Engel for Future

Der tägliche Blick in die Zeitungen lässt mich meist in einem Zustand zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung zurück. Greta Thunberg ist da ein absoluter Lichtblick. Vor dem Hintergrund der „Fridays for Future“-Bewegung ist nämlich eine gute alte Leidenschaft wieder in den Vordergrund gerückt, die wir alle schon in der Mottenkiste der Geschichte versteckt hatten: die Hoffnung.
Über die Kraft dieses Widerstandsgefühl hat Hans Manfred Schmidt gerade den Essay „Engel for Future“ geschrieben, den er demnächst veröffentlichen wird. Ich darf hier schon mal die ersten Absätze zitieren:
„Eines Morgens, am ersten Tag nach einer Operation unter Vollnarkose, sehe ich mir Paul Klees Angelus Novus noch einmal genauer an, das Abbild dieses berühmten Engels, der mich schon so lange begleitet. Ich bin wegen einer unerklärlichen Schwellung an der rechten Halsseite operiert worden, und nun sehe ich, dass dieser asymmetrische Engel die merkwürdige Schwellung ebenso hat, und mir ist einen Moment lang ein bisschen mulmig zumute.
Dieser Engel da hat die gleiche Schwellung, die einfach nicht weggehen will und mit der ich seit einem halben Jahr zu kämpfen habe. Nur Esoteriker würden hier an schicksalhafte individuelle Koinzidenzen denken. Oder? Völlig unmöglich, der Zusammenhang meines erneuerten Interesses am Angelus Novus mit meiner Erkrankung ist rein zufällig. Völlig unerklärlich.
Da kommt mir ein Gedanke. Schnell drehe ich den Engel auf den Kopf – und plötzlich sehe ich etwas, das ich noch nie gesehen habe, obwohl ich dieses Bild seit Jahrzehnten genau zu kennen glaubte. Der berühmte Angelus Novus ist nicht aus dem Nichts entstanden, er ist überhaupt nicht neu, sondern das Produkt eines bildnerischen Recyclings, er ist aus der Übermalung eines anderen Engels entstanden.
Dreht man das Bild nämlich auf den Kopf, sieht man einen alten Engel, dem seine Flügel auf den Boden hängen. Er sieht abwesend aus, will nichts mehr wissen von der Welt; er ist matt und erschöpft.
Dieser Engel kann niemandem mehr Trost spenden. Dreht man nun das Bild wieder um, wird sichtbar, wie kraftvoll und neugeboren der kleine Angelus Novus auf uns wirkt – er kommt zwar aus finsteren Zeiten, aber er hat eine Zukunft vor sich, die etwas Neues verheißt. Er blickt in eine Ferne, in eine Zukunft vor sich, das ist sein Trost. Sein rechtes Auge ist noch im Bann, aber das linke sucht schon nach anderen Blicken. Um die Welt zu verändern, um sie völlig anders zu machen, als sie uns täglich erscheint, braucht es nur eine leichte Verschiebung der Perspektive. Das ist die Botschaft dieses
Engels…“

2 Gedanken zu „Engel for Future

  1. Lieber Geno, ich glaube nicht, dass die Deutschen grundsätzlich ignorant sind oder keine Vorstellungskraft haben. Wir werden nur tagtäglich mit schrillen Bildern und unerträglichen Nachrichten überschüttet, die uns müde und ratlos machen und die wir kaum noch verarbeiten und verdauen können. Aber um für eine bessere Welt kämpfen und um hoffen zu können, müssen wir ein „altes“ Gefühl wiederentdecken: Eine Vorfreude auf ein schönes Ereignis, das ganz sicher stattfinden wird, wie die Vorfreude von Kindern auf Weihnachten. Es lebe die Phantasie!

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