Demokratie…

Am vergangenen Dienstag gab es die zweite Auflage von „Nippes im Film“, eine Kooperationsveranstaltung des Stadtteilmagazins „Für Nippes“, dem Bürgerverein „Für Nippes“, dem Verein „Köln im Film“ und dem „Nippeser Radlager“. Einleitende Worte sprach Marion Kranen, Vorsitzende des Vereins „Köln im Film“: Die Neusser Straße in Nippes war, als es das Fernsehen noch nicht gab, eine Kino-Meile mit mehreren gut besuchten Lichtspielhäusern. Aber auch das Sechzig-Viertel hatte ein Kino.
Ich hätte das „Nippeser Radlager“ nie als ehemaliges Kino identifiziert. An dem Abend waren alle Fahrräder beiseite geräumt, so dass sich der Raum entpuppen konnte. Im Saal des „Union-Theaters“ fanden in der Nachkriegszeit 600 Zuschauer Platz. Marion Kranen nannte den Vergleich: Heute hat der größte Raum im „Cinedom“ 705 Plätze. Im Jahr 1944 war das „Union“ zerbombt worden. Nach dem Wiederaufbau 1952 existierte es dann noch bis 1961.
An dem Abend war „Die halbe Wahrheit-Ein Beispiel aus der Verwaltungssprache“ das filmische Highlight. Marion Kranen hat den Beitrag (Dauer: 28 Minuten) aus dem WDR-Archiv gefischt.
Der Inhalt: Reporter Heinrich Pachl macht sich im Jahr 1976 (zu Zeiten von Straßenerweiterungen, massenhaftem, oft wahllosem Abriss alter Häuser, Hausbesetzungen) mitten in Köln-Nippes mit Handkamera und Mikrofon auf die Suche nach Menschen, die in den Häusern wohnen, an deren Fassaden eine Tafel mit folgendem Wortlaut hängt: „Dieses Haus ist aus Gründen der Stadtplanung für den Abriss vorgesehen. Der Oberstadtdirektor.“ Es gibt Szenen in dem Film, die in einem Treppenhaus, einer Küche und einem Wohnzimmer gedreht sind: Unglaublich! Man fühlt sich an „Ein Herz und eine Seele“ erinnert, nur ist das Ganze nicht gespielt, sondern die vom Abriss ihres Hauses bedrohten alteingesessenen Kölner kommen persönlich zu Wort. Und wie! Die Betroffenen sind nicht nur kämpferisch und klug, sondern haben oft einen schönen Galgenhumor. Manchmal war Pachl noch besser als Polt!
Eine solche Erzählweise -wir kennen sie auch aus den Filmen von Alexander Kluge („In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, 1974)- vertraut darauf, dass die Menschen etwas mitzuteilen haben. Aufgepasst: Wer „Die halbe Wahrheit“ anguckt, sollte schon ein bisschen Kölsch verstehen können.
Heutzutage trifft man leider nur noch selten auf diese wunderbar demokratische Erzählform, eine Ausnahme macht da der Radiosender WDR 5 mit der Reihe „Erlebte Geschichten“ (immer sonntags von 18.05h bis 18.30h). Im Begleittext des WDR heißt es: „Erlebte Geschichten – das sind gut 20 Minuten lang die persönlichen Schilderungen von Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind und detailgetreu, dicht und anekdotenreich wichtige Abschnitte ihres Lebens erzählen. Nichts ist so lebendig wie die gesprochene Sprache und auch nichts so authentisch.“
Die 20 Minuten sind immer ein Zusammenschnitt verschiedener Ton-Aufnahmen. Den Interviewer hört man nie, er/sie muss die Gabe haben, dem Gegenüber genau zuzuhören, den roten Faden zu entwickeln, das Gehörte auf den Punkt zu bringen und so zusammen zu stellen, dass es „wie aus einem Guss“ rüberkommt. Eine Autorin mit dieser bemerkenswerten Gabe („Das offene Ohr“) ist die Journalistin Marianne Bäumler. Sie hat u.a. den Grünen-Politiker Tom Koenigs porträtiert, die Schriftstellerin Irina Liebmann und die Autoren-Filmerin Helma Sanders-Brahms.
Zum guten Schluss kommt Marianne Bäumler zu Wort:
„DEMOKRATIE – die bunte Freiheit, mit gleichen, klar geordneten Spiel-Regeln für Alle!“

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