Die Broiler-Brüderschaft

Für meinen Findelbruder Ulrich Schönwälder (11.8.1944 – 12.4.2019), der nichts so sehr hasste wie Dünkel und Scheinheiligkeit.

 

Einmal im Jahr fuhr meine Mutter in die DDR. In Leipzig lebte eine liebe Jugendfreundin, die aus dem Nachbarort Gladbeck stammte, Mia. Zur Zeit der Frühjahrsmesse kam man ohne bürokratischen Aufwand an ein Visum. Meine Mutter wäre nie alleine über die Grenze gefahren. Das Auto war immer voll: Schwestern, Freundinnen, Töchter. Einige Male war auch Uli (s.o.) dabei.

In ihren akkurat sitzenden, jauchefarbigen Uniformen waren die Grenzsoldaten zum Fürchten. Jedes Jahr fing meine Mutter (Jahrgang 1925) kurz vor dem Grenzübergang Bad Hersfeld an, allseits bekannte deutsche Volkslieder zu singen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach…“ Einmal, es mag im Jahr 1979 gewesen sein, stellte sie uns den Grenzern lächelnd vor: „Wir sind eine Gesangsgruppe aus dem Ruhrgebiet, Die Heidelerchen.“ Meine Tanten sangen leise mit, aber von den Grenzern bekam meine Mutter keine Antwort. Ich war 20, schämte mich und hatte nicht begriffen, wie klug meine Mutter war.

Ich war jung und naiv und fand die DDR eher exotisch als bedrohlich. Den Hinweis, dass wir von der Stasi abgehört werden könnten, nahm ich nicht ernst. Wir Jungen hatten vor niemandem Angst, fühlten uns groß und stark, schmuggelten Biermann-Tonkassetten über die Grenze und dachten uns nichts dabei.

Ich genoss Mias Gastfreundschaft. Ich habe selten so lecker gegessen. Einmal gab es mein Leibgericht, Sauerbraten. Gutes Fleisch konnte man nicht einfach kaufen, das musste organisiert werden, und ohne Westgeld war Filet kaum zu haben.

Ich bin ich nie dazu gekommen, einmal einen echten Broiler zu probieren, das berühmte DDR- Grillhähnchen: Fleisch für alle. Für Broiler standen die Menschen Schlange. Es waren besonders kräftige Tiere, fast so dick, wie man sich die Max- und Moritz- Hühner vorstellt. Echte Broiler, so lese ich im Internet, sind mit 1,3 bis 1,8 Kilogramm schwerer als das übliche Grillhähnchen (1,2 Kilo).

Erstaunliches bringt der deutschsprachige Wikipedia – Beitrag zu „Broiler“ zutage: In den 1950er Jahren war es offenbar einer Bremer Firma gelungen, aus mehreren alten deutschen Rassen ein besonders fleischreiches Huhn zu züchten und an eine US-amerikanische Geflügelfirma zu verkaufen. Da der Bremer Hafen während der amerikanischen Besatzung Versorgungshafen war, gab es gute Handelskontakte.

Das dicke deutsche Huhn war für die US-Amerikaner ein gefundenes Fressen. Doch hatte man hier bereits andere Methoden entwickelt, das Huhn besonders fleischreich zu machen: Durch Antibiotika. Im Jahr 1948, so schreibt Kathrin Blawat am 20.Juli in der SZ, „erkannte der US-Biologe Thomas Jukes, dass sich mit dem Antibiotikum Chlortetracyclin die Mast der Vögel beschleunigen ließ. Außerdem wurde es möglich, die Sonne durch synthetisch hergestelltes Vitamin D zu ersetzen.“ Vorbei war die Zeit der „freilaufenden Hühner.“ Dass Chlortetracyclin und synthetisches Vitamin D bei den „deutschen“ Hühnern zusätzlich zum Einsatz kamen, weiß ich nicht, aber es ist anzunehmen.

Zurück nach Europa: Nachdem Versuche der osteuropäischen Länder, ein fleischreiches Brathuhn zu züchten, gescheitert waren, beschloss der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe  Ende der 1950er Jahre, die Hühnerrasse von der US-amerikanischen Firma zu importieren. In Amerika hatte man dem Huhn, das allein darin seine Daseinsberechtigung hat, dass man es fressen wird, seinen klangvollen Namen verpasst: „Broiler“ ( engl. von to broil braten, grillen) Via Bulgarien verbreitete sich der Broiler dann im Ostblock.

Als das fleischige Huhn in den 1960er Jahren in der DDR ankam (und wie!), hielten viele „Broiler“ für ein deutsches Wort. „Broiler“ ist ein kräftiger Begriff, er reimt sich unrein auf das deutsche Wort „Keule“. „Keule“ bezeichnet zum einen den saftigen Hühnerschlegel, aber auch die Waffe, die bereits in der Steinzeit aus dem Oberschenkelknochen des mächtigen Auerochsen hergestellt wurde.

Der Broiler-Deal fällt in die Zeit des Kalten Kriegs. Die Welt wurde aufgeteilt in Ost und West. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begann ein neuer Krieg, der Kalte Krieg, das atomare Wettrüsten, die wechselseitige Androhung eines Atomkriegs. In Ost und West hatte die Staatsführung aus Brechts Dreigroschenoper gelernt:Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Nur weil sie endlich genug (und lecker!) zu essen hatten, haben die Menschen den atomaren Wahnsinn ertragen. Füttert sie mit Fleisch, dann halten sie still.

Für mageres, fettarmes Hühnerfleisch waren die Deutschen kurz nach dem 2. Weltkrieg noch nicht zu haben. Anders als die sportiven US-Amerikaner brauchten sie Schweinefleisch, sie wollten Haxenfett schlürfen. Im zerbombten Deutschland mussten nicht nur die Städte und das Schienen- und Straßennetz wiederaufgebaut werden. Um die Menschen mit Fleisch zu versorgen, bemühte man sich um die Wiederauffrischung des Schweinebestands. Kein anderes Nutztier „erholt“ sich so schnell wie das Schwein.

 

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Eine große Wiederaufbauleistung: In Sachsen verdreifacht sich zwischen 1945 und 1949 der Schweinebestand! Quelle: „Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft“

Die Menschen wollten nicht nur satt, sondern endlich wieder umfassend informiert, aber auch unterhalten werden: Erst kommt das Fressen, dann der Fernsehabend.  Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik begannen 1952 mit der Ausstrahlung von Fernsehprogrammen. Sehr lesenwert: https://www1.wdr.de/archiv/rundfunkgeschichte/rundfunkgeschichte130.html

Die Nachkriegsjahre waren nicht nur düster. Die Menschen hatten zwar eine Diktatur und einen entsetzlichen Krieg erlebt, waren aber auch befreit worden. Zwar saßen viele Alt-Nazis schon bald wieder in leitenden Positionen, aber die Jungen brannten darauf, ihnen das Wohlleben nicht zu leicht zu machen.

Die Deutschen bekamen die große historische Chance, eine Demokratie zu gestalten, politisch und kulturell. Es gab noch den großen Unterschied zwischen Der Spiegel, gegründet 1947 von Rudolf Augstein, und Bild, herausgegeben seit 1952 von Axel Springer. In der jungen Demokratie waren viele Spiegel-Artikel politisch klug und voller Esprit:

Das Jahr 1964 ist ein besonderes Jahr. Sowohl in der BRD als auch in der DDR werden 1964 die meisten Kinder geboren. Auch die Wirtschaft boomt. Westdeutschland feiert das Wirtschaftwunder – und seinen „Schöpfer“ Ludwig Erhard. Von 1949 bis 1963 war Erhard Bundesminister für Wirtschaft, jetzt ist er Bundeskanzler. Erhard musste dick sein, einem dünnen, von Entbehrung gezeichneten Mann hätte man ein Wirtschaftswunder nicht abgenommen. Der muskulöse arische Idealköper, den die Nationalsozialisten propagiert hatten, war nach den Hungerjahren passé. Man sah Erhard an, dass es ihm schmeckte.

Ludwig Erhards Leibgericht war Pichelsteiner Eintopf – angeblich. Ob er nicht insgeheim doch lieber Delikatessen aß, wissen wir nicht. Offiziell war Erhard kein Gourmet. „Ludwig Erhard verschmähte Hummer und Kaviar, den Lufthansa-Chefstewardeß Christa Kathke anbot. Statt dessen wählte er Heringsfilet „Hausfrauenart“ als Vorspeise zur Brüsseler Poularde.“ Das berichtet  der Reporter Ernst Goyke 1964 in einem Spiegel-Artikel.

Ernst Goyke begleitet Ludwig Erhard auf seiner Flugreise in die Vereinigten Staaten. Hier findet die Amerika-Konferenz statt. Nur einen Tag vor dem Abflug, so Goyke, wurde im Bonner Bundestag die deutsche Parole verkündet, die sich rasch verbreitete: „Entspannung durch Wiedervereinigung“. Der Bundeskanzler, Autor des Buches „Wohlstand für alle“, isst das Menue für alle, aber fliegt Erster Klasse. Den Passagieren in der Zweiten Klasse stattet er dennoch gerne einen Besuch ab: „Als des Kanzlers Boeing 707 „Duisburg“ an der Südspitze Grönlands Kurs auf Neufundland nahm, machte Bonns Regierungschef einen Nachtischspaziergang durch den hinteren Teil der Kabine. Dort flog das Fußvolk: Sekretärinnen, Dolmetscher, Reporter und Polizisten.“

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46173843.html

Dass sich durch Erhards Besuch in den USA die Weltlage nicht entspannte und bis zur Wiedervereingung noch ein Vierteljahrhundert vergehen sollte, konnte man noch nicht wissen. Eines jedoch scheint gewiss: Auf der Amerika-Konferenz hat man Ludwig Erhard keinen Pichelsteiner Eintopf serviert. 

 

 

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