Elfchen im Sechsten: Die Apotheke hilft

 

Die Apotheke vor Ort ist für viele Menschen ein Stück Heimat.“ (Jens Spahn)

 

Paracetamol

500 mg

Die Apotheke hilft

ist ein schmerzstillendes, fiebersenkendes

Arzneimittel.

 

Das Elfchen des Monats ist diesmal kein wirkliches Elfchen, sondern ein abgeschriebener Satz mit elf Wörtern. Der Satz steht Wort für Wort genau so auf dem Beipackzettel „Gebrauchsinformation: Information für Anwender“ des Schmerzmittels „Paracetamol 500 mg Die Apotheke hilft“. Hersteller: Fair-Med Healthcare.

Vor einem Jahr hat der Apotheken-Großhändler Noweda mit Die Apotheke hilft ein neues Eigenmarkenkonzept gestartet. Die Apotheke hilft ist ein Versuch, die Kunden an die Apotheken vor Ort zu binden. Das ist wichtiger denn je, denn wenn „das E-Rezept kommt“, werden noch viel mehr Patienten ihre Rezepte bei den Internet-Apotheken einreichen. Das mag ja praktisch sein, doch „gesund“ ist es nicht. Das persönliche Beratungsgespräch vor Ort zwischen Apothekerin (meistens ist es ja eine Frau) und Patient oder Patientin ist gerade bei den in der Regel wirkungsvollen, aber auch nebenwirkungsreichen rezeptpflichtigen Medikamenten meiner Meinung nach unersetzbar.

(Zur Erinnerung: Alle noch so gut gemeinte pharmazeutische Beratung hat ihre Grenzen, vor allem dann, wenn es um den Verkauf neuer Medikamente geht, deren Langzeitwirkung niemand kennt. Das Schlafmittel Contergan war vom Pharmakonzern Grünenthal als „sicher“ auf den Markt gebracht, von den Ärzten als „sicher“ empfohlen und von den Apotheken als „sicher“ verkauft worden. Unter den schwangeren Frauen, die es nahmen, waren viele, die den Zweiten Weltkrieg mit seinen entsetzlichen Bombennächten als Kinder oder Jugendliche miterlebt hatten und ihr weiteres Leben lang unter massiven Schlafproblemen leiden sollten. Als Contergan 1959 auf den Markt kam, unterschätzte man (und ignorierte man lange) die möglichen „Nebenwirkungen“, so dass Contergan nicht einmal rezeptpflichtig war.)

Schon jetzt können Rezepte bei den Internet-Apotheken eingereicht werden, allerdings nur per Brief. Wenn demnächst das Rezept digital übermittelt werden kann und man nicht einmal mehr einen Briefkasten ansteuern muss (den man ohnehin kaum noch findet), dürften vor allem die Internet-Apotheken profitieren. Insbesondere Laufkunden, die nur gelegentlich Medikamente kaufen und keine Stammapotheke haben, werden ihre Rezepte im Internet einlösen.

Bis dahin wird sich eine Internet-Apotheke als die Online- Rezeptapotheke empfohlen haben: Marktführer DocMorris, der selbsternannte „Gesundheitsdienstleister“, ein Unternehmen mit Sitz in Heerlen, einer niederländischen Stadt ganz in der Nähe von Aachen. Bereits bevor „Das E-Rezept kommt!“ (DocMorris – Plakatwerbung im April 2020), darf DocMorris in ganz Deutschland so werben, als wäre das E-Rezept bereits eingeführt. Frei nach dem biederwitzigen Motto „Fortschritt stellt sich nicht in Warteschlangen. Jetzt bei DocMorris bestellen!“ schaltet DocMorris die Ampel auf (Plakatfarbe) Grün. Der Versand rezeptpflichtiger Medikamente ist bei DocMorris übrigens kostenlos. Dass das erlaubt ist, wundert mich, denn es verschafft dem Unternehmen einen indirekten Wettbewerbsvorteil gegenüber den ortsansässigen Apotheken. (Meiner Meinung nach müsste man auch auf den kostenlosen Amazon-Buchversand eine Art Schutzgebühr erheben.)

Der Unternehmens-Name DocMorris, der direkt ins Ohr geht, spielt phonetisch mit dem bekannten Namen eines international agierenden Erfolgsunternehmens, des umsatzstärksten Fast-Food-Konzerns der Welt: McDonalds. (DocMoMcDo) Auch als Sponsor ist und war DocMorris aktiv, nicht nur regional (etwa für ein paar Jahre beim Fußballverein Alemannia Aachen), sondern auch überregional. Wenn man dabei mit den großen Parteien liebäugelt, noch dazu im Jahr der Bundestagswahl, erzielt man allerdings nicht nur mediale Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen – bei der Konkurrenz.

So berichtete die Deutsche Apothekerzeitung im Wahl-Jahr 2017: „Die Junge Union Bayern bekam am vergangenen Wochenende viel Aufmerksamkeit, weil sie den Rücktritt von CSU-Parteichef Horst Seehofer forderte. Von dieser Medienpräsenz profitierte auch DocMorris, weil viele Teilnehmer der JU-Landesversammlung in Erlangen „Schlüsselbänder“ um den Hals trugen, auf denen das DocMorris-Logo zu sehen war – auch auf Fotos und im Fernsehen. Dabei gehört die CSU zu den größten Verfechtern eines Rx-Versandverbots.https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2017/daz-45-2017/docmorris-sponsert-junge-union-bayern  Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn enge Beziehungen zu DocMorris (inklusive diverser medienwirksamer Gockelkriege) unterhält, ist kein Geheimnis.

Vom Koalitionspartner ins Boot geholt zu werden, ist natürlich ebenso wichtig. Die Internet-Nachrichtenseite des Apotheken-Versicherers Aporisk erinnerte im Jahr 2017 daran, dass die „SPD mit DocMorris auf Spargelfahrt“ war. Der Eintritt in die geschlossene Gesellschaft kostete DocMorris kaum mehr als eine Art Trinkgeld, das gerade mal für 600 (geschätzte Teilnehmer-Zahl 2019 laut Tagesspiegel) Portionen Spargel gereicht haben dürfte:

„Das ZDF-Politikmagazin Frontal 21 beschäftigt sich heute Abend mit den Grenzen des legalen Parteisponsorings: Unternehmen und Lobbygruppen könnten gegen Zahlung von 3000 bis 7000 Euro Treffen mit SPD-Ministern, Staatssekretären und Parteifunktionären buchen, heißt es in der Ankündigung. Dazu lägen Frontal 21 Angebote und ein Kostenvoranschlag zu sogenannten Vorwärts-Gesprächen vor. In einer Szene taucht auch DocMorris neben anderen Firmen als Sponsor der traditionellen SPD-Spargelfahrt auf.“ https://aporisk.de/apotheker-nachrichten-politik-48600.html

Ich bin geneigt, die Geschichte als Provinz-Posse abzutun, aber es geht um unser aller Wohl bzw. Unwohl. Höchstwahrscheinlich war das Haupt-Thema der „Vorwärtsgespräche“ schon vor drei Jahren das E-Rezept. Den größten Umsatz erwirtschaften die Apothen nun mal durch den Verkauf rezeptpflichtiger Medikamente. Das E-Rezept könnte auf Dauer dazu führen, dass die ortsansässigen Apotheken nur noch Medikamente verkaufen, die nicht rezeptpflichtig sind. Dazu gehören Mittel gegen leichte und mittelstarke Schmerzen, die keine Apothekenpreise kosten, sondern vergleichsweise billig sind. Beim Verkauf von Paracetamol, Aspirin oder Ibuprofen etwa geht es weniger darum, Geld zu machen. Doch die Apotheker wissen, dass die Leute dort, wo sie rezeptfreie Medikamente kaufen, auch ihre Rezepte einreichen.

Manchmal hat man in der Apotheke eine schöne Begegnung. Eine freundliche junge Apothekerin hat mir, nachdem wir uns trotz Mundschutz gut unterhalten hatten, den Beipackzettel für Paracetamol Die Apotheke hilft geschenkt, ohne dass ich das Medikament (für knapp 2 Euro) kaufen musste. Eigentlich wollte ich ihr eine unangebrochene Schachtel Paracetamol zurückbringen, die ich selber nur wegen des Beipackzettels gekauft hatte, den ich dann blöderweise auch noch verschusselt hatte. „Ich selber nehme Medikamente nur zur Not, obwohl ich in der Apotheke arbeite“, sagte die junge Frau. Ich stimmte ihr zu und ergänzte: „Vielleicht auch, weil Sie in der Apotheke arbeiten.“ Die Tabletten hat sie leider nicht zurück genommen. Die vergammeln jetzt in einer Schublade, weil ich sie nicht in den Müll werfen will. Erst recht will ich es nicht wie die meisten machen: Die Tabletten im Klo runterspülen. Das verpacken die robusten Ratten, aber es schadet dem ohnehin schon schwer verunreinigten Wasser.

Fatal, wie ich finde: Es kann doch nicht angehen, dass es in einem Land wie Deutschland, wo Mülltrennung und Entsorgung einigermaßen gut funktionieren, keine Sondermüllabgabe-Möglichkeit für Medikamente (inklusive „Pille“ und Antibiotika) gibt. Und warum nicht die Abgabe von Restmedikamenten belohnen? Bitte handeln, Herr Spahn!

Auf dem Beipackzettel für „Paracetamol 500 mg Die Apotheke hilft“ steht zig Mal der Zusatz „Die Apotheke hilft“. Er klingt wie eine sanfte Beschwörung. Die damit verwandte Einflüsterung „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ haben wir längst verinnerlicht: Vertrauen Sie uns, wir sind immer für Sie da.

Die Apotheke hilft mutet altmodisch an. Vielleicht haben sich die Werbetexter von Ingeborg Bachmanns berühmtem Gedicht „Reklame“ inspirieren lassen, das von der Umgarnung durch Werbung erzählt. Dass Werbung einmal allgegenwärtig werden und unsere Köpfe komplett besetzen sollte, konnte Ingeborg Bachmann nicht ahnen.

 

Ingeborg Bachmann, „Reklame“ [1956]

Wohin aber gehen wir

ohne sorge sei ohne sorge

wenn es dunkel und wenn es kalt wird

sei ohne sorge

aber

mit musik

was sollen wir tun

heiter und mit musik

und denken

heiter

angesichts eines Endes

mit musik

und wohin tragen wir

am besten

unsre Fragen und den Schauer aller Jahre

in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge

was aber geschieht

am besten

wenn Totenstille

eintritt

P1050327

Meine Heimatstadt Bottrop im Corona-Frühjahr 2020.  Die Äskulapnattern sind blank poliert, die „Alte Apotheke“ hat einen neuen Namen und eine junge neue Inhaberin, die bei der Geschäftseröffnung im Jahr 2018 sagte: „Ich habe eine komplett reine Weste.“ (apotheke-adhoc.de)

Der Bottroper „Skandal“ um die „Alte Apotheke“ war kein bloßer Apothekenskandal, sondern brachte allgemeine Missstände im deutschen Gesundheitssystem zutage. Offensichtlich gibt es Blockaden in der Kommunikation zwischen Ärzten, Apotheken, Aufsichtsbehörden und Krankenkassen, die sich normalerweise nicht bemerkbar machen, aber unter Umständen katastrophale Folgen haben. Warum ist den behandelnden Ärzten nicht aufgefallen, dass die Krebsmittel, die der Apotheker Peter Stadtmann zubereitet hatte, gestreckt sein mussten, wo doch die Chemotherapie bei den betroffenen Patientinnen und Patienten nicht anschlug, aber auch nicht die üblichen schweren Nebenwirkungen hatte?

Auch die Aufsichtsbehörden haben im Fall Stadtmann nicht „sauber“ gearbeitet. Wie berichtet wird, haben sowohl im Zyto-Labor der Apotheke als auch in den angrenzenden Räumen keine ausreichenden Hygiene- und Sicherheitskontrollen stattgefunden. Wie kann es angehen, dass in einem Kellerraum des Apothekenhauses abgelaufene Krebsmedikamente „rumfliegen“, so wie bei anderen Leuten vergessene eingelegte Gurken (oder- wie bei mir- Schmerztabletten) vergammeln? Es ist wichtig, dass unsere privaten Keller geschützt sind, aber der Keller einer Apotheke mit Zyto-Labor ist kein privater Keller. Hier geht es um uns alle.

Peter Stadtmann hat ein schweres Verbechen begangen. Viele „seiner Opfer“ hätten durch die „Gabe“ verlässlich und korrekt dosierter, auf sie zugeschnittener Krebsmittel gerettet werden können. Wie viele, kann niemand sagen.

Der Fall verdeckt allerdings die Schattenseite der Chemotherapie. Eine hoch dosierte Chemotherapie ist -so wird suggeriert- das Krebs-Heilmittel schlechthin. Doch genau das ist ein Irrtum. Gerade ältere krebskranke Menschen werden auch dann noch hoch dosiert chemotherapeutisch behandelt, wenn absehbar ist, dass es vielleicht ihr Leben verlängert, aber ihr Leiden nur noch verschlimmert. Mit der Möglichkeit, radikalste therapeutische Mittel ohne großes Zögern einsetzen zu können, maßen sich die Ärzte Macht über Leben und Tod an. Dabei spielen sie (fahrlässig, wie ich finde und miterlebt habe) mit der Hoffnung der Patienten und ihren Angehörigen auf Genesung. Ein weiterer Grund für das verbreitete Zuviel an Therapie ist der satte Gewinn: Mit der Krebstherapie, aber auch mit der vorausgehenden und begleitenden Diagnostik, wird leider viel zu viel Geld verdient.

Als meine Mutter im Jahr 2001 an Lungenkrebs erkrankte, hatte sie einige Kilos abgenommen, aber noch keine Symptome, abgesehen von einem gelegentlichen hartnäckigen Husten. Als sie dann, weil der Husten nicht verschwand, zum Arzt ging, hörte sie schon beim Erstbesuch ein Wort, das ihr (und uns Kindern) nicht mehr aus dem Kopf gehen sollte: „Palliativ.“ Eine knallharte Prognose, die der Arzt -salopp gesagt- meiner Mutter wie nebenbei an den Latz knallte. Während der aggressiven Therapie, die man meiner Mutter dennoch dringend empfohlen hatte (hoch dosierte Chemotherapie und Bestrahlung), verkleinerte sich der Tumor zwischenzeitlich, aber ihr allgemeiner Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Die Nebenwirkungen der Therapie überwogen die positiven Wirkungen bei weitem. Wahrscheinlich als Nebenwirkung der Chemotherapie bekam meine Mutter noch eine Osteoporose und brach sich einen Rückenwirbel, was äußerst schmerzhaft war.

Wohlgemerkt: Alle Ärztinnen und Ärzte haben damals „nur nach Vorschrift“ und in bester Absicht gehandelt. Allerdings sind sie nicht die „Halbgötter in Weiß“, die die Patienten und Patientinnen (darunter meine Mutter) aus ihnen machen. Im Gegenteil: Leider wenden Ärztinnen und Ärzte die aggressiven und unberechenbaren Behandlungsmethoden, die ihnen zur „freien“ Verfügung stehen, oft willkürlich an. Sie wissen, so scheint es, schon lange nicht mehr, was sie da tun. Hinzu kommt, dass die Ärzte im Kontakt mit den Patienten in (unbewusste) Panik geraten. Die Gleichgültigkeit der Mediziner, so habe ich es empfunden, ist bloße Fassade. Die allzu menschliche Angst vor Krebs ist vermutlich bei denen am größten, die jeden Tag mit der Krankheit zu tun haben: Bei den Onkologen.

Eine Bemerkung möchte ich noch zum Schmerzmittel Paracetamol machen, das in niedriger Dosierung sogar für Kinder ab vier Jahren empfohlen wird. Eine im Internet angebotene Variante des Schmerzmittels trägt einen Namen, bei dem jeder an ein Gutenachtküsschen denkt: „Paracetamol bussimed“… Wenn das mal keine Alpträume bringt…

 

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