13.12.2022: Dritter digitaler Stolperstein zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi

In den Städten sind sie überall zu finden, doch wir bemerken sie kaum. Wir laufen tagtäglich über sie hinweg, an ihnen vorbei. Doch manchmal „stolpern“ wir über sie, bringen sie uns dazu, stehenzubleiben und innezuhalten: Stolpersteine.

Stolpersteine sind kleine Gedenksteine, die man vor bestimmten Häusern in den Straßenboden eingelassen hat. Die Steine erinnern an bestimmte Menschen, die in diesen Häusern gelebt haben und ihr Schicksal mit all denen teilen, die in der NS-Zeit verfolgt, verhaftet, deportiert und ermordet wurden. Die Oberfläche jedes dieser Steine besteht aus einer Messingplakette, in die der Name des jeweiligen Opfers, sein/ihr Geburtsdatum und ein Hinweis auf sein/ihr Schicksal eingraviert sind.

Stolpersteine sind ein vor gut dreißig Jahren begonnenes Projekt des Künstlers Gunter Demnig. „Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

Es spricht für die Größe des Projekts, dass Stolpersteine als Teil unserer alltäglichen Lebenswelt die Erinnerung stets lebendig halten. Wir bücken uns nicht nur, wenn wir die in die Messingplatte eingravierten „Informationen“ entziffern. Die symbolische Verbeugung vor den Opfern wird noch auf andere Weise fortgeführt und vertieft. Dann nämlich, wenn wir Nachgeborene die Steine pflegen und sie wieder schön machen, wenn wir die Messingplaketten vom alltäglichen Straßenschmutz (Staub, Vogelkot, Erde, festgetretene Kaugummis etc.) reinigen und auf diese Weise den Namen und die Lebensdaten des einzelnen, des einzigartigen Menschen wieder freilegen. Hierzu müssen wir uns nicht nur bücken, sondern auch hinhocken oder hinknien. Vor allem aber müssen wir die Steine berühren.

Über das bloße „Putzen“ hinaus wird die Reinigung zur Zeremonie. Stolpersteine, die als das größte dezentrale Mahnmal der Welt gelten, sind so auch Ort ungezählter, überall und zu jeder Zeit stattfindender dezentraler Erinnerungsfeiern.

Im Jahr 2021 fiel der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, an dem auch die Bundesregierung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erinnert, mitten in den bundesweiten Lockdown. Daher fanden die alljährlichen großen Gedenkfeiern gemäß Infektionsschutzgesetz streng kontrolliert in hermetisch geschlossener Gesellschaft statt.

Das offizielle Trauern wurde noch im Jahr 2022 bürokratisch reglementiert und in Maßnahmen-gemäße Bahnen gelenkt, wie etwa im Alten Rathaus in Berlin-Reinickendorf:

Kafkaesk: „Um Menschenansammlungen zu vermeiden“, wurde der Kranz im Treppenhaus niedergelegt.

Die Reinigung von Stolpersteinen war -im kleinen, intimen Rahmen- übrigens lockdown-konform. Und wir können davon ausgehen, dass die symbolische Verbeugung vor den Opfern auch am 27.1.2021 „in Stille“ überall stattgefunden hat.

Stolpersteine erinnern uns an die Deportation und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden. Weniger bekannt ist, dass es auch Stolpersteine gibt, die an die Opfer der NS-Euthanasie erinnern. Was aber ist mit den Menschen, die nicht erst nach 1939 in den sogenannten „Tötungsanstalten“, sondern bereits kurz nach Hitlers „Machtergreifung“ im Jahr 1933 in den gewöhnlichen Kliniken ums Leben kamen, für deren Schicksal es aber keine offiziellen „Belege“ gibt, zum Beispiel Krankenakten?

Dass die Akten „nicht mehr auffindbar“ sind, gilt vermutlich für alle Opfer der Euthanasie, die noch vor Inkrafttreten des „Gesetz(es) zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am 1. Januar 1934 groteskerweise „illegal“ ermordet wurden.

Zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi veröffentliche ich ein drittes Mal einen digitalen Stolperstein.

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer „Maßnahmen“ erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania („Steffi“), geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: „manisch-depressiv“. „Verstorben“ am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: „Kopfgrippe“

Die genaueren Hintergründe habe ich vor einem Jahr beschrieben. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/.

Ich habe erst im Sommer 2019 erfahren, auf welche Weise meine Großmutter ums Leben gekommen ist. Einer der beiden Menschen, die es mir -unabhängig voneinander- erzählt haben, war meine Tante Luise, Steffis ältestes Kind. Als sie Luise am 15. Januar 2021 zur Welt brachte, war Steffi knapp 23 Jahre alt. Gut anderthalb Jahre später kam mein Vater zur Welt, den Luise um 33 Jahre überleben sollte. Die Stadt Bottrop wollte Luise, als sie 100 Jahre alt wurde, wie allen Bürgerinnen und Bürgern zum Geburtstag gratulieren, aber Luise war eigensinnig. Schon als sie 90 und dann 95 wurde, hatte sie alle Anträge abgelehnt. Dass ihr Name in der Zeitung stehen würde, war ihr unangenehm. Luise starb in der Karwoche 2022 im Alter von 101 Jahren.

Ich hatte Luise im August 2019 angerufen, um mich bei ihr für ein Geschenk zu bedanken. Es war nach all den Jahren das erste Mal, dass ich mich alleine mir ihr unterhalten habe, denn wir hatten uns immer nur auf Familienfesten gesehen. Sie hatte, so kam es mir vor, das unbedingte Bedürfnis, mir zu erzählen, wir ihre Mutter gestorben ist. Es klang wie ein Vermächtnis. „Du weißt ja, was mit unserer Mutter passiert ist“, sagte Luise. „Ich weiß“, sagte ich nur. Es war die letzte Gelegenheit, es mir zu erzählen, denn nur einen Monat später erlitt Luise einen Schlaganfall, was auch das eigenständige Telefonieren unmöglich machte.

Wir redeten über dies und das, vor allem aber über Möbel. Luise wollte wissen, welche alten Möbel -„nur die aus Vollholz“- ich aus meinem Bottroper Elternhaus mit nach Köln genommen habe. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einer Prüfung. Luise kannte nicht nur alle Möbel, die ich aufzählte, sondern konnte mir einiges über die Herkunft erzählen. Dann sagte sie: „Was unserer Mutter zugestoßen ist, ist so schrecklich, aber es kann eigentlich nicht passiert sein. So böse sind die Menschen doch nicht.“

Als Luise kurze Zeit später pflegebedürftig wurde und ins Altenheim kam, war nur noch ein Doppelzimmer frei, aber sie war froh, nicht alleine zu sein. Mit ihrer Zimmernachbarin verstand sie sich gut. Den Beginn des Krieges in der Ukraine hat Luise noch miterlebt. Luise konnte kaum noch etwas sehen, aber sie hörte noch gut. Da ihre Zimmernachbarin jeden Abend den Fernseher laufen ließ, war Luise gezwungen zuzuhören. Mit der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung und der medialen Dauer-Beschallung mit Kriegslärm kamen bei Luise wie bei vielen alten Menschen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hoch.

In ihren letzten Wochen rief Luise immer wieder einen Namen: Franz. Mit ihrem Vetter Franz, der Konditor war, wollte Luise nach dem Krieg ein Café eröffnen, doch Franz hat den Krieg nicht überlebt.

Im Andenken an Luise und an alle anderen unschuldigen, seelisch schwer verletzten Menschen ihrer Generation, Frauen und Männer, in Erinnerung an die, denen man ihre Jugend, ihre Träume und oft auch ihre Große Liebe genommen hat, wünsche ich mir im Anschluss an die „Tagesschau“ eine tägliche mediale Schweigeminute.

…..

Kommentar verfassen