Eine Begegnung mit der Frau Keuner: „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten“

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Freu Keuner.

Gerade versuche ich, möglicht geräuscharm ein paar leere Weinflaschen zu entsorgen, da taucht auf der gegenüberliegenden Seite des Glascontainers das verdötschte Gesicht von der Frau Keuner auf. Nicht gut, wenn man verkatert ist. Schon gar nicht, wenn man auf dem Wochenmarkt ist und vorhat, am Tag vor Himmelfahrt schnell noch Spargel einzukaufen – unbeobachtet.

„Tschuldigung“, sage ich. „Ich bin total verkatert, aber nicht vom Alkohol. Gestern bin ich seit Monaten mal wieder Auto gefahren, weil ich in Hannover was abholen musste. Autobahn ist ja nur dann erträglich, wenn man Radio hören kann. Vor allem abends und in der Nacht. Ich mach also das Radio an, drück auf meinen Lieblingssender WDR5, aber das hört sich irgendwie falsch an. Da gab’s nicht die Wiederholungen vom Vortag. Ganz anderer Sound. Ich drück auf Deutschlandfunk, das gleiche Programm. Die anderen Knöpfe, überall. Ich dachte, das Radio ist kaputt, aber das war es nicht.  Für eine Stunde geht so was noch, aber da wurden über Stunden immer dieselben Nachrichten gesendet. Es ging nur um Corona. Keine Werbung, keine Musik, nur Corona. Furchtbar. Du hörst Radio und wirst in eine Art Wiederholungsschleife reingezogen, in der wir sowieso alle sind. Und das auf der Autobahn. Wie ein Sprung in der Schallpatte, die du eh schon gar nicht mehr anhören willst.“

Die Keuner grinst: „So schnell geht dat. Der Spaß nennt sich ARD-Infonacht. Die Sender sind jetzt abends gleichgeschaltet. Aber lenk bitte nicht ab. Du gehörst also auch zu den Leuten, die bei Corona noch mehr saufen als sonst. Mit Wein und Schnaps werden jetzt gute Geschäfte gemacht. Aber ich sach dir, erst recht mit Zigaretten. Da erzählt irgendein Experte den Leuten, wie gefährlich das Rauchen für den Verlauf einer Corona-Infektion ist, schon sind die Leute so frustriert, dass sie noch mehr rauchen. Wäre der Jens Spahn ein Menschenfreud, würde er jetzt endlich dafür sorgen, dass man den Tabak in kleinen Mengen verkauft. Und dass man den Ekelaufdruck abschafft, der den Leuten eh schon Angst macht. Ich sach dir, die Corona-Panik hat den Tabakverkauf so wat von angekurbelt.“

Seltsame Situation. Wir stehen immmer noch am Rand vom Markt, der Container ist zwischen uns und sichert einen gewissen Sicherheitsabstand, was ja nicht unbedingt schlecht ist. Die Frau Keuner redet weiter: „Ein Weinladen ist nämlich systemrelevant. Hömma, als ich vor ein paar Wochen im Kleefisch war, da hieß es noch, dass der französische Wein nicht geliefert werden kann, weil die LKW-Fahrer nicht mehr da sind. Die osteuropäischen Arbeitskräfte sind ja die einzigen, die den Knochenjob noch machen, aber die wollen in der Krise natürlich auch nach Hause zu ihren Familien. Ich denke mal, die haben die Leute dann ganz schnell zurückgepfiffen. Und woher hast du deinen Wein?“

„Was soll ich denn machen?“, jammere ich.

„Und ich wette, du willst gerade Spargel einkaufen. Was glaubst du, wer den gestochen hat? Hömma, du bist sowat von blauäugig. Und weißt du, was ich unerträglich und undemokratisch finde?“

„Nein?“

„Ich sag es dir“, sagt die Frau Keuner. „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten.“

„Wie bitte!?“

Die Keuner nickt. „Du kennst doch die Litfassäule an der Kempener Straße, die eine, die sich dreht, vor Fußgängern, Radfahrern, vor Autofahrern. Da klebt seit ein paar Wochen hinter Glas eine ausgeklügelte, wind- und wettergeschützte Werbung von der Bild-Zeitung für die Bild-Zeitung, aber gleichzeitig ist das Werbung für den Corona-Kurs der Bundesregierung. Da wird die gleiche Sprache gesprochen wie in den Ansprachen von Angela Merkel. Moderne Politiker lassen sich von Werbepsychologen beraten. Und wer bezahlt den Quatsch? Wir.“

„Das ist eine Verschwörungstheorie“, sage ich und muss mich räuspern.

Man kennt sich, man hilft sich“, sagt die Frau Keuner. „Das hat der Konrad Adenauer ja so schön mehrdeutig gesagt. Der war wenigstens ehrlich. Du zitierst den Spruch doch  selber so gerne. Trinkpause!“

Die Frau Keuner greift sich die Flasche Mineralwasser aus dem Körbchen und trinkt einen Schluck. Sie setzt die Flasche ab: „Dass ich dir nichts anbiete, liegt nicht an Corona. Aber ich will nicht, dass du an meiner Pulle löllerst. Aber du erinnerst dich vielleicht. Da war doch direkt neben Krankenschwester Manuela das Plakat von Doc Morris, und an der Stelle, wo die Werbung für das E-Rezept war, klebt jetzt der LKW-Fahrer Reinhold. Der Reinhold ist ein treudeutscher LKW-Fahrer. Der guckt nicht zu uns wie die Manuela, sondern in die Ferne. Der Reinhold ist nicht frisch rasiert, wirkt aber frisch gewaschen. Der hat hellwache Augen, Verantwortungsgefühl, der knackt nicht weg. Trinkpause!“

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“ Reinhold, LKW-Fahrer“

Die Frau Keuner nimmt einen Schluck und redet dann weiter: „Der Plakat-Reinhold ist ein ganz lieber, gutmütiger Typ, ein bisschen wie Lukas der Lokomotivfahrer. Und wie Lukas der Lokomotivführer hat auch Reinhold der LKW-Fahrer ein Halstuch um. Die Werbepsychologen haben da die Abbildungen aus Büchern und Filmen studiert, die wir alle im Hinterkopf haben. Wir alle lieben das wunderschöne Kinderbuch von Michael Ende: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Das einzige, was dem Reinhold fehlt, ist die Pfeife im Mund. Ein Lokomotivführer einer altmodischen Dampflok kann sich eine Pfeife leisten, aber ein moderner LKW-Fahrer nicht. Trinkpause!“

Die Frau Keuner nimmt noch einen Schluck und redet dann weiter: „Dafür hat der Reinhold einen kleinen Ring im Ohr. Ohne dass es uns bewusst ist, erinnert uns der Reinhold an unseren ersten Teddy. Und der Teddybär unter den Teddybären, der klassische Teddybär ist der Steiff-Teddybär, der hatte keinen Ring, aber einen Knopf im Ohr. Die Steiff-Tiere haben den Knopf im linken Ohr. Der Reinhold hat den Knopf im rechten Ohr. Angeblich tragen homosexuelle Männer den Ohrring immer im rechten Ohr. Dat is ein kleiner Gruß an Jens Spahn, sach ich dir… Und hömma, an wen denkst du, wenn du den Namen Reinhold hörst?“

„An meinen Vetter“, sage ich. „Den haben sie damals nicht gemustert, weil das Kreiswehrersatzamt dachte, dass der Reinhold ein Mädchenname ist. So wie Reinhild.“

Die Frau Keuner schüttelt den Kopf. „Du sollst an den Reinhold Messner denken, den Südtiroler Bergsteiger. Für alle, die jeden Weg auf sich nehmen, so einer ist der Messner doch auch. Und der Messner tut doch auch so, als wenn es toll wär, sich mutterseelenallein auf den Weg zu machen. Der einsame Held, hömma, das ist vielleicht angenehm, wenn man die frische Bergluft einatmen kann, aber dat is sowat von scheiße, da in der miefigen Fahrerkabine eingeklemmt zu sein. Und der Messner hat bestimmt niemals auf dem Parkplatz von der Autobahnraststäte übernachtet. Und überhaupt…“

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Reinhold Messner im aktuellen ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“ Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler. Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Wir sind der Natur weder unter-  noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr. Horst Stern, Wissenschaftsjournalist, Mitgründer der Umweltschutzorganisation BUND und Herausgeber der Zeitschrift Natur, schrieb in seinem ersten Editorial 1980:                                                                                                                      „Wir sind als Art biologisch unentrinnbar ein Teil der Natur – lebend an ihr Leben, leidend an ihr Leiden, sterbend an ihr Sterben gebunden.“

„Ich will dich nicht unterbrechen“, sage ich. „Aber ich muss jetzt wirklich los, ich wollte noch auf den Markt.“ Wir stehen uns immer noch gegenüber.

„Gute Idee“, sagt die Frau Keuner. „Wollte ich auch, ich komm mit. Bissken langsam mit dem Gehwagen, aber wird schon klappen. Ich muss mir wat Neues aus der Wühltheke angeln, ich brauch mal wat Frisches, und da stehen die Leute dicht an dicht, so wie immer. Is so schön, und manchmal stößt man beim Grabbeln an eine fremde Hand, auch schön, so wie immer. Abstand halten geht auf dem Markt nicht. Außerdem wollte ich immer schon wissen, was du für eine Schutzmaske hast. Zeig mal.“ Ich hole das Teil aus der Tasche und spanne es hinters Ohr.

Jetzt endlich lacht die Frau Keuner: „Hömma, du hast ja auch die Fehlkonstruktion mit den Domspitzen. Tut mir leid, jetzt komm ich nah an dich ran, die Masken sind so dickstoffig, dass man laut reden muss. Da hat man nicht nur Spuckschutz, sondern auch Schallschutz. Die gleiche! Du warst dat also… Hömma, die haben mir in der Mauenheimer Straße gesagt, die Maske ist noch mal bestellt, von einer Dame. Du bist doch keine Dame. Aber das ist gut, wenn wir die gleiche Maske aufhaben, halten uns die Leute für Mutter und Tochter.“

„Und wer von uns beiden ist dann die Mutter?“, frage ich die Frau Keuner.

„Na, wer schon, Mutti.

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Lächelnder Abstandhalte-Smiley mit Frau auf der einen Seite (rechtes „Auge“) und Mann auf der anderen (linkes „Auge“). Es liest sich so, als sollten die Geschlechter einen Sicherheitsabstand voneinander einhalten. So ist das hier gewiss nicht gemeint. Mein Vorschlag an die Stadt Köln: Man sollte in der nächsten Sylvesternacht rundum den Hauptbahnhof lächelnde Pappkameraden aufstellen.

2 Gedanken zu „Eine Begegnung mit der Frau Keuner: „Die Politik finanziert Werbepsychologen, um uns Bürger bei Laune zu halten“

  1. Vielen Dank für die wieder einmal wunderbare Geschichte von der Frau Keuner. Für Brecht durfte nur eines nicht passieren; Dass die Gewalt Herrn Keuner überlebt! Hoffen wir darauf!

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  2. Ich liebe Frau Kreuner.
    Bei uns im Edeka stehen in dem weiten Raum vor den Kassen, wo sonst Süßigkeiten und Krimskrams aufgebaut ist, jetzt Palettenweise Bier, Wein, Sekt, Cocktails. Der Alk fließt auch im Ländle in Strömen.
    Ich mag das Klirren am Container übrigens auch nicht, und ich finde, ein Nutellaglas klingt anders als Wein.

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