Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Die unannehmbaren Rechenfehler der Gesundheitsaufklärer

 

 

 

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Sie kommt mir am Siedlungeingang Kempener Straße entgegen und guckt ziemlich bedient. „Ich wollte einen Aschenbecher kaufen“, sagt die Frau Keuner. „Für wenn Raucher zu Besuch kommen. Bekloppte Idee. Meine Oma hatte einen aus Meissner Porzellan, mit Goldrand und Blümchenmuster. Der stand nur in der Vitrine, aber sowat von schön. Aber heute traut man sich nicht mal mehr, im Laden nach nem Aschenbecher zu fragen. Als hätte man wat Verbotenes vor. Ich war im Kaufhof und hab eine Kundin gefragt, ob sie nicht vielleicht weiß, wo die Aschenbecher stehen. Die wollte wissen, ob ich Raucherin bin. Bin ich nicht, hab ich der gesagt, ich brauche den Ascher für meine Gäste. Wenn die schon auf den Balkon müssen zum Rauchen, dann sollen die es wenigstens schön haben. Und weißt du, wat die da gesacht hat? Den Gästen einen Aschenbecher anbieten ist Beihilfe zum Selbstmord. Hömma, die Leute sind doch total durchgeknallt. Die Frau hat mir den Tedi empfohlen. Ich bin dann dahin. Total unaufgeräumter Laden, schlimmer als der Schlecker, und guck mal, wat die da verkaufen. Geisterbahn-Interieur. Kann man sich doch nicht ins Wohnzimmer stellen.“ Die Frau Keuner hält mir ein Foto unter die Nase: „Is dat nicht furchtbar?“

Tedi, Nippes, Neusser Straße. Überall ist Geisterbahn…

„Unser Haus brennt“, sagt die Frau Keuner. „Aber die Greta Thunberg würde niemals behaupten, dass unser Haus brennt, weil die Leute rauchen. Die Raucher schaden sich vielleicht selber, aber doch nicht uns allen. Die tragen nicht zur Klimakatastrophe bei.“ Sie bückt sich ächzend und pickt eine leere Zigarettenpackung vom Boden. „Lungenkrebs-Originalfoto. Wie kann man denn den Menschen solche Ekelbilder vor den Latz knallen?“

Ich habe die Schachtel mitgenommen und abfotografiert.
Bild und Text sind übrigens keine deutsche Erfindung. Die Europäische Kommission hatte dieses und andere Motive ihren Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt und ihnen bereits 2004 „angeboten“, die Bilder zu verwenden. Vorauseilend gehorsam war Belgien das erste EU-Land, das Zigarettenschachteln mit den abschreckenden Motiven bedruckte. Seit 2016 ist der Abdruck der Schock-Bilder Pflicht. Die abschreckenden Bilder müssen seitdem zusammen mit textlichen Warnungen, die schon 2003 verpflichtend wurden, mindestens zwei Drittel der Vorder- und auch der Rückseite der Zigarettenpackungen einnehmen.

„Was gibt denen das Recht, sich so daneben zu benehmen?“ fragt die Frau Keuner. „Muss die deutsche Gesundheitspolitik denn alles nachbeten, was von der EU kommt? Früher dachte ich, die Verantwortlichen in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind gebildete Leute, aber dat sind nur primitive Gemüter.“

„Das sehe ich ein bisschen anders“, wende ich ein. „Während der Aids-Krise hat die Bundeszentrale gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die BZgA hat dafür gesorgt, dass die Ansteckungen weniger wurden, hat erklärt, wie man sich schützt und dass man sich nur über einen intensiven Körperkontakt anstecken kann. Das war doch gut.“

„Das war doch gut, so guuuuut“, äfft die Frau Keuner mich nach. „Aber Herzchen, das war auch gut, aber ist lange her. Da war noch die Rita Süssmuth Gesundheitsministerin. Da hatten wir noch nicht diesen autoritären Business-Gockel, wie heißt der noch, diesen Hahn, diesen… Du bist blauäugig, du mit deinem Reihenhäusken. Ich weiß ja, du gehst zum Billigfriseur auf der Neusser Straße und lässt dir da ne 0815-Tarnkappe verpassen, und dann erzählst du mir von deinen Second-Hand-Schnäppchen, da war doch dieses René-Lezard-Jäckchen für zwei Euro von Humana, dabei könntest du dir brandneue Designer-Klamotten leisten. Jetzt biste eingeschnappt, wa? Hab ich einen wunden Punkt erwischt?“

„Nein“, jammere ich, doch die Keuner macht weiter: „Luxusmieze. Du bist nicht gezwungen, den Billigeinkauf beim Lidl zu machen. Nitritpökelsalzverunreinigte Wurst kaufen oder Schweinebraten aus Massentierhaltung. Du doch nicht, nein, du gehst wie alle diese Besserverdienenden in den Alnatura, du kaufst nur Fleisch von Tieren aus „artgerechter Haltung“. Wenn ich das Wort schon hör. Schlachten ist immer brutal. Natürlich kriegen artgerecht gehaltene Tiere besseres Futter. Der Hänsel im Märchen auch, der kriegt nach mageren Jahren endlich lecker zu essen. Doch davon wird er leider selber lecker.“

Auf den Schnuller geklebte Kippe: EU-Werbe-Hänsel.
Meiner Meinung nach werden hier rauchende Eltern (und deren Kinder) denunziert. Auch wenn das alberne Bild ein Fotoshop-Produkt ist: Wo bleibt da der Kinderschutz?

Mit einem Mal wird die Frau Keuner weich: „Lass dich mal in den Arm nehmen.“ Sie drückt mich. „Haste du ein Taschentuch für mich?“ Hab ich. „Wir wissen doch alle, dass Rauchen eine Hauptursache für Lungenkrebs ist“, sagt die Frau Keuner. „Aber das da ist keine Aufklärung, sondern Meinungsmache. Das ist ein Angriff auf die Raucher, auf die Krebskranken, aber auch auf die Alten, denn die meisten Kranken sind ja alt. Meine Tante hat Lungenkrebs. Die ist 78 und hat nie geraucht, und viele ihrer Mitpatientinnen auch nicht. Und jetzt…“

„Und jetzt?“, frage ich, denn die Frau Keuner sagt nichts mehr. „Und jetzt?“, wiederhole ich. „Na ja“, sagt die Frau Keuner. „Die kranken Frauen fühlen sich missachtet. Jetzt haben sie sich zusammengesetzt und recherchiert und gerechnet. Es klingt ja überzeugend: Rauchen verursacht 9 von 10 Lungenkarzinomen. Aber es ist eine Fehlinformation. Denn was haben die Frauen rausgekriegt? Dass die Gesundheitsaufklärer uns nicht die Wahrheit erzählen. Die Experten können nicht rechnen. Selbst wenn 9 von 10 Lungenkrebskranken rauchen oder geraucht haben, ist das Rauchen nicht unbedingt die Ursache für deren Krebs und schon gar nicht die einzige. Und guck mal auf die Frauen. Unter 10 Frauen, die an Lungenkrebs erkranken, sind überhaupt nur sechs Raucherinnen. Dass Rauchen 9 von 10 Lungenkarzinomen verursacht, stimmt also hinten und vorne nicht.“

Ich denke kurz nach und kann nur nicken. „Aber weißt du, was besonders traurig ist?“, sagt die Frau Keuner. „Dass die Enkel einen Bogen um meine Tante machen. Ich würde die Frieda so gerne einmal drücken, hat meine Tante gesagt, aber die will nicht. Ich bin doch nicht ansteckend, aber die Frieda ekelt sich vor mir. Sie hat diese furchtbaren Bilder im Kopf.“

 

 

 

Netto, Merheimer Straße, 9.12.2019.
Hier gibt es Tabak-Großpackungen mit entsprechend überdimensionalen Warnaufdrucken. Jedes Kind, das im Zeitschriftenregal nach Heftchen wie „Lillifee“ (s. oben links) sucht, wird mit den verstörenden Bildern konfrontiert.

Zum Schluss was Erfreuliches: Den Schokoladen-Weihnachtsmann in Rut-Wiess hatte ich (mit dem Rücken zum Tabak) auf den Express gestellt, damit er dem 1. FC Köln Glück bringt. Es hat geklappt. Der FC ist Ende 2019 nicht mehr auf einem Abstiegsrang.

 

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