Das kalte Herz der bundesdeutschen Gesundheits-Politik

Seit vorletzter Woche ist es entschieden: Der „Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)“, das höchste Gremium im Gesundheitswesen Deutschlands, hat sich, beauftragt von Bundestag und Bundesrat, trotz „großer ethischer Bedenken“ (mir kommen die Tränen!) dafür ausgesprochen, vorgeburtliche Bluttests auf Trisomie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen.

Das heißt: Allen „Risikoschwangeren“ -und darunter fallen mittlerweile fast alle schwangeren Frauen bzw. können fallen- wird man voraussichtlich ab Ende 2020 im Rahmen der Schwangerenvorsorge eine weitere Blutuntersuchung anbieten. Das Blut, das man der Frau in der 12. Schwangerschaftswoche abnimmt, wird untersucht, um auszuschließen (wie es beschönigend gerne gesagt wird), dass die Leibesfrucht den heutzutage meistgefürchteten genetischen „Defekt“ hat: „Trisomie 21“. Rein formal muss das Bundesministerium für Gesundheit noch zustimmen, da es die Rechtsaufsicht hat. Außerdem muss noch geklärt werden, wie die Beratung der Schwangeren, die zur Auflage gemacht wird, gestaltet sein soll. Das bedeutet allerdings nur einen Aufschub. Eine weitere Hemmschwelle ist gefallen. Die Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland hat ihr JA zur pränatalen Selektion noch einmal eindeutig bekräftigt.

Die Finanzierung durch die Krankenkassen banalisiert einen körperlich harm- und schmerzlosen, aber ethisch und moralisch höchst bedenklichen Eingriff. Die Frauen, ohnehin im Vorsorge-Marathon, merken es kaum. Was alle mit sich machen lassen und Teil der obligatorischen Schwangeren-Vorsorge ist, kann ja nicht falsch sein. Wenn Zweifel nagen, kommt folgender Rat: „Fragen Sie Ihren Gynäkologen.“ Doch der oder die wird und darf nicht NEIN sagen, denn die Ärztinnen und Ärzte haben, selbst wenn sie die Maßnahme ablehnen, keine andere Wahl: Sie müssen alle schwangeren Frauen gemäß den „Mutterschafts-Richtlinien“ behandeln, und die wiederum bestimmt -na wer wohl- der oben genannte G-BA.

Meine Großkusine Christiane, Gynäkologin in Düsseldorf, hat sich zum 60. Geburtstag einen Jugendtraum erfüllt und eine Vespa gekauft: Noch mal neu durchstarten – auch als Frauenärztin und Geburtshelferin. Doch leider bremst ein verändertes gesellschaftliches Klima Christianes Elan. Die jungen Frauen haben das Vertrauen in die herkömmliche, zurückhaltende Schwangerenvorsorge verloren. Anders als noch vor dreißig Jahren haben sie eine große, geradezu panische Angst davor, dass mit dem Kind „etwas nicht in Ordnung sein könnte“.

Christiane ist eine unaufgeregte und gelassene Gynäkologin. Nach über dreißig Jahren Berufserfahrung hat sie ein Gespür für Schwangerschaft und für das Befinden der jeweiligen schwangeren Frau. Schon bei der Erstbegegnung mit der Frau bekommt Christiane eine Ahnung davon, wie -aus ärztlicher Perspektive- deren Schwangerschaft verlaufen könnte und dann auch in der Regel verläuft. Was erzählt die Frau, wie kommt sie in den Raum, wie bewegt sie sich? Christiane unterstützt die Frauen darin, die Ruhe zu bewahren, ihrem großen weiblichen Vermögen zu vertrauen, sich auf das Kind zu freuen, es so, wie es ist, anzunehmen und „die Gute Hoffnung“ nicht zu verlieren. Das gelingt ihr leider immer weniger. Selbst wenn die Ergebnisse der Standarduntersuchungen keinerlei Anlass zur Sorge geben, verlangen die Frauen, an Spezialisten überwiesen zu werden, die mit „aussagekräftigen“ Verfahren arbeiten, etwa dem hochauflösenden Ultraschall. Christiane muss ihren verunsicherten Patientinnen die „Bitte“ erfüllen, aber auf die Überweisungen schreibt sie, wenn sie selber weitere Untersuchungen nicht befürwortet, folgenden Vermerk: „Auf ausdrücklichen Wunsch der Patientin“.

Es gibt verzweifelte Situationen, in denen Frauen keine andere Wahl bleibt, als abzutreiben, etwa nach einer Vergewaltigung. Aber eine Frau wird nur dann abtreiben (genauer gesagt: abtreiben lassen), wenn sie keinen Ausweg mehr sieht. Ich kenne einige Frauen, die innerhalb der ersten drei Monate haben abtreiben lassen und ein Leben lang unter der Abtreibung leiden, obwohl es eine Notlösung war.

Doch die Frauen, denen in der 12. Schwangerschaftswoche der Bluttest angeboten werden wird, haben sich längst dafür entschieden, ein Kind auszutragen. Und diese Frauen sollen, falls das Kind „betroffen“ ist, ein Urteil fällen, das jede Frau überfordert: JA oder NEIN, LEBEN oder TOD. Die Entscheidung ist immer fatal. Entweder opfert die werdende Mutter ihr Kind oder sie gebiert es in eine Welt, in der man seine Ankunft als Störfall oder als „Kunstfehler“ empfindet: Wie konnte das heutzutage passieren, haben die Ärzte es übersehen?

Haupt-Leidtragende sind die schwangeren Frauen, denn sie alleine treffen eine Entscheidung, die eigentlich kein Mensch treffen kann. Die Gesundheitspolitik entzieht sich der Verantwortung und schiebt sie der Frau zu: Schließlich ist es ihr Kind. Was dabei verschleiert wird: Eigentlich ist es die medizinische Wissenschaft, die die Selektions- Methoden entwickelt hat, immer weiter perfektioniert und die Abtreibung als eine Art Problemlösung anbietet. Hier jedoch erleben wir die eigentlich unannehmbare Verdrehung der Tatsachen: Es scheint, als sei es nicht die Medizin, die selektiert, sondern die schwangere Frau.

Die Schuldzuweisung geht mittlerweile so weit, dass vereinzelt Stimmen laut werden, die fordern, dass Frauen, die trotz Aufklärung ihr behindertes Kind austragen, noch zusätzlich bestraft werden sollen. Aus einem Leserbrief des Arztes Dr. Bernhard Kehrwald aus Ingolstadt, der „Risikoschwangerschaften“ generell reduzieren will, Süddeutsche Zeitung, 2./3. Oktober 2019:

„… Die trotz ausführlicher Aufklärung zur Schwangerschaft Entschlossenen sollten das Risiko einer Missbildung akzeptieren und bereit sein, anfallende Belastungen auch finanziell, die durch eine lebenslange Behinderung entstehen, selbst mitzutragen.“

Eine ganz normale Zigarettenpackung, die so furchterregend gestaltet ist, dass der Raucher sich der leeren Schachtel entledigt, indem er sie irgendwo hinknallt. Diese fiesen Schachtel-Reste fand ich neben dem Kinderspielplatz unter den Birken am Rand der autofreien Siedlung.
Auch als Nichtraucherin empfinde ich die „wohlmeinende“ Drohgebärde der BZgA als primitiv und verächtlich. In diesem Fall wird die werdende Mutter denunziert.
„Rauchen kann Ihr ungeborenes Kind töten“, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Was die BZgA verschweigt: „Pränataldiagnostik kann das auch.“

 

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, deren Gesundheitspolitik endlich wieder von Nächstenliebe gespeist ist. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft alle Kinder, die mit Down-Syndrom geboren werden, willkommen heißt.

Behinderte Kinder brauchen in der Regel mehr Zuwendung, für die Eltern ist ihre Betreuung kraft- und zeitraubend. Oft stehen sie ganz alleine da. Daher wünsche ich mir, dass sich unsere Gesellschaft mitverantwortlich zeigt. Ich wünsche mir, dass alle Mütter, die die Kraft und den Mut haben, ihre Kinder trotz des medizinischen Stempels „Trisomie“ nicht abtreiben zu lassen, sondern zur Welt zu bringen, belohnt werden. Denn diese Mütter sind Lebensretterinnen.

Ich wünsche mir, dass die überlebenden Kinder und ihre Geschwister, auch die später geborenen, ein deutlich höheres Kindergeld beziehen und dass die öffentlichen Kassen im vollen Umfang für die später anfallenden zusätzlichen Kosten aufkommen. Ich wünsche mir, dass die überlebenden Kinder in die öffentlichen Schulen ihrer Wahl aufgenommen und dort persönlich betreut und unterstützt werden. Ähnliches wünsche ich mir für alle „kleinwüchsigen“ Kinder, deren Mütter die Kraft und den Mut haben, sie trotz Abtreibungs-Option zur Welt zu bringen. Die Kinder mögen nicht nur ebenfalls ein höheres Kindergeld beziehen, sondern mit jedem Wachstumsschub (diese Kinder wachsen auch!) ein neues, maßgebautes Fahrrad bekommen.

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister Jens Spahn, ich schäme mich für Sie und die von Ihnen mitverantwortete aktuelle Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland.

Soviel ich weiß, haben Sie keinen Sozialen Dienst absolviert und sind bei der Bundeswehr direkt ausgemustert worden. Als 61jährige darf und muss ich es sagen: Meiner Meinung nach fehlt es Ihnen an Lebenserfahrung.

1. Ich würde mir wünschen, dass Sie eine Zeitlang in einer Wohngruppe mit Menschen zusammen leben, die eine Behinderung haben. Empfehlen kann ich Ihnen die „L’Arche Ipswich/UK“. Meine Tochter Carla hat nach der Schule wie viele andere junge Menschen, vor allem junge Frauen, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. In einem Haus der „L’Arche“ in England war sie für das alltägliche Wohlergehen von sieben Männern mitverantwortlich. In der „Arche“ leben auch Menschen mit „Down-Syndrom“, die über Pränataldiagnostik „Bescheid“ wissen und sich gewiss gerne einmal mit einem Gesundheitspolitiker darüber unterhalten würden.

2. Ich wünschte mir, dass Sie für einige Wochen auf der Geburtsstation eines kleineren Krankenhauses die dort tätigen Hebammen unterstützen. Empfehlen kann ich Ihnen das Vinzenz-Pallotti-Hospital in Bensberg, wo Frauen schon seit Jahrzehnten nur im Beisein von Hebammen entbinden können. An der dortigen Hebammenschule können sie sich ein Bild davon machen, wie sinnvoll es ist, wenn Hebammen nicht an den Hochschulen, sondern vor Ort und in enger Anbindung an die Praxis ausgebildet werden. Keine Bange, Sie müssten nicht bei der Geburt assistieren, vermutlich würde Sie auch niemand dabei haben wollen. Ihre Aufgaben, Herr Spahn, könnten sein: Nach der Geburt das Geburtsbett neu herrichten, für trockene, saubere Tücher sorgen, den Waschraum reinigen, wo sich die Frauen nach der Geburt mit Hilfe der Hebammen von Blut und Fruchtwasser befreien – Und für die Hebammen Kaffee kochen, mitten in der Nacht, denn die meisten Geburten finden immer noch nachts statt.

3. Ich wünschte mir, dass Sie für einige Zeit in eine Klinik gehen, wo Spätabtreibungen durchgeführt werden. Dort können Sie den Frauen, die diesen Weg gehen, beistehen, aber auch den meist jungen Ärztinnen und Ärzten. Ihnen bleibt, wollen sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren oder ihre Facharztausbildung nicht gefährden, oft keine andere Wahl, als den Eingriff vorzunehmen. Zur Einstimmung lesen Sie vielleicht folgenden Artikel: https://www.zeit.de/2013/44/abtreibung-aerztin-moralische-bedenken/komplettansicht

Vielleicht könnten sie sich mit Ihrem jungen österreichischen Polit-Freund Sebastian kurzschließen, der Lebenserfahrungen und Begegnungen mit weniger glücksverwöhnten Menschen bitter nötig hätte, denn Herr Kurz – die Mann gewordene Mozartkugel, wie Spötter sagen – ist ebenso wie Sie, freundlich ausgedrückt, noch ein bisschen grün hinter den Ohren.

Und gerne würde ich von Ihnen einmal ähnlich warme, menschenfreundliche Worte hören wie die von Ulla Schmidt, SPD-Politikerin „alter Couleur“, Sonderschul-Lehrerin von 1976 bis 1990, seit 1990 Bundestagsabgeordnete, Bundesgesundheitsministerin von Januar 2001 bis Oktober 2009:

„… Down-Syndrom ist keine Krankheit. Down-Syndrom gehört zur Vielfalt des menschlichen Lebens wie auch andere Dinge, die nicht immer alle gleich sind, Gott sei Dank, bei uns im Leben. Und Menschen mit Down-Syndrom leben gerne…“ (Deutschlandfunk, 19.9.2019)

 

3 Gedanken zu „Das kalte Herz der bundesdeutschen Gesundheits-Politik

  1. Es gab einen Moment, in dem nicht sicher war, ob das Baby, mit dem ich schwanger war, das Down-Syndrom habe. Und später durchliefen wir eine Odyssee an Untersuchungen wegen des Verdachts auf Kleinwüchsigkeit. Beides stellte sich als Fehlalarm heraus, und beides hätte ich, hätte es zugetroffen, gut und gerne akzeptiert. Mehr fällt mir im Moment nicht ein- den Weg, der da gegangen werden soll, nicht mitgehen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s