Der Stadtjäger und der Waschbär

Auf der Panorama-Seite der Süddeutschen Zeitung war am Montag folgende DPA-Mitteilung zu lesen:

Dass Waschbären in die Städte kommen, passiert immer öfter. Kürzlich hat, wie ich hörte, ein Waschbär in aller Seelenruhe die Eichendorffstraße in Neu-Ehrenfeld überquert, und zwar -das mag irritieren- nicht auf der Seite des Blücherparks, wo es bekanntermaßen Füchse und Marder gibt, sondern diesseits des vielbefahrenen Gürtels. Torkelnden Waschbären begegnet man eher selten. Mir ist jedoch eine Geschichte bekannt. Zugetragen hat sie sich im Oktober in einer Kleinstadt in Niedersachsen:

Einen ganzen Tag lang hatte ein Stadtjäger einen Waschbären verfolgt, der im Stadtpark nach Futter suchte. Als es dämmerte, verpasste ihm der Jäger eine Ladung Schrotkugeln. Er wollte das Tier nicht töten, sondern per Schock zum Tanzen bringen. Ohne auch nur eine schwache Blutspur zu hinterlassen, taumelte der angeschossene Waschbär in Richtung Marktplatz, wo er am Vortag Gemüseabfälle entdeckt hatte.

Heute hatte dort ein Kleintiermarkt stattgefunden. Jetzt waren die Tiere nicht mehr da, sie waren verkauft, verstaut und abtransportiert worden. Auch das kleine Kinderkarussell war schon abgebaut worden. Die Kinder, die die Tiere liebten, waren längst zu Hause. Auf dem Festplatz traf man nur noch ausgelassen feiernde Erwachsene. Die Bierzelte und Wurstbuden würden noch bis in den späten Abend hinein geöffnet sein. Der verletzte Waschbär taumelte weiter in Richtung Marktplatz. Hatte er eine Ahnung davon, was dort passierte?

Kurz vor dem Festplatz hielt der Waschbär an, drehte sich um und bemerkte den Jäger. „Warum jagst du mich?“, fragte er heiser. „EU-Verordnung“, sagte der Jäger. „Ihr Waschbären steht auf der EU-Abschussliste, denn ihr seid eine Zumutung.“ „Warum?“, fragte der Waschbär und stöhnte. „Für wen sind wir denn eine Zumutung?“ „Für uns Menschen“, sagte der Jäger. „Und was muten wir euch zu?“, fragte leise wimmernd der Waschbär. „Na, euch Waschbären“, antwortete der Jäger und grinste. „Ihr übertragt gefährliche Krankheiten, ihr pflanzt euch ungehemmt fort, ihr fresst heimische Tiere wie Singvögel und Schlangen, und ihr verdrängt andere Arten, die lange vor euch da waren.“ „Aber….“ Der Waschbär zögerte kurz und sprach dann weiter: „Tut ihr das nicht auch?“ „Was erzählst du da?!“, schrie der Jäger. „Das ist ja eine Unverschämtheit. Ich verdränge keine Arten, ich persönlich habe sogar eine Patenschaft für ein artgerecht gehaltenes, höchst schmackhaftes Blondes Mangalitza Wollschwein, das fast ausgestorben wäre. Ich fresse weder Schlangen noch Singvögel. Ich esse nur Tiere, die es gar nicht gäbe, wenn wir Menschen sie nicht züchten würden. Ich liebe Tiere, ihr seid so…. lecker.“ Der Jäger kicherte: „Du vielleicht weniger. Waschbär, komm zu mir, lass dich streicheln, ich bin doch dein Fressfreund.“

Doch der Waschbär lief weg, so gut er nur konnte. Er bewegte sich stöhnend weiter und kam torkelnd auf dem Festplatz an. Er hatte furchtbare Schmerzen und einen entsetzlichen Durst. Der Waschbär, der so hieß, weil er reinlich war und sein Futter wusch, kannte nichts und sich selber nicht mehr. Er kroch über den Boden und soff aus den Lachen unter den Biertischen Kaffee und Bier.

„Der ist ja besoffen“, freuten sich die Leute und lachten. „Ein Tanz-Waschbär, Ist der süß! Kann man den kaufen?“ „Der hat die Tollwut“, schrien andere. „Der steckt uns an. Impfen!“ „Zu spät“, diagnostizierte die anwesende Amtstierärztin. „Das ist die Staupe, deshalb torkelt er. Der Waschbär hat die Orientierung verloren. Zum Glück sind keine Kaninchen mehr hier.“ Sie gab dem Jäger ein Handzeichen. „Ja, wenn das so ist“, sagte der.

 

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