aufmerksame Naturfreunde von Nachbarn60 haben ein „Insektenhotel“ in die Buchenhecke gesetzt. Vom Beitrag, den wir Mitglieder an den Verein Nachbarn60 zahlen, werden die Materialien finanziert. Was bleibt, ist viel ehrenamtliche Arbeit. An dieser Stelle möchte ich mich bei Nachbar Frank entschuldigen. Schließlich hatte ich versprochen, ihn bei der Pflege des Wildblumenstreifens zu unterstützen. Ich habe gekniffen, pardon. Ich bin leider ungeschickt und ungeduldig, was Gartenarbeit angeht, werde mich aber melden.                                                                 Hund Freki hatte  übrigens nach einem Ausflug ins Naafbachtal am Lid-Rand des rechten Auges seine erste diesjährige Zecke. Abgefallen ist sie noch am selben Tag.

Im letzten Jahr hatte die Stadt Köln, um dem wilden Maibaumsetzen Grenzen zu setzen, eine Pressemitteilung herausgebracht:

„… Montag, 20. April 2020, 16:08 Uhr

Ordnungsamt kontrolliert Versammlungsverbot auch in der Mainacht

Der diesjährige Verzicht auf den Maibaumverkauf steht im Zusammenhang mit dem aktuell geltenden Versammlungsverbot. Das Ordnungsamt wird daher auch in der Nacht auf den 1. Mai sehr genau darauf achten, dass die Kontaktvorgaben eingehalten werden. Maifeiern oder ein gemeinschaftliches Maibaumsetzen mit mehr als den nach der Corona-Schutzverordnung erlaubten Personen werden daher in diesem Jahr nicht möglich sein. Das Ordnungsamt wird Verstöße gegen die Bestimmungen konsequent ahnden. Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Jürgen Müllenberg…“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21748/index.html

In diesem Jahr verzichtete die Stadt Köln auf eine Pressemitteilung. Für die Walpurgisnacht galt kein Versammlungsverbot, es gab auch kein Verbot von Maifeiern und kein Verbot des gemeinschaftlichen „Maibaumsetzens mit mehr als den nach der Corona-Schutzverordnung erlaubten Personen„. Es wurden keine einzelnen Verbote mehr ausgesprochen, weil ohnehin nichts mehr erlaubt war. Mit der bundesweiten Ausgangssperre ist die Walpurgisnacht abgeschafft worden.

Sind auch die traditionellen Mai-Kundgebungen abgeschafft worden? Auf meinem Abendspaziergang (nach 21h, aber mit Hund) höre ich mich um. In Köln, so erzählt mir ein Spaziergänger mit Hund, gab es eine Kundgebung auf dem Heumarkt – erwartungsgemäß mit Ausschreitungen und Festnahmen wegen zahlreicher Verstöße gegen die Corona-Verordnungen.

Doch wo war CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet? Es ist ja üblich, dass sich der Ministerpräsident auf einer zentralen Maikundgebung zeigt. Der Spaziergänger kann es mir auch nicht sagen. Ich äußere eine Vermutung: Wahrscheinlich gab es einen Laschet-Auftritt in der Landeshauptstadt – und zwar im Autokino.

„Unsinn“, sagt der Mann.

Ich begründe meine Vermutung. Im letzten Jahr waren die Ostergottesdienste ins Autokino verlegt worden, um die Gläubigen teilnehmen zu lassen. Ein Autokino in Düsseldorf hatte den Anfang gemacht, aber die Idee hatte schnell Nachahmer gefunden. Die Gottesdienst-Besucher mussten sich und ihren PKW im Vorfeld anmelden, damit man im Falle einer Infektion den Infektionsweg nachverfolgen konnte. So hätte man Laschet auftreten lassen können, ohne zu befürchten, dass er Opfer von Corona, von Buhrufen und anderen Anfeindungen werden würde. Im Gegenteil, ein aufmunterndes Hup-Konzert von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern wäre ihm sicher gewesen.

Der Herr mit Hund lacht mich aus. Die vielen Menschen, die an einer Mai-Kundgebung teilnehmen, seien doch die eigentlichen Akteure, sie seien doch keine Zuschauer. Der Redner sei nur ein Art Ehren-Gast. Es ginge doch um Solidarität, um die Menschen: „Wenn der Armin Laschet im Autokino auftritt, wird doch dem letzten klar, dass er nur Wahlkampf macht und an den Menschen nicht interessiert ist.“ Der Spaziergänger verabschiedet sich.

„Beantworten Sie mir bitte noch eine Frage“, sage ich schnell. „Was hätten Sie am 1.Mai gemacht, wenn Sie Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wären?“

Der Mann überlegt kurz und sagt dann: „Wenn ich Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wäre, würde ich den Menschen sagen, dass es mir leid tut, dass die Genossinnen und Genossen in diesem Jahr nicht wie gewohnt zusammenkommen können – Und dann würde ich solidarisch schweigen.“

„Ob der Laschet schweigen kann?“

„Aber ja“, sagt der Mann.

„Aber nein“, sage ich. „Um was wetten wir?“

Noch spät am Abend setze ich mich an den Rechner. Immerhin haben wir um eine Dose ROMEO für große Hunde gewettet. Und was erfahre ich? Tatsächlich hat die zentrale NRW- Mai-Kundgebung auf einem Düsseldorfer Messeparkplatz stattgefunden, der vor einem Jahr zu einem Autokino umfunktioniert worden war. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Abend-Spaziergang.

Freundlicherweise hat der DGB ein Video ins Internet gestellt. Laschets Auftritt beginnt nach etwa 50 Minuten und dauert bis ca 1:16:20.

Zwei Vertreterinnen der DGB-Jugend überreichten Laschet ein überdimensionales „Hausaufgabenheft“ (1:13:00). Eine abgeschmackte Idee – und die beiden jungen Frauen umschmeichelten ihren Landes-Vater auch noch mit anbiedernden Worten: „Wir haben gehört, Sie streben die Versetzung ins Kanzleramt an, da haben wir gedacht, da gibt’s noch einiges zu tun.“ Dass der DGB so offen CDU-Wahlwerbung macht, finde ich kaum noch erträglich.

Jens Schneider, ein Journalist der Süddeutschen Zeitung und vermutlich kein CDU- Sympathisant, hat ein schönes Stimmungsbild verfasst, das ich hier gerne zitiere: „… Es ist eines der merkwürdigen Bilder, die später als Symbol für diese schwierige und auch bizarre Zeit dienen könnten. Eine Kundgebung an diesem Samstag zum Tag der Arbeit, in Corona-Zeiten: ein Autokino in Düsseldorf, vor einer Bühne stehen Autos in Reihen, in denen die Teilnehmer der Mai-Demo sitzen. Mehr Sicherheitsabstand zu den Nebenleuten geht kaum. Einige haben Gewerkschaftsfahnen dabei, die über dem Auto im Wind flattern, und wenn ihnen auf der Bühne etwas gefällt, lassen sie ihre Hupe ertönen. Und man kann im Internet zuschauen.https://www.sueddeutsche.de/politik/laschet-dgb-kanzlerkandidat-1.5281235

Dass Laschet eine rote Maske trug, bleibt nicht unerwähnt – eine überdimensionale Pappnase.

„Für den Franz-Josef Strauß waren die politischen Kritiker weder ‚Wutbürger‘ noch ‚Verschwörungstheoretiker‘, sondern ‚Ratten und Schmeißfliegen‘ “ – Weiter geht’s mit der Frau Keuner

„Tut das gut“, sagt die Frau Keuner, nachdem sie einen Schluck Kölsch getrunken hat. „Das nenne ich Freiheit. Mitten auf der Straße kühles Kölsch direkt aus der Pulle, unbeobachtet. Deshalb möchte ich nicht prominent sein. Da musst du dich immer kontrollieren, immer aufpassen, was du sagst, denn du wirst ständig beobachtet. Du lebst ja nicht nur vom, sondern im Fernsehen. Aber manchmal vergessen die Promis, dass wir sie beobachten. Ich denk da an den Jogi Löw. Wo der sich überall hingepackt hat.“

„In die Nase doch nur, oder?“

„Nicht nur“, sagt die Frau Keuner. „Hast du das damals nicht mitgekriegt? 80 Prozent von euch und ich … Die Pressekonferenz, wo der Poldi das gesagt hat, kannst du dir auf You Tube angucken.“

„Da hatte man noch was zu lachen“, sagt die Frau Keuner. „Jetzt tritt der Jogi ab. Der sieht ja neuerdings ziemlich alt aus. Als Fernseh-Figur kannst du nicht unbeobachtet altern. Die Fernsehzuschauer ertappen dich sozusagen dabei. Und die kriegen es alle mit, wenn du pummelig wirst. Je höher die Einschaltquote ist, desto mehr Leute sitzen vor dem Fernseher und sagen: Ist der Eckart von Hirschhausen aber moppelig geworden. Vor den Leuten kannst du auch nicht verstecken, dass du gesoffen hast. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass die Margot Käßmann verpfiffen wurde, als die damals ein einziges Mal zu viel gesoffen hat. Ist allerdings auch bescheuert, sich als öffentliche Person alkoholisiert hinters Steuer zu setzen.“

„Ich glaub, die konnte einfach nicht mehr, die musste mal…“, sage ich. „Das war schlau.“

Wir sind vor dem Haus angekommen, wo die Frau Keuner wohnt. Es ist nicht so leicht zu erkennen, denn die Mehrfamilienhäuser sehen alle gleich aus und sind aneinander gebaut. Alle Häuser haben ein gemeinsames Dach, wie mir die Frau Keuner erklärt. Und alle hatten eine gemeinsame Baustelle.

Die Frau Keuner geht noch nicht hoch. „Schön, mit dir zusammen draußen Bier zu trinken. Aus einer echten Glasflasche. Für zu Hause hol ich mir ja meistens das Weißbier von Aldi in der Plastikpulle. Das schütte ich mir dann in ein Glas um. Aber direkt aus der Pulle geht Plastik überhaupt nicht. Wie hieß noch die Karnevalsaktion der Stadt Köln, wo die Leute dazu erzogen werden sollten, das Bier nicht mehr aus Glasflaschen zu trinken, sondern aus stabilen Plastikbechern?“

„Mehr Spaß ohne Glas“, sage ich. „Ich versteh das schon. Es liegen ja schon ohne Karneval überall Scherben rum.“

„Dann sollte man, anstatt uns alle damit zu bestrafen, Bier aus Plastikbechern zu trinken, lieber den Flaschenpfand auf fünfzig Cent erhöhen“, sagt die Frau Keuner. „Nicht nur zur Karnevalszeit. Könnte man ja mal ausprobieren. Für acht Cent bringt niemand die Bierflasche zurück. Prost.“

„Wie hat sich eigentlich das Leben auf der Baustelle angefühlt?“, frage ich.

„Dumme Frage“, sagt die Frau Keuner. „Wie wohl? Ich hatte monatelang das Gerüst direkt vor dem Fenster. Wie soll ich mich gefühlt haben? Bedroht! Du weißt ja nie, wer zu dir will, Einbrecher, die Polizei oder die aufsuchende Impfung. Es gibt so viele Leute, die ihren Mitmenschen einen Schreck einjagen wollen. Erinnerst du dich noch an die Horrorclowns, die vor ein paar Jahren unterwegs waren? Stell dir vor, ein als Krankenhausclown verkleideter Eckart von Hirschhausen und der Impfarzt Karl Lauterbach tun sich zusammen, die klettern über das Gerüst auf deinen Balkon und klopfen von außen an dein Fenster. Lustig, was?“ Die Frau Keuner nimmt einen Schluck Bier. „Wenn du alleine lebst, ist so eine Baustelle alptraumhaft. Erst recht in Corona-Zeiten. Puff geschlossen, Stadion nur für geladene Gäste. Das macht die Männer noch aggressiver, als sie ohnehin sind. Eigentlich sollte das Gerüst vor Weihnachten abgebaut werden. Soll ich dir Fotos zeigen? Ich hab die Fotos an das Heimatministerium geschickt: Das ist sooo deutsch: Pfusch am Bau.“

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Hereinspaziert!

„Und warum haben Sie die Fotos an das Heimatministerium geschickt?“, will ich wissen.

„Weil die da auch für den Bau zuständig sind. Das Heimatministerium ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Ich finde, ein Bundesministerium für Bau und Heimat sollte darauf achten, dass so gebaut wird, dass sich die Menschen überall in Deutschland in ihren Wohnungen beheimatet fühlen. Aber die sind da leider mehr an PR als am Gemeinwohl interessiert. Das Heimatministerium gibt Broschüren heraus, die uns die unternehmerfreundliche Politik als bürgerfreundlich verkaufen. Stadtentwicklungsbericht 2020. In den Großstädten wird der soziale Wohnungsbau gefördert, damit die Leute nicht mehr gezwungen sind, von Köln nach Frechen zu ziehen, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können.

„Das klingt doch gut“, sagte ich.

„Ja, das klingt gut“, sagte die Frau Keuner. „Aber dann bauen die die Wohnungen so billig, dass nach ein paar Jahren saniert werden muss. Prost.“

„Prost auch“, sage ich. „So fördert man das Handwerk.“

„Hömma, wie redest du?! Lisa, du musst keine Miete zahlen. Du bist fein raus. Das hier ist geplanter Verschleiß am Bau. Wenn ein Staubsauger nach ein paar Jahren kaputt geht, kannst du den wegschmeißen, weil sich die Reparatur nicht mehr lohnt, aber du kannst ein Wohnhaus nicht in die Tonne kloppen. Man darf doch beim Bau der Wohnhäuser nicht an den falschen Stellen sparen. Wobei die falschen Stellen für manche Leute genau die richtigen sind. Ich denke, mein Vermieter GAG hat sich die Sanierung teuer bezahlen lassen. Auf unsere Kosten, denn auf der öffentlich geförderten Baustelle leben wir. Ich habe gerade mal 15% weniger Miete gezahlt. Warum musste ich überhaupt noch Miete bezahlen? Warum hab ich kein Schmerzensgeld gekriegt?“

„Warum gucken Sie mich an?“, frage ich. „Ich bin keine Vermieterin.“

„Aber Eigentümerin“, sagt die Frau Keuner. „Ich weiß ja, dass eure schmucken Reihenhäuser kurz nach Ablauf der Gewährleistungsfrist sanierungsbedürftig waren und es immer noch sind. Hast du mir selber erzählt. Aber ihr könnt selber entscheiden, wann und ob ihr euch das Gerüst vor die Häuserreihe stellt. Und ihr könnt die Bruchbuden teuer verkloppen. Die autofreie Siedlung ist ja eine Top-Adresse für Leute mit Kleinkindern. Die kaufen die Häuser, obwohl sie wissen, dass die Bausubstanz schlecht ist. Der Bauträger hat ja damals keinen Unterschied gemacht zwischen Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern. Billiger, billiger, billiger.“

Die Frau Keuner verstummt, aber nur, weil sie trinkt. Sie setzt die Flasche ab, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und redet dann weiter: „Jetzt wurde im Heimatministerium der Förderaufruf Post-Corona-Stadt gestartet. Es geht um die Finanzierung zukünftiger Bauprojekte. Woran erinnert dich das Vorhaben Post-Corona-Stadt? Was soll da mit unseren Geldern gefördert werden? Welche Nachkriegs-Vokabel fällt dir dazu ein?“

„Wiederaufbau?“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Aber warum fühlt sich der Heimatminister nicht verantwortlich für die Stadt vor Corona, für den Zustand der Häuser, die schon vor Jahren und Jahrzehnten gebaut wurden? Warum lässt man zu, dass die Menschen gerade in den Großstädten völlig überhöhte Mieten zahlen müssen? Das Bundesverfassungsgericht hat gerade den Berliner Mietpreisdeckel gekippt. Sag mal, interessiert dich das nicht?“

„Ich muss jetzt gehen“, sage ich.

„Du wartest, bis wir hier fertig sind“, sagt die Frau Keuner, stellt die Bierflasche ab und kramt ihr Smartphone aus der Tasche. „Hömma, wir sind das Volk. Wer zahlt die Steuern, wer bezahlt Rundfunkgebühren, wer finanziert das Wohlleben der Politiker? Und was sagt unser Heimat- und Innenminister Horst Seehofer, der sich gerade als einziger Bundesminister nicht den Ladenhüter Astrazeneca, sondern die vermeintliche Nobel-Impfung Biontech hat verabreichen lassen? Der Mann ist so gönnerhaft. Was steht da auf der Web-Site? Moment…“

Die Frau Keuner setzt die Lesebrille auf und tippt auf dem Smartphone herum: „Er sagt… Hier: Wir greifen Menschen unter die Arme, bei denen der Lohn trotz Arbeit nicht für die Miete ausreicht. Hömma, ist dat dem sein Geld? Ich sage dir, ich will nicht, dass mir einer an den Arm greift, ich will nicht, dass mir einer unter die Arme greift, ich will überhaupt nicht, dass man sich an mir vergreift. Wem gehört das Geld, wem gehört die Welt? Die Prominenten leben in ihrer wohltemperierten Blase und haben Angst, dass die Blase, die immer dicker wird, platzt. Irgendwann wird sie das. Die Demokratie, das sind wir. Denn wer gestaltet das Leben in den Städten, in den Stadtteilen, auf den Straßen, auf den Plätzen? Wer macht Musik, wer hält ein Schwätzchen, wer sorgt öffentlich für gute Stimmung? Doch nicht die Politiker.“

„Bah“, mache ich. Ich habe den Fehler gemacht, mir die Flasche mit dem schon ollen Restschluck Bier an die Lippen zu setzen..

„Dat gönn ich dir“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Kölsch wird schnell schal, das muss man schneller trinken, als man kann. Davon leben die Brauhäuser. Du traust dich wohl nicht, den Rest vor meinen Augen in den Gully zu kippen.“

„Ach was.“

„Ja ja“, grinst die Frau Keuner. Sie steckt das Smartphone zurück in die Tasche. „Was ich noch sagen wollte: Der unglaubwürdigste Politiker ist für mich Bundespräsident Hans Walter Steinmeier. Da sitze ich vor dem Fernseher und gucke mir seine Weihnachtsansprache an. Ich ahne nichts Böses, da sagt der Steinmeier diesen Satz: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Das haben angeblich die Bürger den Steinmeier gefragt. Dass dieser Präsident sich nicht schämt. Zu Beginn der Rede wird die schöne, wunderbar intakte, gerüstlose Fassade von Schloss Bellevue gezeigt. Auf diese Fassade wurden in der Adventszeit, wie der Steinmeier sagt, gefühlvolle Sprüche projiziert. Für die Weihnachtsansprache wurde das noch einmal nachinszeniert. Wir Fernsehzuschauer gucken auf die Fassade und sehen leuchtende Satzfetzen, die auftauchen und wieder verschwinden. Tolle Installation. Nur ein einziger Satz ist komplett: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Diese Anbiederung an die Menschen ist übelste politische Propaganda. Zum Glück gibt es das Internet, denn die Rede ist da konserviert. Ja, den Schmarren kann man sich auf You Tube noch einmal ganz genau angucken, und zwar kritisch und mit Abstand. Ich kann den Beginn der Rede auswendig. Also, hör gut zu…“

„Muss das sein?“

„Muss sein“, sagt die Frau Keuner. „Weil das so entlarvend ist. Also: Dieser tiefe Seufzer, liebe Landsleute, ist eine von tausenden persönlichen Botschaften, die mich aus allen Teilen unseres Landes erreicht haben. Viele der Zuschriften haben wir in der Adventszeit hier draußen auf der Fassade von Schloss Bellevue zum Leuchten gebracht – jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht am Ende eines Jahres, das wir uns alle ganz anders vorgestellt hatten.“ Die Frau Keuner macht eine kurze Pause und fragt dann: „Was sagst du als Sprachwissenschaftlerin dazu?“

„Tut weh“, sage ich nur. „Sentimentales Gesülze.“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Dass der Mann sich nicht schämt. Für diesen Schwulst, dieses Geseire. Als würden wir uns mit unseren Sorgen und Nöten an den Bundespräsidenten wenden, obwohl doch die Bundespolitik für diese neuen Nöte und Sorgen verantwortlich ist.“

„Ob man das so sagen kann?“, unterbreche ich die Frau Keuner.

„Kann man“, sagt die Frau Keuner. „Und guck dir die Formulierungen an: Dieser tiefe Seufzer…, eine von tausenden persönlichen Botschaften…, jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht… Viele Menschen empfinden so, aber viele empfinden ganz anders. Sie sind wütend, sie sind so wütend wie noch nie, und wer das ganz genau weiß, ist Frank Walther Steinmeier. Der schreibt ja seine Reden nicht selber, die schreiben psychologisch geschulte Werbetexterinnen und Werbetexter, die uns Bürgerinnen und Bürger beschwichtigen und besänftigen sollen. Denn der Steinmeier hat auch andere Briefe gekriegt, sachliche, kritische Briefe mit klugen, nachdenklichen Sätzen, aber die kritischen Sätze passten nicht auf die Fassade, deshalb verschweigt man sie. Ich hatte den Steinmeier hierhin eingeladen, damit der sich mal die Baustelle anguckt. Damit er sieht, dass es auch andere, weniger schöne Fassaden gibt. Frank-Walther Steinmeier ist nicht gekommen, und ich hab auch keine Antwort gekriegt. Aber dann…“ Die Frau Keuner hört auf zu reden und atmet schwer.

„Aber dann…? Bitte, Frau Keuner, reden Sie weiter.“

„Aber dann kam ein Mann vorbei, der hat das Gerüst fotografiert. Weißt du, was der gesagt hat? Ich beneide Sie darum, hier zu leben. Das ist Kunst, Verpackungskunst. Wo jetzt die Theater geschlossen sind, können Sie froh sein, Teil eines Kunstwerks zu sein. Sind die denn alle bekloppt?“

Die Frau Keuner kippt den Rest Kölsch in den Gully. „Erinnerst du dich an den Löwenthal? Das waren noch Zeiten, als die Moderatoren noch offen reaktionär waren, damals, als im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von links noch Gegenwind kam.“ Sie fängt an zu singen: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, im Fernsehen spricht der Löwenthal…“

„Ich sehne mich nach Politikern wie Franz Josef Strauß“, sagt die Frau Keuner. „Der Strauß hat seine Aggressionen nicht versteckt. Der war furchtbar, aber der hat nicht auf Gutmensch gemacht. Der Mann hat sich nicht bei uns eingeschleimt. Für den Franz-Josef Strauß waren die kritischen Menschen weder Wutbürger noch Verschwörungstheoretiker, sondern Ratten und Schmeißfliegen.“

„Der Strauß war doch ein Polterer“, sage ich.

„Aber immerhin kein Bürokrat“, sagt die Frau Keuner. „In den letzten Jahren haben wir uns zu sicher gefühlt und nicht aufgepasst. Wir haben uns eingebildet, dass nur die AFD unsere Demokratie gefährdet. Aber die CDU…“

„Das geht mir zu weit, Frau Keuner, die CDU gefährdet doch nicht unsere Demokratie.“

„Hab ich das etwa behauptet?“ Die Frau Keuner drückt mir die leere Bierflasche in die Hand.

„Pfusch am Körperbau“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns am frühen Sonntagabend im Siedlungsladen über den Weg. Mir fehlt zum Kochen die Sahne, also bin ich schnell dahin. Der Dorfladen der autofreien Siedlung ist nicht ganz billig, aber gut sortiert und auch sonntags geöffnet. Die Frau Keuner hat ein paar Flaschen Früh gekauft und im Rollator verstaut. Sie trägt eine rosa OP-Maske, obwohl…

„Tach auch“, sach ich. „Aber haben Sie nicht ein Masken-Attest?“

„Ich muss mich schützen“, sagt die Frau Keuner.

„Vor Corona?“

„Ach wat. “ Die Frau Keuner grinst. „Ich muss mich vor den blöden Sprüchen schützen. FFP2 geht gar nicht, da kommt keine Luft durch, aber die sogenannte OP-Maske kann ich für ein paar Minuten anhaben, ohne dass ich Atemnot krieg. Ich hab keinen Bock, permanent angepflaumt zu werden, weil ich keine Maske anhab. Hier im Dorfladen sind die Leute ja nett und entspannt, kein Kassenband, kein Stress, die Kunden verteilen sich, freundliche Mitarbeiter und immer Zeit für ein Schwätzchen. Aber in den Supermärkten sind die Leute ja dermaßen giftig geworden. Die gehen aufeinander los, anstatt sich mal endlich zusammenzuraufen. Kennst du noch die Hundehasserin?“

„Meinen Sie die fiese ältere Frau, die immer das Ordnungsamt alarmiert hat, wenn man mit dem Hund die Wiese betreten hat?“

Die Frau Keuner nickt: „Genau die.“

„Ich dachte, die ist tot. Seit Corona hab ich die nicht mehr gesehen.“

„Die ist nicht tot, die ist nur woanders unterwegs“, sagt die Frau Keuner. „Im REWE. Die geht jetzt nicht mehr auf die Hundebesitzer los. Die ist jetzt keine Hundehasserin mehr, sondern das, was sie eigentlich immer schon war: Eine Menschenhasserin. Die geht nicht mehr draußen spazieren. Die spaziert jetzt durch den REWE, die Gänge rauf und runter, die schiebt einen Einkaufswagen vor sich her und wartet darauf, dass einer kommt, der eine falsche Maske trägt oder eine verrutschte oder gar keine. Dann geht die mit dem Einkaufswagen auf den Menschen zu und versperrt ihm den Weg….“ Die Frau Keuner hört auf zu reden, zieht kurz die Maske runter und reibt sich die Nase.

„Hat die auch Ihnen den Weg versperrt?“, frage ich leise.

„Ja“, sagt die Frau Keuner. „Die hat ihren Einkaufswagen gegen meinen Rollator gedrückt. Ich wäre fast umgefallen. Das war vor ein paar Wochen, als es im REWE an der Nohlstraße noch die Einkaufswagen-Pflicht gab. Keinen Einkaufswagen?, hat die Menschenhasserin gefragt. Nein, hab ich gesagt. Ich bin auf die Gehhilfe angewiesen und von daher von der Einkaufswagen-Pflicht befreit. Dass ich von einer Pflicht befreit bin, während sie zur Pflichterfüllung verpflichtet ist, hat der Frau gar nicht gefallen.“

Die Frau Keuner macht eine kurze Atempause und redet dann weiter: „Ich hab der Frau gesagt, dass ich auch von der Maskenpflicht befreit bin, weil ich Asthmatikerin bin und ein Attest hab. Na und, hat die mich angegiftet, dann soll man nicht einkaufen gehen, sondern sich die Ware liefern lassen, denn ohne Maske gefährden Sie uns alle, ob mit oder ohne Attest. Und in Ihrem Alter und in Ihrem desolaten gesundheitlichen Zustand sollten Sie ohnehin nicht einkaufen gehen: Oder… Ich sag dir, die ist richtig fies geworden: Oder haben Sie sonst nichts?“

Die Frau Keuner holt ein Tüchlein aus der Tasche und tupft sich ein paar Tränen ab. „Ich will an der vorbei, aber die lässt mich nicht. Dann wird die richtig fies, die lächelt, beugt sich zu mir, nimmt kurz die Maske ab, haucht mir ihre Aerosole ins Gesicht und sagt mir leise ein Wort ins Ohr: Träumerin. Dann hat die noch was gesagt, diesmal laut: Sie sind die asozialste Person, die mir jemals begegnet ist. Sofort sind ein paar Kunden gekommen, die das gehört haben, und haben sich hinter sie gestellt: Jawoll! Mir sind blöderweise die Tränen gekommen. Zwei junge Frauen haben zu mir gehalten. Das hat gut getan. Mir ist nichts passiert, ich hab ja mein Attest. Aber ich kann nicht mehr. Ich zieh jetzt immer die Maske auf. Auch hier.“

„Ich bin oft im REWE in der Nohlstraße“, sage ich. „Weil der der nächste ist. Aber ich habe die Frau da noch nie gesehen.“

„Die wechselt die Filiale“, sagt die Frau Keuner. „REWE zieht ja überhaupt die Kontrolleure an. Im REWE an der Neusser Straße gibt es doch vorne im Eingangsbereich einen kunstledergepolsterten Stuhl. Auf diesem ollen Stuhl sitzt jetzt manchmal ein Rentner, der aufpasst, dass die Leute nur den Laden betreten, wenn die Corona-Einlass-Ampel auf grün steht. Der Mann geht ja noch. Der ist vielleicht obrigkeitshörig, aber noch lange kein Menschenhasser. Auch wenn nichts los ist und die Ampel rot zeigt, obwohl das nicht stimmen kann, bleib ich stehen, damit der seinen Spaß hat. Der Mann ist glücklich, denn er hat eine Aufgabe. Früher war er Schülerlotse, hat er mir erzählt. Es ist bescheuert, aber ich freu mich für den.“ Die Frau Keuner muss husten. Wir gehen vor die Tür. Das Husten wird direkt weniger, als die Frau Keuner die Maske abnimmt. Sie seufzt so tief, wie ich nur selten jemanden hab seufzen hören.

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Schöne neue Welt: Plakat zu „Dürfen die das“, einer Kampagne der Stadt Köln, die am 19.1.2021 gestartet wurde. In einer Presseerklärung der Stadt Köln heißt es: „Der kommunale Ordnungsdienst hat laut Gesetzgeber (Polizeigesetz NRW in Verbindung mit dem Ordnungsbehördengesetz NRW) nahezu identische Befugnisse wie die Polizei. Vielen Menschen ist dies nicht bewusst, einige wenige wissen es – und sind dennoch nicht kooperativ bei Kontrollen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22877/index.html Vor Corona ist man hier, an der Neusser Straße in Nippes, den Ordnungskräften nur dann begegnet, wenn sie parkende Autos kontrollierten („Ahndung von Verkehrsordnungswidrigkeiten“). Seitdem jedoch die Corona-Maßnahmen durchgeführt werden, ist das Ordnungsamt allgegenwärtig. Das färbt leider auch auf „kooperative“ Spießbürger ab, die sich mächtiger denn je fühlen und einen fiesen Spaß daran haben, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger im Namen von Ordnung und Sicherheit zu maßregeln, zu drangsalieren und zu denunzieren.

„Das tut so weh“, sagt die Frau Keuner.

„Haben Sie Schmerzen?“, frage ich vorsichtig.

„Auch“, sagt die Frau Keuner. „Seit der Hüft-OP. Das war Pfusch am Körperbau. Ich weiß nicht, ob der Norbert Blüm nach seiner Hüft-OP auch ein verkürztes Bein hatte, aber der hatte wie ich eine schwere Infektion und als Folge davon eine Blutvergiftung. Aber anders als der Blüm lebe ich noch. Das ist das Schöne an diesen Infektionen. Multiresistente Keime machen keinen Unterschied zwischen den Privatversicherten und den Kassenpatienten. Ich würde gerne wissen, wie viele der Corona-Patienten sich auf den Intensivstationen mit Krankenhauskeimen infizieren. Das Intubieren soll ja eine Hauptursache sein.“

Wir gehen langsam die Rampe hoch. Der Laden liegt unter dem Straßenniveau, deshalb muss die Frau Keuner den Rollator eine Betonrampe hochschieben. „Du kannst mich ruhig nach Hause begleiten“, sagt sie. „Aber bitte nur bis zur Tür. Mir fehlt alle Energie zum Aufräumen. Seit Corona ist meine Behausung nur noch ein Dach überm Kopp.“

Die Frau Keuner bleibt immer wieder stehen. „Ohne eine Flasche Bier am Abend oder auch drei oder vier würde ich die Schmerzen nicht aushalten. Sei froh, dass deine Gelenke noch taugen. Aber du konntest dich ja immer schonen. Da sitzt du auf dem Sofa und schreibst Geschichten. Und alle halbe Stunde zapfst du dir dein frisches Käffken aus der Siebträgermaschine. Hätte ich auch gerne. Hömma, dir geht es zu gut.“

„Das Gerüst ist ab“, sage ich. „Immerhin.“

„Lenk nicht ab, geh mal lieber zurück in den Laden und hol uns beiden ein kühles Kölsch für unterwegs, aber lass dir die Flasche aufmachen…“

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21.2.2021: Kinder nutzen das schöne Vorfrühlingswetter, breiten Decken aus und bauen Flohmarkt-Stände auf – wie früher, d.h. vor Corona.                                                                                     Im Hintergrund ist ein eingerüstetes Gebäude zu sehen. Wir schauen auf die Vorderfront eines Gebäudekomplexes  mit zahlreichen, zum Teil öffentlich geförderten Mietwohnungen, mit Villa Stellwerk, dem einzigen Mehrgenerationenhaus innerhalb der autofreien Siedlung, mit Wohnungen für Menschen mit „Betreuungsbedarf“, mit einer Physiotherapie- Praxis sowie einer Praxis, die sich drei Hebammen, zwei Heilpraktikerinnen und eine Jugendpsychotherapeutin teilen – sowie dem einzigen Lebensmittelgeschäft auf dem Stellwerk 60-Gelände. Vermieter: GAG Immobilien AG                                                                                                                                           Ausgerechnet dieser wohl facettenreichste Gebäudekomplex innerhalb der Siedlung wurde in den Monaten zwischen Juli 2020 und März 2021 zu einer Art „Mahnmal“ für „Pfusch am Bau“.  Das marode Dach musste nach nur 12 Jahren komplett saniert werden. Erste Schäden ( Schimmel, Feuchtigkeit) hatten sich allerdings schon kurz nach Fertigstellung gezeigt.  Dabei hatte Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegen genommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“,  sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet.  Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Projekt. Aalglatt: „Auf dem gesamten Areal ist weder das Fahren noch das Parken von Autos zugelassen. Mehrfach ausgezeichnet steht Stellwerk 60 für einen modernen und zeitgemäßen Wohn- und Lebensstil in mitten eines der lebendigsten und beliebtesten Viertel Kölns.“ Es dürfte nicht zuletzt der Referenz auf die autofreie Siedlung zu verdanken sein, dass BPD derzeit in Köln-Lind eine „Klimaschutzsiedlung“ baut.      Dem Pfusch am Bau zum Trotz ist Stellwerk 60 nach wie vor ein großartiges Projekt, das die Stadt Köln endlich unter (Denkmal)- Schutz stellen sollte. Immer noch aktuell (wenn nur die Coronoia nicht wäre): https://stellwerk60.com/2016/06/19/land-der-ideen/

Schnee-Elfchen: Tauwettertrotz

In Köln fiel pünktlich zu den Sonntagen 17.1. und 24.1.2021 etwas Schnee. Es sollte dabei bleiben. Selbst im Februar, als halb Deutschland im Schnee versank, schneite es in Nippes nur vereinzelte Flocken. Doch an den beiden Januar-Wochenenden war die Stimmung ausgelassen. Eine Ahnung vom Winter, wie er früher einmal war, ließ viele Menschen die Corona-Zwangsmaßnahmen für eine Weile vergessen.

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Rodeln am Bahndamm. Mit ein bisschen Phantasie lässt sich selbst Köln-Nippes in Sölden verwandeln.

Mitglieder der Urban Gardening-Gruppe hatten am 24. Januar im Siedlungs-Garten60, der sich zur Zeit in Winterruhe befindet, Schnee zusammengetragen, einen hohen, dünnen Schneemann gebaut und ihn auf den Namen „Schlanker Schneemann“ getauft. Wie wir wissen, schwitzen dicke Menschen schneller. Ähnlich verhält es sich mit dem Schneemann. So war es eine gute Idee, keinen kugelig-dicken Schneemann zu bauen, denn tatsächlich blieb der flachbäuchige -während es regnete!- noch tagelang.

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26.1.2021: Nach zwei Tagen war der Schnee fast geschmolzen, aber der schlanke, mittlerweile schiefe Schneemann stand immer noch.

Der

Schlanke Schneemann

Erfror fast, aber

Schwitzte kaum Eiswasser aus

Tauwettertrotz

Im „Originalzustand“ (24.1.) bewundern kann man den schlanken Schneemann auf der Internetseite des Vereins Nachbarn60. https://www.nachbarn60.de/nachrichten60detail/schlanker-schneemann-im-garten60.html

Der wenige Schnee hatte sich gleichmäßig über das Gelände verteilt, so dass fast alle, die Schneemänner bauen wollten, was abkriegten. Dennoch war -wie in Köln üblich- Eile geboten. In die weißen Westen der Nippeser Schneemänner mischten sich Erde und Blätter.

Echte Fründe ston zesamme“:

Kein Abstrampeln für die Klimapolitik der Stadt Köln: Kapitänin von Stellwerk60-Team SattelFest verabschiedet sich vom Stadtradeln

Vor einer Woche hat in Köln das diesjährige Stadtradeln begonnen, eine bundesweite Großveranstaltung des Netzwerks Klimabündnis. Im Klimabündnis haben sich im Jahr 1990 zahlreiche Städte, Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen und sich verpflichtet, das „Weltklima zu schützen“.

Stadtradeln ist eine Mitmach-Aktion, die zum Klimaschutz beitragen soll. Die Spielregeln: Während eines Zeitraums von drei Wochen steigen Menschen vom Auto auf’s Fahrrad um und zählen per Internet die Kilometer, die sie radelnd zurücklegen. Stadtradeln ist eine pfiffige Idee, wie ich finde, aber doch nur eine symbolische Aktion. Denn was hilft es, wenn wir nach den drei Wochen (fast) alle wieder ins Auto steigen? Stadtradeln beschert uns lediglich ein gutes Gewissen – Jahr für Jahr.

Es ist eine Anmaßung zu meinen, wir Menschen, die wir die Klimakatastrophe verursacht haben, könnten das Weltklima schützen! Ich denke, es geht viel mehr darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen. Wir müssten jetzt die Notbremse ziehen. Denn wenn „das Haus brennt“ (Greta Thunberg), kann man es nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Da hilft nur eines: Löschen.

Nachdem der Rat der Stadt Köln im Mai Grünes Licht gegeben hat für die Bebauung des Äußeren Grüngürtels mit FC-Trainingsanlagen, habe ich das Vertrauen in die aktuelle Kommunalpolitik verloren. Schließlich hat die Stadt Köln vor einem Jahr -wie viele andere Kommunen auch- den „Klimanotstand“ ausgerufen. „Klimanotstand“ heißt: Der Schutz des Klimas hat absolute Priorität. Demnach sind alle kommunalen politischen Entscheidungen dem Klimaschutz unterzuordnen. Mit dem JA zur Bebauung verstößt die Stadt Köln gegen die Regeln, die sie selber aufgestellt hat.

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Ich liebe meine Stadt, ich fahr Rad, aber ich mach nicht mehr mit…

Im Grußwort zum Kölner Stadtradeln schreibt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln und Schirmherrin der Aktion, beschwichtigende Sätze: „Der Umstieg vom Auto auf’s Rad ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel: bereits vor 2050 wollen wir klimaneutral sein.“ Ein frommes, zahmes, aber meines Erachtens grob fahrlässiges Versprechen mitten im Kommunal-Wahlkampf. Natürlich lassen wir Menschen uns gerne beruhigen, aber die Rettung der Welt können wir nicht auf 2050 verschieben.

Am bundesweiten Stadtradeln, das seit 2008 veranstaltet wird, nimmt die Stadt Köln seit 2016 teil. Ich habe im Jahr 2016 gemeinsam mit Nachbarin Annette Dauberschmidt das Team Stellwerk60 – SattelFest gegründet. Doch am Ende der drei Wochen war ich alleinige Teamkapitänin, denn Annettes und meine Vorstellungen gingen weit auseinander. Annette wollte ein kleines, überschaubares Team, ich ein großes.

Auf diese Weise wollte ich auf unsere Siedlung aufmerksam machen. Dass Köln mit Stellwerk 60 eine autofreie Siedlung hat, ein bau- und klimapolitisch zukunftsweisendes Projekt, ist in der Stadtspitze -während Besuchergruppen aus aller Welt anreisen, u.a. aus Japan und den USA- niemals angekommen. Vom Spiel-Ehrgeiz gepackt, schaffte ich es tatsächlich, dass wir im Jahr 2016 mit 135 Radlerinnen und Radlern das zweitgrößte Kölner Team wurden und bei der offiziellen Siegerehrung im Rathaus „auf dem Treppchen standen“.

Im Jahr 2020 ist alles anders. Auch beim Stadtradeln gibt die „Gesundheit“ die Richtung vor. So verkündet das Klimabündnis auf stadtradeln.de: „Nicht nur wir, sondern auch das Bundesgesundheitsministerium ist überzeugt, dass das Fahrrad das sinnvollste Verkehrsmittel für die verbleibenden unvermeidlichen Wege ist – sei es zum Einkaufen oder zur Arbeit….“ Der Text enthält nicht nur einen peinlichen Grammatikschnitzer, „… nicht nur wir…  ist überzeugt…“, sondern kommt furchtbar verkrampft daher.

Wenn ich Rentner Alf Kroll, der drei Mal hintereinander in der siedlungsinternen Wertung das Gelbe Trikot erkämpft hat, ohne kämpfen zu müssen, etwas von den „verbleibenden unvermeidlichen Wegen“ erzählen würde, würde Alf lachen, denn er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, der nicht nur das Radeln liebt, sondern auch die guten Radwege, von denen es europaweit (nicht nur) in den schönsten Landschaften immer mehr gibt und auf denen es große Freude macht zu fahren.

Das Miteinander, das das Stadtradeln eigentlich ausmacht, fällt in diesem Jahr aus. So rät das Klimabündnis „derzeit davon ab, das STADTRADELN 2020 mit gemeinsamen Radtouren, Auftaktveranstaltungen oder anderen Aktionen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, zu flankieren.“ (stadtradeln.de) Team-interne Siegerehrungen, so legt man uns nahe, sollen auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

Offensichtlich sind dem Klimabündnis die selbstorganisierten, letztendlich nicht kontrollierbaren „Aktionen“ suspekt. Auf diese Weise verödet allerdings das Stadtradeln, denn es mutiert zu einer Art Computerspiel mit Echt-Anteil: Jede(r) fährt für sich allein und trägt Kilometer ein. Wie langweilig. Da kann man, so denke ich, gleich auf dem Standfahrrad fahren. Auf diese Weise schützt man sich nicht nur vor Regen, sondern erspart sich auch die verbleibenden unvermeidlichen Wege.

Wie traurig: Es ist, als würde man einem Vor- oder Grundschulkind, das einen Schwimmkurs besuchen will, sagen: „Das geht jetzt nicht, du darfst nicht mit anderen Kindern ins Wasser, denn wir sind von Corona bedroht und müssen aufpassen. Du kannst nicht ins Schwimmbecken, denn im Wasser wimmelt es vor Viren. Aber du kannst trockenschwimmen. Du brauchst nur den schönen neuen Computer anzustellen, den wir uns extra für deinen Schulunterricht angeschafft haben. Da bietet man digitale Schwimmkurse an.“

Huch! Dass die Kinder in den letzten Monaten solche oder ähnliche Sätze tatsächlich zu hören gekriegt haben, habe ich soeben gelesen. Mittlerweile finden zwar in Deutschland wieder Schwimmkurse (im Wasser!) statt, aber Ringe und Schwimmnudeln etc. sollen die Kinder (in der Regel) von zu Hause mitbringen. Außerdem vertreten die Eltern vielerorts die Schwimmlehrer und müssen mit den Kindern ins Becken! Ist das alles noch wahr? Nebenbei gesagt: In Schweden, wo die Grundschulkinder in den letzten Monaten nicht nur uneingeschränkt die Schule, sondern auch Schwimmkurse besuchen konnten wie eh und je und dabei viel Wasser geschluckt haben, weil es nun mal dazu gehört, ist meines Wissens kein Kind besorgniserregend erkrankt. Schwimmen ist eine Kulturtechnik und (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Zurück zum Stadtradeln: Wieder einmal ist die Corona-Politik ein Angriff auf unsere Lebensfreude. Ob am Rhein, am Ballermann oder im Karneval: Genuss macht sich gerade da verdächtig, wo man ihn sich noch leisten kann. Und weil es derzeit so gut ankommt, verkauft man uns das zurechtgestutzte Radeln noch als Gesundheitsmaßnahme. Auf einen Artikel auf spiegel.de mit dem Titel „Warum Fahrradfahren gleich doppelt schützt“ weist stadtradeln.de mit folgendem Link hin: Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens in Zeiten von Corona

Unter dieser Formulierung verbirgt sich ein sentimentaler Romantitel, den wir alle im Ohr haben: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Der Autor des Romans ist der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. (Ob der Roman so schwülstig ist, wie der Titel suggeriert, weiß ich nicht, denn Ich habe ihn nicht gelesen.)

Das Radfahren „in Zeiten von Corona“ –  „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Die Ähnlichkeit scheint gewollt. Ich fürchte, da war ein psychologisch geschulter textender Schlaumeier bzw. eine Schlaumeierin am Werk. Ich fremdschäme mich sehr.

So weh der Abschied tut: Da das Stadtradeln zu einer spießig-autoritären Veranstaltung mutiert ist, die indirekt auch noch für die katastrophale Klimapolitik der Stadt Köln wirbt, steige ich als Teamkapitänin aus.

 

Ergänzung 31.8.: In der Wertung von Stadtradeln Köln liegt am 10.Tag mit 136 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 14.909 bislang geradelten Kilometern aktuell ein Team mit wohlklingendem Namen vorne, dessen pole position Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erfreuen dürfte: „Gesunde Uniklinik Köln“.

Elfchen im Achten: Wer nicht schnüffeln darf, wird…

Hunde, die ja bekanntermaßen gerne schnüffeln, fangen sich schnell Zecken ein. Bei unserem Hund Freki (10) sitzen sie mit Vorliebe im Gesicht. Manchmal, so denke ich, kann eine Maul- Nasenbedeckung gute Dienste leisten, denn…

… mit Maske wär das nicht passiert:

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Mai 2020: Die Zecke an Frekis Schnauze, die noch deutlich dicker wurde, bevor sie abfiel, sollte bis jetzt (13.8.) im Kopfbereich die einzige bleiben.

In den Jahren 2018 und 2019 war vor allem der Bereich rund um Frekis Augen betroffen (vgl. Blogbeiträge „Zeckenkrieg“ und „Der Zeckenindikator“).

 

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Juli 2019:

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Zecken, zupfreif. Ich habe sie damals nicht entfernt, sondern gewartet, bis sie abgefallen sind (Die „Therapie“ ist nur beim Hund zu empfehlen!). Wenn die Zecken neben dem Auge sitzen, darf man den Hunden nicht zu nahe kommen. Sie knurren, denn sie fürchten um ihr Augenlicht. Die Hunde wissen: Wenn der Mensch die Zecke herauszieht, kann es schnell zu Entzündungen kommen.

An Borreliose können auch Hunde schwer erkranken. Das passiert allerdings sehr selten, wie mir Frekis Tierärztin erzählte. Achtung: Menschen sollten sich nach Waldspaziergängen immer nach Zecken absuchen und die Tierchen, deren Stich man anders als den Stich der Wespe nicht spürt (damit man sie beim Saugen nicht stört), so schnell wie möglich entfernen…  Ich fand gerade einen Text, der plastisch erzählt, warum: „Borreliose wird nicht durch den Einstich der Mundwerkzeuge der Zecke in die Haut übertragen, vielmehr findet die Borreliose-Übertragung erst gegen Ende der Blutmahlzeit statt. Nach circa 24 Stunden steigt das Infektionsrisiko deutlich an, da nach dieser Zeit die Blutmahlzeit in der Regel abgeschlossen ist. Wenn die Zecke satt ist, würgt sie nämlich etwas Mageninhalt in die Wunde des Opfers, und mit ihm vorwiegend das Bakterium Borrelia burgdorferi.“ https://www.drseitz.de/schwerpunkte/borreliose-therapie/borreliose-infektionsweg.html

Da aufgrund des „Klimawandels“ die Winter immer wärmer und kürzer werden, werden die Zecken früher im Jahr aktiv und bleiben es länger. Dennoch wird die Gefahr überschätzt. „Das Risiko zu erkranken“, so schrieb ich vor einem Jahr an dieser Stelle, „ist gar nicht so hoch, wie man denkt. Zwar tragen (je nach Gebiet) bis zu 30 % der Zecken Borrelien in sich, aber nur 2,6 bis 5,6% der gebissenen Menschen entwickeln Antiköper dagegen. Lediglich 0,3 bis 1,4% der von einer Zecke Gebissenen erkranken tatsächlich an Borreliose (Zahlen: Robert-Koch-Institut, Stand: 14.2.2018)“ Tückisch ist die Borreliose allerdings wegen der möglichen Spätfolgen. Manche Menschen, die Antikörper entwickeln, haben zunächst keinerlei Symptome, werden aber Jahre später ernsthaft krank.

Das Thema „Zecken“ zieht immer. Gewohnt reißerisch hatte Ende Mai 2020 die Bild-Zeitung Zecken-Alarm geschlagen:

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In diesem Jahr hat die mediale Coronoia andere Katastrophen-Schlagzeilen in den Hintergrund gedrängt, wo sie dennoch gewirkt haben. Gefährlich sind Horror-Meldungen wie diese, weil sie nicht nur maßlos übertrieben sind, sondern untergründig dazu beitragen, die Corona-Panik noch weiter anzufachen. „Sie stechen so früh wie nie!“ ist übrigens Unsinn: Als die Bild-Zeitung Ende Mai drohte, waren die Zecken schon seit mindestens zehn Wochen aktiv. Hund Freki hatte bereits im März eine erste Zecke im Fell.

Kaum jemand, mit dem ich ins Gespräch komme, hat noch Angst vor dem Corona-Virus. Aber die meisten Menschen haben Angst, drakonische Strafen bezahlen zu müssen, den Job zu verlieren etc. Daher tragen alle die Maske, ob fertig gekauft, selber genäht, gehäkelt, gestrickt, zusammengeheftet. Wir sehen bescheuert aus und bedecken die untere Gesichtshälfte mit kleinen Stoffteilen, die vermutlich nichts weiter sind als Scherzartikel. Wir tragen uns mit unleserlichem Namen in die Listen ein, die in den Cafés ausliegen, was niemanden interessiert.

Aber wir alle sind angespannt. Gereizt sind insbesondere die völlig überforderten Menschen in „systemrelevanten“ Berufen. Im Supermarkt begegne ich täglich Verkäuferinnen und Verkäufern, die man vor Monaten noch „gefeiert“ hat. Jetzt sind sie dazu verdonnert, die Regale wieder alleine aufzufüllen, ohne die Mitarbeit der für kurze Zeit eingestellten Hilfskräfte, und von morgens bis abends eine Maske zu tragen. Die Regale sind wieder gut bestückt und die Kunden undankbar und grantig wie eh und je.

Weil ich keine Gesichtsmaske dabei hatte, wurde ich am Tag der Beerdigung des Leichnams meines Mannes früh am Morgen aus dem REWE an der Nohlstraße geworfen. Eine seltsame Erfahrung, wenn man Stammkundin ist und immerhin 61. In Ermangelung einer Maske riss ich mir eine kleine Obsttüte von der Rolle, klemmte mir den Plastiklappen hinter die Ohren, schritt in den Laden und wurde direkt zurückgepfiffen: Halt! Eine zweite maskierte Verkäuferin kam dazu: Halt! Ich ging weiter und stammelte einen Satz wie: Mein Mann wird heute beerdigt, ich muss noch ein paar Zutaten einkaufen für den Brunch. Man holte Verstärkung, diesmal einen ebenfalls älteren männlichen Kollegen mit FC Köln-Maske (Aufdruck: Zesamme stark blieve), verfolgte mich durch den Laden und schrie im Verein: Raus, raus, raus! Ich stellte ein Glas Mayonnaise aufs Kassenband. Nichts da, raus, raus, raus! Ich brach in Tränen aus. Kein Erbarmen: Raus, raus, raus!

Wenn wir eine Maske tragen müssen bzw. einen Maulkorb, spannt uns das an. Wir sind nicht nur schlecht gestimmt, sondern auch (latent) aggressiv. Kluge Hunde wissen das. Ihnen widme ich mein Elfchen des Monats.

 

Weise

Hunde warnen:

Wer nicht schnüffeln

Darf, wird erst richtig

Scharf

 

Was tun, wenn die Freibäder endlich geöffnet, aber Köpper und Döppen verboten sind?

In den letzten Wochen hat es in Deutschland kaum geregnet. Zu Pfingsten ist es nicht nur trocken, sondern so heiß, dass sogar ich Lust kriege, Schwimmen zu gehen. Also informiere ich mich per Internet. In Köln, so lese ich, sind fast alle städtischen Freibäder wieder geöffnet, allerdings unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen. Die Zeiten, als man zur Kasse ging und mit Münzgeld eine Eintrittskarte kaufen konnte, ohne sich auszuweisen, sind vorbei. Ins (Un-)Freibad kommt nur, wer im Vorfeld ein E-Ticket kauft. Nur wenn die persönlichen Daten preisgegeben werden, kann – wie es heißt – im Falle eines Corona-Ausbruchs der Infektionsweg zurückverfolgt werden.

Die „Verweildauer“ im Schwimmbad ist zwar offiziell unbegrenzt, aber der Schwimmbadbetrieb wird mitten am Tag unterbrochen. Dann werden die Bäder geschlossen, denn sie müssen desinfiziert werden. Wenn zum Beispiel das Zündorfbad zwischen 14 und 15 Uhr gründlich gereinigt wird, müssen die Badegäste gehen – und dürften kaum noch Lust haben wiederzukommen. Andere Bäder, etwa das Kombibad Paffrath in der Nähe von Köln, schließen zwecks Tiefenreinigung sogar dreimal am Tag. Es würde mich nicht wundern, wenn auch die Liegewiesen desinfiziert würden.

Zwar haben die einzelnen Bäder unterschiedliche Sicherheitskonzepte entwickelt, doch überall hält man sich an gewisse Grundvorgaben. Die Besucherzahl ist begrenzt, während man das Personal aufstockt. Es müssen, so hörte ich, nicht nur weitere Bademeister eingestellt werden, sondern auch Reinigungs- und Sicherheitskräfte.  Geschwommen wird in festgefügten Bahnen – und mit Mindestabstand. Auch hat man das Einbahn-Schwimmen erfunden: Damit die Leute nicht frontal zusammenstoßen, gibt man vielerorts die Schwimm-Richtung vor. Zur Freude mancher Senioren, die man überraschenderweise nicht aus den Bädern verbannt, ist das Überholen verboten.

Vor allem Kindern wird viel abverlangt, denn sie lieben Wasser. Ich weiß noch, dass es für mich nichts Schöneres gab, als an einem heißen Sommertag in ein Schwimmbecken zu springen. Auch das ist im Jahr 2020 verboten. Sprünge vom Beckenrand, so habe ich gehört, sind höchst riskant, weil sich am Beckenrand die Viren tummeln. Auch das Döppen ist verboten, denn beim Döppen hat man Körperkontakt. Ich selber habe nie gedöppt, denn gedöppte Kinder döppen zurück. Döppen ist doof, aber diese kleinen Kämpfchen im Wasser gehören für Kinder dazu.

Was kann man tun? An den See fahren. Von Nippes aus ist der Fühlinger See gut erreichbar. Überregional bekannt ist der See vor allem durch das Summerjam-Festival, das Anfang Juli stattfinden sollte, aber wegen Corona abgesagt wurde. Abseits der Regattastrecke findet man schöne Badeplätze. Mein Tipp: Sich in Nippes aufs Fahrrad setzen und über die Neusser Straße, die irgendwann in die Neusser Landstraße übergeht, stadtauswärts fahren. Nach knapp zehn Kilometern kommt man am Fühlinger See an. Noch ein paar hundert Meter weiter fahren, das Freibad (Eichenprozessionsspinner!) rechts liegen lassen, See 3 ansteuern und sich ein Fleckchen suchen, wo man mehr Platz hat als 1,50 Meter Sicherheitsabstand.

Zur Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners am Fühlinger See gibt die Stadt Köln Auskunft: https://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/freizeit-natur-sport/sportstadt/sport-und-erholungsanlage-fuehlinger-see?kontrast=schwarz)

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Als die Hitze noch erträglich war und der Spielplatz gerade wieder geöffnet: Köpper in den Sand

Gestern, als ich zum Einkaufen auf der Neusser Straße war, standen die Leute vor dem Optiker Schlange. Die meisten trugen zusätzlich zum Mundschutz noch eine Sonnenbrille und sahen ziemlich vermummt aus. Ist das nicht offiziell verboten? Ich schaue im Internet nach. Tatsächlich ist es in Deutschland nur bei öffentlichen Versammlungen wie Demonstrationen oder großen Sportveranstaltungen wie Bundesligaspielen laut § 17a des Versammlungsgesetzes (VersG)  verboten, sich zu vermummen. Anders ist das in Österreich. Hier gilt seit Oktober 2017 ein generelles „Verbot der Gesichtsverhüllung“. Doch kann man den Mundschutz anordnen und gleichzeitig die Gesichtsverhüllung verbieten? Eigentlich nicht. Um das Dilemma zu lösen, hat man in Österreich das „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ (es heißt wirklich so!) nachgebessert. Neuerdings ist aus „medizinischen Gründen“ die Gesichtsverhüllung erlaubt. https://www.oesterreich.gv.at/themen/leben_in_oesterreich/aufenthalt/Seite.120251.html

Doch wie ist es in Deutschland? Eigentlich müsste es Menschen, die einen Mundschutz tragen  -vor allem in Kombination mit einer Sonnenbrille- verboten sein zu demonstrieren. Andererseits kann der Staat den Menschen nicht verbieten, sich zu versammeln, vor allem dann nicht, wenn sie sich mit der Vermummung ordnungsgemäß verhalten. Was also tun? Anfang April wurden im Namen der „Kontaktbeschränkungen zwecks Infektionsschutz“ die Grundrechte kurzerhand (wenn auch „vorübergehend“) umformuliert. https://polit-x.de/documents/3383575/bund/bundestag/wissenschaftlicher-dienst/ausarbeitung-2020-04-15-wd-3-07920-kontaktbeschrankungen-zwecks-infektionsschutz-grundrechte Für Demonstrationen heißt das: „In einem solchen Fall gilt in Bezug auf den Mundschutz kein Vermummungsverbot, da dieser behördlich angeordnet wurde.“ https://www.bussgeldkatalog.org/news/corona-mundschutz-erlaubt-generelles-vermummungsverbot-besteht-nicht-2283709/

Gewiss hat dieses Mädchen (dass es ein Mädchen sein dürfte, sehe ich an den rosafarbenen Schuhen) noch nie was von einem Vermummungsverbot gehört. Als würde es die Maskenpflicht karikieren, hat das Kind den Mund- Nasenschutz übertrieben. Es hat Löcher in einen Karton geschnitten und ihn sich über den Kopf gestülpt.

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Wenn man Anfang April ein Kind traf, waren fast immer die Eltern dabei. Einmal hat ein Kind die Mutter gefragt: „Darf ich den kuscheligen Hund da streicheln?“ Die Antwort der Mutter: „Nein, erst in drei Wochen wieder.“ … Jetzt, Ende Mai, ist das Leben immer noch stark reglementiert, doch die Kinder lassen sich nicht verblöden. Nach der Schule wird der Ranzen in die Ecke gepfeffert – so wie „früher“. Draußen hat kaum ein Kind seine Maske dabei. Die Kinder, die in der autofreien Siedlung wohnen, gehen endlich wieder alleine vor die Tür. Hund Freki wird auch wieder gestreichelt. Jetzt aber versteht er die Welt nicht mehr: Ein Mädchen findet ihn uninteressant!

Ihr kriegt mich nicht!

„Corona ist Blöt“ – was die Politik Schulkindern zumutet

Nachbarskind Lena* geht in die vierte Klasse der Nippeser Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße. Im Sommer wird sie aufs Hansa-Gymnasium in der Innenstadt wechseln, das bereits ihr älterer Bruder besucht. Viel lieber wäre Lena mit ihren Freundinnen auf das Nippeser Leonardo-Da-Vinci-Gymnasium gegangen, aber eine Anmeldung dort wäre riskant gewesen.

Denn bei der Vergabe von Schulplätzen gibt es eine Abstandsregelung, die mit den aktuellen Corona-Abstandsregelungen wenig zu tun hat, aber ähnlich lebensfern ist. Man misst den Abstand zwischen Wohnung und Schule. Anders als ihre Freundinnen, die nur einen knappen Kilometer weit weg von der Schule wohnen, hätte Lena einen Schulweg von etwa 1,2 Kilometern. Weil das 400 oder 300 Meter zu weit ist, stehen ihre Chancen schlecht. Und würde sie am Leonardo-Da-Vinci nicht angenommen, verlöre sie den Geschwister-Bonus fürs Hansa. In einer Pressemitteilung der Stadt Köln vom 14.4.2020 heißt es: „92 Prozent aller Kölner Viertklässler wechseln somit zum neuen Schuljahr an das Gymnasium ihrer ersten Wahl.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21724/index.html Das hört sich schön an, aber es stimmt nur für das, was auf dem Papier steht, denn das „Gymnasium der ersten Wahl“ ist -wie bei Lena- oft schon ein Kompromiss.

Dass das sture Befolgen einer Abstandsregelung über die schulische Zukunft eines Kindes entscheidet, ist eine Zumutung. Wie so oft müssen Kinder die Fehler der Erwachsenen ausbaden. Als die autofreie Siedlung Stellwerk 60 und eine noch größere Nachbarsiedlung gebaut wurden, hatte es die Stadt Köln versäumt, sich um neue Kindergarten- und Schulplätze zu kümmern, so dass selbst Grundschulkinder auf Nachbarstadtteile ausweichen mussten. Insbesondere in Köln-Nippes ist die Lage nach wie vor angespannt, was sich durch die Bebauung des Clouth-Geländes noch weiter zugespitzt hat.

Immerhin wird es Lena vergönnt sein, bis zum Abitur noch neun hoffentlich „komfortable“ Schuljahre vor sich zu haben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (drei von 625 Gymnasien, wie ich lese) sind zum Schuljahr 2019/2020 alle Gymnasien im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland NRW zu G9 (d.h. dem Abitur nach neun Jahren auf der weiterführenden Schule) zurückgekehrt. Das ist gut so und war längst überfällig. Dennoch gibt es nach wie vor G8-Hardliner wie den Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, der in einem Interview sagt: „Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Die Politik ist vor dem Bürgertum eingeknickt – ohne wissenschaftliche Belege für das, was in der Debatte immer behauptet wird.“ https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/nrw-kehrt-zu-g9-zurueck-die-politik-ist-vor-dem-buergertum-eingeknickt-a-1283907.html

Doch es ist anders. Die Politik ist nicht eingeknickt, sondern man hat endlich eingesehen, dass G8 nicht der richtige Weg war. Hauptleidtragende waren in den letzten 15 Jahren (und werden es noch einige Jahre sein) diejenigen, die die Fehlentscheidung annehmen und mit ihr leben und arbeiten mussten: Kinder und Lehrer, aber auch die Eltern. Ich persönlich musste miterleben, wie meine beiden G8-Töchter ihre Köpfe mit viel zu viel überflüssigem Wissen vollpumpen und Nachtschichten einlegen mussten, um das ohnehin fragwürdige Zentralabitur gut zu packen. Bildung in einem umfassenden Sinn blieb dabei vollkommen auf der Strecke.

Schamlos finde ich, dass man, anstatt sich für den großen Fehler zu entschuldigen, uns Bürgern auch noch die Kosten, die das bildungspolitische Chaos verursacht hat,  vorrechnet. Noch einmal Olaf Köller:  „Bundesweit dürften die Kosten im Milliardenbereich liegen. Und sie sind mit der Umstellung zurück auf G9 noch nicht behoben: Wir werden demnächst Jahrgänge haben, in denen es wegen der Verlängerung keine Abiturienten gibt. Auch das verursacht noch einmal erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.“ (s.o.)

Schon im Jahr 2005, als G8 unter einer rot-grünen Landesregierung eingeführt wurde,  hatten Lehrer und Eltern immer wieder ihre Bedenken geäußert. Ich erinnere mich an ein Party-Gespräch mit Barbara, einer Lehrerin, die damals sagte, dass das dreizehnte Jahr als allmählicher Ausklang besonders wichtig sei. In diesem dreizehnten Jahr, so Barbara, machten die jungen Menschen noch einmal einen großen Entwicklungssprung – hin zur „Reife“.

 

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Ein Kind hat einen Zettel aufgehängt: „Corona ist blöt!“… Vor allem in der Grundschule hat es in den vergangenen Jahrzehnten sinnvolle Reformen gegeben. Eine davon ist das Schreibenlernen nach Gehör. Das fördert das Sprachgefühl. Kinder beginnen schon früh, kleine (oft ausdrucksvolle) Texte zu schreiben. Wichtig ist, dass die Kinder keine Angst haben müssen, Fehler zu machen. Wenn Eltern die ersten „Texte“ ihrer Kinder sehen, sind sie oft erschrocken: Wird mein Kind jemals ordentlich schreiben können? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es wird.

„Man mus mazn schuz tagen“, lese ich. Ja, man muss. Ich habe so oft in den letzten Wochen mitbekommen, wie sich Kinder (meistens im Eingangsbereich irgendwelcher Einkaufsläden) schreiend dagegen gewehrt haben, einen „Mund-Nasenschutz“ anzuziehen. Kinder maskieren sich gerne, aber nicht auf Befehl.

Die sogenannten „Lockerungen“ sind keine, denn sie haben die krampfhafteste Zwangsmaßnahme überhaupt erst mit sich gebracht: Die Maskenpflicht. Es soll uns ins Gesicht geschrieben stehen, dass wir zum Vorgehen der Bundesregierung Ja! sagen. Wir müssen uns ducken, wollen wir was zu essen kriegen. Wir parieren, wir ziehen uns dieses Jawoll! im wahrsten Sinne des Wortes an.

Nie hätte ich für möglich gehalten, was die Politik derzeit den Schulkindern zumutet. Für mich ist der offizielle Beschluss, dass die Maske zur „Grundausstattung“ aller Schulkinder gehört, die autoritärste pädagogische Maßnahme, die ich jemals erlebt habe, denn sie duldet keinen Widerspruch, wird als „Schutzmaßnahme“ verkauft und erfasst ohne Ausnahme alle. Und dabei ist der Zwang zur Maske nicht nur überzogen, sondern unvernünftig, denn anders als etwa die Schweinegrippe, an der vor allem jüngere Menschen schwer erkrankt und auch einige Kinder (vor allem Babys) gestorben sind, ist das Corona-Virus, wie wir längst begriffen haben sollten, für Kinder ungefährlich.

Doch die Behörden bleiben hart. Engherzig und knickrig verhält sich unsere „verarmte“ Kommune, die nicht einmal kostenlose Masken für alle bereit stellt.

….. Hinsichtlich der Schutzmasken hat sich der Krisenstab der Stadt Köln heute den aktuellen Positionen des Städtetages NRW angeschlossen. Seit dem 4. Mai 2020 gehört eine Mund-Nasen-Bedeckung zur Grundausstattung aller Schülerinnen und Schüler. Für die Grundausstattung tragen die Erziehungsberechtigten die Verantwortung. Die seit 27. April 2020 bestehende Verpflichtung, bei Einkäufen sowie der Nutzung des ÖPNV eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, stellt bereits eine Verpflichtung zur Beschaffung und Nutzung dar. Es besteht aber nur dann eine generelle Maskenpflicht in der Schule, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Ob Schülerinnen und Schüler auf dem Schulgelände und in Klassenzimmern eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen müssen, entscheidet die jeweilige Schulleitunghttps://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21778/index.html

Aber wie können Lehrerinnen und Lehrer unter diesen Bedingungen überhaupt noch unterrichten? Der Konflikt wird auf die Schulen abgewälzt. Und wieder einmal arbeitet die Politik mit Misstrauen und Drohungen: Wird der Mindestabstand nicht „freiwillig“ eingehalten, verdonnert man die ganze Schule zur Maskenpflicht.

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass der Vater einer Schulfreundin meiner Tochter Carla an Corona, wie es hieß, gestorben ist. Er war noch keine fünfzig Jahre alt, litt aber an einer schweren Diabetes. Ich bin ihm nie begegnet.

Erwachsene mit Diabetes sind gefährdet. Doch wie ist es um die Schulkinder bestellt, die Diabetes haben? Dürfen sie jetzt, so wie die anderen Kinder, wenigstens an einzelnen Tagen zur Schule? Auf die Grundschule Steinbergerstraße gehen (und gingen) auch Kinder, die an Diabetes Typ 1 erkrankt sind. Ich weiß das, weil unser Wahllokal (fast immer) ein Klassenzimmer dieser Schule ist. Wenn wir zur Wahl gegangen sind, sind mir wiederholt Aushänge aufgefallen, die die Mitschülerinnen und Mitschüler informieren und um Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit bitten.

In den allermeisten Schulen sind Kinder  mit Diabetes „willkommen“. In Thüringen jedoch, so lese ich, sollten Kinder mit Diabetes Typ 1 nicht zur Schule gehen, weil sie zur Gruppe der „Vorerkrankten“ gehören. Man orientierte sich dabei an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), das alle Diabetiker pauschal als gefährdet einstuft..

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat Ende April direkt Alarm geschlagen. Sie warnte vor einer Ausgrenzung dieser Kinder: „Aus kinderdiabetologischer Sicht spricht also nichts dagegen, dass im Zuge der aktuell geplanten Schulöffnungen auch die hierzulande rund 30.000 Kinder und Jugendlichen mit Diabetes die Schule besuchen“, bilanziert DDG Vizepräsident Professor Dr. med. Andreas Neu aus Tübingen den aktuellen medizinischen Wissensstand. Er verweist auf die Stellungnahme der AG Pädiatrische Diabetologie (AGPD), die hierzu die aktuellsten Informationen zusammengetragen hat.[1] Diese basiert auf einer Datensammlung der International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) aus der bislang keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes abgeleitet werden könnten.“ u.a.: https://www.diabetologie-online.de/a/schuloeffnungen-ddg-kinder-mit-diabetes-nicht-pauschal-vom-unterricht-ausschliessen-2154989

Doch warum hat das Robert-Koch-Institut (RKI) keine Entwarnung gegeben, was den Schulbesuch der betroffenen Kinder angeht? Warum unterscheidet man im Zusammenhang mit Corona nicht zwischen an Diabetes erkrankten älteren Erwachsenen und Kindern? Ich sehe hierin ein Versäumnis, das nicht nur inhuman, sondern inakzeptabel ist – und ein Nachspiel haben müsste.

In der autofreien Siedlung standen in den letzten Wochen überall Verschenke-Kisten herum. Neuerdings veranstalten die Kinder auch endlich wieder private Flohmärkte, die hier bei gutem Wetter (und in „Friedenszeiten“) alltäglich sind.

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Kinder-Flohmarkt: „Alles desinfiziert“

Zum Glück roch es rund um den Stand nicht nach Desinfektionsmitteln, sondern nach frischen Waffeln!

 

*Name geändert

Elfchen im Fünften: Nippeser Halsbandsittiche vertreiben die BZgA

Adieu,

Sexperten! Packt

Ein euer Papperlapapp

Ab nach Braunsfeld in

Aufklärungskrampfhaft

 

Bis vor wenigen Jahren war die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nicht nur in Köln-Merheim ansässig, sondern auch in der Nippeser Werkstattstraße. Die Nippeser Büroräume der BZgA befanden sich kaum hundert Meter weit weg vom Südeingang unserer Siedlung in einem Haus der Deutschen Bahn direkt an der S-Bahn-Trasse.

Anfang 2015 hat dann die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung -unter dem Beifall zahlreicher freiheitsliebender Nippeser Halsbandsittiche- ein neues, lichtes Gebäude am Maarweg in Köln-Braunsfeld bezogen. Auf einem älteren Foto ist der Nippeser Standort der BZgA noch ausmachbar: https://www.alamy.com/stock-photo-kln-nippes-werkstattstrasse-102-eisenbahn-bundesamt-aussenstelle-in-102152595.html?pv=1&stamp=2&imageid=BA530D22-9F00-42A6-971F-62E6CA1A103A&p=73423&n=0&orientation=0&pn=1&

Der Grund für den Umzug der BZgA von Nippes nach Braunsfeld war angeblich der baufällige Zustand des Hauses. Doch da war noch etwas anderes, das bohrend störte, das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BZgA in Atem hielt und ihnen mit der Zeit die Arbeitsmoral raubte: Der Papageienvögel unkontrollierbare Fortpflanzungsfreude. In der südlichen Außenwand des Gebäudes (das so baufällig nicht sein kann, denn aktuell beherbergt es vier Bahn-Behörden) nisten und brüten Halsbandsittiche – und das schon seit vielen Jahren. Damit der Nachwuchs es schön mollig hat, haben die Papageienvögel Höhlen in die Wärmedämmung gegraben.

Immer wieder hat man die Bruthöhlen zugestopft und die Schlupflöcher verspachtelt, doch jedes Mal waren die Sittiche munter pickend schon bald wieder da. Alle Versuche, die Tiere zu vertreiben und an der Eiablage zu hindern, sind fehlgeschlagen.

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Nippes, April 2020… Da lacht der Halsbandsittich: „Sexualaufklärung beginnt mit der Geburt.“ (WHO-Regionalbüro für Europa und BZgA: Standards für die Sexualaufklärung in Europa)

 

Es gibt eine weise Kinderfrage, die lautet: „Wo komme ich her?“ Sexualaufklärer geben hierauf eine rationale, einfache Antwort. Sie erklären schon dem Kindergartenkind, dass es gemacht wurde: Die Eltern hatten Sex und haben dabei ein Kind hergestellt.

Ich weiß noch, wie meine jüngere Tochter nach dem Sexualkundeunterricht in der Grundschule nach Hause kam und ziemlich verstört war. „Mama, warum war ich so ein altes Ei? Und warum bist du 15 Jahre älter als Maras Mutter?“ Man muss wissen: Ich habe meine jüngere Tochter mit knapp 41 Jahren bekommen. Im Sexualkundeunterricht hören die Kinder, dass ältere Frauen, die ein Kind erwarten, „Risikoschwangere“ sind, und man erzählt ihnen, dass die „Qualität“ der Eizellen einer Frau mit zunehmendem Alter abnimmt. Dass ältere Schwangere (und deren Kinder) mit einer solchen Behauptung diffamiert werden, kann kein Kind begreifen.

Ich hatte die Frage befürchtet und sagte: „Ich wollte dich und kein anderes Kind. Noch bevor ich dich kannte, mochte ich dich sehr. Doch um dich zu kriegen, musste ich 40 Jahre alt werden. Monat für Monat machte sich in mir ein winzigkleines Ei auf den Weg zu den Menschen, aber meine Gebärmutter wies eins nach dem anderen ab, weil es noch nicht das richtige war. Ich habe gewartet und gewartet, Monat für Monat. Irgendwann wurde ich mit dir schwanger. Jetzt endlich warst du auf dem Weg in die Welt.“

Sexualität ist geheimnisvoll. Warum verlieben wir uns? Mit Hormonen alleine lässt sich es nicht erklären. Es ist ja wirklich so, dass uns die Liebe „Flügel verleiht“. Man sollte meinen, Sexualpädagogen hätten nicht den Hauch einer Ahnung von der Liebe, wenn sie auf Anweisung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Schulkinder dazu auffordern, Penisattrappen Kondome überzustreifen.

Offenbar nimmt es die BZgA, was eigene Aktionen und Transaktionen angeht, mit der Aufklärung nicht so genau. Im Gegenteil: In Merheim hatte man zwar keine Leichen im Keller, aber belastende Altlasten – und einen schweren, insbesondere für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesundheitsgefährdenden Schimmelbefall. Der Umzug von Merheim nach Braunsfeld brachte einen ganzen Haufen unliebsamer, vergessener Fundstücke zutage: https://www.sueddeutsche.de/politik/rechnungshof-300-aktenordner-verschimmeln-in-der-bundeszentrale-fuer-gesundheitliche-aufkaerung-1.2960700