Corona-Elfchen: Schöne Aussicht (Bellevue)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist mir nicht unsympathisch. Beeindruckt war ich (wie viele andere Menschen auch), als Steinmeier im Jahr 2010 seiner schwerkranken Ehefrau Elke Büdenbender eine Niere gespendet hat. Er ist, wie es scheint, ein eher sanftmütiger Mann, der in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge schlägt, ganz anders als etwa Markus Söder (Bayern) oder Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen), zwei Ministerpräsidenten, mit denen neuerdings der Donald durchgeht.

Ich denke da insbesondere an Laschets berühmt gewordenen autoritären „Weihnachtssatz“. Ende November hatte er in der „Welt am Sonntag“ gesagt: „Es wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben.“ Laschet, so lese ich bei wikipedia, wurde als Student Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KDStV Aenania München und KDStV Ripuaria Bonn. Beide Verbindungen, denen ausschließlich Männer beitreten können, sind autoritär strukturiert. Zwar sind diese Männerbünde ausdrücklich „nichtschlagend“, doch wie wir wissen, können auch und gerade Worte verletzen. Verbale Schmisse sitzen tief – und die Narben sind unsichtbar.

Später hat Laschet nach öffentlicher Kritik den Satz „relativiert“. Im ZDF-„heute-journal“ sagte er: „Natürlich ist es auf Lesbos schlimmer und natürlich ist es in Afrika in Elendsvierteln schlimmer. Das ist ja alles wahr. Aber die Botschaft ist: Dieses Weihnachten wird anders sein als alle Weihnachten, wie wir sie kennen. Es wird Verzicht bedeuten.“ Höre ich da eine klammheimliche Freude durch?

„Verzicht“ war auch eine Botschaft der diesjährigen Weihnachtsansprache von Bundespräsident Hans-Walter Steinmeier. Ich gucke mir die Rede, gehalten am 1. Weihnachtstag, ein paar Tage später im Internet an. Diesmal, im Corona-Jahr, wirkt Steinmeiers Auftritt im Schloss Bellevue fast surreal.

Ausstattung und Bühne sind betont schlicht: Steinmeier hält die Rede im Stehen, er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Anzug, eine graugemusterte Krawatte, am Revers die Anstecknadel des Großen Bundesverdienstkreuzes. Die Brille ist mattrandig, das Puder reichlich dick aufgetragen. Nur das Brillenglas glänzt (der Zuschauer achte auf den weißen, sich auf dem Brillenglas hin- und herbewegenden Punkt). Die Fahne mit übergroßem Bundesadler ist nicht gehisst, sondern fungiert am rechten Bühnenrand als eine Art Vorhang. Der Baum, eine Tanne, ist einfach dekoriert. Rote Kugeln an roten Bändern, weiße Kerzen in einfachen Kerzenhaltern. Ein Kronleuchter im Hintergrund, einziges Luxusstück, ist ebenfalls mit weißen (echten?) Kerzen bestückt.

Hier wird nicht geprotzt, so will man uns sagen. Auf Schloss Bellevue ist alles anders als in Washington D.C., wo die luxus- und dekorationsverliebte First Lady Melania einmal unzählige Weihnachtsbäume bringen ließ, um das Weiße Haus in einen leuchtenden Nadelwald zu verwandeln. Nein, hier sind neben dem Wachpersonal viele fleißige ungenannte Helferinnen und Helfer am Werk, die den Bundesfundus, da alles ordentlich gelistet ist, gut kennen, und die ganz genau wissen, in welcher Kiste sie die alten, vielfach benutzten Strohsterne finden, die alle Jahre wieder den wichtigsten deutschen Tannenbaum schmücken und der ganzen zugeschalteten Welt zeigen, wie redlich, wie ehrlich, wie tüchtig und bescheiden wir Deutsche doch sind.

Steinmeier sagt, dass sich in der Krise gezeigt habe, „wie viel wir doch miteinander bewegen können“. Was und wen er mit „miteinander“ meint, ist mir nicht ganz klar. Steinmeier redet in einem schnurrenden, einlullenden Ton. Der Mann hat keine Mimik. Ziemlich steif steht er da. Überhaupt ist die Szenerie unbeweglich. Befindet sich Steinmeier vor einer Fototapete? Doch jetzt…. flackert eine Kerze, dann zwei, dann… Irgendwo in Bellevue muss jemand ein Fenster geöffnet haben, um stoßzulüften und das Virus zu vertreiben…

Denn das Virus hat keinen Respekt vor der Macht und schon gar nicht vor älteren mächtigen Männern. Und es kennt, wie eine angstvolle Angela Merkel schon zu Ostern gesagt hat, keine Feiertage. Doch ihre Angst ist, so denke ich, eigentlich weniger eine Angst vor dem Virus als eine Angst vor dem Verlust von Privilegien und Macht, eine Angst vor der Klimakatastrophe und der Weltwirtschaftskrise.

Angela Merkels bieder-spitzfindige Personifizierung des Virus‘, das keine Feiertage kennt, hat der allzeit abwehrbereite Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, der aktuelle Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes und Präsident des CPME in Brüssel, Talkshow-Dauergast Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, in der TALKSHOW „MAYBRIT ILLNER“ aufgegriffen und weiter zugespitzt: „Das Virus kennt kein Weihnachten, keinen Ramadan und kein Chanukka, es kennt nur Opfer.“

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie politische Propaganda funktioniert, wie versucht wird, Menschen zu entmündigen und -insbesondere durch Text und Bild- zu manipulieren, aber ich verschiebe es auf später und werfe meinen Blick zurück nach Bellevue…

Das Fenster scheint wieder geschlossen zu sein, das Virus vertrieben, denn alles ist still. Unheimlich still, unwirklich still, windstill….. Hier in Bellevue spürest du kaum einen Hauch…

Im

Schloss ist

Ruh‘. Still brennen

Die Kerzen, schweige auch

Du

Ausblick:

Die Lage ist ernst, doch dank Impfung nicht hoffnungslos, wie uns Frank-Walter Steinmeier mit ernster, versteinerter Miene in seiner Weihnachtsansprache erzählte.

Doch ein paar Tage nach Weihnachten wurde es rund um Schloss Bellevue richtig neckisch und lustig. Ein PR-Berater muss zu Steinmeier gesagt haben: „Frank-Walter, in deiner Rede gab es einen Mangel an Wärme. Wir müssen das „Wir-Gefühl“ stärken. Erinnerst du dich an den alarmierenden Satz, den du vor zwei Wochen gesagt hast?“

Steinmeier zuckt die Achseln: „Wie war der noch, der Satz?“

Der PR-Berater klärt Steinmeier auf. „Dein Satz lautete: Die Lage ist bitterernst.“

Steinmeier reckt den Daumen und lacht: „Guter Satz, oder?“

Jetzt lacht auch der PR-Berater: „Frank-Walter, so gefällst du mir schon viel besser. Aber jetzt, wo die Impfung beginnt und das neue Jahr vor der Tür steht, brauchen wir gute Laune für alle. Hast du vielleicht eine Werbeidee? Vielleicht könnte man sich direkt an die Menschen wenden. Auf keinen Fall per Twitter, da bringen dich die Leute mit dem Trump in Verbindung. Frank-Walter, wie wär’s mit Instagram?“

„Ja“, sagt Steinmeier. „So können wir auch Oma und Opa dazu ermuntern, sich endlich ein Smartphone zu kaufen.“

Der PR-Berater runzelt die Stirn: „Die Großeltern haben mittlerweile fast alle ein Smartphone, aber die gucken nur Enkelkinderfotos. Das ist das Problem. Oma will nur die WhatsApp und sonst keine. Das muss anders werden. Aber ich hab da eine Idee. Wir könnten es so machen wie der 1.FC Köln. Im Frühjahr, als der Kölner Zoo geschlossen wurde und der FC pausieren musste, da ist doch der Hennes zum ersten Mal Vater geworden.“

„Welcher Hennes?“, fragt Steinmeier. „Meinst du den Geißbock, der nach dem Hennes Weisweiler benannt ist, das Maskottchen vom FC? Aber warum ist der Hennes Vater geworden?“

„Das Problem ist“, sagt der PR-Berater, „dass die Fans den Kontakt zum Verein verlieren, wenn der FC nicht spielt. Der Hennes ist ja bei den Heimspielen dabei. Aber der lebt im Kölner Zoo.“ Kichert: „Im Kleinen Geißbockheim.“ Dass der Hennes Vater wurde, und der Hennes wollte, und zwar mit der Inge, das war eine super Werbe-Idee von der Stadt Köln und vom FC. Frank-Walter, wir haben kein Königshaus mit süßen Kleinkindern. Wir brauchen ein Tier.“

Und was las ich ein paar Tage später auf zeit.de?

„…. Berlin (dpa/bb) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sucht einen Namen für einen Fuchs, der regelmäßig durch den Park seines Amtssitzes Schloss Bellevue in Berlin streift. «Dürfen wir vorstellen? Der heimliche «Schlossherr» von Bellevue, dem es im Park des Berliner Amtssitzes sichtlich gut gefällt», schrieb Steinmeier am Montag auf seiner Instagram-Seite. «Eine Namenstaufe ist schon länger fällig, daher unsere Frage an Sie: Wie soll unser Schlossfuchs heißen?» Aus allen Vorschlägen werde Steinmeier einen Namen auswählen, hieß es weiter…“

Man wendet sich hier nicht an Grundschulkinder, was ja ganz lustig wäre. Nein, der Adressat, das sind wir, die Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik Deutschland. Wir sind das Volk, das selig verblöden soll.

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Dieses hübsche Weihnachts-Rotkehlchen hat mir meine Tochter aus Durham/UK mitgebracht. Carla, 21, die in Heidelberg Psychologie studiert, verbringt dort ein Erasmus-Jahr. Angesichts des Brexits wird sie zu den letzten „Studierenden“ gehören, die (in England) noch in den Genuss des klassischen Stipendiums kommen. Den Robin hat Carla im Handgepäck transportiert. Im Flugzeug waren auf dem KLM-Flug von Newcastle (Risikogebiet) nach Amsterdam (Risikogebiet) am 4.12. fast alle Plätze besetzt, die Passagiere saßen dicht bei dicht und hatten unvermeidlichen, aber lukrativen Körperkontakt. Als der Snack (Zitronenkuchen), der inklusive war, gereicht wurde, nahmen fast alle die Gesichtsbedeckungen ab. Das mutierte Virus, so habe ich mir sagen lassen, mag Kuchen. Solange der Rubel rollt bzw. das Pfund oder der Euro, kräht da kein Hahn nach, sage ich in Anspielung auf einen ganz anderen Vogel. 

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