Geschichte von den sieben jungen Geißlein und der klugen Wölfin – Die Zauberkraft der Ziegenmutterliebe

„Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat…“ (Friedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft“)

Erst kürzlich hat sich die Geschichte tatsächlich noch einmal zugetragen. Ganz in unserer Nähe, außerhalb eines alten Dorfes und doch in den Tiefen des Waldes, die es immer noch gibt. Dort lebten in Waldabgeschiedenheit eine Geiß und ihre sieben jungen Geißlein.

Die Geiß hatte ihren Kindern das Märchen einige Male erzählt, doch -so bitter es auch war- konnten die sieben jungen Geißlein nur glauben, was sie selber erlebt hatten. Daher hatten sie nichtsahnend den Wolf schon bei seinem allerersten Täuschungsversuch ins Haus gelassen.

Als die Geiß nach Hause kam, wusste sie sofort, was passiert war. Sie geriet nicht in Panik, sondern behielt einen klaren Kopf. Sie spürte, wie ihr Herz schlug, aber sie schrie nicht, sondern rief nacheinander die Namen ihrer sieben Geißlein. Keines gab ihr eine Antwort. Erst als das jüngste an der Reihe war, hörte sie aus dem Uhrkasten ein leises „Mama?“

Obwohl sie die Antwort kannte, ließ sie ihr Kind erzählen, was genau passiert war. Die Geiß weinte bitterlich, behielt aber einen klaren Kopf. Und weil sie ihr Nähzeug gut pflegte, Schere, Nadel und Faden immer für den Notfall parat lagen, schaffte sie es, ihre Kinder, die heil geblieben waren, zügig aus dem Wanst des schlafenden Wolfes zu befreien. Sie füllte seinen Bauch mit Wackersteinen, die die Kinder eilig gesammelt hatten, und nähte ihn so gut zu, dass die Steine nicht herausfallen konnten.

Doch was nun? Wenn der Wolf auch tot war, so waren seine sterblichen Überreste noch immer im Brunnen, wohin sich das durstige Tier mit letzter Kraft geschleppt hatte. Anders als ihre Kinder, die nur kurz nach dem Unglück wieder übermütig gespielt hatten und jetzt eng aneinander gekuschelt tief schliefen, tat die Geißen-Mutter in der Nacht kein Auge zu. Es war entsetzlich, einen toten Wolf im Brunnen zu wissen. Das Dorf war längst an die Kanalisation angeschlossen, aber der letzte öffentliche Brunnen stand unter Denkmalschutz und wurde so gut gepflegt, dass sein Wasser zwar nicht den Menschen, aber den Tieren bekam. Wie sollte sie jemals wieder an solch köstliches Wasser kommen? Und was war mit den alten Dorfbewohnern, die sich gerne hier trafen, bevor sie sich unter der Schatten spendenden alten Linde auf die Bank setzten?

An dieser Stelle schwieg das Märchen. Über den Brunnen mit dem toten Wolf darin war nichts weiter zu erfahren. Die Geiß kam ins Grübeln: Sollten ausgerechnet sie und ihre sieben Kinder diejenigen sein, die viele Jahre später das Märchen weiter erlebten und die Geschichte zu Ende erzählten?

Wie dem auch war: Sie musste die Angelegenheit öffentlich machen, es gab keine andere Wahl. Allerdings würde sie auf diese Weise die Menschen auf sich aufmerksam machen, und vielleicht wäre es dann mit der Waldeinsamkeit für immer vorbei. So bat sie am Morgen die Spatzen, in die nächstgrößere Stadt zu den Menschen zu fliegen und es von den Dächern zu pfeifen.

Da ein Notfall vorlag, stand schon nach wenigen Stunden eine Spezialeinheit des Gesundheits- und des Veterinäramts vor der Tür. Die alte Geiß führte die Personen zum Brunnen. Vermummte Hygienekontrolleure machten sich vor Ort ein Bild und informierten die Feuerwehr, die mit schwerem Gerät anrückte und die sterblichen Überreste des Wolfes aus dem Brunnen hob.

Drei Tage später wurde der Kadaver -nachdem man ihn auf Anzeichen von Tollwut untersucht hatte- der Tierverwertung zugeführt. So konnte sich, wie es hieß, das Biest posthum nützlich machen, auch bannte man auf diese Weise jegliche Verseuchungsgefahr. Der Brunnen wurde von Spezialkräften gründlich desinfiziert und wenige Tage später unter Vorbehalt wieder freigegeben.

Da der Wolf tot war, bräuchten die sieben Geißlein, wie der Leiter der Spezialeinheit ihnen mitteilte, keine Angst mehr vor ihm zu haben. Offenbar handelte es sich um einen alten Rüden, der kein Rudel mehr hatte und deshalb böse geworden war. Um die Gefahr weiterer Wölfe ausschließen zu können und die Sicherheit der Geißlein zu gewährleisten, hatte man den Wald Meter um Meter durchforstet. Bei der Aktion hatte man keinen Wolf, aber einige junge Menschen aufgestöbert, die ausgewandert, aber nicht weit gekommen waren.

Der Wald war frei von Wölfen. Die alte Geißlein spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Sie nahm die Kinder mit in den Wald und zeigte ihnen, wie sie Futter finden konnten. Als die sieben Geißlein für sich selber sorgen konnten, ging sie auf eine kleine Reise. Eines Morgens nahm sie letztes Mal das kleinste Zicklein an ihre Zitzen und verabschiedete sich: „Auf Wiedersehen, meine lieben Sieben. Ich gehe zu den Menschen, aber ich bin bald wieder da. Wenn Menschen kommen, lasst sie ruhig ins Haus. Aber nehmt euch in Acht, wenn sie euch zu etwas einladen oder euch etwas schenken wollen. Wir müssen Zeit gewinnen, deshalb sagt:Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

„Sind denn die Menschen nicht lieb?“, fragte das jüngste Geißlein.

„Na ja“, sagte die alte Geiß und seufzte. „Die Menschen werden nicht böse geboren, aber oft machen sie mit der Zeit so schlechte Erfahrungen, dass sie böse werden.“

„Schlechte Erfahrungen mit Wölfen?“, fragte ein Geißlein. Jetzt schüttelte die Geiß den Kopf und lachte.

„Und woher sollen wir wissen, wer böse ist?“, fragte ein anderes.

„Hört auf die Vögel“, sagte die Geiß. „Die Krähen warnen euch, doch freut euch, wenn die Amsel singt.“

Die Geiß machte sich auf den Weg. Aber sie setzte sich nicht in Bus oder Bahn, sondern begab sich ins Rathaus. Sie trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und bekam als erste Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Präsident war nicht persönlich erschienen, wohl aber die Bürgermeisterin.

Ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde der Inhaber eines Geschäfts für Karnevalsbedarf, der dem Wolf den sogenannten „magischen Strumpf“ geschenkt hatte. Dieser Strumpf stellte inklusive Kunststoff-Klaue den unteren Teil eines Ziegenbeins dar, ließ sich leicht überstreifen und hatte dem Wolf wie angegossen gepasst. Ohne den genialen Geschäftsmann, so betonte die Bürgermeisterin in ihrer Rede, wäre die Geschichte wohl nicht so glimpflich verlaufen. Hätte der Verkäufer nicht dem Wolf geholfen, sich als Geiß zu verkaufen, hätte sich die Bestie über die Menschen hergemacht.

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Die großen Märchen erzählen nicht nur die eine, sondern viele Geschichten. Die Illustratorin Tatjana Hauptmann versteht es, mit Liebe zum Detail das scheinbar Nebensächliche in den Vordergrund zu holen. Warum warnen Krämer, Müller und Bäcker die Geißlein nicht, wo sie doch wissen, dass der Wolf was im Schilde führt und Geißlein seine Leibspeise sind? „Ja, so sind die Menschen“, heißt es im Märchen. Eine genauere Antwort gibt diese Illustration. Abfotografiert aus: Christian Streich (Hrsg.): „Das große Märchenbuch. Die schönsten Märchen aus ganz Europa“, mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann. 

Die Verleihung dauerte bis zum Abend. Beim festlichen vegetarischen Dinner wurden mit Rücksicht auf die Geiß keinerlei tierische Produkte gereicht – inklusive der sonst üblichen Käseplatte mit Crottin de Chavignol, einer berühmten französischen Ziegenkäse-Spezialität mit echtem Ziegenaroma. Die Geiß wurde anschließend in ein Wellness-Hotel gebracht, wo man im zweiten Stock ein Zimmer artgerecht für sie hergerichtet und eine Schlafstelle mit Stroh ausgelegt hatte. Das Zimmer war geräumig, was umso erstaunlicher war, da gemäß den EU-Rechtsvorschriften selbst im ökologischen Landbau eine Stallfläche von nur 1,5 Quadratmetern je Ziege das vorgeschriebene Minimum war. Den Wellness-Bereich durfte die Geiß aus Rücksicht auf andere Gäste nicht betreten, aber sie hatte eine große Badewanne für sich alleine. Sie würde sich ein paar Tage ausspannen. Und sie spürte, dass es sehr erholsam sein würde, einmal nicht für die Kinder sorgen zu müssen.

Bevor sie sich schlafen legte, kontrollierte sie noch kurz Tür und Fenster. Die Zimmertür war von außen verriegelt, aber die großen Fenster ließen sich öffnen. Als sie jung war und noch keine Kinder hatte, hatte sich die Geiß nach dem Mond gesehnt. In sternklaren Nächten war sie schlafend durchs Haus gelaufen und hatte die Fenster geöffnet.

Die alte Geißlein spürte ihr liebendes Herz schlagen, aber sie behielt einen klaren Kopf. Anders als der Wolf würden die Menschen ihre Gier zügeln können. Sie zogen die Ziegenmilch dem Ziegenfleisch vor und gehorchten nicht nur der schieren Gier, sondern Verordnungen, Richtlinien und Gesetzen. Die Menschen hatten ihr als erster Ziege überhaupt das Bundesverdienstkreuz verliehen, also würden sie ihr und den sieben Geißlein gegenüber gewisse Spielregeln einhalte müssen.

Am nächsten Morgen, während sie so tief schlief wie schon lange nicht mehr, war im Waldhaus bereits der Bär los bzw. die Ziege. Die sieben Geißlein hatten sich aus Tisch, Stühlen und Kochtöpfen einen Kletterhügel gebaut. „Kinder!“, schrie jemand vor der Tür, „könnt ihr mal leise sein?“ Die Geißlein erschraken, und es wurde so still, dass sie durch die geöffneten Fenster hindurch die Krähen krächzen hörten, die über das Haus hinweg flogen. Jemand klopfte energisch an die Tür. Als das älteste Geißlein aufmachte, traten zwei Menschen-Frauen ein, die eine dunkelhaarig, die andere blond.

„Ihr seht ja gar nicht böse aus“, sagte das jüngste Geißlein.

„Wir sind ja auch lieb“, sagte die eine der Frauen. „Und wir bieten euch unsere Hilfe an.“

„Wir kommen vom Jugendamt“, sagte die andere. „Ihr habt weder Hausnummer noch Klingel noch Strom noch fließend Wasser noch Telefon. Kopf hoch, das kriegen wir schon hin.“

Die Blonde lächelte: „Die Mama muss sich noch eine Weile ausruhen. Sie war ja völlig überfordert. Aber sagt, wer passt auf euch auf, wenn die Mama nicht da ist, wer sagt euch Bescheid, wenn ihr schlafen gehen sollt?“

„Wir sind doch nicht doof.“

Die Blonde lächelte noch breiter: „Ja, aber bis dahin muss jemand das Sorgerecht übernehmen. Aber sagt, wo ist der Papa?“

„Der baut leider immer wieder Bockmist“, sagte das älteste Geißlein.

„Also hat eure Mutter das alleinige Sorgerecht.“

„Sowas hat die Mama nicht.“

„Das werden die Experten klären“, sagte die Blonde und holte ein Blatt Papier aus der Tasche. „Könnt ihr bitte dieses Formular unterschreiben? Hiermit erklärt ihr, dass ihr Hilfe braucht. Klauenabdruck reicht.“ Durchs Fenster hindurch hörten die sieben Geißlein das Krächzen der Krähen, die über das Haus hinweg flogen.

„Das tun wir nicht“, sagte das älteste Geißlein. „Wir sagen NEIN.“ Und alle Geißlein fielen ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die Frauen gegangen waren, waren die Geißlein wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Wenige Tage später hörten die Geißlein, während sie frühstückten und sich dabei mit Brombeeren bewarfen, durch die geöffneten Fenster hindurch wieder die Krähen krächzen, die über das Haus hinweg flogen. Das jüngste Geißlein öffnete die Tür, aber da war niemand.

„Wir sollten jetzt lieber aufräumen“, sagte das älteste junge Geißlein. Und das taten sie auch.

Als die Krähen eine Stunde später noch einmal krächzend über das Haus flogen, standen zwei Menschen vor der Tür. Die Geißlein ließen die Menschen ins Haus, einen Mann und eine Frau. Sie waren weiß gekleidet, trugen lange Hosen und geknöpfte Jacken: „Guten Tag, liebe Kinder.“

„Guten Tag auch“, sagten die Geißlein, „aber warum habt ihr weiße Kleider an?“

„Aus Gründen der Hygiene“, war die Antwort. Die Frau rümpfte schnuppernd die Nase.

„Ich weiß, warum ihr weiße Sachen anhabt“, sagte das jüngste Geißlein und lachte. „Damit man fiese Flecken besser sehen kann.“

„Welche fiesen Flecken?“, fragte die Frau. „Was unterstellst du uns da?“

Jetzt lachten alle sieben: „Aber ihr habt da was.“

„Was?!“ schrie der Mann.

„Krähenschiet“, sagte ein Geißlein. „Nehmt das nicht persönlich, ist uns auch schon passiert.“

„Lecker roter Brombeerschiet“, lachte das jüngste Geißlein. „Amsel-Kaka.“

„Iiieh!“, schrie die Frau und suchte sich und den Kollegen nach Flecken ab. „Da ist nichts. Wollt ihr uns an der Nase herumführen?“

Jetzt lachten alle sieben Geißlein und sangen: „Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Amsel-Kaka, Krähenschiet, Vogelschiet, igittigitt, Kirschenschiet, Walderdbeerschiet, Brombeerschiet, igittigitt, Kirschenschiet…“

„Pst“, unterbrach die Frau. „Schafft ihr es, kurz ruhig zu sein? Wir möchten euch etwas mitteilen.“

„Meinetwegen“, sagte das älteste. „Aber mach’s kurz.“

„Liebe Kinder, hört uns zu. Wir brauchen von euch eine Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung. Die Milch eurer großartigen, klugen und couragierten Mutter dürfte eine besondere sein. Wir wollen sie erforschen und entschlüsseln.“

„Mamas Milch gehört mir“, sagte das jüngste Geißlein. „Ihr kriegt keine Verzitzicherung.“

„Verzichtserklärung“, sagte die Frau. „Du weißt ja nicht einmal, wovon du redest, mein Kind. Du denkst nur an dich. Dabei müssen wir doch zusammenhalten.“ Die Frau schob die Unterlippe vor. „In den Laboren ist schon alles vorbereitet, die Forschungsprojekte sind finanziert. Wir haben namhafte Sponsoren gewinnen können. Jetzt fehlt nur noch…“ Sie schaute ihren Kollegen aufmunternd an.

„Die Ziegenmuttermilch-Verzichtserklärung“, ergänzte der Mann. „Seht ihr, was ihr da angerichtet habt? Liebe Kinder, wir müssen doch kooperieren. Mit Hilfe der wunderbaren Milch eurer wunderbaren Mutter werden wir den Welthunger besiegen können. Wollt ihr das nicht?“ Jetzt schrie er: „Ihr wollt wohl nicht teilen. Wollt ihr alles für euch behalten, wollt ihr für den Hunger von Millionen Menschen-Kindern verantwortlich sein?“

„Das wollen wir nicht“, sagt das älteste junge Geißlein. „Aber das sind wir auch nicht. Was Sie sagen, ist leider wissenschaftlich nicht haltbar. Wir sagen NEIN. Wieder fielen alle Geißlein ein: „Das hätten wir gerne amtlich. Schicken Sie uns einen Brief: Zu Klauen sieben Geißlein. Mit Datum, Stempel, Unterschrift. Denn alles muss seine Ordnung haben. Mäh, mäh.“

Als die beiden Menschen gegangen waren, waren die Geißlein wieder wie erlöst. Sie riefen: „Die Menschen sind weg! Die Menschen sind weg!“ Sie liefen aus dem Haus, rannten auf die Wiese und tanzten vor Freude um den Brunnen herum.

Am Sonntag war die Luft rein. Die Geißlein hatten lange geschlafen, denn am Wochenende würden die Mitarbeiter der Ämter kaum vorbeikommen. Sie sehnten sich nach ihrer Mutter, die so lustig sein konnte, lecker kochte und jetzt schon eine Woche weg war. Jemand klopfte an die Tür, die nur angelehnt war. Die Amsel mit dem goldenen Schnabel sang der Singvögel Hochzeitslied, so schön. Eine dunkle Pfote wurde sichtbar. „Darf ich reinkommen? Mein Name ist Metis. Ich bin eine Wölfin.“

„Kannst reinkommen“, sagte das jüngste Geißlein und schluckte, denn die Wölfin, die sich ins Haus schleppte, war groß, ihr Fell dunkel.

„Ich habe Durst“, sagte die Wölfin mit heiserer Stimme. „Habt ihr Wasser für mich? Alle Bäche sind ausgetrocknet.“

Die Geißlein füllten einen großen Topf mit Brunnenwasser. Die Menschen tranken Leitungswasser und gossen nur noch ihre Pflanzen damit, aber für Ziegen und Wölfe war das Brunnenwasser durchaus bekömmlich. Die Wölfin trank den Topf leer und sagte höflich: „Danke.“

„Warum hast du so große Zähne?“, fragte ein Geißlein.

„Damit ich besser beißen kann. Kein Bange. Ich habe euch zum Fressen gerne, aber ich fresse euch nicht.“ Die Wölfin lächelte und zeigte ihre großen Zähne. „Außerdem bin ich satt. Ich habe vorhin ein verletztes Kaninchen… Tut mir leid.“

„Das muss dir nicht leid tun“, sagte ein Geißlein. „Die Vögel füttern ihre Jungen mit Würmern, weil die Würmer lecker weich sind. Vögel haben leider keine Milch. Außerdem kann ja nicht jedes Tier so vernünftig sein wie wir Ziegen.“

„Der Wolf, der euch verschlungen hat, war kein gewöhnlicher Wolf“, sagte die Wölfin. „Die Menschen müssen ihn abgerichtet und einen Selbstmordattentäter aus ihm gemacht haben. Ein gewöhnlicher Wolf würde niemals sieben Geißlein auf einmal verschlingen. Er würde sich ein einzelnes Geißlein vornehmen und es zwischen den Zähnen…“

„Bist du wohl ruhig!“, schrieen die Geißlein und hielten sich die Ohren zu.

„Ich wollte euch nicht zu nahe treten“, sagte die Wölfin. „Aber ich glaube, ihr habt einen verdammt guten Schutzengel. Sonst hättet ihr die Gier des Wolfes wohl kaum überlebt.“

„Hä?“ Das jüngste Geißlein lachte: „Bei dir piept’s wohl.“

„Ich weiß, dass euch himmlische Energien geholfen haben“, sagte die Wölfin.

Jetzt kugelten sich die Geißlein vor Lachen, sechs von den sieben rannten aus dem Haus und auf die Wiese. Endlich spielen! Das Wetter war schön und diese Wölfin wirklich ein bisschen bescheuert. Aber so waren die Erwachsenen eben.

„Was ist los mit den Menschen?“, fragte das älteste Geißlein, das bei der Wölfin geblieben war.

„Die Menschen-Männer sind nicht satt zu kriegen“, sagte die Wölfin. „Das macht sie gefährlich. Sie sehen den Reichtum der Welt vor lauter Geld nicht, sie sehen die Schönheit der Welt nicht vor lauter Zerstörung. Doch weil sie ihre Männer trotz alledem lieben, ziehen die Frauen mit in den Krieg gegen die Wölfe, die keine Wölfe sind. Sie sollen vergessen, dass sie Frauen sind. Dabei verraten sie ein Gefühl, das alle Frauen haben, ob sie Mutter sind oder nicht: Die Mutterliebe.“

„Darüber muss ich noch nachdenken“, sagte das Geißlein.

Die Wölfin zeigte lächelnd die Zähne. „Aber jetzt hol deine Geschwister. Wir wollen doch die Mama aus der Geißenhaft befreien.“

Das älteste Geißlein lief nach draußen und holte seine Geschwister. Die sieben Geißlein setzten sich zu Metis, hielten sich an den Hufen und schlossen die Augen…



Wenig später war zu lesen, dass die Geiß, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, aus dem Wellness-Hotel verschwunden sei, spurlos. Die Verantwortlichen machten sich große Sorgen, denn die Fenster waren weit geöffnet gewesen. Vermutlich war die Geiß aus dem Fenster gefallen, woraufhin ein streunender Aasfresser, vermutlich ein Wolf, ihr Fleisch in sein Versteck geschleift hatte.

Verschwörungstheoretikern fiel auf, dass unter dem Fenster keine Spuren zu finden waren. Sie sprachen von einem fliegenden Teppich, auf dem die Geiß geflohen sein könnte. Viele verrückte Ideen wurden geäußert. Und das fliegende Rettungsboot aus lauter Vögeln, aus Krähen und Amseln, das ein alter Mann gesehen haben wollte, aber nicht fotografiert hatte, gab es nur im Märchen.

Noch etwas war nicht mehr zu finden: Das Waldhaus. Die Navigationssysteme zeigten Standort und Weg an, aber ein Polizeiwagen war im Morast steckengeblieben, was angesichts der anhaltenden Trockenheit erstaunlich war. Ausgeschickte Drohnen verschwanden spurlos.

Man hatte die Geiß und die sieben Geißlein nie wieder gesehen. In der Nähe des Brunnens jedoch entdeckte man immer wieder frische Ziegenhuf-Spuren.

***

Eine fragwürdige Werbeidee setzten Anfang 2022 Impffreunde aus Niedersachsen um. Die Aktion wurde von den Medien durchweg positiv aufgenommen. Kritische Stellungnahmen habe ich nicht gefunden. So heißt es z.B. auf aerztezeitung.de: „Noch immer ist etwa jeder fünfte Impfberechtigte in Deutschland noch nicht gegen COVID-19 geimpft. Hunderte Schafe und Ziegen haben jetzt ein Zeichen gesetzt.

Nun haben hier nicht Schafe und Ziegen ein Zeichen gesetzt, sondern Menschen, die die „sympathischen“ Tiere für ihre (Werbe-) Zwecke benutzt und dabei -wie ich finde- verhöhnt und lächerlich gemacht haben. Die dpa-Nachricht zur PR-Aktion am 3.1.2022 wurde von zahlreichen Medien komplett übernommen: „Mit rund 700 Schafen und Ziegen haben Schäfer im niedersächsischen Schneverdingen eine rund 100 Meter große Spritze dargestellt, um für Corona-Impfungen zu werben. „Ich habe überlegt, welchen Beitrag ich zur Bekämpfung der Pandemie leisten kann“, sagte der Organisator der Aktion im Heidekreis, Hanspeter Etzold. Das Ganze sei Werbung für die Impfung gegen das Coronavirus und richte sich an die noch Unentschlossenen. „Schafe sind so sympathische Tiere, vielleicht können sie die Botschaft so besser überbringen“, so Etzold. Schäferin Wiebke Schmidt-Kochan hatte die Aktion vorbereitet und mit ihren Tieren mehrere Tage dafür geübt. Besonders schwer sei die Aktion für sie und die Tiere allerdings nicht gewesen. Der Trick dabei: Sie verteilte vorher Brotstücke in Form der Spritze auf dem Boden. Als die Tiere dann auf die Wiese gelassen wurden, stürzten sie sich sofort auf das Fressen und standen somit perfekt für das Motiv.https://www.welt.de/vermischtes/article236005760/Corona-Impfungen-700-Schafe-und-Ziegen-werben-als-riesige-Spritze.html

Offenbar gilt auch für Schafe und Ziegen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Am 3.1.2022 sind 700 ausgehungerte Schafe und Ziegen dem Corona-Impfaktivismus auf den Leim gegangen. Wie leicht man Tiere in die Falle locken kann, wussten die Vogelfänger: https://www.geo.de/geolino/redewendungen/8566-rtkl-redewendung-auf-den-leim-gehen  Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von welt.de  
Quelle: dpa/Philipp Schulze

Der klebrig-fiesen Fliegenfalle ähnelt diese Ziegenfalle.                                                                      Drohnen-Aufnahme, abfotografiert von welt.de  
Quelle: dpa/Philipp Schulze  

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