Elfchen im Vierten: Dicke Hunde

Der immer resoluter werdende bürokratische Zugriff macht auch vor den Haustieren nicht halt. Kürzlich ist dem Ordnungsamt aufgefallen, dass unser Hund Freki (11) zwar ordnungsgemäß beim Kassen- und Steueramt der Stadt Köln gemeldet ist, wo wir seit elf Jahren Hundesteuer bezahlen, nicht aber beim Amt für öffentliche Ordnung.

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Blechschaden: Als Freki Mitarbeitern des Ordnungsamts auffiel, trug er dummerweise keine Hundemarke, denn die alte war nach jahrelangem Dauergebrauch unbrauchbar geworden und vom Halsband gefallen. Eine neue hatte ich zwar ordnungsgemäß unmittelbar beantragt, aber coronabedingt dauerte es ganze fünf Wochen, bis sie im Briefkasten war. Die Stadt Köln spart seit ein paar Jahren an den Hundemarken und gibt neue nur noch auf Nachfrage aus. Übrigens heißt die Erkennungsmarke der Soldaten, durch die „Gefallene“ identifiziert werden können, in der Soldatensprache „Hundemarke“ (s. wikipedia).

Wir dachten immer, man müsse nur sogenannte „Kampfhunde“ beim Ordnungsamt anmelden. Aber laut Gesetz, so wurde ich belehrt, gelten seit 2002 in NRW nicht nur einzelne „gefährliche Hunde“ und „Hunde bestimmter Rassen“ als Sicherheitsrisiko, sondern auch alle großen Hunde über 20 kg und ab 40 cm Widerristhöhe. Obwohl gerade große Hunde in der Regel freundlich und gelassen sind, wird unterstellt, dass von ihnen eine „Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgeht“. (LHundG NRW)

Die Verordnungen zur Hundehaltung werden von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Für große Kölner Hunde gilt das Landeshundegesetz – LHundG NRW, § 11 (Fn 3): „Große Hunde dürfen nur gehalten werden, wenn die Halterin oder der Halter die erforderliche Sachkunde und Zuverlässigkeit besitzt, den Hund fälschungssicher mit einem Mikrochip gekennzeichnet und für den Hund eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat und dies gegenüber der zuständigen Behörde nachweist.“

Da ich von der „zuständigen Behörde“ wissen wollte, warum ein großer Hund per se sicherheitsgefährdend sein soll, gab ich auf einer Internet-Seite der Stadt Köln am 30.3. spätabends folgende Warum-Frage ein:

„… Guten Tag, ich würde gerne wissen, WARUM schwere (meistens sehr sanfte) Hunde beim Ordnungsamt gemeldet werden müssen. Ein Berner Sennenhund tut doch keinem was zuleide. Herzliche Grüße, Lisa Wilczok…“

Bereits am nächsten Morgen bekam ich per Mail folgende Antwort:

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Leider ist diese Antwort keine Antwort auf mein WARUM. Und ich erfahre: Das eigentliche Sicherheitsrisiko sind gar nicht die großen Hunde, sondern deren Besitzer. Doch warum soll ich als Halterin eines ungewöhnlich groß und schwer geratenen Australian Shepherd weniger zuverlässig sein als das Frauchen des Wadenbeißers?

Im Wikipedia-Beitrag zum Hundegesetz für das Land Nordrhein-Westfalen fand ich dann einen Hinweis, und zwar auf einen Tatbestand mit der Bezeichnung „Umrennen von Passanten“. Vermutlich wird dieses „Umrennen von Passanten“ großen Hunden zur Last gelegt. Und entsprechend wird uns Haltern großer Hunde unterstellt, dass wir uns mit großen Hunden bewaffnen, um Mitmenschen zu Fall zu bringen.

Ich wäre schon einmal auf der Neusser Straße fast über einen kleinen Kläffer gestolpert, aber dass mich ein großer Hund umgerannt hat, ist mir noch nicht passiert. Und könnte es nicht sein, dass in den meisten Fällen gar nicht die Hunde die Passanten, sondern die Passanten die Hunde umrennen?

Das Hundegesetz, so lese ich, habe von Beginn an Wirkung gezeigt: „Als Erfolg des Gesetzes wird gewertet, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle gegenüber 2003 um ein Viertel, des von Umweltminister Eckhard Uhlenberg vorgestellten Berichts des Umweltministeriums zufolge, auf 2.210 Beißvorfälle und 1.627 sonstige Vorfälle (wie das Umrennen von Passanten) im Jahre 2007 gesunken sei.“ (wikipedia)

Ein fragwürdiger Bericht. Dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle (inklusive „Umrennen von Passanten“) zwischen 2003 und 2007 zurückgegangen ist, heißt noch lange nicht, dass es weniger Vorfälle gab. Vermutlich wurden und werden Beißereien und andere Zusammenstöße nur seltener gemeldet, da immer höher werdende Ordnungs-Strafen drohen (Geldstrafen, Entzug der Hundehalte-Erlaubnis etc.).

…. Nebenbei gesagt: Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Eckhard Uhlenberg (CDU) im Jahr 2008 den „Erfolg des Gesetzes“ vermeldet hat, eines Gesetzes, das mehr Sicherheit verspricht. Dabei stellte Eckhard Uhlenberg in seiner Amtszeit als NRW-Umweltminister (2005-2010) ein großes Sicherheitsrisiko für Mensch und Tier dar. (Stichwort: Trinkwasserkontamination an der Ruhr, u.a. durch PFT, siehe wikipedia, aber auch: https://web.archive.org/web/20161024170535/http://www.derwesten.de/politik/eine-teure-justizposse-im-hause-uhlenberg-id9027.html)

Große Hunde sind oft selbstbewusst, weil Artgenossen und Menschen Respekt vor ihnen haben. Unser großer Hund verschafft sich gerne bellend Gehör, aber er beißt nicht. Freki rennt keine Passanten um, sondern macht einen Bogen um Menschen, die er nicht kennt.

Freki, geboren am 3.3.2010 in Vettweiß, Hundesteuer-Identifikationsnummer 17924, Heimtierausweis-Nr. DE 05 1121584, Alphanumerischer Transponder-Code (Chip) Nr. 276 097202029575, ist ein fälschungssicherer Hund und …

Sanftmütig

Wie Båtsman

Doch dicke Hunde

Schupsen kleine Kinder um

Bum

Kleine Hunde müssen nicht beim Ordnungsamt angemeldet werden. Dabei richten gerade die kurz geratenen, mit spitzen Zähnen ausgestatteten, respektlosen Kläffer oftmals erheblichen Sachschaden an.

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Diesen Sitzplatz für Menschen hat der Kölner Boston-Terrier Henri (Name geändert) auf dem Gewissen (wenn er eines hat). 

Hunde unterstützen uns Menschen als Hüte-, Blinden- und Therapiehunde. Hunde mögen uns, Hunde muntern uns auf. Hunde lassen uns im Lockdown Luft schnappen, sie machen die Maßnahmen erträglicher, denn sie versüßen uns die offiziell erlaubte Wanderung. Hunde setzen, weil sie ausgeführt werden müssen, die nächtliche Ausgangssperre außer Kraft.

Überhaupt sind Hunde wunderbare Lockdown-Begleiter. Dass der überhand nehmende Versandhandel Papiermüll-Probleme erzeugt, hat auch Freki erkannt. Es hat ihn auf eine gute Idee gebracht: Pappkartons zerlegt er neuerdings so, dass sie in der Blauen Tonne deutlich weniger Platz einnehmen.

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Mit elf Jahren hat Freki schon ein paar Zähne verloren, aber das stört ihn kaum. 

„Für den Franz-Josef Strauß waren die politischen Kritiker weder ‚Wutbürger‘ noch ‚Verschwörungstheoretiker‘, sondern ‚Ratten und Schmeißfliegen‘ “ – Weiter geht’s mit der Frau Keuner

„Tut das gut“, sagt die Frau Keuner, nachdem sie einen Schluck Kölsch getrunken hat. „Das nenne ich Freiheit. Mitten auf der Straße kühles Kölsch direkt aus der Pulle, unbeobachtet. Deshalb möchte ich nicht prominent sein. Da musst du dich immer kontrollieren, immer aufpassen, was du sagst, denn du wirst ständig beobachtet. Du lebst ja nicht nur vom, sondern im Fernsehen. Aber manchmal vergessen die Promis, dass wir sie beobachten. Ich denk da an den Jogi Löw. Wo der sich überall hingepackt hat.“

„In die Nase doch nur, oder?“

„Nicht nur“, sagt die Frau Keuner. „Hast du das damals nicht mitgekriegt? 80 Prozent von euch und ich … Die Pressekonferenz, wo der Poldi das gesagt hat, kannst du dir auf You Tube angucken.“

„Da hatte man noch was zu lachen“, sagt die Frau Keuner. „Jetzt tritt der Jogi ab. Der sieht ja neuerdings ziemlich alt aus. Als Fernseh-Figur kannst du nicht unbeobachtet altern. Die Fernsehzuschauer ertappen dich sozusagen dabei. Und die kriegen es alle mit, wenn du pummelig wirst. Je höher die Einschaltquote ist, desto mehr Leute sitzen vor dem Fernseher und sagen: Ist der Eckart von Hirschhausen aber moppelig geworden. Vor den Leuten kannst du auch nicht verstecken, dass du verkatert bist. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass die Margot Käßmann verpfiffen wurde, als die damals ein einziges Mal zu viel gesoffen hat. Ist allerdings auch bescheuert, sich als öffentliche Person alkoholisiert hinters Steuer zu setzen.“

„Ich glaub, die konnte einfach nicht mehr, die musste mal…“, sage ich. „Das war schlau.“

Wir sind vor dem Haus angekommen, wo die Frau Keuner wohnt. Es ist nicht so leicht zu erkennen, denn die Mehrfamilienhäuser sehen alle gleich aus und sind aneinander gebaut. Alle Häuser haben ein gemeinsames Dach, wie mir die Frau Keuner erklärt. Und alle hatten eine gemeinsame Baustelle.

Die Frau Keuner geht noch nicht hoch. „Schön, mit dir zusammen draußen Bier zu trinken. Aus einer echten Glasflasche. Für zu Hause hol ich mir ja meistens das Weißbier von Aldi in der Plastikpulle. Das schütte ich mir dann in ein Glas um. Aber direkt aus der Pulle geht Plastik überhaupt nicht. Wie hieß noch die Karnevalsaktion der Stadt Köln, wo die Leute dazu erzogen werden sollten, das Bier nicht mehr aus Glasflaschen zu trinken, sondern aus stabilen Plastikbechern?“

„Mehr Spaß ohne Glas“, sage ich. „Ich versteh das schon. Es liegen ja schon ohne Karneval überall Scherben rum.“

„Dann sollte man, anstatt uns alle damit zu bestrafen, Bier aus Plastikbechern zu trinken, lieber den Flaschenpfand auf fünfzig Cent erhöhen“, sagt die Frau Keuner. „Nicht nur zur Karnevalszeit. Könnte man ja mal ausprobieren. Für acht Cent bringt niemand die Bierflasche zurück. Prost.“

„Wie hat sich eigentlich das Leben auf der Baustelle angefühlt?“, frage ich.

„Dumme Frage“, sagt die Frau Keuner. „Wie wohl? Ich hatte monatelang das Gerüst direkt vor dem Fenster. Wie soll ich mich gefühlt haben? Bedroht! Du weißt ja nie, wer zu dir will, Einbrecher, die Polizei oder die aufsuchende Impfung. Es gibt so viele Leute, die ihren Mitmenschen einen Schreck einjagen wollen. Erinnerst du dich noch an die Horrorclowns, die vor ein paar Jahren unterwegs waren? Stell dir vor, ein als Krankenhausclown verkleideter Eckart von Hirschhausen und der Impfarzt Karl Lauterbach tun sich zusammen, die klettern über das Gerüst auf deinen Balkon und klopfen von außen an dein Fenster. Lustig, was?“ Die Frau Keuner nimmt einen Schluck Bier. „Wenn du alleine lebst, ist so eine Baustelle alptraumhaft. Erst recht in Corona-Zeiten. Puff geschlossen, Stadion nur für geladene Gäste. Das macht die Männer noch aggressiver, als sie ohnehin sind. Eigentlich sollte das Gerüst vor Weihnachten abgebaut werden. Soll ich dir Fotos zeigen? Ich hab die Fotos an das Heimatministerium geschickt: Das ist sooo deutsch: Pfusch am Bau.“

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Hereinspaziert!

„Und warum haben Sie die Fotos an das Heimatministerium geschickt?“, will ich wissen.

„Weil die da auch für den Bau zuständig sind. Das Heimatministerium ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Ich finde, ein Bundesministerium für Bau und Heimat sollte darauf achten, dass so gebaut wird, dass sich die Menschen überall in Deutschland in ihren Wohnungen beheimatet fühlen. Aber die sind da leider mehr an PR als am Gemeinwohl interessiert. Das Heimatministerium gibt Broschüren heraus, die uns die unternehmerfreundliche Politik als bürgerfreundlich verkaufen. Stadtentwicklungsbericht 2020. In den Großstädten wird der soziale Wohnungsbau gefördert, damit die Leute nicht mehr gezwungen sind, von Köln nach Frechen zu ziehen, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können.

„Das klingt doch gut“, sagte ich.

„Ja, das klingt gut“, sagte die Frau Keuner. „Aber dann bauen die die Wohnungen so billig, dass nach ein paar Jahren saniert werden muss. Prost.“

„Prost auch“, sage ich. „So fördert man das Handwerk.“

„Hömma, wie redest du?! Lisa, du musst keine Miete zahlen. Du bist fein raus. Das hier ist geplanter Verschleiß am Bau. Wenn ein Staubsauger nach ein paar Jahren kaputt geht, kannst du den wegschmeißen, weil sich die Reparatur nicht mehr lohnt, aber du kannst ein Wohnhaus nicht in die Tonne kloppen. Man darf doch beim Bau der Wohnhäuser nicht an den falschen Stellen sparen. Wobei die falschen Stellen für manche Leute genau die richtigen sind. Ich denke, mein Vermieter GAG hat sich die Sanierung teuer bezahlen lassen. Auf unsere Kosten, denn auf der öffentlich geförderten Baustelle leben wir. Ich habe gerade mal 15% weniger Miete gezahlt. Warum musste ich überhaupt noch Miete bezahlen? Warum hab ich kein Schmerzensgeld gekriegt?“

„Warum gucken Sie mich an?“, frage ich. „Ich bin keine Vermieterin.“

„Aber Eigentümerin“, sagt die Frau Keuner. „Ich weiß ja, dass eure schmucken Reihenhäuser kurz nach Ablauf der Gewährleistungsfrist sanierungsbedürftig waren und es immer noch sind. Hast du mir selber erzählt. Aber ihr könnt selber entscheiden, wann und ob ihr euch das Gerüst vor die Häuserreihe stellt. Und ihr könnt die Bruchbuden teuer verkloppen. Die autofreie Siedlung ist ja eine Top-Adresse für Leute mit Kleinkindern. Die kaufen die Häuser, obwohl sie wissen, dass die Bausubstanz schlecht ist. Der Bauträger hat ja damals keinen Unterschied gemacht zwischen Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern. Billiger, billiger, billiger.“

Die Frau Keuner verstummt, aber nur, weil sie trinkt. Sie setzt die Flasche ab, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und redet dann weiter: „Jetzt wurde im Heimatministerium der Förderaufruf Post-Corona-Stadt gestartet. Es geht um die Finanzierung zukünftiger Bauprojekte. Woran erinnert dich das Vorhaben Post-Corona-Stadt? Was soll da mit unseren Geldern gefördert werden? Welche Nachkriegs-Vokabel fällt dir dazu ein?“

„Wiederaufbau?“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Aber warum fühlt sich der Heimatminister nicht verantwortlich für die Stadt vor Corona, für den Zustand der Häuser, die schon vor Jahren und Jahrzehnten gebaut wurden? Warum lässt man zu, dass die Menschen gerade in den Großstädten völlig überhöhte Mieten zahlen müssen? Das Bundesverfassungsgericht hat gerade den Berliner Mietpreisdeckel gekippt. Sag mal, interessiert dich das nicht?“

„Ich muss jetzt gehen“, sage ich.

„Du wartest, bis wir hier fertig sind“, sagt die Frau Keuner, stellt die Bierflasche ab und kramt ihr Smartphone aus der Tasche. „Hömma, wir sind das Volk. Wer zahlt die Steuern, wer bezahlt Rundfunkgebühren, wer finanziert das Wohlleben der Politiker? Und was sagt unser Heimat- und Innenminister Horst Seehofer, der sich gerade als einziger Bundesminister nicht den Ladenhüter Astrazeneca, sondern die vermeintliche Nobel-Impfung Biontech hat verabreichen lassen? Der Mann ist so gönnerhaft. Was steht da auf der Web-Site? Moment…“

Die Frau Keuner setzt die Lesebrille auf und tippt auf dem Smartphone herum: „Er sagt… Hier: Wir greifen Menschen unter die Arme, bei denen der Lohn trotz Arbeit nicht für die Miete ausreicht. Hömma, ist dat dem sein Geld? Ich sage dir, ich will nicht, dass mir einer an den Arm greift, ich will nicht, dass mir einer unter die Arme greift, ich will überhaupt nicht, dass man sich an mir vergreift. Wem gehört das Geld, wem gehört die Welt? Die Prominenten leben in ihrer wohltemperierten Blase und haben Angst, dass die Blase, die immer dicker wird, platzt. Irgendwann wird sie das. Die Demokratie, das sind wir. Denn wer gestaltet das Leben in den Städten, in den Stadtteilen, auf den Straßen, auf den Plätzen? Wer macht Musik, wer hält ein Schwätzchen, wer sorgt öffentlich für gute Stimmung? Doch nicht die Politiker.“

„Bah“, mache ich. Ich habe den Fehler gemacht, mir die Flasche mit dem schon ollen Restschluck Bier an die Lippen zu setzen..

„Dat gönn ich dir“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Kölsch wird schnell schal, das muss man schneller trinken, als man kann. Davon leben die Brauhäuser. Du traust dich wohl nicht, den Rest vor meinen Augen in den Gully zu kippen.“

„Ach was.“

„Ja ja“, grinst die Frau Keuner. Sie steckt das Smartphone zurück in die Tasche. „Was ich noch sagen wollte: Der unglaubwürdigste Politiker ist für mich Bundespräsident Hans Walter Steinmeier. Da sitze ich vor dem Fernseher und gucke mir seine Weihnachtsansprache an. Ich ahne nichts Böses, da sagt der Steinmeier diesen Satz: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Das haben angeblich die Bürger den Steinmeier gefragt. Dass dieser Präsident sich nicht schämt. Zu Beginn der Rede wird die schöne, wunderbar intakte, gerüstlose Fassade von Schloss Bellevue gezeigt. Auf diese Fassade wurden in der Adventszeit, wie der Steinmeier sagt, gefühlvolle Sprüche projiziert. Für die Weihnachtsansprache wurde das noch einmal nachinszeniert. Wir Fernsehzuschauer gucken auf die Fassade und sehen leuchtende Satzfetzen, die auftauchen und wieder verschwinden. Tolle Installation. Nur ein einziger Satz ist komplett: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Diese Anbiederung an die Menschen ist übelste politische Propaganda. Zum Glück gibt es das Internet, denn die Rede ist da konserviert. Ja, den Schmarren kann man sich auf You Tube noch einmal ganz genau angucken, und zwar kritisch und mit Abstand. Ich kann den Beginn der Rede auswendig. Also, hör gut zu…“

„Muss das sein?“

„Muss sein“, sagt die Frau Keuner. „Weil das so entlarvend ist. Also: Dieser tiefe Seufzer, liebe Landsleute, ist eine von tausenden persönlichen Botschaften, die mich aus allen Teilen unseres Landes erreicht haben. Viele der Zuschriften haben wir in der Adventszeit hier draußen auf der Fassade von Schloss Bellevue zum Leuchten gebracht – jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht am Ende eines Jahres, das wir uns alle ganz anders vorgestellt hatten.“ Die Frau Keuner macht eine kurze Pause und fragt dann: „Was sagst du als Sprachwissenschaftlerin dazu?“

„Tut weh“, sage ich nur. „Sentimentales Gesülze.“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Dass der Mann sich nicht schämt. Für diesen Schwulst, dieses Geseire. Als würden wir uns mit unseren Sorgen und Nöten an den Bundespräsidenten wenden, obwohl doch die Bundespolitik für diese neuen Nöte und Sorgen verantwortlich ist.“

„Ob man das so sagen kann?“, unterbreche ich die Frau Keuner.

„Kann man“, sagt die Frau Keuner. „Und guck dir die Formulierungen an: Dieser tiefe Seufzer…, eine von tausenden persönlichen Botschaften…, jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht… Viele Menschen empfinden so, aber viele empfinden ganz anders. Sie sind wütend, sie sind so wütend wie noch nie, und wer das ganz genau weiß, ist Frank Walther Steinmeier. Der schreibt ja seine Reden nicht selber, die schreiben psychologisch geschulte Werbetexterinnen und Werbetexter, die uns Bürgerinnen und Bürger beschwichtigen und besänftigen sollen. Denn der Steinmeier hat auch andere Briefe gekriegt, sachliche, kritische Briefe mit klugen, nachdenklichen Sätzen, aber die kritischen Sätze passten nicht auf die Fassade, deshalb verschweigt man sie. Ich hatte den Steinmeier hierhin eingeladen, damit der sich mal die Baustelle anguckt. Damit er sieht, dass es auch andere, weniger schöne Fassaden gibt. Frank-Walther Steinmeier ist nicht gekommen, und ich hab auch keine Antwort gekriegt. Aber dann…“ Die Frau Keuner hört auf zu reden und atmet schwer.

„Aber dann…? Bitte, Frau Keuner, reden Sie weiter.“

„Aber dann kam ein Mann vorbei, der hat das Gerüst fotografiert. Weißt du, was der gesagt hat? Ich beneide Sie darum, hier zu leben. Das ist Kunst, Verpackungskunst. Wo jetzt die Theater geschlossen sind, können Sie froh sein, Teil eines Kunstwerks zu sein. Sind die denn alle bekloppt?“

Die Frau Keuner kippt den Rest Kölsch in den Gully. „Erinnerst du dich an den Löwenthal? Das waren noch Zeiten, als die Moderatoren noch offen reaktionär waren, damals, als im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von links noch Gegenwind kam.“ Sie fängt an zu singen: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, im Fernsehen spricht der Löwenthal…“

„Ich sehne mich nach Politikern wie Franz Josef Strauß“, sagt die Frau Keuner. „Der Strauß hat seine Aggressionen nicht versteckt. Der war furchtbar, aber der hat nicht auf Gutmensch gemacht. Der Mann hat sich nicht bei uns eingeschleimt. Für den Franz-Josef Strauß waren die kritischen Menschen weder Wutbürger noch Verschwörungstheoretiker, sondern Ratten und Schmeißfliegen.“

„Der Strauß war doch ein Polterer“, sage ich.

„Aber immerhin kein kalter Bürokrat“, sagt die Frau Keuner. „In den letzten Jahren haben wir haben uns zu sicher gefühlt und nicht aufgepasst. Wir haben uns eingebildet, dass nur die AFD unsere Demokratie gefährdet. Aber die CDU…“

„Das geht mir zu weit, Frau Keuner, die CDU gefährdet doch nicht unsere Demokratie.“

„Hab ich das etwa behauptet?“ Die Frau Keuner drückt mir die leere Bierflasche in die Hand.

„Pfusch am Körperbau“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Wir laufen uns am frühen Sonntagabend im Siedlungsladen über den Weg. Mir fehlt zum Kochen die Sahne, also bin ich schnell dahin. Der Dorfladen der autofreien Siedlung ist nicht ganz billig, aber gut sortiert und auch sonntags geöffnet. Die Frau Keuner hat ein paar Flaschen Früh gekauft und im Rollator verstaut. Sie trägt eine rosa OP-Maske, obwohl…

„Tach auch“, sach ich. „Aber haben Sie nicht ein Masken-Attest?“

„Ich muss mich schützen“, sagt die Frau Keuner.

„Vor Corona?“

„Ach wat. “ Die Frau Keuner grinst. „Ich muss mich vor den blöden Sprüchen schützen. FFP2 geht gar nicht, da kommt keine Luft durch, aber die sogenannte OP-Maske kann ich für ein paar Minuten anhaben, ohne dass ich Atemnot krieg. Ich hab keinen Bock, permanent angepflaumt zu werden, weil ich keine Maske anhab. Hier im Dorfladen sind die Leute ja nett und entspannt, kein Kassenband, kein Stress, die Kunden verteilen sich, freundliche Mitarbeiter und immer Zeit für ein Schwätzchen. Aber in den Supermärkten sind die Leute ja dermaßen giftig geworden. Die gehen aufeinander los, anstatt sich mal endlich zusammenzuraufen. Kennst du noch die Hundehasserin?“

„Meinen Sie die fiese ältere Frau, die immer das Ordnungsamt alarmiert hat, wenn man mit dem Hund die Wiese betreten hat?“

Die Frau Keuner nickt: „Genau die.“

„Ich dachte, die ist tot. Seit Corona hab ich die nicht mehr gesehen.“

„Die ist nicht tot, die ist nur woanders unterwegs“, sagt die Frau Keuner. „Im REWE. Die geht jetzt nicht mehr auf die Hundebesitzer los. Die ist jetzt keine Hundehasserin mehr, sondern das, was sie eigentlich immer schon war: Eine Menschenhasserin. Die geht nicht mehr draußen spazieren. Die spaziert jetzt durch den REWE, die Gänge rauf und runter, die schiebt einen Einkaufswagen vor sich her und wartet darauf, dass einer kommt, der eine falsche Maske trägt oder eine verrutschte oder gar keine. Dann geht die mit dem Einkaufswagen auf den Menschen zu und versperrt ihm den Weg….“ Die Frau Keuner hört auf zu reden, zieht kurz die Maske runter und reibt sich die Nase.

„Hat die auch Ihnen den Weg versperrt?“, frage ich leise.

„Ja“, sagt die Frau Keuner. „Die hat ihren Einkaufswagen gegen meinen Rollator gedrückt. Ich wäre fast umgefallen. Das war vor ein paar Wochen, als es im REWE an der Nohlstraße noch die Einkaufswagen-Pflicht gab. Keinen Einkaufswagen?, hat die Menschenhasserin gefragt. Nein, hab ich gesagt. Ich bin auf die Gehhilfe angewiesen und von daher von der Einkaufswagen-Pflicht befreit. Dass ich von einer Pflicht befreit bin, während sie zur Pflichterfüllung verpflichtet ist, hat der Frau gar nicht gefallen.“

Die Frau Keuner macht eine kurze Atempause und redet dann weiter: „Ich hab der Frau gesagt, dass ich auch von der Maskenpflicht befreit bin, weil ich Asthmatikerin bin und ein Attest hab. Na und, hat die mich angegiftet, dann soll man nicht einkaufen gehen, sondern sich die Ware liefern lassen, denn ohne Maske gefährden Sie uns alle, ob mit oder ohne Attest. Und in Ihrem Alter und in Ihrem desolaten gesundheitlichen Zustand sollten Sie ohnehin nicht einkaufen gehen: Oder… Ich sag dir, die ist richtig fies geworden: Oder haben Sie sonst nichts?“

Die Frau Keuner holt ein Tüchlein aus der Tasche und tupft sich ein paar Tränen ab. „Ich will an der vorbei, aber die lässt mich nicht. Dann wird die richtig fies, die lächelt, beugt sich zu mir, nimmt kurz die Maske ab, haucht mir ihre Aerosole ins Gesicht und sagt mir leise ein Wort ins Ohr: Träumerin. Dann hat die noch was gesagt, diesmal laut: Sie sind die asozialste Person, die mir jemals begegnet ist. Sofort sind ein paar Kunden gekommen, die das gehört haben, und haben sich hinter sie gestellt: Jawoll! Mir sind blöderweise die Tränen gekommen. Zwei junge Frauen haben zu mir gehalten. Das hat gut getan. Mir ist nichts passiert, ich hab ja mein Attest. Aber ich kann nicht mehr. Ich zieh jetzt immer die Maske auf. Auch hier.“

„Ich bin oft im REWE in der Nohlstraße“, sage ich. „Weil der der nächste ist. Aber ich habe die Frau da noch nie gesehen.“

„Die wechselt die Filiale“, sagt die Frau Keuner. „REWE zieht ja überhaupt die Kontrolleure an. Im REWE an der Neusser Straße gibt es doch vorne im Eingangsbereich einen kunstledergepolsterten Stuhl. Auf diesem ollen Stuhl sitzt jetzt manchmal ein Rentner, der aufpasst, dass die Leute nur den Laden betreten, wenn die Corona-Einlass-Ampel auf grün steht. Der Mann geht ja noch. Der ist vielleicht obrigkeitshörig, aber noch lange kein Menschenhasser. Auch wenn nichts los ist und die Ampel rot zeigt, obwohl das nicht stimmen kann, bleib ich stehen, damit der seinen Spaß hat. Der Mann ist glücklich, denn er hat eine Aufgabe. Früher war er Schülerlotse, hat er mir erzählt. Es ist bescheuert, aber ich freu mich für den.“ Die Frau Keuner muss husten. Wir gehen vor die Tür. Das Husten wird direkt weniger, als die Frau Keuner die Maske abnimmt. Sie seufzt so tief, wie ich nur selten jemanden hab seufzen hören.

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Schöne neue Welt: Plakat zu „Dürfen die das“, einer Kampagne der Stadt Köln, die am 19.1.2021 gestartet wurde. In einer Presseerklärung der Stadt Köln heißt es: „Der kommunale Ordnungsdienst hat laut Gesetzgeber (Polizeigesetz NRW in Verbindung mit dem Ordnungsbehördengesetz NRW) nahezu identische Befugnisse wie die Polizei. Vielen Menschen ist dies nicht bewusst, einige wenige wissen es – und sind dennoch nicht kooperativ bei Kontrollen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22877/index.html Vor Corona ist man hier, an der Neusser Straße in Nippes, den Ordnungskräften nur dann begegnet, wenn sie parkende Autos kontrollierten („Ahndung von Verkehrsordnungswidrigkeiten“). Seitdem jedoch die Corona-Maßnahmen durchgeführt werden, ist das Ordnungsamt allgegenwärtig. Das färbt leider auch auf „kooperative“ Spießbürger ab, die sich mächtiger denn je fühlen und einen fiesen Spaß daran haben, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger im Namen von Ordnung und Sicherheit zu maßregeln, zu drangsalieren und zu denunzieren.

„Das tut so weh“, sagt die Frau Keuner.

„Haben Sie Schmerzen?“, frage ich vorsichtig.

„Auch“, sagt die Frau Keuner. „Seit der Hüft-OP. Das war Pfusch am Körperbau. Ich weiß nicht, ob der Norbert Blüm nach seiner Hüft-OP auch ein verkürztes Bein hatte, aber der hatte wie ich eine schwere Infektion und als Folge davon eine Blutvergiftung. Aber anders als der Blüm lebe ich noch. Das ist das Schöne an diesen Infektionen. Multiresistente Keime machen keinen Unterschied zwischen den Privatversicherten und den Kassenpatienten. Ich würde gerne wissen, wie viele der Corona-Patienten sich auf den Intensivstationen mit Krankenhauskeimen infizieren. Das Intubieren soll ja eine Hauptursache sein.“

Wir gehen langsam die Rampe hoch. Der Laden liegt unter dem Straßenniveau, deshalb muss die Frau Keuner den Rollator eine Betonrampe hochschieben. „Du kannst mich ruhig nach Hause begleiten“, sagt sie. „Aber bitte nur bis zur Tür. Mir fehlt alle Energie zum Aufräumen. Seit Corona ist meine Behausung nur noch ein Dach überm Kopp.“

Die Frau Keuner bleibt immer wieder stehen. „Ohne eine Flasche Bier am Abend oder auch drei oder vier würde ich die Schmerzen nicht aushalten. Sei froh, dass deine Gelenke noch taugen. Aber du konntest dich ja immer schonen. Da sitzt du auf dem Sofa und schreibst Geschichten. Und alle halbe Stunde zapfst du dir dein frisches Käffken aus der Siebträgermaschine. Hätte ich auch gerne. Hömma, dir geht es zu gut.“

„Das Gerüst ist ab“, sage ich. „Immerhin.“

„Lenk nicht ab, geh mal lieber zurück in den Laden und hol uns beiden ein kühles Kölsch für unterwegs, aber lass dir die Flasche aufmachen…“

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21.2.2021: Kinder nutzen das schöne Vorfrühlingswetter, breiten Decken aus und bauen Flohmarkt-Stände auf – wie früher, d.h. vor Corona.                                                                                     Im Hintergrund ist ein eingerüstetes Gebäude zu sehen. Wir schauen auf die Vorderfront eines Gebäudekomplexes  mit zahlreichen, zum Teil öffentlich geförderten Mietwohnungen, mit Villa Stellwerk, dem einzigen Mehrgenerationenhaus innerhalb der autofreien Siedlung, mit Wohnungen für Menschen mit „Betreuungsbedarf“, mit einer Physiotherapie- Praxis sowie einer Praxis, die sich drei Hebammen, zwei Heilpraktikerinnen und eine Jugendpsychotherapeutin teilen – sowie dem einzigen Lebensmittelgeschäft auf dem Stellwerk 60-Gelände. Vermieter: GAG Immobilien AG                                                                                                                                           Ausgerechnet dieser wohl facettenreichste Gebäudekomplex innerhalb der Siedlung wurde in den Monaten zwischen Juli 2020 und März 2021 zu einer Art „Mahnmal“ für „Pfusch am Bau“.  Das marode Dach musste nach nur 12 Jahren komplett saniert werden. Erste Schäden ( Schimmel, Feuchtigkeit) hatten sich allerdings schon kurz nach Fertigstellung gezeigt.  Dabei hatte Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegen genommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“,  sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet.  Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Projekt. Aalglatt: „Auf dem gesamten Areal ist weder das Fahren noch das Parken von Autos zugelassen. Mehrfach ausgezeichnet steht Stellwerk 60 für einen modernen und zeitgemäßen Wohn- und Lebensstil in mitten eines der lebendigsten und beliebtesten Viertel Kölns.“ Es dürfte nicht zuletzt der Referenz auf die autofreie Siedlung zu verdanken sein, dass BPD derzeit in Köln-Lind eine „Klimaschutzsiedlung“ baut.      Dem Pfusch am Bau zum Trotz ist Stellwerk 60 nach wie vor ein großartiges Projekt, das die Stadt Köln endlich unter (Denkmal)- Schutz stellen sollte. Immer noch aktuell (wenn nur die Coronoia nicht wäre): https://stellwerk60.com/2016/06/19/land-der-ideen/

Laschet euch impfen, Leute, geht zum Zahnarzt!

Zu den vergleichsweise angenehmen Begleiterscheinungen eines Zahnarztbesuchs gehört es, dass man sich dort nicht ausziehen, sondern nur den Mund aufmachen muss. Ich finde es unangenehm, wenn man sich unter den kritischen Blicken einer oder mehrerer professioneller (noch dazu bekleideter) Personen der Kleider entledigt. Die ärztliche Aufforderung „Machen Sie sich frei“ ist zwar manchmal angebracht bzw. unvermeidlich, aber immer auch eine Freiheitsberaubung.

In einer gewissen Vorahnung schiebe ich seit einiger Zeit einen dringenden Zahnarztbesuch auf. Vielleicht bietet man mir dort, obwohl ich noch nicht „an der Reihe“ bin, die Corona-Impfung an. Immerhin bin ich zahnzusatzversichert. Und jeder Zahnarzt hat die Befugnis, Spritzen zu setzen. Warum also soll der Zahnarzt nicht mit anpacken, wenn es gilt, die massenhaft georderten Impfstoffe an bzw. in den Mann bzw. die Frau zu bringen? Außerdem ist die Entfernung zwischen Mund und Oberarm klein. Impflinge müssen nur den Ärmel hochkrempeln, um eines der „Qualitäts-Präparate“ zu empfangen, die allesamt wohlklingende, einprägsame Namen tragen, die wir -kaum waren die Impfstoffe verfügbar- als Markennamen wahrgenommen haben.

Wohlgemerkt: Ich bin nicht generell gegen Spritzen, schon gar nicht beim Zahnarzt. Zahnärztliche Betäubungsspritzen sind zwar unangenehm, aber segensreich. Was den Zahnarztbesuch angeht, sage ich: Lieber eine Spritze zuviel als eine zu wenig.

Doch was die Corona-Impfung angeht, ist die einzelne Spritze immer auch eine Art Glaubensbekenntnis, ein Vertrauensbeweis gegenüber einer Gesundheitspolitik, der wir -so denke ich- längst nicht mehr vertrauen dürften. Der einzelne „Pieks“ ist zwar klein, aber als einzelner „Pieks“ ist er Teil eines gesundheitspolitischen Feldzugs, der die Impfung der Massen zum Ziel hat. Kriegerische Sätze wie diesen bekommen wir nicht nur von Angela Merkel zu hören: „Wir gehen mit dem Virus in einen Kampf, das ist unser Gegner.“ Ich fürchte, unsere Politiker wissen schon lange nicht mehr, was sie sagen.

Zu den Zielen der bundesdeutschen Europapolitik (Deutschland hatte vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2020 für sechs Monate den Vorsitz im Rat der EU inne) gehörte die Bildung einer europäischen Einheitsfront gegen das Corona-Virus. Es ist vollbracht: EU-Kommissionspräsidentin und Ärztin Ursula von der Leyen, ehemalige Bundesverteidigungsministerin (Dezember 2013 bis März 2018), darf seit Ende 2020 zum Impf-Angriff blasen: „Wir werden diesen Kampf vereint gewinnen – gegen unseren gemeinsamen Gegner, das Virus.“ https://ec.europa.eu/germany/news/20210208-von-der-leyen-impfstoffstrategie_de

Politiker, Gesundheitsökonom und Arzt Karl Lauterbach scheint die Bodenhaftung komplett verloren zu haben: „… In einem flammenden Appell schrieb Karl Lauterbach bei Twitter, man dürfe „jetzt nicht resignieren. Es sind nur noch wenige Monate, die dritte Welle ist letztes Gefecht“…“ https://www.berliner-zeitung.de/news/karl-lauterbach-fordert-sofort-alle-corona-lockerungen-aufheben-li.145959 Ist Lauterbach nicht bewusst, was er da sagt? Weiß er nicht, dass es einen Horrorfilm(!) nach einem Roman von Stephen King aus dem Jahr 1994 gibt, der den Titel „The Stand“, deutsch: „Das letzte Gefecht“ trägt?

Die Story von „The Stand – Das letzte Gefecht“ (Drehbuch: Stephen King): „… In einem militärischen Forschungslabor für biologische Kampfstoffe entweichen durch einen Unfall tödliche Viren. Bevor das Gelände abgeschottet werden kann, entkommt ein bereits mit der Supergrippe infizierter Wachmann und löst eine Pandemie aus, die in kurzer Zeit fast die gesamte Menschheit auslöscht…“ (wikipedia)

Die weltweite Impfkampagne scheint wie von „The Stand“ inspiriert. Sie ist ein Krieg gegen ein Virus, das wir zwar nicht unterschätzen dürfen, das aber nichts zu tun hat mit einem ausgebrochenen Killervirus und das bei weitem nicht so gefährlich ist, wie man uns vorgaukelt. Corona ist -das dürften Politiker und Virologen wissen- anders als der sogenannte „Klimawandel“ wunderbar kontrollierbar. Und spielen wir mit und sagen JAWOLL!, machen auch wir uns wunderbar kontrollierbar.

Ich werde nicht Seite an Seite mit Merkel, Spahn, Söder, Drosten, Lauterbach, Steinmeier, Yogeshwar und anderen in „eine(r) muntere(n), fürwahr, eine(r) fröhliche(n) Schar“ (aus dem Lied Wer nur den lieben langen Tag, Jens Rohwer, Deutschland 1944) „mit dem Virus in einen Kampf“ gehen und mich zur Impfung anstellen, geduldig wartend, bis ich an der Reihe bin. Ich sage: NEIN.

Meine Vermutung, dass Zahnärzte zum Impfdienst herangezogen werden könnten, wurde mir im Bekanntenkreis übel genommen. Das sei eine Verschwörungstheorie. Niemals würde die Politik zulassen, dass ausgerechnet Zahnärzte impfen dürfen. Das sei doch unseriös. Dann jedoch, am 23.2.2021, fand meine Vorahnung Nahrung:

„… Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, auch Zahnärzte zu Corona-Schutzimpfungen der Bürger heranzuziehen. „Das wird noch kritisch betrachtet“, sagte er am Dienstag in Düsseldorf. Wenn irgendwann viel Impfstoff da sei, werde aber die gesamte Breite des ärztlichen Sachverstands im Land gebraucht, unterstrich Laschet. Wegen der begrenzten Verfügbarkeit der Vakzine sei es derzeit allerdings noch nötig, bei den Impfzentren zu bleiben…“ https://www.sueddeutsche.de/politik/regierung-duesseldorf-laschet-auch-zahnaerzte-sollten-impfen-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-210223-99-558152

Diese Meldung brachte mich auf einen anderen Gedanken: Könnte es nicht sein, dass wegen Corona die niedergelassenen Zahnärzte weniger Einnahmen haben und sich bei Bundes- und Landesregierung beschweren? Vor allem, was die Zahnkosmetik betrifft, dürfte es Einbußen geben. Denn warum müssen Zähne schön sein, wenn wir sie derzeit kaum zeigen dürfen? Könnte es nicht sein, dass die Leute wegen Corona nur im Notfall zum Zahnarzt gehen? Denn warum gepflegte Zähne haben, wo doch die Friseur-Salons geschlossen sind und die hausgemachte „Vokuhila“-Frisur (vorne kurz, hinten lang) wächst und wächst?

Wieder warf man mir vor, dass ich Verschwörungstheorien verbreite. Die Friseur-Salons würden ohnehin bald wieder öffnen. Und niemals würden sich die niedergelassenen Zahnärzte über mangelnde Einnahmen beklagen, denn die Behandlung von Zahnkrankheiten sei krisensicher. Außerdem sei der Beruf als „systemrelevant“ anerkannt worden. Die niedergelassenen Zahnärzte seien dem Staat dankbar, denn sie bekämen Hygiene-Zulagen, und auch die angestellten Zahnärztinnen und Zahnärzte hätten bereits im ersten Lockdown die KiTa-Notdienste voll in Anspruch nehmen können. Meine Bekannten legten mir Belege vor: https://www.zaek-berlin.de/dateien/Content/Dokumente/Zahn%C3%A4rzte/Praxisf%C3%BChrung/Corona/Systemrelevanz_ZA.pdf.

Ich musste also erneut Kritik einstecken. Doch ein kurzer Blick ins Internet bestätigte mir, dass meine Verschwörungstheorie keine war:

„… Die Professionelle Zahnreinigung (PZR) ist die mit Abstand am häufigsten abgerechnete Leistung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ).  Laut Hochrechnung der GOZ-Analyse der BZÄK entfielen 2018 über 43 Prozent aller abgerechneten Leistungspositionen bei privat Vollversicherten auf diese Ziffer.
Infolge der Coronakrise sind gerade im Bereich Prophylaxe extreme Einbußen zu verzeichnen – und damit in einem Bereich, in dem es kaum Nachhol-Effekte geben wird…
https://dgkz.com/pzr-am-haeufigsten-abgerechnete-leistung-der-goz/ (22.6.2020)

Aktuell (26.3.2021) sieht es so aus, als dürften (nach Ostern) nur die Hausärzte impfen. Auch die Apotheker, die über ärztlichen Sachverstand verfügen, ihre Chance witterten und sofort bei Laschet auf der Matte standen („…Wenn irgendwann viel Impfstoff da sei, werde aber die gesamte Breite des ärztlichen Sachverstands im Land gebraucht…“, Laschet, s.o.), müssen sich vorerst bescheiden.

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Sonntag, 28.Februar 2021, Turmstraße in Köln-Nippes. Die Schlagzeile auf der EXPRESS-Titelseite verspricht eine uns zu Tränen rührende Geschichte: „Mein Leben mit dem 2. Piks.“ Unter dieser Schlagzeile verbirgt sich eine ganz andere: „Mein Leben mit dem zweiten Herzen.“ Wieder einmal werden wir für blöd verkauft, denn folgendes sollen wir assoziieren: Die Corona-Impfung hat der Kölnerin Vanessa (21) ein neues Leben geschenkt. Und: Diese Impfung ist ein medizinisches Wunder!

Ernst Jandl-Gedächtnis-Elfchen: Die Politik verliert den ÜberLick

11.3.21: 10. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 11.3.11

11h: Sirenenalarm. Ich gucke ins Internet, was man ja tun soll, wenn die Sirenen heulen, und erfahre etwas, das mich überrascht: Im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind heute, am 11.3.2021, überall die Sirenen zu hören, denn heute ist „Warntag 2021“. Hatten wir einen solchen „Warntag“ nicht schon einmal?

In die „Suchen“-Funktion meines Blogs gebe ich „Warn-Apps“ ein und komme auf einen Beitrag vom 15. September 2020 ( https://stellwerk60.com/2020/09/15/veedel-for-future-bei-der-wahl-des-stadtrates-erreichen-die-grunen-in-nippes-3887/ ), wo ich folgendes schrieb: „Nicht nur die Sirenen werden getestet, sondern auch die Warn-Apps. Unter dem seltsam drohenden, völlig verunglückten Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA („Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes“) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. ‚Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.‘ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss…“

Zurück zum „Warntag 2021“ in Nordrhein-Westfalen. Haben die Verantwortlichen vergessen, dass sich heute vor zehn Jahren die Reaktorkatastrophe von Fukushima ereignet hat? Warum gibt es keine bundesweite Schweigeminute, sondern einen landesweiten Probealarm?

11h30: Der Himmel reißt auf. Ich gehe zum Nippeser Markt und begegne dort einem alten Mann, der eine FFP2- Maske trägt, Fratzen schneidet und wild gestikuliert. Man könnte ihn für verrückt halten. Die Leute sind froh, dass er Abstand halten muss. Sie halten hilfesuchend nach dem Ordnungsamt Ausschau. Durch die Maske hindurch kann der Mann immer noch singen: „Fleißig, fleißig, die DDR, die ist nicht mehr. Oder, oder? Fleißig, fleißig, drei mal elf ist dreiunddreißig. Oder, oder?“

Ich weiß nicht, ob der Mann verrückt ist. Aber die Politik? Spielt die nicht verrückt?

Im Jahr 2015 hat der Ullstein-Verlag Astrid Lindgrens Tagebücher 1939-1945 herausgegeben.(Original: Krigsdagböcker 1939 – 1945) Angelika Kutsch und Gabriele Haefs haben das Buch aus dem Schwedischen sorgsam ins Deutsche übersetzt. Der deutsche Titel des Buchs lautet: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Mit diesem Titel könnten auch Tagebücher aus der Jetztzeit überschrieben sein.

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Vielleicht waren es die beiden Übersetzerinnen, die die schöne Idee hatten, im Vorsatz des Buchs das Faksimile eines von Astrid Lindgren mit der Hand geschriebenen Satzes abzudrucken, der dem Buchtitel als Vorlage diente. Zu deutsch: „Aber die Menschheit hat nun einmal komplett den Verstand verloren.“ (Astrid Lindgren, 12.Mai 1942)

Die Politik verliert den ÜberLick

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Po die

Popopo die Polili

Die Politiktiktik verliertelierteliert den

ÜberLick

Samstag 24.10.2020, spiegel.de. Während die Grafik der Seiten während des Vormittags immer wieder verändert wurde, blieb die Schlagzeile gleich: Polens Präsident Duda positiv getestet. Auch der Text unter der Schlagzeile blieb der gleiche – sowie der Rechtschreibfehler im letzten Wort: „Der Überlick“. Offenbar kam niemand auf die Idee, einmal „konservativ“ den Text zu prüfen. Erst nach Stunden (!) wurde der „Flüchtigkeits“-Fehler korrigiert… Mit Corona häufen sich nicht nur die Rechtschreibfehler.

Schauen wir uns unten stehendes Bild einmal genauer an: Ich bin keine Befürworterin der Politik von Andrzej Duda, im Gegenteil. Doch diese Schlagzeile (unter dem „News-update“!) ist nicht informativ, sondern reißerisch. Meines Erachtens wird Andrzej Duda hier zur Zielscheibe einer untergründig aggressiven „Berichterstattung“. Denn oben auf der Seite (oberhalb der Schlagzeile) wird für ein Computer-Kriegsspiel geworben, das vermutlich nicht einmal als jugendgefährdend und kriegsverherrlichend eingestuft wird, es aber ist. https://worldofwarships.eu/de/

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Im Zusammenhang mit der Werbung für „World of Warships“ dürfte die Schlagzeile Polens Präsident Duda positiv getestet, so ist zu befürchten, bei vielen „Usern“ Kriegs-Gelüste hervorrufen, triumphale, gefährlich diffuse NEUE MÄNNERPHANTASIEN. Das Virus wird zum Angreifer erklärt, der es auf alle Menschen abgesehen hat, aber aktuell auf Andrzej Duda. Mögliche Assoziationen: Duda vom Virus getroffen, ey, du da… Duda von Corona angeschossen, ey, du da… Corona hat Polen erwischt, ey, du da… Jetzt bist du dran, Duda, ey du da…

Zugleich wird ein Superlativ präsentiert, der Leserinnen und Leser in Angst und Schrecken versetzt und das Virus dämonisiert: „In Deutschland wurden so viele neue Fälle an einem Tag registriert wie noch nie seit Beginn der Pandemie.“ Corona, so wird suggeriert, ist längst außer Kontrolle. Corona läuft Amok.

Doch das eigentliche Opfer heißt Duda. Andrzej Duda ist Präsident der Republik Polen. Wie wir alle wissen, begann am 1. September 1939 mit dem hinterhältigen Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Dass DER SPIEGEL (spiegel.de) eine zentrale Werbefläche an die Macher des Computer-Kriegsspiels „World of Warships“ („KOSTENLOS SPIELEN“!) verkauft hat (ausgerechnet auf der Wissenschafts-Seite, die für Objektivität steht!), ist meines Erachtens unannehmbar. Dass es passieren konnte, dass und wie diese Werbung mit der Meldung „Polens Präsident Duda positiv getestet“ zusammengebracht wurde, macht mich fassungslos!

Ach, mein lieber Herr Jandl, wir erleben zurzeit ein politisches Dulcheinandel, und die Medien dulcheinandelen mit. Lieber Herr Jandl, die klaren, klugen, präzisen und wunderschönen Gedichte, die Sie damals geschrieben haben, sind hochaktuell.

Ihr Gedicht „Schtzngrmm“ aus dem Jahr 1957, das ich zur Zeit ständig im Kopf habe, tröstet mich, denn es ist so wahrhaftig. Es ist nicht nur ein Zeugnis für den Irrsinn des Krieges, sondern eine Kritik an der verblödenden medialen Beballerung mit sogenannten „Informationen“ und dem verrückten und verrückt machenden Werbe-Trommelfeuer, dem wir nicht erst seit Corona -aber seit Corona mehr denn je- permanent ausgesetzt sind .

Für dieses Video, das „Peteratanas“ ins Netz gestellt hat, bin ich dankbar:

„Mental health is equally as important as physical health“ – Vom Frühlingserwachen der Studenten* in Leeds, Nippes und anderswo

Am Dienstagnachmittag war ich beim Kölner Amtsgericht am Reichensperger Platz, um im Rahmen einer Erbschaftsangelegenheit einen DIN A4-Umschlag in einen großen, goldumrahmten, in die massive Mauer des pompösen Gebäudes eingelassenen Briefkasten einzuwerfen, in den vermutlich tausend und mehr solcher Umschläge passen.

Eigentlich hatte ich den Umschlag am Vortag gegen 18h in den gelben Kasten vor der Nippeser Post einwerfen wollen, aber ich kam zu spät. Die letzte Leerung ist seit ein paar Jahren jeden Werktag um 17.30h, was ich immer wieder vergesse. Davor wurden die Kästen um 18h und um 19h geleert. Was für ein Luxus. Vor nicht allzu langer Zeit gab es sogar eine Nachtleerung um 23h. Doch die guten alten Zeiten, als die Studenten* auf den letzten Drücker eine Stunde vor Mitternacht ihre Examensarbeiten in den Briefkasten werfen konnten oder zur Hauptpost bringen, sind vorbei.

(*Ich verkneife mir das neudeutsche Wort „Studierende“, da es so behäbig klingt. Dieses politisch korrekte, wohlmeinende Partizip Präsens macht aus jungen, wissbegierigen Menschen behäbige Couch-, Laptop- bzw. Smartphone-Potatoes, die sich lediglich aufrichten, um an den Rechner oder ins Fitnessstudio zu gehen. Ihr Wissen beziehen sie aus Wissenschaftssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie Quarks und Leschs Kosmos, wo gründlich aufgeklärt wird und man die Welt von allen in Frage kommenden Fragezeichen restlos befreit.

Natürlich gibt es solche „Studierende“, aber zum Glück nicht nur. Und es gibt auch andere Personen, auf die der Begriff „Studierende“ vielleicht noch besser passt. Das sind die, die es immer gab und mit denen ich schon als Studentin (vor vierzig Jahren!) nie was zu tun haben wollte: Karrieristinnen und Karrieristen, die in den Studierendenparlamenten (die tatsächlich so heißen!) bequemer denn je sitzen, um sich dort eine Pole Position zu sichern im Hinblick auf eine Zukunft in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik.

Leider vernebelt die bürokratendeutsche Wortneuschöpfung „Studierende“ auch den Blick auf die Vergangenheit. Mich erstaunt nicht, dass es mittlerweile sogar Texte gibt, in denen von einer „Studierendenbewegung der 1960er Jahre“ die Rede ist. Im Himmel lacht Rudi Dutschke und schüttelt den Kopf. Wir dürfen nicht vergessen: Politische und geistige Impulse sind in aller Regel von Studentinnen und Studenten ausgegangen, auch und gerade von den vielgescholtenen 68ern. Ich wünsche mir eine neue Studentenbewegung!)

Ich gucke ins Internet um rauszukriegen, wo es überhaupt noch Briefkästen gibt. Immerhin nennt onlinestreet.de 17 Briefkästen im Postleitzahlenbereich 50733 (Nippes), die einmal am Tag alle zur selben Uhrzeit (16h) geleert werden. Wie macht die Post das? Wie stellt die Post es an, alle 17 Nippeser Briefkästen gleichzeitig zu leeren? Fahren 17 Elektro-betriebene gelbe Autos pünktlich um 16 Uhr jeden der 17 Briefkästen einzeln an?

Da das Wetter richtig schön war, verband ich den Gang zum Amtsgericht mit einem Hunde-Spaziergang. Auf dem Heimweg gingen Hund Freki und ich quer durchs Agnesviertel und anschließend durch die Grünanlage im Inneren Grüngürtel zwischen Neusser Straße und Niehler. Da das Ordnungsamt hier gerne patrouilliert, hielt ich Freki an der Leine. Und da die Mitarbeitenden des Ordnungsamts derzeit auch gerne Menschen dabei ertappen, dass sie sich nicht fortbewegen, sondern in verdächtigen Gruppen beisammen sitzen, hatten die Leute auch (noch) keine Grills aufgestellt.

Öde war die Stimmung trotzdem nicht, im Gegenteil. Die Menschen bewegten sich, aber nicht, weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Die an diesem Tag -ob mit oder ohne Maske- mit sichtlich großem Vergnügen Fußball, Basketball oder andere verbotene Spiele spielten, waren mindestens dreihundert vorwiegend junge Personen aus mindestens 200 verschiedenen Haushalten. Es war brechend voll auf den Wiesen, aber auch auf den Wegen, und gar nicht so einfach, sich an den Joggern, Skatern, Fußgängern und Radfahrern vorbei einen Weg zu bahnen. Sollte ich mir jemals das Virus einfangen, dann jetzt und hier: Nichts wie durch.

Die sich hier des Vorfrühlings erfreuten, hatten nicht den Fehler gemacht, die Freude per Facebook publik zu machen, anders als ein paar Wochen zuvor zwei junge Männer in Leeds. Meine jüngere Tochter, die als Erasmus-Studentin in England weilt, erzählte mir am Telefon von einer bemerkenswerten Aktion. In Leeds hatten zwei Studenten über Facebook zu einer Schneeballschlacht eingeladen. Am 14.1.2021 kamen Hunderte junger Menschen zusammen und genossen -ob mit oder ohne Maske- eine ausgelassene, friedliche und freundliche Schneeballschlacht, wobei es vor allem die Schneebälle waren, die den Sicherheits-Abstand nicht einhielten. Meine Tochter, die in Durham (wo die Supermärkte Schlitten verkauften) ebenfalls viel Schnee hatte, schickte mir folgenden Link:

https://news.sky.com/story/covid-19-lockdown-flouting-leeds-snowball-fight-was-a-laugh-people-needed-12188778

In dem Artikel kommen zwei Studenten zu Wort, die mehr oder weniger zufällig vor Ort waren. Der eine, ein 21jähriger namens Liam Ford, vermutlich ein Studierender, distanziert sich kopfschüttelnd von den jungen Leuten und zeigt sich schockiert. Der 20jährige Student Adam jedoch, der aus gutem Grund seinen Nachnamen nicht nennt, sagt:

„I think a lot of people were just in the park anyway enjoying the snow and joined in… It was a very welcome relief… a welcome laugh that people needed… I know many students who are extremely depressed, and stressed with online exams and have had little support… Mental health is equally as important as physical health… so many young people and students really have nothing to keep them going at this point.“

Weil ich die Sätze so wichtig finde, habe ich sie mit Hilfe der künstlichen, aber gar nicht so dummen Intelligenz von DeepL.com übersetzt und die Übersetzung nur leicht verändern müssen:

„Ich glaube, viele Leute waren sowieso gerade im Park und haben den Schnee genossen und mitgemacht… Es war eine sehr willkommene Abwechslung… genau das Lachen, das die Leute brauchten… Ich kenne viele Studenten, die extrem deprimiert und gestresst sind von den Online-Prüfungen und kaum Unterstützung bekommen haben… Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie körperliche Gesundheit… so viele junge Leute und Studenten haben wirklich nichts, was sie noch stark bleiben lässt.“

Was Adam sagt, berührt mich, denn es zeugt von einem Verantwortungsgefühl, das die politisch Verantwortlichen leider nicht haben. Es scheint weder Johnson noch Merkel bewusst zu sein, dass die rigiden Corona-Maßnahmen katastrophale Folgen für die Psyche der Betroffenen (und wir sind alle Betroffene!) haben. Die Befürworter der sogenannten „Schutzimpfung“ sind, so sehe ich es, am Schutz unseres Seelenheils weitgehend desinteressiert.

Dabei sind es neben den Geboten (Lass dich impfen, halte den Abstand ein… ) gerade die Verbote, die unser Wohlbefinden massiv beschneiden. Wir sollen nicht rauchen, denn das Rauchen erhöht das Risiko, an Corona zu erkranken. Wir sollen nicht zu viel essen, denn Übergewicht erhöht das Risiko, an Corona zu erkranken. Und vor allem sollen wir zu den Mitmenschen auf Distanz gehen, keine Feste feiern, Menschen-Ansammlungen meiden, unsere Lust am Miteinander nicht ausleben, denn die Begleiterscheinungen der Zuneigung, insbesondere die Freude daran, andere Menschen (vielleicht auch spontan!) zu umarmen, erhöhen das Risiko, an Corona zu erkranken, massiv.

Aber wir sollen uns impfen lassen, denn insbesondere die neuen mRNA- Impfstoffe sind so raffiniert und ausgeklügelt, dass der Impfling nicht einmal mit dem Virus in Körperkontakt kommt, sondern nur mit dessen genetischen Informationen.

Doch wir Bürgerinnen und Bürger sollen uns nicht nur impfen lassen, sondern kaufen, weil das Kaufen, insbesondere im Internet, keinerlei Infektionsrisiko darstellt. Auch Aktien können wir unbesorgt kaufen, per Internet-Depot jederzeit.

Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, soll angesichts des DAX-Höhenflugs gesagt haben, dass der Kauf der Deutsche Bank– Aktie keinerlei Gesundheits-Risiko darstelle. Außerdem soll er, was ich allerdings nur aus sehr unsicherer Quelle weiß, gesagt haben, dass die 100 Postbank-Filialen im Jahr 2021 auch deshalb geschlossen werden müssten, weil die erforderliche Corona-Stoßlüftung der oft überalterten Räume kaum noch möglich sei und daher der Infektionsschutz der Mitarbeiter*innen sowie der Kund*innen nicht mehr gewährleistet werden könne.

Im Anschluss an die Schneeballschlacht hat es übrigens keine Häufung von Infektionen gegeben. Der Nutzen der friedlichen Schneeballschlacht überwog den Schaden (wenn es den überhaupt gab) bei weitem. Dennoch wurden die beiden Studenten zu horrenden Geldstrafen verurteilt. Ich hoffe, dass die beiden das verkraften und finanzielle Unterstützung bekommen. Und ich bin mir sicher: Die jungen Menschen, die dabei waren, werden einmal stolz ihren Enkelkindern erzählen, dass sie den Mut besaßen, lustvoll und friedlich die Corona-Zwangsmaßnahmen in Frage zu stellen und der cold old Corona-Politik den Spiegel vorzuhalten.

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Aus einem Hauseingang fische ich ein liegengebliebenes Exemplar vom „Kölner Wochenspiegel“: „Wenn das Eis nicht trägt“. Etwas macht mich stutzig, das Datum: 7. Woche, 19./20. Januar 2021. Erstaunlich: Hat der Januar jetzt mehr als sieben Wochen? Außerdem war das Eis auf dem Aachener Weiher doch erst Mitte Februar so dick, dass uns niemand mehr das Betreten der Eisfläche verbieten konnte… Das korrekte Datum steht auf der zweiten Seite des Blatts: 19./20. Februar 2021… Die Unterzeile des Titel-Fotos lautet: „Seltsames Bild: Während die Berufsfeuerwehr Köln die „Eisrettung“ auf dem Aachener Weiher übte, tummelten sich zahlreiche Schlittschuhläufer auf der Eisfläche.“ Meines Wissens waren die Eisläufer lange vor der Feuerwehr da. Korrekt müsste die Zeile folgendermaßen lauten: „Nachdem tagelang schon zahlreiche Menschen auf dem Eis waren, ohne dass es nennenswerte Zwischenfälle gab, geschweige denn einen Einbruch ins Eis, rückte die Feuerwehr an, um die Eisrettung zu üben.“ 

Die drohende Schlagzeile „Wenn das Eis nicht trägt“ erinnert mich an eine ebenfalls die Gefahren heraufbeschwörende Schlagzeile aus dem Sommer. Damals titelte der Kölner Stadtanzeiger: „Unterschätzte Gefahr. Das Schwimmen im Rhein ist lebensgefährlich.“ Der Artikel war eine Reaktion darauf, dass die Menschen an den Rhein gingen und die Freibäder mieden, wo sie unter totaler Kontrolle waren, wo man sich per Internet anmelden musste, wo Duschen und Umkleidekabinen geschlossen waren, wo man nur in Bahnen nur in die eine Richtung schwimmen durfte, wo die Aufenthaltsdauer beschränkt war, weil alle paar Stunden desinfiziert wurde und und und… Vgl.: https://stellwerk60.com/2020/06/06/eilmeldung-maske-weg-abstand-passe-menschenmassen-am-fuehlinger-see/

Nachtrag 15.3.2021:

Weltweit wird derzeit gegen Studenten, die nicht viel mehr tun als ihre Lebensfreude auszuleben, vorgegangen. https://web.de/magazine/news/coronavirus/unfassbare-szenen-tausende-feiern-spring-break-florida-maske-abstand-35629414 Auch hier, beim Spring Break in Florida, gab es, nachdem man die jungen Menschen zunächst feiern ließ, zahlreiche Festnahmen.

An das Märchen „Der Wolf und die sieben Geisslein“ erinnert, was 14 französische Erasmus-Studenten in Thessaloniki erlebten, als eine Polizei-Einheit in eine Wohnung eindrang. Der Böse Wolf gab sich nicht einmal die Mühe, die Pfoten weiß anzumalen: „Die junge Frau, die den Beamten die Tür öffnete, habe versichert, es befänden sich nur drei Personen in der Wohnung. Allerdings hörten die Beamten Geräusche und ließen sich von einem Staatsanwalt einen Durchsuchungsbefehl ausstellen. In der Wohnung fanden sie insgesamt 14 junge Leute vor, von denen die meisten in Schränken und unter Betten den Augen der Polizei entgehen wollten. Einer von ihnen habe versucht, über einen Balkon zu fliehen, sei jedoch aufgehalten worden.“ Alptraumhaft!

https://www.rnd.de/panorama/erasmus-studenten-machen-party-in-griechenland-gaste-verstecken-sich-A4CSEIFL2ROB3WSMXNLCYCTZ3E.html

Schnee-Elfchen: Tauwettertrotz

In Köln fiel pünktlich zu den Sonntagen 17.1. und 24.1.2021 etwas Schnee. Es sollte dabei bleiben. Selbst im Februar, als halb Deutschland im Schnee versank, schneite es in Nippes nur vereinzelte Flocken. Doch an den beiden Januar-Wochenenden war die Stimmung ausgelassen. Eine Ahnung vom Winter, wie er früher einmal war, ließ viele Menschen die Corona-Zwangsmaßnahmen für eine Weile vergessen.

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Rodeln am Bahndamm. Mit ein bisschen Phantasie lässt sich selbst Köln-Nippes in Sölden verwandeln.

Mitglieder der Urban Gardening-Gruppe hatten am 24. Januar im Siedlungs-Garten60, der sich zur Zeit in Winterruhe befindet, Schnee zusammengetragen, einen hohen, dünnen Schneemann gebaut und ihn auf den Namen „Schlanker Schneemann“ getauft. Wie wir wissen, schwitzen dicke Menschen schneller. Ähnlich verhält es sich mit dem Schneemann. So war es eine gute Idee, keinen kugelig-dicken Schneemann zu bauen, denn tatsächlich blieb der flachbäuchige -während es regnete!- noch tagelang.

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26.1.2021: Nach zwei Tagen war der Schnee fast geschmolzen, aber der schlanke, mittlerweile schiefe Schneemann stand immer noch.

Der

Schlanke Schneemann

Erfror fast, aber

Schwitzte kaum Eiswasser aus

Tauwettertrotz

Im „Originalzustand“ (24.1.) bewundern kann man den schlanken Schneemann auf der Internetseite des Vereins Nachbarn60. https://www.nachbarn60.de/nachrichten60detail/schlanker-schneemann-im-garten60.html

Der wenige Schnee hatte sich gleichmäßig über das Gelände verteilt, so dass fast alle, die Schneemänner bauen wollten, was abkriegten. Dennoch war -wie in Köln üblich- Eile geboten. In die weißen Westen der Nippeser Schneemänner mischten sich Erde und Blätter.

Echte Fründe ston zesamme“:

Karnevals-Elfchen im Zweiten: Köln feiert nicht, aber dafür ordentlich

In diesem Jahr fällt in Köln der Karneval aus. Nicht einmal private Feiern sind erlaubt. Mittlerweile kann sich die Kölner Stadtspitze sicher sein: Angesichts drohender Bußgeld-Strafen und drohendem Eintrag in eine Art „Corona-Vorstrafen-Register“ wird sich das Närrische Volk selbst am Rosenmontag an die Vorgaben halten.

Zu Beginn des Karnevals-Session sah das noch anders aus. Da musste die Stadt Köln sich noch was einfallen lassen, um den Leuten den Verzicht schmackhaft zu machen. Man startete eine große Werbeaktion und brachte ein neues kölnisches „Wir“ ins Spiel. Zur Erinnerung: Der Kölner Karneval steht seit jeher für ein kölnisches „Wir“. So singen wir mir den „Bläck Fööss“ seit fast 50 Jahren: „Mer Losse D’r Dom En Kölle.“ (Wir lassen den Dom in Köln.)

Da das „Wir“ zur Pflicht erklärt wurde und wird, ist das neue kölnische „Wir“ eine Attacke auf unser freiheitlich-kölnisches Wir-Gefühl. „Wir alle müssen auf das Feiern am 11.11. verzichten“, sagte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker damals mit erhobenem Zeigefinger, was mich an Angela Merkel erinnerte: „Es gilt das Motto: ‚#diesmalnicht‘. Wir wollen weiter als Hochburg der Jecken gelten – und nicht als Hochburg der Infektionen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Weil „wir alle“ nicht feiern durften, war die Stimmung am 11.11. entsprechend öde. Als ich an jenem Mittwoch spätnachmittags hier in Nippes über die fast menschenleere Neusser Straße ging, entdeckte ich eine Karnevalsmülltonne. Offenbar hatten AWB-Mitarbeiter zum Karnevals-Auftakt wie jedes Jahr zusätzliche Mülltonnen aufgestellt. War es der AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH entgangen, dass am 11.11.2020 alle Karnevalsfeiern und auch der Kauf und Verkauf von Alkohol verboten waren? Ich fragte nach und bekam folgende Antwort:

Die Mülltonnen sind aufgestellt worden…

Nur

Für den

Fall dass trotz

Ausfallender Karnevalsfeste Festabfälle anfallen

Alaaf!

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Dezember 2020: Diese vergessene Karnevals-Müll-Tonne (Nippes, Neusser Straße, stadtauswärts auf der rechten Straßenseite, Höhe Tchibo) stand kurz vor Weihnachten immer noch dort und ist irgendwann weggeräumt worden, um den Restmülltonnen der privaten Haushalte Platz zu machen. ———–    Februar 2021: Da in diesem Jahr der Karneval ausfällt, sind die Karnevals-Mülltonnen im Februar nicht mehr aufgestellt worden. Diese Tonne stand übrigens genau da, wo am Karnevalsdienstag „immer“ der Nippeser Karnevalsumzug vorbei läuft. Schön für die Stadt Köln: Da mit dem Karneval auch die Karnevalszüge ausfallen, fällt in diesem Jahr auch kein Zugabfall an. ———– Doch wenn er  öffentlich ausfällt, fällt der Abfall zu Hause an. Insbesondere die Gelben Tonnen quellen im Lockdown über.  Nicht nur in Herne und Mönchengladbach warnen sogenannte „Mülldetektive“: „Mehr Müll durch Corona“ https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/die-muelldetektive-mehr-muell-durch-corona-100.html Nach Weihnachten registrierten private Mülldetektive bzw. Abfallspitzel, dass die Deckel der Papier-Mülltonnen durch die Bestückung mit Versand-Kartons  vielerorts hochstanden und sich nicht mehr schließen ließen, was bei stürmischem Wetter zu einer Vermüllung der Umgebung beitragen kann und auch tatsächlich beitrug. Da die Menschen auf den Versandhandel angewiesen sind, droht in England mittlerweile sogar ein Pappwerden der Knappe (pardon: Knappwerden der Pappe). Kein Scherz: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lieferprobleme-im-vereinigten-koenigreich-wird-die-pappe-knapp-a-186fa640-8f64-427b-ba0f-db73fbff26ac

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+++Eilmeldung: Steinmeiers Fuchs war 2017 wissenschaftliches Versuchskaninchen und hatte den Spitznamen „Frank-Walter“ – Mein Gott, Theo!+++

Die Werbung für öffentliche Gesundheitsmaßnahmen kommt oft locker-flockig daher. Gerne wird ein kumpelhafter Ton angeschlagen. „Ist doch nur ein kleiner Pieks“, so lautet eine altbekannte Floskel, mit der man derzeit auch die Corona Impfung an den Mann bzw. die Frau bringt. „Der kleine Pieks“ banalisiert einen heiklen medizinischen Eingriff. Schließlich wird uns, wenn wir geimpft werfen, von jemand anderem, den wir (in der Regel) nicht kennen, eine Substanz, die wir nicht wirklich kennen, verabreicht. Wir vertrauen einer Medizin, die es vermeintlich gut mit uns meint. Eigentlich redet man so mit Kindern.

„Ist doch nur ein kleiner Pieks“, das sagen Eltern vor einer Impfung zu ihren Kindern, um ihnen die Angst vor der Spritze zu nehmen. Eigentlich ist das paradox, denn gleichzeitig bläuen sie den Kleinen ein, dass sie von Fremden nichts annehmen sollen, und schon gar nicht, dass sie sich entblößen oder gar berühren lassen sollen. Doch „der Onkel Doktor“ (wie man in meiner Kindheit noch sagte) ist kein Fremder, er ist auch kein böser, sondern ein guter Onkel. Er tut den Kindern zwar weh, aber das muss leider sein, denn er will ja nur Gutes. Das zumindest sollen die Kinder glauben. So wurden und werden wir mit „Ist doch nur ein kleiner Pieks“ von klein auf dazu gebracht, Ärzten und Ärztinnen (die es ja in der Regel tatsächlich gut mit uns meinen) blind zu vertrauen.

Die Menschen, die derzeit weltweit gegen Corona geimpft werden sollen, sind (zumindest vorläufig) keine Kinder. Diese Menschen sind wir Erwachsene. Uns soll das Unbehagen nicht an irgendeiner, sondern an der Spritze genommen werden. Mit der Verniedlichung „kleiner Pieks“ verkauft man uns alle für blöd: Sei kein Frosch, lass dich impfen... „Sei ohne Sorge“ (Ingeborg Bachmann, Reklame)

Doch dürfen wir einer Politik, der herzlich wenig einfällt angesichts der realen Bedrohungen, insbesondere der Klimakatastrophe, überhaupt noch vertrauen? Wie ist es um die Gesundheit einer Gesundheitspolitik bestellt, die angesichts von Corona einen weltweiten Impf-Wettlauf anstachelt und in einen meiner Meinung nach blinden Impf-Aktionismus verfällt? Auch wenn Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, bereits jetzt mit Ausschluss aus vielen Veranstaltungen gedroht wird (Restaurantbesuche, Reisen etc.), können wir (noch) NEIN sagen zur Impfung, denn noch gibt es das Grundgesetz mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II 1GG), das auch davor schützt, gegen den eigenen Willen geimpft zu werden.

Dass für Impf-Maßnahmen geworben wird, ist nicht neu. Neu ist aber, dass mit der Werbung für den vermeintlich „kleinen Pieks“ Weltpolitik gemacht wird. Wir erleben eine gesundheitspolitische Propaganda nie gekannten Ausmaßes.

Weltweit lassen sich Spitzenpolitiker vor laufender Kamera gegen Corona impfen. Ein Medien-Highlight der weltweiten Impfpropaganda war die Impfung des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu. „Der Auftakt zur ehrgeizigen israelischen Impf-Kampagne wurde live im Fernsehen übertragen. „Eine kleine Spritze für einen Mann und ein großer Sprung für die Gesundheit von uns allen“, witzelte Netanyahu (71) im Sheba Medical Center in Ramat Gan.“ https://www.fokus-jerusalem.tv/2020/12/20/netanjahu-ein-grosser-sprung-fuer-die-gesundheit-von-uns-allen/

Hiermit spielt der Präsident des „Impfweltmeisters“ Israel auf einen der berühmtesten PR-Sätze aller Zeiten an, das sentimentale, gewiss schon auf der Erde vorab eingeprobte Statement der Ergriffenheit des US-Astronauten Neil Armstrong nach der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969. Via Rundfunk hörten von der Erde aus mehr als eine Million Menschen Armstrong sagen: “That’s one small step for man, one giant leap for mankind.” Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit. Dass der Flug zum Mond der weiteste „Weitsprung“ der „Menschheit“ in den Himmel hinein einschließlich Landung auf einem Planeten bleiben sollte, konnte Armstrong nicht ahnen.

(Vermutlich wäre die Metapher „riesiger Sprung“ nicht gewählt worden ohne den Weitsprung-Weltrekord von Bob Beamon.) Zur Erinnerung: Ein Jahr zuvor hatte Bob Beamon bei den Olympischen Spielen in der Höhenluft von Mexiko-City mit 8,90 m einen neuen (den!) Weltrekord im Weitsprung aufgestellt. Beamon, ein „Naturtalent“, hatte in dem Moment starken Rückenwind, der gerade noch zulässig war. Die Spuren, die der Sprung im Sand hinterließ, wurden zwar noch vor dem nächsten Springer weggefegt, hinterließen aber einen Abdruck in den Köpfen und Herzen von Millionen Fernsehzuschauern.

Die Fuß-Spuren der Astronauten auf dem Mond hingegen werden für immer bleiben. Denn auf dem Mond gibt es weder Wetter noch Wind. Das ist schon unheim(e)lich. Offensichtlich ist der vielbesungene Mond, dessen Leucht- und Anziehungskraft die Rhythmen des irdischen Lebens beeinflusst, nicht dafür da, von Erdmenschen betreten zu werden. Armstrongs vermeintlicher „Sprung“, Resultat einer großen technischen Leistung, lässt mich kalt. Hingegen bin ich sehr berührt, wenn ich mir ein Video von Beamons Rekord-Sprung angucke. Bob Beamons Sprung war auch ein Triumph des schwarzen Mannes über den weißen.)

Auch US-Präsident Joe Biden ließ sich vor laufenden Kameras impfen. Anschließend rief er alle Amerikaner auf, sich ebenfalls impfen zu lassen. In Deutschland ist der Tenor ein anderer. Da ist Zurückhaltung angesagt. Angela Merkel wird sich erst impfen lassen, „wenn sie an der Reihe ist.“

Sich „vorzudrängeln“ käme auch nicht gut. Schließlich könnte es Erinnerungen wachrufen an die Sonderbehandlung bundesdeutscher Spitzenpolitiker bei der Schweinegrippe – Impfung im Jahr 2009. So schrieb die Süddeutsche Zeitung am 19.10.2009: „Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr einen anderen Impfstoff bekommen als Otto Normalverbraucher. Sie erhalten einen Schweinegrippeimpfstoff vom US-Pharmakonzern Baxter, der keinen umstrittenen Wirkstoffverstärker enthält.Schweinegrippe – Aufregung um „Zwei-Klassen-Impfung“ – Politik – SZ.de (Dass ausgerechnet „Pandemrix,“ der Stoff fürs Volk, als Spätwirkung bei vielen, meist jungen Menschen Narkolepsie verursachen würde, konnte noch niemand wissen. Um den Verdacht, es gäbe eine Zwei-Klassen-Medizin, zu entschärfen, ließen sich damals demonstrativ auch Wissenschaftler mit Pandemrix impfen, etwa der Virologe Alexander Kekulé. )

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird erst dann zur Impfung gehen, wenn er an der Reihe ist. Dennoch heißt es, auch und gerade in Krisenzeiten, die Bürger bei guter (Impf)Laune zu halten. Dass die Namensuche für den Fuchs von Bellevue mit dem Impfbeginn in Deutschland zusammenfiel, ist kein Zufall.

Steinmeiers öffentliche Vorstellung des Fuchses auf Instagram kam heiter und lustig daher. Man braucht nicht einmal einen Instagram-Zugang, um ihn sich anzusehen. Der Schnappschuss zeigt einen Fuchs, der sich mit dem Schwanz die Augen zuhält. So als wollte er sagen: Ihr könnt mich mal. Putzig, was?

Weiter heißt es augenzwinkernd auf Instagram:

„🦊 Dürfen wir vorstellen? Der heimliche „Schlossherr“ von Bellevue, dem es im Park des Berliner Amtssitzes sichtlich gut gefällt. Eine Namenstaufe ist schon länger fällig, daher unsere Frage an Sie: Wie soll unser Schlossfuchs heißen? Aus allen Vorschlägen wird der Bundespräsident einen Namen auswählen, der hier offiziell verkündet wird.https://www.instagram.com/p/CJV5vF7sGqM/?utm_source=ig_embed

Den Fuchs „heimlicher Schlossherr“ zu nennen, ist eine neckische Anbiederung. „Heimlicher Schlossherr“ erinnert mich übrigens an „die heimliche Chefin“ Melania Trump. Siehe hierzu: https://www.krone.at/2060288

Ach, lass doch den Leuten den Spaß, höre ich irgendwen sagen. Außerdem heißt der Fuchs Theo. Das ist die Abkürzung von Theodor, Geschenk Gottes.

Gut, sage ich. Aber schaut man einem geschenkten Gaul, bevor man ihn ins Haus bzw. in den Garten bittet, ins Maul? Ist Misstrauen angebracht gegenüber dem Gast? Lockt man ihn in eine Lebendfalle? Überrumpelt man den Gast, betäubt man ihn, jagt man ihm eine Spritze in den Muskel, untersucht man seinen Gesundheitszustand? Macht man ihn zum Objekt der Forschung, legt man ihm ein Halsband mit einem Sensor um, um ihn auf seinen Streifzügen durch den Park von Bellevue bewachen und beobachten zu können? Und macht man sich ihn zum Kumpel, indem man ihm den Spitznamen „Frank-Walter“ verpasst?

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern im Jahr 2017 tatsächlich geschehen. Eine junge Wissenschaftlerin hatte die Erlaubnis und vermutlich auch den Auftrag, im Hochsicherheitsgelände rund um das Schloss Bellevue eine Lebendfalle aufzustellen. https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/verfuchst-noch-mal-berlins-beruehmtester-fuchs-wird-jetzt-ueberwacht

Etwas ist zu befürchten. Gerade dann, wenn viele Wildtiere winterschlafen, paaren sich die nachtaktiven, winterwachen Füchse. Zu Frühlingsbeginn könnte es dann soweit sein. Spätestens an Ostern dürfte es heißen: Der Fuchs von Bellevue ist Vater geworden…. Mein Gott, Theo!

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Kleiner Nachtrag vom 9.2.2020: Auf dem EXPRESS von heute heißt es nicht nur „Kleiner Pieks“, sondern Corona-Piks. Ohne Dehnungs-„e“ verkürzt sich das „i“, wird aus dem Pieks ein Piks. Das hört sich an wie „picken“ und klingt, als würde die kurze Nadel einer kleinen Impfspritze die Haut nur kurz streifen. Das ist aber nicht so. Die Kanüle der Spritze muss durch die Haut hindurch in den Muskel eindringen und entsprechend lang sein. Die vielen Symbol- Fotos zum Thema Corona-Impfung, die wir seit einiger Zeit Tag für Tag in Zeitschriften oder im Internet sehen, zeigen reißerisch und untergründig aggressiv (teils tropfende) Impfspritzen mit langen Kanülen.

Eine peinliche PR-Panne: Steinmeiers Fuchs lebt nicht erst neuerdings in Bellevue, sondern war schon unter Gauck Medien-Liebling

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat, wie ich in meiner Eilmeldung berichtete, den Fuchs, der im Park von Schloss Bellevue lebt, am 28.1. auf den Namen „Theo“ getauft. Kurz nach Weihnachten hatte er auf Instagram dazu aufgerufen, Namen vorzuschlagen. Mehr als 10.000 Menschen reichten, so heißt es, ihre Ideen ein – per Instagram, per E-Mail und zum Teil sogar -zur Freude des gerührten Bundespräsidenten- mit handgeschriebenen, persönlichen Briefen.

Erinnert werden soll mit dem Namen an Theodor Heuss. Theodor Heuss, FDP, Journalist und Publizist, war der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Seine Frau Elly Heuss-Knapp teilte das Schicksal mit anderen Präsidentengattinnen. Als ihr Mann Theodor Heuss im Jahr 1949 Bundespräsident wurde, unterbrach sie ihre berufliche Laufbahn und wurde die erste First Lady der Bundesrepublik Deutschland. Ganz einfach dürfte der Verzicht auf die eigene Karriere für die ehrgeizige Elly Heuss-Knapp (1881-1952) nicht gewesen sein. Schließlich war Elly Heuss-Knapp, die als First Lady im Jahr 1950 das Müttergenesungswerk mitgründete, nicht nur Lehrerin, Politikerin und Sozialreformerin, sondern hatte jahrelang als Werbe-Fachfrau das Familienleben finanziert.

Sie hatte ihre Karriere im Jahr 1933 bei der Firma Wyberg begonnen, deren Inhaber ihr Cousin Hermann Geiger war. Elly Heuss-Knapp „revolutionierte“ die Radiowerbung. Sie „gilt als Erfinderin des Jingles als akustisches Warenzeichen eines Unternehmens. Diese Idee ließ sich Heuss-Knapp patentieren und setzte sie auch für andere Unternehmen und Produkte ein; etwa für NiveaErdalKaffee HagBlaupunkt und Persil.[3 (wikipedia.)

Elly Heuss-Knapp war nicht nur Verkäuferin, sondern eine scharfsinnige Werbe-Psychologin. Sie arbeitete daran, Werbung so zu gestalten, dass die Menschen nicht meinen, sie würden dazu überredet, eine Ware zu kaufen, sondern dass sie glauben, es aus innerer Überzeugung zu tun. Im Jahr 2010 schrieb Katja Iken auf spiegel-online: „Ihr Erfolgsrezept gilt heute noch: Werbung müsse „idealerweise im Kopf herumgehen“, lautete Ellys Credo, dort das Unterbewusstsein „massieren“ und schließlich „unter die Haut kriechen“.

Dass die höchst intellektuelle Heuss-Knapp höchst primitive, aber wirkungsvolle Werbesprüche kreierte, bezeugt ein NIVEA-Werbespot aus dem Jahr 1938. Die Journalistin Katja Iken hat einen werbe-historischen Schatz mit originalen Zeilen der Werbetexterin ausgegraben. Unbedingt angucken: https://www.spiegel.de/geschichte/werbung-a-948721.html#fotostrecke-52643d5a-0001-0002-0000-000000108544

Elly Heuss-Knapp war keine Nazi-Sympathisantin, aber ihre Kreativität kam den Nationalsozialisten entgegen. Schließlich war die Entwicklung neuer Methoden der Manipulation und Menschenführung systemrelevant. Die NS-Kriegs-Propaganda, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Warenwerbung verdrängte, hat sich insbesondere von der Warenwerbung inspirieren lassen.

In der Rückschau FRAGMENT VON ERINNERUNGEN AUS DER NS-ZEIT, die einige Jahre nach Theodor Heuss‘ Tod veröffentlicht wurde, erinnert Heuss an die „große Zeit“ seiner Frau. Nicht ohne Stolz erzählt er von einem Besuch seiner Gattin bei Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht:

… an Aufträgen fehlte es, ehe der Krieg die Käuferlage verwandelte, überhaupt kaum
mehr. Freilich, die ganze Rundfunk-Waren-Werbung war bedroht, weil Goebbels
nur mehr politische Propaganda zulassen wollte; Elly ging damals zu Schacht auf die Reichsbank – sie hatte 1918 mit ihm Wahlreden gehalten; jetzt legte sie ihm ihre in die Zehntausende Mark gehenden Aufträge an Sprecher, Sänger, Musiker vor, und Schacht erreichte es, daß das Verbot um dreiviertel Jahr verschoben wurde, (daß die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“ waren, sagte sie ihm aber vorsichtshalber nicht)
.“ https://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1967_1_1_heuss.pdf S.10

Geradezu neckisch mutet an, was da in Klammern steht: Dass Schacht „vorsichtshalber“ verschwiegen wurde, dass ‚die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“‚, also vermutlich Juden waren. Das jedoch dürfte Hjalmar Schacht, dem ja die Namen der Künstler vorlagen, wohl kaum entgangen sein. Dass die jüdischen Komponisten weiterhin beschäftigt wurden, war ihm sicherlich recht, denn deren Arbeit war von großem ökonomischen Nutzen.

In einer Rezension zu Christopher Koppers Buch „Hjalmar Schacht: Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“ schreibt Matthias Streitz auf spiegel.online: „Tatsächlich half Schacht Bankiers wie Max Warburg und distanzierte sich von der Pogromnacht 1938, das betont auch Kopper. Doch Schacht habe sich weniger aus menschlichen Motiven engagiert, schreibt er – sondern weil er ökonomischen Schaden für Deutschland befürchtete. Die Diskriminierung jüdischer Mitbürger durch die Nürnberger Rassegesetze hat Schacht jedenfalls ausdrücklich unterstützt.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/bankier-hjalmar-schacht-hitlers-selbstherrlicher-helfer-a-446423.html

Die Warenwerbung im staatlichen Rundfunk war zwar, wie ich las, auf eine Radio-Stunde am Vormittag beschränkt. Doch dürfte auch die Werbung dazu beigetragen haben, den Menschen den vergleichsweise preiswerten „Volksempfänger“ schmackhaft zu machen. „Trotz einer vergleichsweise hohen monatlichen Rundfunkgebühr von 2 RM erhöhte sich die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Radiogeräten zwischen 1933 und 1941 von 25 auf 65 Prozent.“ https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben/volksempfaenger.html

Heute werden wir auf Schritt und Tritt gegängelt und manipuliert. Dabei wird weniger für das Produkt geworben als für ein Lebensgefühl, eine Weltanschauung, für Gesundheit und Wohlbefinden. Noch relativ neu ist die Werbung für die in meinen Augen ausgesprochen fragwürdige, autoritäre und respektlose Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Wir sollen dazu gebracht werden, dass wir -ohne das „Angebot“ kritisch zu hinterfragen- zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, dass wir uns impfen lassen und unsere Organe „spenden“. Der grundsätzlich treffende Ausdruck „gläserner Mensch“ ist fast schon verharmlosend, denn wir sind nicht aus Glas, sondern aus Fleisch und Blut. Ich empfinde die bundesdeutsche Corona-Politik, die uns den Atem nimmt und die Daseinsfreude, als Attacke auf unseren Leib und auf unser Leben.

Dabei paart sich der Versuch, Menschen zu manipulieren, oft mit Dummheit. Wenn man Menschen für blöd verkauft -das wissen Werbepsychologen- sollte man so vorgehen, dass die Menschen den Täuschungsversuch nicht gleich bemerken. Elly Heuss-Knapp, einer gewissenhaften Frau, wäre vermutlich nie etwas so Peinliches passiert wie den Werbe-Experten der Gegenwart.

Ist den Beratern des Bundespräsidenten tatsächlich entgangen, dass im Schlosspark Bellevue bereits in der Amtszeit von Joachim Gauck Füchse beobachtet und gefilmt wurden? Um das herauszubekommen, genügte mir ein kurzer Blick ins Internet.

https://twitter.com/tagesthemen/status/71812365599834521707.04.2016, 18:58SCHLOSS BELLEVUE

Ein Artikel auf abendblatt.de (Hamburger Abendblatt) vom 7.4.2016 mit dem Titel „Kamera erwischt Fuchs beim Besuch bei Bundespräsident Gauck“ geht noch einen Schritt weiter. Wir erfahren, dass der Steinmeier-Fuchs nicht erst ein Gauck-, sondern wahrscheinlich bereits ein Wulff-Wolf (pardon: Wulff-Fuchs) war: „Das Bundespräsidialamt sieht in dem Fuchs auch keinen Störenfried. Bei einer Nachfrage unserer Redaktion am Donnerstagabend wunderte sich eine Mitarbeiterin des Bundespräsidenten nicht über den Fuchs, sondern über die Frage. „Der ist doch schon Jahre hier“, teilte sie stattdessen mit. Sogar Nachwuchs habe es schon gegeben. Ob Fuchs und Gauck sich Gute Nacht sagen, blieb offen.“ https://www.abendblatt.de/vermischtes/article207399161/Kamera-erwischt-Fuchs-beim-Besuch-bei-Bundespraesident-Gauck.html

Damals war man so schlau, dem Fuchs keinen Namen zu geben. Vielleicht hatte man sich die Romanze auch für den Notfall aufbewahrt, für den Fall nämlich, dass die Politik irgendwann einmal nicht mehr glaubwürdig sein würde, dass die politisch Verantwortlichen nervös werden könnten und dringend Sympathieträger bräuchten.

Was haben sich Steinmeiers PR-Berater bei der „Fuchstaufe“ gedacht? Wussten sie nicht, dass Steinmeiers Fuchsfreundschaft eine aufgewärmte Präsidenten-Geschichte ist? Oder hatten sie einen fiesen Spaß daran mitzuerleben, wie einfach sich die Menschen in Krisenzeiten an der Nase herumführen lassen?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,

mit Ihrer Werbe-Aktion halten Sie die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland zum Narren. Sie setzen Ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel und beschämen unser aller Vertrauen.

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Eine deutsche Wirtschaftswunder-Kindheit zwischen „Knüppelkuh“ und „Kadus für’s Haar“. Das Foto hat unsere Mutter im Mai 1960 aufgenommen. Meine Zwillingsschwester Brigitte (rechts) und ich sind knapp zwei Jahre alt. Luftballons finden wir toll. Diesen Werbe-Ballon hat unsere Mutter von einem Friseur-Besuch mitgebracht. Anderthalb Jahre später sollten wir in den Kindergarten kommen und einer klassisch autoritären Erzieherin begegnen. vgl.: https://stellwerk60.com/2020/04/28/comeback-der-knueppelkuh/  Die Prügelstrafe war noch nicht abgeschafft, und unter den Lehrern gab es „alte Nazis“. Wir Kinder durften noch öffentlich angeschrien werden, doch gab es auch andere Töne: Die Einflüsterungen der Werbung als schöne, neue, sanfte Gewalt.