Elfchen im Sechsten: WAT FOTT ES…

Szene einer kölschen Ehe: Am Valentinstag (der -nebenbei gesagt- im Jahr 2024 ausgerechnet mit dem Aschermittwoch zusammenfällt) hat SIE mit den roten Rosen, die ER ihr geschenkt hat, eine viel zu schmale Vase bestückt und auf den Boden gestellt. “Die kippt um”, sagt er.

“Tut sie nit”, sagt sie und lächelt. Er: “Liebchen, dat macht misch nervös.” Sie: “Misch nit.”

“Wenn isch dir sach, die kippt, dann kippt die”, sagt er. “Musste nur touchieren.” Er touchiert, nimmt einen Abfallsack, stopft Scherben und Blumen hinein und bringt die Abfälle zum Mülleimer, während sie das Wasser aufwischt.

“Dat ging ävver flott”, sagt sie, als er zurückkommt.

“Et kütt, wie et kütt”, sagt er. “Und wat fott es, es fott.”

Sie nimmt ihn in den Arm: “Wat können die Blömscher doför?”

“Isch mochte die nit”, flüstert er.

“Isch doch auch nit.”

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“Et kütt, wie et kütt” und “Wat fott es, es fott” sind zwei von insgesamt elf mundartlichen rheinischen Redensarten, die der Bonner Kabarettist Konrad Beikircher, ein cleverer Mann und gebürtiger Südtiroler, zusammengestellt und “Rheinisches” bzw. “Kölsches Grundgesetz” genannt hat. Das entsprechende Buch (“Et kütt wie et kütt – Das Rheinische Grundgesetz“) wurde im Jahr 2001 im Kölner Verlag Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht.

Zum “Kölschen Grundgesetz”, mit dem mittlerweile zahlreiche Merchandise-Artikel bedruckt sind, heißt es locker-flockig auf koeln.de, der digitalen Service und Werbe- “Plattform für Köln im Auftrag der Stadt Köln“:

Fünfe auch mal gerade sein lassen, leben und leben lassen – und dabei immer dem Motto treu bleiben: Man kennt sich, man hilft sich. In Kölle wird seit der Römerzeit kräftig geklüngelt, getanzt und gebützt. Welche 11 Regeln aber wirklich das Kölsche Grundgesetz ausmachen, zeigt euch unsere Auflistung.https://www.koeln.de/koeln/das-koelsche-grundgesetz-die-11-regeln-der-domstadt_1121331.html

Zwar bedient das “Kölsche Grundgesetz” Klischees, aber nach 46 Jahren Köln am Stück kann ich bestätigen, dass “der Kölner” wirklich so tickt, dass er die Redewendungen nicht nur ausspricht, sondern dass er sie lebt. Ich sage “der”, denn es ist ein ER. Er ist ein vom Aussterben bedrohter, “schon wat älterer” großer Junge, gesellig, in der Regel immer noch katholisch und Mitglied im Karnevalsverein. Er tanzt, er bützt und klüngelt, er trinkt Kölsch, solange man ihn lässt. Bei sich zu Hause ist er ein kleiner Patriarch bzw. Patri-Arsch, wie er sich selber augenzwinkernd nennt. Im Alltag dienen ihm die “Paragraphen” des “Kölschen Grundgesetzes” dazu, kleine Missetaten zu vertuschen und faule Ausreden zu finden. Und dennoch: Ich kann nicht anders, ich mag den Kölner – solange er mir nicht zu nahe kommt.

“Wat fott es, es fott”… Wie interpretiert die digitale Plattform koeln.de Paragraph 4 des “Kölschen Grundgesetzes”?

Wat fott es es fott: Jammere den Dingen nicht nach… Alles hat ein Ende – und die schönsten Dinge meist zu früh. Wir Kölner trösten uns allerdings schnell über Verluste hinweg und sind offen für Neues – denn wir wissen: Wo gestern ein Kultladen wie das Underground in Ehrenfeld dicht machte und verschwand, da gibt es heute schon einen Nachfolger wie das Helios 37.https://www.koeln.de/koeln/das-koelsche-grundgesetz-die-11-regeln-der-domstadt_paragraph-4_L1121331_1121323.html (Fettung von mir)

Betont lässig redet die Werbe-Plattform, die ja immerhin im Auftrag der Stadt Köln erstellt wird, das “Verschwinden” einer Kölner “Location” schön. Dabei ist das “Verschwinden” des “Underground” kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer fortschreitenden Kommerzialisierung und kommunalen Verödung, die nicht nur Kultläden betrifft, sondern alteingesessene Gaststätten, Reparaturwerkstätten und Geschäfte.

In Nippes machte Ende letzten Jahres der türkische Lebensmittelmarkt “Andaluo Pazari” in der Wilhelmstraße dicht “und verschwand”. Das ist schon deshalb bitter, weil “Andalou Pazari” -wie mir türkische Bekannte einmal erzählten- in den 1960er Jahren einer der ersten türkischen Lebensmittelmärkte in Köln war, wenn nicht der erste überhaupt. Dass das Geschäft schließen musste, hängt vermutlich damit zusammen, dass es in kaum 200 Metern Entfernung seit Anfang des Jahres “schon einen Nachfolger” gab, der größer und moderner ist und mit einer überdimensionierten Fleischtheke protzt, “Karadag”, Filiale einer expandierenden Kölner Supermarktkette.

Hier schreit es nach Abriss und mehrgeschossiger “Lückenbebauung”.

Herbst 2019:

Unten abgebildete Fotos, die den “Flora-Grill” so zeigen, wie er vor der “Pandemie” aussah, habe ich am frühen Morgen des 13.10.2019 aufgenommen. Eigentlich wollte ich damals nur den Deutschland-Dackel fotografieren. Vgl.: https://stellwerk60.com/2019/10/13/das-ist-sooo-deutsch-unser-heimatministerium-veranstaltet-eine-dooofe-teure-imagekampage/ Die Biertische sind übrigens nicht Teil einer Außengastronomie, sondern ein (frühmorgens noch nicht mit Wasser-Bechern bestückter) Erfrischungsstand für die Läufer des Köln-Marathons, der an dem Tag stattfand.

2023:

Unten abgebildete Fotos habe ich im Frühjahr 2023 aufgenommen. In das Ladenlokal im Eckhaus ist, nachdem der Secondhand-Händler “Humana” die Nippeser Filiale aufgegeben hat, der Supermarkt “Karadag” eingezogen. Zum Jahreswechsel 22/23 hat dann “der gute alte Metzgerladen” Stock dichtgemacht, eine alteingesessene Nippeser Metzgerei, die insbesondere nicht mehr ganz zeitgemäße Schweinefleisch-Spezialitäten im Angebot hatte. Metzger Christoph Stock, der mehrmals für seine feine geräucherte Kölner Leberwust ausgezeichnet wurde, war im Karneval 2018 Bauer im Dreigestirn, ein teurer Spaß, aber die Top-Werbung für ein kölnisches Metzger-Geschäft.

Der FLORA GRILL wurde zwischenzeitlich noch renoviert, die Außenfassade modernisiert, aber die Mieten an der Neusser Straße sind so hoch, dass sich kleinere Läden kaum halten können. Dass aber ausgerechnet Lukas Poldoski, mit dem ich sympathisiere, am Nippeser Teilstück der Neusser Straße in nur zweihundert Metern Entfernung zur ersten eine zweite Filiale seiner immer weiter expandierenden, garantiert schweinefleischfreien “Mangal”-Dönerstuben-Kette aufgemacht hat, finde ich ärgerlich.

Junge Menschen heißen diese “Neuerungen” willkommen. Erst kürzlich hörte ich, wie eine junge Frau einer anderen zurief: “Ich geh mir jetzt beim Poldi n Döner holen. Kommste mit?”

Was aber ist mit den älteren und alten Menschen, für die Trennungen und Abschiede schwerer wiegen als für die Jungen und die sich kaum noch über Verluste -und sei es der Verlust der alteingesessenen Metzgerei oder Bäckerei- hinwegtrösten können und wollen?

Auf dem Weg zwischen S-Bahn Nippes und autofreier Siedlung begegne ich einem Fußgänger. Ich habe gerade drei ältere Menschen fotografiert, die mit dem Rücken zur S-Bahn am Picknicktisch sitzen. Sollte das DB-Zuführungsgleis gebaut werden, wird ein Großteil der Grünanlage verschwinden und niemand mehr dort sitzen.

“Kein schöner Platz”, sagt der Mann.

“Je älter ich werde, desto mehr schätze ich Picknicktische”, sage ich.

“Dat olle Ding muss weg”, sagt der Mann, der sich als ne fiese Möpp entpuppt. “Ich bin offen für Neues.”

Er kommt mir nahe und flüstert mir ins Ohr: “Das ist wirklich schade, doch…

Ov

et dut

es ov kapott:

Wat fott es, es

fott…”

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