Scheinheilig Geist im Kölner Norden

Werner Bartens, Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, Menschenfreund und Mediziner, ein Journalist mit Freude an der Wahrheitsfindung, hat im Herbst letzten Jahres über einen Apothekenskandal recherchiert und dabei einen Krankenkassenskandal aufgedeckt: Weil sie anlässlich der Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes die krankenkassenfinanzierte Billigvariante einer Zuckerlösung zu sich nahmen, die in der Apotheke zubereitet worden war, starben in Köln zwei schwangere Frauen. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/apotheken-koeln-glucose-loesung-schwangerschaftsdiabetes-1.4623731

Bartens nennt auf den Cent genau die beschämend geringen, entlarvenden Beträge: Die Kosten für die Fertiglösung, die für die Frauen viel sicherer ist, betragen zwischen 4,59€ und 5,53€, sind also ohnehin schon billig. Dennoch werden die Kosten seit 2016 mehr erstattet. Damals haben die Krankenkassen, so Bartens, mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vereinbart, dass künftig nur noch die selbst angerührte Zuckerlösung bezahlt wird, für die die Apotheker gerade mal 1,21 Euro bekommen. Gerade in der Schwangerenbetreuung offenbart sich die Doppelmoral unseres Gesundheitssystems. Während etwa der sogenannte „Wunschkaiserschnitt“ generös finanziert wird, knausern die Kassen ausgerechnet da, wo eine sorgsame Schwangerenvorsorge wichtig und sinnvoll ist. Dass hier pro schwangerer Frau rund vier Euro eingespart werden, ist verantwortungslos und grob fahrlässig.

Dass der „Tatort“ nicht irgendeine Kölner Apotheke war, sondern die Heilig Geist-Apotheke in Longerich, ließ mich aufhorchen. Die Apotheke liegt auf dem Gelände des Heilig Geist-Krankenhauses. Zum Nippeser St. Vinzenz-Hospital, nur einen kurzen Fußweg weit weg von der autofreien Siedlung Stellwerk 60, hat das Heilig-Geist eine eher unheilige Beziehung.

An eben jenes Heilig Geist-Krankenhaus ist nämlich vor zwei Jahren der erst 2013 eröffnete Nippeser Hebammenkreißsaal „umgezogen“ – und die gesamte Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der einzige Hebammenkreißsaal in ganz Köln war gut ausgelastet. Der Grund für die Schließung der Abteilung war kalte Ökonomie: Der Rückgang der gynäkologischen Operationen. Die Abteilung hat sich nicht mehr rentiert. Die Zahl der (früher einmal viel zu oft ausgeführten) Gebärmutterentfernungen ging auch in Nippes deutlich zurück. Einem profitorientierten Gesundheitsmanagement ist die schöne Nachricht ein Dorn im Auge. Nicht stattfindende Operationen rechnen sich nicht. https://www.hebammen-nrw.de/cms/aktuelles/meldungen/einzelansicht/datum/2017/04/06/st-vinzenz-klinik-in-koeln-schliessung-im-rundumschlag/

Da auch das Kölner Geburtshaus seit 2004 nicht mehr in Nippes ansässig ist, ziert der stolze Aufdruck „Born in Nippes“, ob in rosa oder bleu, kaum noch einen Baby-Strampler, auch wenn die Hausgeburtszahlen wieder steigen. Das liegt daran, dass der GKV,  der bundesweite Verband der Krankenkassen in Deutschland,  mittlerweile dazu verpflichtet ist, den Hebammen Sicherstellungszuschläge zu zahlen, die die Kosten der hohen Haftpflichtversicherungs-Beiträge (ab dem 1.7.2020 9.098 Euro jährlich!) weitgehend auffangen. (Zur Erinnerung: Viele Hebammen, die Hausgeburten betreut hatten, mussten aussteigen, als die Beitragssätze für die Haftpflichtversicherung  im Jahr 2014 horrend anstiegen.) Der bleibende Schaden: Die hohen und ständig steigenden Versicherungsbeiträge suggerieren, dass während der Hausgeburten immer mehr Katastrophen passieren, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht.

Der Hebammenkreißsaal im Veedel Nippes ist passé. Am wirtschaftlich arbeitenden Heilig Geist-Krankenhaus interessiert das nicht. Man arbeitet gemäß den Richtlinien eines „prozessorientierten Qualitätsmanagementsystems.“ „Qualität“ ist im Zusammenhang mit Geburten ohnehin ein fragwürdiger Begriff, aber am Heilig-Geist ist eben diese Qualitätssicherung das Aushängeschild. „Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert“, heißt es rot und fett gedruckt im Internet.

Das Heilig-Geist ist „erfolgreich“, denn die Abteilung boomt. Doch dass man den Zuwachs an Geburten im Jahr 2018 um rund 21% insbesondere dem Dichtmachen der Abteilung in Nippes zu verdanken hat, wird in der offiziellen Presseinformation vom 18.Januar 2019 verschwiegen. Scheinheilig Geist im Kölner Norden. http://www.hgk-koeln.de/fileadmin/user_upload/Krankenhaeuser/Heilig_Geist/Presse/Presseinformation_Frauenklinik_Geburtshilfe_2019_final.pdf

Heutzutage kann es sich auch ein Geburtshaus nicht mehr leisten, die Kriterien des  „Qualitätsmanagements“ zu ignorieren. Das Kölner Geburtshaus ist laut Internetseite  DIN ISO 9001:2015 zertifiziert. Doch gerade Frauen, die sich für eine Entbindung im Geburtshaus entscheiden, gucken auf andere Zahlen, und die sind beeindruckend:

Etwa ein Viertel aller Frauen, deren Geburt im Geburtshaus beginnt, entbinden nicht dort. Oft müssen die Frauen doch noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil Komplikationen auftreten. Wann es brenzlig wird oder werden könnte, haben die erfahrenen Hebammen genau im Blick. Wenn die Frauen dann doch im Krankenhaus „landen“, ist das noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Kaiserschnitt. Von allen Geburten, die von Hebammen des Geburtshauses Köln betreut wurden (zu Hause oder im Geburtshaus), endeten im Jahr 2016 nur 6,2% mit einem Kaiserschnitt (deutschlandweit 31,1%!)

Übrigens: Das 5000. Kind, das im Kölner (ursprünglich Nippeser, mittlerweile Ehrenfelder) Geburtshaus zur Welt kam, wurde im November 2019 geboren, heißt Karl und ist ein…..

NIPPESER Jung!

 

Clownin Carla, born in Bensberg 1999

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Ferien auf Spiekeroog 2001: Das Leben ist lecker!

 

 

 

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