Würde man Tabak als Feinkost verkaufen, würden die Leute weniger rauchen

„Tach“, sagt meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Diesmal strahlt sie über beide Backen, als wir uns mitten in der Siedlung über den Weg laufen: „Hömma, du hast mir ja paar schöne Fotos von deiner Belgien-Reise geschickt. Technisch allerdings bissken dürftig. Hast du etwa immer noch deine billige Kleinbildkamera? Sach mal, willst du dir nicht endlich mal ein anständiges Smartphone anschaffen? Is ja schön, dass du die Gummistiefel deiner Töchter aufträgst, weil die mit 11 schon deine Schuhgröße hatten, aber ein Nokia-Handy von 2005 weiter benutzen? Muss dat sein?“ „Is eben so“, sach ich nur. „Reicht mir.“

Die Keuner grinst: „Und in wat für Gegenden läufst du rum, wenn du im Urlaub bist. Ich war selber mal in Belgien. Und ich sach dir, da gibt es richtig schöne Strandschuppen. Das De Kwinte in Westende ist zum Abhängen noch besser als das Spiekerooger Laramie, im De Kwinte kann man sich in ein altes Sofa knallen und mit ner Pulle Bier in der Hand an einer der letzten belgischen Dünen vorbei aufs Meer gucken. Mitten im Winter ist das Westmalle gut gekühlt, aber der Schuppen pottwarm. Warst du da nich?“ „Doch, aber….“ „Wahrscheinlich wolltest du nicht mit anderen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen. Hömma, das ist da üblich. Niedrige Tische, große Sofas. Sich dazu setzen, miteinander quatschen und Spaß haben… Dazu müsste man…“ Die Keuner grinst noch breiter: „Dazu müsste man natürlich die Landessprachen sprechen können. Die meisten Belgier sind zweisprachig, was man von dir ja kaum sagen kann. Aber sach mal, sehen die Einkaufsläden in Belgien mittlerweile alle so aus wie auf dem Foto, das du mir geschickt hast?“

„Ach wat“, sach ich nur.

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Shell-Tankstellen-Shop nahe der Küstentram-Haltestelle Moeder Lambic in De Panne. Hier wird der Tabak in Kunststoff-Eimern verkauft. Entsprechend großflächig ist die Kunststoff-Fläche, die die EU-Kommission für ihre Schockwerbung nutzt. Man kann es kaum glauben, aber eben jene EU-Kommission hat 2018 Maßnahmen zur Reduktion von Kunstoffmüll eingeleitet: https://ec.europa.eu/germany/news/20180116-plastikstrategie_de Vielleicht steckt wirklich eine gute Absicht dahinter. Aber aller Elan verpufft in den Katakomben des virtuellen Aktenschranks der EU-Bürokratie. Leider hat die Digitalisierung die Bürokratie noch weiter aufgebläht. Bei der EU-Kommission arbeiten 32.000 Mtarbeiter. Sie bestücken, füttern und kontrollieren unzählige virtuelle Schubladen, Ordner, Unterordner, Anhänge, Ablagen, Exel-Tabellen, Statistiken, Pdf-Dateien usw.. Praktisch am Digitalen ist, dass unliebsame Dokumente nicht einmal geschreddert werden müssen. Umgekehrt ist das, was wichtig wäre, nicht mehr aufzufinden. Gute Absichten werden abgelegt – irgendwo. Die Bürokratie nährt eine gefährliche Illusion: Dass man Notfallmaßnahmen (und die bräuchten wir dringend in der Klimapolitik!) um Jahrzehnte verschieben kann. Letzte Woche hat die EU-Kommission, vertreten von Kommissionschefin Ursula von der Leyen und EU-Klimakommissar Frans Timmermans, das erste gemeinsame Klimagesetz der Union vorgelegt: Die EU muss ab 2050 (also erst in 30 Jahren) klimaneutral sein. In Brüssel geht alles seinen bürokratischen Gang. Das ist gefährlich, denn das Klima verhält sich unbürokratisch – und schon gar nicht neutral.

Auch und gerade mit dem großformatigen Anti-Raucher-Aufdruck schrecken die Eimer nicht ab, sondern sind eine Verführung zum Noch-mehr-Rauchen. Die Botschaft auf dem Eimer im Vordergrund (s. Foto, 64,90€) ist widersinnig: Rauchen ist tödlich – hören Sie jetzt auf  Wie soll man sofort mit dem Rauchen aufhören, wenn man gerade einen Eimer mit so viel Tabak gekauft hat, dass man  damit 975 Zigaretten drehen könnte? Das ist, als wenn man einem Kind ein 700 g – Eimerchen Haribo-Zoo in die Hand drückt und sagt: Süßigkeiten fressen macht deine Zähne kaputt  – hör jetzt auf damit.

Eine wilde Müllkippe in Westende:

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Tabak-Behälter in dieser Größe habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Doch per Internet kann jeder einen Eimer bestellen, zum Beispiel den BURTON Volumen Full Red XXXL.
Zum Vergleich: Die Nippeser Shell-Tankstelle Neusser Straße/Nähe Innere Kanalstraße verkauft halb so große Behälter. Sie sind dort mit dem Deckel nach vorne so im Regal platziert, dass der Blick nicht auf den Ekel-Aufdruck fällt. Der Kunststoff der Boxen -ob XL oder XXXL- ist ausgesprochen robust. Eigentlich wären sie ideal fürs Kinderzimmer, denn man kann Klötzchen, Lego-Steine und andere Kleinteile darin aufbewahren – wenn da nur nicht der fiese Aufdruck wäre. So haben die Leute nur den einen Impuls: Weg damit auf den Müll! Eine extreme Rohstoffverschwendung. Mein Vorschlag an die EU-Kommission: Erhebt europaweit 5 Euro Pfand auf alle Tabak-Großbehälter, denn die XXXL-Boxen verrotten nur langsam, sind aber ideal fürs Mehrwegsystem.

 

Die Frau Keuner wird jetzt sehr ernst. „Weißt du, was ich denke?“, sagt sie. „Ich meine, dass man Tabak nicht in Großbehältern verkaufen sollte, sondern in kleinen Mengen. In schönen, kleinen Holzkistchen mit Pfand. Oder die Leute bringen ihr Schächtelchen mit. Dann wissen sie die einzelne Zigarette oder die kleine Menge Tabak zu schätzen. Man sollte die Genuss-Raucher, die wenig rauchen, darin unterstützen, auch finanziell. Kleinmengen sollten billiger werden. Die Verpackungen sollten so schön gestaltet sein, dass sie auch als Geschenk taugen. Wenn nämlich die Leute eine Packung mit Ekelaufkleber kaufen, dann rauchen sie die umso schneller weg, weil sie die fiese Verpackung loswerden wollen, das ist ein Akt der Verzweiflung. Wir dürfen den Tabak nicht verteufeln. Dem Suchtrauchen ist nur durch eine Wertschätzung des Genussrauchens beizukommen.“ Jetzt lacht die Frau Keuner: „Das andere Foto, das du mir geschickt hat, gefällt mir. Ich hab gegoogelt, Modest ist ja ein Unverpackt-Laden. Wahrscheinlich muss man die Kunden ans Händewaschen erinnern, denn Menschen, die auf Tüten verzichten, neigen auch dazu, Wasser zu sparen. Eigentlich schlau. Aber sach mal, könnte man in den Unverpackt-Läden nicht losen Tabak verkaufen?“

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Gesehen in Ostende. Beim Stadt-Spaziergang sind wir zufällig auf den ersten Ostender, 2019 eröffneten Unverpackt-Laden Modest gestoßen. Anders als beim Kölner Unverpackt-Laden Tante Olga gibt es dort Obst und Gemüse, und man kann nicht nur Kaffee trinken, sondern auch gemütlich sitzen und leckere kleine Snacks essen, Quiche oder Gemüsekuchen  – oder aufs Klo gehen, was ich auch tat. Die Pflicht, sich die Hände zu waschen, irritiert, aber wahrscheinlich gibt es (nicht nur, aber gerade für die Toiletten) in Unverpacktläden besonders strenge Hygieneauflagen.

 

Zwar ist die Belgische Küste so zugebaut, dass das Meer gebändigt zu sein scheint, aber anders als fast überall in Deutschland sind die Nordsee-Strände frei (und kostenlos!) zugänglich. Mancherorts ist die belgische Küste so schön wie die deutsche kaum irgendwo. Wer mit der Linie 0 fährt, der Kusttram, sollte unbedingt in De Haan (Haltestelle Aan Zee) aussteigen, nicht nur, weil man dort (z.B. im schön gelegenen La Potinière) besonders leckeren, Crêpe-inspirierten Pannekoeken essen kann.

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Die viel zu kurze, aber feine Dünen-Promenade bei De Haan: Liebesschlösser am Stacheldrahtzaun

Wer sich ein Bild von De Haan machen möchte, dem sei ein auch nach 30 Jahren noch aktueller Artikel von Elsemarie Maletzke dringend empfohlen:

https://www.zeit.de/1989/31/rosa-torten-fuer-hausgaeste/komplettansicht

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Würde man Tabak als Feinkost verkaufen, würden die Leute weniger rauchen

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