„GEHT OMAS DRÜCKEN!“

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Keine Zeit, ich muss die Bahn kriegen“, sach ich.

„Dann nimmste eben die nächste oder übernächste“, sagt die Frau Keuner. „Geht auch ganz schnell. Ich hatte dir doch von meiner Tante erzählt, die Lungenkrebs hat. Die war so niedergeschlagen, weil ihre Enkelin sie nicht mehr drücken will. Aber als ich sie Weihnachten besucht hab, hatte sie richtig gute Laune. Hömma, die ist gedrückt worden, und wie.“ Die Frau Keuner lacht, hustet, aber kriegt sich schnell wieder ein. „Die hatte Besuch von einem anderen Enkelkind, dem Cousin von der Frieda. Der Luca ist ne janz fiese Möpp. Der hat so wie die anderen Enkelkinder immer Geld zugesteckt gekriegt, sich aber nie dafür bedankt. Wat soll man sich für 50 Euro bedanken. So ist der. Und jetzt kommt der zu der nach Hause, denn da ist sie zur Zeit, und der bedankt sich und drückt sie, dass es richtig unangenehm ist. Meine Tante hat genau gewusst, was war. Hab ich mir schon gedacht, dass du vorbeikommst, hat sie gesagt, dein bester Freund hat doch geheiratet. Ihr wart beim Junggesellenabschied im Pascha Nightclub, und dann seid ihr raus und weiter in Richtung XTRAFIT, und da seid ihr bestimmt an dem bekloppten Plakat vorbeigekommen: GEHT OMAS DRÜCKEN! – DAK. Und jetzt piesackt dich dein Gewissen. Fürs nächste Weihnachten gibste mir mal deine Kontonummer. Kauf dir meinetwegen ein paar Pascha-Dollars für den Private Dance, aber rück mir nie wieder auffe Pelle. Du kannst irgendwelchen Damen anne Brust packen, aber bitte nicht mir.

„Für ein gesundes Mteinander“ – DAK-Werbeplakat an der Inneren Kanalstraße zwischen Hornstraße (Pascha) und Gleisdreieck (XTRAFIT-Fitnessstudio)
In Deutschland gehen jeden Tag etwa eine Million Männer in den Puff. So schön es wäre – wir können die Puffs nicht einfach abschaffen, denn unsere Gesellschaft ist patriarchal degeneriert. Und wohin mit der einen Million?
Puffs sind eine Verhöhnung der leiblichen Liebe. Was von der Liebe bleibt, ist komerziell legitimierte Notdurftverrichtung – im Fall Pascha in Kooperation mit der Stadt Köln. Anfang der 1970er Jahre konnte ein professioneller Betreiber auf städtischem Grund das europaweit erste Puff-Hochhaus bauen, ein sogenanntes „Laufhaus“ mit 126 Zimmern auf elf Etagen. So konnte, wie es heißt, die Kölner Prostitution aus der Innenstadt herausgeholt, gebündelt und besser kontrolliert werden.
Die Hornstraße gehört zwar offiziell zum schönen, gutbürgerlichen Stadtteil Neu-Ehrenfeld, liegt aber abseits vom beliebten Wohngebiet im Niemandsland zwischen Liebig- und Innerer Kanalstraße. Immerhin stinkt es hier nicht mehr nach Schlachthof-Abfällen wie noch vor zwanzig Jahren. Die Fleischversorgung Köln, unmittelbarer Pascha-Nachbar, hat mittlerweile den Betrieb eingestellt.

 

 

 

 

2 Gedanken zu „„GEHT OMAS DRÜCKEN!“

  1. Ha! Das kenn ich auch. Einstecken un weg is. Von wegen „Danke“. Voll blöd. Naja-

    Aber eine Million Puffbesucher – jeden Tag? Kann ich mir kaum vorstellen. Wieviele Menschen leben in Deutschland? 85 Millionen oder so. Davon die Hälfte Frauen, und von der anderen Hälfte sind etliche Millionen zu jung oder zu alt. Ich weiß nicht. Ich habe von Frauen gehört, dass sie eher zu wenig Kunden haben. Und das finde ich auch das Fiese: Ich würde käuflichen Sex gar nicht schlimm finden – wenn er gut bezahlt wäre. Wenn die Prostutuierten so viel verlangen könnten, dass nach ein paar Jahren – ewig kann man das ja auch nicht machen – was anderes drin liegt.
    Aber da müssen sie sich stundenlang die Beine in den Bauch stehen, damit sie die Raummiete bezahlen können, weil ein Zimmer in so einem Hochhaus ein völlig absurdes Vermögen kostet, und dann noch das ganze andere, was es braucht zum Leben- das ist halt doch oft die Hand im Mund.

    Faire Preise – für Lebensmittel, für Energie, für Technik, für alles, auch für käuflichen Sex. Ich habe keine Ahnung, was das für Zahlen wären. Ich würd´s gerne wissen.

    Ich mag Frau Kreuner.

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  2. Warum ich auf die Zahl von einer Million Freier pro Tag komme: Ich hatte mal gelesen, dass es in Deutschland schätzungsweise 250.000 Prostituierte gibt. Wenn die vier Männer am Tag bedienen… Ich finde übrigens auch, dass die Prostituierten deutlich mehr (mindestens das zehnfache!) verdienen müssten, so viel (Schmerzensgeld, was es ja meistens ist), dass ein Freier am Tag reichen würde und sie sich wenigestens die Männer aussuchen könnten. Ich finde es nämlich auch nicht verwerflich, wenn Frauen sich prostituieren, aber ich finde eine Gesellschaft wie die unsere verwerflich, die die leibliche Liebe (und mit ihr die Frauen) dermaßen schamlos verramscht. Es gibt ja schon Flat-Rates für Puffs: ALL YOU CAN …

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