„Gott to go“ – Wie sich die Amtskirchen immer weiter vor der Schöpfung abschotten

Vor drei Tagen, am Weißen Sonntag, fanden wieder keine öffentlichen Gottesdienste statt. Doch die Kirchenglocken erinnerten daran, dass es die Kirchen gibt. Pünktlich um 19.30 wurden sie geläutet. Nicht nur in Köln, sondern, wie ich hörte, in ganz Nordrheinwestfalen – auch in Düsseldorf.

Der Katholische Gemeindeverband Düsseldorf gehört zum Erzbistum Köln. Daher ist es der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, der den Pfarrer Frank Heidkamp (61), einen gebürtigen Düsseldorfer, am 1. September 2020 zum Stadtdechanten und Leiter der Cityseelsorge in Düsseldorf ernennen wird.

Eben jener Frank Heidkamp feierte am Ostersonntag in einem Düsseldorfer Autokino einen katholischen Ostergottesdienst. 500 mit Paaren oder Kleinfamilien gefüllte Autos parkten ordnungsgemäß im angegebenem Sicherheitsabstand. Der Eintritt war kostenlos, der Altar war auf einen Lastwagen gehoben worden, der Gottesdienst wurde trotz ungünstiger Lichtverhältnisse auf die Filmleinwand projiziert und per Autoradio übertragen. Die Autos standen wie auf dem Autodeck einer großen Fähre, doch anders als auf der Fähre mussten die Menschen nicht aussteigen für den stets drohenden Fall, dass das Schiff untergeht. Nein, die Menschen durften nicht aussteigen, nur die Fensterscheiben herunterlassen. Das Schiff ging auch nicht unter. So viele Zuhörer hatte Frank Heidkamp schon lange nicht mehr. Die Autos bedankten sich mit einem Hupkonzert und wurden bei der Ausfahrt gesegnet. „Ein schönes Beispiel für Kreativität in der Krise“, sagte irgendwer. Ich glaube, wir haben eher eine schwere Krise der Kreativität.

Aber wer hatte eigentlich die Idee dazu? Die Idee, so Heidkamp am 8.4.2020 in einem Interview mit dem Domradio, „hatte der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Thomas Geisel, der gesagt hat: Autokino, das könnte noch mal für alle Menschen etwas anderes sein in Zeiten des Coronavirus. Er ist dann auf die evangelische und die katholische Kirche zugekommen und hat gefragt: „Könntet ihr nicht auch da Gottesdienste gestalten?“…“  Aber war es tatsächlich Geisels Idee? Ich schaue im Internet nach.

Einen früh geäußerten Vorschlag, Gottesdienste im Autokino stattfinden zu lassen, finde ich auf der Internetnetseite http://www.kath.net/news/71116. Hier heißt es bereits am 26.3. : „… Wir Katholiken kennen den Begriff der „geistigen Kommunion“, vereinigen wir uns mit dem Geheimnis des Glaubens über die Anbetung – Jesus Christus hat locker die Kraft, ein paar Meter Abstand und notwendige Hygienevorschriften zu überbrücken!  „Wie neckisch“, denke ich, „das ist ja Gott to go„, und gebe „Gott to go“ bei google ein. Tatsächlich gibt es ein Buch, das so heißt. Es handelt von Autobahnkirchen. Der Autor heißt Ulli Tückmantel, hat im letzten Jahre das Buch „Rasier Dich richtig!“ herausgegeben und ist Pressesprecher der Bezirksregierung Münster. Aus der Internet-Leseprobe erfahre ich Interessantes: Autobahnkirchen sind ein deutsches Phanomen, es gibt sie tatsächlich fast ausschließlich in Deutschland. Aktuell (Stand: 2019) können wir in Deutschland 44 Autobahnkirchen besuchen, von den die meisten (19) evanglisch sind, acht katholisch und 17 in ökumenischer Trägerschaft.

Auch und gerade in der Corona-Krise zeigt sich insbesondere die evangelische Kirche fasziniert von digitalen Gottesdiensten und der To Go-Idee. Das evangelische „Sonntagsblatt“ (360° evangelisch) listet die Online-Angebote in Corona-Zeiten auf: „Alle Ideen evangelischer Kirchen in Bayern auf einen Blick.“ In dieser Liste, die laufend aktualisiert wird, findet sich unter unzähligen anderen auch das Angebot der evangelischen Kirchengemeinde Herrsching Wörthsee Seefeld, ein „Gottesdienst to Go“, den man sich als pdf-Datei herunterladen kann.

Ganz so salopp und offen säkular geht es in der katholischen Kirche nicht zu. Am Weißen Sonntag hielt Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki nicht an irgendeinem Ort, sondern im Kölner Dom das Pontifikalamt.

Bis heute, 22.4., 16h, wurde der digitale Gottesdienst 16.393 mal aufgerufen, was Woelki erfreuen dürfte. Ich bin Nummer 16.394 und gucke (im Anschluss an die Werbung für Veranstaltungen der Katholischen Kirche) eine Weile das Pontifikalamt. Ich sehe eine leidenschaftslose Retortenmesse und einen Kardinal ohne Charisma, aber im weißen Gewand. Praktisch ist es ja schon, dass ich zwischendurch die Messe anhalten kann, um mir einen Kaffee zu kochen. Der Kaffee ist echt, aber ich hätte es lieber weniger praktisch. Ich fläze mich aufs Sofa, das deutlich bequemer ist als eine Kirchenbank. Ich genieße die letzte Freiheit, dir mir bleibt: Es mir so gemütlich zu machen, wie ich es will. Ich gucke weiter, doch wenige Minuten später klicke ich Woelki weg, dem das egal ist, denn die Nummer 16.394 ist ohnehin längst verbucht. Es muss ein Hochgefühl sein, dass die Zahl der Besucher des Gottesdienstes immer noch steigt, obwohl die Messe längst schon vorbei ist.

Das alles ist so lächerlich, aber ich kann nicht lachen, denn die Lage ist ernst. Etwas hat mir gefehlt. Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, ein Kommunionkind zu sein und endlich dazuzugehören, eine leicht säuerliche Hostie auf die Zunge gelegt zu bekommen (wie es damals noch üblich war). Lässt sich der Leib Christi digital teilen? Wohl kaum. Ich glaube, den „Entscheidern“ in der katholischen und der evangelischen Kirche sind nicht nur die Menschen abhanden kommen. Ihnen fehlt die Religiösität, die Fähigkeit zur spirituellen Hingabe, die Liebe zur Schöpfung und zu all ihren Geschöpfen.

Worte an die Schöpfung – von einem Dichter, der mit Woelki nur den Vornamen teilt:

Rainer Maria Rilke

Atmen, du unsichtbares Gedicht !
Immerfort um das eigne
Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
in dem ich mich rhythmisch ereigne.

Einzige Welle, deren
allmähliches Meer ich bin ;
sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
Raumgewinn.

Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
innen in mir. Manche Winde
sind wie mein Sohn.

Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte ?
Du, einmal glatte Rinde,
Rundung und Blatt meiner Worte.

Aus: Die Sonette an Orpheus / Zweiter Teil

 

Spiritus heißt auf lateinisch Hauch, Atem, Geist. Spiro bedeutet: Ich atme. Die Kirchen der Christen sind seit jeher Orte, die sich vor der Natur verschließen. Ich habe nie erlebt, dass ein Kirchenfenster geöffnet wurde, und ich habe auch nie erlebt, dass sich ein Singvogel in die Kirche verirrt hätte. Unvorstellbar, dass er dort gezwitschert hätte.

In seiner Predigt sagt Woelki: „Solange ich atme, hoffe ich.“ Das ist ein Satz von Cicero, der überall zitiert wird – auch im Internet. In Corona-Zeiten hätte Woelki den Satz nicht sagen dürfen. Gewiss werden einige schwer an Corona Erkrankte dadurch gerettet, dass sie künstlich beatmet werden. Aber vielleicht sind in Italien und Spanien viele schwer erkrankte Menschen gerade deshalb gestorben, weil sie (vorschnell) intubiert wurden, denn auf  ​“den Intensivstationen ist die künstliche Beatmung der Hauptrisikofaktor für Infektionen“ mit Krankenhauskeimen. https://studium.hs-ulm.de/de/Seiten/News_LED_Licht_gegen_Keime.aspx?SearchCategory=HochschulNews; 

Wie man mit dem Internet spielerisch umgehen kann und dabei wirklich auf die Menschen zugehen und sie hoffnungsvoll stimmen, demonstriert Eugen Drewermann in seiner Friedensrede zum virtuellen Ostermarsch, zu dem das Netzwerk Friedenskooperative aufgerufen hatte.

 

Lieber Herr Drewermann, was Sie nicht wissen können: Ich bin eben jene Besucherin Ihrer Lesung am 18.10.2018 in der Kölner Kirche St. Peter, an die Sie sich vielleicht noch erinnern, weil diese Besucherin ungewöhnlich hartnäckig war. Ich rede von einer Veranstaltung  der Karl-Rahner-Akademie mit dem Titel Der Mensch braucht mehr als nur Moral, die man in die Kirche verlegt hatte, weil sich so viele Besucher angemeldet hatten. Wir alle wollten Ihnen einmal wirklich (und nicht digital) begegnen. Sie jedoch wollten direkt nach der Lesung durch einen Seitenausgang verschwinden, aber ich stand da und bat Sie, mir ein Autogramm in ein Buch zu schreiben. Das Buch heißt „Von Tieren und Menschen“ und ist mir von allen Ihren Büchern das liebste. Ich wollte (und sollte) es wenige Tage später meiner Tochter zum 23. Geburtstag schenken – mit Autogramm. Sie waren so freundlich, aber wie das so ist, standen mit einem Mal viele Menschen da und baten Sie um ein Autogramm. Ich weiß, Sie haben den Zug noch bekommen.

 

 

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Foto: Hans Manfred Schmidt

Ich erlaube mir, aus dem Buch zu zitieren. An einer Stelle erzählen Sie von einem Bonobo-Affen, der sich selbst in der Gefangenschaft seinen Spieltrieb und seine Lebenslust nicht hat nehmen lassen. Ein hoffnungsvoller Text!

Es gibt das komplette Buch als PDF-Datei im Internet https://epdf.pub/von-tieren-und-menschen-moderne-fabeln.html, aber es ist natürlich viel schöner, ein wirkliches Buch, in das der Autor bei Gelegenheit sein Autogramm schreiben kann,  in den Händen zu halten:

„… Eine kleine Begebenheit, die sich vor Jahren zugetragen hatte, tauchte vor mir auf: Im Primatenhaus des Frankfurter Zoos hält man eine Gruppe von Bonobos. An dem Nachmittag, da ich es betrat, wurde gerade ihr Gehege gereinigt, ein steinernes Gefängnis, in dem ein paar an Ketten aufgehängte Reifen und etwas Heu den Tieren die Erinnerung an die uppige Pracht des tropischen Regenwaldes ersetzen sollten. Abgestuft zu dem Gitter hin erstreckte sich ein mit bläulichen Fliesen belegter Fußboden, noch feucht von dem Aufnehmer, der vor kurzem säubernd darüber hingegangen sein mußte. Es war dies der Umstand, den einer der jungen Schimpansen sich zu Nutze zu machen wußte. Er hatte entdeckt, wie schlüpfrig der Boden unter seinen Füßen war. An der einen Seite der Wand stieß er sich mit behendem Schwung ab und schlinderte auf einem Fuß zu der gegenüberliegenden Wandseite hinüber, dann wieder umgekehrt, mit sichtlicher Freude. Elegant hob das Äffchen beim Schlindern jeweils das eine Bein, um ein Jungtier, das vor ihm am Boden hockte, nicht zu gefährden; ebenso possierlich wie rücksichtsvoll glitt es an ihm vorüber. Das ganze Wesen dieses Tieres sprühte vor Glück. Äußerlich hatte man ihm alles genommen und vorenthalten. Nie in seinem Leben hatte es die Wipfel eines der Urwaldriesen seiner Heimat gesehen, niemals auch nur in einem richtigen Nest aus Lianen und Zweigen geschlafen, niemals hatte es die feuchtwarme Luft des Äquators geatmet; in seiner lebenslänglichen Haft mußte ihm alles wie fremd und wie ungeeignet erscheinen. Und doch hatte es sich seinen Spieltrieb und seine Freude bewahrt. Sein Leben lang war es gewohnt, bei allem, was es tat, von Hunderten fremder Augenpaare bestaunt und begafft zu werden; aber das schien ihm nichts auszumachen. Bei allem, was es tat, ruhte es in sich selbst. Dieses Affenkind unternahm nichts, um seinen Betrachtern zu gefallen. Es genoß ganz einfach den kurzen Augenblick seines zufälligen Glücks.

Die Treppen waren nicht geschrubbt worden, um sie zum Schlindern glitschig zu machen; in wenigen Minuten schon würden sie wieder trocken genug sein, um dem Spaß ein Ende zu setzen; doch bis dahin nutzte der junge Bonobo seine Chance. Hernach spielte er

wieder mit seinen Geschwistern und Kameraden das übliche Fangen, Hüpfen und Purzelbaumschlagen, lauter Vergnügungen, die nichts weiter kosteten als die Lust am eigenen Körper und die Phantasie gemeinsamer Unterhaltung.

Uns Menschen, so sagt man, trennten von einem Schimpansen weniger als nur zwei Prozent des genetischen Codes; so nah stünden wir einander. «Das fehlende Glied zwischen Affe und Mensch – sind wir selbst.» Diesen Satz aus den Wiener Vorlesungen von KONRAD LORENZ hat BERNHARD GRZIMEK an die Wand des Primatenhauses seines Zoologischen Gartens schreiben lassen. Gewiß, wir sind noch immer unterwegs nach uns selbst. Wie aber sollen wir jemals zu wirklichen Menschen werden, wenn wir selbst unsere Kinder dem Schönsten entfremden, was die Natur uns geschenkt hat: der Gabe, das Leben spielend zu lernen und es in Freude zu Ende zu spielen, gleichgültig, wie viel auf dem Weg man uns nimmt?…“

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