Greta Thunberg, Wahrsagerin

Als ich vor gut einer Woche an einem Kiosk vorbeikam, fiel mein Blick auf das Titelblatt der Wochenzeitung Die Zeit. Das Bild, das den Großteil der Halbseite einnimmt, erregt meine Aufmerksamkeit: Vor einem himmelblauen Hintergrund zeigt es ein Lamm mit rosa Nase und einem Körper aus Blumenkohl. Ganz hübsch, so denke ich, allerdings ein bisschen plump. „Der Mythos vom Verzicht“ – so lautet der Titel des Leitartikels. Geht es hier wieder einmal um Greta Thunberg, die man gerne als eine verbitterte Aktivistin darstellt, die den Leuten was wegnehmen will, d.h. ihnen die Flugreisen verbieten oder den Strom abdrehen? Mein Blick wird auf die rechte Seite gelenkt, und tatsächlich ist Greta Thunberg auch in dieser Ausgabe Thema: „Aufstand der jungen Frauen – Megan Rapinoe, Greta Thunberg und viele andere greifen die Mächtigen der Welt an.“

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Als ich im Siedlungskiosk fünf Tage nach Erscheinungsdatum fragte, ob die aktuelle Zeit mit dem auffälligen Cover „Blumenkohlkörper mit Schafskopf“ noch da sei, erntete ich nur Kopfschütteln: „Ausverkauft“. Und niemand konnte sich an einen „Blumenkohlkörper mit Schafskopf“ erinnern. Der pfiffige Verkäufer stellte mir die schlagfertige Gegenfrage: „Meinten Sie vielleicht die Zeit-Ausgabe „Rotkohlkörper mit Schweinskopf“?“

Ein merkwürdiger Vergleich, denn Megan Rapinoe hat mit Greta Thunberg nicht viel zu tun. Megan Rapinoe ist zwar noch jung, aber mit 34 immerhin gut doppelt so alt wie Greta Thunberg. Sie ist der Star der US-Frauenfussballmannschaft, die im Juli Weltmeisterin wurde. Megan Rapinoe greift nicht die „Mächtigen der Welt“ an, sondern mit Vorliebe den einen, den Mächtigsten: Donald Trump. Seine Einladung ins Weiße Haus hat sie ausgeschlagen. Ähnlich medienwirksam konterte Trump. „Sie sollte nicht respektlos gegenüber unserem Land, dem Weißen Haus oder unserer Flagge sein“, twitterte er im Juni. „Zumal so viel für sie und ihre Mannschaft getan worden ist.“ Rapinoe solle „erst mal GEWINNEN, dann REDEN“. Nach dem Sieg hat er ihr herzlich gratuliert. Megan Rapinoe ist für Trump nicht gefährlich. Im Gegenteil: Rapinoe makes America great, zumindest in Frauenfußball.

Rapinoe betreibt den Körperkult der modernen Fitness-Kultur. Sie ist das, was man „austrainiert“ nennt. Spitzensportlerinnen wie Rapinoe haben anders als „normale“ Frauen einen äußerst niedrigen „Körperfettanteil“. Das heißt, sie haben so zielstrebig trainiert, dass sie ähnlich muskulös sind wie Männer. Schon mehrfach hat sich Rapinoe gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin nackt ablichten lassen, manchmal in heroischer, traditionell männlicher Pose: http://www.espn.com/espnw/video/23816827/megan-rapinoe-sue-bird-first-gay-couple-body-issue. Beim Betrachten der Bilder muss ich an das Körperideal der Nationalsozialisten denken, was mich leicht frieren lässt. Und dennoch gönne ich Rapinoe den Titel, den sie anstrebt: Weltfußballerin des Jahres. Denn das war sie noch nicht.

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Greta Thunberg ist anders, sie würde sich niemals zur Schau stellen, schon gar nicht nackt, eingeölt und rasiert. Greta ist nicht fotogen, denn sie hat eigentlich gar kein Interesse daran, abgelichtet zu werden. Ich glaube auch nicht, dass sie ihren Körperfettanteil kennt.

Sogenannte Asperger-Autisten haben eine besondere Begabung: Sie können nicht lügen. Hartnäckige Lügner und sentimentale Schwätzer machen gerne einen Bogen um sie, denn Autisten sagen ihren Mitmenschen, ohne sie verletzen zu wollen, gerne die Wahrheit. Sie sind auf eine Weise ehrlich, die ihr Gegenüber aus der Fassung bringen kann.

Greta Thunberg ist außerordentlich intelligent, sie interessiert sich nicht nur für ihr unmittelbares Umfeld, sondern begreift die globalen Zusammenhänge. Sie erscheint uns gnadenlos, denn wieder und wieder hält sie den notorischen Lügnern, den Politikern, die uns trotz Klimakatastrophe und atomarem Wahnsinn eine heile Welt vorgaukeln, den Spiegel vor. Greta Thunberg ist keine begnadete Pianistin, sondern hat eine menschliche Begabung: eine Liebe zum Leben auf dieser Erde. Greta Thunberg greift nicht an. Sie ist wie eine Mutter, die ihr Kind retten will. Sie wittert die Bedrohung und weiß um die Gefahr, in der wir alle uns befinden.

Ich weiß, dass der Vergleich gewagt ist, und doch erinnert mich Greta Thunberg an Mutter Teresa. Sie ist ebenso unbeirrbar in dem, was sie tut. Mutter Teresa hat sich um die Kranken gekümmert, hat die „Aussätzigen“ in die Gemeinschaft zurückgeholt und die Schulmedizin ihrer Zeit kritisiert.  Die „Wunderheilung“ eines Brasilianers von mehreren Hirntumoren im Jahr 2008, für die sie von Papst Franziskus am 4. September 2016 heilig gesprochen wurde, ist wirklich passiert, aber es ist, so denke ich, kein Wunder geschehen, sondern ein Mensch hat sich selber geheilt – mit der Kraft der Liebe von und zu Mutter Teresa.

Greta Thunberg kümmert sich nicht um einzelne Kranke, sondern um uns alle. Wir sind Betäubte, Narkotisierte, denen man sagen muss, dass ihr Haus brennt, denen erst das Piepen der Rauchmelder sagt, dass sie ersticken. Greta Thunberg greift niemanden an, sondern erinnert uns daran, dass wir eigentlich etwas besseres tun könnten als lächeln und nicken: Unsere Welt retten.

Ein Gedanke zu „Greta Thunberg, Wahrsagerin

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