„Der Populismus fährt Fahrrad“- Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Freu Keuner.

„Tach auch“, sach ich. Wir sind an der KiTa Lummerland verabredet. Die Frau Keuner hat mich angerufen und darum gebeten, in der Nähe der KiTa ein paar Fotos von ihr zu machen, und mein Fahrrad soll ich mitbringen. Jetzt steht sie da, hält die Griffe des Rollators umklammert und mustert mich grinsend.

„Fotos von mir?“, sagt die Frau Keuner. „Dat dachtest du dir so. Ich seh mit Ende 60 zwar immer noch besser aus als du mit knapp Mitte, aber dat muss ja nich sein.“

„Aber, aber“, stammele ich. „Sie haben mich doch darum gebeten. Das war Ihre Idee. Ich meine, ich sollte Sie doch fotografieren.“

„Du lässt dir aber auch alles erzählen“, sagt die Frau Keuner und lacht breit. „Und du dachtest wohl, ich sollte mich auf dein Fahrrad setzen. Wie soll dat wohl gehen mit meiner kaputten Hüfte? Außerdem hab ich nicht die Top-Figur, die der Joe Biden immer noch hat. Der hat ja im Juni an seinem 45. Hochzeitstag mit der Jill zusammen eine Radtour gemacht, bei sich zu Hause in Delaware. Dabei trug er diese kurze Hose, die er seit 40 Jahren im Schrank hat. Ich sach dir, vielleicht ist der im Kopf nicht mehr klar, wenn er das jemals war. Ich meine, der Mann ist ja schwer traumatisiert. Joe Biden macht eine furchtbare Kriegs- und Coronapolitik, aber körperlich gibt er immer noch eine Top-Figur ab. Sogar in der ollen Buxe.“

Die Frau Keuner holt eine Wasserflasche aus dem Netz. „Ich krieg die volle Pulle nicht auf. Hast du noch Kraft in der Hand?“

Sie hat einen verdammt wunden Punkt erwischt, aber ich schnapp mir die Flasche. Zum Glück lässt sich der Drehverschluss leicht öffnen.

„Danke“, sagt die Frau Keuner. „Hast du gut gemacht, aber die Pulle war eh schon auf.“

Sie lacht, beruhigt sich langsam und nimmt einen Schluck Wasser. „Zurück zu Joe Biden. Wat ja an den Männern definitiv schöner ist als an den Frauen, dat sind die Beine. Keine Cellulitis. Und der Biden hat noch richtig schöne Beine. Dat wüsste ich nicht, wenn er auf seiner Radtour nicht mit dem Fahrrad umgekippt wäre. Die Bilder gingen ja um die Welt. Ich hab mir dat bei Youtube angeguckt. Also: Die Radfahrergruppe kommt ins Bild, sie fährt auf eine Weggabelung zu, an der die Kameras schon bereit stehen. Jill und die meisten Begleiter biegen ab, aber Joe fährt geradeaus weiter, weil am Straßenrand die Presseleute auf ihn warten. Joe trägt zu seiner Sicherheit einen Helm, doch der Sicherheitsmann, der hinter ihm fährt, trägt zu Joe’s Sicherheit keinen, weil so ein Helm beim Personenschutz hinderlich ist. Kannst du mir noch folgen?“ Ich nicke nur.

„Also“, fährt die Frau Keuner fort. „Joe kommt bei den Journalisten an, bremst und setzt den linken Fuß auf den Boden. Er steht, und jetzt erst kippt er um, denn er kriegt den rechten Fuß nicht aus der Pedal-Schlaufe. Joe verliert das Gleichgewicht. So was passiert, ältere Menschen kippen schnell um, geht mir auch so. Und der Biden muss das Gefühl gehabt haben, dass er bei den Journalisten in Sicherheit ist, dass er sich fallen lassen kann. Doch da hat er sich verschätzt. Denn jetzt kommt der eigentliche Skandal… Niemand fängt Joe auf, die stehen da doof rum. Im Drehbuch steht ja auch nix von Umkippen, war so nicht geplant. Aber anstatt Joe festzuhalten, halten die Journalisten ihre Kameras fest, um zu filmen, wie der umkippt, weil niemand ihn festhält. Früher waren die berühmten Leute schlauer, da haben die sich vor den Paparazzi in Sicherheit gebracht und sind nicht noch auf die zu.“

Die Frau Keuner trinkt noch einen Schluck Wasser und packt dann die Flasche weg. „Der Joe ist schneller wieder auf die Beine gekommen, als ich gucken konnte. Und du, Lisa, du bist 16 Jahre jünger als Joe, aber du siehst auf dem Rad lange nicht so gut aus. Du kannst ja nicht einmal mehr einhändig fahren. Ich hab dich letztens beobachtet, wie du mit der linken Hand dat alte Nokia-Teil ans Ohr gehalten hast und fast einen Pfosten touchiert hättest.“

Ich guck die Frau Keuner fragend an. „Wo soll das gewesen sein?“

„Wagenhallenstraße Richtung Wartburgplatz. Das kann teuer werden, auch in der Füßgängerzone. Du kannst so was von froh sein, dass du nicht prominent bist. Wenn man prominent ist, sitzt immer eine von diesen Medien-Petzen im Gebüsch und wartet darauf, dass man einen Fehler macht. Hömma, Lisa, du warst ja nie besonders sportlich, aber dat war dermaßen ungelenk.“ Jetzt lacht sie dreckig.

Ich bin machtlos und in dieser Kleine-Schwester-Schockstarre. Ich kann mich nicht wehren, denn ich bewundere die Frau Keuner, wie ich kleines Mädchen meine große Schwester bewundert habe, so fies die auch manchmal war. Meine große Schwester hat es immer wieder geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Sie konnte schon lesen, als ich noch nicht einmal in der Lage war, die Bilderbücher richtigrum aufzuklappen. Meine große Schwester, das war so eine, die schon bis über tausend zählen konnte, während ich drei Finger abspreizen musste, um zu zeigen, dass ich drei Jahre alt war.

„Hömma, Lisa“, sagt die Frau Keuner, „jetzt stellst du dein Fahrrad an genau die Stelle, die ich dir sach. Wir machen ein paar Fotos, und diese Fotos stellst du als Dia-Show in deinen Blog. Dein letzter Blog-Beitrag über das Zuführungsgleis war ja nicht übel, aber da fehlt was.“

„Wieso?“, frage ich leise. „Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht?“

„Du hast den Jochen Ott vergessen, unseren SPD-Landtagsabgeordneten. Der is ja unser Nachbar, zwar nich in der autofreien Siedlung, aber in der daneben, auch direkt anner S-Bahn. Angeblich befürwortet der Ott das Zuführungsgleis, zumindest wehrt er sich nicht dagegen. Man kann aber das Gleis nur befürworten, wenn man selber einigermaßen lärmgeschützt wohnt, und das tut er, der hat nämlich sein schmuckes Reihenhäusken mitten in der bewohnten Lärmschutztrutzburg.“

„Lärmschutztrutzburg“?

„Jau“, sacht die Frau Keuner, „der bewohnte Lärmschutzriegel geht nämlich noch umme Ecke. Gib mal in die Suchmaschine „Am Ausbesserungswerk Köln“ ein. Da guckst du dann von oben drauf, und mit ein bisschen Phantasie erkennst du die Hintergedanken der Bauplaner. Die müssen schon vor dem Bau der Siedlung das Zuführungsgleis und die damit verbundene Lärmbelastung eingeplant haben. Falls das Gleis gebaut wird, bilden die Häuser „Am Ausbesserungswerk“ die bewohnte Mauer einer Lärmschutz-Trutzburg, und die Mieter, die in den Mauern der Trutzburg wohnen, sind menschliche Lärmschutzschilder.“

„Das kann man doch so nicht sagen!“

„Oh doch, die Mieter schützen die Reihenhaus-Besitzer, denn die Menschen, die „Am Ausbesserungswerk“ wohnen, kriegen den Lärm ab, aber wohnen Leuten wie dem Ott den Lärm fott. Sozial gerecht ist das nicht. Denn wenn das Zuführungsgleis gebaut wird, sitzt der Ott im Lärmschatten der bewohnten Mauer in seinem Reihenhausgarten und füttert den Hund. Und wie ich ihn kenne, füttert er seinen Hund aus Kostengründen mit den aufgetauten Resten von „Kochen mit Jochen“. Da guckst du. „Kochen mit Jochen“ war eine Werbeaktion im Landtags-Wahlkampf 2010. Da hat der Ott noch auf der Schäl Sick kandidiert und mit Kindern und Jugendlichen in Jugendeinrichtungen zusammen gekocht. Afrikanisch, italienisch, international, politisch absolut korrekt. „Kochen mit Jochen“ käme in Nippes nicht an. Aber der Mann ist schon lustig, der is dat, wat man früher „berufsjugendlich“ nannte. Seinen Wahlkampf-Podcast zum Thema Schule hatte er „Ottcast“ genannt. Is dat nich süß? Da fehlt nur noch der Jottifant.“

„Frau Keuner, ich komm jetzt nicht mehr mit.“

„Is ja nix Neues“, lacht die Frau Keuner. „Du bist eben ein bisschen langsam im Kopp. Aber nochmal zum Ott. Das ist wie beim Olaf Scholz. Nur weil seine Partei die SPD ist, meinen die Leute, er hätte eine gewisse Ähnlichkeit mit Johannes Rau oder Willy Brandt. Mädchen, die hat er nicht. Der Ott ist ein ehemaliger Oberstudienrat, und ich sach dir, dat bleibt. Der Ott ist ein Berufspolitiker, der sich einen Top-Job mit Super-Rentenerwartung geangelt hat. Guck dir mal die Internetseite an. Was macht für Jochen Ott Wohnen aus? Dass es „bezahlbar“ ist. Hört sich gut an. Doch abgesehen davon, dass die Nippeser Mieten extrem gestiegen sind: Was hat man von bezahlbarem Wohnraum, wenn im Schrank die Teller wackeln, weil die S-Bahn vorbeifährt? Und zwar jetzt schon. Was hat man von einer Wohnung im beliebten Veedel, wenn jetzt schon ständig die Fenster geputzt werden müssen? Flugrost, Feinstaub, Ruß. Wenn Wahlkampf ist, wird der Ott aktiv, da zeigt er sich, da geht er strahlend über den Nippeser Markt. Und jetzt? Grimmig. Total verschlossen. Wenn kein Wahlkampf is, hört man nix mehr von ihm. Und jetzt stell dein Fahrrad genau da hin, wo der Ott seins für das Wahlplakat platziert hat.“ Die Frau Keuner zeigt mir die Stelle.

„Erinnerst du dich an das Wahlplakat, davon hast du mir doch das Foto geschickt. In unserer Siedlung gibt es ja keine Werbeflächen, aber vor der Landtags-Wahl hingen hier überall Werbeplakate. Nur so kleine für Radfahrer und Fußgänger, aber trotzdem ärgerlich, weil die Sprüche von Wahl zu Wahl dümmer werden. Wat stand unterm Ott? „MOTIVIEREN. MITNEHMEN. EINFACH MACHEN.“ Wat soll dat, wer soll wozu motiviert werden, wohin mitgenommen, und wat soll einfach gemacht werden? Und dann noch dreimal dieser Kraft-Buchstabe „M“, der die Kölschen immer an die Spitzen vom Dom erinnert. Mann, Macht, Muskeln… Das darf doch alles nicht wahr sein…“

„Ist Ihnen nicht gut?“ frage ich leise, denn die Frau Keuner ist mit einemmal ganz blass geworden.

„Schon gut“, sagt die Frau Keuner, „aber ich kann die politischen Knallköppe manchmal nicht mehr ertragen. Die tun so, als wäre alles wie immer. “ Sie atmet tief, macht eine kleine Trinkpause und redet gottseidank weiter. „Hömma, ich hab mir überlegt, wo in Köln das Foto mit dem Ott aufgenommen ist. Ich dachte, in einer weitläufigen Parklandschaft, vielleicht im Stadtwald. Dann hab ich genauer hingeguckt, und auf einmal kam mir alles bekannt vor. Hömma, dat spielt genau hier, wo wir stehen. Mit Blick auf die große Wiese zwischen den beiden Eisenbahnersiedlungen, zwischen der autofreien Siedlung und der Hohr-Siedlung, auf das grüne Zwischen-Stück, das sie nicht bebaut haben. Im Hintergrund sieht man die Bahntrasse. Der Ott präsentiert uns sein Fahrrad. So macht man sich bei den Leuten in der autofreien Siedlung beliebt. Der Populismus fährt Fahrrad. Aber den Wahlkreis hat dann doch der Arndt Klocke von den GRÜNEN geholt. Der Ott kommt hier im Viertel nicht besonders gut an.“

Jetzt singt die Frau Keuner auch noch. „Ja so blau, blau, blau ist der Jochen Ott, ach wat is der flott, ach wat is der flott… Es gibt da einen alten Trick, der Fotograf hat sich hingekniet und den Ott von unten fotografiert, damit er so richtig groß und mächtig und kräftig ins Bild kütt. Stattlich ist er ja schon, aber eben so raumeinnehmend. Du kniest dich jetzt aber nicht hin, Lisa. Ich trau dir zwar durchaus zu, dass du wieder hoch kommst, aber mach die Fotos bitte im Stehen, denn man will ja noch wat vonner Landschaft sehen. Und wat fällt dir an dem Wahlplakat noch auf?“ Ich zucke die Achseln.

„Der Fotograf hat das Ausbesserungswerk abgeschnitten“, sagt die Frau Keuner. „Vielleicht wollte es der Ott so. Deshalb klebst du in deiner Diashow das Stück wieder dran. Mach mit deiner kleinen ollen Kamera einfach einen Schwenk, damit die Südseite vom Ausbesserungswerk draufkommt. Fotografier die Balkone, aber auch die Lüftungsöffnungen vonner Tiefgarage. Mach schon.“

Diese Diashow benötigt JavaScript.

„Gut so“, kommentiert die Frau Keuner die Fotos. „Aber da is noch wat. Auf seiner Internetseite schreibt der Ott, dass er 60-70 Stunden in der Woche arbeitet. Wie konnte es da passieren, dass er vor sieben Jahren einen richtig guten Vorstoß der NRW-Landesregierung verpasst hat? Da haben verschiedene Bundesländer ein Eckpunktepapier zum Thema Bahn-Lärm vereinbart. Und unser damaliger grüner NRW-Umweltminister Johannes Remmel hat die Bundesregierung aufgefordert, die Menschen besser vor Bahnlärm zu schützen und das in der Verkehrslärmschutzverordnung zu verankern. Der Bund hat leider nicht entsprechend reagiert, da is nix verankert, obwohl die Faktenlage eindeutig ist. Bahnlärm ist extrem gesundheitsgefährdend. Ich schick dir den Link. Is ganz einfach zu finden, denn die Pressemitteilung steht immer noch auf der offiziellen NRW-Internetseite.

https://www.land.nrw/pressemitteilung/minister-remmel-bahnlaerm-macht-die-menschen-krank

„Aber der Ott war doch vor sieben Jahren nicht nur Landtagsabgeordneter, sondern zusätzlich in der Kommunalpolitik aktiv“, sage ich. „Wann war denn das mit dem Eckpunktepapier?“

„Die Pressemitteilung der NRW-Landesregierung ist vom 9. Juni 2015“, weiß die Frau Keuner.

„Da war der Ott gerade im Kölner Oberbürgermeister-Wahlkampf“, sage ich. „Der ist doch gegen die Henriette Reker angetreten.“

Die Frau Keuner nickt. „Und weil die Wahl im Oktober war, hatte er weder Zeit noch Lust, nach Düsseldorf zu fahren. Aber jetzt müsste er endlich aktiv werden. So gewinnt man die Herzen der Nippeser. Nicht beim „Kochen mit Jochen“, nicht mit Spaghetti Bolognese, sondern indem man sich für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen einsetzt. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: MDL Jochen Ott (SPD) solidarisiert sich mit den Kölner Bürgerinnen und Bürgern gegen die menschenfeindlichen Pläne der DEUTSCHEN BAHN. Aber jetzt kann ich nicht mehr länger rumstehen.“

Die Frau Keuner macht ein paar Schritte und redet dann weiter. „Mach bitte noch ein letztes Foto Lisa. Stell dich auf den Weg vor der sonnenbeschienenen Südseite des Ausbesserungswerks und sieh zu, dass du ein paar von den 13 Bäumchen draufkriegst, die die Stadt Köln in diesem Jahr neu gepflanzt hat. Die Menschen, die auf der Südseite der Lärmschutztrutzburg wohnen, haben schöne große Balkone, wo sie die stolzen Halsbandsittiche füttern, die sich in den letzten Jahren prächtig vermehrt haben. Ich freu mich so sehr, dass den Papageienvögeln in den milden Wintern die Krallen nicht mehr abfrieren. Es ist mir ein Trost, wo es schon keinen Schnee mehr gibt. Und weil sich der Bahnlärm noch in Grenzen hält, können die Leute im Sommer auf den Balkonen sitzen und Spaß haben an den Fledermäusen, die genau da nisten, wo das Gleis hinkommen soll. So einen freien Blick hat der Ott nicht. Der hört zwar den Bahnlärm kaum, aber dafür guckt er nicht in die Weite. Wir müssen dafür sorgen, dass das Zuführungsgleis niemals gebaut wird. Schon wegen der Fledermäuse. Und weißt du, wat wir dann nämlich haben?“

„Weiß nich.“

„Bissken soziale Gerechtigkeit.“

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