Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Wohin mit der Freikarte fürs Mammamobil?

 

„Tach“, sagt meine Nachbarin, die Frau Keuner…

Ich will gerade ein zusammengeknülltes Schreiben in den Papiermüllcontainer vom Mehrfamilienhaus stopfen, klapp den Deckel hoch, da steht mit einem Mal die Frau Keuner neben mir. „Ertappt, wa?“ Die Frau Keuner lacht: „Wat biste hier bei uns, du hast doch deine eigene Tonne, zeig mal.“ Sie nimmt mir das Schreiben aus der Hand und faltet es auseinander: „Ja, ja. Du schmeißt die Vorladung zur Mammografie also auch direkt in die Tonne. Einmal war ich da. Ich sach dir: Nie wieder. Die haben mir meine Brüste so eingequetscht, dass ich weglaufen wollte, aber das ging nicht mehr.“

„Ich war da noch nie“, sage ich, guck nach rechts und nach links, aber da ist zum Glück keiner. Ich rede leise weiter: „Als ich den ersten Brief gekriegt hab, hab ich bei der kassenärztlichen Vereinigung angerufen und abgesagt, ganz höflich, aber die Frau am Telefon hat mich dermaßen zusammengestaucht. Was ich mir einbilden würde, in meinem Alter so ein Angebot auszuschlagen, der Staat würde über 100 Euro für mich ausgeben. Jüngere Frauen würden monatelang warten und müssten die Vorsorge selber bezahlen, ich wäre total undankbar.“

„Und jetzt haste Schiss, dass die Gesundheitspolizei irgendwann auf der Matte steht und dich abholt und in ein mobiles Gerät steckt. Ist alles schon passiert. Hömma, weißte überhaupt, watte da wegschmeißt? Eine Freikarte fürs Mamma-Mobil.“ Die Frau Keuner lacht laut und erzählt was vom neuen Dacia-Papamobil aus Rumänien, in dem Papst Franziskus jetzt über den Petersplatz kutschiert wird. Die Frau Keuner heißt übrigens nicht „Körner“, wie ich immer gedacht hatte, sondern tatsächlich „Keuner“, und sie ist, wie sie sagt, eine Enkelin vom Herrn Keuner. Der Brecht hat den nämlich nicht erfunden. Den Herrn Keuner hat es, wie sie sagt, wirklich gegeben, und der hatte nicht nur einen Verstand, wie Kritiker behaupten, sondern angeblich auch eine tolle Figur. Die Frau Keuner hatte die auch, aber seit sie über sechzig ist, hat sie Probleme mit den Gelenken.

Die Frau Keuner hat furchtbare Erfahrungen mit Krankenhäusern gemacht. Nach einer Hüft-OP vor einem Jahr hatte sie eine heftige Krankenhauskeim-Infektion, und jetzt sind die Schmerzen schlimmer als vorher. Ohne Gehwagen traut sich die Frau Keuner nicht mehr vor die Tür. Seit der OP ist das eine Bein einen Zentimeter kürzer. Das ist aber kein Kunstfehler, sondern ganz normal, das kann jeder im Internet nachlesen, aber deshalb wollte die Krankenkasse ihr die erhöhten Schuhe erst nicht bezahlen. Hätte sie ja wissen müssen, was sie erwartet. Außerdem würde irgendwann die zweite Hüfte dran sein, und da würde es sich schon wieder ausgleichen. Die Frau Keuner hat sich zwar durchgesetzt, aber jetzt hat sie nur noch ein einziges Paar Schuhe. Die sind nicht schön, aber bequem, immerhin. Die zeigt sie mir und kann trotz des Schlamassels immer noch lachen: „In welcher bekloppten Welt leben wir?“

Die Frau Keuner knüllt den Brief wieder zusammen. „Solange du gesund bist, machst du dir Illusionen. Als ich 50 wurde, da dachte ich, jetzt gratuliert mir die Stadt Köln zum Geburtstag. Ich meine, ich hab zig Jahre malocht, Steuern bezahlt, bin immer zur Wahl gegangen, nicht ausgewandert. Ist dat nix? Da kam dann auch ein offizielles Schreiben, aber keine Einladung zum Sektempfang, nichts Erheiterndes, sondern wat Ernüchterndes. Eine Freikarte für eine Veranstaltung, an der ich nicht teilnehmen will.“

Sie stopft den Brief in den Container. „Ich hab jetzt einen Schwerbehindertenausweis. Du kannst noch viel schlimmer dran sein als ich und beide Beine amputiert haben, aber in der KVB musst du trotzdem den Ausweis vorlegen und das Beiblatt mit der entsprechenden Wertmarke, sonst nehmen die dich nicht kostenlos mit, denn auch ohne Beine musst du immer noch 80 Euro im Jahr für die Wertmarke bezahlen. Für die Blinden und die Hilflosen kostet die Wertmarke nichts, aber haben die entsprechenden Merkzeichen, „BL“ für blind und „H“ für hilflos. Die Kontrolleure gucken da ganz genau hin. Einen auf blind oder verwirrt machen ist ja ein alter Schwarzfahrertrick. Haste bestimmt auch gemacht damals.“

„Hab ich nie gemacht“, sage ich.

„Da haste aber wat verpasst“, sagt die Frau Keuner. „Geht heute alles nicht mehr. Du musst dich rundum ausweisen. Der Staat hat eine panische Angst vor Fakes und vor Täuschungsversuchen. Du könntest ja einen Anschlag vorhaben. Deshalb sollste einen Personalausweis bei dir haben, damit du dich für niemand anderen ausgibst, einen Impfpass und am besten auch einen Organspendeausweis. Ich sach dir, dat ist totalitär.“

„Sie sind ja Verschwörungstheoretikerin“, necke ich die Frau Keuner.

„Nenn mich so“, kommt ihre Antwort. Die Frau Keuner grinst: „Hintergedanken aufdecken ist die einzige Möglichkeit, noch die Wahrheit zu sagen.“

Nicht rostfrei und nicht fälschungssicher: Mein „Grauer Lappen“ aus dem Jahr 1983, als die Pass-Fotos schwarz-weiß waren und man noch Zähne zeigen durfte. Ich weiß noch, dass meine Schwester vor dem Foto-Fix stand und mich durch den Vorhang hindurch mit irgendeinem Quatsch zum Lachen gebracht hat.
Ich brauche meinen Führerschein kaum, dennoch bin ich froh, einen zu haben. Nach 36 (!) Jahren ist er ziemlich vergammelt, aber immer noch gültig. Leider muss er in ein paar Jahren gegen eine fälschungssichere EU-Fahrerlaubnis umgetauscht werden. Demnächst haben wir alle einen PKW-Führerschein auf Bewährung, denn die Ausweise werden dann nur noch 15 Jahre gültig sein. Ich befürchte, dass sich dann ältere Menschen (also auch ich!) regelmäßig einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen.

 

Ein Gedanke zu „Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Wohin mit der Freikarte fürs Mammamobil?

  1. Ganz ohne Verschwörungstheorien: ich gehe auch nicht zur Mammographie, und das mit bestem Wissen und Gewissen. Zwar werden dabei manchmal Tumoren entdeckt, aber die Sterblichkeit und Erkrankungsraten haben sich dadurch nicht verändert. Was, so stelle ich mir vor, bedeutet, dass manche kleine Geschwüre einen frank und frei glücklich altern lassen. Wogegen eine Behandlung echt beschwerlich ist. Bei einer Freundin erlebt, die nach einer Mammographie wegen eines Winzgeschwüres eine echt harte Zeit hatte. Einfach Vertrauen geht auch 🙂

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