Das Land, wo sich Kohlentrassen in Radwege verwandeln – offene Mail an die WAZ Oberhausen

Als Abonnentin der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich am 20. August das Oberhausen-Porträt „Wat willste?“gelesen. Dieser Text bedient leider alle Vorurteile und ist zudem gespickt mit den bunten Bildern einer austauschbaren, abgedroschenen Reise-in-die-Provinz-Fotografie.
Per Internet hab ich die muntere Leser-Diskussion verfolgt. Lachen musste ich über folgende Sätze im Facebook-Eintrag von Ferdinand Tegeler: „Der Autor lebt derzeit in Köln. Das erklärt vielleicht diese geistige Entgleisung.“ Da is wat dran. Es gibt tatsächlich ein Intelligenzgefälle. Menschen aus dem Ruhrgebiet sind allerdings nicht einfach nur klüger, sondern vor allem gewitzter: Den ruhrgebietseigenen Mutterwitz, gewürzt mit einer kleinen, aber feinen Prise Galgenhumor, findet man in Oberhausen, nicht aber in Köln vor.
Ich selber lebe seit 39 Jahren in Köln, ohne verblödet zu sein. Aber anders als SZ-Autor Bernd Dörries stamme ich eben nicht aus Stuttgart, sondern aus Bottrop. „Bottrop“ als Inbegriff von „Kohlenpott“ ist allerdings für den dünkelhaften Kölner noch eine Art Steigerungsform von „Oberhausen“. Das „cz“ in meinem Namen weist zudem auf schlesische Vorfahren hin, die Bergleute waren – keine Eintrittskarte in die Räume der Hochkultur. Wenn man etwa Theaterwissenschaften oder Kunstgeschichte studiert, ist ein polnischer Name -nebst Spuren von Bottropisch im mündlichen Ausdruck- noch immer ein Handicap. Aber ich hänge an meinem Namen -wie auch am Ruhrgebiet- und habe ihn auch nach der Heirat mit einem eschten kölschen Jung mit deutschem Namen nicht abgelegt und an meine beiden Töchter weitergegeben.
Doch eines muss -wenn auch verspätet- gesagt sein. Anders als in der WAZ behauptet ist es kein „Münchener Großstadtblick“, den Bernd Dörries auf Oberhausen wirft. Auch wenn er für die SZ schreibt, ist das Gesichtsfeld des „NRW-Korrespondenten“ beschränkt. Unter dem Beifall seiner Follower twittert Bernd Dörries am 23. August : „Ich bin heute der Aufmacher in der WAZ Oberhausen…“  Ich, Ich, Ich..
Aus eingeengter Ich-Perspektive sieht er nur das, was er sehen will. Es mangelt ihm an Phantasie und am offenen Ohr. Einem neugierigen, wachen Besucher erzählt das Ruhrgebiet seine oft wundersamen Geschichten, vielleicht auch die:
…Die Entdecker unter unseren Vorvätern und Vätern sind nicht über die Weltmeere gefahren, sondern haben Zeugnisse ferner Welten unter der Erde gefunden: Abdrücke, fossile, vorzeitliche Spuren. Manch ein Bergmann hätte die knochenharte, schweißtreibende Arbeit ohne die Hoffnung auf die Entdeckung von etwas Schönem kaum ausgehalten. Für dieses Finden und Entdecken steht im Ruhrgebiet vor allem sein Name: Arno Heinrich.
Arno Heinrich, Bergmann, archäologischer Autodidakt, Initiator und Leiter des 1961 gegründeten Bottroper Heimatmuseums (heute als „Museum für Ur- und Ortsgeschichte“ Teil des Museumszentrums „Quadrat“), hatte ein einzigartiges Gespür für verborgene Boden-Schätze verschiedener Epochen und war ein Meister darin, Fundstücke zu bergen, Verstreutes zusammen zu tragen und aufzubewahren. Bei Bau-Grabearbeiten im alten Emschertal fand er Tausende von eiszeitlichen Tierknochen. In Bottrop-Ebel, einem an Essen grenzenden Ortsteil, dessen Name an die Fruchtbarkeit der Emscherebene erinnert (Ebel= fruchtbares Wäldchen), entdeckte Arno Heinrich 1963 einen der größten Neanderthaler-Rasthöfe….
Zurück in die Gegenwart und zurück zu Bernd Dörries, der sich bei seinen Lesern anbiedert und in deren Köpfen falsche Bilder erzeugt. So kriegt man allerdings bayrische Schenkelklopfer auf seine Seite: „Was wohl in Hamburg oder München los wäre, wenn eine offene Kloake durch die Stadt fließen würde?“
Wem zur Renaturierung der Flüsse und Bäche nichts weiter einfällt als „das am besten laufende Kooperationsmodell des Ruhrgebiets“, der ist nie wirklich hier gewesen. Als ich letzte Woche an einem Bottroper Bächlein entlang lief, einem Nebenbach der Boye, die wiederum in die Emscher mündet, war ich für Momente fassungslos vor Freude. Die namenlose „Köttelbecke“ darf jetzt nicht nur endlich wieder Bach sein, sondern trägt auch wieder ihren alten Namen: „Vorthbach“. Wer kannte den schon?
Auch wenn das Projekt nie zu Ende sein wird, weil die Bodenabsenkungen ein ewiges Abpumpen notwendig machen, auch wenn die Umgestaltung Unsummen verschluckt: Die Renaturierung der Emscher und ihrer Nebenflüsse wird von unseren Nachkommen als eines der größten Wiedergutmachungsvorhaben bezeichnet werden, als ein historischer Versöhnungsversuch, denn hier gibt man nicht nur den Menschen den Fluss zurück, sondern der Natur ihren Raum.
Ich empfinde das Ruhrgebiet als Region mit einem Gestaltungsspielraum, den es in andernorts schon lange nicht mehr gibt. Ein „erschöpfter (und zugleich nervöser) Ort“ ist leider Köln. Wir erleben derzeit, dass diese Stadt gnadenlos zugebaut wird: Geld, Geld, Geld… Das Grün wird immer knapper. Selbst die denkmalgeschützten (und schlecht gepflegten) Grünanlagen des Inneren und Äußeren Grüngürtels sind von Bebauung bedroht.
Zurück ins Ruhrgebiet: Zwischen Oberhausen und Gladbeck erfüllt sich vielleicht demnächst (m)ein Kinder-Traum. Wir sind als Jugendliche gerne über die stillgelegte Flachglas-Trasse von Bottrop nach Oberhausen gelaufen, auch um das Geld für den Bus zu sparen. Es mögen 8 oder 10 Kilometer sein, das Steigen von Schwelle zu Schwelle war mühsam. Oft war es heiß und wir hatten kein Wasser dabei. Wenn du jetzt drei Wünsche frei hättest, hat mich meine Freundin damals gefragt, was würdest du dir wünschen?
Die Antwort war pragmatisch – wie im Märchen: Was zu trinken, einen schönen Radweg und ein Fahrrad.
Alaaf und Glückauf,
Lisa Wilczok
Mitglied der Bürgerinitiative „Grüne Lunge Köln“
Stadtschreiberin der Autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes

 

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