Abwarten und Eis essen

Die autofreie Siedlung Stellwerk 60 ist dicht bebaut. Unser Reihenhaus ist zwar 13,5 Meter lang, aber nicht einmal fünf Meter breit. Da passt der etwas biedere Ausdruck „Scheibenvilla“. Wir Nachbarn hängen uns ziemlich eng auf der Pelle, was Vor-, aber auch Nachteile hat. Zum Glück wohnen wir am (südlichen) Siedlungsrand und gucken  aus der Siedlung hinaus auf das alte Gemäuer der Olympiahalle.

Hier am Rand hören wir nicht nur die Siedlungsgeräusche. Vorgestern saß ich im Corona-Modus (ein wenig niedergeschlagen) am Esstisch und bekam mit einem Mal Lust auf Vanilleeis. Eine hübsche Melodie hatte sich in mein Ohr geschlichen: Der Eismann ist da! Tatsächlich parkte direkt am Eingang der Siedlung ein Eiswagen, der von der Schäl Sick (also der rechten, „anderen“ Rheinseite) ins westliche Nippes gekommen war. Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt.

In den 1960er Jahren, als die Straßen noch nicht so dicht und so lärmend befahren waren, machten sich fahrende Händler durch Melodien erkennbar. Im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin, war es üblich, dass der Klüngelskerl die Flöte blasend (wahrscheinlich kamen die Flötentöne vom Band) durch die Straßen fuhr, um Schrott einzusammeln. Auch der Milchbauer hatte seine Erkennungsmelodie. Er verkaufte Eier und Milchprodukte, darunter einen flockigen Joghurt in der Halbliter-Glasflasche. Auf dem Boden der Flasche war ein fruchtiges Erdbeerpüree, das man untermischen konnte – oder auch nicht. Hauptsache, man selber konnte und bekam nicht die cremig gerührte Fertig-Mixtur. Lecker!

 

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Eisverkäufer Guiseppe Erba war direkt einverstanden, dass ich seinen Wagen fotografierte. Was für ein Blau! Azzurro…. https://www.youtube.com/watch?v=ckWLcTrKzaw Die Verquickung des englischen Wortes „good“ mit dem kölschen „jut“ zum Wort „Joot“ – dass finde ich gut. Was zu Zeiten von Corona leider nicht fehlen darf, ist die obligatorische Bitte um Wahrung des Sicherheitsabstands (auf dem grünen Blatt, das am Hörnchenspender klebt). Das Eiscafé La Piazza ist in Köln-Neubrück, die Straße heißt Weismantelweg. Weismantel schreibt sich mit einfachem S, hat also nichts zu tun mit der Berufsbekleidung der Ärzte. Benannt ist der Weismantelweg nach Leo Weismantel (1888-1964), einem Reformpädagogen und Schriftsteller, der 1919 den Patmos-Verlag gründete und dort noch im selben Jahr „Die roten Bücher der Dichterabende“ veröffentlichte. Eine gute Adresse.

 

In Italien wird das Eis nicht in Bällchen- bzw. Kugelform verkauft. Doch in Deutschland, wo es in den 1950er und 1960er Jahren noch Milchbars gab, die ein bisschen steif waren, kamen gerade die Bällchen gut an.

Wenn Italiener wie Guiseppe Erba Eis verkaufen, verkaufen sie nicht nur Eis, sondern spielen immer auch Eisverkäufer. Und das oft brilliant. Dass man mit Eiskugeln sogar jonglieren kann, zeigt uns Guiseppe Erba auf seiner Facebook-Seite:

https://de-de.facebook.com/154388158037611/videos/vb.154388158037611/175200622623031/?type=2&theater

„Am 20. Dezember 1955“, so lese ich auf wikipedia, „unterzeichnete die Bundesrepublik Deutschland das erste Anwerbeabkommen für Gastarbeiter aus Italien.“ Der Wiederaufbau benötigte genau die Arbeitskräfte, ohne die es das deutsche Wirtschaftwunder nie gegeben hätte. Aber es gab noch ein ganz anderes Wunder. Was die Deutschen aus eigener Kraft nie geschafft hätten, das schafften die Italiener: Sie revolutionierten die deutsche Küche. Doch zunächst übersetzte man Spaghetti Bolognese hierzulande mit Lange Nudeln mit Krümelsoße. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis die Deutschen begriffen, dass man Spaghetti, will man sie weich kochen, nicht durchbrechen muss.

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Warum sind Eislöffel flach? Ich denke, sie sind Schneeschieber im Kleinformat. Mit dem einen Löffel habe ich schon als Kind Eis gegessen. Den anderen, der wirklich wie ein Schneeschieber in Kleinformat aussieht, hab ich letztes Jahr bei NETTO gekauft.  Die Eier werden wir bis Sonntag gegessen haben… Dann, am Weißen Sonntag, endet für die Katholiken die Osterzeit. Die Katholische Kirche verkündet: 2020 fällt der Weiße Sonntag aus – und mit dem Weißen Sonntag viele Erstkommunion-Feiern – und damit natürlich die vielen privaten, lange geplanten großen Familienfeste. Wahrscheinlich haben viele katholische Priester jetzt gemischte Gefühle. Gerade die Kommunionsfeiern erinnern sie Jahr für Jahr schmerzhaft daran, dass sie selber keine Familie gründen dürfen. Der Zölibat ist herzlos und muss endlich abgeschafft werden! (kursiv: aufgrund des Kommentars von deingruenerdaumen geänderte Passage)

 

 

 

3 Gedanken zu „Abwarten und Eis essen

    • Vielen Dank für den Hinweis. Ich bin zu weit gegangen und werde die Stelle verändern. Ich weiß, es gibt freundliche, den Menschen zugewandte Priester, die den Ausfall des Weißen Sonntags und der Kommunionsfeiern sehr bedauern.

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