Kein Abstrampeln für die Klimapolitik der Stadt Köln: Kapitänin von Stellwerk60-Team SattelFest verabschiedet sich vom Stadtradeln

Vor einer Woche hat in Köln das diesjährige Stadtradeln begonnen, eine bundesweite Großveranstaltung des Netzwerks Klimabündnis. Im Klimabündnis haben sich im Jahr 1990 zahlreiche Städte, Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen und sich verpflichtet, das „Weltklima zu schützen“.

Stadtradeln ist eine Mitmach-Aktion, die zum Klimaschutz beitragen soll. Die Spielregeln: Während eines Zeitraums von drei Wochen steigen Menschen vom Auto auf’s Fahrrad um und zählen per Internet die Kilometer, die sie radelnd zurücklegen. Stadtradeln ist eine pfiffige Idee, wie ich finde, aber doch nur eine symbolische Aktion. Denn was hilft es, wenn wir nach den drei Wochen (fast) alle wieder ins Auto steigen? Stadtradeln beschert uns lediglich ein gutes Gewissen – Jahr für Jahr.

Es ist eine Anmaßung zu meinen, wir Menschen, die wir die Klimakatastrophe verursacht haben, könnten das Weltklima schützen! Ich denke, es geht viel mehr darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen. Wir müssten jetzt die Notbremse ziehen. Denn wenn „das Haus brennt“ (Greta Thunberg), kann man es nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Da hilft nur eines: Löschen.

Nachdem der Rat der Stadt Köln im Mai Grünes Licht gegeben hat für die Bebauung des Äußeren Grüngürtels mit FC-Trainingsanlagen, habe ich das Vertrauen in die aktuelle Kommunalpolitik verloren. Schließlich hat die Stadt Köln vor einem Jahr -wie viele andere Kommunen auch- den „Klimanotstand“ ausgerufen. „Klimanotstand“ heißt: Der Schutz des Klimas hat absolute Priorität. Demnach sind alle kommunalen politischen Entscheidungen dem Klimaschutz unterzuordnen. Mit dem JA zur Bebauung verstößt die Stadt Köln gegen die Regeln, die sie selber aufgestellt hat.

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Ich liebe meine Stadt, ich fahr Rad, aber ich mach nicht mehr mit…

Im Grußwort zum Kölner Stadtradeln schreibt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln und Schirmherrin der Aktion, beschwichtigende Sätze: „Der Umstieg vom Auto auf’s Rad ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel: bereits vor 2050 wollen wir klimaneutral sein.“ Ein frommes, zahmes, aber meines Erachtens grob fahrlässiges Versprechen mitten im Kommunal-Wahlkampf. Natürlich lassen wir Menschen uns gerne beruhigen, aber die Rettung der Welt können wir nicht auf 2050 verschieben.

Am bundesweiten Stadtradeln, das seit 2008 veranstaltet wird, nimmt die Stadt Köln seit 2016 teil. Ich habe im Jahr 2016 gemeinsam mit Nachbarin Annette Dauberschmidt das Team Stellwerk60 – SattelFest gegründet. Doch am Ende der drei Wochen war ich alleinige Teamkapitänin, denn Annettes und meine Vorstellungen gingen weit auseinander. Annette wollte ein kleines, überschaubares Team, ich ein großes.

Auf diese Weise wollte ich auf unsere Siedlung aufmerksam machen. Dass Köln mit Stellwerk 60 eine autofreie Siedlung hat, ein bau- und klimapolitisch zukunftsweisendes Projekt, ist in der Stadtspitze -während Besuchergrupen aus aller Welt anreisen, u.a. aus Japan und den USA- niemals angekommen. Vom Spiel-Ehrgeiz gepackt, schaffte ich es tatsächlich, dass wir im Jahr 2016 mit 135 Radlerinnen und Radlern das zweitgrößte Kölner Team wurden und bei der offiziellen Siegerehrung im Rathaus „auf dem Treppchen standen“.

Im Jahr 2020 ist alles anders. Auch beim Stadtradeln gibt die „Gesundheit“ die Richtung vor. So verkündet das Klimabündnis auf stadtradeln.de: „Nicht nur wir, sondern auch das Bundesgesundheitsministerium ist überzeugt, dass das Fahrrad das sinnvollste Verkehrsmittel für die verbleibenden unvermeidlichen Wege ist – sei es zum Einkaufen oder zur Arbeit….“ Der Text enthält nicht nur einen peinlichen Grammatikschnitzer, „… nicht nur wir…  ist überzeugt…“, sondern kommt furchtbar verkrampft daher.

Wenn ich Rentner Alf Kroll, der drei Mal hintereinander in der siedlungsinternen Wertung das Gelbe Trikot erkämpft hat, ohne kämpfen zu müssen, etwas von den „verbleibenden unvermeidlichen Wegen“ erzählen würde, würde Alf lachen, denn er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, der nicht nur das Radeln liebt, sondern auch die guten Radwege, von denen es europaweit (nicht nur) in den schönsten Landschaften immer mehr gibt und auf denen es große Freude macht zu fahren.

Das Miteinander, das das Stadtradeln eigentlich ausmacht, fällt in diesem Jahr aus. So rät das Klimabündnis „derzeit davon ab, das STADTRADELN 2020 mit gemeinsamen Radtouren, Auftaktveranstaltungen oder anderen Aktionen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, zu flankieren.“ (stadtradeln.de) Team-interne Siegerehrungen, so legt man uns nahe, sollen auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

Offensichtlich sind dem Klimabündnis die selbstorganisierten, letztendlich nicht kontrolllierbaren „Aktionen“ suspekt. Auf diese Weise verödet allerdings das Stadtradeln, denn es mutiert zu einer Art Computerspiel mit Echt-Anteil: Jede(r) fährt für sich allein und trägt KIlometer ein. Wie langweilig. Da kann man, so denke ich, gleich auf dem Standfahrrad fahren. Auf diese Weise schützt man sich nicht nur vor Regen, sondern erspart sich auch die verbleibenden unvermeidlichen Wege.

Wie traurig: Es ist, als würde man einem Vor- oder Grundschulkind, das einen Schwimmkurs besuchen will, sagen: „Das geht jetzt nicht, du darfst nicht mit anderen Kindern ins Wasser, denn wir sind von Corona bedroht und müssen aufpassen. Du kannst nicht ins Schwimmbecken, denn im Wasser wimmelt es vor Viren. Aber du kannst trockenschwimmen. Du brauchst nur den schönen neuen Computer anzustellen, den wir uns extra für deinen Schulunterricht angeschafft haben. Da bietet man digitale Schwimmkurse an.“

Huch! Dass die Kinder in den letzten Monaten solche oder ähnliche Sätze tatsächlich zu hören gekriegt haben, habe ich soeben gelesen. Mittlerweile finden zwar in Deutschland wieder Schwimmkurse (im Wasser!) statt, aber Ringe und Schwimmnudeln etc. sollen die Kinder (in der Regel) von zu Hause mitbringen. Außerdem vertreten die Eltern vielerorts die Schwimmlehrer und müssen mit den Kindern ins Becken! Ist das alles noch wahr? Nebenbei gesagt: In Schweden, wo die Grundschulkinder in den letzten Monaten nicht nur uneingeschränkt die Schule, sondern auch Schwimmkurse besuchen konnten wie eh und je und dabei viel Wasser geschluckt haben, weil es nun mal dazu gehört, ist meines Wissens kein Kind besorgniserregend erkrankt. Schwimmen ist eine Kulturtechnik und (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Zurück zum Stadtradeln: Wieder einmal ist die Corona-Politik ein Angriff auf unsere Lebensfreude. Ob am Rhein, am Ballermann oder im Karneval: Genuss macht sich gerade da verdächtig, wo man ihn sich noch leisten kann. Und weil es derzeit so gut ankommt, verkauft man uns das zurechtgestutze Radeln noch als Gesundheitsmaßnahme. Auf einen Artikel auf spiegel.de mit dem Titel „Warum Fahrradfahren gleich doppelt schützt“ weist stadtradeln.de mit folgendem Link hin: Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens in Zeiten von Corona

Unter dieser Formulierung verbirgt sich ein sentimentaler Romantitel, den wir alle im Ohr haben: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Der Autor des Romans ist der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. (Ob der Roman so schwülstig ist, wie der Titel suggeriert, weiß ich nicht, denn Ich habe ihn nicht gelesen.)

Das Radfahren „in Zeiten von Corona“ –  „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Die Ähnlichkeit scheint gewollt. Ich fürchte, da war ein psychologisch geschulter textender Schlaumeier bzw. eine Schlaumeierin am Werk. Ich fremdschäme mich sehr.

So weh der Abschied tut: Da das Stadtradeln zu einer spießig-autoritären Veranstaltung mutiert ist, die indirekt auch noch für die katastrophale Klimapolitik der Stadt Köln wirbt, steige ich als Teamkapitänin aus.

 

Ergänzung 31.8.: In der Wertung von Stadtradeln Köln liegt am 10.Tag mit 136 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 14.909 bislang geradelten Kilometern aktuell ein Team mit wohlklingendem Namen vorne, dessen pole position Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erfreuen dürfte: „Gesunde Uniklinik Köln“.

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