Herz am Bluten: Plädoyer für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis

Die moderne Medizin versucht, nicht nur das Gebären, sondern auch das Sterben immer mehr unter ihre Kontrolle bringen. Das ist ein müßiges Unterfangen, denn die Natur ist unkontrollierbar. Dabei werden Grenzen überschritten, die man niemals hätte überschreiten dürfen. Doch gerade da, wo die Medizin Tabus verletzt, wird sie sentimental verklärt. Sie braucht ihre Geschichten – und ihre Helden. Zur vielleicht größten Heldengeschichte der Medizin wurde die erste Herztransplantation.

Anlässlich des 50. Jahrestages wies Werner Bartens Ende 2017 darauf hin, dass die erste Herz-Transplantation nur zur Heldengeschichte werden konnte, weil es nicht um irgendein, sondern um ein besonderes Organ ging: „Trotz Kardiologie und Herzchirurgie mit Transplantation, Bypass und Stents hängen wir noch immer am alten Bild vom Herzen, seiner Form und Bedeutung für die menschliche Identität. Ohne diese extreme Idealisierung wäre die Geschichte der Herztransplantation weitaus weniger glamourös verlaufen.“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizingeschichte-der-pionier-der-herzchirurgie-erste-transplantation-vor-50-jahren-1.377387

Offenkundig ist das Herz der Sitz der innigsten Gefühle. Was jeder kennt: Uns klopft das Herz, wir spüren einen Stich im Herzen, das Herz fällt in die Hose, wir haben etwas auf dem Herzen, wir sind ein Herz und eine Seele. „Unser Hätz schlät för dä FC Kölle“, singen die Kölner. Und obwohl die FC-Führungsetage derzeit Ungutes plant (die Bebauung der „Gleueler Wiese“ mit Trainingsanlagen), singe ich mit.

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Sogenanntes „Wurfmaterial“ im Kölner Karneval bzw. „Kamelle“… Den Ausdruck HERZ AM BLUTEN hörte ich zum ersten Mal, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es muss um 1965 gewesen sein. Ich sehe mich in einer größeren Kindergruppe auf einem Kindergeburtstag. Es gab Süßigkeiten, aber auch Erdnussflips, die man seit Anfang der 1960er Jahre, wie ich bei wikipedia lese, in West-Deutschland kaufen konnte. Als die Tüte dreiviertel leer war, habe ich sie mir unter den Nagel gerissen, um sie mit nach Hause zu nehmen. Das ging natürlich nicht. Die anderen Kinder wurden böse und meckerten, bis der Vater des Geburtstagskindes zu mir kam und sagte: „Du machst den Kindern Herz am Bluten.“ Ich war damals tief schockiert, denn ich hatte gleich ein Bild vor Augen: Blutende Herzen. Ich gab die Ernussflips wieder ab und spürte: Teilen tut gut. (Etwas in mir dachte ganz anders: Meim nächsten Mal musst du dich schlauer anstellen) Zum Schokoladentäfelschen: „Et Hätz schleiht em Veedel“ war das Motto des diesjährigen Kölner Rosenmontagszugs. Übersetzt heißt das: „Das Herz schlägt im Viertel.“ Ming Hätz schleiht allerdings nit em Veedel, denn es gibt für mich nur ein Viertel: Ming Hätz schlät för Nippes!

In seinem Märchen „Die Schneekönigin“ entwirft der dänische Dichter Hans Christian Andersen das Bild einer verkehrten Welt, die der heutigen erstaunlich ähnelt. Ich zitiere, weil ich es kaum so gut auf den Punkt bringen könnte, die Zusammenfassung aus dem wikipedia-Beitrag:  „Vor langer, langer Zeit erschuf ein Teufel einen Spiegel, der alles Schöne und Gute verzerrt und hässlich aussehen ließ. „Die schönste Landschaft sah wie gekochter Spinat aus.“ Das Böse trat darin gut hervor. Eines Tages jedoch fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in viele tausend Stücke, große und kleine, die, je nach Verwendung durch die Menschen, viel Ärger und Verwirrung stifteten. Trafen sie einen im Herzen, so wurde es so kalt wie Eis, und trafen sie einen in die Augen, so sah er alles um sich herum nur noch hässlich und böse. So verteilten sich die Splitter des Zauberspiegels über die ganze Welt.“

Einer dieser Splitter muss Christiaan Barnard, den Mann, der als erster ein menschliches Herz „verpflanzt“ hat, mitten ins Herz getroffen haben. Durch gezielte Fragen entlockt der Journalist Ulli Kulke in einem Welt-Interview vom 4. Juli 2001 Barnard kurz vor dessen Tod am 2. September 2001 erschreckend offene Antworten. Hier entpuppt sich der Held und Saubermann als der, der er wohl eigentlich war: Ein Mann, der nicht lieben kann.

„… Barnard: Als es in Südafrika noch die Todesstrafe gab, sprach ich mal mit dem damaligen südafrikanischen Premierminister John Vorster. Fast jede Woche gibt es eine Exekution, sagte ich ihm, können wir da nicht die Organe von den Hingerichteten bekommen? Wir diskutierten lange darüber, ich hatte großen Bedarf an Organen. Doch schließlich stimmten wir beide darin überein, dass wir die Finger davon lassen sollten…“

https://www.welt.de/print-welt/article461044/Design-Kind-Warum-nicht.html

Als im Jahr 1967 das erste Herz „verpflanzt“ wurde, „glaubte“ man noch an den Herztod: Der Mensch ist erst dann tot, wenn sein Herz aufhört zu schlagen. Als der 25jährigen, hirntoten Denise Darvall das Herz entnommen wurde, um es in die Brust des 54jährigen Louis Washkansky einzusetzen, schlug es noch. War die Entnahme des Herzens dann nicht eine Tötung? Hatte man Denise Darvall nicht bei lebendigem Leib das Herz entrissen? Und ist es nicht obszön, ein weibliches Herz in einen männlichen Körper zu verpflanzen?

Um die erste Herztransplantation im Nachhinein legitimieren zu können, musste der Tod schnell neu definiert werden.  „Im April 1968 stellte die Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Ergebnis ihrer Arbeit unter dem Titel „Todeszeichen und Todeszeitbestimmung“ vor. Nach der französischen medizinischen Akademie bejaht auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie das Hirntodkonzept. Menschen mit irreversiblem Funktionsverlust des Gehirns werden als Tote angesehen.“ (wikipedia) eine vertuschung

In Deutschland, so lese ich, haben über 80% der Medizinstudentinnen und Medizinstudenten einen Organspendeausweis. Die jungen Menschen kennen es nicht anders. Die Zeiten, in denen die Gleichsetzung Hirntod=Tod eingeführt wurde, haben nicht einmal die eigenen Eltern bewusst miterlebt. Dass Herzen verpflanzt werden, erscheint ihnen so selbstverständlich wie das Eingipsen eines gebrochenen Beins.

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Deutscher Organspendeausweis: Es ist ein bisschen so, als würde man einen Bestellzettel ausfüllen. Nur ist es so, dass ich nicht anderswo bestelle, sondern sage, welche meiner Organe sin Zukunft bei mir zu bekommen sind.

Ich plädiere an dieser Stelle für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis. Fortan möge es der Genaugkeit halber nach dem ersten anzukreuzenden Kreis folgenden Wortlaut geben:

„Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Festellung meines Hirntodes, doch während mein Herz noch schlägt, meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden, unter Umständen auch das Herz selber.“

Wenn wir unsere Organe „spenden“, stimmen wir einer Definition zu, nach der das Herz nicht mehr ist als eine lebensnotwendige Pumpe. Doch diese Annahme legitimiert eine Tabuverletzung, die so tief ist, dass wir sie nicht wirklich fassen können. Herzchirurgen leisten an anderer Stelle große Dienste, aber sie hätten, so denke ich, niemals menschliche Herzen verpflanzen dürfen.

Das Herz ist mehr als eine mechanische Pumpe. Schauen wir auf die Embryonalentwicklung. Anders als bei den Säugetieren entwickelt sich das Herz des menschlichen Embryos vor allen anderen Organen, es bildet sich in der vierten Schwangerschaftswoche. Noch hat das Herz keine Funktion, es schlägt nur und wird zeitlebens nicht aufhören damit, in einem naturgegebenen Rhythmus. Auch wenn ein Mensch hirntot ist, schlägt sein Herz immer noch.

Jetzt sind es ausgerechnet die Mediziner selber, deren Beobachtungen die Gleichsetzung Hirntod=Tod infrage stellen.  „So fanden Kardiologen kürzlich heraus, dass das Herz als Reaktion auf Berührungen das Kuschelhormon Oxytocin ausschüttet“, heißt es auf Scinexx. https://www.scinexx.de/dossierartikel/mehr-als-nur-mechanische-pumpe/ Wie kommen die Wissenschaftler darauf?

Ich denke an den wohl entsetzlichsten Menschenversuch, der von der Schulmedizin in unserer Gegenwart legal (!) durchführt wird, die Organismusspende. „Im Jahr 2008 gelang es Erlanger Medizinern, die Schwangerschaft einer nach einem Herzinfarkt ins Koma gefallenen 40-Jährigen fortzusetzen.[8] Nach 22 Wochen, in der 35. Schwangerschaftswoche, wurde ein gesunder Junge durch einen Kaiserschnitt entbunden.“wikipedia  

An die Hochleistungsmedizin stellen sich verschiedene Herausforderungen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Organismus nach dem Hirntod so lange am Leben zu halten. Und es gar nicht so einfach, den weiblichen Organismus dazu zu überreden, das Kind nicht abzustoßen. Außerdem dürfte man im Vorfeld wohl vorher mehrfach abgecheckt haben, dass der Junge gesund ist, sonst hätte man ihn auch nicht auf die Welt geholt, denn man braucht man einen „gesunden Jungen“, um die Aktion legitimieren zu können. Und bevor man den Jungen per Kaiserschnitt auf die Welt geholt hat, haben die Ärzte noch einmal -diesmal zärtlich- ihr beschädigtes Herz berührt, denn  das Hormon Oxytocin ist mitverantwortlich für die Auslösung der Geburtswehen.

Verräterisch und unerträglich ist, was Prof. Dr. Matthias Beckmann damals sagte, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen: „Die weltweit rund 25 Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod hätten oftmals mit ernsten Schädigungen des Kindes geendet, sagte Beckmann. Einfach sei auch die Betreuung der 41-Jährigen nicht gewesen: Die übergewichtige Frau sei starke Raucherin gewesen.“ https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article4853314/Das-Erlanger-Wachkoma-Baby-ist-wohlauf.html

Ich persönlich könnte mir vorstellen, hirn- und herzlebendig einem geliebten Menschen eine Niere zu spenden. Aber niemals würde ich den kalten, anonymen Akt zulassen, der sich euphemistisch „Organspende“ nennt. 2016 schrieb Laura Díaz auf Zeit.de: „Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken.“ Ich schließe mich ihr an.   https://www.zeit.de/2016/33/organspende-deutschland-pro-contra/seite-2

 

 

 

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